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Zuldaer W Zeitung

II

k icheint täglich, mit Aurnahme der Sonn* nndzeiertage. viertel- jahrl. Bezugrpreir ohne vttngrrlohn und Bestellgeld in Hulda und aurwärtr 1 Bit. 50 Pfg.

<*** Monatsdeiiage: „Huldaer Geschichtsblätter".

Verantwortlicher Schriftleiter:2os. Vaum

3. &TÄ* woch-nbeilage: „Illustrierte Sountagrzeitung

M 156.

Fulda, Mittwoch, bea 12. Juli 1905.

Zweites ZAatL.

* Sflrfttn Gagarin Sturöza über die Schreckrnrtage in Gbeffa.

In Wien weilen gegenwärtig zahlreiche aus Odessa geflüchtete Familien. Eine dieser Flüchti­gen, eine Dame aus den höchsten Kreisen der russischen Gesellschaft, die Fürstin Gagarin- Sturdza, machte einem Mitarbeiter des „Wiener Fremdenblatt" auf dessen Bitte über ihre Erleb­nisse während der Odessaer Schreckenstage ebenso eingehende wie packende Mitteilungen:

„Ich habe Ihnen Furchtbares zu berichten, ge­ehrter Herr," erzählte die Fürstin. „Ich habe Ent­setzliches mitangesehen, Szenen, die ich Zeit meines Lebens nicht werde vergessen können. Nur acht Tage hielt ich mich in Odessa auf — ich dachte nie daran, daß es solche furchtbare acht Tage geben kann. Seit dem Tode meines Mannes lebe ich in Paris — mein Töchterchen war vor einiger Zeit nach Odessa abgereist und besuchte dort unsere Verwandten. Die Zeit des Urlaubes war endlich verstrichen, und so reiste ich denn vor ungefähr zwei Wochen von Paris nach Odessa. Schon bei meiner Ankunft fiel mir eine gewisse Nervosität und Aufregung in der Bürgerschaft auf, die ich mir nicht recht zu deuten wußte. Gar bald sollte ich mich von den traurigen Ursachen dieser Be­wegung überzeugen. Und als ich eines Morgens erwachte, flogen Kugeln durch die Stadt, Leichen lagen auf der Straße, es wurde geschossen und ge­plündert. Durch die Stadt stürmte die sieges­trunkene Volksmenge — wehe, wenn sie losge­lassen! — in den Straßen herrschte ein Tumult, ein Lärmen und Stoßen, ein Stürmen und Drän­gen, als wäre das Ende der Welt gekommen. Ich will Ihnen den Donnerstag und Freitag schildern.

Ich blickte Donnerstag früh zum Fenster des Hauses, in dem ich abgestiegen war, hinaus. Ein Schloß, das in der Nähe des Hafens lag und einer mir befreundeten aristokratischen Familie gehörte. Ein entsetzliches Bild bietet sich mir dar. Auf der Straße ein Leichnam, über dem andern, von allen Seiten schlängeln sich höhnisch Feuersäulen zum Himmel. Brand- und Mordgeruch schlägt mir entgegen. Ein Schüttelfrost geht durch meinen Körper.' Mein erster Gedanke ist die Prinzessin. Das Töchterchen hatte nämlich ihre Wohnung in der Stadt, in der sie bei Verwandten zu Besuch weilte, noch nicht verlassen. „Was ist mit dem Kinde geschehen?" — mit Blitzesschnelle rast der Einfall durch den betäubten Kopf: „Oh, hätte ich doch gleich nach meiner Ankunft in Odessa die Kleine zu mir genommen, bohrender Schmerz wäre mir erspart geblieben." Und schon stürzte ich zum Telephon, um mich mit der Pilla, in der die Prinzessin seit Wochen wohnt, verbinden zu lassen. Doch wehe! Ich drehe an der Kurbel wie wahnsinnig — es meldet sich nieniand. Das Tele­phon ist ausgeschaltet! Ich will das elektrische Licht aufdrehen, denn der Tag ist noch nicht recht ange­brochen — wehe! — das elektrische Licht versagt. In rasender Eile mache ich Toilette, greife zum Hut und will zum Kinde. Fort, fort von hier — das ist mein einziger Gedanke. Ich will mein Kind sehen. In dem Augenblick, in dem ich zum Hute greife, öffnet sich die Türe, die Kammer­zofe erscheint und ruft mit wimmernder, erster­bender Stimme.

