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Verantwortlicher tzchriftleiter: A. Wetzl« für bie Anzeigen

3. parzeLer in Znlba.

Maer W

wochmdeilage: „Illustrierte Sonntagrzeitung"

Zeitung

Monatsdellage: „gulbaer Eeschichtsblatter".

Anzeigen; Die ei» spaltige Petitzeile obet bereit Baum 15 pfg. Reklamen bie Petitzeile 25 Pfg.; bei Wieder­holungen wirb entspr. Rabatt gewährt.

Rotationrbrnck tu Verlag der Mbaer Ac- tienbnrckerei in Znlba Fernsprecher Nr. 9.

M 184.

Fulda, Montag, den 14. August 1905.

32. Jahrgangs

Krstes Wl'crtt.

....... .-LJ!

Wegen des Feiertags Mariä Himmel­fahrt wird die nächste Rümmer unserer Zeitung erst am Mittwoch ausgegeben.

, . Deutsches Reich.

Berlin, den 12. August 1905.

* Die AKhmrng des Kaisers in Gnesen an die Polen. Schutz und Recht unter dem Hohenzollerbanner zu suchen und sich nicht von ,ber leicht angeregten Phantasie mit der Pflege geschichtlicher Erinnerungen zu falschen Schlüffen führen zu laffen, wird in der liberalen Presse bereits wacker breit getreten als Verurteilung der Polenpolitik des Zentrums. Dem muß energisch widersprochen werden. In den Worten des Kaisers liegt keine Verurteilung deffen, was das Zentrum dem polnischen Volksteil als be­rechtigte Bestrebungen zuerkennt, der Pflege der Muttersprache und der nationalen Gesittung, sondern nur die Warnung vor ausschweifenden Ideen, die mit der bestehenden Staats- und Rechtsordnung nicht vereinbar sind. Es läßt sich nicht leugnen, daß unter den Polen hie und da Heißsporne oder gewerbsmäßige Agitatoren tätig sind, die mit der gefährlichen Phantasie einen um die Wiederherherstellung des alten Polenreiches unzuläffigen und verhängnisvollen Weg einschlagen; aber die große Masse unserer polnisch sprechenden Mitbürger ist loyal und ,vernünftig geblieben trotz aller Erbitterung, welche bie Angriffe auf bie polnische Sprache |Uitb den polnischen Landbesitz hervorgerufen haben. Zur Beruhigung der Polen verwies nun der Kaiser auf die religiösen Interessen der polnischen Katholiken. Wir erkennen wieder­holt gern und dankbar an, daß der Kaiser die 'katholische Religion schützt und ehtt. Aber es ■ ist Tatsache, daß die Ansiedelungspolitik zu einer Verstärkung des protestantischen Elements auf Kosten deS katholffchen führt, und es ist ferner Tatsache, daß viele Vorkämpfer der Ostmarken­politik die Verbreitung des Protestantismus als das einzig richtige Mittel zur Bekämpfung des Polentums betrachten und behandeln. Da­durch wird der gute Eindruck der kaiserlichen Worte auf die Polen leider beeinträchtigt werden. Es würde ferner zur Beruhigung sehr dienlich gewesen sein, wenn der Kaiser nicht bloß der Religion, sondern auch der Muttersprache der Polen seinen Schutz zugesagt hätte. Es heißt freilich zum Schluß der Rede: „Deutschtum heißt Kultur, Freiheit für jeden, in Reli­gion sowohl wie in Gesinnung und Be­tätigung." Wenn dieses Kaiserwort allgemein w'>. a: ...p.ich zur Richtschnur der Ostmarken- p litit würde, rvenn man auch bett Polen die Freiheit in der Pflege ihrer Sprache und Sitte gäbe und unter Aufhebung aller Ausnahme- maßreaeln und Bedrückungsversuche ihnen die Gleichberechtigung auch auf den wirtschaftlichen und sozialen (Gebieten sicherte, so würde auf eine Wendung zum Bessern zu hoffen sein.

* Der sofortige Reichstagszusammentritt ist bisher von der Zentrumspreffe am entschiedensten gefordert worden; sie hat auch zuerst auf die ^ertassungsoerletzung aufmerksam gemacht. Aber

Die helfende Hand.

