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M 112.
Fulda, Mittwoch, deu 17. Mai 1905,
32. Jahrgang.
0 Kaiser Wilhelm und kardinal Kopp in Metz.
Die stattliche Schar hoher kirchlicher und staatlicher Würdenträger, die der Kaiser am Montag um sich versammelt hatte, macht man« chen Leuten starke Kopfschmerzen. Man sagt sich, daß eS fich nicht nm eine leere Hofzeremonie und Hoffestlichkeit gehandelt haben könne, sondern ein hoher politischer oder ktrchenpolitischer Zweck dahinter stecken müffe. Daß die.Köln. Big/ gleichsam zur Erläuterung der Vorgänge einen Artikel über „Rom am Scheidewege" brachte, wonach der an Frankreich und den romanischen Völkern verzweifelnde Papst seinen Hauptstützpunkt in Zukunft bei den germanischen Völker« suchen will und insbesondere bei den deutschen Katholiken die kirchlichen Interessen am best« aufgehoben glaubt, hat der KombinattonS. lüft gerade im richtige« Augenblick eine wtllkom. mene Unterlage gegeben.
Z Wir haben einstweilen keine Veranlaffung auf de» gewiß „intereffanten" Artikel näher ein- »«gehen. Bezeichnend ist, daß die „ZionSwächter" bereits wieder in Aufregung gerate» und das teure Vaterland eindringlich vor „Roms Macht und List" warnen zu sollen glauben. Das Papst« tum und der RomaniSmuS, so wird dem Kaiser gepredigt, find der Verderb aller Völker; wenn Deutschland fich in ein Bündnis mit dem Papsttum einläßt, fich „römischer Herrschsucht" dienst« bar macht, fich „in Abhängigkeit vom Papste" begibt »sw., so ist alles verloren. Der .Reichs« bote' hat bereits entdeckt, d'ß „Rom" Deutsch« land in einen Krieg mit Frankreich ver« wickel« will, «eil es ton einer Riederlage Frankreichs den Sturz seiner jetzigen Regierung und sodan» ein Avsieben deS Katholizismus er« «artet. So bald vo« Rom die Rede ist, werde» «wisse Leute eben von ein« Angst befallen, daß sie alsbald anfangen zu phantasieren.
Neue Nahrung wird die Phantafie der Sr« ängstigten ohne ZweifelsarrS den Ansprachen schöpfe«, die bei der Üeberreichung der Orden» vom hl. Grabe gehalten worden find. JnSbe« sondere die Ansprache deS Kaisers will so gar nicht danach klingen, war wir alle Tage vom Evangelische« Bunde und seiner Preffe zu hören bekommen. Die Ansprache, die Se. Eminenz Kardinal Kopp an Se. Majestät den Kaiser hielt, hatte folgenden Wortlaut:
53 Zum zweite« Male geruhen Ew. kaiserliche MajrftSt, «ich in dieser alten ReichSveste zu empfangen. Da« erste Mal sandte mich der verewigte Papst Leo XIII ulS seine« Vertreter z« der hehre« Feier, in der 9m. Majestät der Kirch« Lothringens daS prachtvolle PoUal ihrer Kathedrale Übergabe«, daSAllrrhöchftderenknnst- finnige Munifizrnz geschaffen hatte. Heute ist eS die Kirche bu Jerusalem, die mich zu 9m. Majestät schickt. Veit dem Laar, wo Ew. Majestät fie an de» heiligsten Stätte» der Christenheit größten, hat ei» zarte« Ba»d Gw. Majestät u»d jene Kirche umschlungen. Änett«
Kan; von wenden.
Novelle von Marga Buchte».
11) ------ Nachdruck verboten.
1. Kapitel.
I» der Mansarde.
„Und wenn am schönste» die Rose blüht. Lud «en» am hellsten der Ster» erglüht, WeuuS Herz am weichsten von Liebe spricht: O traue nicht!
Tran' nicht der Rose, fie weltt zur Nacht. Trau' nicht dem Ster», er schwindet facht. Lud nicht« so schnell alS Liebe bricht: O traue nicht!" gr. mft-r mit
I.
