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Docher.heU ü r: „Illustrierte Sonckagrzektung" moeatebeoage: „Fuldaer GeschichtrdMer".
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Druck und Verlag d Fuldaer Art iendn'ckei in Fulda (Qatmonli Fernsprecher Nr.«
8uIH Samstag, bat 11 Juni 1904.
31. Jahrgang.
Zweites Blatt
rvochen-Rundschau.
(Nachdruck verboten.)
D Fulda, 11. Juni 1904.
Der deutsche Reichstag ist cm Dienstag wieder zuiammengetreten; die Legung wird aber nicht lange mehr dauern, soadern vielleckt schon in der nächste» Wcchl/ ihr Ende staden. Nach Pfingsten ist in de« diätenlosea Reichstage eriub^uvgssemäß nicht viel wehr zu machen — ein beschlußfähiges HarS ist gar nicht wehr zusammrn zu bringen. In seinen ersten Sitzungen erledigte der Reichstag in zweiter Lesung daS ReblauSgesetz und die Münzqesetznrvclle. Bei letzterer entspann sich eine längere Debatte über den KommssfionLvvrfchlag, Dreimc rk (Taler-)Siücke auszupräg«. Gegen den Widerspruch der Regierung wurde der Vorschlag angenornmen. Bcn freisinniger Seite wurde indeß bereits angrkündigt, daß naa in dritter Lesung durch Anzweiflung der Beschlußfähig' tei d'S HauseS die eudzilttge Annahme des Bor* schlage» zu verhindern suchen werde.
Ds preußische Abgeordnetenhaus ist am T enSiag ebenfalls wieder zusammengetreten. Seine Kann ^mmisfion hat schon in der vorigen Woche ihre Arbeiten wi-drr ausgenommen un> fie rostig gefördert. Mit der eigentlichen Kanalvorlage hat fie sich aller- diugSInoch nicht beschäftigt, aber die anderen find in erster Lesung erledigt. Bor der Vertagung des Land* tags wird die Entscheidung der Kommission über die Krnalvorlage überhaupt wohl nicht mehr fallen. Zunächst befaßte fich d S Haus mit Jnit'ativanirägm. Zu einem steifinnigen Anträge auf Neoregelung des WvhuungSgeldzuschuff S lag ein bemerkenswerter Antrag der ZentrumSabgeordnettn Dr. Htz-und Schmedding vor, der die Abstufung des Zuflusses nach der Zahl der »aterhaltungsberrchtigten Familienmitglieder (Kinder uw.) des Beamten 'anregte. Dieser Antrag fand bei allen Parteien Ank. nz. Der Finanzwinister wollte von einer Erhöhu-g deS WohnungSgeldzu- fchuffeS für die höheren und mittleren Beamten nichts wist'N Für die unteren Beamten pellte er fie dagegen in Aussicht, sobald dir Finanzlage es gestatte. Den Sruudgedanken des Zentrumsanttages billigte er, nur glanbte er praktische Bedenken Vorbringen zu mi sten. Diese waren indeßß wenig stichhaltig. Die Anträge wurde« der Budgetkommstfivn überwiesen. Ein Antrag de» Abg. Faltin auf Gleichstellung der Rang- und SchaltSverhältniffe der Amts* und Landgerichlsfekre* ISrr mit denen der gleichartigen Berwaltungsbeamten gi»g an die Justizkommisfion. Ja erster Lesung beriet daS Haus weiter den Gesetzentwurf betreffend Er- schwanng der Kontraktbruchs ländlicher Arbeiter, der au eine Kommission verwiesen wurde.
