0
«chstttt »glich, Ntt Mrnah»« btt tm> sa* $d«rtagt. »kritl* Mrl.Bezng§»rei, e^w Bring eti»|n «b VHÜlgt»i«Kll»«AN» egwemiiiLwpfi.
Anzeigen: Bit ebn fpdtigt Petitzeile Ha tat« HflMm 15 Pf8. «eklamen bie pelitzeil« 25 pfg.; bei wieder. Holungen wird entspe. Rabatt gewährt.
KchriftteiterrZas.v««.
«.SÜS^St^ wocheilbeiiaze!„Illustrierte Somifagsjtitung*
Brad unb Verlag b Zulbaer Scti end rucke, Msostrbeilage: „Ktlda« Geschichtsblätter". Zerasprechrr Nr. 9
JS. 140.
Krld«, Mittwoch, den 22. Juni 1904.
31. Jahrgang.
Deutsches Reich.
। erstes Blatt
Berlin, den 21. Juni 1904.
* Der Kaiser «ud die Pommrrabank. Au4 angeblich wohl unterrichteter Quelle erfahren die,DreLd. N. N.', daß der Kaiser selbst den unmittelbaren Anstoß dazu gab, daß der Oberhafmeister der Kttfirin o. Mirbach im Pommernbankprozeß erschien. Frhr. o. Mirbach war kürzlich zu dem Gartenfest beim Reichskanzler geladen, wozu auch der Kaiser sich angesagt hatte. Hier habe der Monarch in längerer Unterredung mit den Ministern und Frhr. von Mirbach seine Ansicht über die Angelegenheit dargelegt und letzterem einen nicht mißzuverstehenden Wink gegeben, endlich vor Gericht als Zeuge auszusagen.
** Ueder unsere Regierung im Umher- ziehen spottet der .Vorwärts': „Wo regiert die Regierung? Für Interessenten des gegenwärtigen Regierungssystems dürfte es von Wichtigkeit sein, wo jeweils unsere Minister das Geschick unseres Volkes fest, weise und besonnen in ihren Händen le-cken. In der vergangenen Woche war der Schauplatz Homburg. Am letzten Sonntag treffen wir den Grafen Bülow — der Schauplatz ändert sich nur um einen Vokal — in Hamburg, wo das Rennen auf dem Horner Moor vor sich ging. Dann wird die Politik für einige Zett nach Kiel verlegt. Man wird es nun nicht mehr Übel nehmen und es bester begreifen, daß Gesetze — wie die preußische Kontraktbruchsoorlage — nicht ganz korrekt Ausfallen; sie zeigen sich gleichsam in Reisetoilette." Die »Post' erinnert daran, wie Kaiser Wilhelm I. hierüber dachte; er hat dem ehemaligen Vizepräsidenten des Staatsniriisterlum? v. Puttkamer einen Jagdurlaub während der LandtagSsejsion mit der Begründung abgeschlagen, daß die Minister während der Tagung des Landtages in Berlin anwesend zu sein hätten. Er war allerdings dabei nicht davon unterrichtet, daß Herr o. Puttkamer den Urlaub nur nachgesucht hatte, »til in der Zeit derselben beide Häuser des Landtages keine Sitzungen abzuhalten gedachten. Das ist für die Austastung des Herrn v. Puttkamer wesentlich, berührt aber den grundsätzlichen Standpunkt, welchen Kaiser Wilhelm I. durch Versagung des Urlaubs kundgegeden hat, nicht im mindesten. Heute denkt man über so etwas ganz anders.
*** Die Abordu««g der südwest- afrikanischen Ansiedler, die auch zur „Kieler Woche" zu ziehen gedacht hatte, weil sie in Kiel vom Kaiser empfangen werden sollte, wird, wie die ,R. R. (£.' meldet, erst nach Beendigung der Regatta in Berlin zur Audienz befohlen werden.
