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31. Jahrgang.

Kulda, Samstag, den 26. November 1904.

Jg 271.

Unpolitische Zeitläufe.

(Nachdruck verboten.)

<A Berlin, 24. November 1904.

Dieses Jahr gibt es vier richtige, ausge­wachsene Adoentswochen. Am bevorstehenden Sonntag treten wir schon in die Schatten deS Weihnachtsfestes. Man könnte sagen, der Beginn des Kirchenjahres sei auch der eigentliche Winters­anfang. Bisher standen wir noch mehr in der Herbflstimmung des Allerseelen-Monats. Aller­hand Wetter Propheten hatten unS einen frühen und sehr scharfen Winter prophezeit. Obschon die Damen schon lange Pelzsachen zur Schau tragen, hat fich doch der alte weißbärtige Herr Muter nicht sonderlich beeilt. Heute find die ersten Schneedepeschen auS Süddeutschland und Schlesien eingetroffen. Das ist aber kein vor- zeüiger Termin; ich erinnere mich, daß ich schon mehrfach am 17. November einen früher be­liebten Datum für ReichStagSeröffnungen. im Schneematsch mir nasse Füße geholt habe. Ob der Winter nun strenger oder milder werde wird, daS können die Nachfolger des seligen Professors FlunkerkieS (amtlich Klinkerfuß) auch nicht auf ihren Diensteid nehmen. Abwarten und Kaffeetrinken! Wer den Keller noch nicht voll hat, muß freilich auch noch Kohlen kaufen und dabei auf daS Kohlenkartell schimpfen.

@rft die Kohlen und dann die Weihnachts- oder Nikolausgeschenke! lieber die Seschenkmode predige ich, wie über die Kleidermode: Mit- machen.'aber mit vernünftiger Mäßigung! Wenig, aber mit Geschick und Siebe;!

Mäßigung ist ein prosaisches, langweiliges Wort; eS muß aber immer wiederholt werden. Namentlich in Hin ficht d r sog. Weihnachts- arbeiten. Damit wird in den vier Advents­wochen viel wohlgemeinter Unfug getrieben. DaS bleichsüchtige Töchterchen oder die schwer­belastete Frau fitzen da in den Ecken herum mit eingedrücktem Brustkasten und gereizten Angen, nm bei benebeltem Tageslicht oder schlechter Lampenbeleuchtung eine „feine Hand­arbeit- für den Weihnachtstisch mühselig zu sticken oder zu häkeln. Ganz im Geheimen zur „Ueberraschung-. Ja wenn der Mann oder Sätet, dem die Herrlichkeit zugedacht ist, die Arbeit mitansehen könnte, so würde ihm nicht selten die Freude vergällt, ja sogar ein Verbot mit Donnerwetter abgenötigt worden sein. So was „SelbstgearbeiteteS- hat freilich seinen be­sonderen Reiz und GemütSwert, doch darf es nicht auf Kosten der Gesundheit erkauft sein. Ihr zärtlichen Frauen und Töchter, ruiniert nicht nur Lungen, eure Nerven und eure Augen. ES wäre ja ein Danaergeschenk, was ihr da aufbaut, wenn hinterher fich daraus

noch nicht abgesprochen worden; aber mir und den Meinigen. Da schreibt ein Wohltäter an den Pfarrer von Etrehich-Zehlendorf:

„Ew.fHochroüeden zum Dank für di« guten Lehre«; denn Sie sind der Unpolitische auf alle Fälle selber. Denn, daß ei» geistlicher Herr die Unpolitischen Zeit­läufe mache, habe ich schon vor Jahren gedacht, wen» Sie auch manchmal von einem Jungen oder einer Frau schreiben."

Und ein Konfrater bemerkt: „Grüßen Sie mir den „großen Unbekannten.- Die Sache ist doch zu ulstg. FreUich der Herr Pfarrer hat gelacht, weine Frau und meine Kinder haben in ihres Nichtsdurchbohrendem Gefühl auch gelacht. Aber ich als tapferer Mann muß doch mein Da­sein verteidigen. Also einen Vorschlag zur Güte: Wer eS bezweifelt, daß ich als Familienvater existiere, dem schicke ich aus Verla"gen beliebig viele beweiskräftige Rechnungen über Weiber- und Kinderkleider, ewige Schuhreparaturen, Schulgeld uud sonstigen Familienbedarf zu, unter der sehr bescheidenen Bedingung, daß er den Be­trag dieser Rechnungen oder Quittungen für du Zehlendorfer Kirche einschickt. Wer das nicht ris­kieren will, kann auch ein Pauschquantum schicken

Nach diesem verzweifelten Kampf ums Da­sein kann ich mit Dank konstatieren, daß der letzte kräftige Zug am Strange der Bettelglocke die Gaben wieder in Floß gebracht hat. Der Pfarrer schmunzelt wieder und meint, wenn auch von den Hunderttausend noch keine ganze sechs Prozent zusammen seien, so werde er den Bau­platz doch wohl übernehmen können, da von der Armee von 80000 doch wohl immer noch weitere Kompagnien anrücken würden.

