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32. Jahrgang

Fulda, Samstag, den 20. Mai 1905.

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Heber -en Natlonalrelchtunr Japans veröffentlicht die .Oesterreichische Monatsschrift für den Orient cuf gründ eingehender Angaben österreichischer Geschäftsträger in Tokio eine ans. führltche Zusammenstellung. Danach belief sich im Jahre 1904 das Sefamtverwögen der th Handel, Industrie, Landwirtschaft, Ba»kwrsen, Bergbau, Schiffahrt und Eisenbahnwesen tätigen Gesellschaften Japans auf 1760 Millionen Mk., wovon etwa 85 v. H auf Aktiengesellschaften entfielen. In den Banken Japan- waren Depo- fiten von etwa 1440 Millionen Mark eingelegt. Diese Summe erscheint groß, wird aber durch eine vergleichende Betrachtung alS ein verhält­nismäßig geringer Betrag gekennzeichnet. Die Depofiten der britischen und irischen Banken be­liefen fich Sude 1904 auf 15 940 Mill. Mark. Wenn man sämtliche zopanische Banktepofittn und daS ganze Kapital der japanischen Bank-, HaudelS- und Jndustriegesellschafte^ zusammen- nimmt, so ergibt fich «st »in Viertel der zuletzt angegebenen Summe. Bier große rngllsche Banke« verfügen allein über Depots, die all diese japanischen Engagements um 670 Mill. Mark übertreffen. Die in der Industrie und im Berg­bau Japan» angelegte« Kapitalien erreichte« 1902 tineu Betrag van 350 Millionen Mk., und deS wäre nur ein Drfttel der Depofiten, die allein die englische LloydSBovk besitzt. Die Eisen bahn- und Schiffahrtsgesellschaften in Japan

hatten ein Kapital von 530 Millionen oder xur der Hälfte der Depofiten dieser einen engiifchen Bank. DaS Gesamtkapital der japanischen Banken belief fich 1902 auf rund 2340 Mark, und auch diese Summe wird von drei bedeuten­den englischen Banken, zu denen außer der ge­nannten die National Brook cial Bank und die London and Sountry Bank gehSren, um mehr als 640 Millionen übertroffen. Selbst wenn man die Staatsschulden Japans mit 1140 Mill zu den Bankdepofiten und dem Jndustritkapital hinzufügt, so kommt man ast auf eine Summe von 4340 Millionen. Nimmt man hingegen zu de« Depofiten der drei genannten englischen Banken noch die von nur zwei weiteren, wenig« bedeutenden hinzu, so kommt man auf eine Summe von 4580 Millionen Mark. Nach eng- lifäem Maßstab gemessen war Japan also im Jahr- 1902 ein arweS Land. Zieht man nun außerdem in betracht, daß sich seitdem von de« genannten Posten in Japan wohl nur die Staats- schulden gesteigat haben, so kann man die finan­zielle Lage deS Landes füglich keine glänzende nenne«. Diese Erwägung hat selbstverständlich ihre große Bedeutung für die Beurteilung von Gegenwart und Zukunft in Ostafien. Selbst wenn Japan alS Sieger aus dem Kriege hervorgeht, würde eS feine Finanzkraft aufs äußerste «schöpft hobrn müssen. Daraus «gibt sich auch, daß unt« de« vorgeschlagenen Friedensbedingungen die Zahlung ein« erheblichen Kriegsentschädigung eine so wichtige Stellung eingenommen hat, und daß e» wesentlich auf die Erledigung dies« Frage ankomme» wird, ob die «gelbe Gefahr" nach Beendigung deS Krieges mit akuter Schärfe auftreten wird oder nicht.

[] Mnderaussagen.

Vorsicht bei Prüfung der Kinderaussagen vor S«icht und im Privatleben! DaS ist die Mahnung, die fich aus einem sehr interessant« Vorträge ergibt, d« Privatdozent Dr. L. W Stern-BreSlau tm Psychologischen Institut der Uni- versttät vor dem V«ein der Kinderpsychologie hielt.

