Einzelbild herunterladen
 

WMdaerM Zeitung

AWMttenr-f.»««. MaqS^jgr

wochcnbeila,«. „Illustrierte Sonntagrzettung" MsiiatrbellMj „Mdaer SeschichWAter".

SlBiftll Mt efes stwÄge pecktzeil« »des 6mn «au« 15 pfe Kefiaw« diepetttret' 25 psg.; bei Med« Holungen wirb eetfr

Rabatt grwSHN

Druck und Verlag • ZulbaerActienbrnck« tu Zulba (hannaub- Zernsprecher 8» V

M 103»

Fulda, Samstag, den 6. Mai 1905.

32. Jahrgang.

Zweites Matt.

einer Resolution trmvS genugsam

gegen den Toleranzanirag des Zn- gelennzeichstet ist. Besonders zahl­reich wären wieder die sozialdemokratischen Kongresse

Wochen-Rundfdiau.

(Nachdruck verboten.)

Fulda, den 6. Mai 1905.

Die Osterwoche war wieder eilte richtige Kon­greß w och e. Ja Breslau tagte der kirchlich-so,isle Kongreß, der vorzugsweise von protestantischen Pastore« besucht war und der dmch die Annahme

und Parteitage Der Parteitag der sächsischen Genossen beschäftigte sich vor allem mit der Frage der Beteiligung an den LandtagSwa'-len. Ein Teil von ihnen will durch Wahienkbaltsng gegen da» Wahlgesetz protestieren. ES wurde jedoch eine R so« lntion angenommen, die sich für die Wahlbeteiligung aussprach. Die LaudeSver sammlung der württem- d er gische« Sozialdemokraten beschäftigte fich eben­falls viel mit den Landtagswahlen und mit der Stellung zu den anderen Parteien. Die gemäßigte Richtung wünschte eine Berständizung mit der drrno- kratischru „BstkSpartei". ZS wurde jedoch gegen wenige Stimmen eine ErMrurig beschlosst«, tm-che auch zu den ^reaktionären" Patteieu zählt und der. Kampf gerade gegen fie als eine LebenSnotwenoigkeit bezeichne-. Das ist eine große Enttäuschung für die Demokraten und Freisinnigen, die uoch immer von einem Zusammengehen mit de? Sszialdemokr -te« gegen die „Reaktion" träumen.

Seitdem die bekannte Eingabe des SeaatS der Unioerfität Göttingen an den KultuSmiNster durch eine »höchst erwünschte Indiskretion" an die Ö ffent­lichkeit gelang! ist, ist der Hochschul Rummel wieder im schönsten Gange. Die offiziöse Begründung und Erläuterung der Verfügung d?S Ministers hat »atür- lich keine Äkkueg erzielt. Ärer die liberalen Frei« heitShelde« eine „Eritrüstung" in Szene setzen wollen, so kümmern fie fich um M e Tatsachen. So schwindeln fie denn auch j tzt ruhig weiter. Die akademische Freiheit ist ta Gefahr; wiewohl der Minister in Wahrheit die akadimische Freiheit gegen einen teilweise von Pcojefforen begünstigten Terroris­mus schütze« will. Nachdem der Senat der Tech­nischen Hochschule in Charloltenburg den Studenten­ausschuß aufgelöst hat, weil dieser, entgegen seinem Verspreche», die katholischen Studentenverbindungen ta Brrrus erklärt und damit den akademischen Frieden gestört hat, erleben wir dar erbauliche Schauspiel, daß der Rektor sich mit dem Vorsitzenden dieser Ausschusses in den öffentlichen Blättern wegen dieser Maßregel herumstritt. Das Bürschchen hat außer­dem die Keckheit, Rektor und Senat zum Trotz eine neue studentische Organisation mit denselben Befug­nissen wie die aufgelöste bilden zu wollen. In einer Seit, wo die gewissenlosen Hetzer deS Evangelischen Bundes an den Hochschulen die Disziplin noch nicht untergraben hatten, hätte man solche vorlaute und freche Jungen ohne viel Uu stände wezaejagi. Heute werden fir von einet verlognen Presse olr Helden gefeiert uvd die eingeschüchterten UniverfitätSbehördeo, die den Spektakel der liderclen Janhagels scheue», unterhandeln höchst höflich und demütig mit ihnen.

