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31. Jahrgang

Zulda, Samstag, den 4. Juni 1904.

Jg 125

In der Angelegenheit der Zeitschrift »Asien'

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i erstes Blatt

Mtte".

Man habe den Eindruck, als ob die meisten konfessionelle Kämpfer ein förmliches Vergnügen daran fänden und sich darin wardeten. ihre Stretche rechts und links auszuteilen, ohne zu beachten, daß die meisten in die Luft gingen und daß dierenigen, die träfen, mehr verwüsteten als nützten. Nur ein bischen mehr gegenseitiges Verstehen! Mehr Rücksicht auf die Ge­fühle des Gegners! Nur das Unrecht nicht immer und überall auf der Seite des andern

„Stritt — Ferdinand Stritt", sagte ich deshalb, indem ich seinen Händedruck herzlich erwiderte, „hier find Sie also zu Hause? Das ist Ihre Heimat?"

„Ja", antwortete er mit leuchtenden Augen, „daS ist die Holzmühle, in der mein: Wiege stand, — meine schöne Heimat, nach welcher ich mich so ost i hüte, und die ich so liebe, daß ich beim Beginne d r heurigen Herbflferien Tag und Nacht hindurch re ste, nur um diesen einsamen, weltabgeschiedenen F ck Erde einige Stunden früher Wiedersehen zu ko inen. Ich heiße Sie noch einmal bei uns will­kommen. Möchte es Ihnen hier doch so gut gefallen, toi- es mir auf der HNzmühle gefällt. — Aber Baier!" unterbrach er fiq plötzlich, indem er dre Rede an den verdutzt dreinschauenden Müller richtete, „findest Du denn für den Herrn kein Wort der Be­grüßung? Hast Du nicht gehört, daß derselbe mein Professor Herr von Büren aus M. ist?"

Von dem Augenblick an, wo der junge Stritt vor dem Hause erschienen war und mich erkannt hatte, bot sein Baier ein Bild völliger, an Verblüffung grenzender Ratlosigkeit. Daß sein Sohn einen Menschen, den er nicht nur für einen Vagabunden gehalten, sondern auch als solchen tituliert hatte, mit unver­hohlener Freude und Herzlichkeit empfing, ihm sogar im Namen aller den Willkommgruß bot, erschien dem Alten so seltsam, daß er sich die Sache nicht zusammen­zureimen wußte. Sie war ihm zu rund und ging entschieden über seinen geistigen Horizont hinaus. Denn wenn er seinem Ferdinand wirklich, wenn auch widerwillig Glauben schenken und in mir daS Mitglied des Lehrerkollegiums einer Handelsschule erblicken mußte, so pochte dann doch wieder Renata in keiner

noch lange im Freien mit einander verhandeln? Nun Sie durch Ihren Sohn über meine Persönlichkeit auf­geklärt find, werden Sie wohl keinen Anstand mehr nehme«, uns die Gaststeundschast Ihres Hauses zu gewähren; denn ich wiederhole, daß wir müde und hungrig sind. Sobald ich mich ein wenig gestärkt habe, will ich dann gerne erzählen, wie die- be­dauernswerte Kind zu mir kam, und wie eS leider eine schwere Verletzung des FußeS davontrug, sodaß ich schon seinetwegen ein Lohnfuhrwerk nötig habe."

„Was bedarf eS da noch vieler Worte", entgegnete statt seines Vaters der junge Stritt. „Kommen Sie doch, Herr Professor! Treten Sie unbesorgt ein und seien Sie überzeugt, daß, was mein Elternhaus zu bieten vermag, Ihnen und Ihrem Schützling bereit­willigst zu Diensten steht."

MU sanfter Gewalt geleitete der Jüngling mich und Renata über die Schwelle, die zu überschreiten uns der Müller bisher durch Vorschiebung feiner ganzen gewichtigen Gestalt verwehrt hatte. Als Ferdinand bemerkte, daß das Mädchen aus Furcht vor dem Hunde, der beim Anblick von Fremden sich wie rasend geberdete und mtt zornigem Gebell an seiner Kette zerrte und riß, sich zitternd an mich schmiegte, beruhigte der gutmütige Junge selbst daS wütende Tier und scheuchre eS zurück in seine Hütte.

So konnten wir ungefährdet die Wohnstube be= treten '

Dort wurde ich von der Müllerin begrüßt, einer im besten Alter stehenden Frau, die vermöge ihrer Stattlichkeit gut zum Herrn des Anwesens paßte und wie dieser ein gesundes, rotes Gesicht, towie etwas verschwommene, jedoch sehr sanft und mild blickende Augen hatte.

