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31. Jahrgang

Zulda, Dienstag, den 7. Juni 1904

M 1S7.

Berlin, den 6. Juni 1904.

und religionslose Schule. Es ist gut, wenn die Schleier gelegentlich gelüftet und die Be­mäntelungsversuche durch offenherzige Eiferer vereitelt werden, damit auch die Vertrauensselrgen sehen, wohin die Reise gehen wird, wenn die Liberalen in der Schulpolitik Oberwaffer be­halten. Wir empfehlen die liberalen Zielbekennt- niffe besonders den Konservativen, die noch auf ihr christliches Bekenntnis Wert legen und ihre Kinder in demselben erzogen wiffen wollen; nicht minder aber auch der Regierung, die anscheinend noch immer glaubt, daß sie die Schul­frage mit den Liberalen lösen könne und mit einem Teile der Liberalen lösen müffe. Es geht nicht anders, als daß eine reinlicheSchei dun g eintritt zwischen der Vertretern der christlichen Volkserziehung und den Vorkämpfern der „Huma­nität". Wer für Simultanschulen eintritt, rst ein Gegner des Christentums!

Augenscheinlich war der Alle froh darüber und zeigle, je länger wir mit einander plauderten, desto wahrnehmbarer die guten Eigenschaften seines Charak­ters. Er hatte zwei Flaschen Bier aus dem Keller mitgebracht, goß das stark schäumende Getränk selbst in sein geschliffene Trinkgläser und nötigte nun, tote es auf dem Lande der Brauch ist, wenn man jemand eine Ehre antun will, unausgesetzt zum

sich halblaut darüber unterhalten. Wiederholt ist dadurch der Gottesdienst gestört worden.

♦ Au der Nordlaudfahrt an Bord des »Meteor" nehmen auf Einladung der Ham- burg-Amerika-Linie 24 Reichstagsabgeord­nete teil. Es find die« die 9 Zentrumsabge­ordneten Beck, Becker, Müller-Fulda,Schmidt, Schwarze, Sittart, Speck, Wattendorf, Wellstein, die 4 Nationalliberalen Bahn, Beumer, Hosang, Horn, die 4 Frei konservativen Pauli, Schlüter, Schmidt, Stockmann, die 2 Polen v. Grabskt und Krclyminski, die 2 Wilden o. Damm und Krösell (Antisemit), sowie je ein Mitglied der Freifinntgen Volks Partei Dr. Hermes, der Frer- finnigen Vereinigung Riff und der Deutschen Volkspartei Storz.

(§) Tie Saat reist. In Nr. 161 der .Halberstädter Zeitung und Jntelligenzblatt' vom 1. Juni ds. Js. findet sich folgende Zuschrift aus dem Leserkreise:

Eltern, ermahnet Eure Kinder! Ehe ich mtt meinen Ausführungen beginne, möchte ich bemerken, daß ich Protestant bin, und keineswegs gegen Protestanten schreiben will. Am vorgestrigen Sonntag passierte ich gegen 5 Uhr die Dominikanerstraße, als plötzlich eine innje Schar Kinder brüllend und spottend in der

dann auf meine eigenen Berhältnifle zu reden, und batte schließlich, fast ohne daß ich'» merkte, auch mein Zusammentreffen mit Renata ausführlich erzählt und die Hoffeungen dargelegt, welche ich ihretwegen aus eine Unterredung mit dem italienischen Konsul setzte.

Der Besitzer der Holzmühle war ein aufmerksamer Zuhörer gewesen, deffen Interesse an Renatas vchtck- salen sich öfter als einmal durch em mitleidiges Ach kundgab.

Als Ich endlich meine Darlegung schloß, meinte er

eKtttid täglich, mit ggtMtyNC bw Sm> «ch Feiertage, viertel- Mrl.ve;ngrprei« <** vringerlohn und WßellgeldinFuldaund sswfctsimLBopfeo

vnantwsrtllcher

Ohne plan mö Siel.

Roman von I. Baierlein. ------ (Nachdruck verboten.) VIU.

