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«. wochendellage! „Illustrierte Sonntagzzeitung"

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Druck und Verlag d< KuldaerActiendrucker- in Kulda (Harmonie Zernsprecher Ur.«

J£ 128.

Küda, Mittwoch, bett 8. Juni 1904.

31. Jahrgang.

> erstes Blatt <

0 Sozialpolitik unö IDobnnngsgelö. ' luschutz.

Das preußische Abgeordnetenhaus beschäftigte sich in seiner ersten Sitzung nach den Ferien mit einem Anträge des freisinnigen Abgeordneten Oeser auf Erhöhung des Ptzphnungs« geldzuschusseS der Beamten. An und für sich ist dieser Antrag nicht besonders be­merkenswert. Er gehört zu den vielen Anträgen und Wünschen auf Verbesserung der Lage der Beamten, wie sie alljährlich wiederkehren und besonders bei der Etatsberatung zu gedeihen pflegen. Ein eigenes Jntereffe aber gewann er durch einen Zusatzantrag deS Abg. Dr. Hitze, worin die Abstufung deS WohnungSgeld- zuschuffeS nach der Zahl der unter« haltungSberechtigten Familie nange- h Sri gen, also insbesondere der Kinder, der Beamten angeregt wird. Damit wird ein ganz neuer sozialpolitischer Gedanke in die Frage hineingebracht.

Bekanntlich bekümmert sich der Staat bet Bemeffung der Beamtengehälter nicht darum, ob der Beamte verheiratet oder unverheiratet ist, ob er keine Kinder und wie viele er hat. Alle Beamten derselben Klaffe und desselben Dienst- alterS erhalten das gleiche Sehalt. Nur bei der Regelung deS SehaltS der Geistlichen wurde von diesem Grundsätze insofern abge­wichen, als die höheren Gehälter für die pro­testantischen Geistlichen gegenüber den katholischen damit begründet wurden, daß die protestantischen Geistlichen verheiratet seien und meist Kmder hätten. Aber bei dieser Begründung waltete kein sozialpolitischer Gedanke ob; man wollte nur einen Vorwand für oie Bevor« zugung der protestantischen Geistlichen haben, die unter allen Umständen statt« haben sollte. Der sozialpolitische Gedanke tauchte zuerst vor zwei Jahren im Reichstage tmf, wo bei Beratung des Seroisgrsetzes angeregt wurde, bett verheirateten Beamten einen höheren Wohnungsgeldzuschuß zu gewähren, als den un« verheirateten. DaS hieß aber noch auf halbem Wege stehen bleiben. Der Abz, Hitze führt den guten Grundgedanken konsequent durch, indem er auch auf die Zahl der Kinder Rücksicht ge« nommen wissen will.

Natürlich setzt sich eine solche neue Idee nicht gleich mit einem Schlage durch. Gewohnt an die hergebrachte Gleichstellung aller Beamten gleicher Klaffe, wird man den neuen Vorschlag zunächst als einen Umsturz des bestehenden, als unpraktisch und undurchführbar empfinden. Bei näherer Prüfung und Ueberlegung werden aber alle sozialpolitisch Denkende erkennen, daß der Gedanke gut und durchführbar ist. Bei Be- messnng des Wohnungsgeldzuschusses wird ja

Ohne plan vnö Siel.

Roman von I. Baterlein.

18 ------ (Nachdruck verboten.)

Aber bald sollte ich mich überzeugen, daß die wenn auch nur mangelhafte Unterhaltung Ferdinands mit Renata für Letztere doch gute Folgen brachte. Da» kleine Mädchen, das mit ihrem Sohne in einer fremden Sprache redete, hatte sich dadurch bei den alten Müllersleuten einen wichtigen Stein ins Brett ge­schoben. DaS tonnte ich schon auS den Worten des H mSherrn entnehmen, der, al» er nach geraumer W'ile zu mir in die Stube zurückkehrte, schmunzelnd änderte:

„Das plappert und klappert ja wie unser Mühlen­rad draußen, waS der Ferdl und Ihr braune» Mädl mit einander dischkerieren (diskutieren). Meine Frau ist ganz weg drüber und hat ihren Narren g'freffen an der hinkenden Dingi». Na, mir kann'S recht sein. G'ftenen tut'S mich sogar, wenn sie das auSführt, Vas sie mir wegen dem Mädck anvertraut hat. Ja, ja — meine Alte, daS ist ein Prachtweib! Ein Herz b«t» weich wie Butterschmalz und treu wie Gold."