3a der nächsten Woche nimmt das preußische Ab­geordnetenhaus seine Sitzungen wieder auf und eifer der ersten Gegenstände, womit es fich wieder zu be­schäftigen haben wird, wird das Bergarbeiter, schutzgesetz fein. Soviel über d ese Vorlage in letzter Zeit auch geschrieben worden ist, über ihr vor- auSfichilicheS Schicksal ist men nicht klarer geworden. Jedenfalls dürfte aus ein Nachgeben der Mehrheit nicht zu rechnen sein, wenn die Regierung nicht ihren Kia E vfluß für ihre Vorlage einsetzi und mit aller mmtheit an ihr sesthält. Wi weit fie dazu ent­schlossen ist, weiß man nicht. Die .Nordd. Allg Zig.' bemerkt gegenüber der Forderung verschiedener Berg- orbeiterv:riammtanges im Rshrgrbiete, die Vorlage zmückzuziehen und fich mit einem neuen Entwurf an de» Reichstag zu wenden, dazu liege keine Beran- laffung vor, da noch keineswexs auSqemacht sei, daß das Plenum die Kornmisfionkbefchlüsse billigen werde. Sie betonte aber euch nochmals, daß diese Beschlüsse für die Regierung in wesentlich?« Pudkten unannehm­bar seien und daß ein den ber'chltgten Erwartungen der Arbeiter nicht entsprechendes und die Bersprechnn« gen d-r Regierung nicht sinngemäß ein! ösendeS Gesetz der Soziald-mokraiiL den denkbar ergiebigsten Agita- tioesftoss bitte, ein der Regierungsvorlage entsprechen, der Gesetz dagegen versöhnend und aaSgleichend wirken würde. Derartige Erwäzuugeu habe» ivd?ß bisher auf die Mehrheit ollem Anschein nach werig Etadrrck gewacht. Die freikouservLÜoe .Pest' bekam iwolge der Artikels der ,Nsrdd. Allg. Zg' tisen förmlichen Wuianfall.

Dir Marokkosrage sieht, soviel „von außen" zu erkennen iS, einstweilen immer '..och out dem allen Fleck. Dar vielfach vmn fra-zöfl'chen Mir.iflec deS Aeußern Delccsss zu osfizws- n Mttiettunzen benutz e Pariser Blatt .Matin' dachte vor einige« Tagen einen Artikel gegen Deutschland, der ganz Lach Krieg klang. Die Pariser Börse antwortete mit einem bedeutenden Sturz der französischen Worte. Ministers,-äsidevt Rouvier bekam einen großen Schreck und beeilte sich ta Beilin zu verfichero, dir R«gi:ruug habe mit dem Artikel LichtZ zu tun. Vielfach märst man aber, be­sonders auch in Frankreich, d?ß De'caffä den Artikel lanzert habe, um za sehen, ob n für eine HrrauS-

forderungSpolitik die öffentliche Meinung gewänne. Da dies nicht der Fall war, ist dann auch der schnelle Rückzug erklärlich. Arn Dienstag hat fich der deutsche Gesandte in Tanger Graf Tattenbach auf die Steife nach Fez au den Hof der Sultans von Marokko be­gebe«. Dort ist bereits der ftanzöfische Gesandte und iu einem Monat wird fich, neueste« Nachrichten zu­folge, auch der englische Gesandte ans den Weg nach Fez ^machen. ES bleibt nun abzuwarten, welcher Diplomat in Fez da- meiste Glück hat. Daß England fich ganz auf die Seite Frankreichs stellt, ist nicht wahrscheinlich; denn von einem Erfolge Deutschlands gegen Frankreich hat ja auch England Vorteil.