Trinken. , , „ . . .

»Langen'« zu, bester Herr, langen'» zu", drängte er ein um das andere Mal mit seiner fetten, etwas belegten Stimme; ,,e» ist echte»Kulmbacher, —dafür kann ich schon Garantie übernehmen; denn mein Vetter in Kulmbach hat'S eing'sotten aus seinem besten Malz und Hopfen, uud abg'holt hab ich» selbflen. Daß aber das Bier in meinem Keller nicht schlechter worden ist, selbige» muß auch wahr sein. Hab' ich ihn doch erst vörn (vorige» Jahr) 'raus- sprengen lassen auS dem g'wachsenen Felsen. In dem Kellerl ist iS im Sommer so kalt, daß alles drinliegt wie aus MS; wir könnten sonst gar kein ftischeS Fleisch ansbewahren. lind auch daS Bier b'halt drinnen seine richtige Trempatur. Also langen'» zu und scheniern'S Ihnen nicht! Wenn die paar Flascheln auS'trumen find, holen wir uns wieder andere 'rauf. ES find noch g'nug drunten von der nämlichen Sorten."

Ich bin kein Freund von berauschenden Getränken, zu denen dar starke dunkle Kulmbacher Bier unbe­dingt zählt. Deshalb hätte ich mich für meinen Teck gerne mit einem halben Glas davon begnügt. Dennoch mochte ich dem gutmütig zusprechenden Müller keine dirette Ablehnung geben, weshalb ich auf seine Wünsche scheinbar einging, jedoch in Wirklichkeit stets nur an meiSfframiaeaSeHpürte ich, wie mit der Alkohol I ersteHHieder einem Herrn begegnet bin, der für nnift unh natfi su Koofe ft len 9fd> fühlte mich mehr einen verlaffenen Mitmenschen die itchttge Barm- animiert und zum Spreche» aufgelegt wie gewöhnlich, Herzigkeit zeigt. Wo so ein seltenes Beispiel auftaucht, Kri&e bem* über seinen ^Sohn da bleibt aber der .alte StE von der Holzmühl auch

und dessen Fortschritte aus der Handelsschule, kam । nicht z ruck, — niemals nicht. Da« tat schon ,em

treuherzig: •

»Aus allem dem seh' ich, Herr Brofeffor, —ver­zeihen'» mir, wenn ich wa» Ung'radeS sagst sollt,— aber ich seh', daß Sie selber kein reicher Mann find, sondern für Ihre eigenen Kinder zu sorgen haben."

.Allerdings", entgegnete ich und faßte meine Ge­danken mit Gewalt zusammen, um zu erraten, wohin er mit dieser sonderbaren Einleitung abzielte. Sollte ich von meinen persönlichen Angelegenheiten vielleicht mehr aufgedeckt haben, als andere Leute zu wiffen brmtchten?

»Ra, schauen s", fuhr er freundlich fort, „und doch haben'» Ihnen die Last aufg'laden mit einem fremden Kind, das Ihnen auf himmelweiter Welt nickt» angeht l Denn eine Last ist e» für Ihnen, das werden'» schon daraus g'merkt haben, weil Sie seinet­wegen bei einem Haar nicht in mein Hau» 'rein dürst hätten. Und eine Last wird'» Ihnen, — wa» ich zwar nicht wünsch', worauf ich mich aber zu schwören trauet’ — noch länger bleiben. Glauben'» mir nur, Herr Broseffer; ich kenn' nämlich die Wett ein Bißl besser, al» wie Sie. Aber jetzt schauen'» einmal, wa» für ein g'spasfige» Mannsbild ick bin: g'sreuen tut e- mich doch, daß ich nach langer Zeil heut zmn

)( Das wahre Ziel der Liberalen.

