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ZchristleiterrIos.Ban»

s. S«*Äk wocheickeiiage: „Illustrierte Somtagrzeituug

Fulda, Mittwoch, dm 15. Februar 1905.

32. Jahrgang.

Erstes DLatL.

[] Vie Handelsverträge

find rach fünftägiger erster Beratung an eine Kommission von 28 Mitgliedern verwiesen worden, die unter dem Vorsitze des Abg. Dr. Spahn tagen wird. Man nimmt an, daß sie nicht mehr als drei Tage für ihre Verhandlungen nötig haben wird und am Freitag, da mündliche Berichterstattung beabsichtigt ist, ihre Beschlüsse gedruckt verteilt werden können. Am nächsten Montag wird dann die zweite Lesung im Plenum beginnen.

Um eine Beratung aller Einzelheiten der Ver­träge kann es sich selbstoerstär blich in der Kom­mission nicht handeln. Man wird vielmehr nähere Auskunft über verschiedene Punkte verlangen, z. B. die Gerstenzölle, die Mehlzölle, die Vtehseuchenkonveniion, die Transit« läget und bergt. Es kam eit sich vor allem um die F*age, wie dies und jenes zu verstehen ist und die Regierung sich die Ausführung der Ver­träge in diesem Punkt denkt. Je nachdem man die in ihrer Tragweite bis jetzt nicht ganz zweifels­freien Bestimmungen handhabt, können sie einen ganz verschiedenen Wert haben. Vielleicht kann vor der Oeffentlichkeit manches nicht mitgeteilt werden, was die Regierung in ter Kommission zu sagen hat, sodaß schon deshalb eine Kom. misstonsberatung wünschenswert war.

Von den Aufklärungen, die in der Kommission gegeben werden, wird vermutlich ein Teil der Abgeordneten, besonders der bayerischen, seine Stellungnahme zu den Verträgen überhaupt ab­hängig machen. Für daS Schicksal der Verträge aber wird die Kommiisionsoerhandlung schwerlich entscheidend sein. Das steht bereits jetzt fest. An der Annahme ist nicht mehr zu zweifeln. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden sie sogar mit großer Mehrheit angenommen werden. Grundsätzlich ablehnend verhalten sich die Sozialdemokraten. Das wußte man im voraus.

Nach den Debatten in der ersten Lesung könnte es scheinen, als ob auch die Freisinnigen sich ablehnend verhielten. Auf dem Berliner Parteitage der Freisinnigen Vereinigung haben wir aber schon gehört, daß diese keineswegs einmüig für die Ablehnung ist. ^Handels­verträge abzulehnen hat überhaupt keinen Sinn," erklärt die Freie Deutsche Presse (.Freisinnige Zeitung). Jedenfalls ist es zweifellos, daß die sämtlichen Freisinnigen für die Verträge stimmen würde», wenn von ihnen die Entschei­dung abhinge. Ja sogar die Sozialdemokraten würden Ja sagen, wenn sonst dir Verträge zu Falle kämen.

Die Polen wollen sich, heißt es, der Ab­stimmung enthalten, weil sie sich nicht einigen können. Alle übrigen Parteien dürften mit ein­zelnen Ausnahmen, geschloffen sür die Verträge eintreten. Die Verhandlungen haben gezeigt, daß keine Partei es mit Enthusiasmus tut.

Lin bürgerlicher Zahl.

Novelle von Carl Conte Scapinelli.

6 ------(Nachdruck verboten.)

Daun sann et angestrengt nach, was konnte er für ihn finden, was würde für ihn paffen?

Aber dazwischen mischten fi<fi wieder die anderen Gedanken an seine früheren Pläne, und etwas wie Groll stieg gegen das unbekannte Bürgerwädchen auf, die Fritz ns Frau werden sollte, die diesen Mann, von dr» er so viel erhoffte, für sich .-rhvffte, seinem Stand, seinem KreiS entrtß.

Und dann war eS ihm klar, daß Fritz den Ueber- gangSttzpuS des Aristokraten repräsentierte, der zwar ein Gutteil Vorurteil seines Standes als unnützen Ballast auS feinem LebevSschifftein geworfen, in dem aber doch so viel Ererbte» im Surfehen, Auftreten, in Wharakter und Gemü'San lagen lag, daß er davon nie­mals ganz werde loskommen können.

Run, da er fich trotzdem zu j-nem ©tritt ent­schloß, da wäre es für ihn besser gewesen, sür fein Fortkommen leichter, wenn er nicht innerlich zwischen den beiden Weitanschanungen hin und her pendelte, wenn er nicht unentschlossen, das eine nicht entbehren nnd doS andere nicht anfgeden wollte.

