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vruck und Verlag d 8uldaerActiendruckei in Zulda (harmonii Lernsprecher Nr.»,

Mas

Jg 138.

zulda, Montag, den 20. Juni 1904,

31. Jahrgang.

„D", erwiderte sie, „die Frau ist sehr lieb, di? kenne ich schon. Schau nur, wie sie mich hcrauZge« putzt hat! Und noch zwei Koffer hat sie eingekauft und vollgepückt mit Kleidern und feinster Wäsche. Das alles gehört mein; ich kann mich anzieh?« tote tue Prinzessin. Gewiß, Deine Schwägerin war sehr tut zu mir; nur schade, daß sie mich nicht verstand, wnm ich ihr für ihre Tüte danken wollte. Hat e ic gewußt, daß sie mich zu Dir führen würde und zu Deinen Kindern, wäre ich ihr schon dankbarer gewesen. Denn weißt Du, Deine Kinder liebe ich schw, jetzt von Herzen. Ach, wie stattlich ist Dein Soun, und welch fromme Augen hat D'ine Tochter! Die'« wird mich nicht quälen, tote die bösen Mädchen im Institut."

„So war man dort nicht gut zu Dir?" fragte ich.

„O doch! Die Hausmutter und die Aufseherin! haben mir niemals etwas zu L-id getan. Aber dir anderen Mädchen! Puh, wie drangsalierte« sie mich! Sie mochten mich nicht ausstehen. Keine spielte mit mir; sie schlugen und knufften mich, wenn die Haus­mutter um die Wege war, arger, als eS die Zigeuner­kinder taten. Wetl täglich mich eine Andere kämmen mußte, — der« ich konnte mir anfangs, wie Du weißt, die Haare nicht selber flechten, — drückten sie mit dem Kamm so hart auf, daß mir Morgen um Morgen der Kopf blutete. Am abscheulichsten aber benabmen sie sich, wenn ich mich niederkniete, um zur Madonna zu beten, sie möchte mich wieder mit Dir znsammensühren. Daan spotteten und höhnten sie, bis ich vor Zorn rasend wurde, bis ich sie biß und kratzte, und ihnen ihre strohfarbigen Haare ourraufie. Und wenn sie mich daun dafür verklagten, bekam ich I

Art gelöst, mit der totr alle zufrieden sein konnte«. Vornehmlich war mir durch das Eingreifen meiner Schwägerin geholfen. Ich segnete den Argwohn, der mich anfangs so bitter kränkte; war doch Carlotta durch ihn zur Reise nach Nürnberg, die einen unver­hofft herrlichen Erfolg hatte, aufgestachelt worden.

Ferner freute mich die Wahrnehmung, daß Renata ich schon in der ersten Stunde in unterer Familie seimisch fühlte. Er war auch kein Wunder: Robert betrachtete sich, weil er in chrer Sprache mit ihr reden konnte, als Ritter der kleinen Dame und kehrte den Liebenswürdigen gegen sie heraus; Ulrike aber wich gar nicht metr von ihrer Seite. Bald bewies mir das laute lebhafte Gr sprach der Kinder, das aus dem Wohnzimmer in meine Arbeitsstube hereindrang, unter­mischt mit dem silberhellen freudigen Gekrcher der neuen Hausgenosfin und dem süßen leisen Lachen meiner Ulrike, daß die gegenseitige Freundschaft im besten Zuge war, zu wachsen und zu gedeihen. —

Am Abend dieses merkwürdigen Tages kam Robert zu mir mit einem Gesicht, von dem das lauterste Entzücken strahlte.

„Vater", begann er, „hast Du Zierats schon ein­mal singen löten?"

„Ja, mnn Sohn."

„Gleichviel — gleichviel! Einen solchen Genuß soll man sich niemals entz-hen loffen. Komm' mit! Schnell komm' mit mir in das grüne Zimmer hin­über !"

Der Junge schien mir ganz weg. Wohl oder übel mußte ich seinem Ungestüm nachgeben.

In der grünen Stube bot sich ein reizendes Bild. Auf ihrem Li-blingsplätzchen vor d-m lebens­großen Oclporträt ih er heimgegan:enen Mut'er saß, in einem Lehnstuhl geschmiegt, Ulrike und neben ihr auf einem niedrigen Pslsterschemmel kauerte die Italienerin. Renata sah zum lieblichen Anil tz meiner Tochter empor, das vom roten Strahlentickt der scheidende, einen Abschiedsblick durch die Fenster

werfenden Sonne überflutet und mit tintr leuchtenden Gloriole umgeben wurde.