Einen gewaltigen EntrüfiungSrummel habe» die Liberalen aller Schattierungen in Szene gesetzt wegen des Kompromißan- träges, der von den Nationalliberalen und den konservativen Parteien in Sachen der kon­fessionellen Schulen im preußischen Ab- geordnetenhause eingebracht worden ist. Wes­halb erregt man denn nun so gewalligen Lärm? Weshalb hält man allerorts Entrüstungsoer­sammlungen ab? Wollen wirklich die Liberalen bloS ein bischen Simullanschule mit konfessionellem Religionsunterricht? Nur gemeinschaftlichen Unterricht in den weltlichen Fächern?

Das sagen die klugen „Gemäßigten" und manche Vertrauensselige glauben es ihnen. Aber die offenherzigen Liberalen verraten uns oft und deutlich genug, daß dieses Simultaneum in den weltlichen Fächern mit gesondertem Re-1 liqionsunterricht nur als Abschlagszahlung und U'ebergangsstadium zu betrachten ist und daß da8 Bestreben des Liberalismus auf die kon- fessionslofe und religionslose Kinder­erziehung hinausgeht, nämlich auf eine Schule, die überhaupt keinen konfesfionellen Religions­unterricht hat, von jedem kirchlichen Einfluß, auch drm mittelbaren, befreit ist und den Kindern nur eine interkonfessionelle Sittlichkeit beibringen soll. Dieses „Ideal" ist bekanntlich in der fran­zösischen Staatsschule so ziemlich verwirklicht, da dort den Kindern die republikanische „Moral" ohne Gott beigebracht werden soll.

Wer daran zweifelt, daß auch die deutschen Liberalen bei ihrer Schwärmerei sür die Simul­tanschule ein solches Endziel im Auge haben, kann mit Nutzen die neueste Nummer der ,Voff. Ztg.- lesen. Da werden zunächst die päda gogischen Einwände gegen die Simultanschule geprüft und als richtig anerkannt, daß diese Schulen eine „pädagogische Blöße" haben, nämlich die Durchbrechung des einheitlichen Rahmens durch den gesonderten Religionsunter­richt. „In der Simultanschule," so schreibt das freisinnige Blatt, „erteilt zwar der Lehrer der Mehrheit der Schüler auch den Religionsunter­richt, eine Minderheit jedoch wird ihm entzogen, um von einem Geistlichen oder Lehrer anderer Konfessionen unterwiesen zu werden. In diesem gesonderten Religionsunterricht werden nicht selten heimtückische Minen gelegt, die daS Fahrwasser des ganzen Schulunterrichts unficher machen. Aber auch im günstigsten Falle ist der Lehrer der Möglichkeit beraubt, sein Bestes an die Seele dieser Kinder zu bringen und ihren Unterricht vollkommen organisch zu gestatten."

Was ist nun zu tun, um die „organische Sinhett" nach dem Herzen des Liberalismus zu sichern? Gin einfaches Rezept: Fort mit dem konf e ssi onellen Religionsunterricht! Die .Soff. Ztg.' beruft sich dafür auf die „aus- geklärten" Lehrer, insbesondere auf die jüngste Königsberger Lehrer - Versammlung. „Die Pädagogen", sagt sie, „halten das Ideal der Simultanschule sest, verlangen aber, eben nm die Einheitlichkeit des Schulerziehungswerkes

Mir tarn es sehr gelegen, daß Beide — Mutter und Sahn — die Stube verließen. Denn liebe ich e« schon Im allgemeinen nicht, beim Effen ftemde Leute als Zuschauer zu haben, s» wären mir heute fikche noch unangenehmer gewesen. Ich sühtte r» mlich einen ähnlichen Hunger, wie ihn die Müllerin bt.: kleinen Renata zuschrieb, und wollte deshalb den einladenden Gerichten alle Ehre antun, ohne befürchten zu müssen, durch meinen außerordentlichen Appetit bie Verwunderung eine» Dritten zu reizen. E» ge­tan i mtt auch, mich an dem schmackhaften Braten samt Zubehör auSgibig zu ergötzen, ehe ich in meinem VerttlgungSwerk gestört wurde.

