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Fulda, Mittwoch, deu 21. Juni 1905.
32. Jahrgang.
Zweites Z3tcrü.
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Ironkichnam.
Wenn ein irdischer F ü r st sein Land bereist, so bemüht das Volk sich, ihn möglichst würdig zu empfangen. Vor der Ankunft in einem Orte werden Straßen und Häuser geschmückt, Ehrenpforten errichtet, Fahnen und Flaggen ausgesteckt, um die Freude der Bewohner über den hohen Besuch auch äußerlich zum Ausdruck zu bringen. In Scharen ziehen sie hinaus, festlich gekleidet, um den Landesherrn zu begrüßen und ihm zu huldigen. Und diejenigen, welche berufen sind, die Gefühle der Bevölkerung vor dem Fürsten zum Ausdruck zu bringen, und also in nähere Berührung mit ihm zu kommen, werden von den Andern beneidet und glücklich gepriesen.
So ehren die Menschen einen gleich ihnen sterblichen, den menschlichen Schwächen und Leiden unterworfenen Fürsten. Was aber sind alle irdischen Potentaten gegenüber dem Herrn des Himmels und der Erde, der das Weltall in seiner Hand trägt? Dieser Herr des Himmels und der Erde hält am Donnerstag seinen Durchzug durch Städte und Dörfer, Felder und Auen. Wie werden wir ihn empfangen? Werden wir ihm zu Ehren auch die Straßen und Häuser schmücken, ihm Triumphpforten errichten, ihm in festlich gekleideten Scharen entgegenziehen, ihn auf seinem Wege begleiten mit Jubel- und Lobgesängen? Wo noch Gottesfurcht und frommer Glaube herrschen, das Volk die alten christlichen Ueberlieferungen hochhält und sort- setzt, wo vor allem ein lebendiger Glaube an die wahrhafte und wixkliche Gegenwart des Gott- menschen im allerheiligsten Altarssakramente zu sinden ist, werden Christus dem Könige diese Ehren nach Kräften erwiesen, und nichts Ergreifenderes und Erhebenderes, nichts, was des gläubigen Christen Herz mehr anspricht und anregt, kann es geben als eine Fronleichnamsprozession, mag sie abgehalten werden im kleinsten Dörfchen oder mag sie die Straßen der Städte durchziehen, wo Glanz und Prunk aufgeboten werden können. Auch auf die Nichtkatholiken, deren Auge und Herz nicht von Zelotismus und Fanatismus verblendet ist, macht dieses Schauspiel einen unauslöschlichen Eindruck, wie das zahllose Zeugnisse hervorragender Geister beweisen.
Wie aber verhält es sich mit der Teilnahme der einzelnen Katholiken an diesem erhabenen Akte der öffentlichen Gottesverehrung? Drängen sich alle dazu, betrachten alle es als ihre Pflicht und rechnen es sich zur Ehre an, dem Triumphzug des Gottmenschen am Fronleich- namsseste zu folgen? Gewiß, das schlichte, brave gläubige Volk, namentlich auf dem Lande, würde es als einen großen Mangel an christlichem Denken und Empfinden betrachten, wenn jemand unentschuldigt in diesem Triumphzug des Herrn fehlen wollte. Wer nur irgendwie zu Hause abkömmlich ist, nimmt daran teil. Aber in den großen Städten und unter den Leuten, die man kurz als „die von Bildung und Besitz" bezeichnet, gibt es leider gar zu viele, die, auch wenn in ihnen der Glaube noch nicht ganz abgestorben ist, dem hh. Geheimnisse, welches wir am Fronleichnams
feste feiern, ebenso kalt und gleichgiltig gegenüberstehen, wie dem hehren Akte der öffentlichen Verehrung, den wir ihm an diesem Tage widmen. Andere, und deren Zahl ist ebenfalls nicht gering, lassen sich davon ab halten durch elende Mensch e n f u r ch t. Vor den Mächtigen dieser Erde kriechen sie im Staube, vor aller Welt aber ihren: Gott und Herrn öffentlich Ehre zu erweisen durch Teilnahme an der Fronleichnamsprozession — nein, das kann man nicht von ihnen verlangen. An dem Aufzuge irgend eines Vereins oder an patriotischen Festen teil zu nehmen, ja das wäre etwas anderes; gewiß, da würde man nicht fehlen. Aber an einer Prozession sich zu beteiligen, nein, das kann nicht verlangt werden. Die Feiglinge, die so denken und reden, mögen nicht vergessen das Wort des Herrn: „Wer mich verleugnet vor den Menschen, den werde ich verleugnen vor meinem Vater, der im Himmel ist." Dieses Wort bleibt ewig wahr wie der, welcher es gesprochen hat. Von den Spöttern und Hühnern soll nicht weiter die Rede sein. Auch für sie kommt ein Tag, an dem Spott ihnen vergehen wird.