Novelle von Maria Baierlein. v

6J (Nachdruck verboten.)

»Die blinde Hanna! — Was wollen Sie damit sagen, Mutter Meyer!" rief Herr Steiner.

»Ach so, damals hatte sie ja das Augenlicht noch, und Sie wissen noch gar nicht, daß sie durch einen argen Blitzschlag um dasselbe gekommen ist."

„Bitte, erzählen Sie geschwind, wann sich das zugetragen hat," drängte der Künstler, der blaß und nervös geworden war, und voll spannender ( •' an den welken Lippen der alten Frau

i;,- u,.n diese traurige, erschütternde Bot» schatt, mttgereilt hatten.

Die Greisin schäme ihr Gegenüber etwas ver­wundert an. — Das Geschick der ehemaligen Ge­liebten ging dem zu Ruhm und Ansehen gelang- ten Künstler doch sehr zu Herzen. Nachdem sie etwas, das wre „alte Liebe rostet nicht" klang, gemurmelt batte, erzählte sie weiter:

„Nun, Fräulein Hanna bat vor acht Jahren eine Urlaubsreise gemacht; sie wollte einige Zeit im Walde zudringen und ihre Nerven erfrischen; denn sie war sehr mitgenommen und krank von dem vielen Stundengeben. Sie hat lange sparen müssen, bis das bischen Geld, das sie dazu be­nötigte, beieinander war, und das Essen, das sie bei mir bestellte, wurde immer anspruchsloser und durstiger. Eines schönen Tages ist das Fräulein aber leelenvergnügt in die Ferien abgereift, nach­dem sie mrr am Abend zuvor voller Jubel einen Hundertmarkschein gezeigt hatte, der ihr den Som­meraufenthalt erlauben sollte. Ich hatte schon ihr Zimmerchen zugesperrt und die Betten zum Lüften auf den Speicher geschafft; denn das Frau- wln hatte mir gesagt, daß es vier Wochen im WEe bleiben werde. Da wurde nach zwei Tagen heftig an meiner Klingel gerissen, und wie ich binauslaufe fuhren mir zwei Bahnschaffner die Hanna Geldern entgegen. Sie machte ganz un-

trotzdem ist bie sozialdemokratische Presse unzu­frieden. Nun, sie muß eben unter allen Um­ständen gegen uns gehetzt haben.

* Ueber die Konferenz der Vorsitzenden der Landwirtschaftskammern im Land- wirtschaftsministerium, bei welcher die Fleisch­teuerung erörtert wurde, bemerkt bie ,Rordd. Allgem. Ztg/ nur kurz folgendes: „Der Minister v. Podbielski leitete die Verhandlungen und gab statistisches Material über die Lage. Aus den anschließenden Berichten der Vorsitzenden ergab sich als vorherrschend die Auffassung, daß die Teuerung keine besondere Maßnahme erheische." — Wir meinen, die Angelegenheit an sich, mehr aber noch die Agitation, welche von frei­sinniger und sozialdemokratischer Seite an die Frage der Fleischteuerung geknüpft wurde, recht- fertige eine eingehende und ernste Klarstellung der in Rede stehenden Dinge. Man darf sich nicht darüber täuschen, daß die oben erwähnte Agitation Verwirrung und Mißstimmung auch in Kreise getragen hat, die bis jetzt der Sozial­demokratie wie dem radikalen Liberalismus gleich fern standen. In materiellen Fragen ver­sagt ja leider nur zu leicht das objektive Urteil. Gerade weil wir Wert legen auf die Eintracht zwischen Industrie und Landwirtschaft, müssen wir den Wunsch hegen, daß es einer gewissen­losen parteipolitischen Agitation nicht gelingt, in industriellen Kreisen Boden zu gewinnen für ihre Schlagworte vom „unersättlichen Agrariertum" und dergleichen. Von diesem GesichÜpunkte aus halten wir es für unbedingt geboten, daß bie Regierung in umfassender Weise das Material bekannt gibt, welches gegen diese Schlagworte Verwendung finden kann. Es liegt das vor allem auch im Interesse unserer Landwirlschast.

