Einzelbild herunterladen
 

Notation,druck «. Verlag der Zuldaer Ac» tiendnickerei kn Mda Zrrnsprech« Nr. 9.

Anzeigen: Vie er» fpalttge petitzeii« oder deren van« lS Pfg. Reklamen die peftheile 25 pfg.; W Wieder­holungen wir, entspr. Rabatt gewährt.

Erscheint täglich, mit Lunahme der Son« nndZeiertagr. viertel- k«hrl.V«rngrprrlr ohne Vri»gerlohn »»» TeNellaeld im Zulda «nd «»L«lMt.5VPsg.

verastwortlichrr

Zuldaer W Zeitung

rchristleiter: A. lvetzler .

w»ch«iibkllage:„IllustrierteSonntagszeitung" m»iia!sdeii°ge: „5«ldaer Seschichtrblätter".

JW 188.

Zweites Mcrtt.

Wochen-Sundschau.

(Nachdruck verboten.)

Fulda, den 19. August 1905.

Der Aufenthalt des KaiserS bei den Trup­penübungen in Posen in der vergangenen Woche hat dem Monarchen Gelegenheit zu einer bedeut­samen Kundgebung geboten. In seiner Antwort auf eine Begrüßungsansprache des Stadtober- haupteS von Gnesen versicherte Kaiser Wilhelm die Polen seines Schutzes und der Wahrung ihreS Rechtes durch ihn. Andererseits mahnte er sie, sich nicht durch die Pflege geschichtlicher Erinne­rungen zu falschen Schlüssen verführen zu lassen. Mit besonderem Nachdruck betonte der Kaiser, daß den katholischen Polen in der Ausübung ihrer Religion kein Hindernis in den Weg gelegt wer­den (olle. Im weiteren Verlaufe der Rede for­derte er von den deutschen Besitzern in den Ost­marken das Festhalten an ihrem Besitze als Er­füllung einer patriotischen Pflicht. Die Rede klang aus in die Erinnerung an eine Begegnung des Kaisers mit dem Papste Leo XIII., und daS von diesem Namens aller deutschen Katholiken abgelegten Gelöbnisses der Treue. Die Aeuße- rungen des Kaisers haben in der Presse zu zahl­reichen Kommentaren Anlaß gegeben. Die katho­lische Presse hat mit Offenheit den Gegensatz dar- ('clegt, der zwischen den wohlwollenden Aeuße»

-l-n des Kaisers und der Polenpolitik der . ijchen Regierung besteht. Leider ist wenig .. usiicht vorhanden, daß dieser Gegensatz im Sinne der Kundgebung des Monarchen gemildert wird.

Von einer Begegnung zwischen dem Kaiser Wilhelm und dem König Eduard von E n g l a n d ist — zur Zeit wenigstens — keine Rede mehr. Die englische Presse hat es sich an­gelegen sein lassen, der Sache eine Wendung zu geben, als ob ein von d e u t s ch e-r Seite ausge- . sprochenen Wunsch damit unerfüllt bleibe. Die Unrichtigkeit dieser Darstellung ist durch unsere offiziöse Presse nachdrücklich festgenagelt worden. Daß daS Unterbleiben der Begegnung nach den 1 voraufgegangenen Preßerörterungen nicht gerade als Zeugnis für ein „herzliches Einvernehmen" zwischen Deutschland und England anzusehen ist, liegt auf der Hand. Keineswegs aber ist ein An­laß vorhanden, daraus Stoff für alarmierende Gerüchte zu schöpfen. Solche Gerüchte zu nähren zeigt sich namentlich die sozialdemokratische Presse beflissen. Der „Vorwärts" wärmte sogar die Er­findung auf, Ende vorigen Jahres hätte ein Krieg nvlfchen Deutschland und England unmittelbar d-nor gestanden, und zwar wegen eines »schweren ; rrsönlichen Konfliktes" zwischen Kaiser Wilhelm und König Eduard. Die „Nordd. Allg. Ztg." bat diesen auf eine erneute Anpreisung der Sozial­demokratie als Hort des Weltfriedens abzielenden

'unsch der Ehre eines gepfefferten Dementis ge­würdigt. Viel erreichen wird man damit freilich den „Genossen" nicht. Inzwischen hat König 5 d u a r d seine Reise nach Marienbad angetreten und in Ischl eine Zusammenkunft mit dem Kai­er von Oe st erreich gehabt. Für den No­vember wird nun auch der Besuch des Königs von Spanien beim Kaiser Wilhelm mit Be- ftimmthdit angekündigt.

