31. Jahrgang.
KU-a, Dienstag, den 5. Juli 1904.
M 150.
Das Gesetz wirk hierauf angenommen.
Die Petitionen dazu werden durch Uebergang zur Tagesordnung erledigt.
Damit ist die Tagesordnung erschöpft.
Minister Frhr. v. Hammerstein verliest eine Kgl. Beiordnung, welche die Vertagung des Landtages vom 4. Juli bis zum 18. Oktober auSspricht.
Der Präfident stellt die erste Sitzung Sude November in Aussicht, auf deren Tagesordnung i>ie Ktrchensteuergesetze stehen sollen.
Schluß */*3 Uhr.
I das Dreimarkstück habe leiten lasten, weil dieses nicht „in das Dezimalsystem paffe" oder „eine Konzession an die Bimetallistrn" darstelle, sehle eS an jedem Anhalt, lieber die Frage einer brauchbareren Gestaltung des Fünfmarkstückes, das wegen Unhandlichkeit anscheinend weniger beliebt ist, seien feste Entschließungen noch nicht getroffen. Nach anderer Meldung soll die Ab- ficht bestehen, das Fünfmarkstück erheblich dicker zu machen, um die beiden Grundflächen verkleinern zu können.
*** Dem „Reichsverbaude gegen die Sozi aldemokratie" haben stch wettere Vereine angeschloffen. Ihm gehören jetzt 14 009 Mitglieder an. Wie der .Vorwärts' mitteilt, hat der Reichsverband auch an den Vorsitzenden der Generalkommisston der Gewerkschaften Deutschlands, an den sozialdemokratischen Abgeordneten Legien, ein Schreiben gerichtet, in dem der genannte Herr aufgesordert wird, dem Reichs- verbände beizutreten und einen Beitrag zu leisten. Daß Herr Legten diesen Brief höhnisch beantwortet, kann man ihm nicht verdenken.
* Auf Veranlassung des Staatssekretärs des Innern fand am Donnerstag, den 30. Juni eine Besprechung statt zwischen den Vertretern des Walzdraht- und Drahtstift-Verbandes und Vertretern der an den Erzeugnissen der Walzdraht- und Drahtstistindustrie interessierten Kreise sowie sonstigen Sachverständigen über die Verhältnisse und Wirksamkeit des Verbandes deutscher Drahtwalzwerke und des Verbandes deutscher Drahtstiftfabrikanten. Neben den Vertretern der beteiligten Behörden waren etwa 85 Sachverständige anwesend. Die Verhandlungen betrafen, wie der .Reichsanzeiger' berichtet, in der Hauptsache die von den Verbänden 06t Drahtindustrie befolgte Preispolitik und das Verhältnis des Absatzes im Jnlande zu dem Export, ferner die Frage der Konzentration der Industrie (Ausschaltung und Zusammenlegung von Betrieben) und die Rückwirkung der Kartellbildung auf die Arbeiter- und Lohnvtt- hältniffe. DaS Schwergewicht der Verhandlungen I lag in den Auseinandersetzungen zwischen den Eisenhändlern und den Vertretern des Draht- stiftoerbandes, die zu einem Ergebniffe führten, das einen Ausgleich der bestehenden Differenzen I erhoffen läßt. Der stenographische Bericht über ! die Verhandlungen wird demnächst im .Reichsanzeiger' veröffentlicht werden.