Für uns Katholiken liegt in diefem Jahre ein besonderer Grund zu regster Teilnahme an der öffentlichen Gottesverehrung des Fronleichnamsfestes vor. Als ob die ganze Hölle gegen das Werk des Gottmenschen losgelassen sei, werden seit einiger Zeit die heftigsten Angriffe gegen unsere hl. Religion und die erhabensten Geheimnisse derselben gerichtet. Welche geeignetere und wirksamere Art des Protestes gegen diese Angriffe und Beschimpfungen könnte es geben, als das offene, freimütige Bekenntnis zu dieser hl. Religion und ihrem Stifter! Mit Begeisterung wollen wir das Fange lingua erschallen lassen, mit Jubel anstimmen das Lauda Sion!
Deinem Heiland, deinem Lehrer, Deinem Hirten und Ernährer, Sion, stimm' ein Loblied an. Preis' nach Kräften seine Würde, Da kein Lobsprnch, keine Zierde Seiner Größe gleichen kann!
kl c. Zronlelchnam.
Novellette von E. Hammer.
Nachdruck verboten.
Ein Junimorgen voll Glanz und Licht! Nach langem, warmem Frühlingsregen der erste schöne Tag.
Schon dachten die Bewohner des kleinen Hoch- gebirgsdörschens, daß heuer ob des Regens ihre Prozession ausfallen würde, daß sie nicht mit dem Leib des Herrn unter dem roten Baldachin würden die steile Bergstraße hinaufklimmen können zum letzten Altäre, der oben am Holzschnitzer Bartl seinem Häuschen alljährlich von diesem ausgerichtet wurde.
Und gerade der war der schönste von allen, der alte Vater hatte ihn für eine Kirche im Jnn- tal bestimmt gehabt, und als dann aus dieser nichts wurde, da hat er's im Testament so be- stimmt,daß dieser kostbare Altar in seinem eigenen Hause bleibe und nur zu Fronleichnam ans große Scheunentor gestellt würde; — als letzter Altar in der Reihe, hoch oben, wo man den Ausblick auf alle Täler hat, wo der Inn wie ein Silberfaden dünn und glatt erscheint, — wo kein Rauschen der reißenden Wellen mehr heraufdringt.
SrotQ von wenden.
Äoocßt von Marga »rechten.
27 ------ Nachd uck verboten
„Vielleicht," antwortete Elma ausweichend, und trat dann in eine nahe Druckerei, um einen Aufruf in deutscher Sprache in eine große Anzahl englischer Zeitungen drucken zu lassen. Als dieses kleine Geschäft besorgt war, reichte sie Gerhard den Zettel, auf welchem die zum Druck besimnnten Worte standen: . „
„Annonce: Wenn Fr. v. W .. . . . tn England weilt, kann er in London bei M. G......
Aufklärung über das Mißverständnis erhalten, wegen dessen er am 24. Dez. 187. die Heimat verließ. E . .
Der einfache Mann stieß einen Ausruf des Erstaunens aus, deutete auf die Trauerkleidung und sagte: „Also dies ist nicht die Wahrheit?"
Sie schüttelte traurig den Kopf; da erst verstand sie der Buchhalter, hörte mit inniger Teilnahme die Erzählung der einsamen Gattin und versprach, ihr treuer Verbündeter zu sein.
Eine seltsame Scheu hatte Elma davon abgehalten, diS' glückliche Hedwig zu ihrer Vertrauten zu machen, aber es war ihr lieb, daß jemand um ihr dunkles Geschick wußte.
Auf der Bank, unter dem Ahornbaum sitzend, brachte sie nun die Morgenstunden mit dem Lesen englischer Blätter zu. Nie begann sie den Annoncenteil ohne die eine gewisse Hoffnung, eine Erwiderung auf ihre wiederholten Anfragen zu finden. An den Nachmittagen fuhr sie in die Umgebung von London, eilte oft stundenlang einer ihr von Ferne bekannten Gestalt oder einem Gesichte nach, welche beide sie an ihn erinnerten, nur um von neuem enttäuscht zurückzukehren.
