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Fulda, Samstag, bat 20. Mat 1905.
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25 Pf«.; bei M»*> lolaige* wirt «wM «abatt gewährt
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32. JahrglMg.
Franz von wenden.
Rovelli von State« Brechte».
4 ------ Nachdruck verboten.
„Da» eben ist mir unbegreiflich,- sagte die Frau lkommerzienrätia Rebwald, .wie Herr Brun« seine Tochter, die Erbin diese» grotzen Bermögen», einem etusachen Doktor geben konnte. Nun, wer weiß, die Sache hat wohl auch ihr Häkche«.- - Diesem geistreiche« Ausspruch nickten sämtliche Damen Beifall zu.
-Ist Herr vou Wende« wirklich so geschickt, wie man lagt?- fragte Fräulein v. Hornstein, indem fie die mageren Schultern fester in ihr Spitzentuch hüllte. Zchre Frage wurde mit beredtem Achselzucken beantwortet.
.Wir hatte« ch» im vergangene» Herbste einmal M «n» bitte« lassen," erzählte Frau Konsul Brann- fel», eine stattliche Dame. „Meine Tochter fühlte fich unwvhl, aber fie fand de» Doktor» Benehme« so unfein und wenig ltebenrvürdig, daß wir un» «»«mehr entschlosstn habe«, eine» anderen Hausarzt anzuaehmen. Herr von Wenden wi-d ja auch jetzt seine Praxi» ausgebe«, wie ich gehört habe. Doch dort kommt ja «eine Tochter selbst. Asta, mein Liebling, erhitzest Du Dich auch nicht za sehr? Beoenke Deine Nerven!" Mit diese» Worten wandte fie fich a« eine junge Dame, welche da» Blumesgemach soeben betrat. Dieselbe trug eine Robe von mattem, seegrünem Alla», welche von vmaragdagraffeu ausgenommen wurde. Ein gleicher Geschmeid- umschloß den Hal», «nd in ihrem rötlichbloaren Haar, dar wie eine einzige leuchtende Maffe über ihre Schultern wallte, prahlte ei« einzelner Smaragdstern in grünem Feuer. Ihr Erficht Ritte sehr schö« genannt werde» könne«, wäre «ich» ei« starker Zog von Kälte und Hochmut demselben einen gewesen. Unstreitig war Fräolei« Asta Braun- sel» «tot der glänzendste» Erscheinungen de» Abend». — In diesem Augenblicke beugte fich dir junge Dune
Unpolitische Zeirtflufe.
(Nachdruck verboten.) j
® Berlin, den 19. Mai 1905.
Gi« Namensvetter kann einem sehr unange- nehm werden. Wenn er irgend eine Dummheit macht, die in die Zeitung oder in den Mund der Klatschbrüder und Klatfchschwestern kommt, so läuft der gleichnamige Unschuldige Gefahr, daß man ihm die Geschichte aus sein Konto schreibt. Er kann noch vom Glück
sagen, wenn ihn jemand am Rockknopf saßt und offenherzig fragt, ob er eS denn wirklich gewesen sei; denn nun kann er fich wenigstens serdefendieren und der üblen Nachrede einen Damm setzen.