„Nur nicht den Hut, Durchlaucht, sonst sind Durchlaucht ein Kind des Todes!"

„Was heißt denn das?" fragte ich.

„Nur ärmlich gekleidete Leute dürfen über die Straße," antwortet erschreckt das Mädchen. „Wer nur ein bischen so aussieht, als besäße er Geld, wird erbarmungslos niedergemetzelt. Da gibt es keine Rücksichten! Je höher, desto besser! Für Durchlaucht gibt es nur ein Mittel! Hier mein großes Tuch! Das hüllen Sie um den Kopf! Hier meine alte Schürze! Schnell angelegt! Und hier ein alter Schirm! Rasch in die Hand damit! Durchlaucht, glauben Sie mir: die einzige Ret­tung. Eine Dame in Hut und gutem Kleide wird von der Straße weggeschleppt und weit, weit weg­geführt in entsetzliche Gegenden. Aermlich und grob gekleidete Frauen werden geschont. Denen tut man nichts zu leide. Das sind ja Genossinnen, Freundinnen, Helferinnen .... die haben es besser ..."

Und ohne viel zu überlegen, werfe rch das Tuch um den Kopf, ohne viel zu überlegen, ziehe ich die Schürze an, die schon gar manches Jahr ge­sehen und in Ehren schmutzig geworden. Da stehe ich denn aus der Straße. Nicht zum Erkennen. Jetzt stehe ich mitten drinnen im Kriegsgetümmel. Der Mob ist außer Rand und Band. Wer etn gutes Kleid, einen ganzen Anzug trägt, wird niedergefchossen. „Hurra, hurra, es lebe die Frer- heit! Brüder, wir sind frei!" So tönt es wrld durch die Plätze. Ich fchreite festen Schrittes, un­bekümmert um all das, was sich vor meinen Augen abspielt, weiter. Hier und da stellt sich so etn Kerl breitspurig vor mir aus, glotzt mich frech an. Da er mich aber, die Arbeiterfrau, sieht, dre ruhig und furchtlos weiterschreitet, wendet er sich ab und spitzt auf bessere Beute, auf lohnenderen Nebenverdienst. Was ich alles mitangesehen — ich kann es heute nicht mehr wiedergeben. Das Traurige und Entsetzliche kam so rasch auf mich eingestürmt, meine innere Aufregung, die ich ver­

bergen mußte, war so groß, daß ich sofort alles wieder vergaß. So rasch wie es gekommen.

Eine Szene steht aber lebendig vor meinen Augen. Ein Bekannter unserer Familie saust rasch in einer Equipage durch die Straßen. Er will, allem Anscheine nach, zum Bahnhofe. Un­ruhig blickt er auf die Straße — sein Blick fällt auf mich. Ich bebe. Ich zittere. Wenn er halten läßt, wenn er mich anspricht, so bin ich verloren. Ich will ihm abwinken — da versagt mein Fuß, meine Augen werden starr. Eine Rotte junger Burschen hüpft wie im Tanze um den Wagen, bringt ihn zum Stehen, und ehe noch eine Sekunde verstreicht, wird der bekannte Herr — ein Aristo­krat, dessen Namen ich mit Rücksicht auf seine Familie nicht nennen will — aus dem Wagen geworfen und niedergemacht. Feuchtfröhlichen Sinnes nehmen aber die Burschen im Wagen Platz und rufen stolz zu den Passanten:

„Jetzt sollen die Reichen auf der Erde und am Bauche liegen, jetzt sollen die Reichen zu Fuß gehen, wenn sie's können — jetzt regiert der Ar­beiter, jetzt fährt der Ausgebeutete in der Equi­page. Hopla, Kutscher, fahren Sie nur los — Sie haben einen neuen Herrn bekommen."

