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Fulda, Samstag, den 4. Februar 1905

32. Jahrgang.

। anzufreunden. Schön; du läßt also mal einen Tauwind htnüb-rwehen in Gestalt eines Grußes und einen Sonnenstrahl hinüberfallen auS einem freundlichen Auge. Nun erwartest du Wunder­dinge; der also Beglückte soll gleich in Rührung zerfließen und liebeswarm in deine Arme, wenn nicht gar zu deinen Füßen stürzen. Er tut'S aber nicht, sondern steht dem Weiterumschlage in kühler Ruhe gegenüber. „Ha," rufst du ent­täuscht, „da fleht man, was das für ein unver- sShnlicher, boshafter Mensch ist, mit dem will ich nichts mehr zu tun haben". Du hast un< recht, ungeduldiger Freund. Die Eiskruste am Herzen braucht nicht auf den ersten warmen Hauch oder Strahl zu schmelzen; laß den Früh- ltngswind deiner Der öhnlichkeit andauernd wehen und die Sonne deiner neuen Liebe Tag für Tag weüerfirahlrn; dann wird die Eiskruste dünner und dünner, endlich wird euch sein Herz frei und warm.

Nach der alten Bauernregel soll schon von Fabian und Sebastian (20. Januar) an der Saft in's Holz steigen. Aeußerlich ist aber noch lange, lange nichts zu merken. Der Frühling wirkt und webt schon in den Tiefen, während

I oben alles noch nach Winterschlaf aurfieht. । Drinnen in der Menschenseele gähren und treiben auch die guten Säfte schon lange, ehe man draußen eirv^s vom Keimen und Blühen merkt. Also nicht freventlich aburteilen nach dem jewei­ligen Augenschein.

Auch nicht verzweifeln, wenn eS im eigenen Herzen mit dem Frühling nicht so schnell und glatt vorwärts will! Unsere Seele friert auch manchmal zu; in fchlechten Stimmungen und bösen Gewohnheiten bildet sich da eine Eisdecke, immer tiefet und fester, je länger der geistige Frost dauert. Nun schlägt mit Gottes Hilfe das Wetter um; der Entschluß zur Bekehrung ist gefaßt. Also morgen fküb werden muntere Fi chlein spielen und schöne Wasserrosen blühen, wo heute noch das Eis starrt? Ach nein, so I schnell ist mit dem alten Wust nicht aufgeräumt, so flink ist die lange Versäumnis nicht nach­geholt! Auf das andauernde Gewöhnen muß andauerndes Entwöhnen folgen. Und wenn allmählig da8 Eis geschmolzen ist, dann muß die gute Sonne «och lange arbeiten, bis aus dem aufgewärmten Boden die guten Keime her­vorbrechen.

Bob’ Geduld, sowohl mit Dir selbst als mit iitmenschen. Und verliere die Geduld nicht, wenn auch einmal ein Rückschlag erfolgt. Rück­fälle gehören zum Frühlingswrtter. Mag es wider Eewarten noch einmal schneien, hageln und frieren — Ostern wird doch kommen. Die Sonne läßt sich nicht bange machen; sie setzt mit steigendem Eifer ihre Erlösungsarbeit fort. Sie benutzt jede Lücke, zwischen den düsteren Wolken, um Wärme und Licht zu senden auf die ringende Erde. Wirft der hartnäckige Winter noch ein dutzendmal Schnee oder Eis auf die erwachende Welt, so taut die Sonne dreizehnmal alles ouf; in ihrer zähen Ausdauer behauptet sie das Feld.

Wir fordern auch von niemanden, daß es über Nacht eine fremde Sprache sich aneigne. Nun gut, so wollen wir auch nicht verlangen, daß jemand über Nacht sich eine neue Denk- und Lebensweise aneigne.

