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JV3 187.

Fulda, Freitag, den 18. August 1905.

32. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Berlin, den 17. August 1905.

§ Die .Norddeutsche Ällgem. Ztg." bringt an der Spitze ihrer heutigen Nummer einen Glückwunsch für den Kaiser Franz Joseph aus Anlaß seines morgigen 75. Geburtstages. Es heißt in dem Artikel: „Die deutsche Nation verehrt in dem Oberhaupt des Habsburger Herrscherhauses den weisen Monarchen, der mit weiland Kaiser Wilhelm dem Ersten den Grund legte zu den innigen Beziehungen, die Deutsch­land und Oesterreich-Ungarn bis auf den heutigen Tag miteinander verknüpfen. Treue Bundesge­noffenschaft und unverbrüchliche Freundschaft bin­den das feste Band, das Kaiser und König Franz Joseph auch mit dem Enkel des großen ersten Kaisers aus dem Hause Hohenzollern verbindet, und das ein sicheres Unterpfand bildet für die Fortdauer des Bundesverhältnisses, unterdessen Schutze der Friede unseres Weltteiles seit mehr als einem Vierteljahrhundert vor Erschütte­rungen bewahrt geblieben ist. Mit den ehr­furchtsvollsten Glückwünschen, die unser Volk Sr. Majestät dem Kaiser von Oesterreich, König von Ungarn, zum morgigen Feste entbietet, gibt es zugleich der zuversichtlichen Hoffnung Ausdruck, daß dem Herrscher der Habsburgischen Monarchie noch lange Jahre einer glücklichen Regierung be- schieden sein mögen, zum Segen der Völker Oesterreichs und Ungarns und zum Heile der friedlichen Entwickelung der europäischen Na­tionen!"

* Hur Fleischnotfrage. Der Reichskanzler hat die Bitte der Bürgermeister des ober­schlesischen Industriegebietes, ihnen zur Erörterung der Fleischnotfrage eine Audienz zu gewähren, abgelehnt. Seine Antwort lautet:

Die Entscheidung in der Frage einer Erhöhung des Kontingents der russischen Schweine steht ressortgemäß nur dem Herrn L a n d w i ri­sch a f t s m i n i st e r zu. Nachdem dieser jedoch nach eingehender Erwägung und Prüfung des gegenwärtigen Preises und Absatzgebietes wie auch der Interessen des Konsums eine Erhöhung des Kontingents abgelehnt hat, sehe ich mich außer- st a n d e, Ihren Wünschen zu entsprechen. Zu meinem größten Bedauern muß ich Sie bitten, von dem beabsichtigten Besuch Abstand zu nehmen.

Nach der ,Danz. Ztg/ waren die Minister Möller und von Bethmann-Hollweg geneigt, der Eingabe der sieben oberschlesischen Stadtväter zuzustimmen. Sie mußten sich jedoch dem Veto des Herrn v. Podbielski fügen.

** Kolonialkrieg und Menschlichkeit. Die Zeitschrift ,Die deutschen Koloniew veröffentlicht den Wortlaut des unglaublich rücksichtslosen Er­lasses, mit welchem General von Trotha den HereroS Furcht emjagen wollte:

„Osombo-Windombe, 2. Oktober 1904.

Ich, der große General der deutschen Soldaten, sende diesen Brief an das Volk der Herero. Herero sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet, gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nase und andere Körperteile abgeschit- ten und wollen jetzt aus Feigheit nicht mehr käm­pfen. Ich sage dem Volke: Jeder, der einen der Kapitäne an eine meiner Stationen als Gefange­nen abliefert, erhält 1000 Mark; wer Samuel Maharero bringt, 5000 Mark. Das Volk der Herero muß jetzt das Land verlassen. Wenn daS Volk dies nicht tut, so werde ich es mit dem groot Rohr dazu zwingen. Innerhalb der deutschen

Im Volke entstammt.

Nach dem Amerikanischen der Mrs. May Agne- Fleming erzählt von Lina v. Berlepsch.

1] (Nachdruck verboten.)

Erstes Kapitel.

Weihnachtsabend.

„Ei du meine Güte, was für ein Wetter! Zeit meines Lebens hab' ich nicht solches gesehen und bin doch schon fünfunddreißig, wollt' sagen fünf­undvierzig Jahre alt. Möchte man nicht meinen, der Sturm reiße das Dach ab! Hu! Freilich ist schlecht Wetter nichts Absonderliches in dieser Jahreszeit . . . Mux! Muxl Nun, schläfst Du schon wieder? Warte, Du schwarzer Kobold, daß ich Dir die Faulheit vertreibe! Wollte wetten, Mieritz frißt inzwischen die Pastete. Allons, Mux, rühre die Beine, oder . . ."

