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Berlin, den 10, Oktober 1904,

(Nachdruck verboten.)

wunderbare Fügungen.

Wine Erzählung, übersetzt aus dem Italienische» von L. Beinhorn.

Ja dem Augenblicke, wo Tom und Helene wrt- gegangen waren, hatte Laura daS Zimmer wieder verschlossen und sich darauf Fersen genähert.

Derselbe war wie betäubt, er hatte daS Borgrfallene ruh z geschehen losten, allein alS er diese Person in ruhiger, frecher Stellung vor sich sah, da empörte fich sein Inneres. S».e mit tödlichem Haste ansehend, sagte er in herbem Tone:

„Da hast die Kühnheit, ja Unverschämtheit gehabt, diese Schwelle zu überschreiten? Einer so großen Schmach will ich wich richt länger unterwerfen."

„Du willst mich wohl sortjagen?" sagte Laura höha-sch lächelnd

„Behr augenblicklich fort, verpeste dieses Haus «ich'. länger durch Deine Gegenwart!"

, „Ei, ei, Du erscheinst mir ja in garz anderem Lichte, fest stllte ich dich nicht wredererkennen."

„UaMckliche!*

Fersen wußte fich nicht länger zu halten; er sprang **on seinem Sitze aus und ballte die Frust gegen Laura.

»Ah", erwiederte diese spöttisch, „hast Du wieder Mut gewonnen, so mag ich dich lieber sehen."

„Schweig!"

Lama zuckie mit den Achseln.

»Du fiehst", iubr fie mit einer Ruhe fort, welche ste selbst nicht besaß, daß ich meiaerseitS BorfichtS- ^aßregeln ergr ff-n habe, wotür Du mir nur danken solltest. Habe ich Dich belästigt, seit wir uns ge» »revnt haben? Habe ich jemals gefragt, was aus

geworden ist? Habe ich Dir nicht Freiheit ge«

„Binnen einem Monat kannst Du vielleicht Deine- Schwures entlastet werden."

„Wieso?"

„Boursault gedenkt Frankreich zu verlassen und wird Dir dann vielleicht Helene übergeben."

Fersen faltete die Hände.

„O, wenn ich noch so glücklich werden sollte!" murmelte er mit sichender Stimme.

„Das wird geschehen, wenn ich e- will, aber nur unter der Bedingung, wenn Du das strengste Schweigen bewahrst, wenn Du morgen diese- Haos verlassest anb niemand Deine neue Wohnung erfährt."

Der Unglücklich« hob die Hände in die Höhe, gleichsam, al» wollte er Gott zum Zeugen seines Gelübde- anrufen.

„So ist- gut", antwortete ß iura, auf deren Lippen Hohn und Spott lag, „lebe nun wohl, und halte Drin Versprechen."

Mit diesen Worten öffnete fie die Türe und entfernte fich dann.

Fersens Energie war gebrochen; mit weiÄrm Gemüt begabt, hatten harte Schicksalsschläge ihn nach und nach zu jeder Handlung, welche Umficht und Entschlossenheit erforderte, unfähig gemacht. Wie wir gesehen haben, war tt obne weiteres damit ein­verstanden, seine Wohnung mit einer anderen im Qaartter de Brffeville uwzatcnschen.

So verfloß ein Momu ohne die geringste Aen» d runa in seiner Lage, indessen hatte er in seinem Leben so viel ertragen und gelitten, daß er sich ferner ohne Mrrrren und große Ungeduld in sein Schicksal ergab.

Eine- Morgen-, als er im Begriff stand seine» geL'ödnlichen Spaziergang zu machen, hörte er plötz ich an seiner Tür klopfen."

„Herein!" ries er über-alcht.

Ein Ui>btkannter mit unfreundlichen Sefichtkzüge» und strengem Blick trat in Polizeiuniform Heren (Fortsetzung folgt)

Laura in scharfbeißendem Tone, „und fie fortwährend in Gefahr schwebt."

„Mein Gott, mein Gott", stöhnte der Unglückliche.

„Soll ich Christian FersenS Bergangenheit ihr er­zählen, damit fie auf. einmal seine Schande und Un­ehre erfährt?"

„Eher töte ich mich!" murmelte Fersen, sein Ge­sicht mit den Händen bedeckend.

„Du w<ißt, daß ich nicht vergebens drohe! Wenn Duff'prächest, würdest Du fie sicherlich zum letzten Male gesehen haben, also, tue, wa- Du WÄst."