Der österreichische Minister des Auswärtigen, Graf GolnchowSki, und sein italienischer Kollege Tittoni haben Ende voriger Woche ihre Zu« sammenkunst in Venedig gehabt. Zum Lchluß gab Tittoni dem Grafen GolnchowSki zu Ehren ein Fest­wahl, bei dem Tnuksprüche auS gebracht wurden, ganz wie wenn Monarchen eine Begegnung haben. Tittoni bezeichnet« die Zusammeukunft als ein« „Bekräftigung der intimen Beziehungen zwischen Oesterreich-Ungarn und Jia ien". Graf GoluchowSki antwortete mit der „vollständigen Uebereinst mwung der Anfichtev, die in den ausgezeichneten Beziehungen zwischen Italien und Oesterreich-Ungarn obwaltet". Beide vergaßen natür- lich auch die übliche Verbeugung vor dem „Frieden" nicht. Offenbar hatten die Trivksprüche hauptsächlich den Zweck, nach außen zu wirke» und etwaigen Zweif­lern mit Nachdruck zu Gemüte führen, saß zwischen e« beiden Staaten alles in schönster Ordnung sei. Ob die Trinksprüche auch so ganz von Herzen kamen, muß dahingestellt bleiben.

In Frankreich ist außer der Marokkoftaze die TrennungSvorlage gegenwärtig der Gegenstand zahl­reicher Erörterungen. Di« Abg ordnetenkammer hat fich bekanntlich bis zum 15, Mai in die Ferien be­geben, nachdem fie vor Ostern mit großer Mehrheit noch die wichtigste Bestimmung der Vorlage angenom­men hatte. Artikel 4, der von der Bildung von neuen KuituSgemeinsck'asten und von der Ueberlassung deS Kircher vermögens an fie handelt, erhielt einen Zusatz, wonach die K-rcheugüter innerhalb eines Jahres den neu fich bildenden Gemeinfchasten zu übertragen find, „die fich unter Anpassung an die Regeln der allge­meinen Organisationen deS Kultus, dessen Ausübung fie zu fichern beabfichtigt, «ach den Bestimmungende» Art. 17 für die Ausübung diese» Kxltu» gesetzmäßig gebildet haben". Damit ist unmöglich gemacht, daß die katholischen Kichengüter an schematische, alt- katholische oder sektiererische KultuSgemeinschafte«" über« tragen werden können, die etwa von irgend einer Kli- que ta einer katholischen Gemeinde gebildet werden können. Nur solche Gemeinschaften erhalten die Güter, die sich „an die Regeln der allgemeinen Organisation deS Kultus anpaffen", also fich innerhalb der Organi­sation der Kirche halten, mit Pfarrer, Bischof und Papst in Verbindung bleiben. Somit enthält da» Trennungsgesetz tatsächlich immer noch eine Anerken­nung der katholischen Kirche und ihrer Hierarchie. Den radikalen und sozialistischen Kirchenfeinden ist der Zu­satz, der erst in letzter Stunde beschlossen und dessen Tragweite sie nicht zugleich erkannt zu haben scheinen, vielfach gar nicht recht.

In Rußland waren in letzter Zeit aufregende Gerüchte verbreitet, wonach am 1. Mai, dem russischen zweiten Osterfeiertage in Petersburg schwere Unruhen bevorstüudrn. Geschehen ist glücklicherweise am 1. Mar nichts von dem Gefürchteten. Dagegen fohlten fich in Warschau am Montag höchst traurige Ereignisse ab. ES wurde dort eis Blutbad angerichtet, da» dem Petersburger vom 22. Januar nichts nachgibt. DaS Militär schoß auf eine aus 5000 Arbeiter« mit Fa­milien bestehender Menge, die fich mit toten Fahren unter Abfirrguug revolutionärer Lieder auf dem Wis- kosSkh-Plotze versammelten. Bon Ausschreitungen oder Angriffe der Menge wird nicht» berichtet. Dieses schoß auch noch in die Menge, als tiefe «och der ersten Salve floh. Später kamen noch mehrere Zu­sammenstöße vor, und eS wurden auch AuSschreituni,en von der Menge begangen. Ans eine vordeiz'ehrnde Patrouille wurde eine Bombe geschleudert, dmch die drei Kosaken, ein SHutzmmm und sech» Prssaote« verwundet wurden. Weit über 100 Personen wurde» getötet, während von den Soldaten, außer durch die Bombe, nur zwei ober drei Man» verletzt wurden. Da» beweist aufs klarste, daß die» Blutbad leichtfertig und frivol herbeigeführt word-n ist. Auch in anderen polnischen Städten kam e? in diesen Tagen zu Blut­vergießen. Ja. Ezenchochan wurden am Samstag bei einem Zusammenstoß zwischen Militär und Arbeitern vier Arbeite getötet, viele verwundet. Bei einem Zu­sammenstoß in Lodz wurden cm Dvnntag mehrere Personen verwundet, von des« zwe' ihren Wunden erlagen. Am Montag wurde dort eine Bombe ge­schleudert, die aber richt viel Schade» asrichtete. Soldaten gaben oüs doS HauS, wohin fich der Bomben- wrrfer geflüchtet hatte, eine Salve ab, durch die drei Personen getötet wurden; uns einer anderen Stelle wurde bei bm Unruhen eine au» dem Fersler blickende Frau erschossen. I» Kaftsch werde cm Sonntag eben­falls eine Fran bet einem Zusammer stoße zwischen der Menge anb dem Militär getötet. Iu Minik gab e?. gleichfalls Unruhe».