• lieber die Tätigkeit des Reichstags hat das Bureau eine Uebersicht veröffentlicht. Danach find von Regierungsvorlagen genehmigt
30 Gesetzentwürfe, einschließlich des Etats, 1 internationales Abkommen, 8 Rechnungssachen und 38 Denkschriften, Berichte und Ueberfichlen durch Kenntnisnahme erledigt. Unerledigt geblieben. find 4 Gesetzentwürfe, eine Rechnung und -ine Uebersicht. Von den 33 Jnilialiv- anträgen der Parteien find 31 unerledigt, einer durch Be'chlußfaffung über eine entsprechende Regierungsvorlage für erledigt erklärt. Von den 74 Anträgen, welche Gesetzentwürfe nicht enthalten, sind 11 erledigt, 6 bei Einbringung entsprechender Etatsresolutionen zurückgezogen und 57 unerledigt geblieben. 7 ander- weite schleunige Anträge auf Erteilung der Genehmigung zur Strafverfolgung im Pnoatklage- verfahren wurden abgelehnt. Die 9 eingebrachten Resolutionen wurden sämtlich erledigt. 3990 Petitionen find eingegangen, darunter 1004 zum Entwurf über die KaufmannSgenchte, 263 zum Servistarif u. s. w. 1480 wegen Aenderung des Krankenverficherungsgesetzes. Davon find 349 dem Reichskanzler überwiesen, 21 wurd.n durch UHergang zur Tagesordnung erledigt, 1134 durch Beschlüsse des Reichstages für erledigt erklärt, 290 als nicht geeignet zur Behandlung im Plenum erachtet, zwei wurden zurückgezogen. 19 Petitionen, worüber Rom« mistionSberichte vorliegen, sind im Plenum nicht mehr zur Verhandlung gekommen. 2175 Petitionen sind auch in den Kommissionen nicht mehr zur Beratung gekommen, darunter 1480 wegen Aenderung des Krankenoerficherungtgefttzes, 53 wegen Einführung einer Penfionsverficherung für Angestellte in privaten Betrieben, 50 um Aenderung des Jmpfgesetzes, 45 um Aenderung des Vogelschutzgesetzes, 38 um Aenderung des Börsen- grsetzes.
* Die Jttstizkommisfio» zur Vorprüfung der Fragen einer Reform des Strafprozesses wird anfangs Juli von neuem im Reichtjustizamt zusammen treten, um in einer kurzen Reihe von Tagen die erste Lesung des ihr gegebenen Pensums zu erledigen. Auf den Ab- schtuß der zweiten Lesung darf etwa im März nächsten Jahres gerechnet werden. Es ist mehrfach gesagt worden, die Kommission habe in ihrer Mehrheit Stellung gegen die Schwurgerichte genommen. Richtiger wäre, wie die ,N. L. 6/ erfährt, zu sagen, sie habe sich zu Gunsten einer Kombinierung des schwur- und schöffengerichtlichen Verfahrens ausgesprochen.
* Die Mehrheit des Abgeordoeterr- ha«seS scheint sich darüber einig zu sein, daß das Ansiedlungsgesetz noch vor der Vertagung erledigt werden soll. Die Kommission hat heute Len Entwurf in zweiter Lesung angenommen. Die zweite Lesung im Plenum soll am nächsten Montag, die dritte am Donnerstag fiattfinden. Da die Kommission einige Aende- rungen vorgenommen hat, müßte das Gesetz noch an das Herrenhaus zurück. Die Vertagung soll aber jedenfalls am 2. Juli eintreten. Sir soll bis zum 18. Oktober dauern.
AdgeorduetrnharlS.
87. Sitzung vom 21. Juni 1904.
Eröffnung 11'. Uhr.
Ohne Debatte wird in dritter Lesung der Gesetz- betr. die Verbesserung der Borflut in der unteren Oder, Havel und Spree genehmigt, ebenso die Borlagr betr. Maßnahmen zur Berhütung von Hochwassergefahren in der Provinz Brandenburg und im Havelgebiete der Provinz Sachsen.
