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JK 254.

Snlöa, Samstag, den 5. November 1904,

31. Jahrgang.

Wochen-Rundschau.

(Nachdruck verboten).

D Fulda, 5. Nov. 1904.

Dal preußische Abgeordnetenh aus hat am Mittwoch die Besprechung der Interpellation über die amtlichen Wahlbeeinflussungen im Saarrevier beendet. Nur die Nationalliberale«, die sich als Mitangeklagte zu fühlen hatten, da die Wahlbeeivflaffungen zu ihre» gunpen geübt worden find, suchten die 'Beschwerde» all unbegründet hinzustellen und durch Hereinziehrn aller möglichen Dinge die Aufmerksamkeit vom Kern der Sache abzulenken. Die ZentrvmSredner traten über allen BeatuschungS- und BeschönigangSversuche» mit Erfolg entgegen und stellten immer wieder die Tatsachen fest. Da der Handelsminister fich veran­laßt gesehen hat, eine scharfe Verfügung gegen die Wahlveeinflvffungen zu erlassen, wenn er auch bestritt, daß damit daS Vorkommen derBeeinfluffungen in dem behaupteten Umfange zugegeben sei, bessern fich nun hoffentlich die Zustände in Saarabien.

Die polnische Landtagsfraktion hat fich mit den Wahlvorgängen in Pleß-Rybnik befaßt und eine Resolution beschlossen, worin fie bedauert, daß durch die Unterstützung der Pole» ein Hakatist ge­wählt worden ist, und jede Stimmabgabe für einen Gegner der Zentrrms dort, wo der polnische Kandi­dat leite Aussicht hat, verurteilt. Davon also, daß die Pole», wo sie selbst n'chi siegen können, dem Zen­trum belstehen sollen, ist keine Rede. Wetter bittet die Fraktion das polnische Zentralwahlkomitee, es möge diesen Grundsatz fich zu eigen machen und den Einzelkomitees empfehlen. Bon den Zentrums!omi- teeS hofft fie, daß fie fich in jedem einzelnen Falle mit de« Zentralwahlkomitees ins Einvernehmen setzen werden. A>.so die Zentrurnspirtei soll nach der Pfeife deS polnischen Zentralwahlkomitee- tanzen, fich von ihm Vorschriften in Oberschlefien machen lassen, wohl auch die Mandate mit ihm teilen. Vor zwei Jahren erklärten die Polen noch, bjfj fie in Oberschlefien nicht- zu suchen hätten und dies Besitz deS Zentrums bleiben müsse. Die Fraktion beklagt den To», der in Oberschlefien zwischen Zentrum und Polen herrscht und mahnt die Nationalpolen und ihre Presse „im Interesse der gesamten «polnische» parlamentarischen Mion" zur Maßhaltung und Umficht. Also um sich im Parlamente die Unterstützung deS Zentrums zu fichern, wird zur Maßhaltung geraten. Bon einer Verurteilung Korfanty, ist gar nicht die Rede; im Gegenteil, die „nationale Bewegung- in Oberschlefien wird als berechtigt anerkannt. Wir glauben nicht, daß die Resolution die Beziehungen zwischen Polen und ZrntrurnSpartei bessern wird.

Die deut sch »österreichisch en Handel»» er- tragSverhandlungen ^scheinen nunmehr in rascheren Fluß kommen zu sollen. Staatssekretär Graf v. PosadowSky hat fich am Montag nach Wien be- geben, am, wie die ,Nordd. Mgem. Zig.' sagt, „die Handelsvertragsverhandlungen zwischen D.'utschland und Oesterreich-Ungarn zu Ende zu führen." Nach anderer Meldung soll es fich allerdings noch nicht um

bett Abschluß beS Vertrags, sondern um die Begleichung einiger wichtiger Streitpunkte handeln. I« Ocker­reich hat am Sonntag eine gemeinsame Ministerkon­ferenz „die zur Fortsetzung der Verhandlungen erfvr- derlicheir Beschlüsse gefaßt". Also vorwärt» geht e» offenbar.