Wirft sich einer auf eine fremde Sprache, so nehmen wir eS ihm nicht Übel, wenn er hier und ra einen Fehler macht. DaS schadet nichts, agen wir ihm, eS wird schon immer bester wer- Sen, nur munter weiterstreben! Sollen wir nicht ebenso nachsichtig und hoffnuegSvoll werden, wenn einem die Befferung seines Lebens nicht gleich tadellos gelingt?

Nicht der einmalige Wafferguß, sondern nur drr stete Tropfen höhlt dm Stein. Darum muß

i gehen sie nicht öfter wieder zum ander« Ohre I hinaus, ohne daß ste Wurzeln fasten und Früchte i bringen? Gehorcht ihr selber aus's Wort, wenn > euch die berufenen Ratgeber und das eigene Ge- I wissen etwas empfehlen? Und wenn ihr auch ! mal einen Anlauf zur Befferung macht, gibt eS denn nicht bald mal wieder schwache Augenblicke, > wo ihr wieder strauchelt und in die alten Unarten zurückwllt? Ja, wir Eltern find allzu­mal schwache Menschen, die froh sein können, wenn sie nur fiebenmal am Tage fallen. Unsere Kinder aber find sehr schwache Menschlein, und wir sollen fie nicht verdammen, wenn ste auch Reben ober achtmal an einem Tage purzeln.

Nicht verdammen, sondern vielmehr aufhelfen, immer wieder aufhelfen, immer wieder auf den rechten Weg geleiten. Das ist eine Gedulds­probe. besonders für die eitlen Eltern, die stch einbilden, daß „ihre" Sprößlinge unbedingt Prachtexemplare sein müßten, und für die heiß­blütigen Etter«, denen jeder Fehlschlag auf die Nerven fällt. Aber denken wir doch gefälligst an unsere Kinderzest zurück; haben unsere Eltern und Lehrer nicht auch mit uns eine Langmut und Geduld vom allerbesten Gummi haben müffrn? Haben wir denn einen Nürnberger Trichter auf dem Kopfe gehabt, durch den man die Weisheit und Tugend gleich literweise in uns hineinpumpen konnte? Oder hat man auch bei uns immer wieder nachhelfen und aufhelfen müssen?

„Hast du mich verstanden?" fragt der Er­zieher nach einer Strafpredigt. Das fügsame Kind sagt Ja, aber eS fragt sich doch noch sehr, ob ihm das rechte Verständnis aufgegangen ist. Wir denken leicht, das Kind müsse ebenso gut deutsch verstehen, wie wir Erwachsene. Dem ist aber nicht so. In der Apotheke seines Köpfchens stehen noch längst nicht soviele Begriffströpfchen, wie in unserem ausgewachsenen Schädel Das Kind hat nur einen kleinen Kreis von Vorstel­lungen und Ideen, der stch erst allmählich aus­wächst. Was über den jeweiligen Kreis hinaus­geht. bleibt ihm unverdeutscht. Und gerade die Überreifen, ungeduldigen Erzieher schweifen leicht über die Grenze hinaus. Dem Kinde, daS müh­sam zu zählen anfangt, darf man noch keinen Vortrag über das große Einmaleins halten, Wer dem Kinde eine wirksame Predigt halten will, muß stch in die Seele des Kindes ver­setzen, muß an die kindlichen Vorstellungen und Begriffe anknüpsen und das Kind in seinem eig en en Gedankengange langsam vorwärts und aufwärts locken.

