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Fulda, Donnerstag, den 25. Mai 1905.

32. Jahrgang.

Zweites Matt.

Sa» MdmMMt lUiMl-Sevnd- ^afteMati a* lifbag inAff-ischch.

„Der Grundstein^ benennt sich das osfi-ieLe Wochenblatt der sozialdemokratischen Maurer- Organisation. Man könnte eigentlich erwarten, daß Leute, welche in ein Blatt schreiben mit diesem Titel, wenigsten- daraus die nützliche Lehre zögen, ihren Ausführungen den soliden Grundstein nicht mangeln zu lasten. Davon scheint „Der Grundstein- selbst nichts zu wiffen.

Er brachte nämlich (Nr. 18 vom 6. Mai 1905) einen Artikel „Mrsschrnware", der — auch eine Illustration zu dem Grundsatz, daß Religion Privatsache sei — strotzt von den plumpsten Ver­dächtigungen deS Christentums und der kathol. Kirche.

Der Schreiber findet nämlich — wo, daS sagt er nicht, wir vermuten in Rosenows so flräßltch urwtstenschastlichrm Pamphlet — daß Christentum und Kirche die Versklavung der Menschen betrieben haben und noch betreiben. Man höre:

„»In Mittel der Abrichtung zur Knechtschaft ist nicht XMt die rohe Gewalt, die Peitsche, der Hunger, daS Slend, sondern unendlich mehr noch der den Begriff der Menschenwürde schändende reli­giöse Wahn, wonach rS im Rat« der Götter oder SomS beschlösse«, daß der eine Mensch deS ander» Menschen «llave zu sein habe Diese verbrecherische Lehre ist a«S dem Heidentum auf die sogenannten „christlichen Völker" gekommen. Sie findet noch heute fanatische Verteidiger, teilt bemitleidenswerte Narre», teil» haffenSwerte Schurken, die dem unter, drückte«, auSged,«taten, mißdandelten und verachteten Arbeiter zu sag-n »ragen: nach „GotteS Ratschluß" sei er et» armer «nd elender P oletar; er habe die Pflicht, sein LoS geduldig und cbenltei» „dankbar gegen Sott" zu ertragen; im „befferen JenseitS", werde er dermaleinst die Belohnung finde»."

Also wirst „Der Grundstein- einen ganzen Mörtelkübel von Verdächtigungen gegen die Re­ligion und ihren Jrnseitsgedanken. Doch er trist- nur sich selbst, denn was er unter Religion und Jenseits zum Besten gibt, daS find Vorstellungen von diesen beiden, wie fie in einem sozialdemo­kratischen Hirn sich bilden, die aber mit dem wirklichen Wesen derselben nichts zu tun haben.

Wir fragen den „Grundstein- zuerst: wann und wo lehrt die Religion, daß der Mensch stumpfsinnig sich ergebe« soll in die wirtschaft­lichen Berhäitniffe, in die er hineingeboren ist, daß er stumpfsinnig eben SotteS Master über SslttS Land laufen laste, bis eben Sott selbst eine Aeuderung zu schaffen für gut fisdrt? Da „Der Grundstein" von Religion und Christentum keine Ahnung hat, so wollen wir ihm sagen, daß Ergebung in GotteS Ratschluß dem Menschen gelehrt wird bei den auS irden» Menschenleben unvertreibbaren Heimsuchungen, wie K-ankheit

und Tod, aber niemals in dem Sinne, daß der einzelne mit den wirtschaftlichen Berhältniffen, in die er bri seiner Geburt hinernttitt, sich unbe­dingt zufrieden zu geben habe und ihm jedes Strelen nach Besserung seiner Lrge untersagt und verboten fei. Religion und Christentum machen es ihren Anhängern zur Pflicht, mit allen erlaubte« Mitteln wirtschaftlich vorwärts zu streben. DaS Jenseits ist nach christlicher Lehre keine Belohnung für die Faulheit im Diesseits — die Faulheit steht wohl im kathol. Katechismus, aber nicht unter den Haupt tugen den, sondern unter den Hauptsünde«, — sondern eine Belohnung für Pflichterfüllung und treue Arbeit im Diesseits.

