Einzelbild herunterladen
 

VÄW, fpalttg« peiitzeil« *k deren Kaum (5 PM ««Namen die prtitzeM 25 Pf-.; bei wieder Holungen wird entfp?. Rabatt gewahrt.

W Wtzaer

öchriftlettenZof.Vau«

j. wochLnbeiiage. „Illustrierte SoMagszeitung

jflifcJjy Druck und Verlag der

KuldaerActirndrnckeret

Msnatrbellager „Wöaer GeschrchMätter"^ Lerniprecher Nr 9?

M 62.

Fulda, Donnerstag, den 10. Mcn^ 1905.

32. Jahrgang.

Deuffdies Reich.

Berlin, den 15. März 1905.

§ Dem Gesangsmeister und Erfinder des Kehlkopfspiegels Manuel Gareia in London hat der Kaiser zu seinem 100. Geburtstage in Würdigung der Bedeutung seiner Erfindung für die laryngologischr Wissenschaft am 17. d. M. die große goldene MedaillefürWissen» schäft verliehen. Im Auftrage deS Kultus­ministeriums hat fich heute Geheimrat Profeffor B. Fränkel nach London begeben, um dem Jubilar die Medaille zu überreichen.

§ Der «deutsche Studententag" in Eisenach hatte bekanntlich eine Resolution ange­nommen, in der er den koufeffiouelle« Ber- biudouge« als Studenrenkorporationen die Existenzberechtigung absprach. Die Frage der konfesstonellen Verbindungen hat gestern den Etudenteutog noch weiter beschäftigt, ohne Zweifel aus Anlaß des Telegramms vom Kaiser. Man fühlt anscheinend das Bedürfnis, die Resolution, wenn nicht abzuschwächen, so doch zu erleichtern. Rach langer Debatte, die aus starke Meinungs­verschiedenheiten schließen läßt, einigte man fich schließlich auf folgende zweite Resolution: «Der Verband der deutschen Hochschulen ist der An- ficht, daß die Freiheit eines jeden Studenten weder von den Behörden noch von der Studenten­schaft angetastet werden darf. Daher ist es auch l ^rechtigt, daß fich Studenten zur Pflege von Sonderbestrebungen zusammenschließen. Der Verband ist aber der Anficht, daß die Kon. fesstonalttät nicht Grund für die Absonde­rung auf studentischer Grundlage sein darf. Die Zeit des Studiums ist vielmehr außer für wiffen- schaftliche Bildung auch für die Bildung des Eharaklers da. Diese ist ein besonders wert­volles erzieherisches Moment der universitaa litterarnm, das der Jugend Gelegenheit gibt, mit Kommilitsnen der verschiedenster! Anschau­ungen und Kreise zusammenzukommen und auch so die Anschauungen der Gegner kennen!zu lernen. Diese« Moment wird aber schwer unter­graben durch konfessionelle Absonderung im stu- dentischen Leben. Diese trägt dadurch wesentlich dazu bei, daß die Spaltung unseres deutschen Volkes in zwei feindliche Parteien vergrößert wird und bedeutet damit eine ernste nationale Gefahr. Hiergegen muß fich die deutsche Stu­dentenschaft um so schärfer wenden, als gerade das Wohl des Vaterlandes ihr höchstes Ideal ist. AuS allen diesen Gründen kann der Ver­band der deutschen Hochschulen die konfessionelle Absonderung als studentische Körperschaften nicht anerkennen und hält daher ihre Auflösung für dringend erwünscht, wie er andererseits eine Einigung der deutschen Studentenschaft mit Aus- schloß der konfessionellen Verbindungen erstrebt". Also die Herrchen wollen „Sonderbestrebungen" gütigst gestatten, aber die Sonderbestrebungen der Katholiken, die katholische Korporationen ßrihtben, bedeuten eine unzuläsfige „Absonderung." DaS ist wieder die «akademische Freiheit", die daS Recht etnschließt, anderen die «akademische Freiheit" zu versagen. Wenn die Korpsstudenten und Burschenschaften ihre „Sonderbestrebungen" verfolaend fich zusammen tun und von den an-

deren Studenten fich abschließen, so ist das höchst löblich, wenn aber katholische Studenten fich zu­sammen tun, so ist das eine „Absonderung", die eine „ernste nationale Gefahr" bedeutet. Man steht, für Logik find die Herrchen auch nach Empfang des Kaisertelegramms noch mcht zu­gänglich. !

