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Druck und Verlag de» Kuldaer Artiendruckerd in Ktlda (Harmonie;
Lernfprecher Ar. 9
Jtt 289.
Ktlda, Samstag, den 17. Dezember 1904.
31. Jahrgang.
AnpolMsche Zeitkäufe.
® Berlin, 15. Dezember 1904.
Danke muß man sagen, wenn man be- schenkt wird, und die Worte des Dankes tun es nicht immer allein, auch die entsprechenden Taten müssen folgen, um Butter in die Dankesfische zu bringen.
Für manche Leute ist die Dankbarkeit ein fauers Geschäft. Ich kenne sogar welche, die deshalb Geschenke und Wohltaten hassen, weil sie es wie Demütigung empfinden, wenn ein Mitmensch Anspruch auf ihren Dank erhebt. „Laßt mich in Ruhe!, sagen diese selbstbewußten Herrschaften; hroa8 ich brauche, verschaffe^ mir selbst; ich will nicht den Rücken krümmen und nicht den Mund spitzen, um Artigkeiten zu drechseln-.
„Stolz lieb' ich den Spanier-, sagt das Sprichwort; ob besagter Stolz der profeffio- nellen Undankbarkeit spanisch ist, weiß ich nicht, da ich wohl zu einem Kirchenbau, aber noch niemals zu einer Reise nach Spanien Geld gesammelt habe. Wohl aber weiß ich, datzsdie Dankes- scheu sich für deutsche Christenmenschen nicht geziemt.
Wir prahlen gern mit der deutschen Gemütlichkeit, und manche behaupten sogar, die anderen Völker hätten weder das richtige Worr noch das volle Verständnis für unsere landesübliche Gemütlichkeit. Nun, darüber wollen wir uns nicht streiten, sondern bloß sagen, daß es doch der schärfste Gegensatz gegen die Gemütlichkeit ist, wenn sich Jemand in seine pharisäische Brust wirft und deklamiert: „Gott, ich danke dir, daß ich nicht bin, wir die andern Leute, die auf Geschenke und sonstige Wohltaten ihrer Mitmenschen angewiesen find und das Süßholz des Dankes raspeln müffer». Ich kann ruhig auf die Leute herabsehen; dann ich bin niemandem verpflichtet, wohl aber find manche mir verpflichtet, doch aus ihrem Dankes- gemurmel mache ich mir auch nichts. Ob fie mich lieben, ist mir Wurst; aber Respekt sollen fie vor mir haben-.
Ist das ein gemütlicher Mensch? Wie wirkt der in der Familie und in der Gesellschaft? Als ein behaglich wärmender Ofen oder nicht vielmehr als ein schauriger Eisberg?
Und obendrein ist das Protzenium gar nicht berechtigt. Alle, die auf Erden leben, auch die reichsten und größten, sind den Mitmenschen zu Dank verpflichtet. Wer darüber noch nicht klar ist, der lese dm alten tieffinnigen Robinson Crusoe noch einmal. Du stolzer' Mann mit deiner eingebildeten Selbstherrlichkeit oder du gnädige Frau mit deiner Selbstvergötterang, geh' doch auf eine einsame Insel und Hause dort allein unter den Lamas nnd den Papageien. Dann wirst du sehr bald merken, was der los gelöste und vereinsamte Mensch wert ist. Die schönste Insel wird dir bei ihrer Leerheit wie ein Zuchthaus in Einzelhaft Vorkommen. Bald wirst du sogen: O, wenn ich bloß einen Menschen um mich haben könnte, ich würde gern alle meine Schätze mit ihm teilen! Und wenn die Prüfung deiner Selbstherrlichkeit noch etwas länger gedauert hat, so wirst du seufzen: Ach. wenn nur einer von meinen alten Bekannten käme, die ich früher so hochnäsig behandelt habe — wie dankbar würde ich ihm fein!
