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Fulda, Dienstag, den 18. April 1905.

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Zweites Mcrtt.

AP. woher kommt der Straßenname „Lichsfeld"?

Bisher hat man den Fuldaer Straßennamen GjchSftld so gedeutet, daß hier während des Baurs der letzten Domkirche (1704—1712) aus dem naheliegenden Eichsfrlbe zum Dombau nach Fu'da gekommene Arbeiter ihre hüttenartigen Wohnhäuser aufgeschlage« hätten, während vor­her der Ort noch vollständig unbewohnt gewesen sei (stehe Dr. Schneider, Führer durch die Stadt Fulda und die nächste Umgebung, sowie die ge­schichtlichen Bemerkungen im Adreßbuch der Stadt Fulda E. 13). Möglich ist ja, daß stch jH jener Zeit einzelne Arbeiter auS dem nahen «chsfeldk, aus welchem noch sitzt zahlreiche Leute des besseren Verdienstes halber als Maurer und Handlanger in andere Gegenden, insbesondere nach Westfalen, ziehen, hier an- «fiedelt haben, woher u. a. auch die dürftige Bauart der Häuser zu erkläre» wäre. Bemerkt sei übrigens, daß auch anstelle der om oberen Sichsfelde stehenden sich durch ihre Größe von den übrigen Gebäuden abhebenden Häuser bis zum Brande am 4. Oktober 1874 fünf kleine Häuschen gestanden haben. Aber stechen denn wirklich die Bauten so sehr von verschiedenen Häuschen in anderen Straßen und Gäßchen der Stadt ab? Wir finden namentlich in der alten Lorstadt, z. B. in der Rronhofstrc-ßk, der Tränke, der Königstraße usw. nicht minder un­ansehnliche Gebäulichkeiten. Aber davon gauz abgesehen, kann die Annahme, daß der Stadtteil »or de« Dombau ganz unbewohnt gewesen sei und der Name fich von der Niederlassung der Arbeiter aus dem Sichsfelde herleite, deshalb unmöglich richtig sein, weil urkundlich feststeht, daß der Name schon lange vorher ge­bräuchlich gewesen ist. So wird er z. B. in der Lhronik von Gangolf Hartung (geb. 1597, gest. am 4. August 1667) zweimal erwähnt:

„Ann» 1626 in der fasten den 12. Mertz find 2000 saltaten zu fuß . . . in Stifft Fulda ankomeu .... undt den 13. Mertz wider uff- ßebrochen undt über die langen Brücken und daß einff eit hinuff gezogen nach Gteinnen hinder dem pettersbergen . . ." und:

«Anno 1632, den 6. July, Sindt 7 sahnen heßisches fußoolck Bey der Stadt fulda ankomeu, haben bei Horra Lang auf der Wißen gelegen, da hott man th« auß der Stadt fleisch, brodt, »ein und biet geschickt, auf den abend Sindt fie «f Frauwenberg inß Kloster, hinter die Mauwern gezogen undt findt da die Nacht Liegen bleiben, und ist ein Soldadt auf dem Frauwenberg, den «beut in de» großen Ziegbron gefallen, haben tz» die anderen Soltaden, und etliche Menner auf dem Sißfelt tod! widerumb heraußge- langt, und haben ihn die Soltaden den Morgen »»der dem frauwenberg auf dem Neuwen Kirch­hof begraben, ist der Soltadt von Schlitz ge- wrßeu."

Die etymologisch« Erklärung des Namens ist tu* folgende: „EichSseld ist auS Eiche" (ahd. wh, mhd. eich) und Feld (—urbar gemachte Fläche) entstanden; das Sichsfeld ist das „durch Rodung von Sichen gewonnene Feld." Die Aus» fprache des Wortes im BolkSmunde „Sichsfeld", »ir eS auch Hartung in der einen der angezogenen Stelle» nennt, ist di« ursprüngliche, wie gar ost di« eigentliche Form eines Wortes im Bolksdia-

lekte bewahrt wird. Unterstützend für diese An­sicht wirkt noch, daß ftüher der Wald, in dem bekanntlich die Buchen vorherrschend waren, in Fuldas nächster Umgebung auch größere Eichen- bestände auftuweisen hatte. Auch die Gegend zwischen dem Rabatten» und Aschenberge (—Alsen­berg) hieß früher die „Sichloha" oder „Achloh" — Eichenwald, eigentlich „junger Nachwuchs von Eichen", welcher Name bis in unsere Zeit für de» Ralvarienberg noch bei den Bewohnern der Umgegend haften geblieben ist.*) Daß schon in der ftühesten Zett Eichenwaldungen ganz in der Nähe der späteren Stadt Fulda vorhanden ge­wesen find, bezeugen auch die bei den Aus­grabungen im Herbst des JahreS 1897 auf dem Grundstücke des Herrn Fabrikanten Rich. Schmitt in erheblicher Menge gefundenen Eichenpfähle, welche die Pfahibauer sicher nicht weither geholt haben.

•) Stehe Georg Pfähler: St. Bonifatius und feine Zett. Regensburg. 1880.

HroloMIsträncn.

Bon I. Mund.