An manchen Abenden sprach Gerhard's Prinzi
pal, Herr Brookham, bei der kleinen Familie vor. Er war unverheiratet, ein schlichter, nobler Charakter und lebte trotz seines ungeheuren Reichtums einfach und zurückgezogen. Elma sah ihn nicht ungern; er redete mit ihr von Wenden als von einem teuren Verstorbenen, und da er sah, daß sie sich für die englische Tagespresse interessierte, so brachte er jedesmal ganze Stöße der in seinem Kontor eingelaufenen ausländischen Zeitungen.
So schwand der Sommer dahin. Elma verlängerte ihren Aufenthalt in England, um wieder neue Nachforschungen anzustellen.
Sie blieb, bis die letzten Rosenblätter zu Boden fielen, bis die Nebel sich tiefer über die Landschaft senkten und das Laub sich zu färben begann, aber es kam keine Antwort.
10. Kapitel.
Ei n Blatt aus der Vergangenheit.
Wer fragt danach, ob unter rauhen Tritten, Ein kleines Blümchen stirbt am Wiesenbach. Wer kümmert sich darum, was es gelitten? Wer fragt darnach?
Wer fragt darnach, ob still ein Herz verblutet, In wildem Weh, bis daß es zuckend brach? Gleichgültig drüber hin der Zeitstrom flutet, Wer fragt darnach?
Alb. Seifner.
XXII.
Der September neigte sich seinem Ende entgegen; die letzten Tage waren sehr rauh und regnerisch und mahnten an den kommenden Winter.
In der kleinen Küche Truda's brannte ein helles Feuer, das seinen Schein in dem säubern Raume umherwarf und sich in den kupfernen Pfannen und blitzenden Deckeln widerspiegelte. Es sah recht anheimelnd und nett aus; das dachte
Heute am Morgen erst waren die Bewohner des Dorfes darangegangen, ihre bescheidenen Häuschen zu schmücken, zwifchen die blühenden Geranien auf ihren Fenstern ein Muttergottesbild, eine Lourdesstatue zu stellen, und zwei silberfarbige gläserne Leuchter dazu.
Birkenstämme um Birkenstämme mit den kleinen, hellgrünen Blättchen, den Weißen, appetitlichen Stämmen, brachten die Holzknechte her aus den kaiserlichen Domänen und stülten sie an die weißgetünchten Häuser, daß sie bis zur Holzvertäfelung hinaufreichten. Und wohltuendes Gras, das vom Brand der Junisonne gleich zu Heu wurde, fuhren die Weibsleute in Schubkarren daher und streuten es auf den Weg, den der Zug gehen sollte.
Dann und wann kam ein Fremder durchs Dorf, ein Hochtourist, der hinauf zu den stillen Bergriesen wollte, zu den kalten, schneebedeckten Firnen, die so glitzernd in's Tal, ins Hochland herabsahen, so glitzernd und lächelnd und doch so mahnend. Alle Jahre fordern sie dort ihre Opfer, ihre Opfer aus den Städten, als wollten sie sich rächen, daß diese immer näher an die Höhen herankommen, daß sie in den heiligen Frieden ihrer Schneeregionen Boten sandten, Boten ihrer Ueber- kultur mit Eispickeln und Steigeisen, die sich in ihre schützenden Eisdecken tief, tief eingruben, mit denen sie bis zu der höchsten Spitze steigen wollten, um von dort in eitlem, kleinlichen Menschenstolz hinabzusehen ins Land, um sich über die anderen Menschen, über Gottes Natur zu fühlen — ein waghalsiges Vergnügen!
~ Die Kirchenglocken fingen an zu tönen und hallen in mächtigen Schlägen ins Tal, ins Land und riefen mit ihrer Stimme die Frommen aus den Hütten zur Kirche und mahnten die Gottlosen, die Waghalsigen dort oben auf den Bergeshöhen, die statt am Festtage in Demut vor Gottes Allmacht ihre Knie zu beugen, ihre Erholung, ihren Feiertag, ihren Gottesdienst, wie sie immer zu sagen wußten, „bei der Mutter Natur" hielten.
Der Zug sammelte sich, zuerst der Meßner mit dem goldbeschlagenen Kreuze, dann die Schuljugend in ihrer bunten Tracht — an diese weißgekleidete Mädchen mit abgebrannten braunen Bäckchen und runden, braunen Händchen, ein Körbchen umgebunden, in dem Enzian, Alpenrosen, Hagedornblüten lagen, die sie ausstreuen wollten, allwo der Fuß des Dieners Gottes hintreten sollte, der in goldener Monstranz den Leib des Herrn durchs Dorf, durch Wald und Wiesen tragen sollte.