Zu den südwe st afrikanischen Vor­gängen ist nun endlich eine Kundgebung der Regierung erfolgt. Die „Nordd. Allg. Ztg." sucht nachzuweisen, daß die Regierung bei der Aussend- ung der bisherigen Truppentransporte im guten Glauben gehandelt hat. Das Blatt versichert, er- ennbare größere Etatsüberschreitungen würden nicht ohne vorherige Genehmigung des Reichs- iges vorgenommen werden. Mit dieser Erklär- ■ng kann man sich zufrieden geben, bedauerlich ist ur, daß man auf diese Erklärung so lange hat warten müssen.

In U n g a r n ist e- noch immer nicht zu einer Verständigung gekommen. Ein in Pest am Sonn- bend abgehaltener Ministerrat soll zwar energische Maßregel gegen die renitenten Komitate be- hlossen haben, doch sind dahingehende Beschlüsse oisher'nicht bekannt.

Das englischeParlament ist geschlossen oorden; damit ist daS Kabinet Balfour vorläufig er „parlamentarischen Sorgen" enthoben. Die '.berate Presse freilich behauptet, das Kabinet habe ur auf diese Weise seine Fortexistenz sichern kön- en., Der Schluß erfolgte durch eine Thronrede, ie ziemlich farblos und hinsichtlich der auswärti- wn Politik lediglich die „guten Beziehungen zu »deren Mächten" betonte. Zweifellos war in er- fer Linie Frankreich damit gemeint; denn der besuch des französischen Geschwaders in Ports- nwuth und der Aufenthalt der französischen See- onlziere in London hat zu zahlreichen „Verbrüde- ungsfesten" geführt, für die der französische Rrmsterprasident dem englischen Minister des äußern telegraphisch noch besonders warm ge- dankt hat. Jetzt ist die englische Flotte ach der O st s e e abgedampft. Um an den „Frie- enskundgebungen" nicht ganz unbeteiligt zu sein, at übrigens der Präsident der französischen Re- ublik L o u b e t in Valence an der Rhone eine Rede gehalten, in welcher er die Bereitschaft der französischen Armee als feste Bürgschaft für die Erhaltung des Friedens feierte.

Friedensverhandlungen zwi- l'aai Rußland und Japan nehmen bisher

Verlauf, der die Hoffnungen auf einen Glichen Verlauf der Verhandlungen etwas be- '6t. Bestimmtes ist zwar nicht bekannt geworden, doch soll hinsichtlich Koreas, der Mandschurei und Vort Arthur eine Einigung erzielt sein. Der Hauptwiderstand der Ruffen richtet sich gegen die

Fulda, Samstag, den 19. August 1905.

Kriegskostenentschädigung und die Abtretung Sa­chalins. Auf dem Kriegsschauplatz herrscht, abgesehen von unbedeutenden Vorpostengefechten, Ruhe. Dagegen sind in Rußland selbst an mehreren Orten blutige Unruhen vorgekommen, bei denen abermals Hunderte von Menschen ums Leben gekommen sind.

Die am Sonntag in Norwegen vorge­nommene Volksabstimmung hat eine erdrückende Mehrheit für die Trennung von Schweden er­geben. Der Tag der Abstimmung wurde in ganz Norwegen als Festtag begangen.

Unpolitische ZettlSufe.

(Nachdruck verboten.)

Berlin, 17. Aug. 1905.

Teuer und noch teuerer! Alles Eßbare wird teurer und der Appetit wird nicht geringer. Eine herbe Heimsuchung für die kleinen Leute und auch für viele Familien des Mittelstandes. Die Mutter klagt, das Wirtschaftsgeld lange nicht mehr zu, und der Vater sagt: Zulage? Wo nichts ist, liebe Frau, hast Du sogar das Recht verloren!