Za, wir find allzumal auf gegenseitige Hilfe und gegenteilige Dankbarkeit angewiesen. Sogar die Könige und die Kaiser Denn was wären fie ohne Untertanen? Die Befriedigung in ihrem hohen Beruf wurzelt darin, daß fie für ihre getreuen Mitmenschen sorgen und schaffen können, daß sie unter ihren larrdesoLterlichen Händen die Wohlfahrt des Volkes aufbiüyen feben. Nun können wir auch die interessante Tatsache fest- stellen, daß die regierenden Herren der West ge- n ö-.nlich recht höflich, ansmerksam und dankbar gegen alle Artigkeiten ihrer Untertanen find. Auf ;edes -.ebe:e Huldigungstelegramm kommt eine grasige Antwort, und wenn der Fürst eines rrrfigen Rerch-s nicht auf jede Kleinigkeit eigen- Sandte, antworten koni, so tut das doch fein Lukanus. Und der bl. Vater, der geistliche Fürst von 300 Millionen Seelen, ist unermüdlich Larin, auch die Geringen zu sich kommen zu laffen und aus alle Bewe.se der Liebe und Verehrung in väterlicher Liede feinen Dank zu bekunden.
Nicht auf den höchsten Höhen der Menschheit findet sich das lieblose und dankesscheur Protzen- tum, sondern vielmehr in den mittleren Regionen -und neuerdings auch — was ein besonderes
Zeichen der Zeit ist — in den sogen, niederen Schichten. Unter dem Einflüsse der sozialdemokratischen Hetzer haben sich zahlreiche Mitglieder der arbestenden Klaffen eingebildet, e3 sei gegen die allgemeinen Menschenrechte, von Geschenken und Wohltaten zu reden, und Dankbarkeit sei ein Verrat am Klaffenbewußtsein. So gibt es „Zielbewußte-, die freilich wohl nehmen, was ihnen geboten wird, aber dabei in Wort und Tat die Ansicht vertreten, das sei alles bloß eine kärgliche Abschlagszahlung auf das vorenthaltene Recht und der Besitzende, der sich als Wohltäter ausspielen will, verdiene erst recht gehaßt zu werden. Das ist auch ein ungemütliches, unchristliches und unglückseliges Protzrntum. Wer so denkt, vergällt sich und feiner Umgebung die Freude am Dasein. Wenn man alles aus starres Recht und kalte Macht zujpitzt, so gibt es fortwährend Zank und Streit, Mißgunst und Haß, Unglück und Verzweiflung. Die Liebe allein kann das Zufammenleben in diesem irdischen Jammertale erträglich machen, die werktätige Liebe auf Gegenseitigkeit, die ein Ausgleich der äußeren und inneren Bedürfnisse anbahnt, tue die Herzen versöhnt und annähert, den Weih- nachtSgrist in der erregten Welt vertreibt.
Warum sollte der Empfänger sich schämen, dankbar zu sein. Muß doch sogar der Geber dankbar sein. Denn wenn ein Mitmensch mir Gelegenheit gibt, ihm Gutes zu run, so erzeigt er auch mir eine Wohltat. Er verschafft mir die behagliche Freude, die jede edle und nützliche Tat mit sich bringt; er gibt mit Gelegenheit, Schätze zu sammeln, die weder Rost noch Motten fressen; macht es mir möglich, mein eigenes Schuldenkonto zu begleichen, d. h. etwas von der Dankesschuld abzutragen, die ich gegen die Mitmenschen habe.
Der reiche und mächtige Mann, die stolze und vornehme Frau — wie sind ft? denn auf die Welt gekommen? Al« nacktes und armseliges Kindlein, ebenso nackt und ebenso hilflos wie die Sprößlinge aus der ländlichen 2;bm- hürte oder der städtischen ArmutSksserne. Die Eltern und die Pflegekräfte, die Lehrer und die Mitschüler, die Seelsorger und die Berufserzieher Kirche, Staat und Gesellschaft haben mit vereinten Kräften Jahre lang sorgen und arbeiten müffen, um aus dem arme* Wurm das zu machen, worauf er jetzt stolz ist. Nicht durch eigene Kraft sind wir daS geworden, was wir sind, sondern durch Gottes Gnade und der Mitmenschen Hilfe.
„Aber, mein Verwögen", fegte der angeblich ..selbstgemachte" Mann, „das habe ich mir selbst erwoiben." Wir wollen nicht lange dm über streiten, welche Grundsteine deines "Vermögens von den Eltern oder Verwandten herrühren, sondern gleich aufs ganze gehen. Wenn du mutterseelenallein auf einer Oase in der Wüste Sahara gesessen hättest, wärest tu dann auch ein ganzer oder halber Millionär geworden? Was du verdient hast, hast du von den Mitmenschen und mit Hilfe der Mitmenschen verdient. Vielleicht ganz ehrlich und rühmlich, aber trotzdem mußt du doch dankbar derer gedenken, die dir den Baustein zum Tempel des Vermögens geliefert oder gar im Schweiße ihres Angesichts herangefchleppt haben.