Nur mit Mühe schleppe ich mich weiter. End­lich, endlich winkt das Haus, in dem das Kind wohnt. Bald liegt es in meinen Armen. Die Verwandten, zu denen ich so plötzlich in Verklei­dung hereingeschneit, machen verwunderte Augen. Wir haben aber nicht lange Zeit zu Erklärungen und Erzählungen — schon kracht in unserer Nähe eine Bombe. Man hat das Gefühl, als ob die ganze Welt im Versinken begriffen sei. Nur derjenige, der ein Erdbeben mitgemacht, kann sich einen Begriff von der Wirkung dieser höllischen Erfindung machen. „Flüchten wir in den Keller," ruft plötzlich eine Stimme: „Da ist es doch noch am sichersten". Die Domestiken beförderten Eß­material in die Tiefe, wir steigen Donnerstag Mittag in die Verseirkung und verbleiben hier bis zum Nachmittag des Freitag. Volle vierund­zwanzig Stunden! Vierundzwanzig Stunden in quälender Sorge, was die Zukunft bringen wird. Wir halten es nicht länger aus! Ein Gartendach bedeckt das Haus und gar bald ist der Entschluß ge­faßt, unbemerkt und unbehelligt das Dach zu be­steigen. Fernrohre werden herbeigeschleppt und in wenigen Minuten stehen wir auf des Daches Zinnen, auf das bedrückte Odessa blickend. Da bietet sich uns ein furchtbares Bild. Dort, gerade vor uns, der Hafen! Und auf dem Wasser Schiffe, ... in infinitum. Ja, hat sich denn der „Potem- kin" vermehrt? Oder trügen unsere in der Finster­nis des Kellers geschwächten Augen? Wir finden keine Erklärung. Endlich wird es uns zur vollen Gewißheit: es sind Schiffe gegen den meuternden „Potemkin" ausgesandt. Allein was ist das? Alle Schiffe hissen die roten Fahnen. Das ist ja das Zeichen des Aufruhrs, das ist ja das Zeichen der Meuterei. Ja, wie kommt denn das? Gestern hatte nur der „Potemkin" die rote Fahne — heute tragen auch die anderen Schiffe, die den Meuterer bezwingen sollen, dasselbe Abzeichen. Wie kommt denn das? Das ist doch unmöglich. Gar bald finden wir die Erklärung. „Potemkin" meutert, die anderen Schiffe, die als Rächer nach Odessa ge­sandt wurden, haben sich ihm angeschlossen. An die zwei Stunden stehen wir wie angewurzelt auf dem Dache und betrachten das einzige Schauspiel. Was wird geschehen? Schon ist es in der Stadt bekannt geworden, daß alle Schiffe die rote Fahne gehißt haben. Es herrschte eine ungeheuere Panik. Man sieht den Leuten die Verzweiflung am Ge­sichte an. Alles flüchtet in einer Richtung — „Bahnhof!" heißt das erlösende, hoffnungsftoh- machende Wort. Zum Bahnhof stürmt die Menge. Ein Gedanke schießt durch meinen Kopf. „Wenig­stens Vorsorgen," sage ich mir und bitte den Diener, zum Bahnhof zu eilen und — sei es auch noch so teuer — für Sonnabend abend ein Coupe bis Wien reservieren zu lassen. Der Diener eilt von dannen, ich klimme wieder zum Dache. Oben an­gelangt, wird mir eine neue Ueberraschung zu­teil. Alle Schiffe bis auf den „Potemkin" und ein zweites ihm benachbartes Schiff haben die rote Fahne entfernt und dampfen fori. Der „Potemkin" rührt sich aber nicht. Was in der Zwischenzeit geschehen war, wußten wir nicht.

Etwas ruhiger gingen wir zu Bette. Nicht lange währte der Schlaf — um vier Uhr morgens ward an unser Fenster geklopft. „Flüchtet, flüchtet, so rasch Ihr könnt", tönt es uns entgegen. Ich weiß nicht, wer in fo früher Morgenstunde über uns gewacht. Als wir aber mit einigen kleinen Paketen auf die Straße kamen, erkannten wir erst, warum man uns gewarnt hatte. Vor dem Hause waren Geschütze postiert und Geschosse be­reit gelegt. Ein vorbeifahrender Krankenwagen — wir stellten uns krank — nahm uns auf und brachte uns in ein Hospital. Bis Abends verblieb ich mit Gouvernante und Tochter in einem Kran­kenzimmer — zwei Stunden vor Abgang des Zuges, der uns nach Wien bringen sollte, stand ich schon am Perron. Er war aber trotz der ver­hältnismäßig frühen Stunde über und über voll, und nur mit Mühe konnte ich unser Conpö er­reichen. Erst als wir den Umkreis von Odessa verlassen hatten, wagten wir aufzuatmen. Fast alle aristokratischen Familien von Odessa werden unserem Beispiele folgen. Heute erhielt ich aus Odessa mehrere Telegramme, die die Mitteilung enthielten, daß die meisten Aristokraten die Stadt verlassen und sich nach verschiedenen Richtungen