Einige wollen sich damit trösten, daß sie auf vermeintliche Sündenböcke schelten und hacken. Vor drei Jahren gab es auch schon eine empfindliche Preissteigerung, namentlich für Schweinefleisch, und damals wurde noch mehr wie jetzt von einer arglistigen Preistreiberei der Viehhändler und Fleischer gesprochen. Vor dreizehn Jahren, als das Brotkorn so teuer wurde, sollten die großen Getreidespekulanten das Unheil herbeigeführt ha­ben. Ein Dampfer, der durch's Meer fährt, kann wohl sein Kielwasser eine Weile krauS machen, aber Ebbe und Flut kann er nicht herbeiführen, und wenn er noch so große Schornsteine hat. Bald gibt es einen trockenen Sommer, bald einen klatsch­nassen Sommer, bald mißrät das Viehfutter, bald das Menschenfutter, bald alles beides. Aber das liegt nicht an den Wetterpropheten und ist über­haupt keine Menschenmache. Fette Jahre und magere Jahre haben schon zur Zeit des egyptischen Joseph abgewechselt, und wenn Joseph als erster autokratischer Staatssozialist für Egypten Not­standsvorräte aufgehäuft hatte, so wird er damit die eigentliche Hungersnot, aber nicht die Teuer­ung abgewendet haben. Im Lande Kanaan war ja das Getreide so knapp geworden, daß Joseph's Brüder die lange und kostspielige Fahrt nach dem Nillande unternehmen mußten, um ihren Bedarf bis zur nächsten Ernte zu decken.

Nichts neues unter der Sonne! In uralten Zeiten finden wir nicht bloß Teuerungen und Notstände, sondern auch schon als Abhilfsmittel die Einfuhr von Lebensmitteln aus dem Auslande. In neuerer Zeit, die unter dem Zeichen des Ver­kehrs steht, ist die ausgleichende Einfuhr für das Brollorn viel leichter, schneller und billiger durch­zuführen, als in der Vorzeit; aber eine Preis­steigerung pflegt doch jede Mißernte eines größe­ren Landes herbeizuführen. Wenn das Viehfutter mißrät, so ist der Ersatz auch heutzutage nicht gut aus dem Auslande herbeizuschaffen. Der Mangel an einheimischem Graswuchs und den sonstigen billigen Füllstoffen für die Tiermagen führt zu einer Verminderung des einheimischen Viehstan- des. Im nächsten Jahr wird dann der schlachtreife Nachwuchs knapp, das Angebot auf den Viehmärk­ten ist klein, die Preise steigen. Leider läßt nun das Hilfsmittel der Einfuhr gegen den Viehmangel sich i jht so leicht anwenden, wie gegen den Gettei- demangel. Vieh ist keine tote Stapelware; der egyptische Joseph hat auch nur Vorräte von Korn, nicht von Fleisch angesammelt. Das Ausland kann uns nicht mehr Schlachtvieh oder Fleisch geben, als es zur Zeit gerade übrig hat; wollen wir Massen aus dem Auslande heranziehen, so müssen wir außer den beträchtlichen Transportkosten auch noch einen solchen Aufschlag zahlen, daß die Aus­länder sich zu einer außerordentlich starken Licht­ung ihrer Ställe verlockt fühlen. Wird aber in den Nachbarländern zu stark in dem Viehbestand auf­geräumt, so kommt das dicke Ende nächstes Jahr hinterher, d. h. es stellt sich dort Mangel ein und das führt dann zu einer neuen Preissteigerung. Dazu kommt nun noch als entscheidender Punkt, daß wegen der Gefahr der Viehseuchen die Regier­ung die Grenzen nicht zu öffnen wagt. Die Hetzer sind schnell fertig mit dem Wort und reden den Leuten ein, daß dahinter nur agrarische Gewinn­sucht stecke. Aber wenn nun über die offene Grenze eine verheerende Rind- oder Schweineseuche in’S Land geschleppt würde, kämen wir dann nicht aus dem Regen in die Traufe? Dann würde ja die Fleischteuerung noch ärger werden, als wie sie schon ist, und obendrein kämen die Landwirte massenhaft in Not, worunter der Handel und Wan­del furchtbar leiden müßte. Dann hätten wir neben den hohen Lebensmitteln auch noch schlechten Ver­dienst, und das wäre der Gipfel der Teuerung, wäre wirklich Hungersnot. Eine besondere Frage ist ja noch, ob man für die Grenzgebiete, z. B. für Oberschlesien, die zugelassene Anzahl von kon­trollierten Schlachtschweinen zeitweilig erhöhen kann. Ich möchte herzlich wünschen, daß den dortt- gen kleinen Leuten eine solche Milderung zuteil werden könnte; aber man darf nicht erwarten, daß durch eine derartige Erhöhung der Einfuhrpor tion die Preise tm ganzen Land heruntecgebcacht würden. Das wird erst eintreten, wenn allgemein mehr Vieh schlachtteif wird und an den Markt kommt. Der Landwirtschaftsminister meint, das werde schon in einigen Wochen der Fall fein. Wir wollen gern Hurra rufen, wenn er Recht behält; aber ich rufe nicht eher, als bis meine Frau mir die Tatsache bescheinigt, und ich glaube, man mutz vor überschwänglichen Hoffnungen warnen. Ge­knickte Hoffnungen tun weh.