In diese Lage ist auch der Wohnort drS „Unpolttischen" geraten, und er mit ihm. Da lief vorige Woche durch die Zettungen eine Mitteilung, daß am Sonntag, den 7. Mai (bekanntlich der erste schöne Dounensonntag) in Zeh len- darf bei Oranienburg der Gottesdienst in der Kirche habe ausfallen müssen, weil dir Glocken vergeblich gelockt hatten, kein einziger Bewohner deS Ortes in der Kirche erschienen wäre. Da haben nun offenbar einige Leser den Zusatz „bei Oranienburg" nicht beachtet oder nicht richtig verstanden; genug, an mich erging die Anfrage, ob denn mein Zehlendorf diese kkchenscheue Gemeinde sei. Zum Ueberfiuß hatte nun noch ein Berliner Blatt an die Nachricht von der gänzlichen Kirchenleere die spöttische Bemerkung geknüpft, man möge doch mach dem Muster von Berlin schnell in Zehlendorf eine zwett« Kirche bauer; denn nach An- ficht deS Herrn v. Mirbach und seinen Genossen gäbe e» kein besseres M.ttel gegen schlechtbesuchte oder leere Kirch-, als die Errichtung von wetteren Kirchen! Diesen Spott muß wohl semand in Verbindung mit unserem Zehlendorfer Kirchenbau gebracht haben; denn ich bekomme daS betreffende ZettungSblatt von einem Leser mit reichen Rufzeichen zugeschickt. ,
Mrr unsere Hände »”
blanker Unschuld. SS 9u/ ‘6~a?. Z-blendorf, eins bei Oranienburg nördlich von Berlin, eins bei Steglitz südwestlich von Berlin. Die leere -Kirche steht bei Oranienburg und geht also den Unpolitischen oder feine Gemeinde gar MtS - an. Unser Zehlendorf führt zum Unterschiede r von dem andern die Postbezrichnung „Zehlendorf (Wannseebahn)". Ich darf wohl mit vollem Rechte hier sagen: unser Zehlendorf; denn die mlldtätige« Leser der „Unpolitischen Zeitläufe" .haben fich den dort wohnenden Glaubensgenossen so liebevoll angenommen, daß fie allzumal zum -Ehrenbürger von Zchlendors (Wannseebahn) ernannt zu werden verdienen.
Wie e8 nun mit dem Kirchenbesuch meiner evangelischen Mitbürger steht, habe ich nicht zu beurteile», «brr ich kann zu ihren gunsten ver- zeichnen, daß hier nodi kein Sonntags -Gottesdienst wegen Kirchenleere ausgefallen ist. Also in der Beziehung steht unser Zehlendorf doch «och viel besser da, als der StammeSvetter bei Oranienburg. Die Katholiken in unserem Zehlen- dorf halten bekanntlich ihre» Gottesdienst in einer Notkapelle ab, die von Geburt eine Scheune ist. Daß fie an allen Sonntagen gesüllt ist, brauche ich wohl nicht erst zu versichern.
Am letzten Sonntag, den 14. dS. Mts., wurde hier am Orte der Kirchenbesuch in Der- suchung geführt. Bon «emeindewegen war näm- lich eine volkstümliche Schillerfeier veranstattet worden. Der Festzug, der nach allen Berichten recht hübsch gewesen sein soll, zog gerade loS, als in unserer Notkapelle der Gottesdienst begann. Daran «ar beim besten Willen nicht« zu ändern; denn der Festzug konnte nicht auf eine spätere Stunde verschoben und unser Gottesdienst konnte nicht auf eine frühere Stunde vertagt wer- den. Wir haben hier nämlich noch keinen eigenen Geistlichen in Zehlendorf, sondern es muß abwechselnd der Pfarrer oder der Kaplan von Steglitz herübergefahren kommen, um hier seine zwette hl. Messe zu lesen und seine zweite Predigt zu halten. Darum kann bei uns diese Handlung erst um ll1/* beginnen. Das wird ja bald besser werden; aber vorläufig danken wir Gott, daß wir wenigstens soweit find. Aber an dem besagten Sonntage war trotz dem gleich- xtitiflsn Volksfeste unsere Kapelle gefüllt wie immer; nur auf den Kinderbänken waren einige Lücken, well die betreffenden Kinder versäumt hatten, fich von der Teilnahme an dem Schulaufmarsche dispensieren zu taffen.