—* Der in Eisenach gegründet; Studenten- b««d hat mehrere deutsche Zeitungen, u. a. das ,Letpz. Tageb / den ,Hann. Courier', di; .Deutsche Ztg/, die ,Augsb. Abendzlg.' zu Ver- bandsorganm erklärt. DaS find mit Ausnahme der „parteilosen" .Deutsch. Ztg.' lauter liberale Blätter. WaS da in Eisenach versammelt gewesen ist, scheint nur nationalliberal« .Jugend' gewesen zu sein. Zu den „antirömischen" Ver­sen, die auf dem Kommerse m Eisenach gesungen wurden, bemerkt die .Deutsche Tagesztq.': „Wir müsien offen erklären, daß wir die Studenten­schaft, die in Eisenach versammelt war, einer solchen Taktlosigkeit nicht sür fähig erachtet hätten. Man mag ja dem überbrausenden stu­dentischen Humor manches zu gute halten; aber das, waS in diesen Strophen zum Ausdruck kommt, ist nicht Humor, sondern daS Zerrbild des Humors. Durch derartige Leistungen muß fich die Studentenschaft die Sympathien, die ihr bisher im reichsten Maße von fast allen Seiten entgegengebracht wurden, verscherzen. Mr dür­fen wohl hoffen, daß der ernste Teil der Stu­dentenschaft diese Ausschreitungen ebmso miß­billigen wird, wie wir."

—* Zu den 5 Bänden der im Reichsamt des Inneren bearv-iteten „Systemstische« Zusammenstellung der Zolltarife des Ju> «ud Auslandes" find weitere Nachträge erschienen. Die Nachträge, welche die seit Hrraus- gabe der letzten Publikationen amtlich bekannt gewordenen Abänderungen und Ergänzungen der ausländischen Zolltarife in Form von Lek­türen bringen, find für die Besitzer der Haupt- bä»de bis auf weiteres kostenfrei durch die Hof. buchhandlung von E. S. Mittler und Sohn in Berlin zu beziehen.

*» Die Zusammenstellung über die in der Zeit bis Ende 1904 stattgehabten beding­te« iveguadiguuge« ist dem Reichstage zuge­gangen. Seit Einführung der bedingten Be- gnadigung bis zum genannten Termin find rund 81000 bedingte Begnadigungen eingetreten und zwar ist die Zahl von im Durchschnitt: 6000 für die Zeit bis 1898 gestiegen, im Jahre 1899 auf 7000, 1900 auf 7177, 1901 auf 8381, 1902 auf 11415, 1903 auf 13779 und 1904 14783. Von den im Jahre 1904 bedingt Be­gnadigten waren: männlich 11283, weiblich 3500. Unter 18 Jahren waren davon 11871, über 18 Jahre 2912. Wegen Verbrechen oder Vergehen hatten bereits eine Freiheitsstrafe verbüßt: 379. Verurteilt waren wegen Verbrechens 3078, wegen Vergehens 9776, wegen Uebertrelung 1929. 9768 waren von einem Amtsgericht oder Schöff n- gericht verurteilt und 5015 vor Strafkammern oder Schwurgerichten. Zu Haft waren verur- teilt 1984, zu Gefängnis 12797 (2 zu Zucht­hausstrafe). Zu mehr als 6 Monaten waren verurteilt 71, zu mehr als 3 bis zu 6 Monaten 392, zu mehr als 1 bis zu 3 Monaten 1354. Die Vollstreckung der Strafe wurde für weniger