Also mit der Staatshilfe sieht eS windig auS. Äg| bleibt da anders übrig als Selbsthilfe? Und

dieser Apfel ist säuerlich; aber es muß doch hinein- gebissen werden.

„So!" — denkt da vielleicht ein schwarzgal- liger Leser — „nun will der Unparteiische uns Wohl noch den Schmachtriemen enger ziehen?" O nein, ich will nicht eine Hungerpredigt halten, sondern vielmehr meinen unmaßgeblichen Rat­schlag dahin geben: Wer sparen muß, der spare erst am Trinken, am Rauchen, am Staat, an den Vergnügungen und au allem sonstigen Luxus, aber au der Nahrung für sich und die ©einigen soll er nicht früher knappseu, als bis alle andern Hilfsmittel erschöpft find.

Das Sprichwort sagt: Essen und Trinken hal­ten Leib und Seele zusammen. Das stimmt in- bezug auf das Esten vollständig; bei dem Trinken müssen wir aber eine Klausel machen. Leib und Seele bleiben recht gut zusammen, wenn statt der Flasche Bier ein Glas Wasser getrunken wird oder wenn Mutter den Kaffee etwas dünner braut. Vom Schnaps wollen wir schon gar nicht reden; wer in diesem zehrenden Gift Ersatz für Fleisch und Fett sucht, dem ist nicht zu helfen. Leider ist es ja eine alte traurige Erfahrung, daß sich Nahrung und Alkohol zu einander verhalten wie ein Fahrstuhl und sein Gegengewicht; je tiefer die Ernährung sinkt, desto höher steigt der Schnapsverbrauch, und wo die Küche sich hebt, da geht der Alkoholdurst zurück. Ich fürchte, daß im Großen und Ganzen bei der jetzigen Teuerung weniger Fleisch, aber nicht weniger Schnaps ver­braucht wird. Jeder verständige Mensch hat es aber in der Hand, eine Ausnahme von der un­glückseligen Regel zu bilden und die Mehraus­gaben für den Topf durch Ersparnisse au der Flasche zu decken.

Das Pfeifchen oder die Zigarre ist ein schätz­barer Sorgenbrecher. Wer will dem fleißigen Hausvater zumute», daß er auf sie gänzlich bet- zichte und sich in den Mußestunden nikotinfrei langlueile? Aber ist es denn so schlimm, wenn er zwischendurch mal eine Weile kalt raucht und die so ersparte Scheidemünze in die notleidende Wirt- fchaftskasfe der Frau opfert?

UebrigenS ist bei allen häuslichen Etatskünsten nicht der Mann, sondern die Frau die Hauptper­son. Erstens soll sie den Mann mit Liebe und ge­mütlicher List zur Einschränkung seines Luxus anleiten, und zweitens soll sie selbst nach Bedarf ihre Luxusausgaben, namentlich für Modefachen, Zierrat und Festlichkeiten rc. zu beschneiden suchen. Drittens aber — und das ist sehr wesentlich — muß die Frau gerade in Teuerungszetten ihre hauswirtschastliche Kunst und Klugheit entfalten. Aus dem Vollen Wirtschaften ist leicht; doch in der notgedrungenen Beschränkung zeigt sich erst die Meisterin. Die Meisterin im Einkäufen, in­dem sie gerade die Sachen aussucht, die für ihre Verhältnisse am ehesten preiswert erscheinen, den rechten Mittelweg haltend zwischen den minder­wertigen Sorten, die billig und schlecht sind, und den „feinen" Sorten, die durch die glänzende Form übermäßig teuer werden, mehr auf die innere Gediegenheit und Ausgiebigkeit, als auf den äußeren Schein sehend. Die Meisterin im Verwerten des Eingekauften, indem sie durch sorgfältige, schmackhafte und nahrhafte Zuberei­tung der Speisen zu ersetzen sucht, was etwa in­folge der Teuerung an der Menge oder der Schön­heit der Rohstoffe fehlen muß. Eine gut geschulte und umsichtige Hausfrau wird bei den hohen Preisen für einen gediegenen Mittagstisch nicht mehr auszugeben brauchen, als eine ungeschickte oder nachlässige Frau bei niedrigen Preisen. In mancher kleinen Küche wird große Verschwendung getrieben; die Familie hungert, weil die Haus­frau lungert.

