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Druck und Verlag d Zuldaer Actiendruckel in Fulda (harmonü Zernfprecher Ur. 9

31. Jahrgang.

Mda, Donnerstag, den 16 Juni 1904.

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JS. 135.

* Vie wSrticmbergische Schulreform ist, wie schon kurz gemeldet, in der Kammer der Standesherren gescheitert. Während der führende Preußisch- Staat sich anschickl, die Ron« fessionalität der christlichen Volks« schulen zu sichern, und selbst die national- liberale Fraktion bereit ist, diesen Schritt zu tun, hat die württembergische Regierung vor zwei Jahren einen liberalen Schulgesetzent­wurf eingebracht, der an der bestehenden Ron« fessionalität rütteln fall.

In Württemberg ist die Schulaufsicht seit sozusagen unvordenklichen Zeiten vollständig konfessionell; nur Geistliche der betrrffender Konfessionen können zu Schulinspektoren bestellt «erden. Durch die Schuloorlage der Regierung nun sollte das Volkrschulwesen nach mehreren Richtungen eine Ausgestaliung erfahren, d. h.. die Zahl der Beztrksschulin pektoren sollte um sechs bis acht Stellen vermehrt werden. Be züglich dieser neuen Stellen aber wollte die Re­gierung das P inzip der Konfesfionalität inso­fern fällen lassen, daß sie nicht unbedingt mii: Geistlichen besetzt werden mästen, sondern daß die Regierung nach ihrem freien Ermeffen and Laien auf diese Stellen berufen kann. Es sollte also in das Prinzip der geistlichen Schulaujsicht Bresche gelegt werden.

In der Abgeordnetenkammer hatte die Regierung nach langem Kampfe ihren Willen durchaesetzt; das Zentrum ist in dieser Kammer nicht so stark, daß es den Bruch mir dem ein- gelebten System hätte verhindern können. In der Kammer der Standesherren dauerte der Kampf nicht minder lange, hier aber ist die Regierung schließlich unterlegen. Es handelte sich in der letzten entscheidenden Sitzung über­haupt richt mehr um die Regierungsvorlage, denn diese war schon beiter ersten Verhandlung vollständig fallen gelassen worden, sondern die Kammer hatte über zwei 'Vermittelungs- an-räge zu entscheiden. Der erste An­trag, der des Fürsten Quadt zu Wys- kredt und Jsny, änderte die Regierungs- fastung dahin ab, die Verwehrung der Aufsichts- stellen zu genehmigen, die Regierung aber auch bei Besetzung dieser Stellen an den Kreis der Geistlichen gebunden sein sollte. Ein zweiter An­trag war vom Erb grafen v. Pückler-Lim­burg eingebracht worden. Diesem Anträge zu- folae sollen zwar Laien als Bezirks-Schulaufseher zulässig, doch die Regierung bei der Ernennung an den Vorschlag der Ober-Kirchenbehörde beider Konfessionen gebunden sein. Die Regierung bekämpfte beide Anträge und beharrte auf ihrer Vorlage. Die Kammer der Standesherren chat sich nach mehrstündiger Debatte mit 13 gegen 11 Siimmen für den erstgenannten Antrag des Fürsten Quadt entschieden. Die Mehrheit be­stand aus den 12 katholischen Standesherren und dem protestantischen Grafen Bentinck, die Min derheit aus 5 evangelischen Standesherren und den 6 vom König ernannten lebenslänglichen Mit­gliedern. Mit der Annahme des Antrages des Fürst-n Quadt war die Regierungs - Vor­

Ohne Plan und Ziel.

Roma» von I. Baierlein.

26 ------ (Nachdruck verboten.)

Den länglichen Form nach war eS ein amtliches Schreiben Mit einem einz'gen Blick hatte ich die Adreffe überflogen und mich aus deren Aufdruck über- zeuxt, daß d e Sendung von der „Verwaltung der Erziehungs-Anstalt für verwahrloste Mädchen in Nürnbeig" ausging.

