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Druck und verkag d«S Kuldaer Actiendruck«^ in Zulda (Harmonie;

Zerntprechrr Rr»

J2 65.

Fulda, Montag, den 20. März 1905.

32. Jahrgang.

Deufiäies Reich.

yerl.i-n, den 18. März 1905.

♦ Herr v. Lncauus soll einmal wieder amtSmüde sein. So versichert wenigstens die »Neue Gesellsch. Hort.'. Da der Chef des Ge­heimen Zivilkabinetts binnen kurzem sein 75. Lebensjahr vollendet, klingt die Mitteilung nicht unwahrscheinlich.

\ Der Brrndesrut hielt heute eine außer­ordentliche Sitzung ab, ix der nicht weniger als vier Nachtragsetat verabschiedet wurden. TS befindet sich darunter je ein Nachtragsetat für Südwestaftika, wovon der eine im Betrage von rund 27 Millionen noch zum Rechnungsjahr 1904, der andere im Betrage von 33 Millionen zum Rechnungsjahr 1905 gehört. Ein dritter Nachtragsetat betrifft die KriegSveteranenbeihilfen und beläuft fich auf 265,000 Mark. Alle vier Nachtragsetats werden dem Reichstage unver­züglich zugehen. : <W

§ Sin „protestantischer Geistlicher­gefällt fich im ,Berl. Tagebl.' in einer seltsamen P»le«rr gegen d«S Zentrum. Der § 1 des Toleranzantrageö ist, wie das schon wiederholt hervorgehoben worden ist, «örtlich aus der preußischen Verfaffungsurkunde über­nommen. Es fehlt jedoch der Satz der Berfas- fungSurkunde: „Der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte ist unabhängig von dem religiösen Bekenntnis.- Unser „protestan­tischer Geistlicher- bezichtigt nun das Zentrum der Unehrlichkeit, weil es verschwiegen, ja geradezu verhüllt habe, daß der Satz schon in der preußi­schen Versaffung gestanden, es ihn aber absicht­lich gestrichen habe. AuS feinen eigenen Dar­legungen kann man aber ersehen, daß der ver­mißte Satz feinem Inhalte nach bereits in dem Reichsgesetze vom 3. Juli 1869, betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürger­licher und staatsbürgerlicher Beziehung, steht, er also in deru Tolcranzantrage eine ganz über« flüssige Wiederholung bedeutet haben würde und daß weiter die Zentrumsmitglieder in der ersten Kommission gegen die Uebernahme der Bestim­mung dieses Gesetzes in den Antrag nur deshalb gestimmt haben, weil von anderer Seite die Zustimmung zu 8 1 von der Ablehnung der Be- stimmung abhängig gemacht worden war. Man muß schon ein außerordentlich starkes Bedürfnis nach einem Kampfe gegen dar Zentrum empfiu- den, um ihm aus dieser Sache einen Borwurf zu machen und sogar feine Ehrlichkeit anzu- zweifeln. Viel berechtigter scheint uns der Zweifel an der Ehrlichkeit einer solchen Polemik zu sein.

8. Die neueste Auflage der Briefe aus Hamburg. Der Protestantenvrrein in Hamburg und Bremen hatte für den Winter 1882/83 eine Reihe von sieben Vorträgen angekündigt, mit denen er in beiden Städten die vierhundertste Wiederkehr d?S Geburtstages Martin Luthers (1483) einleiten wollte. Der gemeinsame Gegen­stand aller dieser für die weiteste Oeffentlichkrit bestimmten Vorträge war „der römische Katholi­zismus-. Diesen Vorträgen entgegenzutreten war notwendig, da die katholischen Gemeinden

Marthas Sdunitgrmntfrr.

Dem Leben nacherzShlt von Marg. Schlichter.

1 ------ (Nachdruck verboten.)