(Nachdruck verboten.)

llöten an der Treppe steht ein kleines Mädchen und gibt fich alle Mühe, seinen Aeuglein einige Tränen zu entlocken, ohne eigentlich recht zu wiffen warum, was auch schließlich gelingt. Die Mutter steht lachend oben und ruft ihrem Herzchen zu: „Geh', hör' doch auf, eS sind ja nur Rroko- dilstränen!"

Frau Schneider ist von einem schweren Un­glücksfalle betroffen worden. Ihre Nachbarin, die fie sonst nicht leibe« kann und von größter Schadenfreude erfüllt ist, wenn ihr etwas widriges zustößt, kommt und weint die bittersten Tränen der Rührung und des Mitleides. Ach, diese Rrokodilstränen, denkt Frau Schneider! Und so hört man noch bei vielen anderen Gelegen Hellen, wo Tränen mit im Spiele sind, sagen: „Es sind ja nur Rrokodilstränen", d. h. falsche oder er­heuchelte Tränen. Die wenigsten aber vielleicht von denen, die diesen Ausdruck gebrauchen kön­nen, werden fich Rechenschaft darüber zu geben wiffen, woher er eigentlich stammt. Auch ich hatte niemals darüber nachPdacht und würde — zu meiner Beschämung muß ich es gestehen — noch jetzt die Antwort schuldig bleiben, wenn mir nicht zufällig vor kurzem eine Disputation in die Hände gefallen wäre mit dem Titel: „Exeroitatio hißtorico-phyrica de erocodilo et in epecie de lacrymis crosedili“ (historisch-physische Abhandlung über das Rrokodil und über Rroko- dilstränen im besonderen), die der Studiosus Christoph Rrahe, gebürttg aus Ulm, im Jahre 1662 zu Leipzig gehalten hat.

Ueber daS Rrokodil waren imAltertume und auch noch im Mütelaller die seltsamsten Gerüchte im Umlauf; daß eS bei den alten Egyptern eine große Verehrung mll einem ausgedehnten Rult genoß, ist ja allgemein bekannt. So meinte z. B. Aristoteles, das Rrokodil halt« fich Tags über auf dem Lande, nachts aber im Wasser aus, well eS dort wärmer sei, um sich so gegen die nächt­liche Rält« (!) Egyptens zu schützen. Eine andere weit verbreitete Ansicht, die neben Aristoteles auch Plinus vertrat, war, daß das Rrokodil immer wachse und daß es keine Zunge habe. Eine wirk­liche Merkwürdigkeit am Rrokodil ist allerdings, daß es allein von allen Vierfüßlern das Ober­kinn bewegt, was deshalb geschehen soll, weil es sonst wegen seiner kuqen Beine die Erde be­rühren würde. Hier möge eS gestaltet sein, auf

ein anderes Ruriofum aufmerksam zu machen, das man häufig bei den Scholastikern erwähnt findet, daß nämlich der Mensch allein des Ver­gnügens entbehren muß, mit den Ohren wackeln oder fie spitzen zu können.

Am bekanntesten und verbreitesten war die Sage, daß das Rrokodil weine. Bei vielen Schriftstellern finden wir dies« Tatsache erwähnt, und schon in der Hieroglyphenschrist bezeichnet daS Rrokodil einen Heuchler, sodaß kein Zwüfel bestehen kann, daß man wirklich dieses Glaubens war. Der erst«, der der Rrskodilsttäne» in seinen Schriften gedenkt, ist nach dem Verfaffer der obengenannten Disputation der Bischof Aflerias von Amasea, besten Worte uns PhotiuS in seiner berühmten „Biblischeca" überliefert hat. Ihm bfitfte» bie meisten bet Späteren gefolgt fein, ohne ihre Behauptung einer nieten Prüfung zu unterziehen. Es würde zu weit führen und auch höchst überflüfftg fein, all« bi« Autoren anzuführen, bei beiten fich biefe Nach­richt findet. ES fei nur Albertus Magnus er­wähnt, der in feines „Historien animalium“ sagt: „Wenn es dem Rrokodil gelungen ist, einen Menschen zu erbeuten und seiner Herr zu werden, so verzehrt es ihn und, wie man sagt, beweint ihn bann."