Fersen ließ den Kops hängen und bewahrte ängst­liches Schweigen; ein. eisiger Schrecken schien seinen Willen gelähmt zu haben, dar Atmen wurde ihm schwer. Er wußte Wohl, daß Lauras D'vbunaen zu fürchten wären; sie hatte nicht zum ersten Male eine solche Sprache geführt, sie war leider nur em trauriger Widerhall au» der Bergangenbeit. Dieses Weib war die Urheberin seine- ganzen Unglücks geworden; in drohender Stellung stand es vvt ihm und schien fich mit teuflischer Lust an ferner Angst und seinem Entsetzen zu weiden.

„Ah, Du schweigst", saate fie nach einigen Augen- blicken; „nun, wenn Du Bernunst anvrhmen willst, könnten wir uns vielleicht noch verständigen."

„Was hast Du mir vorzuschlag-n?" sagte der Alte, zitternd vor einer neuen Gefahr.

„O. nur eine Kleinigkeit", antwortete Laura, „da- Vorgefallene bat mich genügend belehrt, ich werde meine Maßregeln ergreifen damit, fich so etwas nicht wieder erneut"

„Was für Maßregeln?"

„Morgen schon wirst Du diese- Quartier verlassen; ich werde dir eine von vier entfernt liegende Woh­nung suchen, wo, wie ich hoffe, man Dich nicht so leicht emdkck-n wird. Willigst Du ein? Schwörst Du, daß Du niemand Deine neue Wohnung wissen lassen willst?"

„Ich schwöre er."

lassen, welche Du ganz nach Deinem Willen benutzen konntest?"

„Diese Worte verkünden nur Schmach und Hohn", murmelte Ferfln

„Wenn ich die Gleichgültigkest und das Vergessen, daß ich mir auferlegt hatte, abstrei e, so geschieht dies sowohl in Deinem Interesse, als in dem meinigen."

„Was willst Du damit sagen?"

„Du kennst doch genügend de» Mann, gegen welchen Du Dich auszulehnen wagst?"

„O, der Elende V*

„Boursault handelt vielleicht grausam; er ist un- erbiiterlich. Du allein kennst fein Geheimnis, er ist fest entschlossen, daß dasselbe mit Dir begraben wird."

„Ich weiß, daß er zu jeder Schandtat fähig ist", erwiederte der Unglückliche, düster vor fich Hinblickes!).

„Dein Leben ist nicht gefährdet, am meisten hast Du Helenens Schicksal zu beklagen."

„Nun, fie wird beschützt werden, fie steht, Gott sei Dank! nicht mehr allem", erwiederte Christian lebhaft. „Sie liebt und wird geliebt, und in ihrem Vertrauen zu Gott hofft fie bald z rm Ende ihrer schmerzlichen Prüfung gelangt zu fein."

„Glaubst Du?"

„Dessen bin ich versichert. Ich habe allerdings manche Stunde voller Zweifel dm chlebt, allein die traurige Erfahrungen, welche ich gesammelt, meine Kenntnisse in betreff des menschlichen Herzens, haben mir wieder Kraft und Energie gegeben; sie haben mir oft gefehlt, aber jetzt werde ich nicht länger zögern."

„WaS willst Du tun?"

„Alles offenbaren."

„Christian!"

„Ich verachte eure Drohungen *

„Hüte Dich wohl!" sagte Laura.

„Ich fürchte mich nicht", bemerkte Fersen.

„Bedenke, daß Helene, ober vielmehr Bianka ganz und gar in unfern Händen ist", erwiederte

Maer M Leitung

Monatsbeilagez „8«ldser SefchichtMMer"

,68

31. Jahrgang

Mda, Dienstag, den 11. Oktober 1904.

M 233

Blättern ist deS Kron-

300 Pferden.

.*, Berlin, 10 Ott. 1934. In den

• Der ruffisch-japaNische Krieg.

Kuropatkin wird nunmehr endlich zeigen, waS er kann. Er fühlt sich jetzt so stark, daß er, wie wir bereit« nach der ,Russ. Telegr. Agentur' berichteten, die Offensive gegen die Ja­paner ergreifen will. Diese hat nach Meldungen

♦ Die erste Plenarsitzung des Abge­ordnetenhauses nach dessen Wiederzusammen- tritt findet statt am Dienstag den 25. Oktober mittags 1 Uhr. — Die Kanalkommission des Abgeornnetenhauses tritt am Mittwoch den 19. ds. Mts. vormittags 11 Uhr zusammen. — Im Herrenhause werden die parlamentarischen Arbeiten der Kommissionen am 18. Oktober wieder ausgenommen. Für diesen Tag 9 Uhr vormittags hat der Vorsitzende Dr. Frhr. v. Lucius-Ball­hausen die 12. Kommission etnberufen zur Fest- stellung des schriftlichen Berichts über die Kirchen­steuergesetze und Beschlußfaffung über eingegangene Pelitionen.