Sie sang.

Da ich und Robert auf leisen Sohlen näher schliche», hörte sie uns nicht, während wir jedes Wort ihres wunderbaren Liedes verstanden. Das lautete indeutscher Uebersetzung:

„Süß ist sie, bold und schüchtern

Gleich einem Tmteltäuöchen.

Mit ihrem schmachtend n Bücke,

Mit dem traurigen Seufzen des Zuckermündchens Erscheint sie mir noch schöner.

Ach! der Himmel ließ sie zur Welt kommen, Damit ich sie lieb'» soll."

Ter Text war ja nichts Besonderes. Aber die M.'lodie, die sie ihm unte,legte!

Wie das ztottscherte und trillerte, wie das flötete und klang! Jetzt wie do- Jubilieren einer Schar von wonnetrunkenen Vögelein, dann die Harfentöne, die im Abendwind verwehen, und gleich darauf wie das mächtige Brausen des Eichwaldes, der im Sturm erzittert! Und stet- aufs N'ue quollen wundersame, gewaltig ergreifende Töne au» dem Munde derSängeri», die sich in den überschäumenden Wogen ihrer Melodien selbst zu berauschen schien.

Ich hörte, wie Robert schwer atmete. Die Macht dieses regellosen und doch so harmonischen Gesanges machte sein He,z erbeben. Da sah ich, als ich einen schnellen Blick auf ihn warf, Tränen in seinen Augen. Denn mit einmal batte sich die Weise des Liedes geändert. Nicht mehr glockenrein strömte die Stimme aus Renatas voller Brust, sondern wie verschleiert, gleichsam als kämpfe dar Kind mit einem bitteren Weh, das ihr plötzlich die Seele verdüsterte, oder dessen Vorahnung die Schwingen ihres Fluges ins Reich der Töne lähmte. Mühsam schleppte sich di getragene Melodie mch durch einige Caden zen hin c wie wenig erinnerte sie jetzt an den I übel de

noch Schelte von der Aufseherin oder der Hausmutter. Hätte ich länger in der Gesellschaft jener bösen Mädchen bleiben müssen, träte ich vielleicht selbst böse geworden."

Etn neuer Beweis für die Richtigkeit des Ersah- rungssotzes, daß Kinder die grausamsten Geschöpfe auf Gottes Erdboden find, dachte ich mir. Um Renata zu trösten, fegte ich sodann:

„Du bist jetzt bei ms, und solange Du hier bleibst, wird Dir nichts Widerwärtiges begegnen. Dessen darfst Du ficher fein."

„Ach!" antwortete sie lebhaft, „das weiß ich, — das weiß ich. Ich gehe auch richt mehr fort; ich bleibe jetzt immer bei Dir."--

Robert und Ulrike hatten das stürmische Wieder­sehen zwischen mit und Renata mit weit geöffneten Augen verfolgt. Ich konnte das Interesse, das sie daran fanden, ihnen vom Gesicht ablese».

„Papa!" fragte Robert, „wer ist diese Kleine?"

„Eine Italienerin. Das mußtest Du doch aus meinen Gespräch mit ihr entnehmen. Oder hast Du nichts davon verstanden? Dann wäre das kein gutes Zeugnis für Deine Kenntnisse im Italienischen."

„Doch, Vater! Ich habe jedes Wort verstanden. Aber wie kamst Du zu diesem herzigen Mädchen, und

I wie kommt e« jetzt zu uns?"

Ich begriff, daß ich sowohl Carletta wie meinen Kindern volle Aufklärung schuldig tost, weshalb ich ihnen Renatas ganze traurige G-schichte zum Besten gab. Das halte zur Folge, daß sie von meinem Sohn in wohlgesetztem Italienisch willkommen geheißen und seines brüderlichen Schutzes versichert ward, während ihr Ulrike die Hand bot und ihr mit einem wahren EngelSlächelu tief in die unergründlichen Augen blickte.

Damit war der Fremdling in unserer Familie sörmtich auf- und angenommen.--

Gott sei Dank! So war also d>'e schwierige Auf­gabe, die auS dem von mir aufgelesenen Kinde bis zur Feststellung seiner Heim.it werden sollte, auf eine

Ohne plan und Ziel.

Roman von I. ® ater lei».

------ (Nachdruck verbsten.)

Berlin, den 18. Juni 1904.