* Der Landwirtschaftsminister über die Fleischnot. DerLandwirtschaftsminister v. Pod­bielski hielt am Samstag bei dem Festmahl, das auf die Konferenz der Vertreter der Landwirtschaft folgte, eine Rede, in der er sich über die Flei sch not äußerte. Die Aus­führung des Ministers lief darauf hinaus, daß nur eine Fleischteuerung, aber keine Fleisch­not bestehe — auch diese feine Unterscheidung hatte Herr von Podbielski bereits vor vier Jahren gemacht —, und daß auch die Fleisch- tenerung in drei bis vier Wochen aufhören werde. Eine Oeffnung der Grenzen lehne er daher ab. Zur Begründung dieser Auffaffung wies der Minister auf den Schweine­auftrieb zum Berliner Zentralviehhof hin, der augenblicklich stärker sei als je im vorigen Jahr und auf die Statistik, die eine erhebliche Steige­rung des Schweinebestandes aufweise. An ver­schiedenen Stellen seiner Rede klagt der Minister darüber, baß der Gegensatz zwischen Stadt und Land immer wieder hervorbreche. Er habe ge­hofft, daß nach Erledigung des neuen Zolltorifes eine Ruhepause in den inneren Kämpfen eintreten werde, in der alle Volkskreise sich der nationalen Arbeit widmen würden. •

□ Zur Eisenbahn-Tarifreform. Der Ver­band reisender Kaufleute Deutschlands hat in Sachen der Eisenbahntarifreform an den preußischen Verkehrsminister eine Eingabe gerichtet. Eingangs wird darin geklagt, daß der Verband mit großer Besorgnis von dem Entwurf Kenntnis genommen habe, den der Minister behufs Herbeiführung der Reform den Eisenbahnverwaliungen unter­

sichere, tastende Schritte und ihre schönen, dunklen Augen sahen starr und ausdruckslos in die Luft. Da habe ich denn-erfahren, daß der Blitz in das Eisenbahnknpee fuhr, in welchem sie saß, als sie merkwürdigerweise bereits wieder auf der Rück­reise begriffen war. Tas Bahnhofspersonal hat das Fräulein ohnmächtig aus dem Wagen ge­schafft, und bei seinem Wiedererwa'chen gewahrte man, daß es erblindet war."

„Schrecklich, entsetzlich!" entfuhr es den Lip- Pen des Künstlers.

„Tas war wirklich ein schreckliches Ergebnis des projektierten Sommeraufenthalts. Wenn die Unglückliche nur nicht auf den Gedanken ge­kommen wäre, sofort wieder zurück zu reisen! Weiß Gott, was dieselbe aus dem Waldhaus Ver­trieben hat. Sie scheint jedenfalls das Geld ver­loren zu haben, weil sie keines mehr zurückbrachte. Ich glaube, sie hat schon oft gewünscht, nie nach Waldersbach gefahren zu sein."

„Nach Waldersbach!" Felix war wie elektri­siert aufgesprungen. —

„Nun ja, so hieß das Dorf, in dessen Nähe sich das Forsthaus, der Erholungsort Hannas, befand."

Den Körper des Mannes durchlief ein ner­vöses Beben.

„Wann, sagten Sie, daß das Unglück passierte, Mutter Meyer, — vor acht Jahren?"

„Gewiß, vor acht Jahren; es war im Monat Juli, und ein entsetzlich heißer Sommer." —

Felix Steiner drängte es, an die Luft zu kommen, um die gewaltige Gedankenflut, welche auf ihn einstürmte, in ein ruhigeres Bett zu leiten. Er verabschiedete sich etwas hastig von der alten Frau, die ihm bis unter die Türe das Ge­leite gab und gerührt nachblickte. Auf einmal kam er wieder zurück und fragte:

„Wo wohnt sie denn jetzt, die arme, Unglück- liche Hanna?"