—* Bei der Beantwortung der von der Kanalkommisfion an die Regierung gestellten Fragen hat diese es abgelehnt, aus diejenigen F agen einzugehen, die sich mit weitergehenden Plänen beschäftigen, als sie in der Vorlage be­antragt sind. Dahin gehört z. B. der Küsten- kanal. Eine Frage geht dadin, welches Ergebnis die Verhandlungen mit den Nachbarstaaten wegen Einführung von Schiffahrtsabgaben auf den künstlich vertieften Strömen gehabt Haden. Es handelt sich dabei bekanntlich um die Rhein- und Elb-Schiffahrtsakte, die eine freie jBenutzung der

einstimmig zwei Resolutionen seines Ausschusses an, worin er erstens alle Versuche, die verfassungs­mäßigen Rechte LippeS als Einzelstaat anzutasten, zurückweist und zweitens an den Bundesrat das Ersuchen richtet, für baldige Entscheidung der Thronstreitigkeiten durch ein ordentliches oder ein Schiedsgericht m sorgen

Also die Regentschaftsfrage halt der Landtag für endgiltig erledigt. Daß sein Ausschuß so lange Zeit zur Verständigung über die Resolution gebraucht hat, scheint darin seinen Grund zu haben, daß der Reichskanzler dem Vizepräsidenten Hoffmann dasselbe, was er in seinem Schreiben sagt, schon vorher ihm mündlich erklärt hatte. Darauf dürfte es auch zurückzu- führen sein, daß der Landtag seine Resolution iahte mit dem ausdrücklichen Bemerken, daß er zur Begründung der Regierungsvorlage nicht im Einzelnen Stellung nehmen wolle. Er wünscht also eine Demonstration gegen das Kaisertelegramm zu vermeiden, ohne jedoch tn der Sache nachzugeben. Beachtenswert ist auch die einstimmige Annahme der Reso­lutionen.

Hoffentlich kommt nun bald die schieds­gerichtliche Lösung des Streites zustande, wie es Graf Bülow in Aussicht stellt. Ein Blatt weiß zu berichten, daß die Sache noch vor dem Zusammentritt des Reichstages in An­griff genommen werden solle. Das glauben wir auch. Graf Bülow hat das lebhafteste Interesse daran, daß der leidige Streit erledigt ist, ehe er im Reichstage darüber interpelliert wird.

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Ströme vertragsmäßig garantieren. Die Regie­rung beantwortet diese Frage nicht, sondern be­hält sich vor, darüber in der Kommission münd­lich weitere Mitteilungen zu machen.

* Ein treffendes Zeugnis für die geist­liche Ortsschulaufsicht gibt der .Evan­gelische Kirchliche Anzeiger' für Berlin in folgenden Worten ab: „Wir können ganz einfach und kurz sagen, daß diejenige Regelung der Orts­schulaufsicht die beste ist, die sicherste Gewähr gibt für das Wohl der Jugend und damit des Volkes der Zukunft. Und wir wüßten nicht, warum die Verbindung der Kirche mit der Schule in der geistlichen Ortsschulaufsicht diese nicht geben sollte. Auf dem Lande — und um das handelt es sichs in der ganzen Frage doch vor­nehmlich — ist das Ansehen der Kirche und des geistlichen Amtes doch immer groß genug, um auch der Schule und ihrer Erziehung wenn sie in Verbindung mit der Kirche steht, zu gute zu kommen. Wir glauben nicht, daß die Schule an Autorität und Einfluß gewinnt, wenn ft; auch die letzte Verbindung mit der Kirche, wie sie in der geistlichen Schulaufsicht für das Volks­bewußtsein zum Ausdruck kommt, abbricht. Wir glauben auch nicht, daß die Autorität der Kirche in der Volkserziehung gehoben werden wird, wenn in den Augen des Volkes durch die Aus­schließung des Pastors von der Schulaufsicht der Schein entsteht, als habe die Kirche tn Schul- und Erziehungsfragen den Mund zu halten. Aber auf Schule und Kirche ist der Staat mit der Volkserziehung angewiesen — untergräbt er beiden die Autorität, so sägt er fich selbst den Ast ab, auf dem er sitzt. Mag er dann sehen, wer ihm die Jugend erzieht —; es bleibt ihm für die männliche Jugend vielleicht noch die vielgerühmte Erziehungsschule des Militärs. Was aus den Mädchen wird, ist eine Sache für fich —, und was aus der männ­lichen Jugend wird, wenn nicht mehr der Lehrer und der Pastor, sondern der Unteroffizier Volks­erzieher wird? Mögen die Antwort unsere Lehrer sich selbst geben. Das christliche Volk beider Konfessionen hat sich die Antwort schon gegeben und hält deshalb strenge fest an der geistlichen Schulaufsicht."