Nun soll der Wortschwall helfen. Statt einer einfachen, kurzen, Katen Anweisung bekommt das Kind eine endlose Schelt- und Drohrede ge­halten. Ein Hagelwett-r der väterlichen oder mülterlichrn Beredtsamkeit bricht über den Kopf des kleinen Sünders herein. Dem wird von dem Wortschwall so dumm, als ginge ihm ein Mühlrad tm Kopf herum. Wer einen durstiren Menschen tränken will, der soll ihm ein Glas mit der paffenden Portion Waffrr reichen, aber nicht einen Wasserfall über ihn niederrauschen laffen. Wenn die Eltern doch die langen Reden teilen wollten und die Weisheit den Kindern in einzelnen mundgerechten Häppchen Tag für Tag verabreichen wollten, wenn gerade wieder ein Anlaß dazu da ist. Für die leibliche Er­nährung der Kinder gilt stets ja bekanntlich hie Regel: Oft effen, aber nicht zu viel auf einmal. Ebenso muß man die Seele aufpäppeln. Immer nur so Diel, als verdaut werden kann von dem kleinen Geistesmagen, aber mit unermüdlicher Wiederholung. DaS Gute sttzt erst dann fest, wenn es z^r Gewohnheit geworden rst, und eine Gewohnheit läßt stch nicht mit einem Schlage anlleben oder aufreden, sondern muß langsam heranwachsen unter Gottes Sonnen­schein und des Gärtners geduldigen Pflege.

Es gibt Bücher mit dem knalligen Titel: Die Kunst, in 24 Stunden perfekt franzöfisch oder englisch zu lernen! Wer's glaubt, bezahlt einen Taler und steht hintennach, daß die 24 Stunden noch viel länger find, als wie der Tag vor Johannis.

Wodien-Rundidiau.

Fulda, den 4. Februar 1905.

(Nachdruck verboten.)

*

Wir brauchen allzumal eine große Portion von Langmut und Geduld; die Eltern und Lehrer brauchen eine doppelte Portion.

So ein kleines Menschenkind, das in recht eifrige Hände gerät, soll im Handumdrehen gut und klug werden. Manche Erzieher denken, es gehe nicht mit rechten Dingen zu, wenn ihre Zög­linge nicht gleich zu Engeln würden, denen vor­läufig nur die Flügel noch fehlen. -

Als „Engelmacher" bezeichnet man bekannt­lich die Unmenschen, die unbequeme Kinder ver­hungern laffen oder vergiften; in diesem scheuß­lichen Sinne gebrauchen wir hier den Ausdruck nicht. Aber wenn man den ungeduldigen Hebet« eifer mancher Erzieher betrachtet, so möchte man sagen, fie verlegten sich auf die Fabrikation von | lebendigen Engeln, indem sie durchaus aus den armseligen kleinen Nachkommen von Adam und Eva in wenigen Stunden Übermenschliche Pracht­exemplare von Weisheit und Tugend machen wollen.

Was sie in der Kinder- o >er Schulstube beute säen, das soll morgen schon hundertfältige Ernte dringen.

„Ich habe eS Dir doch gesagt", schilt der ungeduldige Erzieher, „warum hast Du das nicht behalten, warum tust Du es nicht?" Er wird wütend und schlägt vielleicht gleich drauf los, weil er es für Böswilligkeit hält, wenn dem Kinde eine Belehrung nicht gleich in Fleisch und B ut Übergebungen ist.

Bitte, du strenger Vater, du übereifrige Mutter, wollt ihr euch nicht mal an die eigne Nase (affen! Ihr bekommt auch manchmal gute Lehren, die euch recht not tun, z. B. aus einem Buch, aus einem Zeitungsartikel, in der Predigt usw. Ihr laßt fie zu dem einen Ohr hinein­geben uni Ligt vielleicht noch dazu: „Ja, ja, so ifl'S recht, daS will ich mir merken!" Aber

i Unpoliflfdie Zeitläufe.

(Nachdruck verboten.)

E^Berlin, den 2. Februar 1905.

„Da ist ja immer noch EiS!" So hörte ich dieser Tage einen Kleinen rufen. Er wunderte sich, daß die Eisblöcke tagelang auShalten, wenn auch Tauwind, Regen und Sonnenschein an ihnen lecken und fressen. Sein Vater hatte ge­sagt, das Thermometer stehe auf 5 Grad Wärme, und seine Mutter hatte gesagt, eS sei verfrühtes Aprilwetter draußen; da hatte er gedacht, das Eis müffe im Handumdrehen dahinschmelzen, wie ein Stück Butter in der heißen Flamme.