Mir zitterten die Hände, als ich das Schreiben öffnete; bern da die zwei Monate, für welch; ich Renatas EiziehunMesirag im Voraus beglichen hatte, kaum noch zur Hälfte abqeiaufen, konnte ich mir wohl denken, daß man nicht schon jetzt einen neuen Zuschuß von mir verlangte, sondern daß es sich um eine andere, die Italienerin betreffende Angttegenh-it bandelte. Nach d<n Eifahrungen, die ich mit in Nürnberg ge­macht. b schlich mich aber die Furcht, eS möchte das, was jetzt neuerdings an mich herantrat, nicht gerade herzerhebend fein.

34 hatte mich nicht getäuscht, nur daß die Sache 1 ü?rI — viel schlimmer lag, als eS mir schwante. Denn das Schreiben lautete:

„Nürndera, den 20. Sept. 189 . . Sehr geehrter Herr!

Mit grotzem B'dauern teilen wir Ihnen mit, daß wir dem Mädchen, welches Sie am 18 August b. I. unserer Anstalt anverrrau en, nicht länger Unterkunft gewähren können. DaS Mädchen ist höchst ungehorsam, ungeberdig und lärmend, ver­trägt sich nicht mit den übrigen ZSg'ingen uno stört den Frieden oes Hauses aufs empfindlichste. Zu« • ' "em haben wir Grund erdalten zur Annahme, d»ß dasselbe Katholckin ist, was mit den Satzungen unserer Anstatt, die zum g'ößten Teile von p-o- ' lestatittschen Stiftungen und den Zuwendungen der

läge definitiv gefallen. Sofort nach der Abstimmung zog der Ministerpräsident v. Breit­ling die Vorlage auf höchsten Befehl zurück. Doch der Erbprinz zu Löwenstein, der in der ganzen Kampagne den Standpunkt der Majori­tät vertreten hatte, nahm die Regierungs - Vor­lage, mit Ausnahme des bekämpften Artikels, als Initiativ - Antrag wieder auf. Die Kammer hat den Antrag an eine besondere Kommission ver­wiesen, in welcher wohl neue Versuche zu einer Einigung werden unternommen werden.

So steht jetzt die Sache. Die Folge der Haltung der Regierung kann nur sein, daß die Parteiagitation in den Massen der Wähler umso leidenschaftlicher wird und ein hell auflodernder Schulkampf entbrennt, dessen die Regierung nur schwer wird Herr werden können. Em Vor­teil wird den liberalen Parteien aus dem Schul­kampf aber nicht erwachsen. In Württemberg machen die Wähler gern in D e m o k r a t i e. Der Erfolg ist aber der, daß die einst fast allmächtige nationalliberale Partei jetzt die schwächste aller Parteien ist, und daß die Sozial­demokratie an die erste Stelle gerückt ist, indem sie bei der letzten Reichstagswahl 100,000 Stimmen auf sich vereinigte. Dabei ist Württemberg gar kein industrielles Land, sondern beherbergt in der Mehrzahl Kleinbauern; aber der protestantische Teil des Landes ist von der Sozialdemokratie derart durchseucht, daß ein ganz protestantischer Be­zirk, der zu drei Viertel Landwirtschaft treibt, von der Sozialdemokratie erobert worden ist. In den katholischen Gegenden hat die Sozial­demokratie absolut keinen Anhang.

