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Maer

II

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vruck und Verlag der FuldaerActiendruckerei in Fulda (Harmonie). Fernsprecher Nr. 9.

[] Zur Technik der Glockeirgieherkunft.

Von Ernst Hermann Nickel.

--(Nachdruck verboten.)

In den weit zurückliegenden Zeiten blühen­den und festgefügten Zunftwesens bildeten die heute getrennten Gilden der Zinn-, Kanonen- und Glockengießer nur eine Zunft, und diese in allen kommunalen und wirtschaftlichen Fragen sich zeigende Einigkeit blieb auch nicht ohne wohl­tätigen Rückschlag auf die Betätigung der Gießerei­kunst. In der Glockengießerknnst, deren einzelne Guß- und Vorbcreitungsetappen sogar einem Dichtergenius, wie unserem Schiller, der 2406 poetischen „Bearbeitung" wert dünkten, sodaß das jedermann wohl bekannte herrliche „Lied von der Glocke" entstand, herrschen heute, in den ver­schiedenen Brettegraden Deutschlands, noch recht von einander abweichende Formen, praktische Gebräuche und Regeln, wohl ja nach Leistungs- krast und Beschäfkigungsziffer der in Frage kommenden Gießereibetriebe. Darum mag es anregend erscheinen, in nachstehendem ein an­schauliches Bild von der Einrichtung einer Muster-Glockengießerei zu entwerfen, und die in dieser bei dem Gußprozeß in Betracht zu ziehen­den technischen Formen ein wenig zu beschreiben. Nur in der ewig geschäftigen Fantasie eines Dichters find die Werkstätten mit dem duftigen Hauche alles verklärender Poesie umwoben, in der Wirklichkeit aber machen sie einen kraß- nüchternen Eindruck und sind lediglich Nützlich- keitsgrsetzen unterworfen.

Die gute Hälfte der Glockengießerwerkstatt wird von einer massiv ausgemaurrten Grube ausgefüllt, deren Tiefe sich zwischen 4—8 Fuß bewegt, in deren Nähe fi.ch ein großer „Flammen­ofen" befindet, dessen Baumaterial Backstein ist, und welchem kleinere Tiegelöfen bei dem Prozeß Assistenz leisten. Nachdem in der ausgemauerten Grube die vorausgesetzte Form der zu gießenden Glocke sorgfältig zur Zlusbauung gelangt ist, be­ginnt die Ausmauerung d«S eigentlichen „Kerns", Der inwendig hohl ist, und dessen Form sich den Größenoerhältnissen der zu gießenden Glocke peinlich genau anpaffeil muß. Die nun diesen Kern zu legende Tonsck sicht wird auch heute noch mittelst der Holzschablone geformt, auch metallne Schablonen wurden verwendet. Durch starkes Jnnenfeuer trocknet man den vollendeten Kern tüchtig aus, und dann kann die Herstellung des Modells für die Glocke vor sich gehen.

Schon bei dem Modellieren der einzelnen Nuarcrn und Wölbungen muß der erfahrene Gießer genau die Gesetze der Klangfärbung in Betracht ziehen, was nur nach langjähriger Er­fahrung möglich ist. Etwaige Inschriften, wie Daten, Bibelsprüche und Namen der Geistlichen, die in dem Rand der Glocke angebracht werden, fertigt man an dem Modell ebenso wie die Ver­zierungen und das Gesimse aus einer Masse, die zur Hälfte aus Talg, zur Hälfte aus weißem Wachs besteht.