Der Streit über den Schulantrag tobt lustig weiter; die „große liberale Partei* zeigt fich bei Vieser Gelegenh .it einmal in ihrer ganzen Herrlichkeit. Die einzelnen liberalen Parteien liegen nicht nur untereinander fich in den Haaren, sonvern find selbst wieder unter sich geteilt. Eine h bsche Illustration W der vieigerühmten Solidarität des LibcralümuS. Die ganze Mache hat den Vorteil, bas man über daS Eudztel unserer Liberalen nicht mehr im Zweifel sein kann. Sie wollen r ichts anderes als die Einführung der religionslosen Schule. Vielleicht übt diese Erkenntnis auf Konservative und Regierung eine heilsame Wirkung au8. Nach der ,Rordd. Allg. Ztg/zu schließen, ist die Regierung über den Streit im na*
twualliberal« Lager öchst nnztücklich Sie möchte kein Schulunterholtung ges-tz ohne M'twirkung der Nmionulliberalen Schließlich wird fie aber doch wohl ei sehen müssen, daß fie am b'st-n tut, die stittk* Mehrheit, die Konservative und Zentrum bilden, zu benutzen, statt den vergeobcy« Versuch zu mache», den Liberalismus zu befriedige». Dieser will im Grunde doch die religiruslose Schule. DaS würde sich bei Beratung deS SchuluntkrhattungigksetzeS wahr- tcheinlich auch bann he-au» gestellt habe», wenn jetzt nicht schon der Streit um den Antrag ertbrannt wäre. Die Mn. Ztg/ hat, wohl in der Sorge, daß bie Naiionall beraten am Enbe doch .aurgechaltei" wer* den möchten, einen .Vorschlag zur Güte" gemacht. Damit praktische Toleranz geübt und einem ar.bereu ein Schuiidenl ausgeblärgt werbe, baS fie u cht wollen, schlug fie vor, ben Gemeinden bie Entscheiburg darüber anhrtmzvst llen, ob fie die Bvlkeschule paritäiisch oder konfessionell einrichten wollten. Ta» wahre allen Schulsystemen au» G und d-S MebrheitSprivz ps die Möglichkeit der B rwirklichung. Im nationallideralen Lagsr hat dieser Vorschlag Anklang gesunden. Dos Zentrum kann fich aber niemals darauf einlaffen und nach der ,Kr euzztg.' werden es auch die Konservativen nicht tun. Die Liberalen würden bann in allen Gemeinden, wo fie bank beS plutokratischen W hlrechtS bie Mehrheit ber Stabtyerordncten haben, bie Smul- tanschule einsübren, unbekümmert darum, ob die große Mehrheit der Bevölkerung dagegen wäre. Dort aber, wo d e Mehrheiten der Gemeindevertretung wechseln, würde man aus dem Streit um die Schule gar nicht herau kommen.
Bei der Reichstags-Ersatzwahl inStraßl burg-Land hat in der Stichwahl, die am Fronleichnamsfeste (!) staitfand, der Demokrat Blum-ntha- über feimn Gegner Hauß mit 762 Stimmen Mehrheit g< siegt. Diesen Sieg hat er ledigliü den Sozialdemokraten zu verdanken, um die er fich ja auch in seiner kurzen parlamerttarischm und seiner sonstigen politischen Tätigkeit als Gegner der „klerikalen* sehr verdient gemacht hat. '
G-gen die Jesuiten und den „Ultramontanis* miß" wird von den protestantischen Synoden weiter resolviert. Der Landtag von Reuß j. L. überwies der Regierung eine Petition um landesgesetzliche Bestimmungen gegen den Aufenthalt der Jesuiten in R-.uß zur Berücksichtigung. Die Regierung, die fich als Anhängerin des Zesuitergrtetzes, natürlich im Inter sse des religiösen Friedens, bezeichnete, hielt neue Bestimmungen nicht für nötig und versicherte, daß fie schon auspaffen werde, daß Jesu.ten in Reuß kein Unheil anricht'n. Auch meinte fie, nur ein gemeinsames Handeln der thüringischen Regierungen würde hier von Vorteil sein. Allerdings, wo d'e Jesuiten mit einem Sp-unge aus dem einem Lande in das andere entschlüpfen können, wird „gemeinsames Handeln' notwendig fein, wenn man fich ihrer erwehren will. Nur möchten wir gern toiffen, was die vereinigten Staaten von Thüringen bett Jesuiten denn eigentlich anhaben könnten, wenn es biefett beliebte, in ihnen Aufenthalt zu nehmen.