Die Liberalen sind mit Blindheit geschlagen, daß sie jetzt den Fall der Schulreform zu einer Hetze sondergleichen gegen die Erste Kammer und den katholischen Volks­teil ausnützen. Auch gegen die katholischen Mitglieder des Königshauses (ter König ist protestantisch) setzt die Hetze ein, obwohl sie an der Abstimmung in der ersten Kammer garnicht teilnahmen. Wenn der demokratische .Beob­achter' die königlichen Prinzen scharf angreift, weil sie nicht zu der Sitzung erschienen seien und durch ihre Stimmen dem Entwurf zur Annahme verhalfen hätten, so ist darin höchstens die Anmaßung bemerkenswert, womit dieses „freiheitlich" gesinnte Organ verlangt, daß die katholischen Prinzen gegen ihre lieber« zeuzung hätten stimmen sollen, um dem Lande das liberale Schulgesetz aufzuzwingen. Die .Augsburger Abendzeitung' läßt ganz ungeniert den faior proteatanticus gegen die Missetäter aufmarschieren. Am liebenswürdigste« aber be­nimmt sich die Münchener .Allgemeine Zeitung'. Sie orakelt:

„Was wird die Wirkung im Volke sein? Eine wütende Hetze gegen die erste Kammer. Die Hetze wird ziehen, da fie einen Schein von moralischer und politischer Begründung hat, nur eben natürlich nicht zugunsten der gemäßigten und staatsmännisch überlegenden Kreise im Lande, sondern zugunsten des Radikalismus in der Gestalt von Sozialdemokratie oder, wo jene noch zurück- tritt, der Demokratie. Und diese Hetze ist um so schlimmer, da fie auch vor den königlichen Prinzen, dem

inneren protestantischen Mission unterhalten wird, nicht in Eirklang steht.

Es rut unS leid, daß die Hausmutter unterlassen hat, Sie vor allem darauf aufmerksam zu machen, daß unsere Anstalt die Bestimmung hat, lediglich Mädchen protestantischer Konfession zu erziehen; to'r sehen uns aber gleichwohl veranlaßt, Sie um so­fortigen Bescheid zu bitten, was mit dem infolge des Irrtums bei uns aufgenommenen Kinde ge­schehen soll. Wünschen Sie, daß es, nachdem seiner BleibenS in unterem Hause nicht länger sein kann, der Polizeibehörde übergeben werde, oder zichen Sie vor, daß wir Ihnen dasselbe nach M. schicken? Im letzterem Fall würde der Rest des von Ihnen gezahlten Erziehungsbeitrags für die Fahrt der Mädchens und e iter Begleiterin, die wir ihm mit­geben müßten, genügend ausreichen.

In Erwartung Ihrer beförderlichsten Antwort zeichnet

Hochachtungsvoll

Die Verwaltung der Erziehungs-Anstalt für vei wahrloste Mädchen.

--Nachdem ich die vorstehenden Zeilen gelesen, warf ich das Blatt mit einem Ausruf, der nicht ganz wie ein Wort des Segens klang, auf meinen Schreibttsch.

DaS fehlte gerade noch! Mußte das fremde Mädchen den Kummer, welchen mir mein Sohn wachte, noch verschärfen! Wahrhaftig, der brave Holzmüller hatte sich weltkundiger bewiesen als ich, nbem er prophezei e, daß das Jtalienerkind noch lange eine Last sür mich bleiben würde. Bon meinem guten Herzen, von regem Mitleid für ein bedauerns­wertes oerlafsenes Geschöpf getrieben, hatte ich mich Renatas angenommen, obre zn ahne«, daß ich mir dadurch selbst eh e Rute band Wie töricht ist doch die Behauptung, jede gute Handlung trage ihren Lohn schon in sich! Hatte nickt auch ich gut und den Wichten der Menschlichkeit g-mäß gehandelt, als ich für jenes arme Mädchen persörliche finanz'elle,

künftigen König darunter, nicht Halt machen wird, die abermals der Verhandlung fein geblieben find uno daher auch für den Ausgang verantwortlich gemacht werden Die „hochkonservative Tat" der Herren wird also im SSlubeffekt eine Stärkung der raotkalen Ele­mente im Volk, eine Verschärfung der Gegensätze zur Folge hoben, und zwar nicht blos aus dem Gebiete des Berhältniffes von Staat und Kirche zur Schule, sondern übe, Haupt. Und darum ist der Fall deS Bolks- schulgesetzes durch die Schuld der katholisch ultrawon- tanen Mehrheit der ersten Kammer ein Unglücksürdas Land."