Noch immer, so führte der Red«« auS, be­steht bei den Gerichten die irrige Meinung, daß Kindern, wenn ste nicht als direkt verlogen be­kannt find, ihre Aussagen geglaubt w«dm müsse». Demgegenüber muß auf gründ der neueren Befunde der experimentellen Erforschung der Kind«lügen betont werd«, daß das Gebiet unbewußt falsch« AuSsagm bei Kindern außer­ordentlich groß ist. Dr. Stern bttichlrte 8b« seine Versuche in dieser Richtung. Sc hat etwa 50 Kindern von sieben bis vierzehn Jahren ei« einfaches Bild vorgelegt, das in grellen Farbe« eine Bauernfiube darstellt. Die Kinder konnte« es fich je eine Minute lang genau ansehen, und es wurde ihnen vorher gesagt, daß ste eS nach­her beschreiben sollten. Das gleich darauf folgende Verhör ergab ein ganz überraschendes Resultat. Am richtigst« waren die Angaben noch bei dem spontanen B«icht über das Gesehene. H!« waren nur 5 bis 6 Prozmt d« Angaben falsch. Viel ungünstiger war daS Resultat bei demBer- hör, daS 80 Frag« nach allen Mnzrlheitrn des Bildes umfaßte, wobei auch Suggestisfrag«. das heißt, Fragen nach Gegenständ« gestellt wurden, die gar nicht auf dem Bilde vorhanden war«. 83 Prozent der Aut sagen waren bei dem V«hör falsch, also jede dritte Antwort. Beson- derS viele Fehl« wurden in der Angabe bet Färb« gemacht, auch die Anzahl der Segen stände wurde meist falsch angegeben. Sehr zu denk« gibt daS Resultat btt Fragen nach Gegenständen, die in Wirklichkeit auf dem Bilde nicht vorhan­den waren. Mese Srggefiivfragen wurden von 49 Prozent aller 7jährigen Knaben bejaht. Bei lO^jährigen Knabe« betrug d« Prozentsatz der falschen AaSsagen 28 Prozent, bei 14Wrigk« 19 Prozent. Von den 7jährig« Mädchen fielen auf die Suggestivfragen 51 Prozent hinein, von lO'/ijährtgen 49 Prozent und von 14jährigm 18 Prozent.

Aus diesen Forsch ungsergebmssen, die «och durch viele andere ergänzt wurden, zieht Dr. St«n den Schluß, daß die Vertrauensseligkeit gegenüber KinderauSsagen erheblich herabgesetzt roer*en muß. Die Auslagen richte« fich ganz nach der Art btt Fragestellung, b« sonders von autoritativen Person«. Daher könne« gerate vor Gericht von sonst wahrheitsliebenden Kindern in autem Glauben ganze Lügengewebe Borge- bracht werden. DaS trifft besonders zu auf das Gebiet von sexuellen Befchuldigungen halb- wüchsiger Kinder peg« Erwachsene. Dis schlimmst- Suggestion deS Kindes liegt bt der Konfron, tation mit dem Angeichuldigtev. Diese PragiS sollte man vor Gerüht ganz fallen lass«, dem Kinde vielmehr die Aufgabe stellen, auS da« ganz« Reihe vorg«führtet Personen bm Schul­digen herauszr finden.

koitiere». Gegen Frenkreich, insbesondere gegen die französische Gesandtschaft scheint auch die Berhaftmig eine» angesehen« Franzosen Bougrciw, d« früh« Hauptmann in der französischen Artillerie und dann Vertret« d« großen Waffenfabrik von Schneidern Co. in Le Lreusot war, sowie seiner Stiefsohne» Strange, eine» England«», in Tokio gerichtet zu sein, die d« Spionage zu Gunsten Rußland» beschuldigt werden. Bougocim stand mit der sranzöstschen Botschaft in eng« Beziehungen; der französische Milftärattachee ist Bräutigam sein« Tochter. — Im Sols von Petschtli stießen ein englisch« Dampf« und zwei japanische Trans­portschiffe auf Mine«, die fich dort von ter Belagerung Port Arthur» her hernwzutreiben schein«, und sanken.

[] Vefttchungsgelder.