Ja Mazedonien blüht das Banden- Md RSvberhsndwerk auf da» üppigste. Eire griechisch: Bande übe,fiel im Bezirk NsSlidsch elf bulgarische Bauern, tötete 6, verwundete 2 und entführte 2 Bei Kruschew» wurde« eine bulgarische Bande von türkischen Gendarmen und Soldaten aufgeriebev; 16 Mann wurden getötet. A: ch untti emanier be­kämpft« fich die Bar den. Bei Milnik ta S-rrdschak Serbe» f-nd em heißer Kampf zwischen einer bub ga.ischen Bau': und der Bond; der Räuberhaupt­

manneS SandanSki statt, wobei 7 Mann fiele». Bei Svilanovo und Rajeani im Bilajet UeSküb fielen im Kampfe mit Militär 18 KomttatschiS. Für die griechischen Gewalttaten und Jagorttenani übte eine 80 Mann starke bulgarische Bande Rache, indem fie da» grieLffch-walachische Städtchen Kliffura überfiel und etwa 60 Griechen, darunter viele Teilnehmer an dem Blutbade von Jagoritmni, niedermachten.

«uf Kr eta kam -s zu einem Zusammenstoß zwischen Aufständischen, die die Bereinigung der Insel mit Griechenland fordern, vnd 50 Gendarmen in dem Dorfe Bakolid. Bon de» Aufständischen wurden 3 getötet, 6 verwundet, von den Gendarmen 1 getötet, 3 verwundet, 14 wurde« vermißt. Die Dorfbewohner setzten die Polizeiwache in Brand. In Konsular- krrisen beginnt übrigen» dir Hoffnung, oaß man die Bewegung noch immer dämmen könne, zu schwinden. Auf der ganzen Insel wehen jetzt griechische Fahnen.

Auf dem ost asiatischen Kriegsschauplätze ist e» zu dem mit Spannung erwarteten Zusammen­stöße zwischen den beiden Flotten immer noch nicht gekommen. Man weiß nicht einmal, wo die Flotten fich gegenwärtig befinden. Die Meldungen über de- Berblerb der rusfische« Flotte nach dem Verlass«« der Kamranhbucht widersprechen sich vollständig. Inzwischen haben dir Sachverständigen Zeit, in den Müttern gründliche Betrachtungen über den AuSgang und die Folgen der künftige« Seeschlacht anzustellen. — In her Mandschurei Baben in letzter Zeit wieder vielfache Kämpfe stattgefunden, die jedoch in keiner Weise von entscheiderder Bedeutung waren. ES kommt alta gar nicht darauf an, welcher von den beiden Gegnern am meisten bei der Wahrheit bleibt, wenn er de« Er­folg für fich in Anspruch nimmt. Für die Russe« dürste eS fich wohl nur um Nachhutgefechte handeln, auch wo fie sagen, daß sie angegriffen hätten.

Unpoliflfdie Zeitläufe.

TlBerliu, den 4.IMai 1905.

Der Mai ist bis jetzt brav gewtfen; er sucht gut zu machen, was fein Bruder Äpril an uns gesündigt hatte. Hoffentlich bleibt der „Warne- monat" sich selber auch nächste Woche noch ge­treu, damit die Schillerseter in Lenzeslust und Maieusonnexschein erhebend verlaufen kann.

In der Tat, Schiller verdient eine allgemeine Bolksfeier.