Es folgt die 3 Beratung des Gesetzentwurfs (Initiativantrag Arendt) betr. dir Gewährung einer preußischen Veteranenbrihilf« als Zuschuß zur Rachsunterstützung.
Sbg. Dr. Sattler (ntlb.) beantragt, die Veteranenbeihilfen auch jenen Veteranen zu gewähren, die an dem 48er Krieg in nichtpreußischen Truppenkörpern aus jetzt preußische« Gebieten teilgenommen haben.
Der Antrag wird angenommen und mit dieser Erweiterung der ganze in Gefetzessorm gekleidete Antrag.
Ohne Diskussion wird in zweiter Lesung daS Gesetz betr. Kalibohrungeu in der Provinz Hannover angenommen.
Es folgt die 2. Beratung deS Gesetzentwurfs betr. die Befugnis der Polizeibehörden zum Erlaß von Polizeiverordnungen über die Verpflichtung zu Hilfeleistungen bei Bränden.
Die Kommission beantragt die Annahme des Gesetzes in der vom Herrenhaus beschloffenen Form und folgender Resolution: Die Regierung möge Bedacht nehmen a) auf die gesetzliche Regelung der Unfallfür. sorge verunglückter Fcuerwehrleure, b) auf Einführung gesetzlicher Grundlagen, Feuerversicherungsgesrllschaften zu den Kosten für die Pflege des Feuerlöschwesens heranzuziehen. — Eine Petition des Feuerwehrverbandes der Rheinprovinzen soll als Material und eine des preußischen Landesfeuerwehrverbandes will die Kommission der Regierung zur Erwägung überweisen.
Die Vorlage wird nach unerheblicher Debatte nach den Kommisfionsbeschlüffcn angenommen, ebenso die Resolution. Die Petition des rheinische« Feuerwehrverbandes wird auf Antrag Winckler (L) der Regierung zur Erwägung überwiesen.
Ohne wesentliche Debatte wird dann in zweiter Lesung das Gesetz betr. die Regelung der Landesgrenze zwischen Braunschweig und Hannover genehmigt,
Es folgt die Interpellation des Abg. Axendt- Labiau (t.) und Gen. betr. die nochmalige Untersuchung von Fleisch in städtischen Untersuchungsämtern.
(Belanr.tlich tritt am 1. Oktober die im Jahre 1902 beschlossene Freizügigkeit des Fleisches in Kraft. Die städtischen Verwaltungen nehmen nun für sich daS Recht in Anspruch, das von Tierärzten schon untersuchte in Städte eingeführte Fleisch in Schlachthäusern daraufhin zu untersuchen, ob es seit der Untersuchung verdorben ist. Eine Gebühr dürfen sie für diese Untersuchung nicht erheben. Durch den Transport in die Schlachthäuser wird aber das Fleisch erheblich verteuert. Tie Interpellanten sind der Meinung, daß das Gesetz den Städten nicht die Ermächtigung gibt, 'in dieser Weise vorzugehen. D. Red.)
Minister v. PodbielSki erklärte, die Regierung erkenne an, daß bei der Verabschiedung des Fleische beschaugefetzes im Jahre 1902 die Absicht der Mehrheit deS HauseS gewesen fei, eine solche Nachuntersuchung unmöglich zu machen. In den Gesetzesbestimmungen sei die Ansicht «bei nicht unzweifelhaft zum Ausdruck gekommen, und es werde wahrscheinlich dazu kommen, daß die Gerichte entscheiden müßten, ob die Städte Nachuntersuchungen vornehmen dürften oder nicht. Der Minister felvst erklörte sich entschieden gegen solche Nachuntersuchungen. Bon den verschiedenen konservativen Rednern wurde eine Erklärung des gesamten
• Staatsministeriums über die Bedeutung der eiuschlü gigen Gesetzesbestimmungen verlangt.
»bg. Herold (Ztr.) meinte dagegen, eine solche Erklärung werde nicht- nützen, wie man ja beim Fürsorgegesetz gesehen habe. Es fei notwendig, durch eine Novelle die Absicht beS Gesetzgebers in unzweideutiger Weile zum Ausdruck zu bringen, das müffe aber noch vvr dem 1. Oktober geschehen.