Die Sprecherin, eine lange, steife, spindeldürre Person mit hartem Zug um die Augen und Lip­pen, hatte ein kleines Negermädchen, das am Feuer eing«.nickt war, am Nacken gefaßt und schüttelte es weidlich.

„B— b-—bitte, Miß Jerry," stammelte das arme Ding, „ich hab's nicht mit Fleiß getan. Ich habe gar nicht geschlafen," fügte das Kind mit weit offenen Augen und großer Sicherheit hinzu.

„So, Du hast nicht geschlafen?" wiederholte Jerusha Gloria Anna Skamp, wie die alte Jungfer sich namste. „Du hast nicht geschlafen? Du schläfft nie und Mieritz stiehlt das Fleisch und leckt den Rahm, steckt die Schnauze in den Küchenterg oder die Pfoten in die Buttersauce, während Du nicht schläfst! Schämst Du Dich nicht, Du heillose Mux, «ich anzulügen, die ich seit Jahren Deine Mutter «ewcsen! 's gibt nur noch Undank auf der Welt! Und Du, Mieritz, laß Dich noch einmal bei der A^chschüssel ertappen! Wie mich doch der faule Wollschädel und die diebische Katze drangsalieren!

Kein Wunder wär's, wenn ich zugrunde ginge! Rühr' Dich, Mux! mache die Pfannkuchen fertig zum Abendbrot, gieße den Tee an, decke den Tisch und schleiche nicht daher, wie ein lahmer Affe."

Nachdem Miß Jerry sich mit dem Ansehen und Ernst eines weiblichen Napoleon all dieser Befehle entbürdet, machte sie kehrt und marschierte der guten Stube zu. Tort ließ sie sich in eines kräch­zenden Schaukelstuhles Arme fallen, die, obgleich etwas wackelig, ihr immerhin noch zuverläfsiger schienen, als Arme aus Fleisch und Bein. Sie ,<og ein endloses Strickzeug aus einer scheinbar uner­gründlichen Tasche und begann so eifrig zu stricken, als hinge das Wohl des Staates von ihrer Ar­beit ab.

Wie ein Kirchturm steif, starr und aufrecht saß sie da. Nehmen wir inzwischen die Behausung, welche sie birgt, näher in Augenschein.

Die beste oder die „gute Stube" in einem Hause Neuenglands! Wer wüßte nicht, wie sie aussieht? Wer fännte nicht den glänzend gefirnißten, hell- gelben Fußboden, auf welchem nicht der geringste Staubflecken weilen darf? und die sechs hochlehni- gen Nohrstühle an der Wand, aufgestellt wie Schildwachen, die seit der Zeit, wo sie zum ersten Mate in diesem Raume waren, keine Linie breit aus ihrer Stellung gewichen? Wer könnte nicht den hohen Schrank aus dunklem Mahagoni zwi- schen den beiden glitzernd Hellen Fenstern, die von grünen knarrenden Rollvorhängen zum Schutze gegen Fliegen und anderes schädliche Ungetier bedeckt sind? Wer möchte den Tisch vermissen ge­genüber der Feuerstelle, den Tisch mit der großen Familienbibel, der Martyrologie, dem Führer des Erdenpilgers und Robinson Crusoe?

Da Miß Jerry mit der Zeit ganz entsetzlich ver­ständig geworden, wie es bei Frauenzimmern ja häufig der Fall ist, hegte sie ausgesprochene Ab­neigung gegen alle Erzeugnisse der Phantasie: Robinlon Crusoe blieb daher auf seinem Maha­gonitische unangefochten, wie auf seinem meerum- spülten Eiland, vom Tage an, wo ihn eine Freun­din darauf niedergelegt, bis zur heutigen Stunde.

Grenze wird jeder Herero, mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück, oder lasse auf sie schießen. Das sind meine Worte an das Volk der Herero.

Der große General des mächtigen Kaisers

v. Trotha."

Dieser Schießerlaß wurde dann in einem Tagesbefehl an die deutschen Soldaten des näheren erläutert:

„Dieser Erlaß ist bei den Appells den Truppen mitzuteilen mit dem Hinzufügen, daß auch der Truppe, die einen Kapitän fängt, die entsprechende Belohnung zuteil wird, und das Schießen auf Weiber und Kinder so zu verstehen ist, daß über sie hinweggeschossen wird, um sie zum Laufen zu zwingen. Ich nehme mit Bestimmtheit an, daß dieser Erlaß dazu führen wird, keine männlichen Gefangenen mehr zu ma­chen, aber nicht zu Greueltaten gegen Weiber und Kinder ausartet. Diese werden schon fortlaufen, wenn zweimal über sie hinweggeschossen wird. Die Truppe wird sich des guten Rufes der deut­schen Soldaten bewußt bleiben.