Der ebenso leichtfertige wie brutale Angriff des russischen Ostseegeschwaders ans die eng­lische Fischerflotte wird zu einer Störung deS europäischen Friedens nicht führen. Eine solche Ge­fahr hat überhaupt wohl keinen Augenblick bestanden. Die englische Regierung hat natürlich einen ganz ent­schiedenen Ton angeschlagen und für alle Fälle die englische Flotte in Bereitschaft gestellt. Daß in der Bevölkerung eine sehr kriegerische Stimmung herrschte und d'e Presse sich zum Teil sehr kriegslustig geber­dete, ist nicht zu verwundern. Die Einfichtigeren in England aber haben wohl nicht ernstlich an Krieg gedacht, sondern find von vornherein überzeugt ge­wesen, Rußland werde nachgeben müssen und dies umso eher und weiter tun, je stärker mau mit dem Säbel rassele. In Rußland soll eine Partei gewesen sein, die er auf einen Krieg mit England ankommen lassen wollte. Die leitenden Kreise mußten fich aber sagen, daß fie damit wahrscheinlich neue» Unglück über daS Land heraufbeschwören und die Meinung der ganzen zivilisierten Welt gegen fich habe» würden. Sie werden niemals ernstlich den Gedanken gehabt haben, England die verlangte Genugtuung zu ver­weigern. Nachdem der Zar schon dem Könige von England fein Bedauern über den Unfall ausgesprochen und die russische Regierung reichlichste Entschädigung zugesagt hatte, verstand fich di se schließlich auch dazu, Bestrafung der schuldigen Offiziere zuzugestehen u; d Sicherheit gegen die Wiederholung solcher Zwischen» fälle zu geben. England hatte unzweideutig gedroht, das Geschwader an der Weiterfahrt verhindern zu wollen, wenn seine Forderungen nicht bewilligt würden. Eine internationale Kommission, wie sie von der Haager Konvention vorgesehen ist, soll de» Fall untersuchen und die Tatsachen feststellen. Eigentliche schirdSrichtrrliche Befugnisse sollen ihr nicht zustehen. Gleichwohl darf man die Gefahr kriegerischer Ver­wicklung, wenn fie überhaupt bestanden hat, bereii» als beseitigt ansehen. An der friedlichen Wendung soll Frankreich Anteil haben, daS den beiden Mächten seine guten Dienste als Vermittler angeboten hatte. Jedenfalls httte es alle Ursache für den Frieden zu tonten, denn erstens hätte e», wen» es zum Krieg gekommen wäre, vertragsmäßig den Russen Helsen müssen und zweitens haben die Franzosen den Russen soviel Geld geliehen, daß fie in Sorge find, eS zu verlieren, wenn Rußland in einen weiteren Krieg ver­wickelt wird. UebrigenS haben die Russen, bei bett HornriffS-Fischgründen auch einen deutschen Fischer­dampfer „Sonntag" verfolgt und beschossen. Dieses „japanische Torpedoboot" blieb glücklicherweise unbe­schädigt. Der deutsche Dampfer war dem Feuer be» „Feinbes" 21/a Stunden lang ausgesetzt, bi» ein großer Frachtdampfer in seine Nähe kam und es auf fich lenkte. Herr RoschdjestwenSky betrachtete eS eben al» fein Recht, auf jedes Schiff zu schießen, da» in seine Nähe oder ht dessen Nähe er kam. In einigen deutschen Blättern find dem Reichskanzler Vorwürfe gemocht worden, daß er nicht sofort ebenso laut mit dem Säbel geraffelt hat, wie England. Da» hatte er ober gar nicht nötig, nachdem berei‘8 sicher zu er­warten war, daß Rußland infolge de» Zwischenfalles mit der englischen Fischerflotte andere Sailen werde aufziehen müssen. Beschwerde wird Graf Bülow jedenfalls erhoben haben.

