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31. Jahrgang.

Aüda, Samstag, den 22. Oktober 1904.

JK 243.

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, wochendriiage: „Illustrierte Sanntagrzeitung

rL-ttch'«u Ätet drr Sonn- ^^iertoge Viertel- »». vringrrlshn nnö !^eLaeldin8»lda««d

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Sernfprecher Ur 9.

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" MonaLsbeilage: „Suldaer GeichlchtMätter".

Beschluß -es Regensburger Katholikentages

empfiehlt l,es halb auch mit M-rcht, Laß men die |

jeder seine fünf Ginne, sein Gewißen, seinen Berstend und unter Umfländm auch feine Beine zusemmrtme hmen, urn für sich itinb feine Familie die Wchnu ngssrage bestmöglich zu 'lösen. Der

Mittel der Selbsthilfe anwende.

»D, id) werde schon eine Wohnung fhtberi!" So denkt und spricht mancher vor seiner Um-- fiedelung. Ein Millionär freilvch findet immer und übe call eine gute Wohnung; aber wer seine Mc akstücke erst umdrehen muß, hat wenig Wühl u nv viel Qual bei der Wohnungssuche. — Dar« m ist der erste Ratschlag für die Selbst- Hülse: Wenn du deinen Wühnfitz verlegen willst, jo steh' dich erst in der neuen Heimat nach de n WohnungSverhältnMr um. Ist eine Wohnu W zu haben, wie ich ste brauche, und kann ic h den Mietspreis aufbcfogen! Will Einer vom L ende in die Gtadt oder in eine Jndufirie- gegend umfiedeln, muß er sich vor allem klar mache» i, daß dort die guten Wohnungen sehr teuer «md die teueren Wohnungen ost noch sehr schiech t sind. Je dichter die Menschen sich zn- samm mdrängen, desto größer -pflegt das Woh­nung! trlend zu werden.

menltegen; tagsüber ist man auf die Sttaße oder in das Wirtshaus verwiesen. Ungemütlich, ungesund, häßlich, stttengefährlich ist so ein Da- sein, und kostspielig obendrein, da der Mangel eines leidlichen Wohnravms zu fortgesetzten Aus ■ gaben in Wirtshäusern rc. nötigt.

Und bist du ein Famtlienrater, so laß dich nicht verlocken durch schöne RedensEen von Sichbehelfen, Abvermieten und dergleichen. Fremde Leute ix das Familienleben aufnehmen, heißt stch einen Stachel in brtf eigene Flnsch treiben. Dann ist's vorbei mit dür häuslichen Gemütlichkeit; es gibt Lasten, Sorgen, Aerger in einem fort, und oft bilden die paar Mark, die man damit zu verdienen hofft, daS wahre Handgeld des Teufels. Oft genug liest man in den ZeiRmgen von den Familien-Trairerfpielen, die durch das Einlirgei- roefen herbeigeführt find; und wie viele tausende von solchen Berführ-ungs- »Kd Unglücks allen spielen sich in der Stille ab. — Und dann die Vertröstung, man kLnne sich schon behelfen in der engen Wohnung. Behelfen kann man fich in manchen Fällen für kurze Zeit; aber wenn Jahre hindurch dir Familie kaum genügenden Raum bei Tag und bei Nacht hat, dann verkümmert sie wie ein Baum, der in einer engen Hofecke sich behelfen soll.

„Aber ich muß dochDerziehM!" Ja, wenn wirklich rin Muß vorliegt, dann ist daS Uebel nicht abzuwendsr, man muß es nur nach Mög­lichkeit zu mildern suchen. Wer gezwungen ist, fich ein neues Heim in fremdartigen Verhältnissen zu gründen, der sollte vor allem die Wohnungs­frage nicht ans die lange Bank schieben und fich einbilden, er könne in letzter Stunde im Hand­umdrehen sich schon die nötige Wohnung besorgen. Keine Zeit und auch keine Kosten scheuen, um rechtzeitig eine gründliche Suche in Gang zu bringen. Und zwar möglichst unter Beiziehung von unparteiischen, vernünftigen OrtSkennern. Mit dem MietLksntrakt muß man so vorsichtig umgehen, wie mtt dem Verlobungsring. Nicht auf den ersten Blick unter dem Eindruck oet- lockender Worte zu greifens

AkpoMsche SeMSuse.