Je schlechter die Zeiten, desto nötiger ist den Frauen der Markt- und Küchenverstand, sowie die hauswirffchaftliche Rechenkunst. Darum möchte ich bet dieser Gelegenheit an das „Häus­liche Glück" erinnern, das vielbewährte Handbüch- lein, das den Hausfrauen und solchen, die es werden wollen, kurz und klar beibringt, was sie als berufene Pflegerinnen des häuslichen Glückes wissen und tun müssen — von der höchsten Mutter- pflrcht bis zu der „gewöhnlichen" und doch so wichtigen und segensreichen Hantierungen mit Kochlöffel, Besen und Nadel. Aktuell, wie man im Zeitungsdeutsch zu sagen pflegt, ist gerade jetzt die gründliche Anleitung, mit, wenig Geld einen netten und fetten Mittagtisch herzurichten.

Ich wünsche trotz der Teuerung allen Lesern „guten Appetit" in der Hoffnmtg, daß es allen gelingen wird, an entbehrlichen Dinge» so viel zu sparen, daß es für das Notwendige ausreicht. Und eine gute Ernährung ist wirklich notwendig; denn rver nickt ordentlich ißt, der ist nicht or­dentlich in ferner Gesundheit und feiner Arbeit. Und schlechtes Blut ist schließlich auch für die Jugend nicht gut.

Römischer Wochenbrief.

[:] Rom, den 15. August 1905.

Am 9. d. M. wurde der zweite Jahrestag der Krönung Pius X. in der üblichen Weise gefeiert. Bekanntlich werden die Pontifikatslahre der Päpste von diesem Tage an und von der Wahl an berechnet. Ursprünglich sollte die Feier wegen der außergewöhnlichen Hitze in der Peters- kirche stattfinden, doch nahm der hl. Bater da­von Abstand wegen der großen Unkosten; also blieb man in der Sixtinischen Kapelle. Als ein­ziger in Rom anwesender, vom gegenwärtigen Papste ernannter Kardinal ponttfizierte der Staats­sekretär Merry bei Bal, assistiert von den drei Domherren der patriarchalischen Erzbasiliken, welche einem uralten Rechte nach assistierender Priester bqüglich Diakon und Subdiakon der päpstlich«.

32. Jahrgangs

Kapelle sind. Im übrigen verlief die Feier ganz im Rahmen des niemals geänderten Programms

Heute feiern die italienischen Veteranen aus dem Krim kriege ihr SOjähriges Jubi­läum. Die Feier, welcher auch der König bei­wohnt, findet in Turin, der eigentlichen militäri­schen Hauptstadt Italiens, statt. Dort wird auch noch die Fahne aufbewahrt, welche das italieni­sche Hilfskorps vor 50 Jahren begleitete. Von diesen Veteranen leben noch etwa 700 in Italien. Etwa 40 von ihnen stehen im Offiziersrange. Einige unter den heutigen Festteilnehmern haben es in der Armee und im öffentlichen Leben zu hohen Ehren gebracht: zwei sind „Vettern de» Königs", d. h. Ritter des höchsten Annuntiaten- Ordens geworden, nämlich der 75jährige General und Senator Asinari di San Marzano, welcher den Krieg als Kavallerie-Leutnant mitmachte, und der General und Senator Ricotti, 83 Jahre alt, welcher in diesem Kriege Artillerie-Hauptmann war; von hervorragenden Veteranen sind ferner zu nennen: General Senator Bava - Beccaris, Oberst Raffaval, welcher vom Soldaten wegen Tapferkeit zum Offizier befördert wurde, der 86jährige General und Senator Graf Thaon de Revel, der 91jährige Graf Chiabrero Castelli, sowie der gegenwärtige Minister des Königs. Hauses, General Ponzio Vaglia. Das heutige Festpro­gramm besteht in einem feierlichen Umzuge mit der erwähnten alten Fahne, in einem Festgottes­dienste, wobei der Feldaltar benutzt wird, welchen das Korps im Krimkriege mit sich führte, in einer Gedächtnisfeier am Denkmale für die damals ge­fallenen Kneger, in Festesten rc. Der König wird eine Parade "über die alten Veteranen abnchmen. — Die hiesigen Mitglieder des Ehren-Komitees für den internationalen gregorianischen Kongreß, Dom Pothies, P. de Sanft 8. J. und Professor Bas sind nach Straßburg abgereist. Pius X. sandte eine Kundgebung an den Kongreß.