68 ist ein stürmischer Novemberabevd. Der Wind wirbelt dichte Schneefircken durch die Straßen der Stadt. Er haucht seinen kalten Atem gegen die Scheiben der BaSlaternrn, daß dir eilig vorüber- huschenden Gestalten fast wie Gespenster anrseben, die fich stets wieder bemühen, ihre flatternden Ge­wänder einmfangen, um fich vor der Bosheit der naßkalten Nordweststurmes zu schützen. Mit weniger Hast al» die übrigen Poffante» gehen indessen zwei juage Mädchen ihres Weges. Gerade haben fie den Domplatz, wo der Wind sein tollste» Spiel treibt, verlassen und biegen in eine kleine Gaffe ein, die aus den Marktplatz führt.

„Betty, warum spannst du denn deinen Regen­schirm nicht auf?* sagte die ältere, eine neunzehn- jährige Blondine, zu ihrer Begleiterin, die bei jeder Gelegenheit und auch jetzt wieder beweist, daß fie noch ein echte» Backfischchen ist.

„Ersten», weil t» doch nicht» nutzt bei diesem Winde, zweiten» weil ich e» köstlich finde, wenn der Schnee einem um die Backen wirbelt, und dritten» weil ich mich gern, w:iß wie Knecht Raprech-, bei den ander« präsentieren möchte.*

„Und an Mamas Schelte denkst du gar nicht, und daß auch ich meinen Teil mitbekomme, weil ich dich zum Mitgehe« animiert habe.*

„O, das macht nicht»! Martha, das schüttelst du wieder ab wie ich den Schnee in Bruno» Studier- stube. W ißt du noch, als er vorige» Jahr da» ganze Hest voll Kleckse hatte «nb er sein lateinisches Pensum »och einmal schreiben mußte? Ich würde an seiner

Bus dem Landtag.

ALxrord«etexh«AS.

165. Eitznxg vom 18. März 1905.

Eröffnung 11'/- Uhr.

Die vrilte Beratung deS Etat» wird fortgesetzt beim Etat be» Justizministerium».

Auf eine Anfrage des »ationalliberale« Abg. Schaffner erklärt

Justizv-mister Schönstedt, daß der Entwurf für den Neubau eine» Amtsgericht»- und Gefängnis- gebäudes in Ems bereit» aukgearbeitet sei und wahr­scheinlich im nächste» Etat erscheine» werde.

Abg. Cassel (fr. Bp.) machte den Versuch, die Ausschließung der Jude« von den Richterstellrn zu» Gegenstand einer größeren Debatte zu mache«. «8 ging jedoch niemand darauf es«, und der Etat wurde schnell genehmigt.

Beim Etat de» Ministeriums be» Inner» klagte

Abg. Jäuecke (xtL) darüber, daß die Regierung tu Hannover einen Zickzackkurs verfolge. Er stützte diese Behauptung auf die Tatsache, daß zum Polizei- Präsidenten in Hannover ein 'früherer konservativer Abgeordneter ernannt worden ist. Die Rational­liberalen empfänden die» al5 ungerecht, weil sie fich für die allein geeigneten Persönlichkeiten halten, die der welstschen Agitation mit Erfolg entgegenarbeiten können. Um dies nachzuweifen, schilderte der Redner in stark aufgetrageue» Farben die «elfische Agitation und da» gute Verhältnis, das trotzdem zwischen den Welfen und dem Bund der Landwirte besteht

Vom RegierungStische auS erwiderte man, daß die Ernennung des Poltzeipräfidenten keinerlei politischen Beigeschmack habe.

Damit war auch diese Sache abgetan, und da» HauS wandte fich der dritten Lesung des Kult«»- etats zu.

Die Abgg. Prietze (ntl.) und Röchling (pti.) baten den Minister, am Saarbrücker Gymnasium keine katholischen Lehrer anzustelle», da e» eine stiftuugS« mäßig evangelische Anstalt sei. Lieber sei e» be« Evan­gelischen, wenn ein neueS katholische» Gymnasium er­baut werde.

Bus dem Reichstag.

167. Sitzung vom 18. Mär, 1905.

Eröffnung VI* Uhr.

Die Beratung be» Etat» wirb fortgesetzt beim Etat der Schutzgebiete. Berichterstatter bei Kom­mission ist der Abg. Prinz von Arenberg (Ztr.).