Am schwierigsten ist die Zubereitung des Mantels, an welche selbst gewiegte Gießer mit Bangen und Zagen herantreten, denn von der Konstruktion dieses Mantels hängt das Gelingen des ganzen Glockengusses ab. Die unterste Schicht dieses Mantels, welche später das flüssige, siedend heiße Metall aufntmmt, muß mit beson. derer Sorgfalt angefertigt werden, soll, nun mit Schiller zu reden: der Guß gelingen. Die In- gredienzen dieser untersten Mantelschicht sind folgende: Formsand, Graphit, fein durchsiebter Lehm, helles Bier (!), Ziegelmehl, Eiweiß und arabisches Gummi. Hierauf zündet man im in­neren Kern nochmals ein Kohlenfeuer an, und durch die Hitze tritt das Wachs in einen flüssigen Zustand über, ünd bewirkt die Lostrennung des Mantels vom Glockenmodell. Erwähnenswert ist, daß sich am Kopfende dieser Form die Oeff- nung für das Gußloch befinvet, und rings um diese Oeffnung gruppieren sich bie kleinen Löcher, bereit Bestimmung es ist, die Luft aus dem Jnnenraum des Kerns entweichen zu lassen (sonst würde eine Explosion entstehen), sobald sich die flüssige Metallmafse in denselben zu ergießen be­ginnt. Starke eiserne Reifen umgeben in Ab- ständen den Mantel, damit er nicht zerplatzt. DaS Modell wird nun abgebrochen, und den Kern füllt man mit Steinerde und Lehm bis zum Rande tüchtig voll, dann senkt sich mittelst Flaschenzuges der Mantel auf den Kern herab und es wird nun die Grube um die Form her­um mit Erde. Kies, Asche usw. bis oben an ge» füllt. Die Verbindung des inneren Gußraumcs für die Glocke mit dem Gießofen, in welchem das Metall (4 Teile Kupfer und 1 Teil Zinn) zum Schmelzen gebracht wird, stellt eine Guß­rinne dar, durch welche sich, nachdem der Zapfen aus dem Gußofen gestoßen ist, bann bie glühende Metallmafse in feurig loderndem Strahl in die Form ergießt. Nach 26 Stunden ist die Glocke

abgekühlt, sie wird herauf gewunden, der Mantel abgeklopft und der Meister steht vor seinem Werk! Möge es ihm immer gelinge»: !

Königin.

Novellette von M. v. Eckensteen.

Nachdruck verboten.

UR. Fahlgrün streckt sich das schmale Eiland; Wind und Wetter brausen darüber hin und das gierige Meer leckt daran, mehr und mehr, Jahr um Jahr. Die Wogen der Nord­see singen ihm tagein, tagaus ein Sterbelied, seit eine hohe Sturmflut es vor Zeiten von der großen Muiterinsel losgerissen hat.

Auch bie Menschen werden weniger; wer es machen kann, sucht eine ertragreichere Heimstatt, weit draußen in der Welt, wo die Löhne größer find ober bie Erde mehr trägt. Auf dem Eiland lacht kein Blumenflor; wenn Blütezeit ist, küm­mern Dünenröschen auf und vereinzelt int spär­lichen Grase bleiche Erika.

In dieser armen und doch so stolzen Ein­samkeit auf dürrem Erdreich stehen vereinzelte kleine Hütten; eine einzige, größer und neuer als die übrigen, steht auf einer Werft, und der darin wohnt, ist der wohlhabendste Fischer unter den wenigen.

Neidlos sehen die andern in den armen Hütten, wie Peter Evers' Werft ein Bollwerk bietet gegen die Springflut; sie wissen eß ja: wenn ein Sturm daherbraust, dann bebt auch der Mann auf der Werft, denn die bösen Wetter schonen keinen. Peter Evers weiß davon ein Lied zu singen, und über alles fürchtet er die brauenden Nebel; was hat es ihm geholfen, daß sein Haus auf dem Hügel steht, den er künstlich hat aufrichten lassen? Haus und Werst haben all' das viele Geld verschlungen, das der Ohm seines Weibes in der neuen Welt erworben und ihr hinterlassen hatte, und die Nordsee hat sein Weib verschlungen, ehe sie des sicheren Heimes froh werden konnte! Das große, unheimliche Wasser frißt gierig Land nmd Leute, jahraus, jahrein, darum lachen die Menschen nicht auf dem fahlgrünen Eiland.

Sie sehen immer den Tod vor Augen, nicht mit Sense und Hippe, doch mit wogenden Wassermengen, mit heulendem Orkan. Sie lachen nicht; sie haben nur ein mildes, gutes, fast trauriges Lächeln, wie die Sonne, die durch den Regen scheint.

Peter Evers hat sein Weib M Nebel ver­loren, der hat sie ereilt auf dem Meere, sie hat den Weg nicht mehr heimgefunde.n; er ist ihr Sterbeschleier geworden. Aber sein Kind ist ihm geblieben, sein einziger Sohn. Wenn die Wogen grollen, beugt er sich über den Knaben: „Hörst Du? Mutter singt!"

• Dann lauscht der Kleine und lächelt.