** Der aufrichtige und überaus wahrheits­liebende Evangelische Bund entwickelt trotz dieser seiner Tugenden eine merkwürdige Zwei­deutigkeit. Ist er nun eigentlich eine politische Organisation oder nicht? Er hat immer be­hauptet, keine Politik zu treiben und sich doch in die Wahlen und in die kirchenpolitische Gesetz­gebung mit Eifer eiugemischt. Auf der Dresdener Generalversammlung herrschte dieselbe Zweideutig­keit. Die Gründung einer eigenen Partei wurde zurückgewiesen, gleichzeitig aber den Mitgliedern des Bundes zur Pflicht gemacht, polittsch in seinem Sinne tätig zu sein, und eine Resolutton gegen das Centrum angenommen. Diese Unbe­stimmtheit scheint auch bei vielen Bündlern Un­zufriedenheit erregt zu haben. Jetzt versichert die Korrespondenz des Bundes, daß die ge­schloffenen Verhandlungen ein ganz anderes Er- gebnis gehabt hätten. Sie erklärt, daß der Oeffentlichkeit zur Zeit keine besonderen Auskünfte

übergeben werden können, fährt dann aber fort „Zur Beruhigung derjenigen protestantischen Kreise, die ein praktisches Eingreifen des Evange­lischen Bundes tn das öffentliche Leben der Nation erffehnen, kann mitgeteilt werden, daß die Ver­handlungen am Delegiertentage und im Gesamt­vorstande unter dem ernsten Eindruck der in der öffentlichen Resolution geschilderten unhaltbaren Zustände einen Verlauf genommen haben, der dem Evangelischen Bunde unter Vermeidung einer. Veräußerlichung seiner bisherigen hohen Auf­gaben befähigen wird, sich als einen bedeutsamen Machtfaktor im öffentlichen Leben durchzusetzen." Also hinter den Kulissen hat man ganz anders geredet und beschloffen, als man der Oeffentlich­keit zu verraten für gut befunden hat. Was man beschlossen hat, wagt man aber auch jetzt noch nicht bekannt zu geben. Diese Geheimnis­krämerei ist ungemein bezeichnend für die Bundes­helden und zeugt nicht eben von Vertrauen in ihrer Sache, vielleicht auch nicht von reinem Ge­wissen. Wie würden die Herren zu donnern wissen über „im Finstern schleichenden Jesuitts- muS", „römische Unwahrhastigkeit" usw., wenn auf unserer Seite in solcher Weise ein „heimlich Ja zu öffentlichem Nein" gemacht würde!

♦ * Nach Südwestafrika wird am 17. Ok­tober der Postdampfer „Hans Wörmann" mit 7 Offizieren, 3 Portepeeunteroffizieren, 210 Mann und 215 Pferden von Hamburg aus in See gehen. Am 29. folgt der Postdampfer „Gertrud Wörmann" mit 24 Offizieren, 7 Portepeeuntteroffizierex, 375 Mann und etwa

neuerdmgS als Tag der Vermählung

prinzen der 22. März k. I. genannt worden. Wie die ,Nordd. Allg. Ztg.' hört, ist diese Vermutung nicht begründet. ®S sind über den Tag der Vermählung endgiltige Bestimmungen noch nicht getroffen worden. — Dir Braut deS Kronprinzen, Herzogin Cäcilie, soll am 19. dS. Mts. zu mehrtägigem Besuch bei der Kaiserin in Potsdam eintreffen. — Der Staatssekretär deS Arabern, Freiherr v. Richthofen ist nach kurzem Aufenthalt in Homburg wieder nach Berlin zurückgr» kehrt. Die Besprechungen zwischen dem Reichskanzler und dem Staatssekretär sollen den zurzeit noch uner­ledigten Handelsvertragsverhandlungen gegolten haben. — Der frühere Minister der öffentlichen Arbeite», v. Thielen, beging am Sonntag sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum. - Am 12. ds. Mts. begeht der Geheime Hosrat Willi sch, Vorsteher des Chiffrier- bureauS im AuSwärttgen Amt und compositeur des chiffres, das Fest seines 50jährigen DienstjubiläumS. Aus der Subalternlaufbahn hervorgegangen, bekleidet der Jubilar einen wichtigen Vertrauensposten im Be­triebe deS Auswärtigen Amtes und des auswärtigen Dienstes überhaupt. Er hat bereits bett Feldzug gegen Frankreich alS Chiffreur mitgemacht. — Ein Erlaß deS Kaisers an den Reichskanzler bestimmt, daß der Aufstand der Bondelswart-Hottentotteu vom 25. Oktober 1903 biS zum 27. Januar 1904 sowie der am 11. Januar 1804 ausgebrochene Aufstand der HereroS im Sinne des MilitärpenfionsgesetzeS usw. alS Feldzüge gellen sollen.

