MaerM Zeitung
JktW1
MMsbellage: „zulöaer GeschichLsbMe^'.
M 189*
KU-a, Samstag, dm 20. August 1904,
31. Jahrgang.
Druck und Verla- t 8«ldaerActi«ut>nicker tu Suita (ßonaoiiic
Zrrnsprecher M 9
Me e*»* faltige PeMzeile v- tatet Kun 16 P>. Reflamet die Petit)« 25 Pfg.; »ei Wied Holungen wird eetfu Rabatt gewährt
»rtn-erish« mrd
dch^ftlettenZot Va>«
Wochmbellage^lluftriette Zomtagrzettung"
5l General-Versammlung -er Uatho- ltten Deutschlands zu Regensburg.
(Siachdruck Verbote«.-
cpc. Regensburg, 18. August 1904. n.
Wer von seinemEisenbahrcoupee auSRegens- bürg zum ersten Male in seinem Leben zu sehen bekommt, der sollte nicht vermuten, daß dieser Ort, der sich so anspruchslos seinem Auge bar« dielet, eine Stätte bildet, die eine Geschichte von zwei Jahrtausenden aufzuweisen hat Md die zu wiederholten Malen bestimmend in daS Leben der Völker eingegriffen hat. Die einzelnen Etappen werden bezeichnet durch dos Eindringen der Römer an die Donau, die Christianisierung der Bevölkerung durch die Heiligen Rupert, Emmeram und Erbarb im 7. bezw. 8. Jahrbunderl, durch die Stellung Regensburgs als der Hauptstadt Deutschlands im Ausgang des ersten Jahrtausend, durch die Reichstage von 1110, 1156 (Trennung Oesterreichs von Bayern) und 1174, durch die Erringung der Autonomie im 14. Jahrhundert, die Unterweisung unter Herzog Albrecht von Bayern 1486, die Reichstage des 16. Jahrhunderts in Sachen der Religioüsw irren (u. a. ReKgi-nsgespräch zwischen Melanchthon und Dr. Eck), den 30jährigen Krieg (1630 Reichstag, auf welchem der Kaiser Wallenstein enllnß — Tod Keplers), den spanischen Erdfolgekrieg zu Beginn des 18. Jahrhunderts, die Besetzung durch die Fran- zosen zu Ausgang des 18 Jahrhunderts, den Reichs deputationsHauptschluß von 1802, durch den das Bistum und die Stadt Regens- burg als „Fürstentum Regensburg" an "den früheren Kurfürsten von Mainz kamen, und endlich den Uebergang an Bayern 1810.
Die Besucher des Regensburger Katholikentages finden eine ausführliche Zusammenstellung der historisch intereffanten Daten in der Broschüre „Regensburg", welche ihnen als „historischer und praktischer Führer durch die Stadt und Umgebung" vom Lokalkomitee dargeboten ist. (Verlag Alfred Coppenrath.)
Die inhaltsreiche Geschichte der Stadt Regensburg hat in dieser ihre zahlreichen Spuren hinterlaffen. Es gibt wohl nicht Diele Orte in Deutschland, die auf engem Raume eine solche Fülle, von altehrwürdigen Kunstdenkmälern in sich bergen, wie gerade Regensburg. Aus jeder Straße, ja fast aus jedem Hause spricht die Vergangenheit zu uns. Die Haupt- sehenswürdigkeiren finden die Besucher der 51. Generalversammlung in tr-.fflichen Textabbildungen in dem erwähnten „Führer" zusammengrstellt. Eme weitere kurze Zusammenstellung enthält Nr. 2 deS Festblattes. Wir möchten bei dieser Gelegenheit nicht verfehlen, die Besucher der Generalversammlung noch besonders ans die romantische Umgebung der Stadt Regensburg mit der Walhalla und der Befreiungshalle aufmerksam zu machen. Auch nach dieser Seite hin ist Regens• bürg geeignet, die Bewunverung seiner Gäste hervorzurusen.