Wenn ein Sturm über das Meer rollt, daß die Scheiben klirren und der alte Evers mit ge­furchter Stim blickt, dann fragt der Kleine bange: „Ist Mutter böse?" —

Jetzt weiß er's nicht anders; seine Mutter schläft tief int Meere und sorgt für ihn; tief unten liegt sie, wo der blaue Himmel sich spie­gelt, wenn die Wogen ruhig fließen. Er liebt darum das mächtige Meer, u nd wenn die Sonne wie Gold darüber liegt, dann jauchzt er: „Schau, Vater, wie die Mutter lacht!"

Dann lacht auch er, laut und ftöhlich, „daß Mutter es hört". Ob dieses jauchzenden Lachens haben alle ihn lieb auf dem fahlgrünen Eilande. Und Peter Evers hat nur ein Ziel: das Glück feines Jungen.

Wenn die großen Nebel kommen, dann schließt Vater EoerS die Türe der Hütte, damit Jens nicht hinaus kann, damit nicht auch ihn die steigende, wachsende, wilde Flut erfasse; und er bläst mit dem Nebelhorn laut hinaus, weil ihm immer grauend bangt, es liefe noch ein Verirrter draußen umher, der nicht mehr links und rechts fände im Nebelgrau, der den Weg über die Wasserlilien verloren hätte und die Heimkehr nicht mehr fände.

So steht er auch an einem Dämmerabend. Der sinkende Sonnenball läuft in Feuerstrahlen über das spärliche Gra8 und das schäumende Meerwasser; aber Peter Evers läßt sich nicht täuschen. Er kennt die Murmesanzsichen am Himmel und er weiß, baß eine böse Nacht kommen wird.

Jens schläft lange schon; er aber liegt wach und angekleidet auf seinem Lager und horcht hinaus, wie das Meer donnert und der Sturm heult. Die Wogen schlagen bis ans HauS, daß eS bebt und wankt vor bern grausigen Anprall, das Wasser schäumt bis an die Fenster; aber Jens schläft ruhig, und träumt, die Mutter sänge ein jubelndes Lied.

Peter EoerS hat einen grauenvollen Schrei durch all das Tostm zu hören vermeint; er

X SSS

(:) Sechs bis sieben Millionen sozial­demokratische Stimmen

hofft Herr Bebel, der sich von jeher durch einen unheilbaren Optimismus — man denke nur an feine Prophezeiungen über den Zukunftsstaat — ausgezeichnet hat, noch einmal herauszuschlagen. So muß man nämlich annehmen, wenn man einmal feine felsenfeste Ueberzeugung von dem Eintreffen des sozialdemokratischen Glücksstaates berücksichtigt und dieser dann seine Worte in der letzten Nummer der sozialdemokratischen Wschen- fchrfft die „Neue Zeit" (Nr. 50) gegenübst stellt: „Suchen wir bei kommenden Wahlen statt 3 Millionen es auf 6 bis 7 Millionen zu bringen und wir können endlich erlangen, was jetzt noch unmöglich ist." Diese große Hoffnungsfreudigkeit kann man dem Propheten Bebel ruhig Über­lassen. Wenn er mit seinen Hoffnungen auf diese Stimmenvordoppelung soviel Glück hat, wie mit seinen Prophezeiungen über den sozialdemo­kratischen Zukunftsstaat, so braucht man sich über diese „Hoffnungen" nicht weiter aufzuhalten. Wichtiger erscheint uns folgendes.

Der Hinweis Bebels, daß die Sozialdemo­kratie erst 6 bis 7 Millionen Stimmen haben müsse, wenn sie wirklich einmal etwas durchsetzen könnte, ist insofern charakteristisch, als man seitens der Sozialdemokratie das Zentrum, das jetzt noch keine zwei Millionen Stimmen zählt, stets als so allmächtig hinstellt, daß es alle seine Forderungen, wenn es nur ernstlich wolle, „durch­drücken" könne. Da dies dem Zentrum natur­gemäß gar nicht möglich ist, ladet dann die Sozialdemokratie Vorwürfe wie „mangelnder Ernst in der Vertretung von Arbeiterintereffen, Arbeiterverrat" und wie sie alle heißen, auf dessen unschuldiges Haupt. Und da8 alles des­halb, weil es mit noch nicht 2 Millionen Stimmm das nicht erreichen kann, zu dessen Durchführung die Sozialdemokratie selbst eingestandenermaßen das Dre fache an Stimmenznhl notwendig hätte. Besser als durch diese Gegenübetstellung kann der Widersinn der dem Zentrum seitens der Sozialdemokratie zu Unrecht gemachten Vorwürfe wegen mangelhafter Vertretung der Arbeiter- intereffen wohl nicht illustriert werden.