ea. Eine sonderbare Paritätsgeschichte wird aus Essen berichtet. Der Direktor des paritätischen Gymnasiums ließ durch die Klaffen- lehret eine Untersuchung darüber anstellen, welche Schüler einer katholischen Kongregation oder einem protestantischen Bibelkränzchen angehören. Dieser gleichartigen Behandlung ist bald ein sehr imparitätischer Akt gefolgt. Die katholischen Schüler, welche sich als Mitglieder einer katholischen Kongregation bekannt hatten, wurden Samstag vormittag zur Aula berufen und ihnen dort eröffnet, daß fie sofort aus der Kongregation auszutreten hätten, widrigenfalls sie mit Karzer brzw. Entlaffung von der
Schule bestraft würden. Den Teilnehmern an den Bibelkränzchen ist dagegen keinerlei Verwarnung zuteil geworden. Diese Bibelkränzchen, die 200 Mitglieder haben, unterstehen nicht der Leitung des Religionslehrers an der Anstalt, wie es ministerielle Vorschrift ist, sondern eines OrtSgeistltchen. Die unterschiedsvolle Behandlung muß darum um so eigentümlicher erscheinen. Ein solches Vorgehen ist uns unverständlich. Welchen Eindruck mag es auf die jungen Leute machen, wenn die Teilnahme an einem religiösen Verein, der die Religiösität und Sittlichkeit der Jugend fördern und pflegen will — mit Karzer und Entlaffung bestraft und damit auf gleiche Stufe gestellt wird mit wüsten Saufgelagen und anderen Ausschreitungen. Heißt das kämpfen für Religion, Sitte und Ordnung? — Kann man da noch über die „Verhätschelung" der Katholiken sich beklagen?
Abgeordnetenhaus.
Schlußsitzung.
Eröffnung 3',«.Uhr.
«s sind zirka 40 Abgeordnete anwesend.
Minister Frhr. v. Hammersteiu verlies die Kgl. Kabinettsordre, worin die Vertagung angeordnet wird.
Damit ist die Tagesordnung erschöpft.
Präsident v. Kröcher beraumt die nächste Sitzung auf den 25. Oktober, 1 Uhr, mit der Tagesordnung: Petitionen.,
Herrenhaus.
26. Sitzung vom 4. Juli 1904,
Eröffnung 12'/« Uhr,
Erster Gegenstand der Tagesordnung ist die Beratung des a«S der Initiative des Abgeordnetenhauses (Antrag v. Arenberg (Zentrums) hervorgegangenen Gesetzentwurfes betr. die Aenderung des Ausführungsgesetzes über die Schlachtvieh- und Fleischbeschau. Durch diese Novelle soll die Anordnung von Nachuntersuchungen des in SchlachthauS- »emeinden eingeführten tierärztlich untersuchten frischen Fleisches unmöglich machen. Die Kommission deS Herrenhauses hat mit 13 gegen 7 Stimmen das Gesetz angenommen.
In der Generaldebatte nahmen nur die Oberbürgermeister von Köln, Hildesheim, Halberstadt, Berlin und Königsberg das Wort zu einem recht leb' haften Protest gegen dielen Gesetzentwurf. Die Mehrheit nahm überhaupt nicht das Wort, und auch die Regierung beteiligte sich nicht an der Beratung. Die Oberbürgermeister stellten eS so hi», als wenn durst, daS Verbot die Nachuntersuchungen der Vertrieb bei minderwertigen Fleisches in den Städten nicht mehr verhindert werden könnte. Die Berechtigung der Polizei, das Fleisch bei den Schlächtern und auf den Märkten zu untersuchen, sichere keine richtige Kontrolle. Diese sei vielmehr nur in den Schlachthöfen möglich.
In der Speztalberatung meint
Oberbürgermeister Bender-Breslau, daß die Folge dieses Gesetzes fei, daß man auch die Schlächter von der Unbequemlichkeit, im Schlachthause zu schlachten, befreien müsse. Es werden überhaupt Schäden nach allen Richtungen eintreten. Das Gesetz gehe dahin, den Betrug zu prämiieren.