Seit einiger Zett find Bestrebungen hervor- getreten, die den Erlaß besonders strafgefetzlich« Bestimmungen gegen die Bestechung der An­gestellten kaufmännischer und in­dustrieller Betriebe durch Lieferanten zum Ziele haben. ES wird behauptet, daß die GewLhrrmg von Geschenken und sonstigen Vor­teil« an die Angestellten zu dem Zwecke, diese zu einer Bevorzugung der Waren des Geschenk- geberS vor dm Waren anderer zu bestimmen, wehr und mehr Verbreitung finde, daß Lieferan­ten nicht seit« mit den Angestellten ihrer Ab­nehmer in festem Abrechnungsverhältniffe stehen, nnd daß solche Vorteile sogar öffentlich in Zei- tungSannoncen angeboten wttden.

Auf btt anderen Seite wird die Auffaffaug vertreten, daß zu einem Einschreiten d« Gesetz­gebung zur Zeit eine ausreichende Veranlaffnng nicht vorliege, da bereits daS geltende Recht Handhaben biete, einem unlauteren Verhalt« sowohl deS Geschenkgebers wie deS Angestellt« entgegenzutreten, im übrig« aber zunächst zu versuchen sei, der Mißstände im Weg« der Selbsthilfe Herr zu werden. Zunächst weist man auf, die Schwierigkeiten hin, die fich bei der Mannigfaltigkeit der In betracht kommenden Ver­hältnisse einer ficheren Abgrenzung deS strafgesetz­lichen Tatbestand« sowie einer wirksame« Durch­führung der Strafoorschrift entgegenstelle« wür­den, und gibt der Besorgnis Ausdruck, daß daS Gesetz zu nutzlosem Eingreifen in die inneren ge­werblich« Verhältnisse und zu häßlichen An­gebereien führe» werde.

Die Angelegenheit ist bei der diesjährige« StatSberatung auch im Reichstage zur Sprach« gekommen. Die von einzeln« Seiten gestellt« bestimmten Anträge haben zwar bei der Abstim­mung eine Mehrheit nicht gefunden, jedoch lassen die Behandlungen kein« Zweifel darüber, daß daS Bestehen schwerer Mißstände vom Reichstage anerkannt wird. AngefichtS der Verschiedenheit der Auffassungen wird aber der weiteren Entschließung zunächst eine eingehende Untersuchung über den Umfang dieser Mißstände und über die Rätlichkeit gesetzgeberischer Maß­nahmen vorangeh« müssen.

Vom Staatssekretär deS Innern auS find deshalb die Bundesregierungen ersucht worden, in dirserRichtung Ermittelungen anzustellen. In erster Linie wird die Anhörung der Han- deltkammer in betracht komme«; in Orten, wo geeignete Vertretungen von Angestellten bestehen, soll auch letztere« Gelegenheit gegeb« werden, über die betreffenden Fragen fich zu äußern. ______________

Wochen-Runditfiau.

(Nachdruck verboten.)

Fulda, den 20. Mai 1905.

