Einzelbild herunterladen
 

Ke*** •* WH*

gulda, Freitag, den 8. Juli 1904,

J£ 153

„Komm, Gertrud!" Und er zog das Mädchen hinaus. Draußen tröstete er sie, soweit seine karge Rednergabe eS gestattete.

„Hat ste Dich schon früher einmal geschlagen?" DaS Mädchen nickte heftig und weinte leise. .Warum hast Du mir daS nie gesagt?" DaS Kind schwieg und weinte stärker.

Bühl fluchte vor stch hin.

.Ich gehe mit Dw zum Zuckerbäcker, Gertrud!

Und sie gingen die Kölnstraße entlang.

„Ihr beide geht sehr artig spazieren!" Und der Lipp» Henn, der Hüne mit dem Riesenschnurrbart, stellte sich vor Bühl bin und verzog seinen bretten Mund zu einem gutmütigen Lachen.

.Henn, Du könntest mir einen Rat geben , fegte Bühl und erzählte ihm die Geschichte. Der Lippen- henn machte ein nachdenkliches Gesicht, klopfte dann dem Freunde aus die Schulter und warf dem blonden Mädchen einen väterlich wohlwollenden Blick zu.

Du kennst doch die alte Lene in der Wind- mühlengaffe?" fragte der Lippevheun.

DaS Jüngserchen, dar früher ,m Belderbwcher Hof'dreißig Jahre lang als Köchin gedient hat?"

„Ja, die! Eine herzensgute Seele! Dazu noch ein wenig verwandt mit mir, mütterlicherseits, glaube ich das BäSchen von der Schwester meinet seligen Großmutter. Eine gute alte Frau! Die würde sich freuen, wenn so ein Bögelchen in ibren alte-- Tagen in ihr Jungfernstübchen giflattert käme!" Und btr biedere Henn zwickte das lächelnde Mädchen mit seinen braue en dicken Fingern in die schmalen Wangen.

.Henn", tag e Bühl ernst, „willst Tu mit daS besorgen? Ich laß das Mädchen keine Stunde mehr bei meiner Frau." .

,Ta hast Du weine Hand daraus!" Und die drei wanderten, statt zumZuckelbäcker.drrWindmühlengaffe zu.

.Zum Zuckerbäcker gehen wir nachher", raunte Bühl der blonden Gertrud inS Ohr.

eine rheinische Geschichte von Wilhelm Ruland.

6 ------ (Nachdruck verboten.)

DaS Kind folgte dem fremden Mann mit der- fchämtem Zutrauen in sein Zimmer. Nun, als er eS dort zwischen seine Knie nahm und de» Arm väterlich um seine Schulter legte, sah es ihn mit seinen un­schuldigen rotgeweinten Augen fragend an.

.Warum hast Du geweint?" fragte Bühl weich

.Mutter hat mir den Kuchen weggenommen und thn selber gegeffen." Und daS Schluchzen begann von neuem. Bühl war nie ein Redner gewesen. Auch jetzt suchte er vergebens nach einer Einleitung.

„Sag mal Gertrud, willst Du mit mir gehen? Du sollst es gut bei mir haben. Willst Du?"

Da hörte das Mädchen aus zu weinen und sah ihn einen Augenblick lautlos an.

Ja, ja!" rief es dann mit einem Male.

Und der bärtige Mann hob daS Köpfchen des Kindes empor und küßte es.

AlS Bühl am Vormittag des folgenden Tages seinem Hause in der Engelthalerstraße zufuhi, saß neben ihm ein scheublickendes Mädchen in hübschem Kattunkleiv. Dies hatte ihm der neue Pflegevater in Wesseling gelaust. Sein Weib wachte ein erstauntes Gesicht, als ihr Mann, daS Mädchen an der Hand fügend, in die Stube trat. .Hier bringe ich Dir einen neuen, lieben HauSgeuvffen", sagte Buhl warm und forschte mit einiger Äengstlichkeit nach den Zügen (einer Frau. Da» Resultat war wenig erfteulich. Auch die blonde, kleine Gertrud merkte sofort mit dem den Kindern eigenen Scharfblick, daß die mürrische Fra« ihr weniger gut gesinnt fei, al» der bärtige Manu, der sie mit vieler Mühe den WirtSleuten tn Wesseling abgerungen hatte, und ihr gesagt, sie wöge

Anzeigen: Vie et* ' tpetftige Petitzeile oder » deren Saum 15 Pf-.