In W ü r 11 e m b e r g hat bie Abgeordnetenkammer einen Antrag angenommen, nach welchem bie Regierung im Bundesrat dahin wirken soll, baß unverzögert ein Gesetz eingebracht werbe wegen Errichtung einer gtm beeten Vertretung ber Arbeiter zum freien unb srieblichen Ausdruck ihrer Wünsche und Beschwerden; eventuell soll die Regierung selbst eine solche Vorlage einbringen. Mit dem ersten Teil des Antrags ernärte fich die Regierung einverstanden.
In Frankreich ist die Affäre DreyfuS mit der Verhaftung des Offiziers im Nachrtchtenbureaa d'Antercke in ein neues Stadium getreten. d'Antercke wurde dabei ertappt, wie er an Urkunden, die im
Ohne plan und Ziel.
Roman von I. Baierlein.
B. ------ (Nachdruck verboten.)
„Gewiß. Ich bedarf derselben, um bie Staats* anaehörigkeit uvb die Heimat bes Mädchens festzu- stcklS'."
„Ich habe keine solche Papiere."
„Richt? — Vielleicht befinden fie fich im Befitze der Meinen."
Ich wandte mich zu Renata.
„Hast Du einen Reisepaß, eben Heimatschein, oder stxend em anderes Dokument, aus de» hervorgeht, tote und woher Du bist?*
Sie schüttelte den Kopf und soh mich verständnislos en. Ich Muße im Voraus, daß Paß und Heimat- schk» unbekannte Di-ge für sie waren. Ebenso gut Htte ich fie um daS Datum der Eroberung von Arabat freß*« können.
Bei Renatas stummen Mienenspiel verdüsterte fich die Miene des Konsuls.
„Die angebliche Renata Pafstro scheint mir nicht im Stande zu sein, ihre Herkunft nachzuweisen."
»Ich glaube nicht, daß fie da» vermag," mußte ich zugeben. Ich konnte aber bei di fen Worten ein« Ms« Seufzer nicht unterdrücken.
„Inter diesen Umständen bedauere ich, dm Beistand der Konsulates zur Rücksendung deS Kindes in feine Heimat versagen zu müssen.'
Mir wurde angst und bange.
„Herr Konsul', wandte ich ein, „daS-Sind ist zweifellos eine Angehörige des italienisch« States."
„Wodurch wollen Sie dies in unanfechtbarer Form beweisen?"
„Renata spricht italstmifch mit de« Accent, wie « hu Süden der Landes, etwa in Kalabrien, der
Basilikata oder in Apulien üblich ist. Ich kann dies beurteilen, da ich Lehrer des Italienischen an der Handelsschule in M. bin/
„Auch ich spreche italimisch und nebenbei auch den Mailänder Dialekt. Immerhin bin ich aber kein Italiener, sondern ein bayerischer Staats- und deutscher Reichsbürger. Ich sage dies nur, um zu zeig«, daß die Sprache allein noch keinen Anhaltspunkt bildet für die Staatsangehörigkeit einer Person. Die Tessiner unb Sübtyroler, bie Dalmatiner und viele griechische Küstenbewvhner, sogar zahlreiche Tunesen sprech« gleichfalls italienisch. Aber selbst angenommen, diese Klebe sei zu Sasso in Jtalim geboren, — wer bürgt dafür, daß ihre Eltern Jta! teuer waren, und w«n doch, — daß fie die italienische Staatsangehörigkeit auch hmte noch besitzen? Ihr Vater kann ja mittlerweile in einem anderen Lande da» Bürgerrecht erworben Haven."
Ich schüttelte ben Kopf.
„Sie glauben, daß dies unwahrscheinlich sei", fuhr er fort, „unb ich glaube ba8 nämliche. Allein die Vorschriften der Regierung rechn« in derartigen An- gelegmheiten nicht mit möglichen oder wahrscheinlichen Annahmen, fonbern fie finb sehr streng unb genau Sie verlangen vollgiltige Beweise für bie heimatliche Zuständigkeit eines Italieners im Auslar.be und lassen in bieser Hinsicht Weber ein Mißverständnis, noch ein willkürliches Deuteln zu. Wie notwendig die» ist, jeigt klar der Fall dieser angeblichen Renata Passers. Hat fie nicht gesagt, sie sei au» Sasso?"
rei blätterte der Konsul in einem dickleibigen
„Ja", antwortete ich bekommen. Wa» würde wohl kommen, um die Erfüllung meine» Anliegens noch aussichtsloser zu gestalt«, als sie fich bereits ■efct darstkllte?