, „Sie hat im Alte-Leute-Spital em hübsches Zimmerchen erhalten, weil sie ja doch zu den Ge- brechlichen gehört. Dort überwacht sie aber noch immer bie Klavierübungen ihrer Schüler, welche

breitete. Weiter heißt es u. et.: „Wir sind von der Voraussetzung ausgegangen, daß mit dieser Reform eine Vereinfachung, aber auch eine Ver­billigung des Tarifes Hand in Hand gehen müsse. Statt dessen wird eine ganz erhebliche Verteuerung des Reiseverkehrs herdeige- führt werden, die nicht zum Segen der Nation ausfallen durfte, in erster Linie aber den Protest der reisenden Kaufleute herausfordern muß, deren Interessen leider seit Jahrzehnten, obwohl sie der Eisenbahn die besten und treuesten Kunden sind, unbeachtet gelassen wurden, und obwohl diese Jntereffen auf das engste mit der Hebung und Kräftigung des deutschen Handels überhaupt verknüpft sind. Das muß uns mit Unruhe er­füllen, denn es bedroht die Existenz der reisenden Kaufmannschaft. Wir erlauben uns deshalb auf folgendes aufmerksam zu machen: a) Die Ver­teuerung des Reisens wird ohne Zweifel eine erhebliche Einschränkung der Reisetätigkeit mit sich bringen, b) Die Einschränkung der Reise­tätigkeit und des Musierverkehrs aber wird auch eine Schädigung des gesamten deutschen Handels im Gefolge haben. Dem reisenden Kaufmann will man die letzte Vergünsti­gung rauben, die er im Freigepäck feiner Muster bis 25 Kilogr. hatte. In einer ganzen Anzahl Branchen bedeutete dieses Frei­gepäck einen Faktor, der für die Rentabilität des Geschäftsbetriebes sehr wohl von Bedeutung ist. Statt deffen hat Ew. Exzellenz e) den Sendungs- Zonentarif geplant, deffen kompliziertes System von vornherein mit mißtrauischen Augen ange­sehen wird. Sollte es bei dem Wegfall des Frei­gepäcks bleiben, fo müßte Ew. Exzellenz d) da­für Sorge tragen, daß besondere Vergünstigungen für die reisenden Kaufleute bei der Beförderung der Mustertoffer nach österreichisch-ungarischem Vorbilde eingefubrt werden, e) Ter durch nichts mehr gerechtfertigte Schnellzugszuschlag nach sächsi­schem und süddeutschem Muster wäre auf alle Fälle zu beseitigen, da auch er wieder den rei­senden Kaufmann am schwersten trifft und sich deshalb als eine den Handel schädigende Maß­regel darstellt. Schließlich wird dem Minister die Bitte ausgesprochen, dahin zu wirken, daß eine Reform auf folgender Basis zustande kommt: 1) Aufhebung der Rückfahrkarte, Preis der ein­fachen Fahrkarte die Hälfte der bisherigen Rück­fahrkarte; 2) Beibehaltung des Freigepäcks bis 25 Kilogr., event. besondere Vergünstigungen bei der Beförderung der Muster der reisenden Kauf­leute; 3) Beseitigung des Schnellzugszuschlages."

* Wie die Sozialdemokratie mit Arbeiter- grofchen umgeht! Wir haben kürzlich festgestellt, daß 2478,17 Mark, die nach Beendigung des Bergarbeiterstreikes noch für diesen eingingen, einfach der sozialdemokratischen Parteikaffe über­wiesen wurden und dabei ausgeführt, daß ein solches Verhalten einfach an Unterschlagung grenze. Nun muß der ,Vorwärts' die Richtig­keit unserer Ansicht zugeben; aber er nennt zur Entschuldigung folgende drei Gründe: „1. Habe der Parteivorstand 25,000 Mk. selbst für die Streikenden gegeben und von dieser Summe haben auch die christlichen Arbeiter profitiert. Er hätte also genau ein Zehntel der Summe „unter­schlagen", die er gespendet hat. 2. Beim Ab­schluß der Sammlung wurde öffentlich ange­kündigt, daß no si nachträglich eingehende Beiträge, sofern die Spender nicht eine andere Verwendung

eben jetzt zu ihr ins Haus gehen müssen", gab Mutter Meyer zur Antwort.