eine Schlappe erlitte», wenn der Verlust au^ nur 1 Toter und 1 Verwundeter war Um mit de« Witbooi» und den Hottentotten fertig zu werden, werden wir allem Anscheine rach ebenso große An- strengungeu machen müssen wie im Feldzuge gegen die Herero. Die Widerstandskraft dieser soll glück­licherweise gebrochen und ihr Ausstand im Erlöschen begriffen sein. Sie sollen alle» Vieh verloren haben; da» Volk soll halbverhungert und verdurstet aus dem Sandfelde nach dem Westen zurückzuströmen beginnen. Die Kapitäne aber find nach Britisch-Betschuanaland entflohen, natürlich auf Nimmerwiedersehen; denn die Engländer werde» fie wohl nicht ausliefen». Dann ist der Erfolg deS Feldzüge» sehr unvollständig. Denn auf die Gefangennahme und Hinrichtung der RädelS- führet wurde da» Hauptgewicht gelegt.

* Vom Csauffrraufseher zum Opernsänger. Der aus der Gesangschuls des Direktors Theodor Schloffer vom Duisburger Konservatorium hervorge- (langene Tenorist Heinrich Schmitz, der, wie mitgeterlt, eit kurzem die bescheidene Stellung eines Ehauffeeauf- seheiS mit der eines Opernsängers vertauschte und an die vereinigten Stadttheater in Dortmund-Sssen enga­giert wurde, gastierte am 2t Oktober am Stadttbeoüer in Koblenz mit zan» bedeutendem Erfolge. So schreibt unter anderen die .Koblenzer BolkSztg/: Herrn Bötel und audrre Größen hat der junge Herr nicht zu fürchten. Vor allem machte der Künstler guten Ein­druck, und dazu müssen wir ihn beglückwünschen. Sr hat Volume», Wohllaut, befriedigende Aussprache» Timbre, Kraft und Umfang, namentlich bedeutende Höhe (in der da capo gesungenen Stretta da» dreige­strichene hohe C). Beifallsstürme und Hervorrufe be­gleiteten den Sänger bis zum Schluffe.

• Die Ohrfeige« deS Herr« Gesandte«. Gin gesellschaftliches Ereignis wirbett, wie die »Frankfurter Zig.' erzählt» in Tokio viel Staub auf. Der brafilianifche Gesandte Pereira hat dem italienischen Attachee Grafe« MiniScalchi im feinsten Hotel in dem diplomatischen Badeort Chuzenchi ein paar Ohrfeigen gegeben. Die Damen der zahlreich anwesenden Diplomatie hatten Gelegenheit, dar Ereignis zu beobachten. Ein Ehrenrat trat zusammen. In Anbetracht der schwierigen Brr- hältniffe — in Japan ist daS Totschießen verboten und wird mit Gefängnis bestraft — einigte man fich dahin, daß der Gesandte die Ohrfeigen „zurücknehmeu" und eine dementsprechende Notiz in den Zeitungen bekannt geben solle. DaS ist nun geschehen. Die Angelegenheit ist damit erledigt.

* Aus dem Kaffeekränzchen. „Ack, liebe Frau Amtsrichter, Sie wollen schon aufbrechen? — da verursachen Sie ja eine störende Lücke!" — „O, da trösten Sie fich, liebe Frau Rat, durch diese Lüäe kommt ein frischet Zug in die Unterhaltung."

I« Sachse« setze« die verrannte« Fanatiker, die durch ihre Hetze dem König Georg das Lebe« ver­kürzten, ihr Treiben gegen den König Friedrich August munter fort. Es ist kaum glaublich, aber wahr, daß eine von dielen Tausenden von Unterschriften bedeckte Petttion entstanden ist, die vorn König verlangt, die ehemalige Kronprinzesfin an den Hof zurückzunehmen. Auch ein Geschmack! Selbstverständlich wird dies nie­mals geschehen.