Ich hoffe mit; denn ich rechne nicht bloS auf die, welche an mein Dasein glauben, sondern auch auf die Zweifler. Denn wenn es auch keinen Unpolstischen geben sollte, so gibt eS doch unzweifelhaft 1000 notleidende Glaubens­brüder in Zehlendorf, und deren Zahl wird in den nächsten Jahren rapide wachsen. Als wir neulich die erste Katholikenversammlung in Zehle« dorf hielten (die erste seit der Glaubensspaltung), da waren wir alle erstaunt über die große Zcchl der Teilnehmer und die vielen bisher unbe­kannten Gesichter, die plötzlich als treugefinute Katholiken aus der Verborgenheit auftauchten, als die Freudenbotschaft von einem Kirchenbau in Zehlendorf an sie ergangen war. Namentlich über die jungen Arbeiter hat fich der Pfarrer gefreut. Wir sammeln nun auch unter uns aM Leibeskräften. Also bitte, helft unS weiter in der Begründung der unpolitischen Marienkirche von Zehlendorf!

Siechtum, Verstimmung, Krankheiten ergebe» sollten. Auch wäre es schon verfehlt, unter der Geschenkstichelei die Ordnung und Gemüt­lichkeit im Hauswesen irgendwie leiden zu lassen; das gäbe eine Rose mit giftigen Dornen.

Aber soll man denn solche zarten weiblichen Angebinde laufen oder von fremden Händen gegen Bezahlung herstellen lassen? Wenn's ohne Schaden nicht anders geht, kann man das ruhig tun. Natürlich in Ehrlichkeit. Nicht mit ftemden Federn fich scymückrn wollen! Die weibliche Diplomatie (eigentlich hätte man längst Frauen im auswärtigen Dienste anflellen sollen, natürlich nach Erprobung der Schweigsamkeit!) findet ja im Bedarfsfälle auch leicht einen schlauen Mittel­weg: man macht etwas an der Arbeit selbst, damit der Duft der eigenen Kunst und Auf- Opferung wenigstens in verdünnter Form daran haftet.

Dabei kommt noch ein ernster Gefickt?punkt in Bedacht. Es gibt so viel bedürftige Mädchen oder Frauen, die bittergern mit Handarbeiten etwas verdienen möchten. Gnädige Frau und sehr geehrtes Fräulein, nehmen fie nicht durch übermäßigen eigenen Fleiß ihren atmen MU- schwestetn den Erwerb fort! Allerdings, wenn Sie in den Geschäften solche Dinge kaufen, so fällt den Arbeiterinnen von dem Kaufpreis kein großer Anteil zu; doch etwas ist noch mehr, als nichts, und durch die gesteigerte Nachfrage wird immerhin daS LooS der erwerbstätigen Frauen gebessert. Nebenbei bemerkt, sollten Frauen und Mädchen aus solchen Familien, die ihren Lebens­unterhalt gefichert hoben, nicht den armen Arbeiterinnen Konkurrenz machen, indem fie in ihren Mußestunden Handarbeiten für Geschäfte anfertigen, um sich ein paar Putz- ober Nasch- groschen zu verdienen. Diese Wettbewerberinnen auS den „bessern- Familien verringern nicht nur die Arbeitsgelegenheit, sondern pflegen auch die Preise heillos zu drücken. Ein Beomtentöchtetlei» z. B., das alle seine Lebensbedürfnisse im elter­lichen Hause umsonst hat, kann auch für einen geringen Lohn ihre Mußestunden opfern; wenn nun die Arbeiterin, die von dem Arbeitslohn ihren ganzen Unterhalt bestreiten muß, einen menschenwürdigen Tagesverdienst fordert, soMgt der Geschäftsmann: Bedaure sehr, ich kann'S billiger haben! Dieser unnützige Wettbewerb aus Sucht nach einem „Nebenverdienst- ist ein sozialer Krebsschaden, über den die besser gestellten Frauen und Jungfrauen gerade zu Weihnachten mal Nachdenken können. Was die Tinen ver­naschen, dafür müssen die Andern im wahren Sinne des Wortes bluten.