• Der rusfifch'kapM-che Krieg,
Gegenüber der gestern telegraphisch mitgeteil- ten Meldung des Admirals Togo, daß Montag Nacht ein russisches Wachtschtff, das einem Schlachtschiffe ähnlich sah, bei der Hafeneinfahrt von Port Arthur durch einen Torpedo zum Sinken gebracht worden und ein russischer Torpedobootszerstörer ebenfalls in den Grund gebohrt worden sei, weiß die russische Telegraphen- Agentur aus Mulden vom 2. dS. Mts. nur folgendes zu berichten: Nach Mitteilungen aus Port Arthur herrscht in der Festung vollkommene Ruhe. Die Bevölkerung ist an die Beschießung durch die japanische Flotte so gewöhnt, daß di< Schüsse nunmehr keinen Eindruck machen. Dai öffentliche Leben nimmt seinen gewöhnlichen Sauf, die. Stadt hat an nichts Mangel.
DaS russische Wladiwostok-Geschwader ist bekanntlich nach einer Reutermeldung am Freitag abend der Verfolgung des Admirals Kamimura abermals entkommen. Kamimura scheint hiernach vom Unglücke in besonderer Weise verfolgt zu sein. Bestätigt stch die obige Meldung, dann wird seine Stellung kaum noch zu halten fein. Schon bei der Nachricht von dem ersten Entweichen des russischen Geschwaders erhob sich in Japän gegen Kamimura ein Sturm der Entrüstung, der nur im Hinblick darauf sich wieder beschwichtigte, daß ihm Gelegenheit geboten wer» bett sollte, den begangenen Fehler wieder gut zu machen. Dieser Sturm würde jetzt mit erneuter Heftigkeit ausbrechen und ihn hmwegfegkn.
Eine Meldung des Reuterschen Bureaus aus Liaujang von gestern besagt, da den Operativ-, neu im Felde durch Regenfälle ein Ende gesetzt werde, sei GeneralKuropatkinnach Haitscheng zurückgekehrt. Die Meldung, daß die Raffen den Talingpaß wieder genommen hätten, sei verfrüht gewesen. Weder die Japaner noch die Russen konnten in genügender Stärke an den Paß herankommen, um eine tatsächliche Besetzung desselben auszuführen, da tiefer Schlamm die Fortbewegung der Geschütze und des Trains unmöglich mache. Die beiden Ar meen befänden sich nunmehr im Biwack zu beiden Seiten des Paffes.
Von japanischer Seite wird amtlich gemeldet: Es werden Gerüchte verbreitet, daß am Abend des 12. Juni drei bei Litiatung liegen gebliebene russische Verwundete von der angreifenden japanischen Kavallerie in roher Weise gemartert worden seien. Nach dem amtlichen Bericht des Generalstabschefs der zweiten Armee hat jedoch am 12. Juni nirgendwo eine Schlacht noch
Berlin, den 4. Juli 1904.
** Seine diesjährige Nordlaudsreise wird der Kaiser am 7. Juli von Swinemünde aus antreten. Voraussichtlich wird die Dauer der Fahrt etwa vier Wochen betragen. Während dieser Zeit fiedelt die Kaiserin nach Cadinen über und nach der Rückkehr des Kaisers aus Norwegen wird das Kaiserpaar etwa drei Wochen auf Schloß Wilhelmshöhe bei Kassel verbringen.
Oberhofmeister Frhr. v. Mirbach soll sich nach dem .Reichsboten' bekanntlich „die Ungnade der Wildelmstraße durch seine bei verschiedenen Anlässen betätigte Selbständigkeit der politischen Gesinnung zugezogen haben, indem er z. B. in der Jesuitenfrage der romfteund- lichen Regierungspolitik entgegenwirkte und auch sonst mit feinem unabhängigen Urteil über innere Vorgänge nicht zurückhielt". Die .Kreuzztg.' erklärt das für nicht zutreffend. Frhr. v. Mirbach / habe stch in der Generalsynode an der Vorbereitung des Einspruches gegen die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes nicht beteiligt, auch nicht für den Antrag gestimmt, in dem dieser Einspruch Ausdruck fand. Von einer regierungsfeindlichen Politik, die er auf diesem Gebiete getrieben haben soll, könne also nicht die Rede sein.
