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31. Jahrgang.

Zulda, Samstag, den 29. Oktober 1904.

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Wocheu-Ruudschau.

(Nachdruck verboten).

□ Fulda, 29. Ott. 1904.

Ve Parlament aris>se Saison hat in der verflossenen Woche wieder begonnen, am Dteustag trat nach 4ronaliger Pause daS preußische Abgeord­netenhaus zu seiner Tagung in dieser Session zusam­men Der er e Tag war Petitionen gewidmet. Am -weite« Tage sand die Beantwortung zweier Inter­pellationen statt, die beide das Abgeordnetenhaus schon einmal beschäftigt hatten. Es war das die Mir­bach-Interpellation und die Interpellation Marx betr. die Wahlbeeirflufsung im Saargebiet. q« der Äerhand ung hatte sich ein zahlreiches Publi« kum eingessnden; es kam aber nicht auf seine Kosten. Frhr. v. Hamwerstein wies in der Angelegenheit alle Schuld [von sich ab. Bolle Befriedigung bat aber Teint Erklärung nicht hervo» gerufen. Das Zentrum lehnte aber eine Interpellation an der .Debatte ab, weil eS sich um eine evangelisch inaerkirchliche Ange« legenheit bandle. Bei der Zweiten Interpellation stand das volle Recht und der Ersatz auf Seiten des Abg. Marx, der an der Hand der Prozeßverhandlungen Kraemer die Wahlbeeinflusiung durch Bergbeamte zu gunsten der Nationalliberalen in zahlreichen Fallen nachwies. HandelSminister Möller konnte ihn nicht entkräftigen, sondern mußte zugeben, daß manche Un- regeimäßizkeiten vorgrkowmen seien, deren Wiederkehr er durch ein scharfer Reskript vorgebeugt habe. Im Ädrigen suchte er durch einen Apell an daS bürger­liche Solidaritätsgefühl in Hinsicht auf die Sozial­demokratie der u'.angenehmen Situation zu ent­

kommen.

Em verdienter ZentrumSveterar!, der allvrrrhrte Lorfitzende der Zentrumsfrakrion der Reichstags, Graf Hompesch, feierte am l-tzten Sonntag sein 30jährigeS Abgiordnetrnjubiläum. Seit dem 13. Juli 1874 ist er ununterbrochen Vertreter des [Wahlkreises Düren-Jülich. Eia so seltener Ereignir konnten die Wähler und Parteifreunde der Jubilars nicht unge- feiert lasse». Auf seinen Wunsch war indes die Feier bi» zum Herbst verschoben worden. Die Feier, zu der sich aus dem Wahlkreise und aus weiter Ferne Wähler, Verehrer und Freunde de» Jubilars einge- funden hatten, bewies, welche Liebe und welches An­sehen der Vorsitzende der ZenttumSsrattion sich in seiner parlamentarischen Laufbahn erworben hat.

Die Kanalkommission ist mit ihren Be­ratungen jetzt bei der eigentlichen Kanalvorlage anse- langt. Der Berichterstatter Abg. Dr. Am Zehnhoff hat »den Vorschlag gemacht, da» staatliche Schlepp­monopol auf den Kanälen einzuführe». Dieser Vor­schlag scheint die Verständigung über den vieluwstrit- inten „Mittellandkanal" wesentlich erleichtern zu sollen, da er namentlich daS Bedenken beseitigt, daß [der Kanal die Eisenbahnen und damit die Staat! ein­nahmen schädigen werde