als 2 Jahre ausgesetzt: in 2480 Fällen, sür 2 bis 3 Jahre 7238, sür 3 Jahre oder mehr 3491. Im Durchschnitt der letzten 5 Jahre Haden nicht ganz der Fälle der bedingten Begnadigungen einen günstigen Ausgang gehabt. Der Prozent­satz der Rückfälle ist geringer als die Verhältnis- zahl der ungünstig verlaufenen Fälle bei den be­dingt Begnadigten. Urber die Resullate der bisherigen Erfahrung sagt die Zusammenstellung rekapitulierend: „Läßt fich hiernach zurzeit wohl die Frage aufwerfen, inwieweit dir bedingte Be­gnadigung einen besonders geeigneten Weg zur Verhütung von Rückfällen biete, so wird der Einrichtung doch in anderen Beziehungen nach wie vor eine segensreiche Wirkung beizumeffen sein. Nrmentlich bleibt die Tatsache bestehen, daß immerhin der weitaus größte Teil der be­dingt Begnadigten fich bewährt hat und daß ihm gegenüber der hauptsächlichste Zweck der Strafe erreicht werden konnte, ohne daß zum Vollzug derselben geschritten zu werden brauchte. Dadurch find nicht nur die Betroffenen vor einem schweren Eingriff in ihre ^«soziale Stellung und einer Beeinträchtigung ihres Fortkommens be­wahrt, sondern e8 find auch dem Staate nicht unerhebliche Kosten erspart worden."

§ Nachdem die rechtlichen Grundlagen über eine im Anschluß an ein A«t»«obilgesetz zu bildende Zwangszenoffenschaft der deutschen Automobilbefitzer erwogen worden find, schreibt die.Neue Pol. Korr.', liegt die Materie nun dem Reichsamt des Innern vor zur Erwägung der Art und Weise, wie eine derartige ZwangS- genoffenschaft zu etablieren wäre.

* Die Untersuchung der Beschwerde« der Bergarbeiter auf der Zeche Scharnhorst im Bergrevier Dortmund n hat nach An ficht der Untersuchungskommisflon ergeben, daß all­gemeine Mißstände nicht vorhanden find.

Parlaweutarische Nachrichte«.

(*) Die Berggesetze sollen nach der Absicht des Präsidenten v. Kröcher am 21. d. M. im Abgeordnetenhause zur Verhandlung kommen. Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Wunsch derjeni- gen, die erst den Verlaus des Berliner Berg­arbeitertages abwarten wollen, durchdringt. Bleibt es bei dem Vorschläge des Präsidenten, so würde der 20. d. M für die Beratungen der Fraktion frei bleiben. Wie wir hören, soll die Knapp- fchaftsreserve - Vorlage erst nach der Erledigung der beiden Berggesetz-Novellen eingehen.

(*) Die Petitiouskommisfio« des Reichs­tages hat heute eine Petition auf Abände­rung der Gewerbeordnung in ber Richtung, daß für Lehrlinge ber Lehrvertrag unb bie Ge­sellenprüfung eingeführt werde, dem Reichskanzler als Material überwiesen. Ueber eine Petition des Verbandes bet Köche in Berlin um Aus- oehnung der §§ 129 u. ff. ber Grwerbeorbnung auf bas Kochgewerbe beantragt die Kommission durch Tagesordnung zu erledigen. Die übrigen Petitionen hatten kein öffentliches Jn- tereffe. — Nächste Sitzung: 22. März.

** Die Reichstagskommisfion für den Antrag Freienfels (k.) betr. Abänderung des Bürgerlichen Gesetzbuches dahin, daß für den Tierhalter nur bei Verschulden die

taftpflicht bestehen foü, kam in der heutige» itzung noch zu keine« Resultat. Es läßt sich noch nicht sagen, ob der Antrag eine Mehrheit findet, und wenn er eine solche findet, ob ma» die Forderungen in Form eines Gesetzentwurfl oder in Form einer Resolution an das Plenum bringen wird.