„Sitzen'» Ihnen nieder!" begann sie, mir die wohl- geformte fleischige Rechte entgegenstreckend, „ich hab' schon g'hört, daß Sie der Brofeffer find von unserem Fcrdl (im Dialckt abgekürzt statt Ferdinand) Freut

I mich recht, daß auch ich Ihnen kennen lern'. Und

«chrtstleiter:Zof.vauw

ÄÄ«. wocheMllM! „Illustrierte Sonntagszeitung

zu vertagen. Auf diese Weise wäre das un­erledigt gebliebene Arbeitsmaterial nicht garz

Anzeigen: Vie ein» fpalttge petttzelle ob« deren Raum 15 Pf-. Neklamen die petitzeU« 25 pfg.; bei Wieder­holungen wttd entfpr Rabatt gewährt.

Druck und Verlag dk 8uldaerActiendruck«i in Zulda (Harmonie!

Zernsprech« Nr. 9.

MSSeiertage. viertel-

<s8sw vringenohN UNO Mite-geld in Znlda und Dirw-rtt 1M. 50 Pf-.

oerantwonlicher

Zum UonfesfiomMeüen

nimmt die .Kreuzztg.' abermals das Wort. Sie verzeichnet mit Genugtuung, daß allmählich doch die eine und die andere Stimme sich heraus - wage, um es offen auszusprechen, daß man die bisherige Tonart des gegenseitigen Sichherunter- reißens. Verlästerns und Verketzerns gründlich satt habe. Weiter bemerkt sie u. a.:

„In der Tat, wir sind weit gekommen, daß man eS heute ganz ruhig eingesteht: Die Ver­stimmung, die Entfremdung, die Verbitterung in beiden Lagern ist so hochgradig, daß wir, wären die allgemeinen Zustände noch wie im siebenzehnten Jahrhundert, einen wirklichen Re- ligionSkrieg gar nicht mehr vermeiden könnten. Man verschone uns mit den leeren Redensarten: Die deutschen Brüder katholischer Konfession sind unS lieb und wert, aber die katholische Kirche muß bekämpft werden wegen ihrer Herrschafts­gelüste. Das kommt uns gerade so vor, als wollten wir zu einem Bekannten sagen: Dich speziell habe ich ganz gern und ich bin Dir gut, aber Deine Eltern sind mir ganz unausstehliche Leute, deren Anblick in mir Groll und Haß er­regt. Will einer es uns im Ernsts glauben machen, daß unter solchen Verhältniffen auch nur eine Spur freundschaftlicher Gesinnung übrig bleiben kann? Wäre es nicht geradezu charakter­los und empörend, wenn der Angeredete dann noch weitere Beziehungen wünschte? Man rühmt in unseren Tagen den Fortschritt auf allen mög-1 lichen Gebieten. Gehört die konfessionelle Ge-! häsfigkeit vielleicht auch zu diesem Fortschritt? Wer unter uns denkt überhaupt noch daran, wer hält es sich vor, daß Protestanten und Katho­liken, welche auf einen Gott und Herrn getauft sind, Glieder eines Leibes, Geschwister eines Hauses sein und sich als solche fühlen sollten? Das wäre ja eine recht nette Familie, in deren Behausung es so zugeht, wie nunmehr sett drei Jahrzehnten die beiden christlichen Familien­gruppen solches'zeigen, der Welt ein Schauspiel bieten, daß es Gott erbarmen möchte. Wie würdig, wie vorbildlich, wie einladend für alle die, welche den Geist des Christentums verloren haben oder noch nicht kennen! Wann endlich wird man sich zur Umkehr und Selbsteinkehr entschließen? Hat das deutsche Volk nicht genug bereits darunter gelitten? Muß der politische Horizont noch immer dunklere Wolken zeigen, müffen erst wieder besonders schwere äußere oder innere Verwickelungen, Bedrängniffe und Heim­suchungen uns daran erinnern, wie unrecht wir daran tun, den gemeinsamen Glauben durch lieb­loses, gehässiges Benehmen zu verunzieren? Da­zu sind wir nicht blos nach der religiösen Seite Kinder einer Mutter, der einen heiligen christlichen Kirche, der Gemeinde der Heiligen, sondern wir find auch als Volkesgenoffen alle miteinander Söhne einer deutschen Mutter. DaS wird auch

aesucht! , ,

Noch hält das konservative Blatt es freilich

für recht fraglich, ob feine Wünsche die ge­ringste Beachtung erfahren werden; denn es sei immer alte Erfahrung, daß allzuleidenschast- liche Führer im Streit selten andern Sinnes würden und die Mafien zu leicht auf stlbflän- diges Denken verzichteten. Wenn es lrotzalle- dem immer wieder den Versuch mache, zur Bei­legung der Zwistigkeiten aufzurusen, „so geschieht dies darum, weil nun doch in vielen Kreisen die Erkenntnis aufdämmert, daß die konfessionellen