(::) Der Bolksverein für das katho­lische Deutschland hat mit dem 1. Juni d. I. die Mitgliederzahl 400 000 überschritten. Es ist also ein abermaliger panz bedeutender Vormarsch zu verzeichnen, der sich dem Aufschwung, den der Verein in den letzten Jahren genommen hat, würdig anreiht. Nachdem der Bolksverein längere Jahre über die Zahl 180—186 000 nicht hinaus gekommen war, wurde endlich im Jahre 1902 das zweite Hunderttausend überschritten, im Juni v. I. war das dritte Hunderttausend erreicht, m-d seitdem sind wiederum hunderttausend nette Mitglieder geworben worden. Das ist ein Erfolg, auf den der Verein und feine rerdienst- vollen Leiter an der Zentrr-flelle, wie auch nicht minder die Geschäftsführer und Verrrsnens- mönnrr im Lunde stolz sein dürft»; den? es ist die Frucht eifrigster, unausgesetzter Agitation und Auf-'lLrvngsarbeit in zahllosen Versammlungen, Broschüren und Flugblättern-. Dieser stetige Bor j marsch beweist aber auch, daß die Erkenntnis I von der Unentbehrlichkeit und segensreichen Wirk­samkeit der sozialen Zentralorganisation der Katholiken Deutschlands in immer weitere Kreise dringt und berechtigt somit wobl zu der Hoffnung, daß so manche, die dieser Organisation heute noch fern stehen, in nicht ollzu ferner Zeit eben­falls den Anschluß an dieselbe gesunden haben werden.

* Der preußische Jufiizminister Dr. Schön-1 ftedt wird von der,Nat.-Lib. Korresp/ gegen den Verdacht in Schutz genommen, als könne er an dem vom ReichSjustizsekretär Dr. Nieberding recht unzweideutig kritisierten GesetzentMmse über die Erschwerung des Vertragsbruches länd­licher Arbeiter mitschuldig sein. Der Entwurf verdanke seine Entstehung und Ausgestaltung gar nicht der Initiative und Mitwirkung des preußi­schen Justizministers. Aber bringt denn etwa in Preußen jeder einzelne Minister nach Be­lieben Gesetzentwürfe an den Landtag, ohne sich

»eitere Streife zu gehen, wo man leinen Ueberblitf mehr haben kann."

(*) Zur Neuordnung des Submissious- weseus. Aus wohlinsormierter Quelle erfährt die Deutsche Warte', daß das gesammelte Mate­rial über das Submissionrwesen gegenwärtig im Ministerium für öfftw.lrche Arbeiten bearbeitet und daß in diesem Jahre ein neuer Erlaß über die Handhabung des Suömisstonswrsens erschei­nen wild. Derselbe wird auf dem Verwaltungs­wege den Behörden zug-hen und auch den Kom­munen und Kammern zur Beachtung und Nach­ahmung empfohlen werden. Daß das Mittel­preis-Verfahren keine Aussicht auf besondere Empfehlung hat, ist bekannt. Aber euch die viel­erörterte Streik-Klausel wird bestimmt prin­zipiell keine Berücksichtigung finden. Ist der Auftrag, den der Auftraggeber erteilt hat, nicht zur rechten Zeit erfüllt, so steht ihm die Einziehung der festgesetzten Konventionalstrafe zu. In bcm erscheinenden E lasse wird aber jeden­falls anempfohlen werden, den Streik unter Umständen als „force maj-jurs“ zu betrachten und es soll überhaupt von Fall zu Fall entschie­den werden, ob man nicht, den Verhältnissen entsprechend, zugunsten des Submittenten verfährt.. Für das staatliche Submissionswesen ist übrigens eine Verschärfung der allgemeinen Vertrags-Bedingungen eiogetreten. Es wird von den Unternehmern, welche Arbeiten abzuliefern haben, die Nstderlegung einer besonderen Kaution außer der gewöhnlichen verlangt, wodurch die Löhne der Arbeiter für alle Fälle sicher- gestellt werden. Die Höhe dieser zu hinter­legenden Dumme muß zur Deckung des Lohn- bezuges der beschäftigten Arbeiter für die Tauer von 14 Tagen ausreichen.

I um das Staarsministerium zu kümmern? Einen Gesetzentwurf wie den in Frage stehenden Härte der Jusiizmiristrr sich doch vorher unbedingt an« sehen müssen.