(Nachdruck verboten.)

K Berlin,TO. Oktober 1904.

In Frankfurt a. M. hat soeben der erste Allgemeine deutsche Wohnungskongreß getagt. Gn langer Namen, aber auch eine sehr um­fangreiche Frage! Unser Katholikentag von Regensburg hatte auch in einer besonderen Resolution auf die hohe Bedeutung des Woh­nungswesens für das sittliche, gesundheitliche und wirtschaftliche Wohl des Volkes hingewiefen und die Teilnahme an dem Frankfurter Kon­greß empfohlen. Unsere Glaubens- und Partei- zenofien waren auch demgemäß vertreten, und der ZentrumSabgsordnete Dr. Jäger'Speyer hatte eine Hauptrede, den Bericht über den Ent­wurf eines preußischen Wohnungsgesetzes über­nommen.

Also der Kampf gegen die Wohnungsnot kommt in Sang; aber ich fürchte, er wird noch viel länger dauern, als der russisch-japanische Krieg. Aus den Verhandlungen in Frankfurt hat man wieder so recht sehen können, wie «n- gehcuer schwierig und verwickelt diese Frage ist, wie sehr die Ansichten und Interessen dabei noch anSeinanderxehen. Es ist ein gordischer Knoten; aber der Alexander, der mit einem Kraftstreich den Knoten zerhaut, ist noch nicht gefunden.

Wer dr. warten will, bis Gemeinde, Maat u?d Reich ihnen zu einer guten und billigen Wohnung verhelfen, muß sich für einen Mschn- salem halten. Wir müssen trotzdem an den Reformen n-eiterarbsiten, damit wenigstens unsere Mnde.r und Enkel «us dem größten Wohnungsel md herauskommen. Inzwischen muß

A «f dem platten Lande -gibt es freilich auch wohl schlechte Wohnungen. Aber wer dort heim lsch ist und die Verhältnisse sowohl als die Pers omn genau kennt, kann sich dort viel leichter vor dem Wohnungssumps bewahren, als in den freu cd« städtischen Verhältnissen. Die Mietskaserne imp oniert dem Fremdling. Die Wohnung, die ihnl gezeigt wird, ist hübsch frisiert und aufge­takelt. Die Bedenken wegen der hohen Deppen, der Enge, der Hostuft rc. werden durch einen Schwall von Worten überschwemmt. 2er Fremdling läßt sich einreden, daS wäre hier allgemein und ginge ganz gut. Vielleicht wiegt nan ihn noch in dem gefährlichen Aberglauben, > r könne durch Aboermielen, durch Schlafburschen, Kostgänger rc. ganz bequem einen großen Teil vser gar die ganze Miele wieder herausschlagen. Der Mann unterschreibt feinen Vertrag, und die schwere Enttäuschung kommt bald hinterher. Die verlockende Wohnung stellt sich als übertünchtes ®tab seines FamilienglückeS heraus.

k Bleibe auf dem Lande und nähre dich redlich, ?vS ist die erste Moral, die fich auS dem städti­schen WohnnngSelend ergibt. Bist du ein junger, °lleinft,hender Mensch, so laß dir nicht weiß- 'uachen, daß du in der Stadt als Schlasbursche °ver dergleichen sehr billig und schön Hausen und Arbeitslohn ohne wesentliche Verkürzung zu Vergnügen verwenden könntest. Wo hohe iwhne locken, da stehen auch lauernd große Kosten ch» Hintergründe. Die Schlafstellen, wiefiez.B. lu Berlin im Schwanxe sind, bilden ein jämmer- ^uyes Unterton men. Nachts kann man da mtt klner zweifelhaften Gesellschaft notdürftig infam-

Besonders ist zu raten, fich die Nachbarschaft genau anzusehen und womöglich daS Treiben in dem betreffenden Hause und in der Straße so­wohl cm Tage wie am Abend zu beobachten. Wer da sagt, die Nachbarschaft gehe ihn doch nichts an, befindet fich auf dem Holzwege. Die Mietirwohner in den Mietskasernen können dir das Leben zur Hölle machen, und wenn du in eine -sittlich amüchige Umgebung gerätst, so ist das für dich oder wenigstens für den Nachwuchs gerade so schlimm, als wenn du in ein Haus mit ansteck-nden Krankheiten ziehst. Das Schlimmste in dm Großstädten ist ja die Ver­mischung von befferen und schlechteren Ele­menten. Haus und Straße können äußerlich sehr anständig auSsehen, und doch Heimstätten des Lasters und der Verbot chrn fern. Trau, fchau, wenr? Mit dem einmaligen oberflächlichen Schauen ist es nicht getan ; man muß wieder­holt sorgfältig beobachten und zuverlässige Er­kundigungen einziehen.