* Die Budgetkammisfio« des Reichstags setzte am Mittwoch die Be*atung des Militär- etats fort. Zunächst wurden die in Kapitel 3 des Hauptetats angeforderten strategische» Bahnen ohne besondere Debatte bewilligt. Bei Beratung des Etats für das preußische Militär­kontingent wurde der Titel 2 „Adjutantnr» osfizier" unter Ablehnung eines Antrags Süve» kum (sozd.), die Ausgaben für die persönlichen Adjutanten bei den deutschen Prinzen unb Fürsten zu streichen, bewilligt. Eine längere Debatte entstand über die Frage, ob die Gehälter ber Grneraloberärzte, denen der patentierte» Oberstleutnants der Infanterie gleichzustellen seien. Die überwiegende Ansicht der Kommission war dagegen. Beim Titel 3 wurde eine Petition ber Zahlmeister betr. Erhöhung ihrer Bezüge ber Regierung zur Berücksichtigung Überwiesen. Reichsschatzsekretär Freiherr v. Stengel stellte Berücksichtigung für ben nächsten Etat in AnS» sicht. — Eine Petition ber Büchsenmacher um Aufbesserung würbe durch Tagesordnung erledigt. Im weiteren Verlauf der Verhandlung trat Abg. Gröber (Ztr.) sür eine Verbesserung ber Lage ber Regimentsschneiber ein.

** Die Bxdgettomwisfio« des Ab» geordnetenhanses hat ben Antrag bes Abg. Krause-Waldenburg (frk.) unb Genossin, betr. Darlehen sür Kleinschiffer in folgender Form angenommen: Die Regierung zu ersuchen, Mittel zur Verfügung zu stellen, um bei Be­drohung ber Existenz Darlehen zu gewähren unb außeretatsmäßig zu verrechnen. Abgelehnt wurden dagegen die Anträge der Abgg. Dr. Wagner (frk.) u. Gen., sowie Krause-Walden­burg und Jßmer (kons.) betr. die Ausdehnung ber Ausnahmetarise für Seehäfen auf Oder- Umschlagstellen.

* Stimmungsbild «ns dem Reichstag». Endlich mal wieder ein etwas anderes Bild im Reichstage, nicht auf ben Bänken bet Abge­ordneten, aber am Bundesrats tische und auf den Tribünen. Zwar Graf Posadowsky war noch immer auf d >n Platze, aber neben ihm faßen jetzt auch der Reichskanzler unb der Staats­sekretär des Auswärttgen Amtes unb weiterhin ber Staatssekretär des Reichsjustizamts und bet Kolonialdirektor. Im Publikum scheint man einige Erwartungen an die Beratung des Etats bes Reichskanzlers geknüpft zu haben, denn eS hatte fich wieder in größerer Anzahl auf bie Zuhörertribüne gewagt, die es in letzter Zeit scheu gemieden hatte. Ob es auf feine Rechnung kam, bezweifeln wir. Zunächst empfahl der Abg. Dr. Spahn mit großer Präzision, Knapp­heit und Klarheit die Zentrumsrefolution, wo­nach Elsaß-Lothrinuen eine selbständige Vertretung im Bundesrate haben soll. Reichs­kanzler Graf Bülow hatte sich auf diese gan- ungewöhnlich sorgfältig vorbereitet, denn feine Antwort war aufgeschrieben unb wurde von ihm wörtlich Detlefen. Daher begann er auch

Ein Verbuchen dts HttM.

«

Bon S. H.

------(Nachdruck verboten.)

„Reden wir nicht davon! Bei Ihrer kräftigen Konstitution kann die Genesung ja nichi aurbleiben — und wenn eS auch noch Monate dauert. Wir werden Spezialärz'e konsultieren. Nur Mut und Geduld!" Ich log nicht, als ich diese Worte sagte. Oft wenn ich ihn so vor mir liegen sah, war mir, als r-üffe die einzige Feder, die an diesem wundervollen Mechanismus aebrochen war, ersetzt werden können, 0.» müsse die Natur etwa» Außergewöhnliche» leisten, und die Diagnose der Aerzie zu Schanden machen.