gewendet haben. Es ist zwar schon wieder Ruhe in Odessa eingezogen — es fühlt sich aber niemand sicher. Darum eilen sie fort."

Lin Aufstieg rum Dlont pelsr.

Die soeben eingetroffenen Meldungen über einen neuen Ausbruch des Mont Pelöe, der die Bewohner der Insel Martinique in Schrecken ver­setzt hat, verleihen einem Bericht des Abbö Nvon über einen Aufstieg zum Gipfel des gefahrdrohen­den Vulkans im Herbst 1904 ein besonderes In- teresse. Die Gesellschaft, die zur Ersteigung des Bergss aufbrach, bestand aus dem Abbe Vvon, dem Abbö Altöroche von Morne Bert, dem Gen­darmen Roux aus le Carbet und zwei Trägern. Man verließ le Carbet um fünf Uhr morgens in einem Boot und kam um Uhr an die Mündung der „Riviere blanche". Dann stieg man aus. Das trockene Bett des Flusses ist dort eine Schlucht mit über 15 Meter hohen Wändent Zweimal lvar die Schlucht von hohen Blöcken versperrt, die sie in ziemlich langen Märschen umgehen mußten. Fumarolen (kleine vulkanische Dämpfe ausstoßende Erdöffnungen) bemerkten sie öfters, als sie das Flußbett entlang wanderten. Die neu gebildete Schlucht des Flußbettes wurde immer steiler und abschüssiger, besonders als sie eine Höhe von 500 Meter über dem Meeresspiegel erreichten. Man machte Halt nach dem mühsamen Weg, nahm das Frühstück und ruhte ein wenig. Beim Aufbruch aber erklärte Abbö Altöroche, er fei müde zum Weitermarschieren. Abbö Avon zog allein weiter, und er berichtet nun von feinen gefährlichem Unternehmen folgendes:

Mr. Roux und der eine Diener Julien ver­sprachen mir zu folgen und wir marschierten geraden Weges auf den steilen Abhang los, von dem aus der Gipfel sich erhebt. Ich war fest davon überzeugt, daß der Kegel kalt sein müsse nnd daß die Fumarolen, die man auf der einen Seite dampfen fah, keine sehr hohe Temperatur haben könnten. Da ferner der Kegel den Krater von 1902 bis zu 100 Metern Tiefe füllt, so ist vielleicht auf dem Gipfel ein neuer Krater ent­standen, ein Verbindungsweg mit dem Innern der Erde, und zwar an der Stelle, wo, von Morne Bert aus gesehen, eine ebene Fläche zu sein scheint. Es trieb mich, diese Frage, wenn möglich zu ent­scheiden, und ich beschloß daher, den Gipfel zu er­klimmen. Der Vulkan war sehr ruhig, und die Dämpfe stiegen weniger reichlich als an den vor­hergehenden Tagen auf. Bald darauf wollte Roux nicht mehr höher steigen, aber er wollte die Rückkehr der beiden anderen abwarten. Die ersten fünfzig Meter über diese Stelle hinaus waren schwer zu überwinden, da die dicht über den Abhang verstreuten losen Steine unter den Füßen sortrollten. .Dann erreichte der Abbö die weißen Streisen, die für den Kegel, wenn man ihn vom Meere aus sieht, charakteristisch sind. Diese waren zwei Jahre lang von zahllosen Staubströmen überflutet worden.