Ein Teil der englischen Presse, die Times und verschiedene Zeitschriften an dec Spitze, setzt das seit Jahren betriebene Geschäft, mit dreisten Erfin­dungen die deutsche Politik zu verleumden and nament­lich bei Rußland und Frankreich Mißstimmung >nd Mißtrauen gegen Deutschland zu erregen und so für deren Annäherung an England zu wirken, mit unge­schwächten Kräften fort. Der russisch-japanische Krieg muß jeden Augenblick Anlaß gebe», die Neutralität und Friedensliebe Deutschlands zu verdächtigen und so bei Rasten und Japanern eine seindselige Stim- ma»g gegen uns zu erzeugen und zugleich auch die den Rusten zugetanen Franzosen gegen uns zu r e zen. Immer neue Märchen von deutschen Jntriguen, deut­scher Ermächtigungslust und deutscher HabKer werden erzählt. Die deutsche Regierung gab sich alle Mühe, die besten Beziehungen zu England aufrechtzuerhalten, me wiederholten Begegnungen zwischen Kaiser Wil­helm and König Eduard ließen auch äußerlich diese Beziehungen al» befriedigend erscheine». Die fortge« Men Hetzereien einflußreicher englischer Blätter gegen Deutschland scheinen aber daS Gegenteil zu bezeugen. Immerhin hat der Haß unserer B-ttern jenseits des ^nals für uns auch etwa» ehrenvolle». Er zeigt, daß wtr m wirtschaftlicher und politischer Beziehung weit «ehr bedeuten, als unser» Vettern lieb ist.

I», B ü r t t e m b e r g hat die Abgeordnetenkammer r*Wii einen Antrag angenommen, wonach die Disti- Vyteitfinber auf Antrag der ErziehungSberechttgten ^7" der Teilnahme am Religionsunterrichte befreit solle». Der Kultusminister hatte sich mit dem «Mage einverstanden erklärt. Dem Staate kann eS nicht gleichgittig sein, ob die Jagend ohne MUgio, aufwächst. Andererseits ist es mit dem heu- g* Begriffe der SewiffenSfreiheit schwer zu vrrein- jZ.tn' den Kindern einen Religionsunterricht aufzll- von dem die Etter» nicht» Wiste» wollen.

^fgezwimgeuer Religionsunterricht, gegen de» » dann zu Hause mit alle» Mitteln arbeiten, te ht *ohl für das Kind auch nachteilig« als

jedenfalls hat Dr. Lueger fick um die Stadt Wien große Verdienste erworben und als Führer der Christlich-Sozialen ungemein viel geleistet. Er hat bewiesen, daß er nicht bloß Agitator, sondern auch ein Mann der positiven Arbeit ist. Er ist volkstüm­lich wie sonst kaum ein Mann in Oesterreich und genießt die Liebe und Verehrung der Masten, namentlich der Mitielklafien. Anderseits wird er von de» Liberalen, Juden und Sozialdemokraten auf da» bitterste gehaßt. Am Montag beging er seinen 60. Geburtstag. Seine Anhänger ließen diesen Tag nicht vorübergehen, ohne ihn begeistert zu feiern. Ei« ihm zugedachter Fackel­zug wurde von der Polizei verboten, weil man nicht ohne Grund Ruhepörungen von den Sozialdemo­kraten befürchtete, die et durch den Ausdruck „Lumpen" noch ganz besonders schwer gereizt haben soll. Im niederösterreichischen Landtag führte ein Antrag, der Regierung treten der Untersagung de» FackelzvgS die schärfste Mißbilligung auSzuspreche», zu Lärmszenen. Die Freunde Lueger» behaupteten, dar Verbot sei den Sozialdemokraten zuliebe ersolgt. Die Gegner LuegecS schimpften auf ihn. Daß die Besorgnis vor sozialdemokratischen Rub-störuugen nicht ganz unbe­gründet war, zeigte sich schon zwei Tage vor der Feier bei der Enthüllung eines Monumentalbaues. ES kam dabei zu wiederholten Kundgebungen von Sozialdemokraten. Am Sonntage veranstalteten an­geblich 30000 Sozialdemokraten vor dem Rathause eine Kundgebung gegen Lueger. Am Montag abend demonstrierten die Genoss«» gegen dar dem Landtage vorliegende Schulgesetz in mehreren Versammlungen, an die sich wieder Siraßenkundgebungen gegen Lueger schloffen.