— Felix Steiner stürmte durch die Straßen, ohne darauf zu achten, daß ein starker Regen vom Himmel fiel und ihn ganz durchnäßte. —

Als die alte Frau erzählte, daß Hanna Geldern vor acht Jahren in Waldersbach gewesen war, weil sie sich vorgcnommen hatte, beim dortigen Förster ihre Ferien zu verleben, — da hatte ihn wie der Blitz der Gedanke durchzuckt: „Hanna und niemand anders war es, welche mir damals aus dem trostlosen Elend geholfen hat!" Und je länger er jetzt nackpann, desto mehr wurde die Mutmaßung zur Gewißheit. Mutter Meyer hatte ihm gesagt, daß die Klavierlehrerin schon nach zwei Tpgen zurücklam, ohne mehr einen Pfennig Geld zu besitzen. Natürlich! Das hatte sie an ihn geschickt, nachdem sie durch die Förstersleute, bei denen seine Frau täglich verkehrte, erfahren hatte, in welch erbärmlicher Lage er sich befand. Es sah dem edlen Mädchen gleich, daß es lieber auf die notwendige Erholung Verzicht leistete, um mit dem dazu bestimmten Geld einem Unglücklichen die helfende Hand zu bieten. Er erinnerte sich jetzt auch, daß ihm Annie erzählt hatte, bei Försters sei eine Dame aus der Stadt als Sommergast angekommen, und der Postadjunkt, — den er da­mals um Aufklärung bat, wer die fragliche Summe an ihn habe abgehen lassen, da er den Namen, welcher als der des Absenders angegeben war, nicht kenne, — er hatte ihm anvertraut, daß eine fremde Dame am Postschalter gewesen war!—

Wie hatte er all die Jahre hindurch immer wieder nach dem rätselhaften Wohltäter geforscht, der ihn im Augenblicke der Verzweiflung vor dem Untergand bewahrt hatte, und jetzt erfuhr er nur so nebenbei, daß es die Liebestat seiner verlassenen, verratenen ersten Braut gewesen war!! Welche Hochherzigkett ruhte in dieser FrauenbrustI —

Das seltene Mädchen war die Ursache seiner moralischen und sozialen Erhebung gewesen, und ein unverständliches Schicksal hatte ihr dafür das Augenlicht genommen und ewige Nacht um sie gebreitet!

wünschten, diese dem allgemeinen Fonds über­wiesen werden würde. 3. Trotzdem wurde zum Ueberfluffe noch bei jedem Einzelnen, der einen größeren Betrag gesandt hatte, schriftlich Einver­ständnis nachgesucht." Auf das damit verbundene Geschimpfe gehen wir nicht ein, sondern stellen dem gegenüber fest: 1. Die Sozialdemokratie läßt sich einen Teil (10 Prozent) ihrer Unterstützung wieder zurückzahlen; als seinerzeit der sozialdemo- kratffche Parteivorstand 25,000 Mk. für die streikenden Bergarbeiter genehmigt hatte, da nahm gerade der .Vorwärts" die Backen sehr voll; als echter und rechter Protz sagte er: Wo bleibt die Zentrumspartei mit ihrer Unterstützung? Ob­wohl wir damals sofort darauf hinwiesen, daß es sich hier um keine Parteiangelegenheit handle, daß aber Katholiken und Zentrumsleute privatim große Summen spendeten, (wir nennen nur die Gaben der Kardinale von Köln und Breslau), da ließ der ,Vorwärts" dies nicht gelten, sondern nahm für feine Partei die größere Arbeiterfteund- lichkeit in Anspruch, weil sie vom Parteiorgan viel gegeben habe! Und jetzt? Jetzt wird vom Parteiorgan den Arbeitern eine größere Summe vorenthalten k Deffen rühmt sich' der ,Vorwärts" nickt mehr! Was aber noch schlimmer ist, ist jener Umstand, daß die Sozialdemokratie nicht bei allen Spenden über die künftige Verwendung angefragt hat! Damit liegt der Tatbestand der Unterschlagung vollkommen klar zu Tage! Es genügt uns, daß der .Vorwärts' dies selbst ein« gestanden hat!