64 war ei« stürmischer Nov-mberabend. Der ättaee fiel in dichten Flocken, und die Last weh e eisig kalt. Die sonst so belebte« Straßen der vol»- reichen Stadt Frankfurt leerten sich heute auffallend schnell; nur hie und da eilte noch eine vermummte Gestalt über da» schlüpfrige Pflrster oder rollte ein Wage« mit einem verspäteten Reisende» dem Bahnest zu Die Lampe« in de» Schaufenstern erloschen etae »ach der ander« und bald wmde die dicke Schneeluft nur mehr vo« dem trüben Licht der wenige» Straßenlaternen erhellt.
Die Uhr auf der St. Katharinenlirche schlua nenn. Da trat eine ältliche Fra» a»S einer Seitengasse hervor, späte einen Augenblick umher und suchte dann Mter dem vorspringende« Dache einer Loreinsaffnug für einige Augenblicke SLutz vor dem hrstige« Schnee« «stöber. Sie stellte einen umfargreiche» Kord, den fie bisher am Arme getragen, zur Erde und schüttelte dann den Schnee von ihrer Jacke und be» gestrickten kvpstnche, indem fie vor sich hinmmmelte: „Lär'S -icht nm der Loni willen, ich mochte gewiß deu rr-g nicht en solch' einem Wetter! Aber war kamt'»
gestlich bleibe» die erhebende» Aeusterungen und Kundgebungen religiöser Gesinnung, durch die»«.Majestät dir orientalische Shrifteuhett erbaute« und begeisterte». Tief t« daS Herz der greife» Oberhirt« der Kirch, in Jerusalem gruben fich die Huldbewetse ei», di« En». Majestät chm und seiuen. Kirche widmeten. De» Höhe« P'-xtt seiner Freude bildete aber die hochherzige Schenkung der Dormitio Sanctae Mariae virginie, durch dir Gw. Majestät bat deutschen Katholiken eine Heimstätte an den heiligen Orten bereiteten, voll tiefster Ehrfurcht und innigsten DankgefüblS suchte der Patriarch Piavi ein neues Band, ein »eueS Glied an der Kette, die •w. Majestät mit den heilig« Stätten verbindet. DaS höchste, waS zu seiner Verfügung stand, ««derOrden der Ritterschaft vom Heiligen Grabe, und »S ging sei» Sinne» und Trachte» beständig dahin, durch die höchste Würde dieser Ordens jene Tage der kaiserlich,» Pilger- fahrt unvergeßlich zumachor. Unter frrndigerZustimmung de» PapsteS, Se.Heiligkeit PtukX, und vo» diesem rrmn». tert, traf Patriarch Piavi alle Vorbereitungen, um be» Gedanken, de» lautere Pietät und Dankbarkeit in ihm erweckt hatten, zur Ausführung zu bringe». Da»« schrieb er mir am 6. Januar dieser JahreS und bat mich in rührenden und eindringlich« Worten, der Dolmetsch seiner Gesinnung« und Gefühle für 9w. Majestät zu sein und im Beisein zweier Delegierter deS Orden» dessen Insignien Sw. Majestät zu überreiche». E» war da» letzt« Werk de» treuherzige» Man»eS; den» »ach zwanzig Tagen schloffen fich seine Auge» ans immer. •». Majestät wissen und habe» eS nicht nur einmal erfahre», mtt welcher Anhänglichkeit an Ihr« erhabene Person die treue Seel, »füllt war, die sich am 25. Ja»»« diese» Jahre» ihrer sterbliche« Hülle entwand So stehe ich nun heute vor Gw. Majestät, um da» Testament de» verewigten Patriarchen zu vollziehen. Zn ihrem größte» Bedauern ist eS den vo» ihm bestimmte» Delegierte« unmöglich gewesen, dieser «hrenfrier beiznwohnen. Sie bttten Gw. Majestät nm Nachsicht und lege» ihre ehrfurchtsvollen Huldigungen Gw. Majestät zu Füßen. Wollen Gw. Majestät da» Diplom und die Insignien deS SroßkreuzeS deS Orden» vo« Heiligen Grabe, die der OrdenSkurter Graf Aglt«dt überbracht hat, huldvollst annehmen als eine neue Grinnerung an jene herrlich« Jerufalem- Pilgerfahrt, als di« Krönung der hohen Idee, die Gw. Majestät tu der hochherzigen Schenkung der Dormitio Sanctae Mariae Virginia niedergelegt haben, und alS die letzte Huldigung des sterbenden Patriarchen Piavi, für den ich Gw. Majestät um ein stille- Gedenken bitte.