Beim Etat für Deutsch-Ostasrtka bebauert

Abg. Erzberger (Ztr,), daß man bet Mün- regklung nicht bte deutsche Reichswähruug zugrunde gelegt und daß man bei der Regelung de» Bank­wesen» nicht die Reichsbank zugezogen habe. Im Anschluß daran forderte er den Erlaß eines Gesetzes, wodurch d m Reichstag eine Mitwirkung an der Er­ledig««, derartiger Fragen gewährleistet werde.

Der Kolontaldtrektor Dr.Stübel und unmittel­bar nach ihm zwei seiner Kommissare suchten den Nachweis zu erbringen, daß die angefochtene Regelung in Rücksicht auf die besonderen Bedürfnisse be» Schutz­gebiets nicht anders habe vorgenommen werben können.

von Hamburg und Bremen ht der kirchlichen Versorgung auf das Wohlwollen der Behörden angewiesen waren und deshalb nicht ruhig zu- sehen dursten, wie die katholische Kirche als die größte Gefahr für Religion und Vaterland, für Wohlstand, Bildung und Fortschritt westen Kreisen des Volkes dargestellt wurde. Für diese Arbeit gelang es, den Jesuttenpater Tilmann Pesch zu gewinnen, der unter dem Decknamen „Gottlieb* die Angriffs gegen die katholische Kirche mit den „Briefen au8 Hamburg* erwiderte. Die Briefe erschienen in der,Ger- mania' und machten sofort großes Aufsehen, später folgte die Buchausgabe. Diese liegt nun­mehr, nachdem sie einige Jahre vergriffen war, in 5. von P. M. Reichmann besorgter Auf­lage vor. (Verlag der.Germania' in Berlin, Preis 6 Mark, gebunden 7.50 Mark.) Der Verfasser selbst ist nach einem arbeitsreichen Leben feit dem Erscheinen der vierten Auflage zu einem befferen Leben Übergegangen. — Beim erstmaligen Erscheinen des Werkes bezeich­nete es die Kritik als ein gewaltiges, Aufsehen erregendes historisches Ereignis. Die Briefe trafen mitten in das Herz des Gegners, und bis in den Reichstag und den Landtag hinein ertönten die Schmerz- und Klagerufe über den streitbaren „Gottlieb- und über den mutmaßlichen Verfasser. Es ist aber auch staunenerregend, mit welcher Schlagfertigkeit, Leichtigkeit und Gründlichkeit in diesen Briefen alle Einwände widerlegt werden, wie gleichzeitig ein ungemein farbenreiches, wechsel- volles, an ernsten und heiteren Ueberraschungen und Zwischenfällen fast unerschöpfliches Gefamt- bstd der Gegensätze zwischen den großen christ­lichen Konfessionen entstand. Die verhetzende Tätigkeit des Evangelischen Bundes mit seinen auf gleicher Stufe stehenden und denselben un­sauberen Quellen entnommenen Angriffen auf die katholische Kirche fetzt das Geschäft des Prote­stanten-Vereins und jener Hamburger Prediger unbekümmert weiter fort. Es ist daher gewiß erfreulich, daß durch eine Neuauflage der Gott­lieb Briefe dieser Romhrtze kräftig von neuem begegnet wird. _ _

• Einer, der fie kennt. Ueber die pro­testantischen Theologiestudierenden ax den Universitäten urteilt der Landtagsabgeordnete Pastor v. Bodelschwingh in der Chronik der christlichen Welt folgendermaßen:

ES ist wahr, wir dürfe« in mancher Beziehung auf unsere Univerfitäten stolz sein. Aber ich muß doch auS eigener Erfahrung bezeugen, daß aus thuen, wa» da» sittliche und religiöse Leben angeht, wenig frische Morgenluft zu finden ist. Man spürt unter den Studenten der Theologie nur ein ge­ringe» Maß geistigen Lebens. Biele von ihnen fühlen fich nicht einmal gedrungen, den Gottes­dienst zu besuchen. Und da» ist ihnen auch nicht zu verdenken, da selten lebendige Gemeinden hinter den Geistlichen der UniverfitätSstädte stehen. Geistlicher Tod herrscht leider an den meisten Stätte« deutscher Wissenschaft, und ungezählte Jünglinge finken, ange­steckt von dem Gifthauch, der dort weht, geistlich und leiblich in den Tod.