Der Herr des Hauses hatte sich seit der Szene vor seinem Besitztum nicht mehr blicken lassen. Ich schrieb sein Fernbleiben einer gewissen Verlegenheit zu, wahrscheinlich nicht mit Unrecht. Denn als er, nachdem ich gesättigt, eben Messer und Gabel auS der Hand legte, endlich ins Zimmer trat, zeigten febie Mienen noch immer eine auffallende Befangen­heit. E» ist auch nicht- weniger al» herzerquickend, in einem Mann, den man soeben als Landstreicher bchandelt hat, einen Lehrer seines Sohnes zu entdecken und ihn überdies bewirten zu müssen. Ich half dem Müller aber durch freundliches Entgegenkommen schnell über die erste peinliche Minute hinweg, und Ä» er in der Tat einige Worte der Entschuldigung zu sagen versuchte, verschloß ich ihm den Mund mit bet Erklärung, dessen bedürfe eS durchaus nicht, da sein Sohn da» Mißverständnis bereits vollständig aufgehellt habe.

Stolz nicht zugeben, viel weniger sein G'müt, da» nicht ganz so hart ist, wie's diesmal scheint. — Also hören'S jetzt, Herr Broseffer, wa» ich für daS arme Mädel und sür ihr krankes Füßerl tun will. Sie haben vorhin ein Fuhrwerk von mir verlangt bi» in die nächste größere Ortschaft. Da» wär' also bi« in unser Dorf. Jedennoch damit wär' Ihnen nicht viel gedient; denn was wollen'» alsdann anstellen, wenn'» dort find? Im ganzen Dorf hat niemand ein richtige« Zeugt; höchsten» könnt' Ihnen der Wirt auf seinen Leiterwagen aufladen und mit seinem Heiter (ein schlechter Gaul) weiter fortschaffen. Allein ersten« paßt sich so eine Fuhr nicht für Ihnen und zweiten» ist eS nng'wiß, ob der Wirt Überhaupt Zeit hat, Ihnen zu fahren. D'rum will ich in die Lücken (Lücke) springen. Ich werd' den Herrn Brofeffer und fein hinkende» Hascherl morgen früh selber'neinfahren ganz bi» Nürnberg und daS kost'Ihnen keinen Pfennig und keinen Heller.

„Herr Stritt," wandte ,ch em, „so dankbar ich Ihr Anerbieten, un» direkt nach Nürnberg zu fahren, auch annehme, kann ich doch Ihrer Aosicht, un» unent­geltlich dorthin zu bringen, nicht ebenso zustimmen. Schon al» ich Sie um ein Essen und ein Fuhrwerk bat, habe ich Bezahlung versprochen, und e» versteht sich von selbst, daß ich Ihre fteundlichen Dienste auch nur unter der Bedingung, fir sofort zu bezahlen, an* nehmen kann."

„Das wär' noch schöner" 1 erwiderte der Müller 1 entschieden. „Nein, bester Herr! ES wär' schad' um jede» Wort, da» Sie da verlieren würden. Bei dem, wa» ich g'sagt hab', dabei bleibt». Mir ist eS eine Ehr', Ihnen g'iällig sein zu können, und von nnserm Ferdl seinem Brofesser nimm’ ich überhaupt keine Z-hlung an. Also betrachten'» Ihnen halt für heut' noch al» unfern liebwerten Gast. Morgen in der Früh' aber da spann’ ich unsere zwei Bräuneln vor » nm Schäse.l (Kutsche) und heidi! griff» nein nach

I Nürnberg."

und da der Fall fein. Aber das erklärt diese Roheitj noch nicht vollkommen, man muß fragen: Wie mag es mit den Schulen, mit dem Religions* unterricht dort stehen?