Der Kaiser erwiderte mit folgender Rede:
Die schönen Worte Gurer Eminenz habe» meine Gedanken »n der Zett zurückgeführt, wo ich vor nunmehr bald sieben Jahren gemeinsam mtt Ihrer Majestät der Kaiserin an den Heilige« Stätte« verweilen durste, die mtt eigene» Auge» zu schauen durch alle Jahrhunderte die Sehnsucht frommer Ehrist« war. GS hat mtch mtt hoher Genugtuung erfüllt, daß eS mtr damals gelungen ist, dank dem Gntgegenkommen Seiner Majestät deS Sullan», für die deutsche« Katholiken et» Grundstück auftgewrthtem Bode« i» Jerusalem zu erwerbe« und dasselbe de« deutsche» Benediktiner» znzuweise«, vo» dere« trefflicher Wtrksamkett ich mtch vor zwei Jahre» bet meinem Besuche in Monte-Cassino wieder ausS neue überzeugt habe. Ich hege den Wunsch, daß auS der damals gelegten Saat zum Segen und Frommen der deut- scheu Katholiken reiche Frucht reifen möge. GS w« in Metz vor zwei Jahre» gleichfalls an einem Maientage, da erschienen Eure Emine», bet der Ein- weihung deS von mtr gestiftete» DomportalS vor mtr al» Legat Seiner Heiligkeit deS PapsteS Leo XIII., de» ehrwürdige» Greise», der mir i» feiner langen Re- gternngSzeit auch persönlich »ähergetreten ist, Heut« fuhrt St« zu mtr rin Auftrag seine» Nachfolger», de» gegenwärtig« Papste», für den ich schon nach seiner bisherig« Wtrksamkett hohe Achtung empfinde. Sie überbringen mir t» Erfüllung eine» Wunsche» des verstorbenen Patriarchen Piavi, deffen edl« Gestalt von de« Jerusalemer Tage» he» noch lebhaft vor «einem Geiste steht, die Jnstgnte» de» Orden» vom hl. Grab«. Ich nehme diese« Orden gern entgegen und erblicke in
helfe«, wenn ich noch länger hier steh' wärmer wird» doch nicht trab Heller auch nickt. Also vorwärts!"
So fich selbst ermutigend, notnt die Alte de« Korb wieder auf und setzte ihren Weg pustend und keuchend fort. Sie ging die Allerheiligenstraße entlang, blieb aber öfter stehe« und betrachtete aufmerk- sam die Häuser ans der rechte« Seite derselbe«. I«. deß wurde die Last immer kälter, die Flocken fiele« dichter unb der Schnee knirschte unter ihre» Füße«. Roch einige Schritte unb die Frau hatte fast da» Ende der Straße erreicht. Ratlo» stand fie da und murmklte: „Etz war ein Butter- und Käseladen im Borderhause, aber nun haben fie schon überall die Lade« zu, und auch die Hausnummer hab' ich ganz vergessen. Ich will doch «och einmal zurückgthrn!"
Rach wenige« Minute» schien fie da» gesuchte Han» gesunde« zu haben. Sie bog in eine enge stock- flüstere Nebengasse, watete durch den hier fußhoch liegende« Schnee und tastete «ach der Tür de« Himer- banse». Machte scho« da» Aeußere de» verfallene« Gebäude bei Tage eine« unheimlichen Eindruck, so flößte do» Innere de« fremden Besucher wahrhaft Braue« ei«; namentlich zur Nachtzeit.
Der große, halbdunkle Harüflur biente einem Tröbler zur Niederlage für seine Waren, welche i« der buntesten Zusammenstellung an den Wänden hingen, standen oder den Boden bedeckten. Da waren alle Rüstung«, zerbrochene Helme und Waffen, Del» bilder mit den gräßlichste« Darstellungen, Tele einer zarfetzte« Theatergarderobe, zerbrochene Statue«, Hackmesser, Beile und verrostete Küchengeräte. Eine schakhaste Latente hing vo« der Decke herab und beleuchtet« da» Durcheinander eben genug, um die Schatten noch länger und gespenstiger an de« Wänden emporwachse» zu laste«. Sine feuchte, moderige Lust berichte in dem widerlichen Narnue; die Mäuse und Retten, welche hier de» Winter über zu verbringen schiene«, huschte« blitzschnell hinter da» alte Gerümpel, al» fie da» Aufgehen der Türe vernahmen.