Nachdem die beiden Männer über die Zone der weißen Streifen geklettert waren, erreichten sie die feste Lava des Kegels und konnten nun leichter steigen. Als sie südlich von ihrem Wege eine große Fumarole bemerkten, gingen sie darauf zu. Diese Abweichung von ihrem Pfade hat ihnen wahrscheinlich das Leben gerettet; denn kaum hatten sie sich seitwärts gewandt, so erfolgte ein Ausbruch int oberen Teil des Kegels, und nach wenigen Sekunden ging eine Lawine von großen Felsstücken auf den Weg nieder, den sie herauf­gestiegen waren; selbst zu ihren Füßen fielen Bruchstücke nieder. Roux, der zurückgeblieben war, hatte kaum Zeit, hinter einem großen Felsen Schutz zu suchen, ehe die herabfallenden Steine feinen Standpunkt erreichten. Die Lawine dauerte etwa zwei Minuten; danach begann er fchlemngst seinen Abstieg. Der Abbe wollte auf einem ande­ren Wege weitergehen aber Julien war fo er­schreckt, daß er sich weigerte, und so mußte der Abbö den Aufstieg aufgeben, als er etwa zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatte. Wahr­scheinlich hatte er eine Höhe von etwa 1400 Metern erreicht. Ehe er sich auf den Rückweg machte, besuchte er jedoch die große Fumarole. Sie war eine Spalte von 2—3 Ztm. Breite und 20—25 Meter Länge; aus dieser fliegen gewaltige Dampfwolken bis zu 3 Meter ^Höhe über der Oeffnung. Auf der entfernteren Serke der Spalte bemerkte man bief Schwefel, aber die Dicke der Ablagerung konnte nicht festgestellt werden, weil es nicht ratsam schien, die Fumarole zu über­schreiten, um sie zu messen. Aus dem Rückweg über das Plateau zwischen den Riviöres Blanche und Söche und durch die Schlucht des letzteren Flusses hinab sahen sie hier und da Fumarolen in einer Entfernung von einem halben Kilometer bom Meere. Diese strömten unter etwas Druck und biel Lärm heiße Luft, aber nicht frischen Dampf aus. Der Abbö fand den bon ihm be­stiegenen Teil des Kegels erkaltet bar; er hätte ober wahrscheinlich auf dem Bergplateau, das er zu erreichen strebte, einen anderen Zustand gefunden, denn Berichte der französischen Vul­kankommission auf Martinique bom Dezember melden ständig Explosionen in der Nähe des Berggipfels und das häufige Auftauchen werß- glühender Flecke nahe dem Gipfel des Kegels.

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Rabatt gewährt.

Druck und Verlag der ZuldaerAetiendruckerei in Hulda (Harmonie).

Hernsprecher Nr. 9.

32. Jahrgang.

UngliickffSllr tn de» Alpen nnd der Rtnematogräph.

Nichts ist mehr sicher vor dem Kinematogra- phen. Jetzt sollen dem schaulustigen Publikum auch Unglücksfälle borgeführt werden, wie sie sich lewer in jedem Jahre in den Alpen ereignen, Absturze, Tod durch Lawinen, fallende Steine usw. Da nun der Photograph, der solche Szenen aufnehmen will, nicht gut den Bergsteigern nachfolgen und so lange warten kann, bis einmal eine solche Tragödie sich abspielt, fo werden sie einfach künst­lich herbeigeführt. Die „Opfer" werfen sich über Abgründe in die gähnenden Tiefen, stürzen tn Felsspalten hinab, oder gleiten furchtbar aus­sehende Eisabhänge hinunter.

Es sind aber-feine Selbstmörder, die mit zer­schmetterten Gliedern liegen bleiben, sondern es handelt sich bei diesen Unglücksfällen um gut ge­spielte Tragödien, die für den Kinematographen aufgeführt und sorgfältig borbereitet werden. Ist das Spiel dann aus, fo zieht der Photograph mit seinen Films nach London, wo sie sorgfältig ent- wickelt werden, und nun sieht das Publikum tn atemloser Spannung, wie Männer bon schwin­delnden Höhen herabstürzen und anscheinend rettungslos dem Tode verfallen sind. Oder in einem anderen Bilde wird es Zeuge, wie ein Berg- steiger einen fast fenkrechten Felsen erklimmen will. Langsam und borsichtig dringt er Schritt für Schritt vor, da — ein Ausgleiten — ein Um­herfahren mit den Händen in der Luft ein verzweifelndes Bemühen, noch einen Halt zu finden, und dann stürzt die kleine schwarze Gestalt hintenüber, überschlägt sich mehrmals in der Lust und verschwindet schließlich in der Tiefe. Etn Schauder packt die Zuschauer bei dem realistischen Bild.....