*, Im nationalliberalen Lager nimmt die Opposition gegen de« Schulautrag anscheinend stetig zu. Den „Jungen" und „Unentwegten" schwillt angesichts der Zaghaftig­keit der Fraktionsführer immer mehr der Kamm und ihr Mut stärkt sich an ihrem eigenen Ge­schrei. Wie man nachträglich erfährt, ist der Abg. Dr. Sattler auf der Kölner nationallibe­ralen Versammlung so unmanierlich behandelt worden, wie es wohl noch nie einem Partei­führer von den eigenen „Parteifreunden" und „Gesinnungsgenossen" geschehen ist. Man hat ihn mit Zischen empfangen, seine Ausführungen mit Hohngelächter und spöttischen Zwischenrufen begleitet und seinen Gegnern demonstrativen Bei­fall gezollt. „Ueberall" regt es sich gegen den Schulantrag. Die Freisinnigen haben ihre Helle Freude an den ungeberdigen Nationalliberalen. Ein „Entrüstungssturm" ist wieder im Anzuge und man rechnet schon sicher damit, daß die Re­gierung sich feige vor den Schreihälsen zurück­ziehen werde. Wenn sie sich wirklich von dem Häuflein liberaler Humbugmacher einschüchtern läßt, stellt sie ihrer Einsicht und Festigkeit das kläglichste Zeugnis aus. Die weitaus über- wiegende Mehrheit, nicht nur der Volksvertretung, will die konfessionelle Schule. Die Radaumacher, die die Simultanschule fordern, sind ein winziges Häuschen. Will die Regierung sich nach dem Willen dieser Minderheit richten und die Wünsche der großen Mehrheit unbeachtet lassen, so soll sie doch allgemein den Versuch machen, mit dieser Minderheit zu regieren und sich z. B. von ihr die Kanalvorlage bewilligen lassen. Wir unserer­seits können dem liberalen Spektakel mit größter Gemütsruhe zusehen. Auch die Konservativen können es. Die Regierung muß durch diesen wüsten Rummel doch endlich zu der Erkenntnis gedrängt werden, daß es ein vergebliches Be­mühen ist, sich mit den Liberalen über die Schul- frage verständigen zu wollen. Wer sich unbe­haglich zu fühlen hat, das find außer national- liberale Antragstellern allein die Freikonservativen, Ihr Führer Frhr. v. Zedlitz ist daher auch höchst unglücklich und zornig, daß ihm die Kartellfelle wegzuschwimmen drohen.

Am Reichsmüuzeu wurden im Monate Mai ausgeprägt: Für 7081020 Mk. Doppel­kronen, 1765250 Mk. Fünsmarkstücke, 4423860 Mk. Zweimarkstücke, 449997 Mk. Einmarkstücke, 13 957,50 Mark Zehnpfennigstücke, 46 948 Mk. Fünfpfennigstücke.

% Der Reichstag tritt — ebenso wie das preußische Abgeordnetenhaus — heute (Dienstag) noch einmal auf kurze Zeit zusammen. Zu Ende des Monates dürften beide wieder bis zum Herbst nach Hause gehen. Der Reichstag wird wahr­scheinlich nicht einmal so lange aushalten, son­dern schon nach etwa 14 Tagen die Arbeit ein­stellen. Er hätte überhaupt nicht mehr nach Pfingsten zu sitzen brauchen, wenn er nicht die Etatsberatung so außerordentlich verschleppt hätte. Wäre der Etat rechtzeitig vor Ostern fertig ge-

in vollstem Maße zu wahren auch die Simultanisierung des Religionsunter­richts; sie verlangen, daß in allen Schul«,, unter Befreiung von leglicher kirch- lichen Beaufsichtigung, durch die Lehrer ein Unterricht erteilt werde, der sich auf das allen Konfusionen gemeinsame sittliche Erb- gut beschränkt". Weiterhin bezeichnet daS Blatt dieses Ideal als „eine Sittlichkeit ohne kuch- licheS Plazet, ein von allem Kirchentum losgelöster Humanismus".