Man kann den Bedürftigen keine bessere Hilfe bringen, als indem man ihnen lohnende Arbeit ermöglicht. DaS kann mittelbar ge­schehen durch Ankäufe der betreffenden Erzeug- niffe in den Läden; vielfach kann es auch un­mittelbar und wirksamer geschehen, indem man selbst den erwerbstätigen Fr nen die Arbeit auf­trägt. Wem die persönliche Bekanntschaft fehlt, der kann bei den wohltätigen Frauenvereinen leicht daS nötige erfahren. Eins der Hauptübel,

an denen wir in unserer UebergangSzeit kranken, ist die Sckwinosuckt der Hauswirtschaft. Tine Unmasse von Arbeiten, die früher im Hause selbst von den Familienmitgliedern oder dem Ge­sinde geleistet wurden, fallen jetzt der Industrie zu, eine Unmasse von Dingen, die man früher selbst machte, werden jetzt gekauft. Es fehlt in­folgedessen an Albest tm Hause, und darunter leidet vor allem das weibliche Geschlecht, das auS der früheren hau?wirtschaftlichen Tätigkeit in die Lohnarbeit getrieben wird. Dem Rad der Zest kann man nicht in die Speichen fallen, aber man kann m seinem Kreisen dazu mitwirken, die üblen Wirkungen der neuen Ordnung mög­lichst zu mildern. Und daS geschieht, wenn jeder fich bemüht, den bedürftigen Frauen und Mäd­chen in seiner Umgebung möglichst viel Arbetts- gelegenhest zu beschaffen. Auch wenn es etwas weniger bequem ist, es lohnt fich. —

Zum Punkte der Geschenke (ich meine nicht bloS die Weihnachts- ober MkolauSgeschenke, sondern auch die zum NamenS- ober Geburts­tage) noch eine ernste Anmerkung. Mancher be­trachtet diese Gaben wie eine Art von Sühne - Opfer oder Lösegelb, mit bem man baS Defizit auf bet Liebesrechuung begleichen könnte. Da ist Einer ober Eine bas ganze Jahr hinburch kalt und unfreundlich gewesen, hat durch Nachlässig- kett, Trägheit, Launen ober Wiberspenstigkeit viel Aerger angertcht-t. Nun kommt er ober fie mit einem prächtigen Geschenk an, macht einige zärt­liche Worte, ober gar Verse dazu, legt noch einige Küsse darauf und denkt nun: Ha, wie ist die beschenkte Person mir zu Danke verpflichtet; Unsinn! So eine äußerliche Gabe kann den inneren Aerger nicht aufwiegen. Wenn wirklich der Be­schenkte gutmütig genug ist, fich einen Augenblick zu freuen, was ist das gegen die Summe von Schmerz und Kummer, die sich ,im Jahre ange- häuft hatte! Nein, die einzige, richtige Buße ist Sinnesänderung, Reue und Besserung. Wenn ihr Eltern euch bewußt seid, daß ihr nicht so friedlich und liebevoll zusammen gelebt habt, wie es fich gehört, unddaß ihr in der Kindererziehung diesen ober jenen Fehler gemacht habt, so heftet in das Geschenk ben festen Vorsatz, daß es besser werben soll, unb macht gleich ben tatkräftigen Anfang. Unb ihr Kinber, schenkt euren Eltern nicht bloS glitzernden Kram, sondern euer Herz in wahrer Siebe unb Treue.

Die materiellen Gaben machen den Kohl bes Familienglückes nicht fett. Die Gesinnung gibt ihnen erst bie Weihe unb bie nachfolgenden Taten {geben ihnen erst ben Wert. „Meine Kindlein liebt euch untereinanber." ♦ ♦

Im Uebtigen soll man auch keine Versckwen- bung treiben bei bet Geschenkgeberei. Lieber etwas abfparen für Wohltätigkeit, so z. B. auch für bie Zehlendorfer K.rche, bie dem Unpolitischen schwer auf bem Magen liegt, obschon fie (ober weil) fie noch gar nicht besteht.