Soviel zur Ehrenrettung. Was nun di« Kirchenleere in dem andern Zehlendorf angeht, so ist ja allbekannt, daß die evangelischen Kirchen in Berlin und Umgegend an „gewöhnlichen" Sonntagen meistens an schwachem Besuch leiden. Die kathol. Kirchen dagegen, das müssen auch die Gegner anerkennen, find immer voll und meistens überfüllt. Wegen dieser Sachlage brauchen wir aber kein Rad zu schlagen und nicht den Pharisäer zu spielen. „Sehe jeder, wie er's treibe". Die Eoangelischen haben nicht das Gebot der all- pnniigucgen Arryenörfuvgr», und ihre Kircher bieten ihm auch längst nicht daS, waS Wi rum andächtigen Besuch veranlassen muß- Die Baumeister sagen: die protestantische Kirche sei eine PredigMrche, daS katholisch; Gotteshaus aber eine Altaturche. Wer daS richtig versteht, der wird fich nicht wundern, daß bei den Katholiken daS Gotteshaus eine viel stärkere Anziehungskraft hat. @8 ist uns mehr als ein Predigtraum; e» ist uns mehr als ein GesangSsaal; ja, eS ist uns mehr als! ein BethauS; eS ist unS im vollen und tatsächlichen Sinn daS Hau» Gottes, wo der Erlöser selbst unter den Gestalten von Brod und Wein zugegen ist. Wenn wir recht bedenken, waS unS i«
Geheimnis der hl. Eucharistie, in der unblutigen Erneuerung des ErlösungSopferS und an der Kommuniondank geboten wird, dann wrrden wir nicht prahlen mtt unserem Kirchenbesuch, sondern vielmehr sagen: Das wahrhafte HauS des Herrn müßte noch viel mehr und noch viel andächtiger und ehrfürchtiger besucht werden!
„Kirchenlauferei" werfen die Gegner manch- mal den Katholllen vor. Sie verstehen nicht, waS eigentlich jeden gläubigen Katholiken nötigt, fich nicht mtt der häuslichen Andacht zu de- gnügen, sondern zur rechten Zett dorthin zu gehn,, wo sein Heiland selbst ihn erwartet. Sie verstehen aber auch nicht, warum so manche Katholiken mit «leichglltigkeit und ohne rechte «r- bauung ihren Kirchgang machen. Die Lauheit gibt AergerniS. ES schadet nicht, wenn wir uns durch die spöttischen Bemerkungen der Anders- glSubigen anspornen lassen. DaS heißt, au- spornen taffen zu immer treuerer und kräftigerer Erfüllung unserer kirchlichen Pflichten, um den Gegnern zu zeigen, daß wir nicht bloS mechanisch einem äußeren Gebote folgen, sondern daß wer mit gehobenem Geiste und warmem Hetzen dabei find, wenn fich im Gotteshause die heiligsten Geheimnisse unseren Ginnen offenbaren. Das muß fich auch in der körperlichen Haltung aus- prägen. Ich weiß nicht, wie wett die Unsitte verbreitet ist, während der ganze» hl. Messe, höchstens den Augenblick der Wandlung ausgenommen, behaglich zu sitzen. Aber vielfach kann man eine solche Bequemlichkeit beobachten auch bei jüngeren und kräftigen Stuten, sogar bei schlecht erzogenen Kindern.
Für ältere und schwächere Personen ist za das andauernde Knieen sehr anstrengend, vielfach sogar schädlich, oft ganz unmöglich. Aber auch diese schwächeren Andächtigen können doch wenigstens während der Zeit, da fich daS Aller- heiligste auf dem Altar befindet, eine Halbknieende Stellung einnehmen, sodaß fie wenigstens nicht so breit, steif und bequem dafitzen, wie eS während der Predigt «rauch ist. Schon ein kleines Zeichen körperlicher Ehrerbietung genügt, um den ärger- liebelt Eindruck abzuwenden.