In etwas verklausulierter und bemäntelter Form heißt das ratürlich auch nichts anderes: Den katholischen Prinzen und der katholischen Mehrheit der ersten Kammer geschieht es schon recht, wenn nunmehr eine wütende Hetze gegen sie losbricht; die Hetze hat ja einen „Schein von moralischer und politischer Begründung". Es ist nur gut, doß der Liberalismus bei dieser Ge­legenheit einmal wieder die Maske lüftet und zeigt, was man von ihm zu halten hat. Es ist ungemein „liberal", von den Gegnern der Volks­schulnovelle zu verlangen, sie sollten gegen ihre Ueberzeugung, gegen ihr Gewissen stimmen, damit der Libera ismus, in dessen Schlepptau die württembergi'che Regierung sich hat nehmen lassen, auf seine Rechnung kommt. So „achtet" der Liberalismus die Gewissens» freihett und die Ueberzeugung anderer!

Berlin, den 15. Juni 1904.

* Die Zeutrumsfraktiorter» des Reichs­tages und des Abgeordnetenhauses ver­anstalteten heute abend in der Restauration des Landesausstellungkparkes das gegen Schluß der Tagung übliche gemeinsame Festmahl.

* Der auf kommenden Sonntag nach Frank­furt a. M. einberufene Vertretertag des Reichs- verbandes der ualionalliberale« Jngend- vereiue, auf welchem der preußische Schul­antrag zur Verhandlung kommen sollte, ist durch den Vorsitzenden Dr. Fischer-Köln abge­sagt worden. Hat man den Führern der Jungliberalen erfolgreich zugeredet, daß sie der Fraktion keine Verlegenheiten bereiten und deren Frieden in der Partei nicht weiter stören möchten, oder haben sie aus der Resolution des natio­nalliberalen Zentralvorstandes die Ueberzeugung geschöpft, daß die Fraktion ihren Schulantrag im Stiche lassen und int Sinne der „Jungen" mit den Freisinnigen für die grundsätzliche Gleichberechtigung oder Bevorzugung der Simul- tanschule kämpfen werden? Die ,Nat. Ztg.'findet den Entschluß des Herrn Fischer „sehr erfreulich" und meint, der jungliberale Delegiertentag hätte nichts neues mehr sagen können, nachdem im Zentraloorflande eine vollständige Verständigung erzielt worden sei. Erfreulich mag der Ent­schluß schon fein, aber ohne Zweifel hätten die „Jungen" der Fraktion noch manches sagen können, und zwar sehr unangenehmes und eben

Opfer brachte? Und welcher Lohn erwuchs mir daraus? Nicht« anderes als Scherereien und Wider­wärtigkeiten! Der Rat, den mir der Polizeibeamte irS Gedächtnis zmückgerufen, nicht zu blasen, waS mich nicht brenne, war zu spät gekommen; ich saß jetzt tüchtig in der Patsche.

Ei« Gefühl, aus Mißmut und ohnmächtigem Zorn gemischt, überkam mich, während ich mir vergeblich den Kopf zerbrach, am in aller E le nachzudenken, WaS mir in meiner peinlichen Lage zu tun obläge. Die Zuschrift der Anstoltsverwaltung war so dringlich. Aber ich konnte doch meinen Entschluß nicht übers Knie abbrech-.n! Renata zu mir nach M. schicken zu lassen, ging, bei Goth nicht an; die Vorstellung, welche Augen Carletta beim Anblick der Erwerbung machen würde, die mir tu folge meiner Reise ohne Plan und Ziel ins HanS schneite, war schon allein imstande, mir kalte Schauer über den Röcken zu jagen. Und fie der Polizei überantlrorten? Auch daS kam mich nicht leicht an, umsomehr, als ich mir geoug Mühe gegeben hatte, das Kind den Händen derselben zu entreißen. Aber schließlich, w-nn mir jeder Ausweg verschlossen war, würde doch nichts anderes übrig bleiben, al« jener äußerste letzte Notbehelf für obdach­lose Arme. Hilf, Himmel, in welch' abscheuliche Lage war ich geraten! Renata der Polizei überlassen, flößte mir kaum weniger Grauen ein, als die Zu­mutung, fie, bis fie in ihre Heimat befördert wurde, in den Kreis meiner Familie aufzunehmen. —