Im Zusammenhang hiermit sei noch erwähnt, daß Bebel, ähnlich wie er dies bereits auf dem vorigjährigen Parteitage in Dresden getan hatte, vor einer Überschätzung des Wertes der parla­mentarischen Aktion warnt. Die Mehrheit des Reichstags und die Mehrheit der Regie­rungen zu zwingen, den sozialdemokratischen Anträgen zuzustimmen, dazu fehle der Sozial­demokratie vorläufig noch die Macht. Was also bet Sozialdemokratie einfach nicht möglich ist, das soll für das Zentrum, das doch tm Reichs­tag soviel Mitglieder nicht mehr zählt als die Sozialdemokratie, leicht sein. Es soll nur so aus der Hand „Mehrheiten erzwingen" können, wenn es nur ernstlich wolle, obwohl doch auch das Zentrum mit allerlei Widerständen zu kämpfen hat. Auch hier wieder schlägt sich die Sozialdemokratie durch sich selbst und beweist, daß es ihr mit ihren Vorwürfen gegen das Zentrum nur darum zu tun ist, dasselbe bei den Arbeitern zu verdächtigen.

Gegenüber der kürzlich von der sozialdemo­kratischen Presse ausgelassenen Ente von einem bevorstehenden Attentat auf das Reichstagswahl­recht, an dem auch das Zentrum natürlich nicht unschuldig fein sollte und der daran geknüpstsn Forderung, daß der augenblicklich tagende Partei- tag gegen das „Attentat" einen Enttüstungs- rummel inszenieren solle, schreibt Bebel ab­winkelnd: Daß eine große Partei gegen Projekte, die noch keine greifbare Gestalt angenommen haben, gewissermaßen ins Blaue einen Feldzug unternehmen .unb Maßregeln zur Abwehr be­schließen soll, wäre das Verkehrteste, was ge- Men könne". Nichts sei gefährlicher, eine große Aktion zu beschließen, für die das Angriffs objekt «och fehle. Damit erfährt die sozialdemokratische Presse, die zuerst die Tartarennachricht von dem bedrohten Wahlrecht mit vielem Lärm in Welt gesetzt hatte, nachher aber kleinlaut zugeben mußte, daß an allem nichts sei, eine verdiente Zurechtweisung. Der sozialdemokratischen Presse fehlte es augenscheinlich an Agitationsstoff, und falls dieser sich dann nicht von selbst findet, wird er eben erfunden auf die Gefahr hin, später von dem obersten Parteigenossen deshalb wieder aus die richtige Bahn gewiesen zu werden. Bei der Sozialdemokratie geht eben das Bedürfnis nach Agitationsstoff über alles!

$ulda, Donnerstag, den 6. Oktober 1904.

MM»

31. Jahrgang,

springt auf, stülpt die Segeltuchkappe über und stößt ins Nebelhorn, daß es weit hinaus die Botschaft trägt: „Hier ist einer, der den Not­schrei gehört hat!"

Durch das erste, matte Tagesscheinen geht er bann ans Meer.---

Wie Jenes erwacht, liegt in seines Vaters Bett ein blasses, zartes, kleines Mädchen. Von Nordstrandischmoor hat es ein Schiffer von einem Wrack gerettet, aber der Sturm hat ihn anS Eiland verschlagen. Sieben Kinder hat er da­heim; da hat Peter Evers sich kurz besonnen; er hat Platz genug, für die kleine Bleiche.

Lauter hat Jens noch nie gelacht. Nun hat er ein lebendiges Spielzeug. Anders als die Kinder in den Fischerhütten ist das Mädchen; alle haben blaue Augen und lichtes Haar über roten Wangen; die Fremde ist weiß wie Mond­licht, ihr Haar dunkler als Seetang und ihre Augen sind groß und schwarz.