Das Kommando

gez. v. Trotha, Generalleutnant."

Der Reichskanzler hat Herrn v. Trotha ge- genötigt, den grausamen Erlaß wieder zurückzu­nehmen. Das gefiel letzterem nicht, und er machte gelegentlich seinem Unmut in einem Schreiben an die ,Windh. Nachr/ wie folgt Luft:

„Im Oktober die Ereignisse so vorauszusehen, wie sie nach vier Monaten eintraten, war, wie es scheint, nur der Schriftleitung der „W. N." be- schieden. Im Oktober war von Friedensangebot an die Hereros noch keine Rede, sondern dies trat erst in die Erscheinung, nachdem durch den Er­laß des Reichskanzlers mir der neu einzuschlagende Weg vorgeschrieben war. Erst von diesem Zeit­punkte wurde durch das Angebot der Gnade in dem Herero der Gedanke entfacht, es sei der Moment gekommen, die heimatlichen Gefilde wieder auf­zusuchen und dort ihre Räubereien fortzusetzen."

Wegen letzterer Zuschrift wird ja wohl der Reichskanzler sich mit Trotha irgendwie ausein­andersetzen.

* Bon Rücktrittsabsichten des Kolonial­direktors Dr. Stübel soll man sich nach der Magdeb. Zig/ in Berliner politischen Kreisen erzählen. Motiviett wird diese Absicht mit einer schweren Erkrankung, die sich der Kolonial­direktor angeblich während seines augenblicklichen Erholungsurlaubs zugezogen hat. — Von einer solchen schweren Erkrankung ist bisher, bemerkt dazu die ,Freis. Ztg/, nichts bekannt geworden. Wenn Herr Dr. Stübel daher wirklich zurück­tritt, was wir allerdings sehr stark bezweifeln, so wird er seinen erschütterten Gesundheitszu­stand nach berühmten Mustern nur zur Be­mäntelung der wahren Motive vorschützen.

* Deutschland und die norwegische Frage. Die offiziöse ,Südd. Reichskorr/ schreibt: In diesen Tagen, wo die Entscheidung der nor­wegischen Königsfrage näher rückt, suchen englische Blätter abermals mit falschen Behaup­tungen über die Haltung der deutschen Politik in Schweden und Norwegen Mißttauen gegen uns zu erregen. Es sei daher festgestellt, daß alle Ausstreuungen über deutsche Absichten auf hie norwegische Krone unwahr sind. Niemals hat bei uns an irgend einer Stelle der Gedanke bestanden, einen deutschen Prinzen auf den norwegischen Thron zn bringen. Was über

deutsche Kandidaturen gefabelt worden ist, war, gleichviel ob es sich dabei um einen der Söhne Kaiser Wilhelms oder um den Prinzen Albert vtfn Holstein oder wen sonst handeln sollte, von Anfang an blanke Erfindung.

* Eine langwierige Laufbahn. Die Mit­teilungen des Vereinsverbandes akademisch ge­bildeter Lehrer Deutschlands geben folgenden Ueberblick über die Aussichten für die Kandi­daten des höheren Lehramtes in Preußen: Die Anzahl der Kandidaten betrug für das Jahr 1902 03 385 (gegen 395 im Vorjahres. Ihr Durchschnittsalter bei Ablegung der Reifeprüfung war 19 Jahre 8 Monate, ihr Durchschnittsalter bei Ablegung der Lehramtsprüfung 26 Jahre 5 Monate, zur Zeit der Erlangung der An­stellungsfähigkeit 28 Jahre 9 Monate, zur Zeit der festen Anstellung 31 Jahre 8 Monate (gegen 33 Jahre 9 Monate im Vorjahre). Die Kandi­daten des höheren Lehramtes haben also immer noch rund 12 Jahre von der Reifeprüfung bis zur ersten Anstellung zu warten. — Um wieviel bequemer und billiger hats doch da der Offizier, der oft schon vom 19. oder 20. Jahre an Gehalt bezieht und an Einkommen mindestens 20 000 Mark bezogen hat bis zu dem Zeitpunkt, da der akademisch gebildete Lehrer seine erste Gehaltszahlung als angestellter Beamter erlebt!

Ausland.