Der Blick auf dir Andersgläubigen gibt unS aber »och eine Lehre. Wie das erwähnte Ber- liner Blatt in seiner spöttischen Art hervorhob, find die neuen protestantischen Kirchr» hier zu Lande förmlich aus dem Boden herausgewachsen. Bei diesem Wetttauf konnten die Katholiken nicht । mitkommen, weil eS ihnen an den großen Hilfsmittel« fehlte. Und doch war und ist daS Be- I *—« Her tu Lande
5211 «w naw katholischen rnru^-- -r-, viel, viel größer, als wie es jemals das Be- dÜrfniS nach neuen protestantischen Kirchen gerne,CT. ist. Aus Mangel an katholischen Kirchen gehen alljährlich viele Tausende von Seelen in derDiaspora verloren. Diese Tatsache haltet fest, wenn auch jemand sagt, die sammelnden „Berliner" hätte« eS gar nicht so nötig, ihr solltet dsS Geld nur am Orte taffen ufro. Nein, die Not ist groß, himmelschreiend groß, und die Hartherzigen und Selbstsüchtigen machen
fich mttschuldig am «eelenverlust. Nun. tat Lesern der „Unpolitischen Zettläufe" brauche ich das wohl nicht näher auSzumalen, sondern nur le freundlichst daran zu erinnern, daß fie das Werk der Hilfe, welches fie durch ihre Sabesür Zehlendorf so schön begonnen haben, nun aud) vollenden müssen. Ich wollte, daß «och viele Leser den Borsatz gefaßt haben, Herrn Pfarrer Deitmer in Steglitz eine Postanweisung au: den Hals zu schicken und fich außer seine« Ttank auch noch daS Buch vom unpolitischen Onkel zu bestellen. Aber so etwas wird leicht verschoben und vergeffen. Darum benutze ich.gern die Ge« legenhett, welche die mißverständlichr Nachricht aus dem anderen Zehlendorsbietet,um unser Zehlendors in empsehlende Erinnerung zu bri-r^u. Es ist ja überhaupt eine fruchtbare KlughrttS- regel, daß man alles Gute, was man tun will, sofort ausführt, dagegen alles Bedenkliche, wa» man wohl tun möchte, „bis morgen" verschiebe und immer wieder bis morgen.
ver Ulatsch zur Uroupttuzeuhochzeii treibt üppige Blüten. Kommt die Mutter der Braut, Großherzogin A n a st a s i a, zur Hochzeit, oder ist sie zu dieser Zeit bestimmt und unweigerlich „krank" ? — Das ist die erste Frage, und die zweite schließt sich an: Wo wird tae Ausstattungder jungen Braut hergestellt Die Berl. Korrespondenz macht sich ganz besonders zur Weiterträgerin des Hofklatsches, neuerdings weiß sie zu melden: „Die Frage, ob die Mutter der Braut des Kronprinzen de- der Vermählung ihrer Tochter anwesend fein werde, ist, wie wir hören, immer noch mcht endgültig entschieden. Daher müssen von den m letzter Zeit wieder verbreiteten Nachrichten ebensowohl diejenigen, die sie bejahten, wie die, dre sie verneinten, als verfrüht gelten. — Es kann aber schwerlich noch als eine Indiskretion an- gesehen werden, wenn wir als den Grund dafür, daß eine solche Frage überhaupt entstehen konnte, die offenkundige Tatsache erwähnen, daß di e persönlichen Beziehungen zwischen der Großherzogin und deni Berliner Hofe nicht fo sind, wie die mannigfach zwischen beiden vorhandenen verwandtschaftlichen Bande vermuten lassen sollten. Dies trat im Herbst bei Gelegenheit des Besuches des Kaiserpaares in Schwerin deutlich zutage. DerWinter brachte dann keine Aen- derung. Einmal berührte es in Berlin keineswegs angenehm, daß, als die Zusammenkunft des Kronprinzen mit seiner Braus in Morenz verabredet worden 'war, die Großherzogin- Mutte? ihre Tochter nicht dorthin begleitete, sondern die jungt Prinzessin voranreisen ließ, nach- zukommen bersprgch, danst ober Cannes überhaupt nicht verließ. Daß peshalb ver ^^gnvrm^ telegraphisch zurückberufen wurde, ist wohl nod) unvergessen. Des Ferneren gab die Herstellung des Trousseaus Anlaß zu einer Divergierung der Ansichten. In Berlin gab man dem Wunsche Ausdruck, daß die Ausstattung der deutschen
übet eine dichte Pflanzengruppe, brach eine leuchtende Granatblüte und sagte schmachtend: ,O, Mama, ich denke an meine teure Elma. Ob fie wohl wirklich ilücklich ist? Mei» Geschmack wäre „er" nicht gewesen, f« war doch eigentlich leichtfinnig «ach solch kurzer
B.kauntschast!"