Man bezeichnet bekanntlich die berühmtesten unserer Dichter als „Dichterfürsten", als ob fie auf dem Parnaß in Hofburg Thron hätten und im Reiche der Kunst daS königliche Zepter führten. Nun paffen aber auf kaum andere Dichterfürsten so schön, wie auf Schiller, die Worte aus der Königshymne:

Fühl' in de» Throne» Glanz Sie hohe SBonne ganz, Liebling deS Bolks zu fein!

Schiller ist wie kein anderer, auch Göthe nicht, drr Liebling deS Volkes geworden und in dem Jahrhundert nach seinem Tode trotz allen „modernen" Bewegungen und Bestrebungen ge­blieben. Kein anderer Dichter ist so weit und tief dis an die Herde uvd die Herzen der breiten Volksschichten gedrungen, wie der Verfaffer des Test und Maria Stuart sowie dir herrlichen Ballade«.

Und keiner von den andern Dichterfürsten und Gerstesheroen hat fich als Erzieher des Volkes so heilsam bewährt, wie Schiller durch die Erzeugnisse seiner reifen Jahre. Was in der Maffr des deutschen Volkes noch an Idea­lismus steckt, an uneigennütziger Begeisterung für das Schöne und Gute, das ist in der Hauptsache dem nachhaltigen Einflüsse der Schiller'schen Werke zu verdanken. Diese Er­ziehung zum Idealismus kann man gerade in unserer Zeit mit ihrem kalten und selbstsüchtigen Materialismus nicht hoch genug veranschlagen. Die Schiller'schen Gedichte mit ihrer farbenpräch- Ligen Schwärmerei und ihrem hochgemuten Wohl­klang bilden ein segensreiches Heilmittel gegen die verflachende, zersetzende Richtung unserer Zeit, die den Menschen zu einem GeschäftStirr herabzuwürdigen droht.

Im April hat in Brrlin ^er sattsam be­kannte Profeffor Häckel unter großem Zulauf von Juden und Neuhriden das moderne Eoan« gelium vom Affenmenschen gepredigt. Mit wahr­haft höllischem Eifer geht der alte verbiffene Afferprofeffor darauf hirrauS, den Menschen das tierische Klsffrnbewußtsetn, den b e st i al i sch e n Familiengeist einzuflößen. Jetzt im Mai feiern wir in Berlin und im ganzen Reiche den Dichter, der im gerade» Gegensätze dazu den Menschen ihre geistige Würde, ihre Erhabenheit über den materiellen Staub und Schmutz, ihren hohen Beruf zur Selbstveredelung durch Pflege deS Schönen, Wchien und Guten so hinreißend gepredigt hat und noch fortwährend predigt. Wohl dem Volke, dc S fich lieber durch Schiller erheben, als durch einen Häck-l erniedrigen läßt!

Aber Schiller war doch nicht christlich, sogen die Stakn und die Herren vom Evangelischen Bürde füzru sogar gern hinzu, er fei ein aus- schließlich protestantischer Dichter gewesen, so daß

die Kacholiken mit ihm und seiner Feier nichts zu schaffen hätten. DaS ist parteiisches Gerede, durch das man fich nicht irre machen laffen darf.

Schiller stammte aus einer protestantischen Familie und wurde in drr Religion seiner Eltern erzogen. Aber als er in seiner Sturm- und Drangzeit ix das öffentliche Leben hinaustrat, da bekannte er fich nicht mehr zum evangelischen Glauben und überhaupt nicht zum christlichen Glauben, sondern war dem Rationalismus des 18. Jahrhunderts verfallen. Aber mit Freude und Genugtuung kann man feststevsn, daß er mit zunehmender Reife fich mehr und mehr den christlichen Idealen und Grundfätzen zugewendet hat; ja, wir dürfen fogar sagen, daß seine Meisterwerke immer mehr Verständnis und Sympathie für die katholischen Einrichtungen und Sitten bekundet haben. Diese allmähliche Axnäherung an katholisches Denken und Fühlen tritt so deuttich hervor, daß gerade wir Katho­liken doppelte Ursache haben, den frühen Ab­schluß seines Lebens (im 46. Jahre) zu betrauern. Wer weiß, ob nicht im weiteren Verlaufe seines Lebens der edle Idealismus und die hohe sttt- liche Lebensauffaffung, die ihn beseelten, den Dichter noch weiter geführt hätten, als an die Schwelle des katholischen Domes!