Hält man sich dieses Endziel des Liberalismus vor Augen, so versteht man auch die große Leidenschaftlichkeit, mit der ür die

Simultanschule gekämpft wird. Der bloße ge- meinsame Unterricht in den weltlichen Fachern ist ein so trockenes Ding, daß deshalb eine fieberhafte Erregung nicht entstehen kann. Aber man hat und verfolgt den Gedanken, daß der gemeinsame Unterricht fich nicht auf die weltlichen Fächer beschränken wird, daß die „organische Einheitlichkeit" des Unterrichts und der Erziehung dahin drängen wird, auch die sittliche Aus­bildung der Kinder in die Hand der konfesfions- ... ....

los gestalteten Lehrerschaft zu legen, daß also ganze Schar Kinder brüllend und spottend in der I s.ie (Kirnnffatifrhiile in einem simultanen, I Richtung der Gröverstraße einbog. ülttch umsehend er- I die Simultanschute zu einem 1imuuanen, « dnen Ordensgeistlichen, den man hier

unkirchlichen sogen. ReligionS- oder vielmehr " als Mönch bejeidnet, in Begleitung eines jungen Humanitätsmoral. Unterricht führen wird. Mannes. Dieser Geistliche, den doch gewiß sein Gewand

In der Tat, die Gegensätze, um die nicht schützen sollte, wurde geradezu abschreckend ver- «.tuws» tnivh RnS di» Sans essio ns sch ule höhnt. Erst nach energischem Zureden gelang es mir, | gestritten wird, find oie K0n | e„ | die Kinder fortzubringen, d. h. in einigermaßen Ent­fernung zu halten. Und nun erlaube ich mir die Frage: Hatte von allen Passanten keiner das Bewußtsein, daß solche Szenen verhindert werden müssen? Welcher Religion wir auch angehören, soviel Respekt vorden Gewändern eines Priesters muß doch vorhanden sein, daß wir dann solchen unerzorenen Kindern die Wege weisen. Mögen doch die Eltern darauf achten, daß derartige unliebsame Szenen vermieden werden, anstatt selbst über derartiges zu spötteln. Wie wäre eS uns zu Mute, wenn wir hörten, däß einer unserer Geist­lichen zu dulden hätte, was ich heute sah, und rote würden wir scharf über die Dulder solcher Auftritte | urteilen? Jedenfalls bin ich oer Meinung, daß da der Rohrstock sehr am Platze gewesen wäre. So etwas dürfte hier gar nicht pasfieren. Bor dem Alter und dem Gewand jenes Herrn — ich kenne ihn nicht! — sollte man doch Achtung haben. Ich bitte die Eltern, ihre Kinder recht zu ermahnen, damtt es nicht von unserer Stadt heißt, hier treibe man Allotria mtt durchaus ernsten Dingen.

Die Provinz Sachsen und insbesondere auch Halberstadt find in der letzten Zeit vom „Evan­gelischen Bunde" derartig bearbeitet und verhetzt worden, daß man sich über solche Vorkommnisse, die ganz nach dem Herzen des „Evangelischen Bundes" find, nicht mehr zu wundern braucht. Speziell in Halberstadt gibt sich der Hauptführer des„Evangelischen Bundes "natürlich ein Prediger, alle mögliche Mühe, die Bevölkerung gegen die Katholiken zu beeinflussen, in Herabsetzung der Jesuiten läßt er es an nichts fehlen, selbst im Konfirmandenunterricht nicht. Jetzt haben wir den Anfang der Frucht dieses Treibens: em friedlicher Franziskanerpater, dessen Haar un Dienste Gottes und des Nächsten hochehrenvoll ergraut ist, kommt nach Halberstadt und wird dort von der Schuljugend angepöbelt. Woher, fragt das ,Wests. Volksblatt', haben die Schul­kinder diesen Fanatismus? Aus sich? Das ist nicht möglich. Bon den Eltern? Das kann hier

)( Heber Belästigungen deS Kaiser­paares während des Kirchenbesuches in der Potsdamer Hof- und Garnisonkirche oder der Friedenskirche wird von der Geistlichkeit ge­klagt. Es findet fich regelmäßig in den Kirchen, sobald daS Kaiserpaar dort erscheint, eine größere Anzahl Neugieriger, namentlich viele Fremde ein, die fich dann, nicht achtend des Gottesdienstes, von ihren Plätzen erheben, die Hälse recken, mit Fingern auf das Kaiserliche Paar zeigen und

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Zernsprecher Nr. 9.

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