Reklamen die PeMzette

25 Pfg.; bei Wieder­holungen wird entfpr

Rabatt gewährt. It

r vrrrck »ad Verlag 6< znldaerrlctiendrnckeN in §nlda (Harmonik e Zernfprecher Ur. 9.

Sä

SerantworMcher K

4chrtstletter:Iosar«HN

wocheibeiiagei„IllustrierteSomüagrzeitung

Deutscher Reich.

Berlin, den 7. Juli 1904.

** Freiherr von Mirbach und die kakho- lische Kirche. Dem Oberhofmeister Fryr. «.Mir­bach hatte der.Reichsbote' dieser Tage nachgerühmt, daß er dem Reichskanzler durch seinen freimütigen Widerspruch gegen die romfreundliche Politik, z. B. in der Jesuitenfrage unbequem geworden sei. Die ,Kreuzztg.' bestritt unter Berufung auf sein Verhallen in der Generalsynode, daß et in der Jesuttensrage die Regierungs Politik bekämpft habe. Darauf ist erwidert worden, sein Verhallen in der Generalsynode beweise nichts; man habe andere Beweise für seine Stellung­nahme. Nun druckt der,Reichsbote' im Wort­laut einen Vortrag ab, den Frhr. v. Mirbach am 13. Juni auf der Jahresversammlung des Evangelisch-Kirchlichen Hilfsvereins und der von der Kaiserin „aus ihrer bewußt evangelischen Gesinnung heraus" ins Leben gerufenen evange­lischen „Frauenhilfe" gehalten hat. Tarin be­sprach er das Verhältnis der „Frauenhilfe" zum „Vaterländischen Frauenverein" und führte aus, daß erstere notwendig sei, weil ihre Arbeit vor allem eine kirchliche sei und im engsten Anschluß an die Kirche getrieben werden solle, während der Frauenoerein alle Konfessionen umfasse. Zur Kennzeichnung der Gesinnung des Oberhofmeifiers gegenüber der katholischen Kirche heben wir aus dem Borttage folgende Sätze hervor: „Die katho­lische Kirche . . . geht zielbewußt ihre eigenen Wege. Aber di« äußerlich machtlose evangelische Kirche soll sich hier den Ansichten des Vater­ländischen FrauenoereinS fügen und verliert da durch den kirchlichen Einfluß auf ihre Angehörigen. Und was ist der Erfolg? — daß die katho­lische Kirche an Macht und Einfluß stets wächst und dadurch, daß sie als römische Kirche Politik treibt, dem Staate unbequem wird, während die evangelische Kirche, das beste Gegengewicht gegen die liebermacht der katholischen und die treueste Stütze des Staates, immer mehr beiseite geschoben wird. So wird auch in unseren östlichen Provinzen vielfach die Ansicht vertreten, daß zum Schutz des Deutschtums gegen den Polonismus die Arbeiten des Vaterländi­schen Frauenvereins, weil er die Deutschen aller Konfessionen zusammenfaßt, wichtiger und er­folgreicher fein, als die Arbeiten der Evange­lischen Frauenhilfe, und daß man letztere des­halb nicht fördere oder ganz abschaffen solle. Wir können einer solcher Auffassung nicht zu- stimmeu, so sehr wir sonst die Bedeutung der Tätigkeit des Vaterländischen Frauenvereins anerkennen. Erstlich läßt sich die katholische Kirche dadurch in ihrer eigenen Frauenarbeit absolut nicht stören und nur wieder die eoan- gelische Kirche wird zurückgehalten und in ihrer Arbeit gehemmt. Wo aber die katholische