Idyllisch, wie Regensburg selbst, ist auch die Fefthalle gelegen. Dec Weg zu ihr führt von der Bahn durch die Stadt in etwa 20 Minuten; Festhalle und Bahnhof find durch eine elektrische Bahn verbunden. (lieber die Festhalle selbst haben wir schon in einem früheren Artikel berichtet. Die Redaktion)
Heber dem Haupteingange befindet sich eine wirkungsvolle Glasmalerei, welche die Peters- kirche darstellt. Dem Haupteingang gegenüber befindet sich in altarmäßigem Ausbau, innerhalb eines reichen Pflanzenarrangrments die Immakulata, gestiftet von einem Regensburger namhaften Katholiken, ausgeführt vom akademi- scheu Bildhauer Schreiner in Regensburg. Die Freigebigkeit des regierenden Fürsten Thurn und Taxis, Dank deren die fürstlichen Gärten ihre Pflanzenzierde der Fefthalle zur Verfügung gestellt haben, verleiht dem Versammlungsort einen gärtnerischen Schmuck, wie ihn bis jetzt kaum eme Generalversammlung aufzuweisen gehabt haben dürfte. Bekanntlich ist der Fürst von Thurn und TcxiS, besten Ahr.en seit 1748 ständigen Aufenthalt in Regensburg hatten, ber vrotetior des Lokalkomitees. Der Fürst hat seine Teilnahme an den Versammlungen zugesagt.
Der praktische Sinn der Baukommission, der sich in bet ganzen Anlage bet Festhalle verrät, hat sich auch darin bewährt, daß für die Presie unmittelbar vor der Redner tribüne 80 Sitzplätze reserviert sind und her Presse ein ArbeitSraum zur Verfügung st-ht, wie wir ihn geräumiger und luftiger noch auf keiner Generalversammlung angetroffen haben. Dieser Raum ist unmittelbar mit ber Post verbunden.
Zn besonderem Danke hallen wir uns gegenüber dem Herrn ersten Bürgermeister Geib und der Postverwaltung verpflichtet. Ersterer hat in äußerst liebenswürdiger Weise die städtische Turnhalle der Presse als Arbeitsraum zur Verfügung gestellt und auch sonst fein Interesse für die Presse in dankenswerter Weise ohne Unterschied der Konfession bekundet — Herr Geib gehört bet protestantischen Konfession an — und ihrerseits hat die Postverwaltung olles getan, um der Presse ihre schwere Aufgabe in den kommenden Tagen zu erleichtern.
Aber nicht nur die Presse ist zu Dank verpflichtet, sonder« auch die General-Versamm- lung selbst. Ihr Dank gebührt in erster Linie dem umsichtigen Lokal-Komitee, besonders seinem ersten Präsidenten, Kommerzienrat Karl Pustet und dem ersten Schriftführer Redakteur Held. Sodann hoben auch die städtischen und staatlichen Behörden Anspruch auf Dank von feiten ber General- Ver sammlung, da sie in weitgehendem Maße ihr Entgegenkommen bekundet haben.
Was das Erscheinen illustrer Gäste anbelangt, so haben von der höheren Geistlichkeit ihr Erscheinen zugesagt: Der Erzbischof von München, v. Stein, der Nuntius Caputo, und zwar in direktem Auftrage des hl. Vaters, ber Erzbischof von Zara, Matthäus Dvornik, der Bischof von Siebenbürgen, Graf Maylath, und Weih- bischof Dowelly aus Dublin. Den wegen seines Alters verhinderten Bischof Ignatius von Senestrey von Regensburg wird Weihbischof Freiherr v. Ow-Felldorff vertreten. Ferner wird noch der Besuch des Bischofs v o n P a s s a u erwartet. Angemeldet sind ferner 12 Aebte.
Außerdem wird der Rektor der Wiener Universität ander 51. General-Versammlung teilnehmen.
Von besonderem Interesse ist es, daß der Herzog von Norfolk namens der Union Catolic eine Deputation, bestehend aus dem hohen Adel, zu dem Katholikentage rnlfenben wird und besonders viele Franzosen ihr Erscheinen in Aussicht gestellt haben. Am Begrüßungs- Abend wird ein Franzose die Grüße der französischen Katholiken überbringen. Auch dies dürfte in der Geschichte der General - Veriamm- lurgen bis jetzt nicht oft zu verzeichnen gewesen fein.