Es dauerte nicht lange, bis ich erfuhr, wa» diese geheimmsvollen Anspielungen bedeuteten. Es mochte eine Stund- verflosien sei», seit ich meine Mahlzeit gehalten, und gerade batte ick, der Nötigung des Müller» nach gebend, wieder mit ihm angestoßen und an meinem Glase genippt, al» seine Frau aus» Nene zn un» trat.

An der Hand führte sie ein Mädchen in der Tracht, die bei wohlhabenden Bauersleuten in der Nürnberger Gmmd üblich ist. Wer war aber die» hübsche Kind Mt den großen träumerisch blickenden Augen, dem zarten, rosig an geh ruchten Gesicht und dem fein ge­schnittenen Mund, um dem ein geschämige» Lächeln spielte? Es kam mir so sonderbar bekannt und doch wieder eigentümlich fremd vor. Sollte da»--

ohnehin schon jetzt nicht nach dem Grundsätze verfahren, daß alle Beamten für die gleiche Dienstleistung das gleiche Einkommen beziehen müffen. Der Wohnungsgeldzuschuß wird nach Klassen abgestuft; die örtlichen und sonstigen Verhältnisse werden dabei be­rücksichtigt. Dos P.ivzip für seine Bemeffung bildet die Bedürfnisfrage. Anderseits er- kennt der Staat auch durch die verschiedene Be- messuna des Diensteinkommens nach den Dienstjahren an, daß den wachsenden Be­dürfnissen der Beamten Rechnung getragen werden muß.

Es ist also nur billig und recht, wenn jedem Beamten ein Wohnungsgeldzuschuß in der seinem Bedürfnis entsprechenden Höhe gewährt wird. Eine Bevorzugung der Beamten mit zahl­reicher Familie vor anderen Beamten liegt darin keineswegs. Im Gegenteil, sie erleiden tat­sächlich eine Zurücksetzung, wenn fi- keinen höheren Zuschuß erhielten. Auf die Zahl der Kinder wird ja auch bei dem Einkommensteuer­gesetze, bei der B» Messung der Reliktengelder und bei anderen Gelegenheiten Rücksicht genommen.

Daß dieselbe Rücksichtnahme beim Wohnungs­geldzuschuß ebenfalls sehr wohl durchführbar ist, kann ernstlich nicht bestritten werden. Ebenso wenig, daß der Staat die Pflicht hat, seinen Be­amten eine ihrer sozialen Stellung entfprechende Wohnung zu sichern. Er darf sich da von Pri­vaten (Industriellen usw.) in feiner sozialen Tätigkeit nicht Übertreffen lassen. Natürlich haben die Antragsteller nicht erwartet, daß die Regie­rung nun sofort Ja und Amen sagen werde. Es gehört zum alten Herkommen, daß, sobald mehr Geld für die Beamten gefordert wird, die ungünstige Finanzlage dagegen ins Feld geführt und auf frühere Beamtenaufbefferungen verwiesen wird. Diesem Herkommen blieb auch Finanzminister v. Rheinbaben treu. Doch stellte er eine Erhöhung des Wohnungsgeldzuschusses für die unteren Beamten in Aussicht, sobald die Finanzlage es gestatte. Den Grundgedanken des Antrags Hitze-Schmedding erkannte er auch als durchaus richtig an, aber er hatte Bedenken gegen seine Fassung und seine praktische Durchführbar­keit. Die Bedenken, die er anführte, nahm er aber selbst zum Teil wohl nicht allzu ernst. Der Staat hat weit schwierigere Aufgaben durchge­führt; man denke nur an die Arbeiterver sicherungs- gesetze, gegen die der Zentrumsantrag doch nur ein Kinderspiel ist.

Im Abgeordnetenhause fand der Antrag a uf alle Seiten sehr sympathische Auf­nahme. Wir dürfen also hoffen, daß der aus­gestreute sozialpolitische Samen demnächst auf- gehen und reiche Frucht bringen werde.

Deutsches Reich.

Berlin, den 7. Juni 1904.

Den diesjähigen Kaisermanöveru, die sich zum Teil in Mecklenburg an der Küste der Ostsee abspielen werden, mißt man insofern

Doch ich mochte de» Gedanken nicht einmal zu Ende denken. Nur das starke Kulmbacher Bier konnte mich auf die lächerliche Idee gebracht haben, daß diese» Nürnberger Landkind die kleine Renata war!

Und trotzdem, wenn ich die dunklen, mit einer Art leidenschaftlicher Zärtlichkeit auf mich gerichteten Augen betrachtete — die roten Lippen, zwischen denen, so »ft sie sich zum Lächeln kräuselten, blendend weiße Zähne hervorblickten, — die reizenden Grübchen in den schmalen Wangen. —

Da riß mich die Stimme der Müllerin au» allen meinen Zweifeln.