Die «fite Fra« sah fich furchtsam um, urd klomm
dieser Ehrung ein neu«» Baud, welche» mich mtt der religiös« Betätigung der Echrtsteuhett im heil. Laude verbindet, __ fe ____<. _ . _
Diese herrlich« Wörter des Kaisers werden in der ganzen katholischen Christenheit, vor allem aber bei den deutschen und insbesondere bei den lothringischen Katholiken mit dankerfüllter und herzlicher Freude ausgenommen werden, mtt derselben Freude, mit welcher seinerzeit die hochherzige kaiserliche Schenkung der „Dormitton" ausgenommen wurde, auf welcher geheiligten Stätte in Jerusalem fich die Kirche „Mariä Heimgang" erheben wird. Um so weniger aber gefallen die Worte des Kaisers unseren kutturkämpferischen Freunden. Der Kaiser spricht von der „vortrefflichen Wirksamkeit der deutschen Benediktiner", wiewohl doch der vielgeschmähte Bischof Benzler von Metz, den der Kaiser tot vorigen Jahre angeblich so hart angelaffen haben sollte, selbst aus einem Bene- dittiner-Kloster gekommen ist. Er nennt Papst Leo XIII. einen „ehrwürdigen GreiS" und verfichert, daß er für den jetzigen Papst „schon nach seiner bisherigen Wirksamkeit hohe Achtung empfinde". Er hegt den Wunsch, daß aus der bei seiner Palästina - Fahrt „gelegten Saat zum Segen und Frommen der deutschen Katholiken reiche Früchte reifen mögen". Ttas ist nicht die Sprache, welche die evangelischen Bündler hören mögen, zumal aus dem Munde des deutschen Kaisers, den fie als Protektor und Vorkämpfer des Protestantismus in Beschlag nehme» möchten. Schon daß gleichzeitig vier „römische" Bischöfe, darunter zwei Kardtoäle, in seiner Nähe »eilten und von ihm zu Tische gezogen wurden, ist vielen Leuten, die für das „protestantische Kaisertum" schwärmen, ein unerträglicher Anblick. Nun gar noch die Freund- lichkett, mit der er fie behandelt, von Päpsten und religiösen Orden spricht. Ja, wenn er fie hätte kommen lasten, um ihnen eine donnernde Philippika zu hatten, wie fie ihm ein sächsisches Blatt gegen den Bischof von Metz in den Mund gelegt hatte, dann wäre ja alles gut. Aber nun ist es, um an den Wänden hinaufzulaufen.
Daß fich in Metz nicht eine hochwichtige politische oder kirchenpolttifche Aktion abgespielt habe, werden die Aufgeregten um keinen Preis glauben. Er muß da etwas BöfeS gesponnen worden sein. Zwar hat der Kaiser oft und deutlich genug sich als entschiedenen Protestanten bekannt; so noch vor kurzem bei den Berliner Domfesten. So sehr man sich an feinen protestantischen Kundgebungen ausrichtet, die Zuverficht pflegt aber nickt lange zu dauer«; bald fürchtet man wieder, er werde sich in seiner romantische« Sinnesart von „RomS" Glanz, Pracht und Tücke umgarnen lasten. Wir unserseits haben unS nicht einen Augenblick der entgegengesetzten Hoffnung hingegeben und find darum auch noch niemals enttäuscht worden. Auf die Vorgänge und Aeußeruvgen in Metz bauen wir ebenfalls keine Phantafiepaläste. Wenn wir ihnen eine polttische Bedeutung beimeffen sollen, so scheint unS diese hauptsächlich darin zu liegen, daß fie die Franzosen zum Rach-
bann so rasch, al» ihre erstarrte« Füße e» vermochte«, die wurmstichige Treppe hinauf. Diese führte immer höher «ab enbtgte zuletzt in einer schmale«, wackelige« Stiege, bereu morsche Bretter bei jrbem Tritt knarrte«. Endlich war ber Bode« erreicht. Am Ende eine» lange« Sauge» befand fich eine niedrige Tür, burch bereu Ritzen einzelne Lichtstrcifeu beäugen. Auf bem oberen Teile war ein vergilbter Zettel angeklebt, ber bei Hellem Tageslicht folgeube Suffchrist zeigte: „Apollonia Lehrbach, Weißzengnähertn."