Der deutsche Kaiser wellte bi» zum Diente tag in teu Reichrland«. In Gravelotte nahm « an ter Einweihung der auf dem Friedhöfe zu Ehr« ter dort im Jahre 1870 gefallen« deiftschen Krieger «richtet« GedächtniShrlle teil. Ein Teil d« sran- Äffisch« Presse möchte die Fei« zur Aufstachelung de» Chauvinismus benutzen. Im allgemein« ab« wmde den Paris« Herren ein'Sttich durch die Rech­nung gemacht, da ste eine große militärische Demon­stration und aggressive Rede de» Kaiser» erwartet hatten, während in Wirklichkeit nur eine stille Feier stattfand. — Am Montag waren am Hoflag« de» Kars«» in Metz versammelt die Kardinäle Fürst­bischof Kopp vonBreSlau und Erzbischof Fischer vou Köln, die Bischöfe von Metz und Straßburg, d« Reichskanzler, die preußischen Minist« v. Bethmann- Hollweg, v. Einem und Budde sowie die Spitzen d« Zivil- und Milttärbehördm d« Reicht lande. An dies« Umstand find sofort allerlei große politische Kompinatioueu geknüpft worden. Kardinal Kopp überreichte dem Kais« d« Orden vom hl. Grabe, um deff« Annahme ihm in Erin««ung an die Palästinaretse der Patriarch von Jnusalem gebeten hatte. Man hat der Ueberreichung de» Orden» eine politische Bedeutung beigelegt im Hinblick auf da» von Frankreich trotz d« Kirchenfeindlichkeit seiner Machthaber noch immer beanspruchte Schutzrecht über die Katholiken im Orient. Deutschland beansprucht jedenfalls kein wettere» Schutz recht al» über deutsche Reich-angehörige. Die Ansprache, die d« Kaiser bei ter Entgeg«nahme bei Orden» hielt, deutet auch mit keinem Worte daraus hin, daß « in die vermeint­lichen Befitzrechte d« Franzosen im Oriente etazu- greifen beabsichtige. Wohl aber könnten einsichtige Franzosen die Lehre entnehmen, daß e» nicht im politischen Jntneffe eine» Landes liege, fich feindlich zur kaiholijchen Kirche zu st-llen. D« Kais« äußerte sich recht freundlich ü5n- d« vorigen und jetzigen Pspst, über die Wi kfomleit d« Benediktiner und üb« die Katholiken im Oriente. Wenn seine Sprache so gar nicht mit der de» Evangelischen Bunde», wie wir ste jetzt alle Tage vernehmev, übereinstimmt, so bestätigt da» für ue» nur wieder, daß « weit üb« die Kurzsichtigkeit und die Borurteüe der Fara- tiker erhaben ist. E» beweist ua» ab« nicht, daß wir un» weg« der Treib«eien dies« Leute gar keine Sorge zu mache« brauchen. Sie werd« auch die Metz« Vorgänge und Red« zu neu« Hetz«ei aus- nutzen und man kann nie wissen, wohin ter Fana- tt»mu» führt. — Am Mittwoch hat d« Kaiser sich nach Wiesbaden begeb«, wo am Donnerstag früh auch die Kais«in eivgetrrff« ist.

Der Reichstag hat nach drei Sitzungen, in denen er RcchnuvgSsachen, Wrhlprüfuugeo, Petitionen und in «st« Lesung die vou d« Mehrheit sehr günstig aufgeuommene Borlage über die Eisenbahn ta Kamerun erledigt, bereit» wird« eine viertägige Prwse eintreten lassen, teil» weil eS ihm an w«h- tigerem ArbeftSpoff fehlte, teil» um den Kommissionen Zett für ihre Arbeit« zu lassen. C» heißt, daß die Regierung beabstchtige, den Reichstag abttwal» zu vtttag«, nicht ihn zu schließen. DaS dürste gegen »«de des Monats geschehen, doch wünscht die Regie­rung, daß die Novttle zum Börsengesetze vorher noch beendigt w«de. Dazu scheint die Mehrheft fich auch b«eit finden zu wollen, nur ist e» fraglich, ob das Werk gelingen und vor allem, ob e» durchweg so ausfall« wird, w'e Regierung asb Börse wünschen.

Da» preußische Abgeordnetenhaus er- ledigte die EismbahrVorlage, da» Gesetz üb« die B««altn»g gemeinsamer Jagdbezirke, da» den kons«- vativm Großgrundbesitze« und Jagdüebhatern sehr geg« den Strich ging, die von der Hantelrkommiffiou beantragte Novelle zum WarenhauSpeuergesetze und verschiedene kleine Vorlagen. Die Mehrheit d« Berggesetzkommiffiou scheint auf der Reise in da» Ruhrkohlttgebiet in ter Srffoffung bestärkt worden zu sein, daß die gesetzliche Einführung de» santtären MoxfiuolarbeitStage» und verschiedener and«e, war °>e Regierung in der Bergarbeitnschutzvorlage vor- schlägt, übe? flüssig sei. Dennoch rechnet man stark damit, daß t» schließlich doch zu einer Verständigung Misch« Reginung und Mehrheit kommen werde, well LieMehrhett die polftischeoFolg« de» Scheit «rS der Vorlage scheut und vermeiden will, daß die Frage au den Reichstag komme. Die Reginung soll nicht beabfichiig«, gegen den Landtag an d« Reichstag zu apprllt««, ab« ohne Zweifel würde im Reich»tage selbst die Initiative ergriff« werden, wen» der Landtag versag« sollte.