Ktrche als politische Macht, die fie nun einmal ist, auftritt, da müßte doch jedem täglich mehr klar werden, ob der deutsche Staat, das evangelische Kaisertum so unbedingt auf die römisch-katholische Kirche sich oerlassen kann, wie auf die evangelische. Des- halb müßte gerade in den östlichen Pro- otn|en mit der Stärkung des Deutschtums die Stärkung der evangelischen KircheHand in Hand gehen. . . . Man kann hoffen, daß sich gerade in unserer Zeit die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Stärkung unserer soange- lischeu Kirche mehr und mehr in weitere Kreise Bahn brechen wird. Die katholische Kirche, mit der wir gern bei den Gefahren, die dem Christen­tum drohen, brüderlich zusammenstehen möchten, entwickelt sich immer machtvoller und erringt dadurch, daß fie sich geschickt als die unterdrückte hinzustellen weiß, einen Vorteil nach dem andern, während sie selbst der evangelischen Kirche nicht einmal die Existenzberechtigung zuerkennt. Was könnte in dieser gefahrvollen Zeit des kraffen Materialismus und Sozialismus erreicht werden... Wenn die katholische Kirche, statt unsere Kirche, unsere Taufe, unsere Konfirmation, unsere Ehr zu verdammen, der versöhnenden Liebe des Hei­landes folgte und uns die Hand reichte. . . . Jetzt strebt die katholische Kirche überall schärfer denn je nach strengerer Trennung, sie sucht so­gar schon die seit langen Zeiten, namentlich in den Kriegen so schöne und wohltuende Gemein­samkeit militärischer Gottesdienste zu verhindern. So lange sie aber ihren Anspruch als die allein­seligmachende nicht ausgibt und uns stets unduld­samer entgegenttitt, während Tausende von Katho­liken mit uns zusammenstehen möchten, müffen wir auf der Wacht stehen und doppelt alles zur Stärkung unserer Kirche tun."

* Ei« „Nörgler" scheint der Oberbürger, meister Schnetzlet von Karlsruhe zu sein. Bei der Enthüllung des Karlsruher Bismarck- Denkmals hielt er eine Rede, worin er über die vorbildliche Bedeutung des Fürsten Bismarck sprach und worin u. a. folgende Änzüglichkeiten oorkarnen: „Nicht als schlauer Auskundschafter und gefügigerVollstrecker jederWunsches- regung hat er dem alten Heldenkaiser zur Seite gestanden, sondern als der offene Ratgeber, der auch mit der unerwünschten, selbst mit der bitteren Wahrheit nicht zurückhielt, wenn die Treupflicht ihm gebot, ste zu sagen. . . . Nicht- befferes können wir dem deutschen Kaisertum wünschen, als daß ihm auch in künftigen ernsten Zeiten jeweils eine so zuverlässige, wenn auch knorrige und raube Stütze zur Hand fein möge, als es Bismarck war. Ein Realist ist er ge­wesen, aber gewiß nicht im Gegensatz zum Idealen, sondern nur im Gegensatz zu allem hohlen Glanz und Schein, zum Phrasen- tum und zur pathetischen oder fenümentalen Komödiantenhastigkeit. Das möge uns fein Bildnis vorn granitenen Sockel herunter lehren, daß wir unfern Sinn dem Kern der Dinge und nicht ihrer Schale zuwenden, und daß wir mehr nach dem guten Erfolg als nach dem lauten Beifall streben, und daß eine einzige wackere Tat tausendmal wertvoller ist als ein ihn fortan Vater nennen; denn wie ein Vater werde er für fie folgen fein Lebtag. Dies und vieles an­dere Schöne hatte et ihr gestern abend gesagt, als er auf dem Bett in dem Zimmer saß und mit der breiten Hand durch ihr flachsblondes Haar fuhr. Und die kleine Gertrud harte sich Dor genommen, alles za tun, um sich dem guten neuen Vater dankbar zu zeigen. Gelegenheit bet sich bald in Fülle. Frau Bühl war der blonden Gertrud durchaus nicht gewogen und lies dies merken, wo fie konnte. Glücklicherweise war daS Mädchen an Hausarbeit gewohnt, und die chr Frau Bühl auftrttg, fiel ihr nicht schwer. Eines halte Bützl mit allem Nachdruck durchgesetzt, trotz des Wider­spruchs seiner Frau, daß Gertrud die Schule besuchte. DaS Mädchen war ihm unsäglich dankbar dafür; denn die Schulzeit fiel auch meist zusammen mit den Stunden, wo Bühl außer Hause weifte, und bann fühlte sich das Kind nicht wohl in seinem neuen Heim.