In Frankreich beschäftigte sich die Abgeord­netenkammer alsbald nach ihrem Zusammentritt mit einer Interpellation über die Kirchen Politik der Regierung. Ministerpräsident CombeS erklärte, die jüngsten Vorfälle mit den Bischöfen hätten die Unmög- lichleit dargetan, daS KonkordatSverhältniS aufrecht zu erhalten. Die Geistlichkeit habe durch ihre An­griffe die Geduld der republikanischen Parteien er- schöpft Die Trennung der Kirche vom Staate sei unvermeidlich geworden. Er wolle die Freiheit der Kirche in einem mtt den übrigen Freiheiten verein­barem Maße. Nach Canoffa gehe er nicht, versicherte schließlich der französische BiSmarck. Mit 325 gegen 237 Stimmen erteilte die Kammer der Regierung schließlich da» übliche Vertrauensvotum. So ist der Block wieder für eine Weile zusammengeschweißt. Ob er aber auch ole Reformaufgaben lösen wird, die seiner zunächst harren, werden wir ja sehen. Biel bemerkt wurde eS, daß der frühere Kammerpiäfident DeSchanel sich zwar für die Trennung von Staat und Kirche aussprach, aber hinzufügte, daß die Frei­heit der Bekenntnifle und die Interessen Frankreichs durch die Trennung nicht leiden, man insbesondere auf das franzöfische Protektorat über b!e Katholiken im Orient nicht verzichten dürfe. Die Kulturkämpfer zürnen ihm wegen dieser „Zweideutigkeit" und be­haupten, daß er damit nur eigensüchtige Absichten verfolge und sich bei der Mehrheit der Kammer empfehlen wollte, ohne eS mit der Minderheit zu ver­derben. Gegen CombeS sprach [besonders entschieden Ribot. Als CombeS darauf grob wurde, gab eSLärw.

In Südwestafrika haben die Hottentotte» am 19. d. Nemtsao im Groß-Nawalande überfallen und genommen, wobei zwei Deutsche, ein Tierarzt und e’n Farmer (oder seine Schwester) umS Leben kamen. Die WitbooiS sammeln fich in Masten bei Rietmont, der Station du protestantischen rheinischen MisfionS- gesellfchast, wo Hendrik Witbooi selbst wohnt. Du ganz: Stamm der BondelzvartS scheint sich wieder erhoben zu haben. Die Kosten, die aus den Ausständen erwachsen, werden bereits auf 200 Millionen Mark berechnet.

Auf demoflasiatisch en Kriegsschauplätze ist nach der neuntägigeu Schlacht am Schaho für eTne Welle verhältnismäßige Ruhe eingetreten. Offen­bar find beide Teile infolge des furchtbaren Gemetzels, das den Ruffen 45000 oder gar 60000, den Japaner 40000 Mann an Tote und Verwundete gekostet haben soll, so uschöpft, daß fie vorläufig zu großen Unter- «ehwungen unfähig find. Kleinere Vorstöße, Rekog» noSzierungSgefechte, nächttiche Uebusälle und dgl. haben auch nach dem 18. Oktober noch mehrfach stattgefunden, sie waren aber von keiner besonduen Bedeutung. Neuerdings sollen die Rusten den Schaho wieder Lber- lchritten haben. Mögen sie in du neontägigen Schlacht auch keine entscheidende Niederlage erlitten, nach du ersten Zurückweisung ihre- Angriffs sogar einige Teilnfalge aufzuweisen gehabt habe», im Ganzen ist, das wird jetzt auch von rassischer Sette zugegeben, trotz du über alle» Lob «habenen Tapsukett der russischen Truppen, die Offenfive gescheitert. Wenn die Offenfive den Zweck hatte, den Weg nach Port Arthur frei za machen und diese» zu , entsetzen, so kann von der Eueichung dieses Z ele» natürlitp erst recht keine Rede fei». Die Japaner habe» vor Port Arthur neuerdings toieber Fortschritte gemacht. Wenn Eitelbet wirb, die Nachricht von bem Auslaufen des tischen Geschwaber» habe in bet Festung große Be­geisterung havorguufen, so haben die Belagerten die Bedeutung diese» Ereignisse» doch wohl stark über» schätzt. Da» Geschwader ober bürste schwerlich vor dem Fall bu Festung in Ostafien ankommei. Bor- läufig «acht es bie europäischen Gewässer unsicher. In bu Nacht vo« Freitag zu» Svunabenb griff e» in bu Rorbsee eine enWche Fjschaflotte au» H»R en, überschüttete fie 20 Minuten lang mit Shrapnel», brachte einen Fischereibampfer zum Mitte», beschädige ein paar andere schwer, tötete mehrere Personen and verwundete noch »ehr, und dampfte davon, ohne fich um die gesiegten" zu künunrru Haß die Fischuboote einen Anlaß zu diesem Meb*f«I