Minister v. PodbielSki hielt es für ausgeschloffen, daßfso schnell ein Gesetz vorgelegt werden könnte.
von freisinniger Sette und von der «ehrheit der Nationalliberalen wurde das Vorgehen der Städte verteidigt.
Die Besprechung der Interpellation wird hierauf durch einen Schlußantrag beendet.
Auf Antrag des Abg. Kirsch (Ztr.) wird die dritte Lesung deS Gesetzes über d.e Hilfeleistung bei Bränden von der Tagesordnung abgesetzt. Sie soll erst erfolgen, wenn der stenographische Bericht über die heutigen Verhandlungen vorliegt.
Das Gesetz Uber die Grenzregulierung »wischen Braunschweig und Hannover wird in dritter Beratung genehmigt.
Damit ist die Tagesordnung erschöpft.
Mittwoch 11 Uhr: Interpellation betr. den Ausbau des Masurischen SchiffahrtSkanals, Petitionen.
Schluß 3 Uhr.
" ver rusfisch-jsyaÄsche Krieg.
Aus privater Quelle wird über London folgende Uebersicht über das Borräcken der Japaner gegeben: Kuroki warf die zweite Division und die Garden über Hsiryen gegen Kaiping; Nodzu rückt auf Tatschitsao vor; die fünfte, achte und elfte Division rücken unter Oku von Wafangou herauf, die zwölfte Division stößt in Ellmärschen nach Mukden. Kuroki hat sein Hauptquartier nach Hsiuyen verlegt und leitet persönlich die Operationen. Kuropatkin konzentriert sc ine Hauptmacht auf Kaiping. Vorpostenkämpfe haben bereits begonnen.
Wie ein Telegramm des Generaladjutanten Kuropatkin an den Kaiser vom 19. Juni meldet, haben die Japaner in der Gegend von Ssaimatsi und Föngwangtschöng nicht mit ihren Vormarsch eingestellt, sondern sich zurückgezogen. Mehrere Punkte im Norden von Föngwangtschöng, die die Japaner erst kürzlich eingenommen hatten, find von ihnen geräumt worden. Der begonnene Vormarsch japanischer Truppen nach dem Dalinpaß ist eingestellt worden. Dagegen rücken recht bedeutende Streitkräfte in der Richtung auf Sstujan und Statt- schau oder Sfiujan-Taschilschiao vor.
Admiral Skrydilow meldet,^daß die von Wladiwostok auSgesandte Krruzerab- teilung ohne Verlust und Beschädigungen nach dort zurückgekehrt sei.
Ueber die Vorgänge bei Port Arthur berichtet ein Telegramm d?sGenerals Shilinski an den Kriegsminister vom 19. d. M.: „Nachrichten aus Port Arthur zufolge begannen am 14. d. M. drei japanische Bataillone von Ssiandbindao über die Berge nach Luinatan vorzurücken. Zwei russische Freiwilligenabteilungen und eine Kompagnie der Grenzwache hielten den Vormarsch des Gegners auf. Feindliche Torpedoboote beschaffen die Semaphorstation. Als der „Nowik" und russische Torpedoboote herankamen und das Feuer
Ohne plan und Ziel.
Roman von I. Sei er le in.
31 ------ (Nachdruck verboten.)
Obgleich da» Gotteshaus bis auf den letzten Winkel vollgestopft war, herrschte in der ungehemen Menschenmenge ein feierliche« Schweigen. Diesmal hörte man kein vorwitziges Flüstern, keinen Austausch banaler Redensarten, wie er hier uns da unter Be- Li traten leider sogar in der Kirche vorkommt, wo er a n wenigsten eine Berechtigung hat. In der fast V. utlosen Stille war nur ein leise« Murmeln zu der- « wen: e« ging vom Bischof aus, der mit der gold- «L: uzenden Mitra auf dem Haupt und im vollen O, flat seiner Würde, von einem Firmling zum andern schritt, und während er ihre Stirne« mit dem geweihten Oel in KreuzeSform bezeichnete, die sakramentalen Worte sprach.