Daß, so bemerkt dazu die.Sächs. Volksztz.', die Herren Studenten der protestantischen Theo­logie nur deshalb nicht in die Kirche gehen, weil ihre Glaubensgenossen auch nicht gehe», will

uns nicht recht einleuchten, denn gerade fie hätten doch alle Ursache, mit gutem Beispiel voranzugehen. Allerdings wird ja heutzu­tage nicht mehr darauf gesehen, ob sie fleißige Kirchengänger sind und wahre Gottesfurcht im Herzen tragen. Wenn sie nur tapfere Strei­ter« gegen Rom* werden, fo genügt das ver­schiedenen Leuten schon.

* Ein neue- sozialpolitisches Flugblatt (Nr. 28) hat soeben der Volksverein für das kath. Deutschland heranSgegeben. Dasselbe be­handelt die Frage: „Was hat das Zentrum für die Bergarbeiter getan- und zeigt an der Hand der Tatsachen, wie daS Zentrum schon vom Jahre 1882 an biS zur Stunde sich uner­müdlich der Interessen der Bergarbeiter ange­nommen hat. Augenblicklich, wo die Sozial­demokratie das Zentrum ob feines Eintretens für die berechtigten Bergarbeiterwüxsche nach be­kannter Manier wieder zu verdächtigen und sich als den alleinigen ehrlichen Bergarbeiterfreund aufzuspielen sucht, dürfte das Flugblatt besonders aktuell sein. Nach Orten, wo der Volksoerein eingeführt ist. wird daS Flugblatt von der Zentral­stelle des VolksvereinS in M.-Gladbach unent­geltlich in beliebiger Zahl abgegeben.

* Die Novelle zum Landtagswahlge setze wird der .Deutschen Tagesztg.' zufolge dem Landtage in der gegenwärtigen Tagung voraus­sichtlich nicht mehr zugehen.

ß Der Friedhof der Märzgefallenen in Berlin war hrr te morgen, wie alljährlich am 18. März, das Z:el Vieler. Vontzder Okffnung des Friedhofes um 7 Uhr an bis gegen 9 Uhr passierten über 6üO Personen, meist Arbeiter, daS Tor. Bis zu dieser Zeit wurden 110 Kränze niedergelegt. Den Kranz der Berliner Gewerk­schafts-Kommission, der seit zwei Jahren namens aller Berliner Gewerkschaften überbracht wird, legten Reichstagsabgeordneter Körsten und Ge­werkschaftssekretär Brückner nieder. Ferner über­brachten mehrere Ortsvereine des Gewerkoereins der Maschtn-nban- und Metallarbeiter (Hirsch- Duncker), der Berliner Arbeitervertreter, bte Frauen des Wahlkreises Teltow-BeeSkow, die Pattenten der Lungenheilstätte Grabowsee, die freien Turner usw. Blumenspenden. Zur Polizei­wache sistiert wurden verschiedene Urderbringer von Kränzen mit mißliebiger Inschrift.

Während der Abg. Dr. Pansch« (nati.) mit btt getroffene« Regelung durchaus einverstanbe» war, meinte bet

Abg. Dr. Arendt (Rv >, daß man beffet getan hätte, statt et« zum mindesten überflüssiges UebergangS» stadium zu schaffen, gleich mit der Einführung bet deutsche« ReichSwährung vorzugehen.

Beim Etat für Kamern« teilte Kolonialdttettnt Dr. Siübel mit, daß auf gründ eines Telegramm» des Gouverneurs die Schutz'ruppe in Kamerun zur Unterdrückung etwaiger Unruhen um 2 Kompagnie« verwehrt werden muffe und daß dem Reichstag z« diesem Zwecke ein NachtrogSetat zugehen werde.