geboten hätten, behaupten die Russen selbst mckt. Sie führen zu ihrer Entschuldigung nur an, baß fie Nachricht gehabt hätten, die Japan« wollten bs» Ge­schwader in du Nordsee mit Torpedos überfallen. Daß die Japaner einen so tollen Plan gehegt hätten, ist sehr zweifelhaft, jedenfalls sollte man Leute, die ou» Besorgnis vor den Japan«» so neivöS geworden find, daß fie eine harmlose Fischerflotte ttotz all« Signale und obschon diese nickt die geringste „Feind­seligkeit" unternimmt, über fallen und 20 Minuten lang bombardieren, nicht cuf daS Mess« lassen. In England ist die Enttüstnug natürlich gewaltig. Einen Krieg gibt e» darum indeß nicht. $i? Russen ent­schuldigen fich fie versprechen Bestrafung der Schuldigen und dohe Entschädigung und damit ist die Sacke politisch erledigt. Darf man ab« die Geschwader noch weiter die See unsicher machen lassen? Wa» wird es noch anstellen, biüor es in Ostafien m.kommt? Den Japanern wird e» natürlich große Freude gemacht haben, zu hören, welche Dummheiten die Russe» au- blind« Angst vor ihnen anrichten.

[] Staatliche Gefangenenfürsorge.

Vergegenwärtigt man sich nur die Ursachen und Wirkungen der Äefängnisfrage, so wird man fich der Ueberzeugung nicht verschließen können, daß zwischen ihr und der sozialen Frage überhaupt eine innige Wechselbeziehung besteht. Denn ein großer Teil der wegen ©efe^eiÜber­tretung und strafrechtlichen Vergehens und Ver­brechens mit Freiheitsentziehung Bestraften darf als Opfer unserer kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Zustände im letzten Grunde bezeichnet werden. Anderseits ruiniert nicht nur der einzelne Bestrafte seine eigene und oft auch seiner Ange­hörigen wirtschaftliche Existenz, sondern die Menge der in Gefängnissen und Strafanstalten Inhaftierten wirkt auch in ihrer Gesamtheit schädigend auf die soziale Lage ganzer Stände und der Gesellschaft ein. Dauernde Abhilfe ist nur einigermaßen zu ermöglichen einmal durch vorbeugende Tätigkeit, durch welche die Zahl der Straffälligen vermindert würde, sodann durch vollständige Besserung und Rehabilitierung der einmal Bestraften, so daß sie nach ihrer Ent­lassung bald wieder nützliche Glieder der Ge­sellschaft werden und vor dem Rückfall bewahrt bleiben.