Der Akt hatte schon lange gedauert; selbst ich fühlte mich ermüdet vom Stehen, und doch war der Bischof zu den Firmlwgen auf der Epistelsette noch nicht einmal herüvergekommen.
Um den Mädchen ein zeitigere« Verlassen der Kirche zu ermöglichen, hatte er seine AmlShandlung bei diesen begonnen; die Knaben mochte er wohl für mehr tauglich hatten, die mit längerem Warten verbundenen Beschwerden auf sich zu nehmen.
Plötzlich wurde die Stille unterbrochen. Bon meinem Platze aus bemerkte ich, wie e« in der Nähe des Bischofs ein Gedränge gab.
Die Leute in den Bänken standen all« auf. Sie reckten die Hälse, um besser sehen zu können, und stellten sich auf die Kaielchemel. Einige kletterten aus die Brüstungen der «elstüble; die Neugier ließ sie die Helligkeit des Ortes vollständig vergessen. Hätte in tiefem Moment irgend ein Furchtsamer „Feuer!"
gerufen, wäre eine Panik ausgebrochen, und eine entsetzliche Katastrophe wäre unvermeidlich gewesen.
„Rnbe! Ruhe, meine Lieben!" hörte ich den Bischof sagen mit milder, beschwichtigender Stimme.
Aber die Mahnung schien wenig zu fruchten. Zwei — drei Aufschreie au8 weiblichem Mund schrillten durch die Kirche; daS Gedränge dort drüben wurde immer ärger.
Dann sah ich, wie fich vom Knäuel der im Thor stehenden Geistlichen und Ordensbrüder eine einzelne Person loslöste. Ein- lange, hagere Gestalt war es mit weißem, über die Brust herabfallendem Bart, in brauner Kutte, ein Einsiedler. 5)rr Ordensmann bahnte fich mit Gewalt eine Gaffe durch den Menschenschwarm. Ich sah, wie er in die Nähe des Bischofs gckangte — wie er sich niederbückte--
Dann erschien sein graue» Haupt wieder über den Köpfen der Menge. Er trug etwas auf den Armen, — etwas Weißes, — unb schritt damit dem Seitenportal der Kirche zu. Diesmal machten die Leute willig Platz; sie drücken fich aufs äußerste zusammen, fie machten fich schmal, um dem alten Mann mit seiner Bürde einen Durchgang zu gewähren.
Und jetzt geht ein Rannen durch das Gotteshaus, ein hastiger, halblaute« Fragen, da« nicht einmal die Ehrfurcht vor dem Kirchenfürsten zu unterdrücken vermag.
„Wa« ist'«? — Wa« hat'« 'geben? — Ist ein Unglück passiert?"
Und von Mund zu Mund, bis sie auch an mein Ohr bringt, zischelt man fich die Antwort zu:
„WaS wird'S 'geben haben alsdann? Was halt bei jeder Firmung einmal vor kommt: einer girmlingin ist übel worden, — fie ist gahling« (jäh) z'amg'sunken, und der Oanfiegl (Einsiedler) von Maria Hllf hat's ausfi 'tragen an die fnsche Luft. Wenn die dummen Bauernweiber da vor« uet so mörderisch g'ichrieen hätten, wie wenn's am Spieß stecketen, hätt' kein Mensch 'waS davon g'merü."--
Mir gab es einen scharfen Stich durchs Herz. Sollte eS meiner Uirckr unwohl geworden fein? Seit Renatas Vision hatte ich mich einer unbestimmten, beklemmenden Angst um meine Tochter nicht mehr ganz entschlagen können. Etwas Weißes hatte der Mann in der braunen Kutte auf den Armen getragen, — war das Ulrike gewesen? — Hoffentlich nicht. Unter den Beamten- unb Bürgerstöchtern gab es viele, bie heute weiße Kleider trugen. Unb Ulrike war so ge- funb unb froh von mir hinweg gegangen. Ich hatte kein einziges Anzeichen eines Leibens an ihr wahrnehmen können. Im Gegentell, so kräftig war sie mir schon längst nicht mehr vorgekommen.