Im benachbarten Castelgandolfo hafte sich mancher auf eine Sommerfrische des heiligen Vaters gefreut, so fest saß in manchen Köpfen die Idee, Papst Pius X. werde unter allen Um­ständen den Vatikan verlaffen und für einige Wochen die alte päpstliche Sommervilla beziehen. Einige römische Journalisten haben sogar seit Ende Juni ihre Residenz in Castelgandolfo auf» geschlagen, um — sogleich zur Stelle sein z» fönnen. Aus einer Villeggiatur des Papstes ist nun zum großen Schmerze der Castelgandolsesen nichts geworden, dafür haben sie aber dm Kardinal Merry bei Val in ihren Mauem und ie haben allen Grund, sich über dessen Auwffen- jeit zu freuen. Denn der päpstliche ©• s- ekretär liebt es als Grandseigneur auszua .cn und daher hat Castelgandolfo denselben auch als einen solchen empfangen. Der alte Pupst- palast wurde auch in diesem Jahre bedeutend renoviert und wohnlicher eingerichtet und zwar mtt modernen Möbeln und anderen Dingen, welche aus den Magazinen des Vatikans dahin gebracht wurden. Seitens der Stadtverwaltung wurden in den vom Kardinal bewohnten Räumen etwa 40 elektrische Glühlichter angebracht. Die Polizeiverwaltung traf dieselben Vorrichtungen und Maßregeln für die persönliche Sichcrhe-: des Kardinals, wie im vorigen Jahre, d. h. sie verstärkte die Sicherheitswache und stellte zwei Velozipedisten zur Begleitung des Kardinals bet seinen täglichen Spazierfahrten.

Eine allgemein in Italien verbrei­tete Unsitte ist es, hervorragende politische Persönlichkeiten „Ehrenhalber" auf Posten zu ernennen, welche von diesen doch niemals bekleidet werden können. Gestern erst wurde der Präsident des Ministerrats, Fortis zum Präsidenten des Provinzialrats von Forki erwählt, trotzdem doch vollständig ausgeschlossen ist, daß dieser auch nur ein einziges Mal dieser Körperschaft wird präsidieren können. So sind auch mehrere Minister und höhere Staat-beamte Provinzialräte und sogar Bürgermeister, gewöhn­lich ihrer eigenen Vaterstadt. Es wurde schon vor Jahren einmal ein solcher Mißbrauch im Parlamente zur Sprache gebracht und her­vorgehoben, wie sehr die Geschäfte einer Pro- vinz oder Stadt zu leiden haben, wenn der erste ihr vorgesetzte Beamte nicht am betreffenden Orte wohnt.

In der vier Kilometer von Palermo ent­fernten Ortschaft Cavaro kam es zu einem förm­lichen Gefecht zwischen Briganten und Wächtern, bei welchem zwei der letzteren erschossen wurde». Eine später anlangende Gendarmeriepatrouille fand ein ganzes Räulernest voller geraubter Gegenstände, doch die Insassen hatten das Weite gesucht.

Aus der Urgeschichte der Zahntechnit.

Schon die ältesten Zahnärzte haben Gold für das beste Mittel der Zahntechnik gehalten. Für die früheste odontologische Urkunde hielt man lange ein 450 vor Chr. stammendes römisches Gesetz, das die ausdrückliche Erlaubnis gab, daß Gold in den Zähnen eines Toten mttbestattet werden könnte, während sonst Gold einer Leiche nicht mitgegeben werden durfte. Dr. Christ weist in der Frankfurter Wochenschrift .Umschau' jetzt darauf hin, daß die römische Zahntechnik, welche zurzeit der Bekanntmachung jene» Erlasses doch schon ans