In Baden schlägt die Agitation für die im nächste« Herbst statrfindenden Wähle« schon jetzt hohe Wellen. Die Nationalliberalen fürchten, es könnte ibien bei der neuen Wahlkreiseinteilung schlecht gehen. Sie möchten jetzt alle anderen Parteien zu dem Kampf ruf zusammenschließen: unter allen Umständen gegen das Zentrum! Mit in erster Linie suchen fie die Unterstützung der Sozialdemokraten für sich zu ge- »innen. Diese Taktik wird insbesondere die National- liberalen in Boyern intereffiere», die bei jeder Ge­legenheit dem Zentrum vorwerse«, es habe mit den Sozialdemokraten gemeinsame Sache gemacht

I« Oesterreich ist jetzt die seit einem Jahre offene Stelle des tschechischen Landmannsministers wieder besetzt. Man erblickt darin ein Z-ichen, daß die Tschechen die Dbfhuftion im Reichsrate aufgeben wolle«. — Biel bemerkt wurde, daß dem Bürger­meister Lueger von Wien zu seinem 60. Geburtstage auch vom Thronfolger ein Glückwunschschreiben ein« gegangen ist.

In Frankreich hat das Ministerium wieder einen Stürm mit knapper Not Überstunden. In der Kammer wurde dem Kriegsminister Andree nachge- toiefen, daß geheime von Freimaurerseite ausgestellte Listen bestehen, durch dir die Angeberei bis in» Ein­zelne organifiert ist. Wer klerikaler oder nicht repu­blikanisch r Gesinnung verdächtigt wird, hat in Fruik» reich auf Beförderung in der ermee keine Aussicht. D--r Mi ister log, baß er nichts von diesen Listen wisse und rettete so dem Ministerium das Leben. Die Kammer sprach die Erwartung aus, falls die Behaup­tungen richtig seien, werde die Regierung für Abhilfe sorgen. Sicher herrscht der Freimau erge'st nicht nur in der sranzöstschen Armee, sondern in allen Zweigen der Staatsverwaltung.

Aus dem ost asiatischen Kriegsschauplätze hat fich die Lage feit der großen Schlacht am Schaho nicht wesentlich geändert. Mancherlei kleinere und größere Gefechte zwischen den einander gegenüber stehende» Gegnern mit wechselndem Erfolge kamen ja vor, aber keine großen Operationen. Es scheint, daß die Japaner bei den Gefechten im allgemeinen im Vorteil waren und an Boden gewannen. Am 27. Oktober nahmen fie nach heftigem Kampfe Waitonschow, daS die Russen am anderen Tage vergeblich zurückzu- erobern suchten. Kuropatkin ist jetzt zum Ober- kommandierenden aller russischen Streitkräfte ernannt worden. Der Statthalter Megrejow ist seiner Stellung als Oberbefehlshaber enthoben worden und nach Petersburg abgereist. Bor Port Arthur haben die Japaner weitere Fortschritte gemacht. Am 30. Okt. soll vor der Festung eine heftige Schlacht geschlagen worden sein.

Aus Südwestafrika kommen mehr und mehr Nachrichten über Ermordung von Anfiedlern, Beamten, Offiziere« und Soldaten durch die aufständischen Hottentotten. Auch deutschgefinnte Witboois fbb er­mordet worden. Oberst Leutwein hat Nomtsa und Maltahöhe besetzt. ES haben verschiedene Gefechte stattxefunben, in denen die Deutsche« nicht immer erfolgreich gewesen zu sein scheinen. Bei Packrim hat eine Abteilung von 57 Man« am 27. Oktober

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Ausgestoßen.

83on Maurice de Beaumont. Deutsch von Helene Krernb».

* ----— (Nachdruck verboten.)

JffnS s^Msch zugleich. Dann

aUC; bet Treppe hörte man die ti«e Opernarie summen.

zlk,"^8'R°lloN'" riefst-, „Sie find noch im Trikot? SÄn* w°hl keine Ahnung von meinem Wolfshunger zu haben ? E» ist gleich halb acht'" . ..-Nur ruhig schöne Dame, seien Sie nicht nuge- hatte«! I« zwei Minute» verwandelt fich Harlekin k einen tadellosen Gentleman." v

,, Und fich auf einem Bein im Kreise herum- ichwingenb, verschwand der junge Mann im Neben- umm. Die Sängerin faßte mit beiden Händen da» «wckellockige Köpfchen, das sich ihr entgegenbog und ‘«B« e» innig, aber nur ein gleichgültiges Lächeln wtte fie für da» filberne Kettchen, welche» da» Kind JSJWüte. Nachdem fie da» mit einer lila gebet OSil Hachen abgesetzt, brachte fie einige wider- cW Haartuff-n in Ordnung und zupfte hie und Bandschleife. Unruhig und ungeduldig um- näherte fie fich dann der Tür ihre»

m “ einen Manch darauf.