Vie hatte da» richtige zündende Wort hiugeworsen; Sbe das dachten auch die andere« Dame». Biel-
t sollte die Blüte in Fräulein Asta'» Hand den Gemahl der Freundin vorstelle«, ihre schmale, weiße« Finger zerpflückten die »«schuldigen Blumenblätter und streuten fie verächtlich zu Bode«, der lichtgrüne Aila»- schuh fuhr leise darüber hi«.
Da glitt ein leichter Schritt hinter ihr über da» Parket, und eine milde, volltönende Stimme sagte: „Sie befinden Sie fich meine Damen? Ich hoffe, daß Sie fich gut unterhalten!"
Die kleinen Goldlöffel klirrten wider die gläsernen Schalen, und die Köpfe wandte» fich hastig dem Eingänge z«, in dem die Gestalt be» Hausherr« erschienen war. E» war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, dessen geistreiche» Geficht «och immer anziehend ge- nannt werden konnte. Mit einer anmutigen «er» btugung näherte er fich de« Dame« und lächelte verbindlich zu' ben viele» Komplimenten, welche man ihm über ba» junge Paar rnb bie reiche« Festanord- nunge« machte.
„Ich sagte eben, ein schönere» Paar ist fett Jahre« nicht mehr in Frankfurt getraut worben," bemerke Frau Kommerzienrat Rehwald.
„Wie glücklich wirb bie junge gnädige Frau nicht a« der Veite eine» so edle«, kenntnisreichen Manne» werden! Herr v. Wende« wird gewiß noch ein zweiter Hsfland," fügte Fräulein v. Hornstein hinzu.
Hebet da» feine Geficht des Bankier» huschte ei» etwa» spöttische» Lächeln bet dieser gewagten Be- merkung. Dan« entschuldigte er fich mit ben vielfache« Pflichten be» Wirte«, verneigte fich tief und schritt durch die Säle. Noch nie hatte« die Gäste den Hausherr« so heiter und fttbträtoürbig gesehen wie an diesem-Abend.
IV
Da» Souper war vorüber, die kostbare Alabasteruhr in der Halls verkündete bie erste vtunbe nach Mitternacht. Währenb fich bie junge »eit »lebet ben Vergnügungen be» Tanzes hingab, suchte« die älteren Herren die Spielzimmer und die Damm den Wintergarten aus. _
Unbemerkt von seinen Gästen hatte sich der Hausherr in sein Privstkabinet zurückgezogen; diese» lag in dem jetzt nur mäßig beleuchteten linken Flügel de» Hause», welcher die Geschäftsräume enthielt. Zu dieser Zeit herrschte hier die größte Stille, keine Diener elften durch die langen, öden Korridore, und die Mufik klang nut gedämpft herüber.
Da» Kadinet be» Bankier war einfach, aber mit gediegenem Geschmack auSgestattet Die schweren dunklen Vorhänge und die tiefbraune« Tapeten mit eingepreßten GoldarabeSke» verliehe« dem Gemach einen eigentümlich ernsten Anstrich. Ein dicker per» fischet Teppich machte jeden Schritt unhörbar, u»d obgleich es draußen nicht kalt war, so strahlte dennoch hier der wrhlgesüllte irische Ofen eine starke Hitze«,». Die rote Slur hinter der SlaSwölbnng warf ihren Schein auf die hohen, kohle« Wände, welche» nur ei« einzige» Blld schmückte: da» lebensgroße Porträt der verfioibr.ien Gattin de» BefitzerS, ein meisterhaft ans- aelührtcs Gemälde.