„Sott allein kann helfen! Sein heiliger Wille Sschehel" kam e» da von den Sippen de- Leidenden » Antwort auf meine Gedanken. Mit Tränen in dem Augen dankte er mir sür wem Anerbieten, mit drffen Nurführung ich unverzüglich begann. E» ge­währte mir einige Befriedigung, etwas für Maurer t»u zu können; aber große Opfer legte ich mir dadurch nicht auf. Ich brauchte mich deshalb nicht eigentlich einzufchrSuken, nur etwa» «ehr Ordnung mußte ich in «eine Ausgaben bringen, und meine Mtttel reichten für uns beide.

Ab« noch konnte ich nicht zur Rahe kommen. Immer wieder erhob fich ber alte Borwurf. Mauch, »al zog e» »ich zu dem Berunglückten — dann wieder konnte ich seinen Anbl-ck nicht ertragen. Mein Verkehr mit ihm hatte etwas Gezwungener. Fast schien e8 wir, al» ob er imtet dem Gefühl der staan» ziellen Abhängigkeit mir gegenüber leide. WaS ich auch lat, was ich htugab, ich führe «ich nicht frei,

nicht entsühnt. Ich hatte Tag und Stunden dumpfer Mutlosigkeit.

Ostberg mußte abreisen. Ich war beim Abschiede der Freunde zugegen. Maurer zeigte ruhige gaffung. Aber veim letzten AbschiedSworte, al» Ostberg fich zum Geheu wandle, kam in die blaffen, seinen Züge de» Leidenden, ein solcher Ausdruck von rührender Hilflosigkeit und Berlaffenheit, daß er mir in die Seele schnitt. Plötzlich schwanden die Nebel von meinem Gewüte. Licht wurde eS in mir. Ich sah ein wo» ich so lange gesucht und nie verstanden hatte: Nur da» Herz konnte die Sünde dr» Herzen» sühnen.

Ich näherte mich dem Belte, nahm die weiße, abgemagerte Hand in die meiurge und stockend vor übergroßer Bewegung kamen die Worte über meine Lppen:

„Lorenz, du wirft nicht allein sein. Ich will dir ein Freund, ein Bruder sein, wen» du mich nur onnehmen willst".

Er antwortete nicht; er zog mich nieder zu fich und weinend hielten wir un» umschlungen.

Ich hielt Wort. Rach Ostberg» Abreise widmete ich mich dem Leidenden so viel a!S möglich. Ich ver­sah ihn mit Büchern unb Zeitungen, schrieb seine Briefe, erspähte jede» seiner Wünsche, wurde sogar gesprächig bei meinen Besuchen und war förmlich aus der Jagd nach Nruigketteu, die ihn etwa interesfiere» konnte». Reiche Belohnung wurde mir zu teil. Lorenz erwiderte meine Bemühungen mit rührender Anhänglichkeit und Dankbarkeit. Immer mehr schloß er fich an mich an! Er vertraute mir wie einem äl­teren Bruder. Und — o Wunder! — war ich früher «ach dem Krankenhause geeilt von Angst getrieben, von einem peinlichen Pflichtgefühl gespornt, so zöge- mich jetzt hin mit inniger, wahrer Bruderliebe. Ich konnte die Stunde kaum erwarten, da ich ihn setze»

und bei ihm fein konnte. Die Zeit, die ich an seinem Lager zubringen konnte, war mir die kostbarste des Tage». Mei: Herz schlug freudig, wenn sein freund­liche» Auge bei meinem Eintritte avfleuchtete. Mit Sorgfalt prüfte ich sein Aussehen. Kein Zug entging mir. Jede Einzelheit, jebe Schwankung seines Be­finden» war mir ein Gegenstand von lebhaftem In» lereffe. Und hatte ich mir einst ängstlich überlegt, mich in Gedanken damit ab ne q a alt, was und wieviel ich leiste« muffe, um mein Unrecht zu sühnen — jetzt wußte ich, wa» ich zu leisten hatte. Ohne Frage» und Zweifel folgte ich dem Zage meine» Herzens. Und m dem Maße als mein Tun dem Quell der Liebe entsprang, beruhigte fich Lorenz mehr und mehr. Er fühlte, daß die Liebe gab nutz da- peinliche Ge­fühl der Abtzängigkett schwand.