Die Snkowmeube warf nur einen Blick durch bie weitklaffenbe Spalte unb öffnete daun sachte bie Tür.
ES "tue eine große Mansarde, bereu schieshäugenbe Decke fie sehr niedrig erscheine« ließ. Ei» Bett, ei« Schrank, ein Tisch unb mehrere Stühle bildeten die ärmliche Einrichtung. Daran war nicht» besondere» z« sehen, eine» aber «mßte dem Eintrrtendeu auffalle»: e» war rffmbar der Versuch gewacht worden, bem Ganzen einen gewissen Anstrich von Eleganz zu geben. Sin kleiner Teppich an» bunten Tnchstückche« lag vor dem Bett, unb da» winzige Dachsenstercheu verhüllte sogar ein gestickter Mullvorhang, bet an bet einen Seite mit einer verblichener, blaue« Schleife avfgepeckt war. Einige onbete Gegenstände schienen fich vollend» hierher verirrt zu haben; bie» waren ein noch neue», schöne» Oeldrmkbild, Maria mtt dem Zesnktnde bat* stillend, dessen breiter Goldrahme« fich hier oben gar seltsam aursahm, und ein zierliche» Bücherbrett, da» einige Prachtbänbe unserer Klassiker zwischen feinen sLlmckeu Säulchen zeigte. Gegenüber hing ein Brautkranz, von schützendem Gla» umgeben, unter welchem ein kleine» Kruzifix nebst einem Buchsbaumzweige befestigt »ar. Auf bem Tische brannte eine trübe Oellampr. daneben staub eine mit Wasser gefüllte r-ffe, die Ob« fläche bildete eine leichte Eiskruste; ei« Stück von einer B.odrinde lag dabei.
E» sah au», al» ob diese kleine Bodenstube scho« seit Zagen aufgeräumt worden wäre, unb al» ob «um seit lange jemand darin erwartet hätte, der aber
denken über ihre Ktrchenpolitik veran lassen könne. Daß dar Oberhaupt der mächtige« deutschen Reiches e» für klug und richtig hält, fich zur katholischen Kirche nnd ihrem Oberhaupt freundlich zu stelle«, statt wüste Kulturkämpferei zu betreiben, könnte ein- sichtigen Leute« ei« Wtnk geben, daß Papst- turn und katholische Kirche auch heute «ch im Leben der Staaten und Völker etwas zu bedeuten haben. Sanz besonders le^reich ist für die Franzose« der besondere Anlass^ der zu der Metzer Ansprache geführt hat. Frankreich erhebt, wiewohl eS fich zur katholischen Kirche überaus feindlich stellt, aus polttifchen Gründe« oder Stünden nationaler Sitelkeit noch immer Anspruch auf die Schutzherrlichkeit über die Re- tholtken tot Orient. Deutschland strebt all«. dingS keine allgemeine Schutzherrlichkeit an, sondern will nur über die Katholiken deutsch« Staatsangehörigkeit das Protektorat auSüben, wie jede Macht eS über die eigenen Angehörig« in fremden Ländern beansprucht. Indem eS fich ab« mit der katholischen Kirche auf fteundschast- lichen Fuß stellt, stärkt e» auch im Orient sein Ansehen wett üb« den Tett d« Christen hinaus, die zu schützen eS als sein Recht und seine Pflicht betrachtet.