* Kaiser Franz Joseph von Oesterreich, der Verbündete des Deutschen Reiches, vollendet heute sein 75. Lebensjahr. Seit dem 2. Dez. 1848 ziert Kaiser Franz den Thron der Habs­burger. Wohl selten ist einem Monarchen eine so lange Regierungszeit beschieden. Ist schon

M

das menschliche Leben im allgemeinen mechselnoll und schicksalsreich, so kann das in fast allen Fällen doppelt gelten von dem Monarchen einer Großmacht, dessen Freuden und Leiden nicht nur mit dem Geschick feiner Familie, sondern auch

Ueberbmipt hielt Miß Jerusha Skamb blutwenig von der Literatur, alles Lesen schien ihr Zeitverlust oder Geduldvrüsnng. An Sonntagen freilich stol­perte sie buchstabierend durch ein Kapitel der Bibel, anfang°nd beim ersten Buch des Genesis und tapfer weiterdringend, trotz jeden Hindernisses bis zum letzten Kapitel der Offenbarungen. (Eben steckte das Merkzeichen zum zweiten Male im fünften Kapitel des Buches Judith.)

Tie Eigennamen und andere hartsilbige Wör­ter toaren eine Aufgabe für Miß Jerry, und neben Mur und Mieritz ihres Lebens größter Schmerz. Hätten Schadracb, Abednego und Nebukadnezar nicht eben so gut Peter, Paul oder Lorenz heißen können? meinte sie, wäre eben so schön und für die Nachtv"lt viel angenehmer getvesen.

Ander der besten Stube enthielt Jerusha's Häuschen eine kleine Küche und im ersten Stock­werk zwei Schlafzimmer, wovon das eine die Lagerstatt der alten Vestalin enthielt, das an­dere a>s Garderobe und Ruinpelkammer benützt wurde.

Mnx und Mieritz suchten Ruhe und Schlaf vor dem Kt"chenfenster, nachdem Miß Jerry jedem ins­besondere feine Pflichten ans Herz gelegt hatte und Mur beauftragt worden war, „ein Auge auf alles zu haben".

Ta es aber geschah, daß Mux in seinen seligen schlaf tank, sobald die Herrin verschwunden war und nibt wieder erwachte, ehe dieses würdige Frauenzimmer die kleine Negerin in die Höhe beutelte, Mieritz dagegen nach kurzem Schlummer auf Ereberungszügen durch's Haus schlick, ist an- zunehmen daß der Auftrag nie buchstäblich zur Ausführung gelangte.

Das Häuschen stand am äußersten Ende von Barnteld an einem stillen, entlegenen Orte, der Jerry'? einsiedlerischem Geschmacke ganz beson­ders »nffprach. Die Fenster auf der Rückseite ge- währten den Anblick auf die weite See, die sich endlos hindehnte, bis sie im bläulichen Horizont verschwamm. Nach vorne verfolgte der Blick einen einsamen Waldpfad. Dunkle Föhren- und Tan­

dem seines Staates eng zusammenhängen. Kaiser Franz Joseph kann auf ein reichbemegtes Leben zuruckolicken. Allzeitig aber wird man den edlen Sinn des Monarchen bewundern, der sich bei allen Gelegenheiten in seiner langen Regierung betätigt hat. Gar oft hat sein Ein­greifen vermittelnd und versöhnend gewirkt. Franz Joseph war stets bemüht, seinem Volke ein gütiger Vater zu sein. Dem Kaiser Franz wird denn auch von den Völkern der österreichisch- ungarischen Monarchie wie von dem deutschen Volke die größte Verehrung entgegengebracht. Den größten Schmerz hat der Kaiser wohl bei dem Tode seiner Gemahlin, der Kaiserin Elisa­beth, und seines Sohnes, des Kronprinzen Rudolf, empfunden. Die Zeit, die alles mildert, wird auch diese Wunden haben vernarben lassen. Von seinen drei Brüdern lebt nur noch Erzher­zog Ludwig Viktor; Erzherzog Ferd nanb fand als Maximilian L, Kaiser von Mexiko, bei der dort 1867 ausgebrochenen Revolution seinen Tod, Erzherzog Karl Ludwig starb am 19. Mai 1896. Die Töchter des Kaisers sind beide äußerst glücklich verheiratet. Erzherzogin Gisela ist die Gemahlin des Prinzen Leopold von Bayern, Erzherzogi ' Marie Valerie ist mit dem Erzherzog Franz Salvator vermahlt. Kaiser Franz Joseph ist kein Freund prunkvoller Feste. Er wird feinen 75. Geburtstag so viel wie mög­lich in Zurückgezogenheit verbringen. An Ge­legenheiten wird es trotzdem nicht fehlen, welche am 18. August zeigen werden, daß nicht allein in der österreiclMngorischen Monarchie, sondern auch im Deutschen Reiche von Herzen gewünscht wird: „G ott erhalte Franz den Kaiser!"