Ferner muß sich -jeder klar machen, daß gute Wohnungen teuerer sind. Wer sparen muß, spare am Staat, am Trinken und Rauchm, an Vergnügungen und sonstigem Luxus, aber er versuche nicht am Notwendigen zu sparen, und zu dem Notwendigsten gehört eine gesunde, Helle, geräumige Wohnung. Also, wenn du dm Haushaltsetat aufstellst, so setze für die Wohnung dm höchsten Betrag an, dm du überhaupt erschwingen kannst.

Bei der Wohnungswahl siehe nicht auf den äußeren Firlefanz, sondern auf die innere Güte des neuen Helms. Laß dich nicht von den neuen Tapeten blenden, sondern siehe zu, ob die Wände trocken und solide sind. Laß deine Augen aus den Fmstem spazieren gehen und prüfe, ob Du Licht und Luft genug bekommst; gebrauche Deine Ohren, um zu erkennen, welche Geräusche Du künftig fortwährend zu ertragen hast. Vor allem bringe Deine Nase mit und sauge Dir den Ge­ruch in der Wohnung, auf den Treppen und im Hose recht bedachtsam ein; wo es schlecht riecht, da laß Dich ja nicht nieder.

Ein eigenes Haus ist das schönste und beste; aber dieses Gericht kann nicht jeder sich leisten. Eine gesicherte Mietswohnung in einem ruhi­gen Hause ist das nächstbeste; aber doch muß man vorsichtig sein, ehe man einen lang- jährigen Mietsvertrag unterschreibt. Man bindet freilich dm Wirt, aber man ist selbst auch gebunden. Und die Verhältnisse ändern fich oft in überraschender Weise. Bald macht der Familienzuwachs eine größere Wohnung nötig, bald macht der Wechsel der Arbeitsstelle eint Verlegung des Wohnsitzes empfehlenswert, bald stellen sich unangenehme oder gar gefähr­liche Nachbarn ein oder lästige Betriebe tn den

Häusern.. Also nicht ohne besonderen Grundfich auf allzulange Frist binde».

„Behalte, was tu hast!" ist ein biherMMs- werter Spruch auch auf dem Wohmmgsgebtete. Aber man darf euch nicht aus Bequemlichkeit an einer Wohnung kleben, die nicht mehr gut ist RÄtürlich soll man das schmutzige Wasser nicht SASgießen, ehe man reines hat; aber wer sucht, findet.

Ferner gehört noch zur Selbsthilfe auf diesem Gebiete dir stete «erhalt für die Saubecke.t, Nettigkeit und Gemütlichkeit. Was Hilst dle beste Wohnung, wenn man sie nicht zu benutzen versteht? Da tonn die Frau zeigen, was sie vermag.

Berlin, dm 21. Oktober 1904.

() In den Plenarsitzungen des Atzgeord- netenhemses wird bald nach dem Zusammen­tritt eine einwöchige Pause eintreten, wenn der Wunsch der Kanalkommission, zwei ganze Tage für sich zu beanspruchen, erfflöt wird. Auch aus anberen Gründen herrscht große Neigung zu dieser Pause. Am Dienstag (25. d. M.) und Mittwoch (26. d. M.) werden Die beiden Inter­pellationen Träger und Marx verhandelt werden, am Donnerstag (27. d. M.) und Freitag (28. d. M.) soll nur die Kanalkommission tagen. Die Plenarsitzungen würden alsdann, da am 1. November katholischer Feiertag ist, erst am 3. November wieder ausgenommen werden.