Wenn die sozialdemokratischen Christe-itumS- forscher anderer Meinung sind und glauben, di« Religion verheiße das beffere JensrstS dem stumpfsinnig Faulen, so beweisen fie damit nur, daß fie in ihren Forschungen über das Christen­tum noch nicht einmal zum Wiffrn eines ASC- Schützen vorgedrungen find.

Und der Glaube an ein Jenseits soll« die Menschenwürde schänden! Darauf antworten wir: Größere Schmach als die materialistische Weltanschauung hat noch niemand dem Mensche» angetan! Oder soll daS die Menschenwürde Heden, wenn man den Menschen bezeichnet als einen vom Kreislauf deS Stoffes blind zusammen­gewehten Hausen von Stoffalomen, als daS, was er ißt, als die Summe von Speise und Trank, wie daS die philosophischen National- hriligen der Sozialdemokratie tun I Wenn etwas die Menschenwürde hoch en psrhebt, so die Lehre, daß der Mensch nicht bestimmt ist, zu ende» wie ein toter Hund, sondern zu leben für ein ewiges Lebe«.

Wenn „Der Grundstein- dann weiter phan- lasiert: „Die vielberufene „Mutter Kirche" hat tatsächlich nichts getan, die Sklaverei zu über­winden," so bekundet er eben, daß ihm die Kulturgeschichte ein mit tausend Siegeln ver- schloffen«- Buch ist.

Oder weiß er wirklich nicht, daß et das Christentum gewesen ist, welches mit aller Tat­kraft die Sklaverei bekämpft hat, daß es das Christentum gewesen ist, welche- mit der Lehre von der Gleichheit aller Menschen vor die heid­nische Welt von damals trat, vor eine Welt, welche eben die Sklaverei als von Natur ge­geben verteidigte! Dann lese er einmal tm Neuen Trstcment das Brieflein des Apostels Paulus an Philemon, worin dieser dem Asreffaten schreibt, seinen Sklaven Ou.simoS als Bruder zu betrachten und zu behandeln. So­dann sei er daran erinnert, daß rS ameikanische Sklavenhalter waren, welche die Negersklaoerei rechtfertigen wollten mit dem Hinweis, daß die Neger einer niederen Raffe angehörten, daß er aber eben die „Mutter Kirche" war, welche die Abfla»MUNg all« Menschen von einem Paare, die Einheit des Menschengeschlechtes, lehrte und

damit die Sklaverei ein* für allemal als unver­einbar mit dem Christentum erklärte. Sollte der Mann aber gar keine Seschichtskenntniffe haben, so könnte er aus der Graeuwart wiffen, wie ein katholischer Papst Leo XIII. seine Stimme er­hoben hat für die Artttsklaoereibewkgung und für die Errettung der Neger Afrikas Das Um- sich werfen mit Kraftworten wie „bemitleidens' werter Narr" und „haffers-verter Schurke" ver­rät zu deutlich das Streben deS Schreibers, seine Ignoranz damit zu verdecken!

Aber hat eS nicht geistliche Fürsten gegeben, welche ihre Untertanen bedrückten? Zugegeben, daß eS solche Herren gegeben, welche zugleich LandeSsürsten waren und über dem Schwert den Krummstab, über dem Kriegsdienst den Kirchen- dienst vergaßen, was in aller Welt hat das mit der Kirche zu schaffen, wenn eivzelne Glieder derselben ihre wahre Mission vernachlässigt? Wie entrüstet sich die sozialdemokratische Presse, wenn man für Vergehen einzelner Genoffen die Sozialdemokratie haftbar machen wollte! Da ist man gleich bei der Hand mit der Gegenrede, daS feien Sachen bei einzelnen, für welche die Partei als solche oder gar der Sozialismus nicht haftbar zemacht werden dürfe und könne. Ganz recht! nur sollte diese Weisheit auch andauern, wenigstens von 11 Uhr bis Mittag, will sagen, wenn man wider Religion und Kirchs zu Felde zieht.