„Na, wa» sagenS's jetzt, Herr Bcofesier?" fragte sie nicht ohne einen Anflug von Slolz. „Hab' ich meine Sach' recht g'macht oder nicht? Ist ans der wüsten, widerhaarigen Raupen etwa kein herzig schöner Schmetterling worden? Schauen'» Ihnen daS Zigeurer- mädel einmal an und sagen'» aufrichtig, ob’» dem Un» lath, bet’» noch vor einer Stund' g'wesen ist, im Geringsten mehr gleich sieht?"

„Also wirklich", tief ich mit dem Ausdruck unver­hohlenster Bewunderung in Ton und Blick. Renata rst e» — Renata!"

Der Müller lachte vor Vergnügen, vielleicht we­niger über die Verwandlung des schmutzigen Land- ahrerkinde» in ein bildsauberes Bauerntöchterchen, al» iber meine freudige Uebettaschung, die ich so rückhaltlos zu erkennen gab.

„S“, ja", bestätigte er, indem er sich vor inner­lichem Behagen die Hände rieb, „das ist Ihr Zigeuner­mädel. Und so hot'S meine Frau ’rausputzt. Hab' ich etwa übertrieben, weil ich g'sagt hab', meine Alte ist ein Prachtweib?"

„Frau Stritt", wandte ich mich an die Müllerin, „ich spreche Ihnen meine volle Anerkennung und den jerzlichsten Dank für Ihr LiebeSwerk ans. Aber durch welches Wunder haben Sie eine Verwandlung zu Wege gebracht, an die ich nur glauben kann, weil mich weine eigenen Augen endlich doch davon über­zeugen?"

„O nein!" antwortete sie, und man weckte, daß

große Bedeutung bei, als daS Zusammengehen zwischen Heer und Marine eine eingehende prak­tische Erprobung erfahren kann. Zu bteftm Zwecke wird eine sehr stattliche Anzahl Osfiziere, darunter auch bekannte Generalstabsoffiziere, an Bord der Linienschiffe, Kreuzer und Torpedoboote kommandiert werden. Es wird nun als sehr bemerkenswert bezeichnet, daß durch kaiserliche Ordre vom 4 Juni J bayerischer Oberst: Halder, Kommandeur des 3. bayerischen Feldartillerie- Regimenls, und 3 bayerische Hauptleute auf Schiffe der aktiven Schlachtflotte kommandiert werden. Diese Kommandierung erfolgt auf jr fünf Wochen; Oberst Halder und Hauptmann Ritter Mertz von Quirnheim (Zentralstelle des bayerischen Generalstabts) sind vom 7. Juli bis 12. August kommandiert, die Hauptleute Manuz und Nies vom 12. August bis zum Schluß der Herbfimanöver der Flotte. Auch sächsische und württembergische Osfiziere werden an Bord der Schlachtschiffe kommandiert werden; die Anzahl der Abkommandierungen wird eine sehr stattliche fein, da, wie gesagt, nach mannigfachen Richtungen hin Erfahrungen gesammelt werden sollen. Der rusfisch-japanische Krieg dürfte ja wohl auch An­regungen von nicht zu unterschätzender Bedeutung geben.

* Die Hvchzeit deS Großherzogs vo« Mecklenburg mit der Prinzessin Alexan- dra von Cumberland hat am Dienstag vormittag im Schloß in Gmunden stattgefan­den. Noch Unterzeichnung des Ehevertrags und der Ziviltrauung im Schloß folgte die Trauung in der Kirche in Gegenwart des Herzogs und der Herzogin von Cumberland, des Herzogs Johann Albrecht zu Mecklenburg-Schwerin und des Königs von Dänemark.

* A«S Deutsch Südwestafrika. Gou­verneur Leutwein meldet aus Okahandja: Am 31. Mai find bei Ontjo in einem Patrouillen­gefechte zwei Herero gefallen und mehrere ver­wundet worden. Die Helicgraphenstationen Elaneno und Okawakuvtjiwi werden durch Herero- banben bei Oijikango und Otjipane bedroht: beide Posten sind durch die Kompanie Welck verstärkt und die Wasserstellen daselbst verschanzt worden. Am 1, Juni stand die Kolonne Estorfs 25 Kilometer nordwestlich von Okamatangara. Samuel soll bei Okahitua am Omuramba-un- Matako mit versammelter Macht fitzen. Osire wurde von ihm wegen Waffermangel verlaffen. Die Hauptabteilung wurde am 5. Juni bei Oijosasu gesammelt. Die Kolonne Zülow war am 25. Mai in Naidaus.