Er hat staunend vor dem Bett gestanden, bis sie erwacht ist; das war um Mittag. Bange haben ihre Augen im Stübchen herumgeirrt, und wie sie durchs Fenster auf das gelbe, lehmige Meerwaffer gefallen sind, da hat sie die Hände zitternd vors Gesicht geschlagen und geweint.

Der alte Evers hat ihr das lange, schwarze Haar gestreichelt, das in den dicken Federkissen getrocknet ist und sich nun im warmen Sonnen­schein kraust.

Jens legt ihr feine schönsten Muscheln auf die Decke und zeigt ihr stolz den kleinen Kutter, den der Nachbar Tiem ihm gefertigt hat. Sie trocknet ihre Tränen, und ein Lächeln wird wach über seinem Geplauder. Tiems Frau bringt Kleider von ihrer Antje und kleidet das Mädchen an; mit Behagen schlürft sie die warme Milch, und dann packt sie bas Weinen roieber und sie ruft nach ihrer Mutter.

Da spricht ihr Jens zu unb erzählt, daß sie bei seiner Mutter schlafe auf dem tiefen Grund, in einem Korallenschloß, bei Perlen und Mu­scheln. Er lacht dazu und scheucht ihr daö Bangen vor dem großen Wasser fort.

Am Abend bringt er ihr Dünenröschen und sie erzählt ihm, daß sie Gina heißt.

„Soll wohl Regina heißen," sagt Peter EverS, der im Kalender gesucht, und Käte Dem erklärt andern Tages, daß eS so viel wie Königin be­deute. Des Lehrers Ollers Tochter von der Halling drüben heiße auch so.

Ims nennt Gina nicht anders als seine Königin; das gefällt ihm, es ist wie in den Märchen, bie Nachbar Tiem erzählt; auch Peter Evers nennt sie so. Sie schläft in seines toten Weibes Bett, das mit rot-weiß gewürfeltem Stoff bezogen ist unb nach Sonne und Sommer­luft buftet; sie wächst unb wird kräftig in der herben Seeluft. Wenn bie Nebel brauen, ver- birgt sie ihr Köpfchen an Jens Brust; bann lächelt der Alte; nun hat er zwei Kinder, zwei, die so frisch lachen, wie sonst niemand in den kleinen Hütten.

--Die Jahre gehen; immer mehr greift das Meer mit gierigen Händen an dem Eiland und reißt kleinweis die Erde weg. Hilflos sehen die Leute ihr Land ein Opfer der See werden; selbst Peter Evers gibt sich keiner Täuschung hin, ob auch seine Hütteden Anprall der Wogen aushält.

Oftmals auch spinnt er frohe Träume, aber niemand weiß sie. Dann ruht sein Auge mit seltsamem Glanz über seinen Kindern: der Jens ist stark und kühn, tüchtig beim Fischfang unb klug besonnen; Gina, bie kleine Königin, singt wie ein Wunderoogel, wenn sie Netze knüpft, unb im Häuschen ist alles blitzblank, wie bamalS, als fein Weib noch lebte.--

Tosender 'Südweststurm geht über ba8 Ei­land ; bie Sorge weht in die Hütten; die Frauen murmeln Gebete über der Arbeit. Peter EoerS hat die Stirne kraus gezogen und die Lippen gepreßt: „Neue Werften müßten her, das Land müßte befestigt werden, um den Ansturm der Waffer zu tragen!“

DaS Meer grollt, der Donner rollt dumpf, der Regen klatscht an bie Scheiben. Gina sitzt im Fensterwinkel und hat den Kopf gesenkt. Ihre Hände ruhen über dem Netzwerk, und Jens sieht mit sinnenden Augen auf sie nieder. Er fragt sich, warum sie nicht mehr singt wie einst? Warum sie wohl so scheu geworden ist, baß sie nicht mehr sein Köpfchen an seiner Brust birgt, wenn Furcht unb Zittern sie packt?

Die Blitze jagen unb schießen aus fahlen Wolken herab. Peter Evers hat bie Hände in den Hosentaschen geballt: „Ein einziges Mal sollten die Herren am Staatsruber solch' ein Wetter in schwankender Hütte verleben, ich wette mein Hab unb Gut, bie Sicherungsbauten wären uns gewiß!" grollt er in ben weißen Bart.

»Nur Geduld, Vater, auch an uns kommt die Reihe. Hat man nicht mit der Befestigung der Halligen längst begonnen?"