() Dem Staatssekretär des Reichsschatzamtes, '-. Freiherr« v. Stengel, ist der Königliche : Kronenorden 1. Klaffe verliehen worden. Der AMsanzeiger' meldet ferner, daß dem Botschafter am stalienischen Hofe, Grafen von Monts, und dem Gesandten am rumänischen Hofe, von Kiderlen-Waechtet, bet Charakter als Wirklicher Geheimer Rat mit dem Prädikat „Exzellenz" verliehen worden ist. Auch : dem Direktor bei der Oberrechnungskammer, Vizepräsidenten Grafen v. d. Goltz, wurde der - Tharakter als Wirklicher Geheimer Rat mit dem Prädikat „Exzellenz" verliehen.
)( Die M«»z«ovelle ist gefallen; ohne jeden Eindruck scheinen jedoch die ReichstagS- debatten auf die Regierung nicht geblieben zu fein. Die »Nordd. Allg. Ztg.' wendet sich gegen die Behauptung einiger Blätter, daß der Bundesrat mit auffallender Beschleunigung die Novelle abgelehnt habe. Sie bemerkt, der Bundesrat, welcher wie alljährlich mit Anfang des Monats Juli eine Unterbrechung in seinen Geschäften eintreten laffe, habe ihr keine besondere Beschleunigung vor anderen Vorlagen angedeihen laffen, sondern fie im gewöhnlichen Geschäfts- - gang erledigt. Bei seiner Ablehnung sei er davon ausgegangen, daß die Frage der Prägung eines Dreimarkstückes zum mindesten nicht als spruchreif angesehen werden könne, während die Umprägung der Fünfzigpfennigstücks einen weiteren Aufschub nicht mehr duldete. Für die Annahme, daß der Bundestat bei feiner Beschlußfassung sich von einer grundsätzlichen Abneigung gegen
(Nachdruck verboten.)
lacke- e’ne kleire Börse und entfernte sich geräuschlos. Es dämmerte bereit-, als der Schläfer erwachte. Sein
etliche» — die Seiten waren eben schl-cht und Arbeit rar. In der Nähe deS schwarzen Wassers, da« damals die Gegend deS ehemals kurfürstlichen HofgarlenS füllte, hatte sich der Bucklige am Nachmittage hivge- fetzt und war, müde vsm ziellosen Hin- und Herlaufen, an der Hofgartenmauer eingeschlafcn.
Er mochte wohl eine halbe Stunde dort gelegen haben, als ein anderer dort vorbeikaw, der auch wohl Beschäftigung suchte. Beim Anblicke deS höckerigen Schläfers verzog sich fein Ganmrgeficht zu einem behaglichen (Stinten. Vorsichtig sah er sich nm, öffnete mit katzenartiger Geschwindigkeit dos Felleisen des anderen, vertauschte sein zerrissenes Schuhwerk mit dem des Schlafenden, entdeckte — ein freudiges Aufblitzen
anderen. Wie er sich, müde und vungrig vom Hennn- laufen, an der Hofgartenmauer niedergelegt und ihm derweil ein Dieb nicht nur seine neuen Stiefel (die hätte er gerne geopfert), sondern auch seine ganze Barschaft geraubt habe, die er, in einem Beutel eingenäht, auf dem Boden deS Felleisens geborgen hatte. Ja seiner Verzweiflung habe er sich in dem Wasser dort an der Universität ertränken wollen.
Der Rothaarige schüttelte den Kopf."