Aber alle Trostgrünbe, die ich mir selbst einredete, ließen mich nicht ruhig werden. An meinem Herzen fraß etwas: die beängstigende Ungewißheit. Unb wenn ich mich auch zwingen wollte, meinen Geist zu sammeln unb ihn ans die helligen Zermonien zu richten, deren Zeuge ich war, — es gelang mir nicht. Denn wenn doch, — wenn doch Ulrike--
Mir wirbelte der Kopf. Dabei befand ich mich in einer Zwangslage, die mir len Angstschweiß in großen Tropfen entlockte. Einerfetts stand ich in einer Menschenmenge, die mir jeden Ausweg aus der Kirche versperrte. Hätte ich versucht, einen solchen zu erzwingen, so wäre zweifellos eine neue Störung, eine neue Beunruhigung der Andächtigen die Folge gewesen. Anderseits war ich durch meine Patenpflicht on Ort und Stelle gebannt. Ich konnte unb bürste mich nicht entferne.!, bevor nicht auch ber Sohn unserer Direktors ba« hl. Sakrament empfangen hatte.
Endlich, endlich war auch das überstanden, unb mit beflügelten Schritten eilte ich meiner Wohnung zu.
Mit einem heftigen Ruck setzte ich bie Klingel ber Haustür in Bewegung. Mein Gott, warum läßt man mich so lange warten?!
Da höre ich schleppende Schritte. — Ich vergehe vor Ungeduld, bis der Schlüffe! im Schloß kreischt. Martha, ba« Dienstmädchen öffnet mir. Ihre Mienen
find verstört. Als fie mich erblickt, überfällt sie ein Schoner, daß ich ihre Zähne klappern höre.
„Ist Ulrike heimgekomwen?" rufe ich, bei diese« Anblick meiner nicht mehr mächtig.
Statt mir Auskunft zu geben, hätt die Magd die Schürze vor'S Gesicht und stürmt heulend die Treppe empor. —
Mir aber versagen bie Füße ben Dienst: ich spürte, wie etwas in mir, etwas, waS mirHalt unb Trost gegeben, zerrissen war. Denn, odne daß eS mir Jemanb zu sag« brauchte, wußte ich, wessen ich gegenwärtig fein bürste.
Die erste Person, die mir begegnete, nachdem ich schwankenden Schritte« wie ein Trunkener unsere Wohnung erreicht hatte, wer der GanitätSrat. Er stand gerade im Begriff, daS HauS zu verlassen. Bet meinem Anblick wurde er bleich.
„Herr von Büren", begann er mit gepreßter Stimme, — stotternd, „fassen Sie fich — eine schwere Prüfung, — der Herr Gon--"
„Tm nur Gutes an uns", ergänzte ich verbissen und merkwürdig ruhig geworden, seine angefangene Rede. „Ulrike ist hinübergegangen, fie ist tot?"
„Sie haben e« gefaßt *
„Und wie kam das so ganz unerwartet,—so plötzlich ?"
„Die Aufregung infolge der Feierlichkeit — bie schlechte Luft in ber überfüllten Kirche — ein Herzschlag --fie war schon jeher--"
„Er genügt, Herr Doktor! Ich will zu meine« toten Kinde gehen."--
Aus das Bett, auf welchem ihre selige Mutter den letzten Kamps gekämpft, hotten sie jetzt die Tochter niedergelegt. Uttike trug noch immer die Kleider am Leibe, in denen fie gefirmt worden war; bie Falte» beS weißen Gewandes hüllten ihre liebliche Gestalt ein, ber jungfräuliche Kranz schmückte baS Haar; nur ben Schteier hatte man über ihr Antlitz gezogen, da» wachsbleich durch das feine Gewebe schimmerte. Ei» Rosenkranz schlang fich um bie auf der Brust gekreuzten Hände.