„Hier habe ich ein OrtSlexikvn über die sämtlichen Stadt- und Landgemeinden, sowie die Dörfer und Siedelung« deS italienischer! Königreichs. Angenommen
Renner Pirz-ß gegen Tr-yluS eine Rolle spielten, radierte. D>e Radierung soll ben Zweck gehabt haben, bie Bestechung deS Abenteuere- Ceruvschi, der gegenDr>y°us auesagte, zu vertuschen. TuNaitrna» listea hatten d'Antercke für das Opfer eimr Jnttigue. — An mehreren Otten Frank. eickS find StreickS ausgebrrchen, die zu blutig n Zusammenstößen führten
Daß in Italien bei ber Anwesenheit beS König» Viktor Emanuel in Bologna ber Erzüschof Evampa bemfeib« feine Aufwartung wachte unb von ihm in ber elrendst n Weise lehanbelt würbe, hat in Frankreich sehr verschnupft. Dazu kommt noch, daß ber Mu ister G.olirti erhärte, baß ben aus Frankreich a sgewi'senen Kongregansten in J'alien bie Freiheit innerhalb der Gesetzes kingerävmt werden srllte. Das ist beider nach sranzöfischen Begriffen viel zu bnlbfam.
Auf dem ostasiatischen Kriegsschau* platze find seit ber E stürmung von Kintsckau und Nanlschau größere Kampfe «cht vorgekommen. Die Rassen gaben ihre Verluste an Toten unb Verwundeten bei Sinlschau aus 30 Offiziere unb 800 Mann an. Auch behaupten fi*, alle vrrlorenen Geschütze seien vorher unbrauchbar gewacht worden. UcberdieS versichern fie, diese Geschütze seien nicht viel wert gewes«; eS bandle fich weist um solch-, die fie im I hre 19C0 den Chinesen abgerowmen hätten. Der Gesamtverlust ber Joponer in ben schweren Kämpfen wirb jetzt auf 3 Offiziere und 713 Mann an Toten unb 100 Offiziere unb 3460 Mann an Vermur beten angegeben. DaS von den Russen verkcffcne Dalry wurde von den Jopanern kn setzt. Die R- si-n sollen einen Teil der Gebäude, sowie 3 Torpedoboote und das Kanonenboot „Bobr.", da» an bcn Kämpf« bei Rauschwan r nS Talienwan aus terlnahm, zerstört haben. Nach anberen Meldungen wären dir Schiffe nach Port Arthur zmückgekehrt. Ein russisches Kanoner boot soll bei Port Arthur burch eine Mine zerstört worden fein. Noch russischen Melbungen soll ein großes japanisches Schiff vor Talienwan durch eine Mine zum Silken gebracht worden fein. Doch wird dies von japanischer Seite bestritten. Nördlich von Pmt Adams sanden wiederholte Rekogni Lzi'- rungSgefechte zwischen Kosaken unb japanl chic Kavallerie statt, bie durch bas Eingreifen jopani chec Infanterie zu Gunsten ber Japaner entschieden wurden. In ber Gegevb von Föngkwangtfchöng haben wieber allerlei Scharmützel stetig fürben, bie jebrch nicht von größerer Bebeutung find. JnNord- ostkorea, irsbesonbere bei Gensan, beunruhig« Streif korps von Kosak« bie Japaner fortgesetzt.
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Unpolitische Zeitlöuse.
(Nachdruck verboten.)
® Berlin, 9. Juni 1904.