Die ganze Schimpferei deS „Grundstein" erinnert «n jene Maurer, die nach einem blauen Montag ein Sack voll Mehl statt eines SackS Zement mwifchtrn und nun wack« drauf los arbeiteten, aber die merkwürdige Beobachtung machen mußten, daß, je länger fie arbeiteten, ein desto flüssigerer Brei zum Vorschein kam, bis sie ihren Irrtum wahrnahmen. So hat der „Grundstein" in seinem Artikel „Menschenware" etnen gehaltlosen Brei zusammenzerührt, wozu nun gerade keine besondere Kunst gehört. Mögen mit dieser Kost seine Leser zufrieden sei»; Ar­beiter«, die ihren Katrch SmnS kenne«, imponiert das |o wenig wie das Husten einer Zimmer- fliege.

Deufldhes Reich.

Berlin, den 24. Mai 1905.

* Ti- "Taufen" des Predigers Man- ritz in Breme». Zu der Meldung der »Deutsch Svamel. Kirchenztg.', daß der Senat der freien Stadt Bremen die Taufen des radi­kalen Prediger- Mauritz, die nicht im Namen deS Dreieinigen GotteS vollzogen Md, für un- giltig erklärt habe, bemerkt dir »Krenzztg/, daß der Senat, falls er nach der Bremer Kirchenvrr- faffung zuständig fei, damit nur feine Pflicht er­füllt Haden würde und fährt dann fort: ,@ine kirchliche Amtshandlung ist nur dann giltig, wenn sie in de« von der Kirche vorveschriebenen

Formen erfolgt ist. Der kirchlich« Akt der Taufe kann nur im Namen jdeS Drei­einigen Gottes vollzogen werden. Sine „geistliche" Handlung, bei der diese Bezugnahme fehlt, kann der Schein einer Taufe haben, nie­mals aber eine wirkliche Taufe sei». Das ist ein Satz, der innerhalb der evangelischen Kirche gemeinrechtliche Bedeutung hat. Demnach würde z. B. in unserer preußischen evangelischen Landeskirche eine vom Prediger Mauritz unter Richtbeobachtung jener Form vollzogene „Taufe" als nichtig zu betrachten fein, selbst wenn der Senat die UngiltigkeitSerklärung nicht ausge­sprochen hätte, und jeder evangelische Marr« müßte, wenn einer seiner Konfirmanden fich nur auf eine derartige Scheintaufe beriefe, vor der Vollziehung der Konfirmation die Nachholung der Taufe in der kirchlich oorgeschriebeneu Form verlangen." DaS ist genau der Stand­punkt, den die katholische Kirche ein­nimmt. Wenn nun selbst Protestanten die von Protestanten vollzogene „Taufe" nicht anerkennen, sondern „Medertäuferei" treiben, warum ereifert man fich denn so gewaltig gegen die kstholifihe Kirche, «eil fie unter gleiche« Umstände« da­gleiche tut?

* Das Abgeord«ete»h«»s wird voraus- sichtlich am DtrnStag feine Pstngstferieu be­ginnen. Nach denselben wird er noch einmal zusammentreten, um über die Vorlagen zu be­rate», die vom Herrenhause an eS gelangen. Der ReiSStag wird fich am gleichen Tage ver­tagen, wenn die Vertagung nicht bereit- am Samstag dieser Woche erfolgt.

Vermiichfes.

• Ei« Schreibfehler l W* juugeS Mädchen ta Eervinara brt Neapel wollte fich die nötige» Heirat-- papiere vom Standesamt hole», aI8 fie ju ihrer Hebet» rasch«»« erfuhr, daß bei ihrer GeburtSeintragung ihr Name Äcia am »ehe mit einem „o“ geschrieben war und fie infolgedessen als .männlich" in de» Register» figuriert«. Dann aber erfuhr daS junge Mädchen, daß fie fich bereits der — StellungSpflicht »um Militär­dienst entrogrn habe! DaS bedeutet« aber gleichzeitig eine Hinausschiebung der in Frag, stehenden Hochzeit um mehrere Wochen.

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