Der Kleine wird schon lernen, wie zähleibig so ein alter kerniger EiSblock ist. Wir müssen aber auch lernen, daß nicht gleich im ersten An­lauf mit den Resten des Winters aufgeräumt ist.

Da hast du z. B. mit einem Verwandten ober Bekannten in kalter Lieblosigkeit ober gar in schneidender Feindseligkeit gelebt. Um sein Herz hat sich allmählich ehe Eiskruste gebildet. Nun hast du plötzlich den löblichen Sinfall, des alte Verhältnis aufzubeffern und dich wieder

i die StaatScewalt in ihrer Willkür beschränkt werden, so wird cllerdingS die Sozialdemokratie wehr und mehr an Boden gewinnen. Einstweilen ist schon die I übergroße Mehrheit des deutschen Volkes „rot" nach den Begriffen der Herren Engel und Genvffen. Denn die öffentliche Meinung steht entschieden auf Seite der Arbeiter, wie auch die von ollen Seiten fließenden Spenden für diese beweisen.

In Oesterreich nhn$t dar Abgeordnetenhaus einstweilen die Miene an, als wolle es endlich pofitive Arbeit leisten. Die tschechisch-radikalen DrtnglichkritS- anträge, die der Obstruktion dienen sollten, wurden durch Ablehnung der Drinqltchkeit rasch bei Seite ge­schoben und bann unter allgemeiner Begeisterung zur Beratung der Notstandsvorlage geschritten Melange die gute Zeil dauert, werden wir ja bald sehen.

In Unaarn haben die Neuwahlen, die die Oppo­sition und Obstruktion zerschmettern sollte, der Re­gierung und den Liberalen eine schwere Niederlage gebracht. Die Liberelen verloren gegen 60 Sitze; die Klfsatbpartei ist j-tzt die PSrlste. Wenn so etwas in einem Lande geschehen konnte, wo daS Wahlrecht sehr beschränkt und die jeweilige Regierung gewohnt ist, durch rücksichtslosen Druck, G walt und Bet.ug das Wahlergebnis nach ihren Wünschen zu gestalten, so muß man gestehen, daß die Bestrebungen der Un­abhängigkeitspartei ein für den Bestand der Monarchie! höchst gefährliche Svmpathie im Lande gesunden haben Die Parole dieser Partei ist „LoS von Oesterreich." Ungarn droht also einer schweren Krisis entgegenzu- i treiben.

In Frankreich hat daS Ministerium Rouvier sich am Freitag voriger Woche der Kammrr vorge­stellt. Sein Programm ist dem Wortlaute nach da« der Ministeriums CvmbeS. ES erhielt auch nit 370

Der deutsche Reichstag hat in dieser Woche die Beratung des Etats um ein gutes Stück weiter gefördert und außerdem den Nachtragseiat für Deutsch- Siidwestafrika erledigt. Es wurde bei diesem noch einmal über die Ursachen des Ausstandes gesprochen, ohne daß diese jedoch klarer gestellt wurden al» bis­her. Die Regierung ist immer bemübt, die Weißen möglichst in Schutz zu nehmen. Bezüglich der Herero ist nach einer Mitteilung des kolcntaldirektorS ange­ordnet worden, daß diejenigen, die sich freiwillig er­geben, angenommen werden fallen. Die Forderung von 200000 Mark zu Vorarbeiten für die Eisenbahn Windhuk-Rehoboth, die die Budgetkomwiffton abge- lehnt hatte, wurde von der Regieru»g zurückgezogen, jedoch nur, um demnächst in einer neuen Vorlage wieder zu erscheinen. Die Forderung von 5 Millionen an Entschädigung für die durch den Herero-Ausstand Geschädigten wurde auf 3 Millionen herabgesetzt. DaS Zentrum lehnt eine Entschädigung aller Farmer grundsätzlich ob Der vom Aolonialdirektor arge« kündigte neue NochtragSetat, in dem eine allgemeine Entschädigung gefordert werden soll, wird also wohl kein Stück habe».