Vier alte, würdige Gebirgler in ihrer schönen, prächtigen Tracht trugen den Baldachin, unter dem eitie hagere Priestergestalt, den Kopf in Andacht gebeugt, die Monstranz trug, hinter dem „Him- mel" die Gemeindevertretung, dann die Männer und Weiber des Dorfes, die laut Gebete im Chore sprachen — „Vater unser, der Du bist in dem Himmel . . .", setzte der Vorbeter wieder ein. —
Da entsteht auf einmal ein Tumult, zu hinderst drängen sich Gebirgler um einen städtisch gekleideten Herrn, der, seinen Lodenhut trotzig auf dem Kopfe, dem Zuge vor will.
„Nimmst den Hut aba!" sagt einer von den Einheimischen.
Aber er tuts nicht. „Rückwärts bleibst!" Net vor gehst, sag i Dir!"
Er aber lacht nur frech — er will sich seine kostbare Zeit ob solch einer Bauernprozession nicht nehmen lassen, hinauf muß er zu den Berges-
bvhen, was kümmerte ihn ländliche Sitte, was katholische Gebräuche, seit er der Schule entwachsen, hält er sich nicht daran. Er gehört auch zu jenen, die nur dreimal im Leben zur Kirche kommen — die Schulzeit abgerechnet —, zur Taufe, zur Hochzeit und zur Leich'.
Da der Tumult immer lauter wird, gebietet der Pfarrer endlich Ruhe. „Laßt ihn vor, laßt ihn nur hinauf zu den Bergen!"
Und sie lassen ihn durch; frech den Hut aus dem Kopf, ein dummes, höhnisches Lächeln ums blasse Gesicht — geht er vorüber. Die Leute sind empört, erst da er um die Krümmung der Bergstraße ist, beruhigen sich die Gemüter, und als der Zug oben am Bartl seinem Hause angelangt ist und die Glöcklein der Ministranten klingen, und der Priester den Segen mit dem Allerheiligsten spendet, zieht wieder Frieden und Ruhe in ihre Herzen ein.
In goldener Sonnenpracht liegt unten das Dorf, die Dächer der Häuser glitzern und flimmern, die Kerzen an den Fenstern flackern im Sommerwind und ein Duft vom frischen Heu, von,Tannen und Laubwerk liegt über der Natur, wie weiße Flammen ragen die Gletscher in den blauen Himmel, und selbst in die tiefen Spalten der Felsen gleitet heute ein Sonnenstrahl — hell und vernehmlich tönen die Gebete der Menge durch die Luft, immer mehr verklingend, je tiefer der Zug herabsteigt.
Abend ist's, vor den Häusern sitzen die Leute und sprechen von der Prozession, die heute so schönes Wetter hatte. Der Pfarrer sitzt in seiner Stube und blättert im Kirchenbuch.
Da klopft's an der Türe: Ein Holzknecht tritt ein.
„Herr Pfarrer, oben im Teufelsgraben liegt a Tourist, der abg'stürzt ist, wir müssen ihn holen. Leicht, daß Herr Pfarrer a von Nöten wären, wann er eber no lebet!"
Und der Pfarrer eilt mit hinauf in die Berge, um einem armen Schäflein, das sich verirrt, das in die Schlucht fiel, ein guter Hirt zu sein.
Nach langem Steigen findet der Zug den Ab- gcstürzten. Noch röchelt er schwer. Indes ihm die einen seine Wunden waschen, machen die andern aus einer Tragbare ein Lager zurecht.
Der Pfarrer spendet ihm die letzte Oelung und als er bei Laternenschein ins Antlitz des Bewußtlosen sieht, erkennt er den Mann, der heute morgen so höhnisch an ihm vorbei wollte, welcher der Prozession voraus in die Berge wollte.
„Unser Herr verzeihe Dir Deine Sünden!" spricht der Priester leise.
Dann fassen ihn die Leute und legen ihn auf die Bahre. Doch ehe sie diese emporheben — stöhnt der Abgestürzte zum letztenmale. Der Pfarrer drückt ihm die Augen zu. Daun setzt sich der Transport in Bewegung. Voraus zwei Holzknechte mit Laternen, dann die beiden mit der Tragbare und hinter dem Toten der Pfarrer.