Frauen auf der Kanzel — das Haden wir jüngst in Berlin auch schon erlebt. Glücklicher Weise noch nicht in einer deutschen Kirche, sondern in einem englisch - amerikanischen Tempel. Es tagten nämlich hier die internationalen Frauenbünde, welche die „Emanzipation des weiblichen Geschlechtes" gleich gründlich betreiben wollcn Volle Gleichheit zwischen Mann und Weib! Daher Oeffnung aller Berufe für die grauen, auch des geistlichen Amtes! Daher das volle Wahlrecht für die Frau, auch das polnische! Die Parole des Frauenstimmrechts bildet das Aushängeschild der Versammlung von Amazonen (weiblichen Kämpferinnen). Eine ganze Reihe von Teil-
nun, aber nicht zugegeben, ich würde dieses Kind wirklich von Konsulats weg« nach Italien schicken müssen, wohin sollte ich eS schicken? Ich lese da" — der Konsul zählte leise — „nicht weniger als fünf« unddreißig Ortschaften mit dem Namen Sasso in ben verschiedensten Provinzen. Welche ist die richtige? In welchem Sasso wohnt Anwnio Passero, der Vater de» Kindes? — Sie sehen wohl selbst ein, Herr von Bür«, daß ich die Hand nicht bieten kann, Ihren int Wolde gesunden« Schützling nur so aufs Geratewohl nach Jtalim zu spedier«. Ich bedanre bs8 aufrichtig, vermag aber nicht zu helfen."
„Mein Gott!" rief ich in halber Verzweiflung, „was soll denn ich mit ber Kleinen anfangen ? Ich kann fi- doch auch nicht behalten!"
„Es wirb Ihnen nichts übrig bleiben, als fie ber Polizei zu übergeben," meinte ber Konsul: „dieselbe ist verpflichtet, das obdach- und mittellose Kind auf- zunehmm und so lange zu behalten, bis eingehende Nachforschungen Klarheit in dessen jetzt notb sehr dunsten Perionalverhältniffe gebracht haben. Damit ist auch für Sie ei» Vorteil verbunden: Sie brauchen fich mit dem Mädchen nicht mehr länger herumzuschleppen."
Eine Verbeugung des Konsuls deutete mir an, daß ich entlassen sei.-- '
X.
Da stand ich nun wieder auf der Straße — un- verrichirter Dinge!
Jcv mag wohl ein finsterer Gesicht gemacht haben; denn Renata blickte furchtsam an mir in bie Höhe, unb obgleich sie meine Hand noch immer nicht aus ber ihrig:» gelassen hatte, wagte sie boch nicht, mich anzurede».
ES war aber auch zu ärgerlich für mich, derart in einer Erwartung getäuscht zu werden, an deren ungünstige» AnSgang ich lein« Augenblick gedacht hatte. Meine felsmfepe Ueberzmgung war gewes«,
Nehmerinnen führt vor ihren Namen den Titel „Rev.-‘, d. h. Reverend, anglilanischer Geist* licher. Auf der Kanzel haben diese „Geistlichen im Untrrrock" allerdings nicht von den chrtst* lichen Heilslehren, sondern von ihren eigenen „Heilslehren", d. h. vcn ihrer Frauenbewegung gesprochen. Nun sage noch einer, daß es keinen Fortschritt in der Welt gebe, wenn die zungen* fertige Weiblichkeit schon von den Gardinen* predigten zu Kanzelpredigten gelangt ist.