*— Auch der Bund der Industriellen unterwirft sich dem Zeutralverbaude der Industriellen. Er teilt mit, daß fein geschäfts- sührender Ausschuß beschloffen hat, den Bund der Industriellen beim Gesamtoerband der Metallindustriellen auf deffen Anfrage als Mit­glied der „Freien Vereinigung von Arbeitgeber- und wirtschaftlichen Verbänden" offiziell anzu­melden. Diese Anmeldung wird damit begründet, baß der Bund der Industriellen Wert darauf legen muß, in der Sage zu sein, den Kartell-

sie sich durch mein ehrliches Lod etwas geschmeichelt fühlte, „ein wunderbares Wesen ist dabei nickt mit unterlaufen. Die Hauptfach', woran'- bei dem Mädel g'fehlt hat, war halt das Wasser. Man weiß ja, wie eS die Zigeuner fürchten, und daß sie sich lieber prügeln lassen als daS Gesicht waschen. Na also, — Wasser haben wir grob’ g’nug in unserem Mühlbach und wir brauchen nicht zu sparen damit. Aber wie ich da» Krüpperl gründlich abg'waschen und 'bad't hab', da hab' ich doch schier flennen müssen vor lauter Herzenleid. Das arme Hascherl hat ja kein g'fund'S Plctzl am ganzen Leib, — einen blauen Fleck am andern, und lauter blutunterlaufene Striemen, und dazu so mager, uns Aermchen so dünn wie ein Koch­löffelstiel. DaS Kind hat mich arg 'dauert. Jeden- noch muß daS Bad ihm gut getan haben; denn es hat mit dem Wasser gepritfchelt, und g'scherzt, und g’lacht dabei. Hernach hab' ich ihm eine reine Leib­wäsch' an'zogen und daS wehe Fußerl verbunden; denn wissen'», Herr Brofefl'r, solche Einödleut’ wie wir, die müssen Heftpflaster und Hoffmanmsche Tropfen, einen Kamillentee und was man halt g'schwind braucht für len G'sund (oie Gesundheit) alleweil im Hau» haben. Undz’letzt hab' ich der Zigeunerin da»G'wand anprobiert von unserem seligen Annerl (bei diesen Worten traten der Müllerin Tränen in die Augen und sie unterdrückte nur mühsam ein lautes Schluchzen.)

„Unser Annerl ist unS nämlich g'storben vor etliche Jahrln, g'rad an ihrem achten Geburtstag. Allein ibr SonntagSg'wand und ihre Wäsch' hab’ ich auf- g'hoben g'habt z' unterst in meinem eigenen Kleider- chrank, zwar schon als Andenken an unsere einzige e.ize Tochter, aber doch so, daß mir ihre Sachen richt zu ost unter die Augen kommen und mich wohnen ollen an unfern Verlust. Und alle», wnS vordem utfriger Tochter g’hört hat, daS hat jetzt der Zigeu­nerin paßt, wie on'grssen, — wie wenn's ihr an- g'meffen worden wär. Freilich hab' ich schon in all m Anfang im Sinn g’habt, daß das arme Mädel unsrer Tochter ihre Kleider erben soll. Wie aber erst alles noch so g’stirnmt und gepaßt hat, da hab' ich

vertrag, ben bie „Freie Vereinigung" mit der „Hauptstelle deutscher Arbeitgeber« verbände" des Zer traloerbandes deutscher Jnbuflrirller obzuschlie^en versuchen soll, dem Jntereffe der Bunbesmiigluder entsprechend zu geflattert. Die zirka 40 angeschloffenen Vereine des Bundes find ausgesordert worben, sich zur Sache zu äußern. Der Bund hat von vorn­herein jede Verquickung von Arbeitgeberfragen mit Politik, wie sie bezüglich der Abävberung des Wahlrechts vorgeschlogcn worden ist, grund­sätzlich obgelehnt und ist mir in der Voraus­setzung beigetreten, daß die Parteipolitik völlig aus dem Spiele bleibt.