Der Begrüßungs-Abend verspricht demgemäß diesmal ein besonderes Gepräge zu haben, namentlich wenn man bedenkt, daß Vorkommnisse der letzten Zeit nicht ohneWiderhall bleiben dürften. Auch nach der musikalischen und gesanglichen Seite bin dürste der Begrüßungs-Äbend sein besonderes Gepränge haben. Der rühmlichst bekannte Dom- chor wird, verstärkt durch Kräfte aus der Stadt, u. a. zum Vortrag bringen eine einleitende Fest- Hymne, gedichtet von Stadtpfarrer Lehner in Schönsee und komponiert von dem bekannten Kirchenkomponisten Haller. DaS 11. Infanterie- Regiment stellt zu dem Abend die volle Regiments- Kapelle. Namens der städtischen Verwaltung wird der erste Bürgermeister Geib die Versammlung begrüßen.
Heber die Arbeiter-Versammlung fei noch einiges mitgeteilt. Wie schon erwähnt, finden mehrere Parallel-Verfammlungen statt. Dieselben tagen unter dem Vorsitze der Herren: Prälat Schädler (Festhalle), Domkapitular Pichler (Velodrom), Verbands- Vorsitzenden W a l t e r b a ch (Neues HauS), Arbeiter-Präses Kaplan SteetS (Elhardl-Haus), Oberamtsrichter Reichstags Abg. Kalkhoff aus Wertingen bei Augsburg (Metropol - Saal). Außer der Begrüßungs - Ansprache werden in diesen Versammlungen zwei Reben gehalten, und zwar über bie Themata: 1) .Die Arbeiterfrage im Verhältnis zur Religion unb Sittlichkeit" und 2) „Nutzen der katholischen Arbeiter-Organisationen auf geistig-sittlichem unb materiellem Gebrete."
Wir schließen unfern Vorbericht mit dem Wunsche, daß auch bie diesjährige Tagung ber Katholiken Deutschland s einen segensreichen Verlauf zum Wohle von Staat und Kirche nehmkn möge unb heißen nlle, welche daran mit» zuwirken nach Regensburg kommen, in dieser alten Bischoftstadt von Herzen willkommen!
MpoMische Zeitläüse.
(Nachdruck verboten.)
G Berlin, 18. August 1904
„Drum prüfe, wer sich ewig bindet!" So he ßt es in der „Glocke", bie überhaupt viele hübsche Wahrheits- und Weisheiistlänge von sich gibt. „Modern" ist der Spruch frenich nicht; denn wer so recht auf der Höhe der Zeit stehen will, der denkt überhaupt nicht ernultch daran, sich ewig zu binden. DaS überläßt man den Kathol ken, bie noch „rückständig" genug find, an die Hnauflösltchkeit der Ehe zu glauben. Wer als richtiger Moderner schon vor dem Eheschluß die ScheidungSparagraphen studiert hat, der braucht es mit der Prüfung nicht so streng zu nehmen. Immer 'rein in den unheiligen Ehestand; wenn's nicht gebt, können wir ja immer wieder 'rauskommen!
Für Preußen liegt wieder einmal eine Statistik der Ehescheidungen vor, und darnach hat die Zahl der Ehescheidungen sich im Jadre 1903 gesteigert, nachdem in de» beiden vorhergehenden Jahren eine erfreuliche Abminderung eingetreten war. Leider war diese zeitweilige Ausbesserung der Ehefestigkeit nicht auf die wachsenoe Tugend der Menschen, sondern vielmehr auf das neue Bürgerliche Gesetzbuch zmückznführen. Das alte preußische Landrecht machte die Ehescheidung ganz skandalös leicht; unter diesem Gesetz mit seinen faulen Scheidungsgründen, z. B. wegen unüb'erwindlicher gegen» fettiger Abneigung, gab es eigentlich nur Ehen auf Probe. Das Bürgerliche Gesetzbuch zog die Zügel etwas fester an, unb so konnte die Scheiderei nicht mehr ganz so flott gehen. Inzwischen haben nun die unzufriedenen Eheleute und findige Advokaten gefunden, baß auch in dem neutn Gesetzbuch ein Gummi-Paragraph von der „tiefen Zerrüttung des ehelichen Verhältnisses" steht, mit dem man ganz gut durch« schlüpfen kann. Die ScheidnngSurteile mehren sich wieder, und ich fürchte, daß wir schon dieses Jahr ober doch das nächste Jahr wieder zu den früheren hohen Ziffern gelangen.