Wahrscheinlich wäre ich noch länger in meine trüben Gedanken versunken geblieben, wenn nicht der dröhnende Schlag der Tmmuhr, welche die neunte Morgenstunde verkündete, mich gewaltsam oufgerüttelt und on meine Pflicht gemahnt hätte. Rasch griff ich nach Hut urd Stock und stürmte auf d e Straße ES war die höchste Zeit, wenn ich meinen Lehrvortrag ohne allzu große Verspätung beginnen wollte.

Während ich den ziemlich wetten Weg nach der Handelsschule zurückleate, ärgerte ich mich in meiner ohnehin verbitterten S inmiung richt wet ig über den

deshalb wird man sich freuen, daß der Dele' giertentag nicht stattfindet

() Der sozialdemokratische Parteivor- staud, der das laute G« plätscher im Dresdener .Jungbrunnen' nicht mehr ertragen kann, richtet „an die Parteigenossen" folgenden Notschrei:

„Nachdem die au? den Vorgängen d«S Dresdener Parteitages resultierenden Sckiedsgerlchtrverdand- lungen einen gewissen Abschluß gefunden haben, scheu wir unS veranlaßt, an die Parteigenossen daS drin­gende Ersuchen zu richten — ohne daß wir damit einer etwaigen Berufung der Beleidigten gegen die etgan- genen Urteile vorgreifen —, diese Streitigkeiten ruhen zu lassen. Wir find der Anficht, daß. wird dieser Wunsch befolgt, damit d-n Paiteiinieressen am lüsten gedient wird. Der Kampf gegen die Feinde fordert die Geschloffeube't unserer eigenen Reihen. Entstehen aber sachliche Meinungsverschiedenheiten — und deren Austragung nicht wünschen zu wollen—, kann uns nicht berkommev, so mögen die Auseiandersetzungen darüber frei von jeder persönlichen Gereiztheit und ohne Ge- häistgkeit geführt werden. Es ist in dieser Be­ziehung in der letzten Zeit leider hübe-- und drüben manchmal gröblich gesündigt worden. Diese Kampf­weise muß aufhören. Unsere Gegner können Fehler nicht vermeiden, dies liegt in dem System, das sie ver­treten, und in der Klass.nstevung, die fie einnehmen, wir aber können Fehler verbüken, wenn wir es ernstlich wollen. Zeigen wir, doß wir diesen Willen haben, die Partei wird sich wohl dabei befinden."

Zum Parteivorstande gehört auch Herr Bebel. Wie muß ihm zumute gewesen sein, als er diesen Aufruf, der eine scharfe Rutil seines eigenen Gebührens enthält, mit beschli-ßen mußte. Ob diese „Kampfesweise" nun wirklich „aufhären" wird, ist übrigens sehr fraglich.