Beim Etat für Togo wies Abg. Roere«(Ztt.) die Angriffe zurück, die in einem Berliner Blatt gegen die latheltschen Missionare erhoben worden find. Im Anschluß daran richtete er die Aufforderung a» bk Kolonialverwaltung, in btt Auswahl der nach de» Kolonien zu entsendenden Beamten möglichst vorsichtig zu sein.

Kolonialdirektor Dr. Etüde! erkannte an, daß bat Missionaren bei der Kolonisation eine große Rolle zu« komme, daß ein gutes Verhältnis zwischen Beamre» und Missionen dringend erwünscht sei und daß, wen« diesks Verhältnis durch Beamte gestört werde, et Remedur eintrete« lassen werde.

Beim Etat für Südwestafrika entspan« sich eine längere Diskussion über die Frage der Lande»- konzesfionen. Eine von der Kommission vorgeschlagene Resolution auf Einsetzung einer NntersuchungSkommis» fion über die Verhältnisse bet LnndeserwerbSgesell- schoflen wurde ton dmAbgg Latium««(wirtsch. Vg.). Erzderaer «Ztr.) und Ledebour (sozb) befürwortet und schließlich mit großer Mehrheit angenommen.

Montog zweite Beratung der Mtlitärvotlage.

Stelle die Betty tüchtig durchgebleut habe«; aber er ist ein Schaf, der alle» mit fich machen läßt.*

„Du solltest den armen Jungen nicht immer so ärger». Du weißt doch, daß er kränklich ist und seine» Leben» so recht nicht ftoh werden kann.*

„Ach wa», zipperkich ist er, und wenn er so kläg­liche Gefichter schneidet und Mama ihn dann rott Milch und Eiern päppelt, dann kribbelt es mir in allen Fingern, daß ich ihm ein» antun muß.*

Ja, so ganz Unrecht hatte Betty nicht Papa Lauter, Professor der Physik, dachte oft mit Sorge an bte Zukunft seine» Einzigen, der e» voraussichtlich in der Wissenschaft nie zu etwa» bringen werde und zu nicht» Talent zeigte, außer die wunderlichsten Figuren zu zeichnen. Dieser Umstand erfüllte aber feine Gattin mit den größten Hoffnungen. In ihren Auge» steckte in Bruno ein Künstler, der dereinst die strahlende Höhe de» Ruhme» erreichen werde. Hatte die hoff­nungsvolle Mutter ihrem Manne die Zukunft Bruno» in de« glänzendsten Farben auSgemalt, so folgte jedes­mal ein düstere» Bild vom zukünftigen Lebe» ihrer Töchter, die fich al» Stütze» der Hausfrau, Buch- halteri, ne», Telegraphistinnen oder Gott weiß was ihr Brot verdienen müßte», fall» fie nicht ihr Lebenr- schifflein beizeiten in den Hasen der Ehe lenkten. NennenSwerie» Vermögen besaßen die Lauter» nämlich nicht. Die beide« Töchter au» erster Ehe, Martha und ihre ältere Schwester Lina, hatten von ihrer Mutter ein kleine» Kapital geerbt. Aber es war nicht viel mehr, um im Falle ihrer Verheiratung eine standesgemäße Aussteuer zu beschaffen. Wenn nun auch die Frau Professor die sogenannte Sliefmuttter der beiden älteren Töchter war. machte fie keinerw^S einen Unterschied zwischen diesen und ihren leiblichen Kindern. AuS wirklichem Inten sie für erstere hatte fie ihren Mann bewogen, seine Damen am solgenden Tage zum Balle zu führe», daS größte Opfer, das er seinem ehelichen Frieden brachte. Für Martha sollte eS der erste Ball sein.