■mm. «§W°r Arleqaino," rief fie mit ihrer Flöten- lu ,ntL?Polichinelle hätte längst Zeit gehabt Colombine txÄ“ - «an verliert wirklich die Geduld hier I" «Äpr öffnete fich und Rollo» erschien al» And b^I^^Eeman", verbeugte fich mit Grandezza Me nua»>J?5 ®ome keinen Arm. Aimee flog schon «xaefn»9etretenen dunklen Steinstufen hinab. Unten ■K?’m'n« tourbe bas Trio von einem dienstbe- W«”* Kellner in Empfang genommen, bet mit Stimme tief:

für die Herrschaften vom

„Hören Sie, Rollon?" fragte Regina. „Sie werbe» Augen machen! Ich habe ein ganz feiner Abendessen bestellt — nichts fehlt, nicht einmal bet Champagner."

Sie blinzelte Roll schelmisch an unb rauschte bann voraus ins Sp'isezimmer. Auf einem kleinen Tische in bet Fensternische, von bem Marktplatz- nur durch eine blühende Oleanderwand getrennt, war für drei gedeckt. Und diese Drei verbrachten hier in der Tat einen angenehmen Abend. Regina sprudelte vor Seb» Hastigkeit, unb wenn Aimee unb Rollon auch »och lebhaft an bie vergangenen Stunde« ihrer vertrau­lichen Unterhaltung zurückdachte«, so machte fie bieg nur um so glücklicher. Sind nicht Offenheit unb Vertrauen bie besten Grunblagen für eine wahre Freunbfchast?

2

Am folgenden Abend kündete ohrenbetäubende» Vorspiel von Cymbeln, Pauken und Trompete» eine große Vorstellung im „gallischen Theater" an. Eine doppelte Reihe Gasflamme« warf ihre tanzende« Sichrer auf die Schaulustige«, welche mit Ungeduld da» Dtffnen bet Bube erwarteten unb fich einstweilen an ben Possen und Shwänken Bajazzo» vergnügten.

Auch die Keine Aimee wat heute auf den Brettern anwesend in einem reizend« Pagenkostüm. Die blau- samtnen Kniehosen und da» purpurne AtlaSröckchen hoben die Ebenmäßigkeit ihrer Gestatt und ihre kind­liche Frische noch mehr hervor utb zogen bie be» wunbernden Blicke bet Menge auf fich. Sie schien inbeffen nicht» davon zu merke«, sondern gab ihre Rolle mit unbefangener Einfachheit. Wenn ihre Keinen Scherze ein Bravo ernteten, so antwortete fie mit sanften Sächela auf die le sen Ermutigungen Roll'» odw Regina'». I« eher kurzen Zwischenpause raunte fie ihrem Freund z«:

„Roll, ich gehe feit heute in die Schule. Willst Du mir morgen bei meinen Schularbeiten Helsen?"

„Gewiß gerne und soviel Du willst," antwortete der berühmte Tribulet. Rollon hatte nämlich eben diesen Hofnarren Franz I. vorzustellen.

„O Mutter! sagte in diesem Augenblick ein kleine» Mädchen im Znschauerraum, indem e» fich auf bie

Fußspitzen stellte, um besser sehen zu können, ich kenne diesen hübschen Pagen, es ist eine meiner Schul- genosfinen. Sie heißt Aimee und ist sehr lieb und brav. Ich versichere Dir, fie ist ganz sanft und höflich unb wohlerzogen! Wie kann fie denn nur auf bem Theater sein?"

„Wahrscheinlich, weil bie» das Gewerbe ihrer Eltern ist, liebe» Stab!" war bie Antwort, welche jeboch bie junge Fragestellerin nicht zu befriedigen schien, denn fie fügte hinzu:

„O, wie ich fie bebaute! Unb wie müde mag fie be» Morgens fei», wenn fie die halbe Nacht spielen muß!"