Göthe sagt: Hand wird nur von Hand gewaschen; wenn du nehmen willst, so gib." Wir allzumal haben genommen und nehmen noch täglich von unseren Mitmenschen Wohltaten für Leib und Seele an; wir müffen sie annehmen, denn wir find ein Glied des Körpers der Mensch, heit, das elend zu Grunde gehen würde, wenn es von bet Gesamtheit abgeschnitten würde. Das gesunde Glied nimmt, aber es gibt auch Die Hand vergibt sich nichts, wenn sie dem Magen und dem Herzen dankbar ist sür die Lebenssäfte, die fie ihr zuströmen lassen, und Magen wie H rz vergeben sich gewiß auch nichts, wenn fie der arbrttfamen Hand dankbar sind für die Beschaffung der erforderlichensNahrungS- stoffe.
Also wollen wrt indieWrihnachtsferien herein» gehen nicht in dem protzigen Geiste: „Ich bin tch und die anderen müssen mit die Hand küssen-, sonder n in dem d)t ftUdben Geiste: „Wir fhb alle Brüder und Schwestern und auf einander anxewiesen, wir müssen alle einander dankbar sein inb wollen nicht eist untersuchen, wer vorwiegend Geber, wer vorwiegend Empfänger ist. Es gib: nur Einen, der nicht zu danken braucht, nämlich dcr allmächtige Geber alles Guten. Wir sterbliche Menschen aber find sämtlich Almosea- ewpfänzer, die teils vom Herrn unmittelbar, teils durch die Vermittelung von Mitmenschen beschenkt werden."
Dankbarkeit ist uns nur dann drückend, wenn man sich in Ueberheburg oder Dummheit dagegen ft'äubt. Wer gern und freimütig Dank sagt und Dank betätigt, findet Freude daran.
Betätigt — daS ist freilich die Hauptsache. Von den schön gedrechsetten Redensarten ist und wird der Kohl nicht fett. Wer zur Bekundung seiner Dankbarkeit einen langen pathetischen Vortrag hält, als ob er ein sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter wäre, dem traue ich nicht recht. Ein herzliches, einfaches Wort, ein warmer Händedruck, ein inniges Aufleuchten des Auges — darin liegt viel mehr Gewähr für die Ehrlichkeit und Wirksamkeit deS Gefühls.
Kinder lernen es erst allmählich, daß die Geschenke zu Wechnachten, Nikolaus, Namen«- und Geburtstag nicht die Hauptsache sind, sondern daß vielmehr die stetige opferwillige Sorgfalt ihrer Eltern die Dankbarkeit herauSfordert. WaS die Ktnder noch nicht verstehen, sollen aber die Erwachsenen wissen. Sie sollen einander dankbar sein nicht bloß für äußere Gaben, die man zählen und messen kann, sondern auch für jedes tröstliche Wort, jeden guten Ratschlag, jede Art von Unterstützung. Und was sie Liebes und Gutes erfahren habe», das foCen sie in ihrem Kresse und nach ihren Krassen auch wieder austeilen, so daß die Menschen von ihnen sagen: Das find gute Leute, die find immer freundlich und tun einem gern einen Gefallen, wo sie nur können!
Wenn ich noch eine persönliche Bemerkung anknüpfen darf, so stehe ch zur Zett auch in schwerer Dankesschuld. Bei den lieben Lesern der „Unpolitischen" nämlich. Und zwar nicht bloß für die gewichttgen Postanweisungen, die dem Herrn Pfarrer Seltner in Steglitz zugehen, sondern auch für die schönen Worte, die auf fo manchem Abschnitt mir gewidmet werden. Nun, diese DankeSpflicht drückt mich nicht; im Gegenteil, sie macht mir Last und Mut. „Geben ist bekanntlich seliger, als Nehmen, aber das Nehmen hat auch seine Seligkeit. Ich fühle, daß der Austausch von Liebesbeweisen ein enges Band schließt um die Herzen des atmen Schreibers und feiner treuen Leser, daß sich die Gemütlichkeit hebt in dieser großen unpolitischen Familie. Und die Gemütlichkeit ist doch das Labsal in diesem rauhen Erdenleben. Ich. wünsche Euch und mir zu Wechnacht nicht Kostbarkeit und üppigen Glanz, sondern nur die wahre herzinmge Gemütlichkeit unter dem Chrifibaum, jene friedvolle Behaglichkeit, die aus gegenseitiger Liebe und Dankbarkeit heroorgeht, damit auch heute noch das Wort über die ersten Christen Geltung habe: Seht, wie sie einander lieben.