Zur Beantwortung bet Frage, worüber dar Rrokodil weine, wann und weshalb, find bie Meinungen der Autoren geteilt. Die einen behaupten, es wein« nur, wenn eS einen Menschen sich zum Fräße erbeutet, andere sagen, «S sei auch der Fall, wenn es ein Tier Er­schnappt habe. Was bie Zeit angeht, so sagen manche Schriftsteller, es vergieße Tränen, bevor es be» Menschen angreift und verschlingt, andere hinwieder sind der Ansicht, daß es hinterher ge­schehe. Am seltsamsten jedoch sind die Er­klärungen über die Ursachen beS Weinens. Mele laffen das Rrokobil deshalb Tränen ver­gießen, weil es Mitleid über das Schicksal der ihm verfallene» Menschen und Tiere fühle und sszusogen Rru« über seine schwarz« Tat empfinde. Ein« ganz eigenartige und allein dastehend« Meinung vertritt der oben genannte Bischof Asterias. Nach ihm beweinen — wie bie Leute faßen — die Rrokodile des Ms die Häupter von den Menschen, bie fie verschlungen haben und benetzen die Ueberreste der Getöteten mit ihren Tränen, nicht well fie irgend welche Reue empfinden, sondern aus Schmerz darüber, daß der Ropf zum Verspeisen wenig geeignet ist. (!) Andere stellen bie beide» genannten Gründe in Abrede und sagen, daS Rrokodil last« deshalb sein« Tränen auf die Häupter der von ihnen Getöteten fallen, um die Rnochen weich zu machen. Sein Tränenwaffer fei nämlich von solch außerordentlicher Schärf«, daß eS bie Rnochen, auf die eS falle, zerspringen mache. Und daS tue diese grausame Bestie auS keinem anderen Grunde, als um das Gehirn, das für daS Rrokodil eine» ganz besonderen Leckerbissen bild«, ebenfalls verspeisen zu können. Di« ge­wöhnlichste, landläufige Mettiung jedoch ist, daß es wein«, um seine Opfer anzulocken, woraus fich auch am ehesten der Gebrauch d«S AuS- druckeS Rrokodilstränen für falsche, erheuchelt« und unecht« Tränen erklären läßt.

Um nun tiefe sonderbaren Meinungen glaub­haft zu machen, stützten fich bie betreffenben Schriftsteller zumeist auf die ebenso falsch« Ansicht, di« ftüher bei vielen Gelehrte» verbreitet war, daß auch den Tiere» di« Gabe der Tränen be» schiede» sei. So lese» wir, daß die Pferd« wrinen sollen, wenn fie ihren Herrn verloren haben; etwas der Art findet fich im S. Buche von Vir-

gllS AeneiS. Plinius läßt sogar de» wilde» Löwen Tränen vergieße». Die Esel in Maure» tonten sollen bittere Tränen weinen, wenn fie auf der Reise allzuselr ermüdet find; bie Fische, wenn das Alter vor der Türe steht. Die philo­sophischen Gründ«, womtt man die Möglichkeit der Dänen bei Tieren zu beweisen sucht«, warm natürlich falsch und damit fällt auch der Schluß, den man von den Tieren im allgemeinm aus das Rrokodil anzuwmden pflegte. DaS Tier kann ebensowenig wrinen als lachen, wmngleich «s Zeichen von Freude und Trauer äußer» kann, und dem Herrn der Schöpfung, dem Menschen, ist allein von allen biefe Gabe verliehen worden und konnte nur ihm zu Teil werden, well die übrigen Geschöpfe nicht mit der Art von Vernunft begabt find, bie die notwendige Voraussetzung dazu bilden.

Es ist diese Eigenschaft, die man ehedem dem Rrokodil beilegte, jetzt schon längst in das Reich der Fabel vrnwiesrn worden. Daß man so lange an diesem Glauben festgehalten hat, ist nicht schwer zu erkkärm. Vielleicht keiner von denen, die darüber geschriebm haben, hatte jemals selbst ein Rrokobil gesehen; denn eine Reise nach dem fernen Aegypten — daß «S auch i» anderen Teilen Afrikas und auf Madagaskar Rrokodile gebe, wußte man nicht einmal — gehörte in jenen Jahrhunderten zu den größten Seltenheit«». So hat fich denn auf Grund dieser falschen Meinung daS Sprichwort von den Rrokodilsttänm gebildet und ist bei den meisten, wenn nicht bei allen zivilisierten Völkern heimisch gewordm.

Was schadet es auch, daß es seine Entstehung einem groben Irrtum zu verdanke» hat? Und welchen Ersatz sollte man dafür finden, wm» es einmal einem Naturforscher oder Philologen ein» fallen würde, eine Agitation gegen die RrokodilS- ttänen ins Werk zu setzen, weil fie auf falscher Voraussetzung beruhen? Wehe euch dann, ihr armen Rleinen, wenn ihr keine RrokodilStränm mehr vergießen dürstet! Und erst ihr, ihr liebe» guten alten Kaffee» und Klatschbasen! Welche» Reiz könntm eure allen Tage noch ftzp euch habe«, wm» einmal ein Verbot gegen die Rroko­dilstränen erlassen würde! Doch beunruhigt euch nicht! Reine Macht der Welt wird j« imstande fein, euch diesen Trost zu rauben.

Vermiidifes.

* Die Hinterlassenschaft des Großfürst«« Ser­giu» ist jetzt amtlich srstgtstellt norden. Sie beträgt, Berichten Pariser Blätter au» Petersburg zuftlge, 535 Millionen Franken. Der Großfürst hatte seine Verwandten und seine Liebling! stisinug-n recht reichlich bedacht. Der „Verein zu Ausbreitung der rechtgläu­bigen Lehre unter den Polen," also eine „Los von Rom-Bewegung", erhält ein Legat von 18 Million« Frauken. Durch die Legate an die btoetf« Pros«, lytenvereine bleiben sür die Großfürstin-Witw« n« noch 60 Millionen Franken übrig.

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