Ja, Aimee war in der Tat oft müde, aber trotzdem stand fie mutig auf, wenn die Glocke acht schlug. Ge­räuschlos, um die noch schlafende Mutter nicht zu wecken, kleidete fie fich allein an und verrichtete ihr Morgengebet. Dann entfernte fie fich behutsam au» lern Zimmer und dem Hau», kaufte fich im nächsten Bäckerladen ein Brötchen zum Frühstück und lief zur Schule.

So machte fie e» in jeder Stadt, wo daS „gallische Theater" sein Zelt aufschlug.

Abend» kam Roll, um feiner Keinen Gefährtin bei be» Aufgaben zu helfen. Er erklärte ihr, wa» fie nicht verstand und gab ihr auch interessante Einzel­heiten über Sänder, welche fie durchzogen. Aimee vertraute ihm dabei ihre kindlichen Freuden und Seiden an und fand stet» wanne Teilnahme; ja, wir haben gesehen, wie Rollon selbst einen Trost darin suchte, sich dieser junge« Seele gegenüber auSzusprechen!

Rollon war überdies von Natur freimütig und anhänglich. Da» unbedingte Vertrauen Aimee» in seine Ehrenhaftigkett hatte ihn tief gerührt, ebenso wie die ZukunstSpläne diese» jungen G-schöpfe» ihn in Erstaunen gesetzt hatten. Zwar mangelte ihm da» Verständnis für die Wirkungen der göttlichen Gnade in einer reinen Kinderseele, aber er bewunderte den guten Vorsatz der Erstkommunikantin, den er überdie» paffend und richtig fand, und er nahm fich vor, zu feiner «uSführnng nach Kräften hülfteiche Hand zu Meten.

Bon diesem Tage an stellte er bie Shine mehr al» je unter seinen besondere» Schütz.

Ja, fagte et fich, das liebenswerte Kind ist zu gut und zu rein für das Theaterleben — und inner­lich fügte er noch bei: Schade, daß fie Regina» Tochter ist!

Diese leichtlebige Regina! In ihrem tolle» Köpfchen hatte die schillernde Phantafie Linen Raum gelassen für Vernunft und klares Urteil. Sie war ei« große», seltsames und reizbare» Kind, gefühlvoll bi» zu« Aeußersten, aber auch sprunghaft unb ganz unberechen­bar in ihrem Wesen. Zwei Leidenschaften beherrschte« fie vollstänbig: ihr Kind nnd die Bühne. Sie liebte Aimee bi» zur Abgötterei, und ihre Theatererfolge berauschten Ye. Aufregung, Unvorhergesehenes und Unerwartete», da» Romanhafte in all seinen Schattie­rungen, da» war Regina'» Beben!

Und diese» Beben ersehnte fie auch für ihre Tochter ; fie berechnete im Boravs die Erfolge, welche die Schönheit und die herrliche Stimme Aimee» habe« würde», unb die Ehrungen, welche nicht auSbleibm konnten, wenn fie dieselbe in einigen Jahren enf die Bühne der Haupstadt führen könnte.

Manchmal träumte fie laut davon und erzählte dem Mädchen ihre Pläne mit der ihr eigene« Schwärmerei. Das Kind hörte fie aufweilfom a», ohne fie zu unterbrechen, dann aber schüttelte e» ernst­haft den Kopf unb flüsterte zwischen zwei Küsse« Regina in» Ohr:

„Mütterchen, ich habe Dich so lieb, unb ba» genügt mit; ich wünsche gar nicht größer zn werde« und nach Pari» zu gchen. Es wäre mir viel lieber, Wenn wir Zwei für un» ganz allein in einem Häuschen wohnen könnte«, ohne aufs Theater zu gehen!"

Dann zogen sich wohl Regina» Au lenbraue* finster zusammen, ein unwilliger Zug stahl fich um ihre Sippen; gleich darauf aber brach fie wieder in fröhliche» Sachen an» und nahm «irnee» Lockenkopf in ihre beiden Hände, indem fie au»rief:

„Ach, D« Dummerchen! Wen« Du erst sechzehn Jahre alt bist, wirst Du schon ander» reden!"

(Fortschang folgt.)