DaS Ansehen deS weit größere Ansprüche erhebenden Frankreich sinkt dageg« durch seine eigene Schuld mehr und mehr, soiuch sein vermeintliches Protektorat nachgerade dn ausgeblasenes Si geworden ist. Wenn die fron- zöstschen Machthab« im eigenen Lande fort« fahren, die Kirche zu befehden, wird die unver- meidliche Folge sein, daß ihn« auch formell daS Schutzrecht entzogen wird, mtt dem fie vor d« Welt imm« noch prunken mögen, wiewohl sie fich sein« längst unwürdig erwies« hab«, sowohl in d« Heimat, wie im Orient, wo sie ihre russisch« Freunde und Verbündet« zum Schad« der römischen Katholiken schalt« «ad »alt« lassen. Kurz, an» den Vorgängen in Metz könnten die Franzosen die Lehre zieh«, daß die Kultmkäwpf«ei gegen die eigen« polttisch« Interessen deS Landes ist, daS fir betreibt. Daß die Ansprache des Kaisers, wie ein Blatt meint, direkt eine Spitze geg« das französische Protektorat im Orient haben sollte, braucht man darum noch nicht anznnehmm.
Verschiedene liberale Blätter folgern mit ein« gewiff« schadmfrohen Genugtuung aus der Ansprache, daß alles, was die ZentrumS- presse üb« einen drohend« neuen Kultur- karnpf gesagt habe, gegenstandslos sei. SS ist aber keinem ZentruwSblatte eingefall« zu behaupt«, daß der Kaiser an ein« neu« Kulturkampf denke. Jrn Gegenteil, eS ist imm« gern festgestellt worden, daß «selbständig, unbefangen, vorurteilsfrei und politisch weise genug sei, um fich von den Hetzern und Fanatikern nicht zu Gehässigkeit« zu einem neu« Kampfe gegen die katholische Kirche bestimm« zu lassen. Dabei aber bleibt bestehen, daß im Lande eine von gewissenlosen Hetzern geschürte Bewegung besteht mit dem Ziele, daS deutsche Volk und die deutschen Regierung«
«och immer nicht angetommen sei. Zu dieser Erwartung mochte man wohl alle übrigen Lebensbedürfnisse vergessen hab«, denn keine weibliche Arbett, fett Spielzeug, ob« irgenb etwas, be» auf eine Beschästtgimg hingedeutet hätte, lag umher; selbst da» Feuer tat Ofen mußte «loschen fein; beim e» war bitt« Taft, öde unb traurig. Die Flamme, welche b« Docht verzehrte, knisterte leffe, sonst war e» so stille, al» ob alle» Leb« erstorben sei; unb b«uoch wohnt« hier zwei Wes«, welche ab« in biefem Augenblick weder Kälte, noch Hunger, ober sonst ein Unbehagen z» empfind« schienen.
In b« Mitte bk» Zimmer» staub eine Kvrbwiege, in b« et» etwa ein Jahr alte» Klub schlummerte. E» batte b'.e deinen Fäuste fest an ba» magere Be- fichtche» gebrückt unb lächette tat Schlafe, wer ber Wiege lag eine große Frauengestalt auf den Äuieee; fie hatte bie Arme über den Raub bttselbm gelegt unb schien ba» Klub mit ihrem Oberkörper decken zu wollen. Ihr Kleid von dunkelowlettem Stoffe hing in weich« Falt« an ihr nieder, ein weiße» Tucd war lose um de» Hal» geschlungen, unb ba» glänzeick schwarze Ha« in zwei schwer« Flecht« am bet Kops gewunden.
Da knarrte bie Stubentür unb eine leise Stimme sagte: ,,®ut« Abend, Loni."
„Endlich!" flüsterte bie junge Frau, warbt- ba» bleiche, aber sehr schöne Besicht unb starrte bie An- tretende eine Sekunde lang mtt ihr« groß«, schwarze« Auge» an, bann aber stieß fie ehren so hellen, schrillen Schrei au», daß e» wie ber Ton von zerbrochenem Bla» durch da» Zimm« hallte, bröckle d« Kops in die Kiffen be» kleinen Bette» unb schluchze, al» ob ihr ba» Herz brech« wollte.
Ein« solche» Ewpsang mochte bie alte Fran wohl nicht erwartet haben; fie erschöpfte fich in AuSruftmg« unb suchte bie Weinende za beruhigen. Da» war jeboch vergeblich. Wie wern ber Damm vor der «geschwollen« Flat plötzlich reißt, und die Bojen- waffk» mH nicht anszuhalrenb« Wucht fich Üderstchrpu,