Die vorwiegend katyolischen Landesteile haben eine verhältnismäßig geringere Zahl von Ehescheidungen, als die anderen. Das wird fich auch wohl so gehören. Aber die Zahlengelehrten heben hervor, daß sich auch in den vorwiegend katholischen Provinzen die Ehescheidungen vermehrten. D ese Erscheinung kann sich auch ander stetigen Zunahme der konfessionellen Mischung erklären. Heberhaupt ist mit den blanken Zahlen für die einzelnen Landesteile nicht viel anzu- fangen. Man wollte sich mal die Mühe geben, die Ehescheidungen konfessionell und beruf Lständisch zu zergliedern, d. h. anzugeben: Von den geschiedenen Ehen waren so und so viel rein protestantisch, rein katholisch, rein jüdisch; so und so viele waren gemischt. Der Ehemann gehörte in so und so vielen Fällen dem Arbeiterstande, dem Handwerkerstände, dem Kauf- monns- und dem Bauern-, dem Fabrikanten-, dem Beamten- rc Stande an. Ferner möchte ich noch wiffen, wir viele von den geschiedenen Eben kinderlos waren. Dann erst könnte man sich von der sittlichen, wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung der Scheidekrankheit ein Bild machen.
Im Ganzen find im vorigen Jahre in Preußen rund 6000 Ehen geschieden worden, d. h. auf je 1000 d' stehende Ehen eine. Eins pro Mille, wie der Bankier sagt, sieht nicht übermäßig groß aus. Aber man denke einmal darüber nach, welch eine Maffe von Leid, Schuld und Unheil hinter 6000 Ehescheidungen steckt. 6000 Familien fliegen unter Haß und Jammer in die Lust; 12,000 Erwachsene knicken zusammen in rhrer wirtschaftlichen oder sittlichen oder wenigstens ihrer gemütlichen Existenz; zahlreiche Angehörige leiden mit unter dem Familienlrach, und nun erst die Kinder, die armen, meistens noch kleinen und unschuldigen Kinder — ihnen wird der warme Schooß der Familie, in dem sie zum Heil an Leib und Seelenruhig.aufwachsen sollten, zerrissen und entrissen. Sie find oft schlimmer daran, wie Waisen, da sie ja häufig in den Streit der beiden Eltern hineingezogen wer- den. Das Grab deS gestorbenen Vaters ober der gestorbenen Mutter ist eine Stätte der Erbauung und des Segens; das Wohnhaus des geschieseren Vaters ober der verstoßenen Mutter ist ein Stein des Anstoßes, eine Quelle ber Verirrung unb bes AergernisseS für das junge Gemüt.
Die Ehescheidung ist etwas Schimpf lich e s für alle Familienglieder. Aber doch gift es Lob preifer für diese Einrichtung. Sie fegen, eine zer rüttele Ehe sei nrch schlimmer als die Ehescheidung. Ja, was hcißt: zerrüttete Ehe? ES gibt ja Fälle, daß ein weiteres Zusammenleben absolut unmög
lich ist, und in solchen Fällen läßt ja auch b>“ strenge Ehewach enn, bie katholische Kwche, bir räumliche Trennung der Ehegatten zu, aber unte ’ Fortbestand des unlöslichen Bandes. Unter den 6000 preußischen Ehescheidungen bilden diese wirklich unmöglichen (Semeinfambhen nut einen kleinen Bruchteil; die groß: Masse de Geschiedenen Härte wodl noch zusammenlebeu können, aber ber eine Teil ober alle beib< wollten nicht ernstlich. Die Leidenschaft flöt- und die Liebe wollte nicht bleiben; die eigennütziger Berechnungen und Erwartungen, mit denen mar das „Geschäft" ber Ehe abgeschlossen hatte, wurden enttäuscht und dadurch trat Widerwille ein; man merkte sich gegenseitig Schwache unb Fehler an, und statt sie in Liebe unb Geduld gegen einander aufzurechnen, fing man an zu kritteln, zu schelten, zu zanken ober gar handgreiflich zu werden; die einzelnen Reibungen ließ man zu einer chroniscken Feindschaft, zu Haß und Verachtung sich auswachsen; weil es zu Hause ungemfltiid; wurde, suchte man sein Vergnügen in gefährlicher oder sogar schändlcher Wrise außerhalb des Hauses. Das Schabenfeuer, das klein anfing unb durch einen resoluten Gnff im Ketm hätte erstickt werden können, brannte stets höher und stets weiter hin, bis man alle Löschungsoersuche für unmöglich erklärte.