♦ Zur lippisch«« Frage wird der.Deut­schen Tagesztg/ mitgeteilt, daß man in Bundes- ratskreisen nicht daran denke, die Thronfolge- frage materiell im Bundesrate selbst zu ent­scheiden. Es soll vielmehr allgemeine lieberem» stirnmurg darüber herrschen, daß sie einem Gerichte oder Schiedsgerichte unterbreitet werde. Darüber, welches Gericht anzurufen oder einzu­setzen sei, sollen die Meinungen noch auseinander- gehen; es scheint jedoch, als ob man auf die Einsetzung eines besonderen Schiedsgerichts zu- rückkommen werde. Den Weg Der Reichsgesetz- gebung dü ste man bei der Einsetzung dieses Schiedsgerichts nicht beschreiten, weil man der Ueberzeugung ist, daß auch auf anderem Wege eine unanfechtbare Entscheidung erreicht werden könne.

** An die protestantische« Lehrer und Lehrerinue« hat der Vorstand des Evange­lischen Bundes für Hannover-Linden einen Aufrrf gerichtet. Darin heißt es: „Die scharfe Herausforderung des evangelischen Bewußtseins durch die wachsenden Anmaßungen der ultra­montanen Partei und Presse und die unerträg­liche Zwangslage unserer Reichs- und Staats» rezierung dieser durch keine Nachgiebigkeit zu be­friedigenden Partei gegenüber macht allen evan­gelischen Deutschen einen engeren Zusammen­schluß zur Pflicht. Mit dem vollen Siege der ultramontanen Partei, so heißt es weiter, würde es auch mit der Selbständigkeit bet Schule und der Freiheit der Wissenschaft vorbei sein. Des­halb sei es vor allem Aufgabe der deutschen prote­stantischen Lehrerschaft, durch Unterstützung des Evangelischen Bundes die höchsten Kulturgüter unseres Volkes schirmen zu helfen." Hoffentlie i macht bet Kultusminister den Lehrern klar, ta|i ei ihre Aufgabe ist, die Jugend zu erziehen im Geiste des Christentums und der religiösen Dul­dung, nicht aber konfessionellen Haß zu säen und die Jugend mit Hetzereien gegen die Katholiken zu vergiften.

)( Offiziös wird mitgeteilt, daß wenigstens vorläufig eine obligatorische Invaliden­versicherung aller Handwerker nicht durch» geführt werden solle, ja, es sei nicht wahr­scheinlich, daß die im jetzigen Jnvalidenver- ficherungsgesktze getroffene Bestimmung, wonach der Bundesrat die VerficherungSpflicht au kleinere, nicht regelmäßig wenigstens einen Lohn­arbeiter beichäftigende Gewerbetreibende aus- dehnen kann, bald zur Durchführung gelangen werde.

Römischer Wochenbries.

[**] Rom, 20. Okt. 1904.

Neun Otdensgenerale deutscher Ab- kunf t zählt heute die katholische Kirche, nachdem das hier tagende Grneralkapitrl der Konventualen des hl. FranziSkuS den bisherigen Generalprcku- rator P. Reuter zum General Minister deS Ordens ernannt hat. Auf solche Weise stehen nunmehr unter deutscher Oberleitung nachfolgende Orden: Mtnderbrüdsr (P. Schuler); Konven­tualen (P. Reuter); Kapuziner (P. Bernhard v.

Sndermatt); Beschuhte Karmeliter (P. Mayer); Barmherzige Brüder (P. Gaffer); Redemptoristen P. Raus, Deutsch-Lux mimrg); Pallottiner (P. lugelmann); Ealvatoriauer (P. Jordan); und Alkxianer (Fr. Bank-Aachen).

Die große internationale Marian ische Ausstellung, melde im päpstlichen Paläste des Laterans am 27. November eröffnet werden soll, verspricht großartig und sehrintmffantzu werden. Aus ollen Gegenden der Weit sind bereits Ausstellungsgegenstände eingetroffem Auch Deutschland, Oesterreich und die Schweiz hüben sich in lebhafter Weise dabet beteiligt. An der Spitze des Episkopats steht der Kardinal Katschthal er von Salzburg, welcher mehrere Kartons, Bilder und Bücher sandte. Auch von zahlreichen Privatpersonen liefen Gegenstände ein, welche nach beendeter Ausstellung zum größten Teil dem hl. Vater grichenkt werden sollen. Durch Vermittlung des hiesigen Kollegium Germamkum stellen die Missionen der Gesellschaft Jesu in China eine ganze Reihe sehr wertvoller Sachen aus, darunter viele MorimbÜcher und Drucksachen in chinesischer Sprache, Bildwerke, kostbare Seidenstickereien usw. Besonders hervor- »»heben ist eine naturgetreue Nachbildung des Altöttftiger Gnadenaltars von Gabriel Waldherr, sowie eine ganze Bibliothek marianischer Werke der gleichnamigen Vereinsduchhandlung tn Innsbruck. —