DaS preußische Abgeordnetenhaus macht Ernst mit der Innehaltung feines Programms für die Erledigung deS Etats. Um mit dem Etat für Landwirtschaft, Domänen und Forsten in der vor- ausbestimmten ZeÜ fertig zu werden, hielt eS einmal eine stebenstündtge und einmal eine Abendsttzuag ab. Weiter wurde der Juflizetat durchberaten. Große Fragen kamen dabei nicht zur Erörterung. Man sprach über den Richtermangel, das Hilfsrichur- Unwesen, die Stellung des Amtsrichter- ouf dem platten Lande, das U-berhandnedmm der Sonder­gerichte. den Strafvollzug u. bergt

DieKra?ktzeit des Prinzen Eitel Friedrich nahm anfangs der Woche einen sehr bedrohlichen Charakter an; glücklicherweise trat ober bald eine Befferung ein, die hoffentlich ar hält und recht bald zur völligen Genesung führt.

Die neuen Handelsverträge find ihrem wesentlichen Inhalte nach von der,Rordd Allg. Zig/ n leder die ursprüngliche Absicht veröffentlicht worden, ehe sie im BundeSrat verabschiedet und dem Reichs­tage zugegangen waren. Man wollte damit Meßver­ständnissen und e’nfeitigen Urteilen begegnen, die durch Veröffentlichung von Bruchstücken in Wiener Blättern entstehen konnten. Der Form nach fivd die neuen Verträge Zusatzverträge zu den alten, deren Grundlagen besteoen bleiben, irsbesondere wird die MeiflbegüastigungSklausel nicht geändert. Für daS Inkrafttreten der Verträge lautet die Formel ver­schieden^ Al- spätester Zeitpunkt ift der 1. Juli 1906 in Aussicht genommen. Mit Orsterreich-Ungarn ist vereinbart worden, daß der Berlrog am 15. Februar 1905 in Kraft treten soll. DaS wird wohl auch der Termin für olle übrigen werter. Die Tauer der I Anträge ist bis zum 31. Dezember 1917 festgesetzt unb zwar mit einjähriger Kündigungsfrist. Nur im Vertrage mit Oesterreich-Ungarn haben sich beide Parteien Vorbehalten, 12 Monate tot dem 31. Dez. 1915 zu kündigen. Die deutsche Regierung hat ohne Schwanken an dem Grundsätze möglichster Steigerung des Schutz'S der Landwirtschaft sestgehalten. Natür- f 08 bte Verständigung sehr erschwert, aber schließnch find doch neue Be-träge zustande gekommen, die eine sehr wesentliche Besserstellung unserer land- wirtschastlichen Produktion brachten. Daß dafür auch Zugeständnisse gemacht werden mußten und dies, wenn auch nicht ausschließlich, so doch in erster Linie 6et den deutschen und fremden Jndustriezöllen zu sichern waren, versteht sich von selbst.

Der BergarbeiterauSstand im Ruhrgebiet steht in der Hauptsache noch auf dem eiten Fl cke. Die Regierung gibt sich andauernd redliche Mühe, den Frieden herbeizuführen. Da dies wegen deSW'- derstandeS der Zechenbefitzer durch Verhandlungen richt zu erreichen war, hat sie bekannt gegeben, daß sie di- Einbringung einer Novelle zum preußischen Berggesetze beabfich ige, wodurch den wichtigsten Be­schwerden der Bergleute abzebolfen werden »olle. D» Kaiser selbst nahm an der S tzung bei Staats» i- nisterinmS teil, in bet die Einzelh-iten beraten wür­ben. Die Regierung hatte gihrfft, die Bergleute würden sich durch die Ankünd gung der Borloge z >r Wiederaufnahme der Arbeit bewegen lassen. DaS ist nun zwar nicht gesch-hw, aber die Kommis'on der Bergarbeiter hat erklär», daß man gern auf Friedens- Verhandlungen eingrhe, wenn nur irgend welche Be­willigungen von den Zecher Verwaltung« n in «uSficht ständen und man vor Maßregelungen sicher sei. Die Herren Zechenbeptzw wachen ober noch immer keine Miene zum Entgegenkommen, fie spielen fich vielmehr als die Hüter von Autorität und Monarchie auf, die durch die Arbeiter gefährdet seien. Besonders schrrff tritt der Scharfmacher-Standpunkt hervor in einer Schrift be» Geschäftsführer» d-S Bergbaulichen Ber-1 ein», Bergmeist-r Eng-l, ber überall Sozialdemokratie •tob Umsturz wittert, fich nach einem Zuchthausgesetze s'hnt und der Presse am liebsten verbieten möchte, Men die Zechenbefitzer etwa» zu sagen. Wenn diese ra der bisherigen Weise fortfahren, den Absolutismus flegeetber den Arbeitern zu vertreten und nicht durch !