„Unerträglich" ist ein schnell geprägtes Wort. Aber wennsber Mensch ernstlich — will, so kann er meistens zu : Verträglichkeit unb Erträglichkeit gelangen. Er muß nur von vornherein das Bewußtsein haben: Du mußt Dich vertragen, Du mußt bas Unbequeme träges, um Deines Gewissens willen, um Deiner Ehre willen, um Deiner Ätnber w den! Freilich, wenn dieses Pflichlbewußisein, dieser innere Drang zur Einhaltung der von Gott unb Menschen geheiligten Ordnung, dieser opferwillige Familiensinn von vornherein fehlt, dann müssen die Glückwünsche zum Hochzeirsfeste bei der ersten scharfen Prüfung in Scherben gehen, gleich dem Geschirr am Polterabend.
Zum Ehestand gehört Nachsicht und Geduld. Im schwärmerischen Bramstand betiteln sich bie jungen Leute wohl als Engel oder Helden; aber es find unb bleiben Menschen mit all' dem unschönen Zubehör, bas die Menschlichkeit im irdischen Jammertal an fich bar. Der eine Teil ist unvollkommen, der andere Teil auch. Ost wurzelt nun bas Hebel darin, daß ber ehe Teil für feine eigenen Fehler blind ist, dagegen bie Mängel unb Fehler des andern Tests mit einem Vergrößerungsglase betrachtet. „Ich habe immer Recht und du hast- immer Unrecht!" Mit dieser fenberbaten Anschauung, die oft in Worten unb noch öfters in Talen zum Ausdruck kommt, ist natürlich kein Frieden zu begründen. Die pharisäische Selbstüberschätzung unb eigensinnige Rechthaberei wirkt wie Scheidewasser auf den Trauring. Unb gerade die Leute, die auf ihre überlegene Tugend pochen, haben meistens die geringste Berechtigung dazu. Wer wirklich rerpfinftig unb brav ist, der sagt einfach : Jeder Mensch hat seine Mängel und Fehler, wir müssen uns gegenseitig verzeihen, uns gegenseitig stützen und fördern, uns gegenseitig ertragen unb vertragen! Dieses System, mit Treue und Geduld durchgeführt, hilft auch über schwere Krisen hinw-g, und wenn bei b-m schlechteren Teil nur noch etwas guter Wille zu finden ist, so werden sich nach unb nach erfreuliche Früchte dieser Erziehungsmethode auf Gegenseitigkeit zeigen. Heber Haupt sollten bie jungen ©teleate sich vor dem Traualtäre klar machen, daß sie noch nicht fertige Menschen sind, sondern daß sie in der Ehe erst vollwertige Menschen werden sollen. Erst erziehen Mann unb Frau sich gegenseitig, unb dann wirb bas Erziehungswerk vertieft unb vollendet durch die Kinder. Denn e8 ist eine tiefe Wahrheit in dem launigen Spruch, daß bie Kinder bie Et-ern erziehen.
Unb wohl den Eltern, die in der Erfüllung ihrer Erziehuigspflichl sich selbst erziehen, ver- ebeln, vervollkommnen lassen! Je mehr sie wirkliche Eltern werde:-, brsto unfaßbarer wirb ihnen der Scheidnngsgeöanke fein.
Aber gerade deshalb fürchte ich, daß unter den »modernen Menschen" die Ehescheidungen zunehmen. Denn der traurigste Zug der Zeit ist da« Nachlassen des Elterntriebes. Die Parole, die von den Aufgeklärten und leider auch von ber emaneipienen Weiblichkeit aufgeg-.ben wird, lautet: DaS Individuum muß sich aus- leben! DaS liebe Ich, das überschätzte Selbst soll bestimmend sein. Der Mensch soll feinen eigenen Trüben blindlings folgen, wie daS T er seinem Instinkt. Die Nochkommer schott gilt olS Nebensache; wenn es welche gibt, so findet man fich auf diejenige Weife ramit ab, die das Sich- ausleben möglichst wenig stört. Bisher war eS schon gefährlich, daß Beruf und Sitte die Väter so sehr ron der Kmdet sir-be trennte. Jrtzt wird