Am letzten Sonntag fand eine große rö­mische Pilgerfahrt von anderthalbtausend Personen nach Gottaferrata statt, beffen Bafili- anerabtei in diesem Jahre ihr 900jähriges Ju­biläum feiert. Doch diesmal galt die Pilger- fahrt eigentlich dem bevorstehenden öOjährigen Jubiläum der dogmatischen Drfmüion der Un­befleckten Empfängnis, ft wie dem alten Marien- bilöe, welches seit dem Jahre 1241 in der dortigen Abteikirchr verehrt wird. Der hl. Vater hatte für die Pilger einen vollkommenen Ablaß bewilligt. Ein Sxtrazug führte die Pilger bei herrlichstem Wetter nach Frascati, von wo ans die meisten fich zu Fuß zrr alten Klosterfestung begaben. In Prozesston hielt man den Einzug in den Klofierhof, woselbst Kardinal Casetta, selbst ein geborener Römer, eite hl. Messe zelebrierte und darauf den päpstlichen Segen spendete. Dann fand ein Besuch der Basilika sowie eine gemeinsame Tafel von 340 Gedecken im Klosterhofe statt, an welchem auch der Kar­dinal teilnahm. —

Im neuesten italienischen Sensations- prozesse Murri-Bonmartini ist eine kleine Pause eingetreten, hervorgerufen durch einen Ge­richtsbeschluß, neue Dokumente herbeizuschaffen. Ganz Italien blickt mit Spannung auf Turin, wo dieser Prozeß oerhandrlt wird, welcher sich mit den schrecklichsten menschlichen Leidenschasten beschäftigt. Unsere bedeutendsten Advokaten und Juristen wenden alle Mettel ihres Wiffens, ihrer Beredsamkeit und ihrer Kunst an, um den Ge- schwornen Turins zu beweisen, daß die Ange­klagten entweder die fürchterlichsten Verbrecher ober — die unschuldigsten Leute in der Welt find. Wie aber auch der endliche Ausgang dieses Prozeffes sein mag, etwas steht unbedingt fest, näm­lich, daß wohl kaum ein Familienvater zu finden sein wird, der seinen Kindern eine derartig schlechte und „moderne- Erziehung angedeihen ließ, als der als Arzt so hochstehende Professor Auguste Murri (welcher bereits auf der Kandidatenliste für den Senat stand), daß es keinen dejenerier- teren und verbrecheriicheren Bruder gibt, als den Angeklagten Tullio Murri, keine Ehefrau von einem derartigen Egoismus als die Gräfin Bon- martini, keinen schwächeren Mann als den Doktor Sccchi und keinen gefährlicheren und verkommeneren Menschen als den Doktor Nardi.

Schwerer krankt ist der Senator Santa­maria, Erster Präfident des KaffationShoses in Maprl. Derselbe bekleidete einmal unter dem Ministerium Siolitti den Posten des Siegelbe­wahrers und Fürsprecher der Justiz und der Gnade. Doch schon nach wenigen Tagen legte er freiwillig sein Amt nieder, weil er sich weigerte, in seiner Eigenschaft als oberster Hüter deS Rechtes und der Gerechtigkeit gewiffe in einen Skandal der römischen Bank verwickelte Persön- lichkeUen retten zu helfen. Bei Hofe und be­sonders bei der verwittweten Königin Margarethe erfreute Santamaria stch des höchsten Ansehens.

Gelegentlich der Konsekration des neuen Erzbischof» von San Domingo kamen so recht die am päpstlichen Hofe noch herrschenden eigentümlichen diplomatischen Derhältniffe an den Tag. Diese bezieh, n fich auf die „Gesandtschaft- dieser kleinen exotischen Republik beim Papste. Während z B. die große» Reiche nur einen oder zwei Diplomaten beim päpstlichen Stuhl unter­halten, wie z. B. Preußen, Bayern rc, so leistet fich San Domingo den Luxus: eines Gesandten, eines GesandtschaftrateS. eines Sekretärs und