„Ihr scheint mir ein rechter Jammermensch zu fein! Wegen solcher Kleinigkeit hätte ich mich schon zehnmal ersaufen müssen. Ich will Euch einmal eine Geschichte erzählen, und sagt mir, ob Ihr Euch noch zu beklagen habt. Vorher züid- ich mir eine Pfeif« an. Wollt Ihr auch eine str pfen? Nein! Desto besser. Also: der Junge, von dem ich Euch erzähle, ist irgendwo geboren. Wo, das schert Euch nichts. Wer ihr geboten, kann Euch auch gleich sein. Traurig, daß er Überhaupt geboren wurde. Sem Vater ist ein Trunkenbold gewesen, dem Jungen hat er al» Erbteil — es soll dies häufig vorkommen — die Fallsucht hinterlassen, und der Bub hat d'Sha'b schon früh viel leiden müssen; die Mutter hot sich schier zu Tode abgearbeitet. Dann ist der Vater am Delirium gestorben. Die Mutter hat gedarbt und gehungert. Gewaschen hat fie für andere Leute. Den Buben hat'S oft gehungert, die Mutter noch mehr. Da hat er eines Tages einem Schulknaben dos Butterbrot weggenom» men; ein Milchgesicht ist's gewesen und hat greulich gezetert. Er Hat'S seiner Mutter gebracht und bat gesagt, wohltätige Leute häiten's ibrn geschenkt. Er Hat'S mit der Mutter verspeist al» Mittagsmahl. Einst ist er an einem Bäckerladen vorbeigekonnnen. ES roch o duftig nach frischem Brot; drinnen lagen ihrer zehn, und sein Magen bellte. Da hat er sich hinein- geschlichen und einen Laib geraubt. Aber sie haben ibn erwischt und ht einer Besserungsanstalt unter gebracht. Hi-r gab eS magere Kost und fette Hiebe sär den geringsten Bubenstreich. Dem Anstaltsschuster, dem er als Lehrling beig-geben worden war, warf er, al» dieser ihn eite» Tages mit dem Knieriemen
erster Blick galt dem Felleisen, dessen Habseligkeiten in völliger Unordnung umherlagen.
„Jesses Maria! Ich bin b,stöhlen worden!" Die neuen Stiefeln fehlten; statt ihrer stöhnte ihn ein zerrissene» alte» Schuhwerk an. Der Schneidergeselle stieß einen neuen Wehruf aus. Seine ganze Barschaft, die Ersparnisse von zwei Jahren, waren dahin: Sechs blanke Taler, fünf Groschen und roch einige Kupser- Pücke
„Nun ist'r das beste, wenn ich mich da hin-in- stürze! In seiner Verzweiflung rannte der Arme dem chwarzen Wasser zu. Glücklicherweise war dessen Moorgrund seicht, und dann hatte sein zweiter Schmerzensschrei einen anderen angelockt; der lungerte leit einer Welle im Hofgarten herum unter den hundertjährigen Ulmen. Al» er den Höckrigen dem Wasser zurennen sah, stürzte er ihm nach, zog ihn noch gerade rechtzeitig heraus und warf den Gebrechlichen dann ans trockene Land, stellte sich, die Hände in den Hosentaschen, daneben und betrachtete den Unglücklichen m>t einem Gemisch von Teilnahme und Schadenfreude.
„Ihr se«d ein Esel!" Und dec Retter spuckte kräfttg aus. Der andere erwachte langsam znm vollen Bewußtsein, fflaute feinen ungerufenen Lebensretter eine Weile sprachlos an und begann bann bitterlich zu meinen.
„Jetzt seid Ihr ein kleines Kind!" schalt jener, und sein breiter, mit roten Bartstoppeln umrahmter Ruud verzog sich unwillig. Der Geselle gewann lang- am seine Fassung wieder.
„Ihr febt mir auS wie ein Schneider!"
„Ich bin’»", bestätigte der Hockrige kleinlaut.
„Und weshalb wolltet Ihr Euch ersäufen?" fragte der mit dem roten Haar.