Und der, der heute früh nicht mit den anderen mit der Prozession gehen wollte — hat jetzt seinen eigenen Zug. ______________________
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auch die alte Dienerin, welche an dem blendend weiß gescheuerten Tische saß und strickte. Sie schraubte den Lampendocht etwas höher und nahm ein abgegriffenes Buch aus der Schublade, in das sie sich bald ganz vertiefte. Der Regen schlug wider die Fensterscheiben und übertönte ein leises Pochen an der äußern Glastüre. Das Klopsen wurde indes stärker wiederholt, sodaß die Alte endlich erschrocken auffuhr und mit dem Lichte binauseilte. Sie schob den feinen Tüllvorhang zurück und spähte vorsichtig auf den vordern Flur hinaus. Eine große, schlanke Frau mit einem eigentümlich interessanten Gesichte stand draußen; sie hatte ein wollenes Tuch um Kopf und Schultern geschlungen und hielt ein sauber geputztes Viechtöpfchen in der Hand.
„Ach," sagte Truda, indem sie die Türe rasch öffnete, „wenn ich nicht irre, so ist das ja unsere neue Hausgenossin. Na, das freut mich, da können wir ja gleich mitainander bekannt werden."
„Guten Abend, liebe Frau," sagte die Ein- tretende, „so hat mich Ihr gutes Gesicht doch nicht betrogen. Ich war so in Verlegenheit um ein wenig Milch für morgen früh und zu den vornehmen Leuten im ersten Stock wagte ich nicht zu gehen. Da dachte ich, Sie würden es vielleicht nicht übel nehmen, wenn ich noch so spät herunter käme."
„Behüte Gott," wehrte die Alte und zog den späten Gast auf die Bank am Herdfeuer. „Weiß ich doch selbst, wie es einem beim Ein- und Ausziehen an allen Ecken und Enden oft am Notwendigsten fehlt und da bin ich von Herzen gern behilflich. Ich will nur gleich das Töpfchen füllen, aber ich meine, das Hinauftragen eile gewiß nicht so. und wenn Sie ein Stündchen mit mir plaudern will, so soll's mich freuen. Hab' da überdies noch ein Täßchen Kaffee gestellt, das wird uns gut tun bei dem kalten Wetter."
„Ich nehme es dankbar an," sagte die Fremde
und reichte ihrer freundlichen Wirtin herzlich die Hand. „Aber damit das Bekanntwerden leichter wird, möchte ich gern wissen, wie ich sie nennen soll."
„Das ist aber auch wahr," lachte die geschäftige Alte, „da schwatze ich und lasse die Zunge mit dem Verstände davon laufen und weiß selbst nicht einmal, wie mein Besuch heißt. Also ich schreibe mich Gertruda Bomig, mein Seliger war Feldwebel. Aber der ist nun schon lange tot; am 9. August waren es gerade 32 Jahre, und 26 Jahre bin ich nun schon in der Familie meiner gnädigen Frau.. Doch davon ein ander Mal. Jetzt werd' ich wohl auch hören, wie meine neue Hausgenossin heißt."
„Gern, ich heiße Loni Lehrbach und bin die Tochter des verstorbenen Lehrers Korn in B. Mein Mann war Privatsekretär; er starb schon im zweiten Jahre unserer Ehe. Seitdem ernähre ich mich und meinen Knaben mit Weißzeugnähen."
„Ei, das ist ja schön," nahm Truda das Wort. „So gleicht sich doch unser beiderseitiges Schicksal und wir werden gewiß bald gute Freundinnen werden. Aber noch ein Täßchen Kaffe darf Sie mir nicht abschlagen, Frau Lehrbach, ich habe noch etwas frischen aufgegossen, dabei plaudert sich's besser. Ich will nur hoffen, daß es Ihr oben im Giebelzimmer gefällt, ein echtes Witwenstübchen, hab' ich immer gesagt, und hab'^selber viele Jahre behaglich d'rin gewohnt. Vor einigen Monaten trat nun die Frau Doktor die große Reise nach England an, und da wünschte sie, daß ich unten schlafen sollte, damit doch die Wohnung nachts nicht so ganz leer stehe. Ich bleib' nun für immer unten in ihrem Zimmer, da ist's ihr weniger einsam, denn sie hängt gar arg an mir, die gnädige Frau, hab' ich sie doch auf meinen Armen getragen und erzogen, kann man sagen. Da brauchten wir dann das obere Zimmer nicht mehr und ich bin nur froh, daß der Hauseigentümer es gerade an Sie vermietet hat." (F. .f)