** Tie vielfach hrrvortrelenden Bestrebungen, den 8 Uhr-Ladevschlriß allgemein gesetz­lich einzuführen, begegnen, wie ein Berliner Blatt berichtet, an den maßgebenden Regierungs­stellen dem entschiedensten Widerstande. Es wird darauf hingewiesen, daß § 149 k der Gewerbe­ordnung vor der Hand völlig ausreichend erscheine. Danach kann auf Antrag von mindestens zwei Dritteln der beteiligten Geschäfts - Inhaber für eine Gemeinde oder mehrere örtlich unmittelbar zusammenhängende Gemeinden durch Anordnung der höheren Verwaltungs-Behörde noch Anhörung der Gemeinde - Behörden für alle oder einzelne Geschäftszweige angeordnet werden, daß die offenen Verkaufsstellen während bestimmter Zeiträume oder während des ganzen Jahres auch in der Zeit zwischen 8 und 9 Uhr abends und zwischen 5 und 7 Uhr morgens für den geschäftlichenVer- ! kehr geschlossen sein müssen. Nachdem erst seit wenigen Jahren allgemein der obligatorischeLaden- schluß in der Zeil von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens eingeführt worden ist, vertreten die lei­tenden Regierungs-Kreise die Ansicht, daß man auf diesem Gebiete erst wirtschaftliche Erfahrungen sammeln müsse, ehe man daran denken könne, gesetzgeberisch weiter vorzugehen.

* Der Reichstag hätte in seiner heutigen ersten Sitzung nach Pfingsten um die Hälfte beffer besetzt fein können, als er es war, wenn nicht Herr Bollin, der Direktor der Hamburg- Amerika-Linie, einen Teil der Reichs boten nach dem Nori pol entführt hätte. Ob die Besetzung wirklich beffer gewesen wäre, ist eine andere Frage. Vielleicht hätten die Nordlandfahrer ohne die Freigebigkeit Ballins zu Hause weiter „getagt“. Schade, daß keine namentliche Ab­stimmung stattfand. Man hätte dann erfahren, ob fie „entschuldigt“, oder „beurlaubt" sind oder „ohne Entschuldigung fehlen“. Sind sie ent­schuldigt oder beurlaubt, so wäre es interessant zu roiffew, mit welcher Begründung „Wegen Krankheit“, „wegen dringender Geschäfte“, „wegen dringender Familiknangelegenheiten“, wie sonst die Gründe zu lauten pflegen, kann man doch nicht gut sagen. „Zur Ausführung einer Vergnügungsreise“ klingt auch nicht gut. Viel­leicht ließen sich die im politischen Leben so be­liebten „Gesundheitsrücksichten“ verwerten. Eines dürfen sich die Reisenden indeß sagen: Sie wurden nicht allzu sehr vermißt; es ging auch ohne fie ganz gut, und wenn Ballin den Einfall

mir denken müssen, daß das Annerl selber die Zigeu­nerin in unser Hau» g'führt hat, und der liebe Gott wird’» toi ff er, daß ich roch niemals in meinem Leben ein Almosen mit größerer Freud' und Barmherzigkeit verabreicht hab', als ich jetzt der« ganzen Nachlaß vo« unserer Tochter an dies arme Mädel verschenk'.“

Es herrschte Stille in der Wohnstube, als die Frau schwieg; nur da» Klappern des Mühlwecks und da» Rauschen des Wasser» tönte durch die wegen der Tageshitze iffen stehenden Fenster herein. Nicht nur die Müllerin war ergriffen durch die Erinnerung an das entrissene Kind; auch der Mann hielt die Blicke auf den Boden gesenkt und atmete schwer, al» ob ein Alb seine Brust bedrücke.

Um den Bann zu brechen, der auf den guten Leuten lag, richtete ich das Wort an Renata, die noch immer an der Seite ihrer hochherzigen Wohltäterin stand.

„Renata", sagte ich, „es ist noch nicht lange her, da meintest Du, in diese Mühle sollten wir nicht gehen, e» fei da nicht» zu holen. Und nun hast Du Dich satt gegessen, wurdest gewaschen und gekämmt, erhieltest neue Kleider für Deine garstigen Lumpen, und statt wie bisher barfuß laufen zu müssen, stecken Deine Füßchen in guten Lederlchuhrn. Ist man in dieser Mühle wirklich so löse, wie Du glaubtest?"

Mich wunderte e», daß sie so lange mit der Ant­wort zögerte. Meiner Meinung nach konnte e» im vorliegenden Falle dock kein lange» Besinnen geben.

„Fällt eS Dir so schwer zu gestehen, daß Du ttn Irrtum warst, und daß man wirklich sehr gut ist z« Dir?"

Da kam fie langsam auf mich zu, ergriff meine Hände und flüsterte:

„Tie Leute find nur gut, weil Du bei wir bist. Als ich allein kam, wollten fie den Hund auf mich hetzen. Wenn ich bei Dir bin, zeigen fich alle Leute gut gegen mich. D'rum bleibe ich bei Dir und gehe niemals mehr fort." —

(Fortsetzung folgt.)