Darum wußte Lichtenegg, so schwer eS ihm würde, sine», der die besten Anlagen in fich barg, vom AdelS- siande sozusagen scheiden sehen und doch danach trachten, auS Laiben, wenn er kein ganzer Aristokrat mehr sein konnte, einen ganzen Bürger zu machen.

Und daS konnte ihm nur gelingen, wenn er dabei auf f ine Anlagen auibante, dafür sorgte, daß da- tote Kapital in LoibenS Geist bürgerlich, ehrlich, ge- fchäftSwäßig — Zinsen trug, daß feine Tatkraft auch entsprechende Hi beit verrichtete.

Während Lichtenegg so grübelte, spazierte Fritz

Alle haben an den Verträgen sehr vieles auszu­setzen. Rechte und Zentrum sind nicht mit allen landwirtschaftlichen Zöllen zufrteoen. Die Nativ- nalltderalen nehmen vorzugsweise Anstoß an den Jndustrtezöllen. Aber man gesteht auf agrar- freundlicher Seite doch such, daß die Verträge eine ganz erhebliche Besserung bringen und auf industriefreundlicher, daß auch die Industrie unter den Verträgen wtrd leben können. Alle aber halten fich gegenwärtig, daß ste mit der Ablehnung der Verträge nicht besser fahren würden als mit der Annahme.

Der Illusion, daß »ach Ablehnung der Verträge die Regierung in neuen Verhandlungen größere Zugeständnisse erzielen würde, dürfte fich wohl niemand hingeben. Also wird man sich im Zentrum und auf dec Rechten der Auffassung anschließen, die der Reichskanzler im Deutschen Landwirtschastsrate vertrat: „Wenn wir auch »icht alles erreicht haben, die Haupt­sache haben wir erreicht; aus dem Gröbsten haben wir die Landwirtschaft wieder heraus- gehauen.^ thib bei der Mehrheit der Liberalen wird es heißm: „Handelsverträge abzulehnen Hot überhaupt keine» Sian", denn jeder Ver­trag ist besser als gar keiner.

Deuffches Reich.

Berlin, ben 14. Februar 1905.

(*) Kaiser Wilhelm hat aus Anlaß der Anregung des Königs von Italien zur Grün düng eines iniernationalen Institutes zum Schutz- der Interessen der Landwirtschaft an diesen eine Depesche gerichtet, in welcher er seine Glück­wünsche zum Ausdruck bringt, in der Erwartung, daß die Initiative des Königs überall mit leb­hafter Befriedigung aufgenommen werden würde. In der Antwortdepesche dankt König Viktor Emanuel dem Kaiser für dessen freundschaftliche Gefühle und drückt die Hoffnung au?, daß seine Anregung den wirtschaftlichen Interessen aller Staaten dienen möge.

** An die Zustimmung des Bundes­rates zu Idem RetchStagSbeschluffe wegen Ge­währung von Diäte« ist nach der Versicherung der ,Berl. Pol. N.' nicht zu denken. Aus der schwachen Besetzung des Abgeordnetenhauses glaubt das sich offiziös geberdende Organ einen Beweis gegen Bie Behauptung bettelten zu können, doß Diäten ein Radikalmittel gegen Beschluß. Unfähigkeit seien. Die.Post' redet ben ,Berl. Pol. N.' nach, es scheine, als ob der Reichstag feine Verhandlungen absichtlich hitiziehe, um auf diese Weise einen Druck auf den Bundesrat zu gunsten der Diäten anszuübkn. Das wäre denn doch ein kostspieliges Vergnügen. Die .Reichsboten' müssen ja den langen Aufenthalt in Berlin, mit dem sie den Bundesrat angeblich k- änten wollen, aus eigener Tasche bezahlen. Auf die Bundes- regierungen bedürfte es übrigens kaum eines Druckes mehr; man weiß ja, daß die große Mehrheit für Diäten ist. Auch der Reichskanzler ist dafür. Die «Deutsche TageSztg.' wiederholt, daß nach menschlicher Voraussicht der nächste Reichstag sich der Tagegelder erfreuen werde.

im kleinen Borgarien des Palais auf und ab, er mußte fich erst nieder sammeln, maßte fich in die Uwgtbung einleben, in der er sich befand — war er doch eben in seiner breiten Schilderung, die er Lichten­egg gegeben, in der Wegm llergafft gewesen, ganz drinnen im alten, bürgerlichen Wien, während er nun durch ben hübschen Vorgarten eines g'äfiichen, in Renaiffarccstil erbauten Palais schritt. Uno nie­mals war ihm der Unterschied in all de» Tagen klarer erschienen zwischen ben beiden Menschenschichten, zwischen denen er j-tzt wählen sollte, al» in diesem Augenblick, da er ben Takt, bie Zurückhaltung — nnb vt-lleicht eben dadurch bie U ehrkchkeit im Benehmen L chten- egg» mit dem polternden, aber behäbigen, offenen Wesen de» alten Achrer verglich.