sind und daß dabei wichtige nationale und in den Ruhestand zum 1.Oktoberd, I.beantragt. LirtWirtfiiidie °intereffen aesckädiat zu werden % In der Angelegenheit der Zeitschrift »Asien lich sein, einen anständigeren, chrfitwurdigeren modus vivendi zu finden, nachdem wir doch sonst durch Gemeinsamkeit der Sprache und Literatur, der Sitte, der Gesetze und der Rechts­pflege, kurz durch alle mögliche Bande, welche sonst die Menschen aneinanderketten, innig ver- I Hunden sind? . . . Wir wollen uns nicht über, treffen, nicht beschämen lafien von den führenden katholischen Zeitungen."

Ohne Plan und Ziel.

Roman von I. Baierlein.

------ (Nachdruck verboten.)

I Lch° I

.ctUugne-, fcmbnn a-ch in unfern «*9«« |

Urteil gegenüber den Gütern und Fragen des modernen Lebens, sein liefe?, von echtem Humor und schlichter Frömmigkeit verklärtes Gemütsleben, fein eindringendes Verständnis für die Aufgaben! und Mittel der Erziehung und Weiterbildung, insbesondere unserer weiblichen Jugend, endlich die Gabe der Rede, über deren echte deutsche Art er an den Höhepunkten feines Lebens gern und glücklich auch den Zauber poetischer Be­geisterung auszugießen wußte — alle diese m den Dienst des echten Pflichtbewußtseins und einer hohen Lebensauffassung gestellten Eigen­schaften und Kräfte lassen jedem, dem es ver­gönnt war, mit ihm in gemeinsamer Arbeit zu wirken, seines Lebens Mühe reich gesegnet und sein edles, lichtes Vorbild unvergeßlich fein."

* Der Msirertdkr Eisenbahndirektion Berlin, i Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat Kranold, der sein Amt vor lO1^ Jahren übernommen hat und vorher bereits Jahre Präsident der Eisenbahndirektion zu Breslau gewesen ist, somit bei einer Gesamtdienstzeit von 47 Jahren auf I eine Tätigkeit von 20 Jahren als Eisenbahn-

gleich wird's 'was z'effen geben. Wir und unsere Ehhalten haben freilich dar Mittagsmahl schon ver­zehrt; denn zwölfi hai'S bereits vor einer «fad g’läut’ im Dorf drunten. Aber daS hat nichts 8 sagen. Auf der Holzmühl gibt's zu jeba 3-.it et paar gute Bissen für einen so lieben Gast.

Dabei rückte sie eigenhändig einen gepolsterte', mit Leder überzogenen Lehnstuhl, der sonst wohl aal schließlich zum Gebrauch ihres Ehemannes bient mochte, mir als Ehrensitz an den mächtigen, rn der hellsten Ecke des Zimmers ausgestellte« Eichentisch, wischte vorsorglich, obgleich aus der blank gescheuerten Matte desselben kein Stäubchen zu entdecken war, mit ihrer weißen, sauberen Schürze darüber und schickte sich an, die Stube zu verlaffen.

Doch ehe sie die Tür erreicht hatte, kehrte sie noch einmal um.

„Eines muß ich Ihnen doch gleit letzt sagen, Herr Brofeffer", begann sie, glauben's ja nicht, daß wir etwa keine Chrifienleui' find, weil fich mein Mann ein toengl hartherzig -'stellt hat vorhin gegen Ihnen. Aber wiffen'S, wir ans der Einöd' — —

„Geh' nur, Mutter!", unterbrach sie ihr Sohn, „geh' und sieh zu, daß Du bald etwas Gutes auf den Tisch bringst. DaS, was Du zur Entschuldigung der VaterS vorbringen willst, erkläre schon ich dem 1 Herrn Professor."

„Ja, tu’ daS, Ferdi, tu’ daS!" erwiderte die Müllerin zustimmend. Gleichzeitig fielen aber ihre Augen auf Renata, die fich halb hinter meinem Lehn­stuhl verbarg, weshalb sie hinzufetzte:

„Da hätt' ich jetzt mit lauter Plaudern ganz aus das Zigeunermädel oergeflen. — He, Du da!" richtete sie das Wort an die Kleine, „Du gehst mit mir; Dich ffitter’ ich in der Kachel draußen ab. In dem Aus­zug und mit Deinem ung'waschenen G'ficht! könntest mit dem Herrn Brofeffer eh' nicht am Eßtisch fitzen.