D« Hochschul.Rummel geht in alt« Weise weiter. Immer mrhr akademische Senate trete» mit ihren Ein gab« an den Kulturminister zum Schutze d« »akademisch« Freiheit* hnvor. En in Weimar abgehaltener sog. BerbardStag d« deutschen Hoch­schul« hat langatmige Beschlüsse gefaßt, tu denen »war da» Bestreb«, den Terrorttmu» gegen die katholisch« Student,»verbindungen zu vermeiden oder durch den Schein ter Freiheft zu wahr«, ein wenig bemerkbar »ftd, die ater tatsächlich dlefilbe llnlogik und Unduld­samkeit verraten, wie die ganze .Bewegung" ste bis­her gezeigt hat. In d« letzt« Tag« hob« im «ul- tNSmttistermm die Konferenzen mit len Rektor« der

preußisch« Hochschulen stattgefund«. Hoffentlich haben die Hvren Rektor« fich da überz«gt, daß die akademische Freiheit nicht in Gefahr anb e» Seit ist, mit dem lächerlich« Rummel auszuhör«. D«B«lin« Profeffor Paulsen hat in einer Besprechung eine» Schristchen» de» katholischen Professor» Merkle in Würzburg über die katholffch-tbeologifchrn Fakültät« eindringlich vor der konfessionellen Hetze und einem neuen Kulturkämpfe gewarnt und bei dies« Gelegen- heft noch den Feldzug geg« die katholischen Stu­dentenverbindungen und da» fortgesetzte Begehr« und Schmähen auf die angebliche Nachgiebigkeit der Re- gi««ug geg« die Ansprüche te» Zentrum» scharf ge­rügt, aber « wird wohl nicht viel damft erreich«. Eher hat er zu gewärtig«, daß die Hetzer üb« ihn hersall« und chn b« 8ie6ebi««e! gegen ben ,Ultra« montaniSmu»* bezichtigen.

Im liberalen Lag« ist fett kurzem wieder viel von dem Zusammenschluß aller liberalen Richtungen die Rebe. Mr haben daraus nicht ben Einbruch gewonnen, al» ob wir nun «blich bet „großen liberalen Partei" näh« gekommen sei«. Im Gegenteil unt« dm Nationalliberalen macht fich bieb fach stärker al» früh« da» Bestrebe» bemerklich, fich de» Kons«vativen statt den Freisinnig« zu nähern.

In Oesterreich hat da» Abgeordnetenhaus die Zolltarffvorlage angenommen. R««ding» war viel die Rede von bet .Parlamerftatifietung" de» Mi­nisterium», b« Bildung eine» Koalitio? »Ministeriums au» den verschiedenst« Parteien, die ein solche» zu urtte, stützen bereit seien. Der Plan ist indetz „ver­tagt" worb«. Bei ben GrmeinberatSwahlen im vier­ten Wahlkörp« de» neu angegliebetten 21. Wien« Bezirke» siegte b« sozialdemokratische Kandidat über den christlich-sozialen. Darüber herrscht bei all« Geg- tsttu ter Christlichsozialen großer Jubel. Der Sieg wurde aber nur dadurch errungen, daß die Literalen -für ben Sozialbemvkraten etattot« unb die Sozial­demokraten einen unerhörten TerroriSwul aurübten. Die Wahlschlacht wat eine Schlacht tat eigentlichen Sinne, denn dank b« Brutalität bet »Genossen" kam es zu zahlreichen blutigen Zusammenstöße».