Aber wie dem auch sei, wir deutschen Katho­liken erkennen gern das Gute an, was in den Weik?« des ftüh verblichenen Dichters der Na­tion geboten ist, ohne erst nach dem Personen stände deS Urhebers zu fragen. Ss geht ja mit den Schiller'schen Schöpfungen, wie mit allen menschlichen Werken. Sie find nicht sämtlich gleichwertig, ix seinen Jugendwrrken steckt viel Unreifes und für schwache Magen sogar Gift, in seinen späteren Meisterwerken finden sich auch hier und da schwache und bedenkliche Stellen. Aber die Sonne hat auch Flecke», und doch be­schimpfen oder verschmähen wir sie deshalb nicht, sondern laffen uns gern von ihren Strahlen wärmen und beleben. Auch dos katholische Volk kann und soll fich an dem schwungvollen D chter des Idealismus erbauen. Der gewöhn­liche Mann braucht ja nicht alles zu lesen, und die unreife Jugend soll man mit dem unge- gohrenen Most der Sturm- und Drangschristex, wie „Räuber" oder „Don KarloS", nicht in Versuchung führen. Der abgeklärtenMeisterwerke find ja so viele, daß fie für den Hausbedarf der breitm Schichten und für den Schulbesarf eine reiche Fülle liefern. Und jeder, der Schiller liest, wird sich ja bewußt bleiben, daß ihm hier keine Offenbarung geboten wird» die Unfehlbarkeit und undedingtrn Glauben für jedes Wort verlangt, sondern ein mensch­liches ktanstwerk, das der Leser mit eigener Verstandes« und HerzenStätigkeit aufnehmen, gleichsam verdauen soll. Wenn er einzelnes findet, was chm weniger schön oder sogar falsch erscheint (z. B. in Maria Stuart baS törichte Gerede von den im voraus vergebenen Sünden, was man der Unkenntnis des protestantisch er­zogenen Dichters zur Gute halten muß), - - so lasse der Geist deS Lesers diese »ißratrnm Brocken auf der Echüffel liegen und begnüge fich mit der reichlich vorhandenen guten, schönen und nahrhaften Speise. In urferer Zeit, wo auch dem einfachsten Mann aus dem Volke gelegentlich feindselige Zeitungen oder vtreitschristen in die Hände fallen, find wir ja nachgerade alle daran gewöhnt, kritisch zu lesen und überall die Spreu vrm Weizen ?u sonderx, nicht unbesehen auf alles Gedruckte oder Ge­redete zu schwören, sondern mit verständiger Prüfung und Unterscheidung das Wahre und Gute aufzunehmen, daS andere fahren M laffen

Die Hetzer, die von einer Feindseligkeit der Katholiken gegen Schiller reden, setzen fich in komischen Widerspruch zu der Wirklichkeit. Denn gerade Schiller ist unter den sog. Dichter­fürsten unser erkorener Liebling. Und das nicht bloß wegen deS idealen Schaffens feiner Meister werke, sondern «uch wegen seiner ernsten, sitt­lichen Ledenssührung. Er hat ja in seiner Sturm- und Drangzeit auch eisige Menschlich­keiten verbrochen; aber je höher feix Geist tii seinen Werken sich emporschwang und j? m hr er fich den christlichen Idealen näherte, desto Heller und edler erstrahlt auch daS Bild seiner persönlichen Tugend, seiner rastlosen Fleißes, seins Uneigennützigkeit, seine Menscher freundlich- leit, seine Liede und Treur als Familienvater Goethe Hot ihm in dem Nachrufe die'gewichtig- Lokprrisuvg grrri^wrt, daß hin,er chm im wesen­losen Scheine das gelegen hotte, «aS olfe kändigt: Das Gemeine. Er war ix der Tar ein edler Mensch in Wort und Tat, ein Mann, der immer christlicher wurde, je länger er stch auSreiste. —

WaS nun die Huk-dntjahifeier angeht, fe braucht ein Dichter am allerwrniestenStatreen oder Sedenkfeste. DaS Denkmal der wahren Dichters find feine Werks, und die find dar»««