Das wirksamste Mittel ist natürlich die mög­lichste Verhinderung strafbarer Handlungen durch eine gute religiös-stttsiche Erziehung, durch Beseitigung der die Gesetzesübertretung und das Verbrechertum fördernden mißlichen sittlichen und sozialen Zustände. Neben den religiösen Mitteln werden zur Einschränkung der Zahl der Ge- fängnisinsaffen unzweifelhaft u. a. auch vorzüg­lich dienen: der weitere Ausbau der sozialen Ge­setzgebung und deren strenge Durchführung, die soziale Hebung der einzelnen Stände überhaupt, die weitere Ausbildung des noch immer unvoll­kommenen Fürsorgeerziehungsgesetzes und deflen allgemeine und zweckmäßige Handhabung, die Stärkung der elterlichen Autorität, besonders gegenüber den jugendlichen Fabrikarbeitern, der Jugend- und Mädchenschutz. Zu nennen sind weiter die Beseittgung der Wohnungsnot, die Bekämpfung der Unsittlichkeit in Schrift, Bild und Aufführungen durch Gesetze und Selbsthilfe, die Bekämpfung des AlkoholismuS und Ein­schränkung der Gelegenheiten zu demselben, die Steuerung der Vergnügungssucht und Vereins­meierei durch strenge polizeiliche und kommunale Maßnahmen. Hierher gehören ferner die Förde­rung sowohl der sozialen und wirtschaftlichen Ausbildung der Jugend, besonders der Mädchen durch Koch- und Haushaltungsschulen als auch die geistige Weiterbildung durch Volksunter- haltuugsabende und gute Lektüre, die Weckung des Sparsinns durch Bermehrung und Er­leichterung der Spargelegkscheit, und vor allem auch die möglichste Verhindermg der Verführung der aus der Heimat Abwar de«den durch früh, zeitige und fortwährende AusMrung bei allen sich bietenden Gelegenheiten, besonders aber in katholischen und christlich-sozialen Standesver- einigungen. Wenn nur diese hier kurz a«ge- deuteten Mittel nach allen Seiten ausgenutzt würden, würde die Zahl der Gefangenen gewiß bald bedeutend zurückgehen.

Was aber ist und kann geschehen, um den mit Freiheitsentziehung Bestraften zu beffetn, ihn nicht nur sittlich, sondern auch sozial wieder emporzuheben? Auch hier gibt es eine große Menge vorzüglicher Wege und Msttel, die von der Gefängnisbehörde offiziell angeordnet find und vo» deren Organen angewendet oder von Privatpersonen oder Bereinigungm gehandhabt werden können, sowohl während der Gefangen- Bals auch nach GnUaffung aus dem Ge­

is. Stübern nämlich im vorigen Jahr- rt auch in Preußen und Deutschland das Gefängniswesen eine gründliche Amwandlung erfahren hat, und beim •traf»al|u| der »esserungszweck in de» Lordergrund ,«treten

war, hat der Staat immer mehr diejenigen Fak­toren und Einrichtungen herangezogen und nutz­bar gemacht, welche geeignet find, bessernd auf die Gefangen en einzuwirken. Als Vorbild und Muster für diese humanitäre und ethische Ge­fängnisreform haben vor allem daS Gefängnis- wesen und seine Einrichtungen gedient, wie fie schon früher in Italien und im Kirchenstaat vor­handen und ausgebildet waren. Wenn man unser modernes Gefängnis vergleicht mit dem­jenigen, wie es noch bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts fich darstellt, wo manche Gefäng- niffe mit Recht noch „Schulen des Verbrechens" genannt werden konnten, so kann man nicht genug diese großartigen Fortschritte zum Bestem loben.