„Du, Martha, freust du dich auf morgen?* fragte Betty. „Einige sagen, die daS erstemal auf den Ball gingen, hätten da» Ballfieber, waS ich doch eigentlich recht lächerlich finde.*

„Ich auch; ich freue mich königlich auf morgen abend. Aber laß nn» eilen, am Ende habe ich mir bei diesem Wetter eine» Schnupfen geholt und der trägt doch grade nicht znr Verschönerung bei.*

In diesem Augenblick erfaßte der Wind Martha- Schirm uvd führte ihn eine ganze Strecke fort, während die Beiden Jagd auf ihn machten. Betty hatte ihn endlich eingehott und atemlos standen fie im Scheine einer Laterne. Martha schob ihr Pelz­barett zurecht und strich fich die zierlichen Löckchen aus dem Gesicht, mit denen der Wind recht unsanft umgegangen war.

„O, Gott, mein Paketchen! Hast du es nicht, Betty?*

„Wie sollte ich, du hast er ja vorhin noch in der Hard gehabt.* Und beide suchten nach dem ver­lorenen Gegenstand.

„Ich glaube, daß ich getotiben habe, was Sie vermiffe»,* sagte plötzlich eine klangvolle Männer­stimme hinter ihnen, der nun deutlich einen' fremden Accent anhören konnte. Dabei überreichte er Martha ein Päckchen, dessen Umhüllung fich gelöst hatte, und — auS dem Papier lugte eine schöne, blonde Flechte hervor.

„Sie ist aber nicht für mich,* sagte Martha mit fichilich verlegenem Lächeln.

„Nein, fie ist für Lina; die hat im vorigen Jahre da- Nevevfieber gehabt. Da hat man ihr dar Haar abschneideu müssen und jetzt will fie es wieder auf« stecken," ließ Betty fich vorlaut hören. „Martha trägt hüten falschen Zopf, die hat aber* — ein derber Pvff der Schwester konnte Betty in ihrem Redestrom nicht hewmra — „einen falschen Zahn für den, den fie fich beim Nüsseknocken abgebrocyen hat. ES ist aber nut ein Stieszahn.*

„Nun, ich freue mich, daß ich ihrer Fräulein Schwester zu ihrem Eigentum v erhoffen habe," sagte

der junge Storni mit freundlichem Lächeln, lüstete höflich den Hut und empfahl sich.

Betty tat einen Lustsprung.

„Welch ein köstliches Abenteuer! Weißt bu, wer daS war?w

„Woher sollte ich baS wissen?*

„Da» war ja der schöne Mexikaner, Doktor Pablo Ribero au» Puebla. Alle in unsrer Masse schwärme« für ihn. Er ist nicht nur schön, sondern auch sehr klug und geschickt.*

„So, woher weißt du da»?* .

„Bon keiner andern als von Lilli Lichtenstern. Die muß es doch wissen; denn Doktor Ribero ist jo Asfistenzarzt in der Klinik ihrer Vater», und der weiß nicht genug de» Guten über ihn zu sage«. Ribero wA fich jetzt praktisch aurbllde», nachdem ec sein Staats-xamen vor einigen Woche« in Beritt» ßnb bestanden hat. Später will er fich dann in

. » als Arzt niroerlassn. Dort soll Mangel an gut ausgebildeten Aerzten fein."

Martha mußte laut lachen. „Nun höre einer diese BackfischweiSheit. Was würde der Geheimrat Lichtenstern wohl sagen zu dem großen Interesse, da» ihr beiden für den junge» Assistenten habt. UrberigenS, das sage ich dir, keine Silbe von unser« Rercintre sollst du erzählen. Die Geschichte würde ja alle klaffen der Töchterschule durchlaufen, und bann wüßte eS morgen die ganze Stadt, und Lina wäre schrecklich blamiert, von dem Spektakel, dar e» zu Hause absetzen würde, gar nicht zu reden."

Betty gelobte denn auch Stillschweigen, aus Angst vor Lina, die ungern mit fich spaffen ließ. Anfang» hatte Betty Wort gehalten. Aber im Laufe der nächsten Ereigniffe konnte fie er fich nicht versag», diese kleine Episode chrer Freundin Lilly auszutischen. Martha freute sich indessen darüber, daß fie wußte, wer der Fremde war, dem fie schon ost verstohlm vachgeblickt hatte, wenn er an ihrem Hanse vorüber znr nahe gelegenen Klinik gegangen war.