Ja, gibt eS beim eigentlich einen Unpoliti« schen? Exist ett er unb seine Familie? Euch, verehrte Leser, ist wahrscheinlich baS Dasein

w. Das Reichsgesetz bett. Kauf« mamisgerichte.

i. •

Am 1. Januar 1E05 tritt das Gesetz betr. Kaufmannsgerichte im deutschen Reiche in Kraft, durch welches die Streitigkeiten auS dem Dienst- oder Lehrver HSltniffe zwi-

23

(Nachdruck verboten.)

Augenscheinlich war der Pariser an die Grillen seiner Freundes gewöhnt, denn er schien nichts Übel zu nehmen, sondern reichte dem sonderbaren Mora­listen unbefangen die Hand.

„Auf Wiedersehen, alter brummiger Philosoph I" sagte er; „wenn Du anfängst zu predigen, wirst Du ungenießbar. SBenn Du wieder Verlange» nach mir hast, so komm nach Moufferon frühstücken. Wann dür­fen wir Dich erwarten?*

„Donnerstag. Adieu; mach jetzt, daß Du fort» kommst und laß mich in Frieden, ich muß noch zwei Stunden studieren."

Die Tür schloß fich hinter dem so ungnädig ent­lassenen Gontran, den der kleine Diener bis in den Flur geleitete, während die Blätter einer schwer­fälligen, medizinischen Werkes schon wieder unter den Finger der ZurLckbleibende» raschelten.

Eine Zeitlang vertiefte er fich gänzlich in die ge­lehrte Auseinandersetzung, welche vor ihm lag, gerade al» wäre er nickt gestört worden. Dann aber, müde geworden, schloß er da» Buch,, lehnte fich in den Sessel zurück und dachte an da» mißglückte Vorhaben Gontran'», an Madame Toltzheim und ihre mochtet.

„Arme kleine l" seufzte er, „welch ein Schlag für fie! Die Mutter sterbend im Hospital, ihre Zutunst vernittet, keine Geldmittel . . . W-r weiß, am Sude liebt fie gar noch diesen Windbeutel? . . . Ich be­daure fie wirklich. Wie verschieden doch im Menschen­leben die Lo,e falle»! So ein gutes, herrliche» Mäd­chen muß nun die Tochter einer unverschämten The- aterprinzeffl» sein! Warum aber in aller Welt diese Person mit vollen Händen da» Gold zum Fenste hinauSgeworfe«, ist unbegreiflich. Zu dumm, mir fünfhundert Franken zu schicken, al» wäre fie eine Gräfin. Ick bin zwar nicht reich, aber ich denke mir, diese Banknote wär zur Zeit besser am Platze in ten Händen Fräulein Toltzheim» al» in meinem Schubfach. . . .'

Einige Minuten lang hing der Doktor noch seinen Brtrackiungkn nach; al» e» aber drei Uhr schlug ans btt nächsten Turmuhr, griff er hastig zu Stock und

Ausgestoßen.

Bon Maurice de Beaumont. Deutsch von Helene Kremb».

„SstlA- oder kameelShaut, wie Du willst. Ich sage Dir eben die Wahrheit, und die magst Du nicht stören. Bon nun ab werde ich mich um Deine Pläne richt mchr kümmern. ... Sag mir nur wenigsten», waS Du in Pau eigentlich gemacht hast."

„Ich habe mein Versprechen zurückgenommeu."

„So? Und warum? wenn ich fragen darf."

.Weil ich schöne Dinge über Madame Toltzheim enahren habe. Ich kann deine Neugierde vollauf bi sri-digen."

„Da» wäre?"

„Denke Dir, besagte Dame ist nicht» ander» al» eine Schauspielerin.

„kann stimmen. Ich hätte daraus wetten möge». Und weiter?*

Wetter? Nun, fie ist arm wie eine Kircher mau» und wartete nur auf meine Ankunst, um fich an» der Patsche zu ziehen."

„Je nun, da» ist doch nicht so schlimm. Du liebst Fräulein Toltzheim und willst doch nur diese, nicht die MMttr herralcn. Erinnere Dch an deine eigenen Worte."

„Schön und wohl; aber zur Stunde liegt die gntkige Frau wahrscheinlich im Hospital."

„Und diesen Augenblick haß Du klug benutzt, um da» junge Mädchen, für da» Du vor acht Tagen Feuer und Flamme warst, und Dem Du diewnnder- dartzen Versprechungen gemach', dem Elend und der Berzweistvug zu überlassen? Geh, Du bist ein •falber, Tu hast kein Herz!"

Der Doktor rückte, Zornes, »te im Erficht, unruhig seinem Sitze hin nnd her.

Gontran lächelte spöttisch.