Mit Recht nehmen jetzt die religiösen Mittel zur Besterung der Gefangenen eine hervor­ragende Stelle ein. In den größeren Gefäng­nissen und Strafanstalten ist die Seelsorge und der Gottesdienst aufs beste offiziell geregelt. In ihnen sind eigene Geistliche angestellt, die einen großen Einfluß ausüben können. Auch in den Heineren und kleinsten Anstalten kann und soll nach dem Wunsche der maßgebenden Behörden die Seelsorge nach Möglichkeit eingerichtet werden, sei eS durch nebenamtliche Anstellung eines Geistlichen oder durch freiwillige Nebernahme und Ausübung derselben durch den OrtskleruS. Dem Besterungszwecke sollen ferner dienen Unterricht und Belehrung, besonders für jüngere Gefangene, Darbietung guter Bücher aus der in jedem Gefängnis einzurichtenden Bibliothek, der Besuch und die Unterredung mit einzelnen Ge­fangenen seitens der Beamten und anderer ge­eigneter Personen. Sodann sollen zur Vor­beugung der gegenseitigen Verführung die Ge­fangenen nicht nur nach Geschlecht und Alter getrennt gehalten, sondern auch möglichst in Einzelhaft untergebracht werden. Nicht nur nm die verderbliche Langeweile fernzuhalten, sondern auch die Gefangenen an regelmäßige Arbeit zu gewöhnen, ist der Arbeitszwang allgemein ein­geführt.

Wenn auch alle diese staatlich vorgesehenen und angeordneten Einrichtungen nicht überall gleichmäßig zur Wirksamkett kommen infolge ge- wiffer Verhältniffe oder Personen, so darf man im allgemeinen doch wohl behaupten, daß in dm Gesängniffen, welche dem Ministerium deS Innern unterstehen, die Verfolgung des BefferungS- zweckes wirksamer betätigt wird, als in dm Justizgefängniffen. Leider ist ja die Leitung der Gefängnisse keine einheitliche, sondern die An- stalten unterstehen zum Teil dem Ministerium des Innern, zum Teil dem Justizministerium. Tiaettlich sollte man erwarten, daß infolge dieses Dualismus eine gewiss? der Gefangenenfür­sorge nützliche Konkurrenz fich zeigen würde, doch scheint das Justizministerium in dieser Be­ziehung weniger von Ehrgeiz geplagt zu sein. Eine erneute energische Anregung seitens der Volksoerttetung könnte da nicht schaden.

Auch nach der Beendigung der Strafzeit sucht die Gefängnisbehörde noch den Entlaffenm bessernd zu beeinflußen, indem sie sich deSseldm sürsorg nd annimmt. Die durch Ministerialerlasse vorgeschriebene und öfter wieder eingeschärfte Fürsorgetätigkeit der Strafvollzugsbehörde besteht hauptsächlich darin, daß jeder zur Entlassung kommende Sträfling auf die Fürsorge hm- gewiesen und, wenn er diese wünscht, ihm nach Möglichkeit auch durch Vermittelung der offi­ziellen und privaten Fürsorgeorgane und Ver­eine paffende Stellung und Arbeitsgelegenhett verschafft werden soll. Ferner ist die genannte Behörde angewiesen, den Entlaffeuen an einen solchen Verein oder an fein Pfarramt zu »er» weisen, oder dem letzteren oder auch der Polizei­behörde des Wohnortes die sogenannte Arbeits­prämie zu übersenden zur ratenweisen Aus­zahlung an den Betreffenden oder zur zweck­mäßigen Verwendung für ihn. Nebm dieser staatlich geordneten und behördlicherseits geübten Fürsorge verbleibt aber der Privatwohltätigkett noch ein weites und fruchtbares Feld sozial« charitativer Fürsorge für Gefangene und Ent­lassene. ,

Diese hier wie oben gestreiften Materien und besonders die Gefangenen. Fürsorge find ein- gehender behandell in der zeitgemäßen Schrift: „Die Gefäugnisseelsorge und charttatioeiFürsorge für Gefangene und Entlassene in Preußen. Ihre rechtliche Grundlage nebftj Beiträgen zu ihrer geschichtlichen Entwickelung und tätigen Hand­habung von P. Simberg. Münster IMS. Regensberg'sche Buchhandlung. 121 Seiten. 1,40 Mk." Die Schrift kann nicht nur Geift- lichm, sondern auch all« Laim angelegeetüwt empfohlen »erben, welche fich aus dem Gebiete der charitatinm Fürsorge für •etaigew und aus dem Gefängnis ßsttüassme betätig«

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