* Die Monarchenzusammenkunft in Ischl. Von Wien erhält die ,Germania' nachstehende Mitteilung, die einer informierten Quelle ent­stammt, die aber ausdrücklich als nicht amtlich bezeichnet werden soll: „T>. Jschler Zusammen­kunft ist, wiewohl die Minister nicht anwesend waren, bochpolitische Bedeutung beizu- meffen. Als äußerliches Kennzeichen hierfür sind die z-vei langen Unterredungen unter vier Augen anzusehen. Das Interesse der beiden Herrscher war bei der ersten, die im Salonwagen des Königs stattfand, so in Anspruch genommen, daß wider alles Herkommen die Erstellung der Suiten vergessen wurde. Als Thema der Unter­redungen können mit aller hier überhaupt mög­lichen Wahrscheinlichkeit zwei Gegenstände ge­nannt werden: Gewisse, Lösung he: ' ude Balkanfragen, an denen Oesterreich sehr in­teressiert ist. Es sei in Parenthese bemerkt, ist Kaiser Franz Joseph in den letzten Tagen seinen, Minister des Aeußern und seinen intimsten Be­rater, den Chef des Generalstabes, empfangen hatte. Dann aber galten die Unterredungen der bestehenden deutsch-engltschen Span­nung. Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß Kaiser Franz Joseph sich hier im (Sinne einer Ausgleichung der bestehenden Gegensätze bemüht. Da sich die diesbezüg- liche Aktion des greifen Monarchen nicht auf diese Unterredungen beschränken dürfte und feine Autorität beiderseits eine sehr große ist, so kann diese Jschler Zusammenkunft in Deutschland nur Befriedigung erregen."

* Unter dem Verdacht des Hochverrats ist, wie polnischen Blättern aus Warschau ge­meldet wird, der Ches der dortigen poli­tischen Polizei, Kurl, verhaftet worden.

I H.B.IHLi—iir-HMra!rai unwir' r m—gg—

nenriefen schlossen das Bild ein und bedeckten die Landschaft meilenweit. Hinter dem Häuschen war e;u wohlgepflegter Gemüsegarten, dessen er­trag Miß Jerry's hauptsächlichste Erwerbsquelle bildete. Sie war nicht reich, die alte Jungfer, durchaus nicht. Gemüse- und Hühnerzucht aber verhalten ihr zu anständigem Auskommen. Was sie zu tu Leben brauchte, besaß sie, die Kleider fer­tigte sie sich selbst und so blieb ihr noch manches übrig für den Fall der Not.

Einen festen klaren offenen Kopf mit einer be­sonders rebefertigen Zunge hatte Jerusha Skamp. Niemand konnte sich erinnern, daß sie in Kauf und Handel je zu kurz gekommen wäre. Schön war sie nie gewesen: dennoch hatten sich, wie die Märe ging, einige Bewerber gefunden, die, an­gelockt von ihrem verständigen, sparsamen Wesen, Herz und Hand ihr zu Füßen legten. Miß Jerry aber wies beharrlich jede Annäherung von sich, entschlossen, im ledigen Zustand durch's irdische Jammertal zu wallen. Ihre Erscheinung war nichts weniger als einnehmend, Ungewöhnlich lang und hager, glich sie einer Hopfenstange, der Rock reichte nie bis zum Knöchel und war so eng, daß ein kühner Schritt zu bedenklichen Zufällen hätte führen können. Das zwischen rot und orange schwankende Haar prangte, zu festem Knoten ge- dreht, auf dem Hinterkopfe und war von einigen derben Trahtnadeln recht sichtbar feftgebalten.

Wie sie so saß und strickte und sich bin- und berroiegte im flackernden Scheine des Steinkohlen- feuers, sah sie aus wie eine jener Gummifiguren, welchen des Menschen schaffende Phantasie die häßlichsten Züge verleiht.

Es war Weihnachtsabend und selbst für dies» Jahreszeit ungewöhnlich stürmisches Wetter. In heulender Wut rüttelte der Wind die dürren Bäume, fegte den Schnee von den Hügeln, triefe ihn gegen die Fenster und staute ihn gegen die Türe.

Fröstelnd drückte Miß Jerry sich in den Lehn- stuhl und horchte hinaus in die wilde und nacht­dunkle Landschaft-