Büol bemerkte mit steigendem Grimm die lieblose Behandlung, die Gerttud von seinem herzlosen Weibe erfuhr. Mehrmals schon war es darüber zu Szenen gekommen, und auch diese vermied Bühl endlich, als er merkte, daß seine Frau dem-Mädchen nachher den erlittenen Aerger entgalt. Als er eines Tage- nach Hause zurückkehrte, hörte er Gertrud laut weinen. Er stürzte in die Stube und packte mit einem wilden Fluch den Arm seines Weibe-, der eben auf den Rücken des Geschöpfe- niederfauste.

„Du wüst das Mädchen nicht mehr anrühren!" grollte er. Das Weib sah ihn herausfordernd an.

„Den neuen Milchtopf mit zwei Maß Milch bat mir daS dumme Ding zerbrochen!" brauste fie auf. „Unb wärst Du nicht gekommen, fo hätte ick sie schwarz unb blau gehauen!" Und fie stemmte bie Arme m d'e ©eiten.

„Weib!" schrie Bühl mrt mächtiger Stimme unb hob" drohend den Arm, ließ ihn aber sofort wieder finken. Er war nicht mehr der jähzornige Hannes Bühl von ehedem.

ganzes Meer voll schöner Worte. Mut und Kraft haben geflammt in seiner deutschen Seele. Nun kann ja freilich ein Staatsmann auch ver­mittels glatter Geschmeidigkeit durch zahl­reiche Htndermffe heil und unversehrt hmdurch- schlüpfen, aber große Ziele wird er damit allein niemals erreichen; und gewiß Hütten die ver­schiedenen deutschen Stämme in der Temperatur freundlichen DiplomatenläeyelnS nicht zusammengeschmiedet werden können. Die große Zett der nationalen Einigung, der schweren Kämpfe unruhmvoller Siege, womit das Reich erstritten wurde, ist nun in die Vergangenheit gesunken und eine mue Zett mit neuen Problemen und neuen Aufgaben ist über unserem deutschen Volke heraufgezogen. Aber darin ist kein Wandel eingetreten, daß wir in kleinlichem Hader und Streit, in eitlem Scheinwesen und Phrasentum unfähig fein würden zur Betätigung schöpferischer Kraft."

% Der .Rüchsarizeiger' meldet, daß der frühere Gesandte in Mexiko Dr. Freiherr von Heyking zum Gesandten am serbischen Hofe, und der bisherige Generalkonsul in Budapest, Leqationsrat v. Below-Schlatar, unter Ver­leihung des Titels und Rangs eines außer- ordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Ministers, zum Geheimen Legationsrat und vor- tragenden Rat im Auswärtigen Amt ernannt worden ift