Urs Mzgrftilii, wchvchlM.
Gin Weihnachtsmärchen für große Ktnder. Bs» Louis Brown.
„Wenn die Herren also nicht noch ein Haus weiter wollen, so grüß' Euch Gott alle miteinander, alle miteinander, — bis morgen.-
„Morgen werden Sie wohl nicht viel Glück mit uns haben, lieber Werner," tief Inspektor Jung dem Scheidenden «ach. „Morgen ist Weihnachtsabend, wenn Sie's etwa vergessen he.beu sollten; da sind wir unabkömmlich alle miteinander und überlassen den Stammtisch int „Löwenhof" Euch Junggesellen."
„Auch gut; dann also viel Vergnügen und frohes Fest allerseits!"
Damit ging Herr Max Werner von dannen, um sich noch irgendwo ein letztes Glas zu genehmigen.
,,S' ist doch (in beneidenswerter Mensch," büß es im Kreise der langsam aufbrechenden Stammgäste, „ein patenter, geistreicher Kerl, dem man bei all feiner Welterfahrung und Lebensweisheit seine 45 Jahre nicht anmerkt. Habt Ihr ih» mal erzählen hören von seinen Wettreisen nach Indien oder China oder weiß Gott wohin? Habt Ihr seine Feuilletons in der „Kölnischen" gelesen? Har er Euch mal was auf dem Klavier vorgespielt, so stundenlang frei- händig, ex fauetibus, ohne Noten?" So schwirrte es durcheinander.
„Na, na," sagte Papa Markwals, den Gicht und Aerger etwas misanthropisch an ehaucht hatten, „machl's nur nicht gar so schlimm. Werner hat eben doch auch seine großen Fehler. Kne'pt er nicht oft genug deute rocv wie ein junger Student? Und wie er in der Kreide fitzt, — ich könnte ein Lied davon fingen."
„Ach was. Sie alte Unke," tief der joviale Apotheker Schmidt, — „daß der sich keine Sorgen über's Haupt wachsen läßt, ist doch wohl natürlich genug. Ec hat keine Frau, nicht Kind noch Kegel, — sür wm sollte er denn da darben und sparen?"
Das gab den Aus schlag. Niemand, für und um den er zu sorge» hat, — glücklicher Mensch — so backten Werner's Stawmtischfreunde. Vielleicht war's nicht allen ganz ernst mit diesem Urteil; aber was meint und sag! man nicht alles in der Rreipe, w:nn man eine böse Schwieger
mutter, eine souverän regierende Gattin, !ncppc Einnahmen, Unfrieden oder Krankheit im Hause hat.
Max Werner, der Gegenstand dieser freundschaftlichen Gerichtssitzung, hielt sich eigentlich selbst für einen ganz glücklichen Menschen. Aus einer ziemlich tollen Jugend, die ihn erst durch vier Universitäten und dann durch ebensoviele Erdteile geführt, hatte er sich Arbeits- und Genußfähigkeit, praktischen Verstand und Sinn für das Schöne auf dieser Erde noch in eine Zeit hinübergerettet, wo daS Wort vorn „besten ManneSatter" sonst gewöhnlich zur Ironie wird, und die schwarzen Haare zu ergrauen, die blonden zu befertiren pflegen. Was hatte et, Mox Werner, eigentlich für Gründe, sich nicht wohl zu fühlen in feiner Haut? Deine Einnahmen waren nicht übel: sie hätten auch gereicht für feine Ausgaben, wenn nicht — nun ja — aber Schulden find doch keine Hasen, und kommt Zeit, kommt Ratt Hatte man ihn nicht überall gern wo et sich sehen ließ? Torheit also, sich dai Leben irgendwie zu verärgern. Carpe diem, freut Euch des Ledens, daS war Max Werner'! fröhlicher Grundsatz, und wenn ihm trohden einmal so wunderlich unbefriedigt zu Mute wurde so nannte er das wohl bei sich selbst „Attjungfer launen“, gegen die der Wirt im „Löwenhof" gar gute Rezepte hatte.