):( Die Simultanschuleu sollen nach der Behauptur g der Liberalere den konfessionellen Frieden fördern. Einen kräftigen Beitrag zu diesem Kapitel wird der .Köln. Volksztg.' aus Nassau zugesandt. In einer der so ge­priesenen nassauischen Simultanschulen, an der fünf Lehrkräfte wirken, ist tatfächlich seit vielen Jahren das Realienbuch von Kahn- meyer und Schulze, Ausgabe B. Mittlere Ausgabe, eingeführt und wird von den Schülern zu 1.20 Mk. gekauft. Die neue 32. Auflage 1903 erhielten die Schüler gegen Entrichtung des Preises von ihrem Lehrer selbst, der sie durch einen Buchbinder bezog. Die katholischen Kinder kauften fie geradeso wie die protestantischen und müssen aus diesem Realienbuch manche Partieen auswendig lernen. Wie der geschicht­liche Teil dieser evangelischen Ausgabe beschaffen ist, dafür einige Beispiele:

S. 33. Joh. HuS. 1. Jrrlihren der Kirche (als Ueberfchrist).

Diese Lehre (Fegefeuer und Seelenmeflen) brachte daher der Kirche viel ein. Noch einttäglicher war die Lehre vom Ablaß . . . Das Volk wurde in Dumm­heit und Aberglauben erhatten. Wer die Bibel las, wurde sogar als Ketzer bestraft.

Sein (Ferdinants II.) Grundsatz war: Besser eine Wüste, als ein Land voller Ketzer.

Gustav Adolf wird eingeführt als der fromme „Retter in Not".

S. 36. Für gewisse Sünden waren bestimmte Summen festgesetzt; ein Mord kostete 8, ein Meineid 9 Dukaten. Das betörte Volk bezahlte, und TetzelS Kasten füllte sich mit Gold und Silber.

Zur Besprechung ist die Frage aufgeworfen: Welche Zwecke verfolgt der Gustav Adolf-Verein

heftigen Wind, der schon die ganze Nacht an meinen Fenstern gerüttelt Haie, und mir jetzt gerade ins Ge­sicht webte, als hätte er's darauf abgesehen, mich in meiner Eile aufzuhallen. Mußte denn heute sogar der Wind mithelsen, meine unwirsche Laune zu ver­mehren?!

Hätte ich aber gewußt, welchen tollen Streich mir der wilde Geselle in der Spanne Zeit, da ich von zu Hause abwesend war, noch überdies spielte, — gewiß wäre ich dann vor hellem Verdruß schier aus der Hallt gefahren. So aber ließ ich mir, zum Glück sür die Klarheit meiner Vorlesung, nichts von dem lebhasten Austritt träumen, der sich unterdessen da­heim vorbereitete, und der fick in der Hauptsache wieder um dieser unglückselige Jtalienerkind drehen sollte.

Es kam mir, nachdem ich meine Arbeitspub« wieder betreten, schon seltsam vor, daß ich daS Schreiben der Anstaltsverwaltung nicht mehr vorfand, obgleich ich mich genau erinnerte, dasselbe auf meinen Schreib­tisch gelegt zu haben. Meine Art isi es sonst nicht, den Verschluß wichtiger Papiere zu versäumen; heu'e aber war ich in der Eile und Aufregung meiner löb­lichen Gewohnheit untreu geworden, und diese Unter­lassungssünde sollte üch schwer rächen.

Denn wenige Mmuien nach meiner Heimkur.it stattete mir Cnriotta einen Besuch e-b. Er geschah sehr selten, daß fie fick zu ein tn solchen Schritt herbei- ließ; tat sie ihn aber doch, r>ann war der Anlaß da­zu meistens ein nnerquick.icher.

Heute je och erschien ihr eckiges Geficht wirklich unheimlich; eS zeiote Züge wie versteinert. Nur d z Augen sprüht en Funken und leuchteten sekundenlm g auf, gle'ch jenen eine- fal ch n Katze.

„Ich habe mit Dir zu reden," sagte fie bav, ohn- mich erst zu begrüßen.

In dieiem Auaenblick erschien mein Töchterlein unter der Tür Sie wellte, wie jetzt jeden Morgen in mein Zimmer schlüpfen, um mit mir zu kosen.

„Hinaus, Ulrrke!" rief Carletta heftig, „Du hast jetzt nichts da zu suchen!"