Und Ella? Die Aufregung der ersten Tagen nach dem Unglückrfall hatte in mir jedes andere Gefühl zu­rückgedrängt. Dann hörte ich mit Befremden, daß Ella fich um den Verunglückten nicht wehr und nicht weniger bekümmerte als um irgend einen entfernten Bekannten. Ihre Bestürzung im ersten Augenblick war groß gewesen. Sie hatte im Verein mit den andern jungen Dame» geweint »ud gejammert und die ersten H lferrichungen geleistet, hatte während der ersten Wochen durch ihr Dienstmädchen fich nach dem Befinden Maurers erkundige« kaffen, und dabei war es geblieben. Sie war »ach wie vor die erste bei jedem Bergnügen, bei jedem Spiele. Als ich ste »ach Wochen wieder sah, erkundigte sie fich in herkömmlicher Weise nach Maurer» Befi-.de», äußerte ein paar banale Phrase«, lächelte mich dabei an und suchte mich wie ehedem an chrer Seite festzuhalten. Aber ich war sebend geworden. Ich durchschaute da» herzlose, ge­fallsüchtige Geschövs. Alle», wa» Freund Weiß mir einst zugeraunt hatte, fiel mir ein; ich dachte au ihre kranke Mutter, die sie allein zu Hause ließ, um ihre

Vergnügungssucht, ihre Ellelkett zu befriedige». Boll Bitterkeit wandte ich mich ab, Bitterkeit nicht gegen da- hoble Alltagswesen, nein, gegen mich, der ich um ihretwillen den besten, edelste» Menschen gehaßt und verwünscht hatte.

Daß Maurer nie ein tiefere» Gefühl für Ma etrpfunbe» hatte, war mir bald au» einigen seiner Bemerkungen gegen Ostberg klar geworden. Der junge Mann hatte fie eher durchschaut, al» ich, und :hr ouldrmgliches, unbescheidenes Wesen hatte ihm mißfallen. Rur hatte er meist, ohne fich geradezu einer Unhöfl chkeit schuldig machen zu mfiffen, ihre Nähe und Gesellschaft geduldet.

Meine Teilnahme an Maurers Unglück fiel nie­mand im Städtchen aus. Ich galt al» Sonderling, und wenn ich nun so viele freie Stunden am Lager de» Dulders verbrachte, so vermißte mich keiner. Mancher, namenllich au» dem Kreise der jüngeren Herren, war froh, irgendwelchen Dienstleistungen, die thm vielleicht zugefalle» wären, durch mich enthoben zu fein. Selbst Dokwr Weiß sand nicht» auffällige» tu meinem Verhalten. Er freute fich, daß der Pa­tient durch mich Trost und Zerstreuung erhielt. Wieder­holt verficherte er mir, er habe mein gutes Herz längst erkannt; nur sollte ich in meinem Eifer nichts über­treiben, da mir noch überreichlich Zeit bleiben werden meinen kamaritertriebeu Genüge zu leisten.

Eine Aenderung trat ein: ein ehrenvoller Ruf aus der Rrfwerz versetzte wich dorthin. Dadurch war ein Herzenswunsch meiner Mutter e$fällt, die mich wieder in der alten Heimat aufnahm. Wieder­holt waren Im Lause der letz!en Jahre Pläne aufge« taucht, daß Mütterchen zu mir ziehen sollte. So war es nun bester. Ich kehrte zu ihr zmück, und mir könnt n beisammen fein, ohne daß fie die ltebgewordene Umgebung verlaffen muhte.

(Schluß folgt.)