Noch deutlicher kam ihm dieser Unierichied zum Bewußtsein, da auf einmal RiettaS Stimme hinter ihm laut wurde und sie ihn scherzhaft anriet:

„Herr Baron lustwandeln da in den Vorgärten meine» Vater». Guten Morgen!"

Hastig, erschrocken hatte er fich umgedreht, er war so wenig auf den Ton gestimmt, daß er zuerst gar nichts zu antworten wußte.

„Grüß Dich, Rietta!" sagte er dar.« ganz btt« l gen.

„Prost Neujahr!" erwiderte diese schlagfertig.

„Ja, richtig, richtig!" stotterte er in seiner Zer­streutheit. „Du emschrldigst — natürlich wünsche ich Dir auch daS Allerbeste . . . aber daS weißt Du ja so!"

„Mir scheint, Deine gestrige Sbendfitzung muß sehr schwer gewesen sein und leit ff al lang ge­dauert haben."

„O, durchaus nicht!"

„Nun, man kennt Dich ja. — War der entsetzliche Bachmann, Pardon, Ritter von Bachmann (Vater geadelt), auch in deiner Gesellschaft? 6r hat wir heute einen Strauß allzu stark duftender Rosen und einem in schlechtem Deutsch verfaßten Nnjehe? wünsch

** Von den drei Offizieren des Nachrichte»- Bureaus des Mariae Amts treten jetzt der Chef Kapitän z. S. o. Witzleben und der raugälteste Kapitänleutnant Darrenkapp wieder in den Frontdienst zurück, und kommen leibe auf den Panzer „Brandenburg": Kapitän z. S. v. Witzleben als Kommandant und Kapilänkeut- nant Varrentrapp als erster Offizier.

§ Die vielfach irrigen Auffnfsnngen, dir über Rußland in Westeuropa verbreitet sind, haben in der letzten Sitzung der englisch- russischen literarischen Vereinigung zu London eine bemerkenswerte Richtigstellung erfahren. Es wurde der Brief eines englischen Offiziers, der die Petersburger Geschehnisse vorn 22. Januar als Augenzeuge beobacht hat, verlesen. Der Blieffchreiber gibt, wie die »Nordd. Allg. Zrg.' der Morning Post entnimmt, darin seinem Ver­druß über die auße ordentliche Unkenntnis hin­sichtlich der gegenwärtigen Sage m Rußland, so­wie über bie übertriebenen Berichte Ausdruck, die in der en glischen Presse erschienen find. Der wirkliche Beweggrund des Popen Gapon, der äußersten revolutionären Ideen anhänge, sei ge» wesen, die Arbeiter so weit auszureijev, daß bie Bewegung mehr den Charakter einer Revolution als den einer Arbeiterbewegung annähme. Der Ausstand sei bei einer kleinen Minderheit auS- gebrochen. Am 22. Januar hätte die Mehrheit ihre wirklichen Ziele vollkommen aus dem Auge verloren. Eine vollständige Verdrehung der Wahrheit sei die Behauptung, die Truppen hätten ohne Herausforderung Feuer gegeben. Da bi« Polizei der Menge fegen üb sr vollkommen hilflos gewesen sei, habe sie die Unterstützung drs Militärs angerufen. Der Schreiber stellt zum Schluffe fest daß die Truppen mit dem denkbar geringsten Blutoergießen einer ernsten politischen Bewegung Widerstand geleistet hätten.