Da» rofig angehauchte Kolorit bet Haut war lebens» arm wiedergegeben, bie großen, blauen Aug-n in dem Oval des Gefichte» schiene« fich bewege« zu wollen, und der Heine Beilchensttauß in den Spitzen de» fchwarze« Sammtkleide» mahnt- an frisch gepflück e, duftige WaldeSblüten. Frau Elisabeth Brunn mußte sehr fckS» gewesen sein. , ,
In dem einsamen Gemach war e» balbbunH; nur bie zwei leicht beweglichen Gasflammen be« Kron- leuchtet» warfen seltsame Streiftcher über da» ®tib, io daß e» wie lebend an» dem Rahmen schonte. Ihr zitternder Schein fiel aber auch auf dir gebeugte Ge- »alt eine» Mannes, der vor dem Sqrctbtische saß, ba« Besicht in de» Händen begrabe». Bon Zett zu Zeit drang rin unterdrückter Seufzer von jenem Platze her
unb vermischte fich mit den vereinzelten Tönen ber fernen Mufik. Jetzt senkte« nch bie Hände, bet starre Blick be» Manne« suchte ba» übet ihm hängende Bild, »ab bie zusammeng'preßten Lippe» murmelten:
„Elssabeth! O, daß Du mir sagen könntest, ob ich e» wirklich vertchuldet!" — War ba» bet Bankier Brunn, dessen geschmeidige Gestalt noch vor kurzem dmch die fröhliche Menge p-wandelt, dessen strahlende Ange» und lächelnder Mund nut Glück und Frieden zu kennen schienen? Ja, er war e», aber er hatte hier unten bie Maike abgelegt, bet heitere Ausdruck, zu bem er seine GefichtSzitge seit Monaten vor ftewben Augen gezwungen, i» bleiet einsamen Stunde durfte er schwinden. Einmal nur mußte die von Sorge« gequälte Brust tief ausstöhnen, die gewaltsame Spannung und erheuchklie Ruhe weiche».
Die vor innerer Aufregung bebende Hand be- rüh-re leicht ben vergolden Griff be» Z mmertele- graphen Nach wenigen Minetten wurde bte Portier« zurückgeschlagen, und ein mittelgroße, hagere Gcäaft erschien auf der Schwelle. S» wir der erste Buchhalter des Hrule», Michael Gelhard.
Der schwarze Anzug, wekcher z» Ehre» de« Feste« angelegt wotd-n, ließ ba» schüchterne Auftreten u«b die etwa» linkische» Bewegungen seine» Träger» »och mehr hervoritele». DaS gelbliche Geficht mit dem straff vach hinten gekämmtin Haar aber erhielt einen äbetcui klugen L«rdruck durch die dunklen, durch- dringenden Äugen, welche hinter be« scharfe« Brillengläsern hervorsabe».
Das Met Michael Selharb'» würbe au» seinem Akußern schwer z» bestimme» gewesen sei; e» zerbrach sich auch niemand be« Kops mit einer fo durchaus unwichtigen Sache. Nur so viel wußte man, daß er ber Firma seit fünfzehn Jahre« diente, daß et mtt einem nimmer ruhenden Eifer für die Interesse» des Hause» wachte and sorgte, daß er dadurch web« «Übung noch Weber bi kannte. Kein Wunder also.
daß Bankier Brunn große Stücke auf feine» erta« Buchhalter hielt, ud ihm ein Bert raue» (Mitte, welche» oft den bitterste» Reid bet andern» Won* toriste» erregte. W