Nur Über ein paar Tage im Jahr kam unser Werner immer nicht gut hinweg, — das war der Sterbetag feiner Mutter und das unglückselige Weihnachtsfest. Der Mensch bleibt eben in manchen Dingen ein Kind bis in fein Alter, und eigentlich rechnete stch's Max ziemlich hoch an, daß er sie nicht vergessen konnte, die gute Frau, die vor 30 oder 40 Jahren in feiner Kindheit Tagen Über ihn gewacht, und das liebe Christfest mit allem, was so drum und dran hing. „Du bist nebenbei eigentlich auch noch ein passabel guter Kerl," so sagte et sich nach solchen Gedenktagen.
Und nun war sie wieder einmal da, die fröhliche, felige Weihnachtszeit. Aber schlechtes Wetter hatte fie mitgebracht. Trüb und feucht lag eine Nebelschicht über den Straßen der Stadt als Werner, nachdem er seinen Kollegen auf bea Sureau etwas gekniffen eine frohe Weihnacht ge wünscht, den Weg zur Stammkneipe antrar. E schaute nicht viel rechts und links auf feinen Gange, um nur nicht all die fröhlichen Gesichte zu sehen, aus denen trotz des miserablen Wetter« die Helle Festfreude leuchtete, und all die Fenster, mit ihrem strahlenden Glanz früh angesteckter Weihnachtslichter.
Platz gab's heute genug im „Löwenhof," und wo sonst die guten und schlechten Witze der Etammtischrunde Trumpf waren, machte sich heute ein mächtiger Christbaum breit, an dessen Putz der dicke Wirt eben noch die letzte Hand legte- „Da bin ich ja glücklich wieder in den alten WeihnachtS-Rummel hmringeraten," murrte der mißgeftimmte Stammgast, setzte sich aber faute de mieux vorläufig nieder, um den Rücken nach dem Tannenbaum gekehrt, ein paar Stunden bei Zeitungslektüre und „kontemplativer Trinkuug" zu verduseln. Vor seiner einsamen Junggesellen- bude graute es ihm heute doch gar zu sehr. Ob die Margareth, mit der man Alt-Werner i« Vergleich mit seinem ttompetierenden Namens netter von V ctor von Scheffels Gnaden so geti neckte,,— ob sie wohl bei dem Christfest-Trübe überhaupt an daS Heizen gedacht haben mochte' Kinder gab's ja bei feinen Wirtsleuien auch, uni liebe Kinder, ein ganze« Nest voll schwarzköpfige« Mädelchen, die mit ihrer Margreth anfangen konnten was sie wollten. Da konnte fir's heut wohl vergessen haben.
Kinder, und besonders anderer Leute Kinder, wären ja soweü ganz nett. Aber heute nur keine Familien-Simpelei, keine Kinder sehen, die einen mit ihrer Freude an Spielzeug, Puppen und Weihnachtsbüchern sentimental machen und aus dem seelischen Gleichgewichte bringen. Da lebte sichs ja drüben jenseits des Weltmeeres viel besser an einem solchen Weihnachts - Abend, als man irgend ein exotisches Gewächs zum Christbaum avancieren ließ und sich darüber amüsierte, wenn das kleine gelbbraune Gesindel vor den offenen Fenstern den Weifen für verrückt hielt, daß er da drinnen solche Allotria trieb. Leider kann man aber doch nicht gerade zum Weihnachtsfeste nach der Südsee fahren, und so blieb denn Alt-Werner vorläufig im „Löwenhof" sitzen und trank resigniert einen Schoppen nach dem andern, bis er, vorbereitet durch Den wirksamen Schlaftrunk, sich anftändigerweise nach Hause und ins Bett verfügen konnte.
Das war nun aber nicht so leicht, wie Werner sichs gedacht hatte. Trotz der späten Stunde war noch Leben im Hanse, und wie ein Dieb schlich er sich in sein Zimmer. Kaum wagte er«, dort Licht zu machen, um nicht die Aufmerksam-