* Der Landgerichtsrrösident. Geheimer Ober­justizrat Dr. jur. v. Schmidt in Halle a. S. ist zum Präsidenten des Kammergerichts ernannt worden, Dr. v. Schmidt hat eine 27 jährige Dienstzeit hinter sich. Er wurde am 18. September 1872 zum Gerichts-rffessor er­nannt und im März 1875 als Laud^e ichtk- affeffor in Düsseldorf angestellt. Bei der Justiz- reorgauiiation im Jahre 1879 verblieb er als Landrichter in Düsseldorf. Am 12. Juni 1888 erfolqte feine Ernennung zum Landgerlchtsdirektor in Magdeburg, von wo er am 1. Januar 1891 in gleicher Eiaenschast nach Hannover versetzt wurde. Am 29. Juli 1896 wurde er zum Landgerichtspräfider.ten in Halle a. S. befördert. Am ' Tage der Zweihundertjahrfeier, dem 18. Januar 1901, wurde ihm der erbliche Adel verliehen, und im vorigen Herbst gelegentlich der Kaisermanöver in der Provinz Sachsen, erhirl er den Charakter als Geheimer Ober-Jast'.zrat mit dem Range der Räte zweiter Klaffe.

** Die Worte des Friedens, die der freikonservative Abg. Graf Douglas am Freitag I im Abgeordneten hause sprach, finden natürlick bei den Kampfhähnen des Meichsboten' taube Ohren, Mit der üblichen salbungsvollen Ver­sicherung, daß die Protestanten in ehrlicher Weise den konfessionellen Frieden wollten, erhebt das Blatt wieder einmal gegen die katholische Kirche den Vorwurf grundsätzlicher Intoleranz, die jedes friedliche Zusammengehen unmöglich mache. Sich I mit dem fanatischereslatte über diese Tinge aus- ! ernanderzusetzen, lohnt sich nicht. Niemand wird erwartet haben, Laß es eine Mahnung zum Frieden mit etwas anderem beantworten würde ols mit dem Vorwürfe der Friedensstörung gegen die Katholiken. Bei dem blinden Haffe und dem I aufgeregten Fanatismus find alle Worte ver­schwendet.

* Trotz des Dementis der ,Nordd. Allg. Ztg? beharrt Maximilian Harden in der Ankunft, bei der Behaupwnp, daß der Reichs­kanzler die mehrerwähnte Depesche des Haupt­manns a. D. Dannhauer bezüglich der Ernennung drS Herrn v. Trotha zum Oberkommandieren­den in Südwrfftftikci vor ihrer Veröffentlichung ! gelesen und als zur Veröffentlichung ge­eignet bezeichnet habe. Die ,Nordd. Kllg. Zig/ bemerkt hierzu, daß ihr Dementi vom Reichs­kanzler selbst stammte. Der Herausgeber der .Zukunft' sei gröblich getäuscht worden.

* Bo« den deutsch - österreichischen Handelsvertragsverhandlungeu erfahrt das ,Berl. Tageblatt', daß die erste Lesung am Frei­tag abend beendet worden sei, und daß am Montag die österreichisch-ungartschen Unter­händler nach Wien zurückkehren würden, um alsbald die Verhandlungen mit Italien auftu- nebmen. Ein halbes Jahr dürfte bis zum definitiven Abschluß des Vertrages noch hin­gehen.

** Wie die Pommer»b««k Hofbank wurde, darüber erzählt die ,Deutsche Korresp.'

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aus, wie sie sagt, unzweifelhaft zuverlässiger Quelle folgendes:

.Einige Zeit vor dem Zusammenbruch der Preußen- bant erhielt der Oberhofmeister ter Kaiserin Freiherr von Mirbach vom Direktor der Pommernbank Schultz einen Besuch, bissen Zweck es war, dem Oberhofmeifier d»e Bedenken mirzuterlev, die Herr Schultz der Preußenbank gegenüber hegte, und besonders darauf aufmerksam zu machen, daß nach Ansicht des Herrn Schultz der Privatschatulle der Kaiserin schwere Ver­luste drohten, falls die bei der Preußenbank angelegten Gelder der Kaiserin nicht von dort zurückgezogen würden. Die Vorstellungen des Pommernbankdirektors blieben nicht ohne Eindruck. Man entschloß sich, der Warnung Folge zu geben. Die Zukunft lehrte, daß Herr Schultz recht behielt. Die kaiserlichen Gelder waren gerettet, und zum Tank wurde die Bank des Herrn Schultz Hofbank.'