Da platzte der bucklige Schneidergeselle mit seinem ganzen Wey heraus, das ihn mit einem Male znm Selbstmörder gemacht hätte; to:e er mit feinen letzten Sparpfennigen, sechs Taler und fünf Groschen, m die Stadt gekommen, um Arbeit zu suchen, wie er überall abgewiesen word-n sei — natürlich, weil er den häßlichen Höcker habe, beteuerte er unter dem Lachen des
So schlimm, als er uno manche befürchteten, ist es dem Johann Bühl bei der Gerichtsverhandlung denn doch nicht ergangen. Die Aussagen de» Fuhrmannes und des Wirtes au» der Schänke am SeverinStor lauteten für den Angeklagten zwar nicht sehr günstig, dagegen wurden fie durch die Aussagen deS Pfarrers von Lindental, der als Hauptbelasinnglzeuge geladen war, bedeutsam enthaftet. Der Gerichtshof hielt eine lange Beratung; das Urteil lautete: Nicht|chuldig.
Johann Bühl drückte dem Pfarrer von Lindental, bei dem er am Tage vor der Verhandlung auf einen kundgegebenenWunsch in ehrlicher Zerknirschung fromm- gläubig gebeichtet — nach vielen Jahren dcS erstemal pummbewegt die Hand, indem er ihm versprach, alS guter Christ zu leben und zu sterben.
3.
Um dieselbe Zeit toot bette ein junger HanbweckS- bursche burch bie Strafen von Bonn. Bon einem benc chbarten Dorfe war er gekommen, um in der Stadt Arbeit zu suchen. Bei verschiedenen Schneidermeistern hatte er schon angeklopft, aber dem schmächtigen, bucke- lichen Gesellen wurde an allen Türen ein ablehnender Bescheid. Nicht als ob sein gebrechliches Aeußere den Anlaß dazu gegeben hätte — vielleicht auch dies bei
N AchtllNiMWtt.
Eine rheinische Geschichte von Wilhelm Ruland.
Zwölf Jahre hat Bühl bei den Düsseldorfer Ulanen ausgehalten. Da hat eine» Tages, als ihm fein Rittmeister ungerechte Vorwürfe über die Haltung seines Zuges machte, den Bühl wieder der alt- Zorn ,-packt; er mußte feinen Abschied nehmen und tat'S. Von dem Rest seines Soldes erhandelte er sich einen Schimmel und ritt damit zur Stadt hinaus, Köln zu. Dort hänselten ihn bie Gassenjungen, als ber lange Kerl auf dem kleinen Schimmel burch bas Tor geritten kam. Der Mann mit den langen Beinen ist gelassen abgestiegen, hat einen ber Rangen herze- nommen und jämmerlich durchgeprügelt. Wie er durch das Severin! tor ritt, saß dort wiederum ein jugendlicher rothaariger Strolch und versuchte ihn zu narren. Und in der Wirtschaft am SeverinStor vollends — ah, jetzt standen die letzten Ereignisse aufs neue in voller Frische tut seinen Augen. Er hatte dem Fleischerhund einen unglücklichen Schlag versetzt, und bann in ber Nacht den unglücklichen vvrn jenes Tieres sterbend in dem Maar bei Lmdental gefunden, und dar alles wäre nicht Geschehen, hätte er im ersten Fall seinen Jähzorn, im anderen Fall seinen gekränkten Stolz dem Wirt gegenüber gewäßigt- Nun aber war geschehen, was er in letzter Minute tm Lindentaler Maar erschaudernd ahnte: fie hatten ihn des Mordes verdächtigt.
Johannes Bühl ein Mörder.
„Johannes, Dein Jähzorn macht Dich noch einmal unglücklich," hatte bie Mutter oft warn-nd zu ihm gesagt. ___
Der Mann auf ber Pritsche ballte bie schweren ber Augen verriet es — auf dem Boden des Wander- Fäuste und stieß einen wilden Fluch ans. lackeS e’ste kleir e Börse und entfernte fich geröusebtoS.
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