gegen 99 Stimmen ein Vertrauensvotum. Aber trotz aller Mahnung zur Eintracht unter den Republikanern ist e» mit dem Zusammenhalten des „Blocks" doch vorbei. Wenn die Regierung auch an dem Programm der Trennung von Krrche und Staat festzuhalten er« lütt, so wirb fich vielleicht doch bald ergeben, daß auch in diesem Punkt zwischen ihr und einem Teil des alten Blocks erhebliche Meinungsverschiedenheiten bestehen. Daß die sozialen und sonstigen Reformen, die auch dieses Ministerium wieder verspricht, durch- gesührt werden, glaubt kein Mensch.

Ja Rußland hat nach den blutigen Vorgängen in Petersburg die Ausstands Bewegung unter den Ar­beitern in allen Groß und Industrie Südten gewal­tig zngenommen. Ja Petersburg ist unter der Militär- Diktatur des General» Trepow nach amtlicher Vrr- ficherung „alles ruhig". Zusammenstöße zwischen den Arbeitern und der b-woffneten Macht scheinen dort ja auch weiter nicht vorgekommen zu fein. Angeblich wird die Arbeit mehr und mehr wieder ausgenommen. Außerhalb Petersburg streiken viele Hundert'ausende von Arbeitern in Moskau, Riga, Reval, Libau, War­schau, Lodz, HelfingforS, Saratow rc. Nach der Dar- stellung ber Regierung handelt er fich bei diesen Streiks , nicht um politische, sondern nu: um soziale und wirt­schaftliche Forderungen. Die große Mehrzahl ber Ar­beiter wird wohl überhaupt mcht wissen, waS fie wol­len, aber ihre Hint-rmänner verfolgen ohne Zweifel in erster Linie politische Zwecke. Leider kam eS bei b!evett Streiks verschiedentlich wieder zu blutigen Zu­sammenstößen mit der biwaffreten Mach , wo e« Hun­derte von Toten und Verwundete« gab.

Auf dem ostasiatischen Kriegsschauplätze I geht e» neuerdings wieder etwas lebhafter zu. Ge­neral Kuropatki n ergriff auf feinem rechten Flügel die Offensive und berichtere alsbald über einige Er­folge: Einnahme verschiedener Dörfer rc. Die russi­sche Presse sprach schon wieder von einer Wendung der Dinge. Ter Mittelpunkt ber Kämpfe tot das Dorf Sandtpu (Tichenstiacpao). Die Japaner be­haupten aber, fie hätten bie Ressen dort zurückge- schlagen; biese haben tatsächlich auch ba» von ihnen besetzte Sandepu wieber verlassen und schließlich alle bei der,Offensive" eingenommenen Stellungen wieder geräumt. Nach japanischen Angaben betrug in den Kämpfen der Verlust ber Japaner 5000, ber ber Russen 10,000 Mann. Die Japaner gingen nach Zurückweisung der Russen zum Gegenangriff über, wurden aber durch Kälte und Schneetreiben an den Operationen stark be­hindert.

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