Wie kommt ein solches Bild zustande? Ein Londoner Blatt gibt die ziemlich einfache Er- klärung. Gefälscht sind die Bilder eigentlich nicht; der Mann, den man da sah, ist wirklich über einen Abgrund gefallen, aber es war keine gähnende Tiefe, sondern sein Fall mag kaum 15 Fuß be­tragen haben, und die Stelle, an der er geschah, war höchst sorgfältig so gewählt, daß der „Ver­unglückte" am Grunde ein Schneebett fand, das weich wie Eiderdaunen war und in dem er unter­tauchte, ohne sich wehe zu tun; schnell wurde ihm dann herausgeholfen, und ehe noch der Photo­graph seinen Apparat wieder in Ordnung ge­bracht hatte, war er schon bereit für einen neuen Unglücksfall.

Auf ähnliche Weise sind auch die anderen, nicht weniger aufregenden Bilder, die man im Kine­matographen zu sehen bekommt, entstanden. So ist eine schlimme Gefahr, die dem Bergsteiger tn den Alpen droht, das Fallen von Steinen in engen Felsspalten, durch die er seinen Weg nehmen muß. Der Photograph, der das darstellen will, sucht tn den niedrigeren Bergen einen solchen „Kamin", der aber möglichst klein ist, und läßt nun, nachdem er Posto gefaßt hat, eine kleine Gesellschaft htnanf- flettern. Ein Mann, der oben am Rande des Spaltes steht, hat eine Anzahl loser Steine gesam­melt und sie an den Rand vorgeschoben. Während nun die Bergsteiger im Gänsemarsch hinaufklet­tern, fängt der Kinematograph an zu arbeiten, und auf ein gegebenes Zeichen wälzt der Mann oben die Steine hinab, die saufend an den kühnen Kletterern vorbeifahren. Ebensowenig ist es schwer, eine überhängende Schneemasse zu ent­decken, die man im geeigneten Moment zum Fall bringt und die nun donnernd zu Tal geht.

Obwohl diese „Unglücksfälle" in Szene gesetzt worden, sind die Films insofern keine Fälschungen, als sie ganz in der natürlichen Umgebung und auch sonst unter ziemlich natürlichen Bedingun­gen aufgenommen werden, und schließlich geraten auch die Darsteller dabei mitunter in Gefahren ober wenigstens fehr unangenehme Situationen. Ja man verspricht sich von diesen Bildern sogar einen gewissen erzieherischen Wert, da sie die Ge­fahren des Bergsteigens recht anschaulich vor Augen führen und davor bewahren, sie zu unter­schätzen; denn Sorgfalt und Tollkühnheit sind bei wirklichen Katastrophen in den Alpen tn der weit überwiegenden Zahl der Fälle die eigent­lichen Ursachen.

Verrauchtes.

* Mord- und andere Raupen. Die Raupen werden, vielleicht im Zusammenhang mit dem Be­wußtsein ihrer Schädlichkeit, im allgemeinen für häßliche Tiere gehalten, die keines weiteren In­teresses wert sind, als daß man sie in möglichst großer Zahl und möglichst schnell vom Leben zum Tode bringt. Es gibt aber nicht nur auffallend schöne Raupen, sondern auch viele, die einer ein­gehenden Beobachtung wert sind. M. Dankler bespricht in der Wochenschrift Natur und Offen­barung einige sonderbare Raupenarten, unter ihnen die Mordraupen, die Wasserraupen und die sogenannten Sackträger. Die Mordraupen ent­wickeln sich aus kleineren Nachtschmetterlingen, die zur Gruppe der Eulen gehören. Ihren Namen haben sie von ihrer Gewohnheit erhalten, sich nicht nur, wie ihre Geschwister, von Pflanzenstoffen zu nähren, sondern einen echten Kannibalismus zu treiben. Da ist z. B. die Raupe der Querkopf­eulen, die im Frühjahr auf Eichen, Schlehen und