[:] Zur Lippeschen Aage.

Der Reichskanzler Graf v. Bülow hat an otn Vizepräsidenten des Lippeschen Landtages, Kommerzienrat Hoffmann, das nachstehende Schreiben gerichtet: „Homburg v. d. H., pen 8. Oktober 1904. Geehrter Herr Kommer­zienrat ! Sie haben mich heute mündlich um eine Wlthentische Interpretation des Telegrammes Sr. Majestät des Kaisers und Königs vom 26. v.M. gebeten. Ich bin gern bereit. Ihnen meine Ant­wort schriftlich zu bestätigen, und ermächtige Sie, unter Berufung auf mich öffentlich zu erklären, daß Se. Maj. mit diesem Telegramm lediglich bezweckt hat, die vorläufige Nichtoereidigung der Truppen für den Regenten und den Grund derselben mitzuteilen. Mit der Auffassung des Bundesrates, daß die Rechtslage noch ungeklärt sei, konnte Se. Maj. sich nicht in Widerspruch setzen. Jeder Eingriff in die verfassungsmäßigen Rechte des Fürstentums hat Sr. Maj. dem Kaifer selbstverständlich kerngelegen, und insbesondere liegt es außerhalb Allerhöchstfeiner Absicht, der derzettigen Ausübung der Regentschaft im Fürsten­tums durch den Herrn Grafen Leopold zur Lippe irgend welches Hindernis zu bereiten. Wie stets im Reiche, wird auch im vorliegenden Falle der Rechtsboden nicht verlassen werden und die Lippe- sche Frage wird ihre Erledigung ausschließlich nach Rechtsgrundsähen finden. Ich hoffe, daß es unter den Auspizien des Bundesrates bald ge­lingen wird, auf schiedsrichterlichem Wege zum Wohle des Lippeschen Landes zu einer endgiltigen Lösung der Frage zu gelangen, und werde das Meinige tun, um dieses Ziel in möglichst kurzer Frist zu erreichen. In vorzüglicher Hochachtung gez. Graf v. Bülow, Reichskanzler."

Graf Bülow hat also die Sache wieder ein­zurenken versucht, ähnlich wie es schon seine Osfiziösen getan hatten. Beffer wäre es jeden­falls gewesen, wenn er vor der Absendung des Telegramms befragt worden wäre; dann wäre wohl die nachträgliche „authentische Jnterpro- talion" nicht notwendig gewesen und manche Auf­regung und manches Aergernis vermieden wor­den. Warum nun die Vereidigung der Truppen für den Regenten immer noch nicht stattgefunden hat, bleibt uns zwar nach wie vor unklar, da eine Anfechtung des Regentfchaftsgesetzrs doch nicht mehr beabstchtigt zu sein scheint; jedenfalls der derzeitigen Ausübung der Regentschaft durch den Grafen Leopold kein Hindernis bereitet wer­den soll. Indes freuen wir uns, daß die Er­ledigung der lippeschen Frage nach der Verfiche- rung des Reichskanzlers ausschließlich nach Rechtsgrundsätzen ersolgen soll und die Ein- setzung eines Schiedsgerichtes beabsichtigt ist, wie es Lippe gewünscht hat. Ganz klar ist freilich das Schreiben des Reichskanzlers nicht. Bezieht sich die Bemerkung, der Bundesrat halte die Rechtslage noch für ungeklärt auf die Rezent- schaftsfrage oder die Eebfolgefrage?

Inzwischen hat das Telegramm;des Kaisers seine ungünstige Wirkung in vollem Maße ent' falten können, wie die erregten Versammlungen am Sonntag beweisen. Der Landtag ist heute endlich zu einem Beschlüsse gekommen. Er nahm

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