Ich bin nicht bei diesem Kongreß der Mann* weider gewesen; lieber trink ich meinen Kaffee am Familientisch im Geplauder mit weib* lichen Frauen. Einer der dabei gewesen ist, hat erzählt, unter den Vorkämpferinnen für die Gleichberechtigung hätten sich einige mit recht feinen modernen Kostümen befunden, die möglichst viel hin- und hergegangen feien, um rhre Toilette zur Geltung zu bringen, was nicht bloß entrüstete, sondern auch neidische Blicke herro-gerufen habe. Dcs sei boshafte Spöttelei, werden die Eifererinnen sagen. O nein; ich glaube, dieser Echilderer tut dm Damen Ehr>» an; denn er stellt fest, daß sie trotz alle Schrullen doch das bleiben, wozu Gott fie x schaffen hat, nämlich weibliche Wesen, die Schönheit ur.d Wohlgefallen leben wollen. 5 Natur ist schließlich stärker, als alle feg. Ide« die das menschliche Gehirn ausbrütet-
Es ist eine Eigenheit der Kinder, daß \ mit besonderer Gier nach Dingen greifen, die ft. nicht haben sollen. Was ihnen die Eltern vor* enthalten, das dünkt ihnen der Inbegriff aller Seligkeit zu fein. Sie ruhen nicht, bis sie ihre Neugier befriedigt haben und durch Schadm etwas klüger geworden sind. Die kampflustigen Frauen scheinen von der Herrlichkeit des Stimmzettels auch eine kmdlich Überschwengliche Vorstellung zu haben. Mein politischer Ehrgeiz wird durch den einen Stimmzettel, den ich selbst abgeben tann, wahrlich nicht befriedigt; viel wichtiger ist mir die Fähigkeit, auf die andern Staatsbürger emzuwirken, daß fie gut wähl«. Und diese Beeinflussung der Wahlen kann fich die Frau, we.che Zeug und Lust dazu hat, auch jetzt schon leisten, obschon sie selbst nicht zum Wahltisch gehen darf. Sie kann mtt ihrem Mann, ihren Brüdern, ihren Verwandten und Bekannten die öffentlichen Angelegenheiten besprechen und ihre Wünsche geltend machen. Dieser Einfluß der Frauen wird ja in den Rückblicken auf die Wahlergebnisse häufig genug anerkannt, namentlich von der geschlagenen Partei, die gern die Ueberlegenheit des Gegners auf die stille weibliche Hilfe zurücksührt. Den größten Einfluß auf die Politik hat aber die Frau durch die Erziehung von braven, tüchtigen Kindern. Bekannt ist ja die Geschichte von dem Wettstreit der zwei römischen Frauen: Die eine erschien in dem reichsten Schmuck von G^ld und Edeisteinen, die andere kam in schlichtem Kleid, führte aber an jeder Hand einen prächtig auf- blühenden Jungen. Der weibliche Stimmzettel gleicht dem angehänglen Schmuckstück; die Wirk* samkeit als Hausfrau und Mutter aber bringt viel höher, unschätzbare, in Ewigkeit sich ver' zinsende Werte hervor.
ber Konsul werde mit beiden Händen zugreifen, tr mir die Italienerin abzm-ehme». Und, jetzt?
Zum zweite» mal schon am heutige» lag erinnert ich mich an das Wort les HolzmüllerS» daß b? fremde Mädchen eine Last für mich sei und not, länger bleiben werde. Fing die Bürde nicht bereits an, fich drückend fühlbar zu machen?
Und noch etwas anderes fiel mir ein. Hatte nicht Barletta während der erregt« Szene am Tage vor meiner Abreise die höhnische Vermutung ausgesprochen, ich würde bei meiner plan- unb ziellosen Reise durch bie Welt vielleicht ein neues Heiligtum mit nach Hause bringen? Wenn ich mir Renata, bie ich freiwillig zur Begleiterin angenommen, etwa nicht mehr vom Halse schaff« konnte? Wenn ich statt eines Heiligtums fie als mein Anhängsel mit nach Hause nehmen mußte?!
Mich schauderte eS bei diesem Gedanke» und ber Vorstellung, welche v"n grausamer Freube durchleuchte* ten Augen Carlotta beim Anblick beS Bettelkindes mach« würde!
Doch nein! DaS waren ja nur müßige felbstquä* lerische Phantasie», leere Träume, bte höchsten' bewies«, daß mein nervöses Leid« doch noch nick mit Stumpf unb Stiel auSzerottet war. Denn U brauchte nur ben Rat des Konsuls zu befolgen, dml war ich meiner Bürde entledigt. Wen» ich R«a! der Polizei übergab, mußte diese für daS freml Mädchen sorgen. Ich hatte gewiß getan, um Menfchenpflicht von mir forderte, und kein.» Grünt mir Vorwürfe zu machen.
Und doch bäumte sich im innersten Winkel meine» Herzens etwas auf gegen dm Schritt, de» mir der Konsul angebeutet harte. Freilich sah ich nur zu gut ein, daß ich Renata nicht länger bei mir bebaltes, am allerdingsten fie mit nach Hause bringen durste, aber die Polizei!--nein, die sollte dar Mädchen
auch nicht hab«!
(Fortsetzung folgt.)