Der gute Frhr. v. Mirbach, der uns trotz oller hochfahrenden Worte gegen die ihm un6e« queme Presse noch immer nähere Aufklärung u. A. über die 327.000 Mk. schuldig ist, über de er quittiert hat, ohne sie empfangen zu haben, ist also dem Herrn Schultz ins Garn gegangen, weil dieser als Biedermeier cufirat und die Sanden und Genossen bei ihm verklagte. Als sich die Warnung des Herrn Schultz als richtig erwies, w.rd Frhr. v. Mirbach an der Ehrlich­keit des Mannes natürlich nicht mihr gezweifelt haben. Daß übrigens die „Wohltätigkeit" des Herrn Schultz d e Titel-Angeftgenhest nicht ge­fördert habe, sondern die „Hofbank" lediglich der rechtzeitigen Warnung vor der Pceußenbank zu verdanken sei, wird nicht jeder ohne weiteres glauben. Weiter wird der ,Deutschen Korr." noch einiges über die Ernennung des Herrn Schultz zum Kommerzienrat mitgoterlt. Diese ist, so versichert ihr Gewährsmann, deshalb er­folgt, weil Herr Schultz in der Lage war. eine dem Kaiserhause verwandten fürstlichen Persön­lichkeit einen Kredit von sechs Millionen gewähren zu können. Der ganzen letzteren Angelegenheit steht die Kaiserin wie Freiherr v. Mirbach völlig fern. Aus derselben Quelle erfährt di« ,D eutsche Korr/, daß der Mitdirektor des Herrn Schultz, Herr Romeick, fraglos vor seiner Ernennung zum Kommerzienrat stand, als der Krach jede Aus­sicht zu nichts machte. Der ,ReichSbote' meint zu der Hofbank-Angelegenhrit:

„Wenn die Kaiserin eine Bank für die Verwaltung ibrer Gelder nötig hat, so ist dazu die Reichsbank oder die Seehandlung du, und man sollte nicht zu einer Hypothekenbank gehen, die gerade damals weder von der Staatsregierung, noch von der konservativen Partei als mündelsicher für Kapitalanlagen bezeichnet wurde. Verluste scheinen ja erfreulicherweise der Kaiserin aus dem Zusammenbruch der Bank nicht erwachsen zu sein, wie sehr viele andere Leute, die ihr Geld der Bank in Verwaltung gegeben hatten; aber gerade dieser Um­stand wird in der Presse unangenehm hervorgehoben. WaS man also erwarten muß, ist, daß man in Zukunft nicht d:e Kaiserin mit solchen Geldgeschäften in Ver­bindung bringt und daß man auch im Interesse der Integrität der christlichen Charitas sa große Gaben auf ihr Herkunft prüft. Es ist ja wahr, daß zu den großen Kirchbauten und Wohliätigkeitsanstalten des Herrn v. Mirbach auch große Summen gehörten und daß es nicht leicht war, dieselben zu beschaffen, sodaß auch die reichen Leute, die sonst bet christlichen Wohl- tätigkeitSarbeiten beiseite stehen, herangezogen werden mußten; aber man hätte dabei doch vorsichtiger sein und einzelne Kuchen lieber weniger prachtvoll bauen ollen, dann hätte man so viele schwer zu beschaffende Selber nicht nötig gehabt und wäre nicht in die Ver- uchung gekommen, mit der Geldgewinnung in immer

Ahgesrdu« reuhauS.

85. Eitzunz vom 18. Juni 1904.

Eröffnung: l1/« Uhr. — Auf der Tagesordnung stehen Wahlprüfungen.

Die Wahl des Abg. Fürbringer (ntl.) für den Wahlkreis Norden-Emden beantragt die Kommis­sion für giltig zu erklären.

Abg. Brütt (frk.) spricht sich auf Grund der ein­gegangenen Wahlproteste für Zurückverweisung an di« Kommission aus.

Abg. v. Neumauw Hauseberg (k.) widerspricht auf Grund der bisherigen Praxis dem Wunsche des Vor­redners, ebenso Abgg. Meyer-Diepholz (ntl.), Dr. Friedberg (ntl.).

'Den Abg. Brütt unterstützen die Abg. Dr. Rewoldt (fr!.) und Vamp (frf.l

Die Wahl wird gegen die Stimmen der Freikon- servativen und des Zentrums für giltig erklärt.

Die Wahl des Abg. Bartling (ntl. Wiesbaden- UntertaunuSkreis) beantragt die Kommission für un- gtltig zu erklären, weil sie annimmt, daß den Wählern, insbesondere durch die Einladung zu einem gemeinsamen Mittagessen, weitere Vergütungen als der Ersatz barer Auslagen, versprochen und geleistet worden seien.

Abg. Dr. Sattler (ntl.) beantragt, die Wahl an die Kommission zurückzuverweisen. Es müsse erst nachgeprüft und bewiesen werden, daß und in wieweit durch die Einladung und durch die Gewährung von Vergütungen eine Wahlbeeinfluflung stattgefunden habe.

' Deutscbesjßekh,