„So gestehe doch, daß ich diesmal, wen« nicht da» Herz, so doch den Kops auf dem rechten Fleck habe."

„Armer Kops! in dem ist» nicht ganz geheu-r. Ich rate Dir, ihn jeden Tag mit einer Mixtur von drei Unzen Urteil-krast und vier Gramm Vor­sicht einzureiben» damit er wieder gesund wird "

Ei« erkünzelte» Lache« brachte Gontran'» wriße Zähne zum Vorschein.

„Gut, Doktor", sagte er und erhob fich. „Ich will Dein Rezept auSprobiren. Glaubst Du, daß e» mir Hilst, meine ziemlich mißlichen Finanzverhältniffe wieder in Ordnung zu dringen? Den Teufel auch! e» ist doch schwieriger, al» ick dachte .... Bon Rechts­wegen müßte hinter jedem Paar schöner Augen eine Mtrgtst stecken I"

Der junge Arzt betrachtete seinen Freund mit Ver­achtung.

„Ach", entgegnete er trockene« Tone» und betonte jede Silbe: „e» wäre besser, wen« fick tat Herzen jede» Mannes reinere und selbstlosere Gefühle vor- fSüden; wen« alle junge« Leute, welche, wie Du, körperliche Kraft mrd geistige Aulage« habe«, ihre Gabe« unb Talente zur Arbeit benutzten. Die einzig wahre« unb wertvollen Kapitalien find Kops uno Arme! An wem liegt die Schuld, daß e» mit den bessern Klafft« abwärts geht, daß die Gesellschaft i« Armut, in Entbehrung, la physische» und moralisch?» Elend versinkt? An all denen, welche wie Da, Gon­tran, ihre Jugend, ihre besten Jahre im Nichtstun, in Schlaffheit und Vergnügen verbringe«, welche in tollem Treiben ihre Zeit, ihre Ehre, ihr Geld, Gei­ste»- und H-rzenSgabe« vergeuden!"

Der Doktor fuhr mit der Hand über seine breite, lluge Stirn und schien feinen Gedankennang innerlich weiter zu verfolge«. Dann wandte er sich zu seinem Besucher:

„Lebe wohl! Berzeih meine Offenheit. Ich weiß, daß sie Dir nicht gefällt."

Und ohne eine Antwort abzuwarten, setzte er fich wieder ra feinen Schreibtisch zu den Bücher«.

Hut und stieg die zwei Treppen zur Straße httmnter um seine kranken zu besuchen.

11.

Mit blutendem Herzen, aber gestärkt durch den Gedanken an chre kindliche Pflicht, traf Aimee die nötigen Anstatten zur Aufnahme ihrer Mutter in» Hospital.

Um die nicht unbedeutenden Hotelkoste« zu decke«, mußte fie die letzten Kostbarkeiten zu Geld mach«, selbst die goldene, mit edlen Steinen verzierte Taschen­uhr, da« einzige Andenken glücklicher Tage, welche» Frau Marlel verblieben.

E» waren gar harte Wece unb arg bemüttgewbe Schritte für bie arme Aimee, und e» kostete manche Träne, bi» fie bem Ausficktrrate de» Hospital» ihre und bet Mutter Armut geschildert hatte. Dieser, an solch traurige Berichte nur zu sehr gewöhnt, hörte fie gleichmütig an, unterzeichnete da» üblige Formular und schickte die Bittstellerin zur Oberin de» Kranken- hause»

Schwester Therese aber empfing da» junge Mäd­chen mit liebevoller Teilnahme und auftnunterndem Blicke; fie la» ohne viele ErNämngen den seelische« Schmerz und die dumpfe Verzweiflung in Aimee» Augen und konnte leicht ermessen, rote e» nm da» Gemüt der sterbenden Schauspielerin bestellt sein mußte

Ihrer hehren Barmherzigkeit standen rührende Worte de» Tröste» und der Hoffnung zu Gebote, so daß Aimee um vieles vertrauensvoller zur Mutwr zuäickkehrte.

Einige Stunde« später brachte ein Mietwagen, bezahlt mit bem letzten Silberstück, bie Kranke ta Die Anstalt.

Die Sängerin lag schweigend da, von Z:tt zu Zett geschüttelt von heftigen Hustenansälle«, deren jeder chr Lebe« In Gefahr brachte. Ohne eine Klage ooer ein Woit des Bedauerns ließ sie fich an» dem vor­nehmen Hotel Henri IT in das Bett Nr. 150 de» Er. Bivzenzhrase» überführen.