In Frankreich traten am Montag bie Kammern toleb« zusammen. Soweit Interpellation« übet Ma­rokko, bie Neutralität Frankreich» in Ostafien usw. dazu Zeit lass«, werd« bie Kirchenfeiute auf bie schleunige Durchberatung der TremmngSvotlage drängen. Inzwischen hab« die Petitionen gegen die Borsage bereit» üb« 2 Million« Uatetschtisten ge­sund«. Darum toaben die Kultutkämpser fich aber wohl wmig Kimme«. Eine sozialistische Interpellation üb« die N-uttalität Frankreich» wurde auf Wunsch de» Ministerpräfid«ten Ronvi«, der v«fich«te, daß bie Reginung peinlich für bie Beobachtung der Neu­tralität sorge, bi» Freitag vertagt.

Im englischen Unterhause stellte Premiermi­nister Balfour vor einigen Tag« umfangreiche „theo­retische" Bettachtung« über bie Verteidigung Eng­lands und Indiens an. Bezüglich Englands kam et zu dem Ergebnis, daß die Annahme ein« Invasion nicht ernstlich in bettacht zu ziehen sei. Sine Invasion Indien» sei nur von kabel ober Kandaka» au» mög­lich; einet solchen würden ab« unüberwindliche Schwierigkeiten im Wege stehen. Sollte ein Versuch gemacht w«d«, auf afghar ifchem Bodm Effenbahnm im Zusammenhänge mit ben russischen strategischen Bahnen zu bauen, so müßte ba» als eine direkt feinte selige Handlung gegen England», als der denkbar schwerste, gerade gegen da» Herz de» Kaiserreich» In­dien gerichteter Schlag betrachtet werd«. Im Fried« würde England den Bau von Bahnen in Afghanistan nicht gestatt«. An Deutlichkeit lass« die Au»- führungen Balfom» für die Russen nicht» zu wün­schen übrig.

In Rußland hatte man für die Maifestseier am letzten Sonntag wieder schw«e Ar beit« Unruhen und Zufmmnenstöße d« Arbeit« mit d« bewaffnet« Macht befürchtet, betonter» ta Petersburg. Wurde doch sogar berichtet, die Arbeiter hätt« fich in einem Walde bei Petersburg irn Bombenwersen und Schieß« geübt. Man hatte große Vorkehrungen zur Ausnahme von Verwundet« in ben Krank« häufe« u. s. w. ge» treffen. Der Taz verlief jedoch, abgesehen von un.be- beuteaben Versuchen, ftuibgtbürgen zu veranstalt«, ruhig. Bei dm Kundgebungen scheinen fich vor allem die Juden hervorgetan zu hab«. Auch ta ander« groß« Städten, wo man blutige Vorgänge befürchtet hatte, kam e» zu keinen ernsteren Zwischenfällen. Sonst aber baue« Unruhen, Attentate unb Vorbereitung« für Attentate fteilich an.

Anftem ostasiatischen Kriegsschauplätze in d« Mandschurei scheint jetzt Wied« so ziemlich ohne Unterbrechung gekämpft zu werd«, wen» e» auch bisher noch nicht wieder zu ein« groß« Schlacht ge­kommen ist. Die Ruff«, die verschiedentlich kleine Er­folge meldet«, zieh« offevbar im allgemetaen den Kürz««, denn neu«ding» kam« wird« die so schön stilisirrt« Meldung«, wonach sie fich zurückgezogen hab« wollen, nachdem sie ihre „Aufklärungen beend«" hatten, ob« wie bie Redensart« sonst laut«.—Die «sstsche Flotte scheint die Gewäff« von Französisch- Judochina, an deff« Küpe sie fich langsam wett« bewegt und möglichst lange ausgehalt« hatte, nun­mehr verlass« zu hab« nnd nach Nörten toeittr ge­fahren zu fein. Wo ste fich gegenwärtig befindet, ist tadeß mit Sicherheit nicht bekannt, kau« doch auch Meldung», wonach ste fich n och immer in frauzöfischen Gewässern aufhätt. In Japan wftb man fich fiter die fortgesetzte Verletzung d« Neutralität durch Frank- reich so bald noch nicht beruhigen. Erhebt man kein» disttowatifchen Protest «ehr, so sucht man fich doch geschäftlich an ten Franzos« zu rächen Unter ben l«panisch« Kar fleuten ist eine starke Bewegung im Gang, fraozöfische Geschäftsleute und War« zu teq-

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