* Die Verhandlungen über den neuen deutsch- rrrssischen Handelsvertrag werden in nächster Woche wieder ausgenommen. Petersburger Mel­dungen teilen sogar mit, daß diese Woche der Präsident des russischen Miniflerkomitees, der einstige Finanzmintster v. Witte, nach Berlin kommen, um als Vertreter der russischen Regie­rung den deutsch-russischen Handelsvertrag zu unterzeichnen. Das ist nun wohl nicht zutreffend. Es wird aber offiziös bestätigt, daß Witte diese Woche noch Deutschland kommt. Er will mit unseren leitenden Staatsmännern persönlich in Verbindung treten, um die noch vorhandenen Schwierigkeiten, die dem Abschluß des Handels­vertrages im Wege stehen, zu beseitigen. WUte nimmt in Rußland, auch durch sein Vertrauens- verhältnis zum Zaren, eine so hervorragende Stellung in allen die wirtschaftlichen Beziehungen berührenden Fragen ein, daß man von seinem Eingreifen ein günstiges Ergebnis der Verhand­lungen erwartet. Von anderer Seite wird ge­meldet, daß in diesen Tagen Geheimrat Firni- diatew und Staatsrat Langowoy nach Berlin reifen, um in den Konferenzen wegen des deutsch- russtschen Handelsoertrages Rußland zu vertteten.

() Die Tischler iunirng z« Berlin hat an den Vorstano der LanoeSverstcherungsanstalt ein Schreiben gerichtet, worin sie ihren Verdruß darüber Ausdruck gibt, doß entgegen einem Vor­schläge der Holzberufsgenoffenschaft ein gereifter Tischlermeister Sievert zum Beisitzer des Schiedsgerichts der Berufsgenvffenschoft in Vorschlag gebracht worden ist. Sie nimmt nicht allein daran Anstoß, daß der Vorgeschlagene kaum 2 Jahre selbständig ist, sondern auch daran, daß er „durch feine Handlungsweise unserem Gewerbe den Beweis erbracht hat, daß

er noch vollständig auf dem Arbeiter* standpunkte steht. Die Tischlerinnung habe daS lebhafteste Jntereffe, „daß ein so wichtiges Amt nicht von allzu arbeiterfreundltchen Arbeit- gebetir, welche sich von ihrem sozialdemo­kratischen Standpunkt noch nicht loS- gerungen haben, besetzt wird", und erhebt „gegen derartige ganz willkürliche Vorschläge seitens der Landes-Versicherungsanstalt auf das allerent­schiedenste Protest". Die Innung, die im übrigen die Sache gar nichis ar geht, da fie mit der Wahl der Beisitzer nichts zu tun hat, ist also der Ansicht, daß zu Beisitzern nur arbeiterfeindliche Arbeitgeber berufen werden dürfen. Da ist es doch wohl ganz gut, daß der Vorstand der Landesversicherungsanstalt gerade den von der Innung gewünschten Arbeitgeber nicht als ge­eignet zum Beisitzer erachtete.