[§] Daß die heutige fünfstündige Sitznng deS Reichstags noch unbedingt notwendig ge­wesen fei, weil die Handelsverträge in den vier voraufgegangenen noch längeren Sitzungen keine ausreichende Erörterung erfahren hätten, wird, nicht leickt jemand behaupten wollen. Die mangelhafte Besetzung des Hauses und die Un­aufmerksamkeit gegenüber den meisten Rednern zeigten, daß die Reichsboten fich für genügend „aufgeklärt" halten. Das „Ohr des Hauses" hatte eigentlich nur noch der Abg. Stöcker,der die Verträge mehr vom allgemeinen prinzipiellen Gesichtspunkte aus betrachtete, und der unermüd­liche Staatssekretär Graf v. Posadowsky,der unter vielem Widerspruch der Linken die Ver­träge zum so und so vielten Male gegen den Vorwurf verteidigte, daß sie nur den großen Grundbesitzern nützten und die Industrie schwer schädigten. Der national-soziale freisinnig ver­einigte Abg. v. Ger lach fand für feine langen Ausführungen gegen die Verträge zwar kein ge­duldiges Hans, unterhielt es aber doch einiger­maßen mit feinen grotesken Uebertreibungen, die zahlreiche Zwischenrufe, Unterbrechungen und Heiterkeitsausbrüche erzielten. Nachdem die Ver­träge an eine Kommilsion verwiesen waren, ver­tagte sich das Haus mit Rücksicht auf diese Kommission bis ?um Sonnabend, um als-

geschickt! So aufmerlsam bist Du zwar nicht, Nach- barilinb, aber dafür mag ich dich doch eher!"

„Nun, iu erwiderst mein Kompliment gar nicht! — O, Friedrich, wie ungalant einer Dame gegen­über!"

So scherzte fie mit ibrn weiter — und allmählich sand er auch den Ton wieder.

Aber er fühlte sich doch nicht recht behaglich dabei, diese salonfähige Schtagfertig'eit, dieses gewollte Schmmbtzet, oll das Anerzogene, Angelernte, fiel ihm heme an Rietta doppelt auf.

Jene frauenhafte Stille und Ges'tztheit Mitzi», die immer etwa» rote inneren st Ben Kummer oder wie ein stilles Glück mit fich Herumtrug, immer ernst zurückhaltend ihm so heb geworden, daß er den leichteren scherzenden Ton gar nicht verstand.

Lieber unterhielt er fich mit Mitzi über ihre klein­lichen, lächerlich kleinlichen HaitthaliungSsorgen, als mrt Rietta über die geistreichstm Tinge. Freilich, früher war daS anders gewesen. Da hatte er nur bei Frauen vom Schlage RiettaS Unterhaltung und Anregung gefunden, jetzt kam ihm daS olles gemacht und schal vor. Die Ehrlichkeit die Tiefe zog ihn an.

Dann kam Georg, drS Grafen Kammerdiener, und meldete, daß daS Diner fer viert würde

„Fritz, heute bekommst Du ein gutes Effen, ich habe daS Menu mit Papa auSgedichiet"

„Aber gekocht bast Du doch nicht selbst?"

„Nein, mein Herr, da» haben wir nicht not­wendig!"

„Nr, warum!" meinte er enttäuscht.

„Weil'S unsere Köchin besser Lnn!"

Einstweilen waren fie die Treppe hinaufgestiegen und traten in da» große Speisezimmer ein, wo schon der alte Graf in tadrllosem Salonanzug auf fie warte».

Lichtenegg hatte feine heitere Rübe, seine charmante gesellschaftliche Art, deren er fich auch Fremden gegenüber nie entäußerte, einstweilen durch die wenigen

bann die Debatte über ben Toleranzantrag fort" zufetzen.

* Aus dem Rrrhrrevier, 14. Febr. 1905. Die Wieberaufnahme bet Arbeit nimmt einen ruhigen Fortgang. Die Zahl bet noch Ausstänbigen mag immerhin noch 50 000 be­tragen; darunter befinben sich auch viele, wenn nicht bie meisten, welche durch Schäden in den Gruben am Einfahren verhindert find. Die Eiebenerkommifsion durfte daher heute folgendes Telegramm an den Reichskanz­ler senden:

„Reichskanzler Graf Bülow, Berlin. Die Wiederaufnahme der Arbeit ist jetzt sozusagen atf der ganzen Linie erfolgt. Die ausständigen Bergleute find dem Ruse ihrer BertranenSleute gefolgt. Wir bitten nunmehr Gw. Exzellenz, die Herren BergwerkSbrsttzer zu den in AuSficht gestellten weiteren Berhandlnngen güti»st geneigt machen zu wollen. Die S.ebenerkommtsfion. J oh. Effert, Alteneisen, Karlstr."