* München, 13. Ang. 1905. Prinz Hein­rich, der Bruder des Kaisers, wollte bekanntlich die bayerischen Automobilrennen mitmachen, ist indes schon ein paar Stunden nach seiner An­kunft in München wieder abgereist. Der Korre­spondent der ,®ermania' hat Etiketten- Schwierigkeiten vermutet. Das hat große Wahrscheinlichkeit. Prinz Ludwig Ferdi­nand ist Protettor der Rennen. Seinem Schutz hätte sich also Prinz Heinrich beim Rennen unter­stellt. Dem Prinzen Heinrich sind auch keine Ehrungen zu teil geworden, er wurde zwar ab­geholt, jedoch vom Königshaus war niemand be­teiligt. In den oberen Regionen fallen solche Dinge ins Gewicht, während die Volkskreise kein Empsinden für solche Kleinigkeiten haben.

Ausland.

* DaS Manifest des Zaren, das dem russi­schen Volk die Verfassung und Volks oerttetung bringen sollte und am gestrigen Geburtstag des Thronfolgers erwartet wurde, ist ausgeblieben und wird erst später bekannt gemacht werden. Der ,Regierungsbote^ meldet, daß der unter dem Vor­sitz des Kaisers am 1., 2., 3., 5. und 6. August beratene Entwurf betreffend die Beteiligung der Volksvertreter an der Ausarbeitung und Vorbe- ratung der Gesetzentwürfe, die nach den Grund­gesetzen durch den Reichsrat an den Kaiser ge­langen, entsprechend den Absichten des Kaisers abgeändert und in dieser veränderten Form dem Kaiser auf feinen Befehl zur Bestätigung vorge­legt werden wird. Die ,Voff. Ztg/ läßt sich hierzu aus Petersburg telegraphieren: In der Senatsdruckerei liegen drei Manifeste gesetzt, die der kaiserlichen Unterschrift entbehren. In der Druckerei des,Regierungsboten'harren acht Setzer, in den Redaktionen die gesamten Perjonale in

Felix Steiner schauerte es; der niederströmende Regen hatte seine Kleider völlig durchnäßt, ein kalter Herbstwind machte ihm dadurch entstandene Unbehaglichkeit noch fühlbarer und entriß ihn end­lich seinen quälenden Grübeleien.

Er schlug den Weg zu feinem Gasthof ein, mit dem festen Entschluß, dem geprüften Weib, dem alle Unannehmlichkeiten und schmerzlichen Lebens­erfahrungen durch seine mittel- und unmittelbare Schuld zugefügt worden waren, künftighin ein Schutz und Hort zu werden.

V.

Am folgenden Morgen stand der Orgelkünst- ler im Spital vor der nummerierten, dunkelge- ftrichenen Zimmertür, zu welcher man ihn auf seine Nachfrage nach Hanna Geldern gewiesen hatte.

Bevor er um Einlaß anklopfte, rang Felix Steiner nach der nötigen inneren Fassung. War es doch keineswegs ein belangloser Besuch, den er abzustatten im Begriffe war, sondern er würde in den nächsten Minuten vor einem durch ihn zer­störten Frauenleben stehen. Und wenn er auch kam, um nach Möglichkeit zu sühnen und gut zu »lachen, er konnte und mußte gewärtigen, daß manches herbe, anklagende Wort an ihn gerichtet wurde, da die unglückliche Blinde ihr verratenes, einsames Dasein doch sicher ihm zur Last legte. Und daß sie dieses tun würde, lag außer allem Zweifel, wenn man die trostarme, öde Umgebung betrachtete, in der sie die letzten Jahre Haie ver­bringen müssen.

Auf dem finsteren, breiten Gang, der zu ihrem Zimmer führte, schleppten sich die gebrechlichen Insassen des Alte-Leute-Spitals einher. Aus jener Tür trat soeben ein erbarmungswürdiger, kruppelhafter Mann, dessen plumpe, schwere Holz­krücken bei jedem Schritt, den er machte, mit dum­pfem Stampfen auf den roten Steinfließen aus­stießen. Dort huschte ein altes, mumienhaft ver­trocknetes Weiblein vorder, deren gnomenhafte Gestalt ein riesiger Höcker noch mehr entstellte, und begrüßte sich mit einem schlotternden, zittern­den Greise, der nickt einmal mehr die Kraft w