*, Auch unter den Arbeitgebern findet der Zehustnndentag Anhänger und Befür­worter unb zwar nicht der Zrhnfiundentag für Fabrikardetterinnen, sondern der allgemeine Moximalarbettskag für alle Arbeiter, eingeschloften die Manner. In einem Rundschreiben des Vereins süddeutscher Baumwoll-In­dustrieller heißt es: „Die Reichsregierrmg chetnt einem Antrag der Gesellschaft für soziale Reform entgegenkommen zu wollen, wenigstens inb die bayerischen Handelskammern bereits zu Gutachten über diesen Antrag aufgefordert worden." Hierzu erklärt die.Soziale Praxis': „Der Antrag der Gesellschaft für soziale Reform, her in der Aut schußfitzung vom 10. Dezember 1903 beschloffen und dem Bundesrat Anfang Januar 1904 ein gereicht worden ist, will die Herabsetzung der Arbeitszeit für Fabrik­arbeiterinnen auf 10 Stunden, an Vorabenden von Sonntagen und Festtagen auf 9 Stunden gesetzlich festlegen; es werden dann weitere Be­stimmungen für tie lieber arbeit (höchstens 12 Stunden täglich, 59 Stunden wöchentlich), die Mittagspause (l1/» Stunden), die Beschäftigung von Wöchnerinnen gefordert." Nun meint baS süddeutsche Rundschreiben, für diese Anträge würden schließlich alle Parteien eintreten. An­gesichts dieser Sachlage habe die Generalver­sammlung des Vereins süddeutscher Baumwoll- Industrieller einstimmig beschloffen, in erster Linie an den jetzt gütigen Vorschriften über die Arbeitszeit festzuhalten; sollten aber die gesetz­gebenden Faktoren stch entschließen, eine weitere Beschränkung der Arbeitsdauer gerichtlich fest­zulegen, fo erachtete der Verein „gegenüber der von der Reichsregierung in Aussicht genommenen weiteren Differenzierung der Arbeitszeit je nach den einzelnen Arbeiterkategorien und SUtcrSHaften den allgemeinen zehnstündigen Arbeitstag für weitaus das kleinere Nebel". Der Zihnstundentag der Frauen bedeute in der Textilindustrie ohnehin den allgemeinen Zehnstundentag; die Festsetzung einer verschiedenen Arbeitszeit für männliche Arbeiter, für Arbeiterinnen, für Eyesrauen und für Jugendliche fei viel störender als der all­gemeine Zednstundentag; eine gesetzliche Fest­legung der Mittagspause fei unnötig. Bei diesem Beschluß sei die Generaloersammlurg von der Erwägung auSgegangen, „daß es stch bei der

In bas bescheidene Stübchen btr Jungfer Lene in btr Windmühlengasft ist mit bem neuen Gast ein neuer Stückchen Sonnenschein geflattert. DaS alte Jüngserchen war außer sich vor Freude über baS von ihr erbetene Vertrauensamt, unb als ihr bet biedere Bühl vertraulich anbeutete, welch harte Behaublung die blonde Gertrud bei seiner Alten auszustehen hatte, da war bie alte Lene bem Weinen nahe. Unb wie chr bet Johann Bühl einen bicken Eintritts Pfennig in Gestalt dreier blanker Brabanter Kronentater beim Abschied in bie welke Hand brückte, ba wehrte fie sich, sträubte fie sich, unb nur auf bie scherzhafte Drohung Bühls, er werbe die Gertrud andernfalls wieder mit« nehmen, ließ fie sich zur Annahme beS vielen Geldes bewegen.

DaS Leben bet blonben ©ertrub gestaltete sich nunmehr zu einer Idylle. Seine mangelhafte Schul- btlbung ergänzte bas Mädchen durch eisernen Fleiß, unb ®e:tiub8 EntlcffnngSzeugniS enthielt so schöne Noten, daß Bühl fie sofort mitnahm unb ihr in bem größten Laden der Sternstraße ein neues Kleid kaufte. Den HandarbeitSkursus bet Lehrerin besuchte fie noch eine Zeitlang weitet; dabei lettete fie die alte Lene, die zuerst als Küchenmädchen bei dem kurfürstlichen Hausverwalter und später in der Küche des kurfürst­lichen H-nSministerS Belderbufch bedienstet gewesen, zum Kochen an, und auch in dieser praktischen Kunst machte Gertrud erfteuliche Fortschritte. Während beS Nachmittags machten die beiden regelmäßig einen Spaziergang, versäumten auch nie, auf bem Herrn gang die alte Minoritenkirche in der 53t über gaffe aufzu­suchen. BIS zum Lichtanzünben „unterhielt fick daS Jüngserchen in mütterlicher Welse mit ihrem Pflege­kind, und häufig überraschte Bühl das Paar, tote ba» blonde Mädchen zu Füßen der alten Lene auf dem Schemel lauerte und ihren Erzählungen und Be­lehrungen lamchte. Die Lene wußte manches aus bet Sagenchrouik beS alten Bonn, unb zur großen Freude ihres Schützlings kam fie immer ans ihre Lieblings»

i €rsks Blatt <