Dieses Tekegramm entspricht dem Telegramm, bas ber Reichskanzler am 6. Februar an Effert gerichtet hat, in dem er fich bereit erklärte, Ver­treter ber Arbeiter und Unternehmer zur weiteren Verhanblung zu empfangen, wenn die Arbeiter sogleich die Arbeit wieder aufnähmen. Nachdem diese Vorbedingung erfüllt ist, wird nun der Reichskanzler seinerseits sich bemühen, Verhand­lungen anzubahnen,was ihm hoffentlich gelingt. — Wenn nun auch die Arbeit jetzt ziemlich all­gemein wieder aufgenommen ist und das alte Bild des werktäglichen Leben 8 sich wieder zeigt, so wird es anderseits noch Wochen dauern, ehe die Arbeiter wieder Lohn bekommen. Bis Mitte März ist, wenn nicht Vorschüsse gegeben werden, kein Geld zu erwarten. Für die Verbände ist diese Aussicht um so nieder brückender, als bie etngegangenen Unterstützungsgelder zum größten Teil bereits ausgegeben sink». Herabsetzungen der Stteikgrlder mußten schon vorgenommen werben, was begreiflicherweise Erregung hervor- rief. Es heißt nun, weiter die Werbetrommel zur ktästigeu Unterstützung zu rühren. Die Not tritt erst jetzt recht an die Arbeiter heran. Doppelt gibt baher, wer schnell gibt. Möge da­her die Sympathie für die Notleidenden jetzt erst recht sich praktisch betätigen!

§ Vor kurzem gründeten die Sozialdemokraten in Berlin einen Vereis -er Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter. An bet Generalver­sammlung, bie kurz noch Neujahr abgehalten würbe, nahmen schon etwa 500 Mitglieder teil. Es wurden Vorstands-Mitglieder und 90 „Be­zirksführer" gewählt; es wurden Bildungskurse eingerichtet unb auch eine Vereinszeitung „Die arbeitenbe Jugend" fehlte nicht. Besonders eifrig war ein Rechisanwalt Dr. Br oh für die Sache tätig. Jetzt ist bereits der Krach in dem Vereine da. Am letzten Sonntage wurde wieder eine Generalversammlung abgeyalten. Aus dem Be­richte des .Vorwärts' über diese Versammlung ist zu ersehen, wie echt sozialdemokratisch es die jungen Herren getrieben haben. Es heißt da: „Auf der Tagesordnung stand die Frage, welche Taktik ber Verein befolgen soll. Der Referent, Rechtsanwalt Br oh, wies auf die Gefahren hin, die dem Vereine drohen, falls nicht eine zwar entschiedene, aber besonnene Richtung nach außen hin eingehalten werbe Schon das Vereinsgesetz

Mi- uten Allemsriu» wieder gefunden und mischte fich gleich in da» Gespräch der jungen Leute.

ES war ein hübsche» Bild, wie diese drei Men­schen in siinen Kleidern in heiterer Unterhaltung an dem festlich gedeckten, mit Blumen unb Gläsern be­stellten Tisch faßen, d-S ein Maler gefesselt hätte. Kaum gab eS drei Menschen, die äußerlich bisser zusammen paßten, fich besser ergänzten und doch von einander abstachen, ol8 Rietta, Lichtenegg und roibe« in diesem Moment. DaS schwarze, rotwangige, über- schlai ke Mädchen mit d-m feingeschrittenen Profil, der schöne, Weiße interessante Kops deS Grafen und die dichten blonden Haare Lmbens, seinen ehrlichen, offenen, blauen Augen, sein weicher Mund, der durch den langen, blonden Schnurrbart energisch gemocht toir.be.

Der Unterredung Lv benS mit Lichtenegg wurde mit keinem Morte Erwähnung getan — die beiden unterhielten fich über die gleichgültigsten Dinge, al» hätten fie heute vor Tisch gar nicht miteinander gesprochen.

„Hast du eigentlich schon gesehen, waS Rietta wir zu Weihe achten geschenkt hat?" fragte Lichtenegg Baron Laiben.

„Nicht? — Nun, int Prinz'p kannst du dir» denken, wie alljährlich — tüte» Porzellan natürlich — meine Liebhaberei! — Aber dreimal ist e» ein herrliche» Alitoiener Kaffeeserv ce!"

„Du toubr eS mir nachher zeigen I"

„Gerne Fritz, ich weiß, du interessierst dich dafür sehr, du bist darin vielleicht mehr Fachmann wie ich. Oder hast du daS auch schon oufgtgeben? Da» solltest du nicht. Tu solltest dich damir näher be­schäftigen — ein Buch darüber schreibe« — eS ist etwa» sehr ScköneS!"

„Mit dem Bücherschreiben verdient ma« kein Geld!" entfuhr eS unwillkürlich Fritz.

Aber Lichtenegg tat, als wenn et e« nicht gehört hätte — und sprach fort über Altwiener Porzellan.