Renata hatte von bei Rede bet Müllerin nur I verstanden, daß sie mit derselben irgendwohin gehen

verloren gegangen.

* Das preußische Abgeordueteuhaw wird am 7. Juni und zwar 11 Uhr vormittag- seine Plenarsitzungen wieder aufnehmen. Ar, der Tagesordnung stehen die Anträge Oeser Kopsch, sowie Dr. Hitze-Schmedding (Münster! auf Vorlegung eines Gesetzentwurf betreffend Ei Höhung des Wohnungsgeldzuschuffes der Beamten, Faltin betreffend Gleichstellung der Gerichtssekre« täte in Rang und Gehalt mtt den gleichartigen Verwaltungsbeamten, Graf Strachwitz-Bertels­dorf und "Busch betreffend Gewährung freier Fahrt an beurlaubte Soldaten, Fritsch betreffend Aufhebung der Arreststrafen gegen untere Be­amte, sowie 10 Petition! berichte.

* Bon der Schutztruppe in Südweft- afrika veröffentlicht das Militär-Wochenblatt' folgende Verlustliste: Den Wanden er­legen: Oberleutnant Paul Griesbach am 24.

! Mai im Neuen Allgemeinen Krankenhaus Ham­burg-Eppendorf an seiner bei Omarura am 4. Februar erlittenen schweren Verwundung ver- storben. — Verwundet bei einer Dynamit- explosion in Johann-Albrechtshöhe: Reiter Arthur Keding, schwer, Reiter Wilhelm Kleiner, leicht. — Vermißt seit dem Patrouillengefecht bet Ontjo am 9. Mai: Reiter Franz Stolle. — An Krankheiten gestorben: Reiter Hermann Raue im Lazarett Otjihaenena am 9. Mai an Herz schwäche, Gefreiter Ernst Lührs im Lazaret Okahandja am 12. Mai an Darmtyphus, Reit« Willy Bohnemann in Keetmanshoop am 11 Mai an Typhus, Reiter Arthur Krüger tt Lazarett Otjihaenena am 14. Mai an Herz schwäche, Gefreiter Georg Hohmann im Lazaret Swakopmund am 18. Mm an Typhus, Retter Verend Reinink im Lazarett Windhuk am 19. Mai an Typhus, Gefreiter Bruno Henschkel im Lazarett Karibik am 22. Mai an Typhus.

* Zwischen dem preußischen Kultusministe­rium und dem badischen Ministerium der Justiz, des Kultus und des Unterrichts ist vereinbart worden, daß das unter dem 14. August 1889 s veröffentlichte lieber einkommen wegen gegen« fettiger Auerkeuuuug der PrüfuugS- zeuguifse für das Lehramt a« höhere« Schule« auch nach der beiderseitig letzt et- folgten Neuordnung der Prüfung fortbestehen soll. Die von der Wissenschaftlichen PrüfungS- kommiffion in Karlsruhe auf Grund der Ord­nung vom 21. März 1903 ausgestellten PrüfungS- zeugnifie für das Lehramt an höheren Schulen werden demgemäß auch in Preußen els voll- giltig anerkannt. _ „ , .

* Verkehr durch deu Suezkanal im Jahre 1903. Die Suezkanalgesellfchaft gibt die Statistik über den Schiffsverkehr durch den Kanal im Jahre 1903 heraus. Danach pas­sierten 53 Schiffe mehr mit rund 1 Million Registertons mehr als im Vorjahre den Kanal, nämlich 3761. Deutschlands Anteil stieg um 14 auf 494 Schiffe und um rund 100,000 Re- , gistertons auf 2,464.393 Registertons. Damit : I steht Deutschland mit seinen 494 Schiffen wie i immer an zweiter Stelle, gegen England (227 <

MaerWZeitung

V-F monatsbtiiagc: „gulbaer Gefchichtsblätier".

Berlin, den 3. Juni 1904.

)( Am Morgen des 1. Juni starb in Berlin der Geheime Oberregierungsrat und Vortragende Rat im Kultusministerium Dr. Stephan Waetzoldt im nahezu vollendeten 55. Lebens­jahre. Er war ein Sohn des ehemaligen Vor­tragenden RatS im Kultusministerium, Gustav Adolf Waetzoldt, und gehörte dem Kultus­ministerium feit Mai 1899 an. Der.Reichsan. zeiget' widmet ihm einen Nachruf, worin es heißt: „Seine hohe geistige Begabung, seine ebenso tiefe wie umfaffende wirtschaftliche Bildung und seine reiche und vielseitige Lebens- und Amtserfahrung ermöglichten es dem Ver­ewigten, in feinen amtlichen Stellungen wie bei allen Gelegenheiten zu außeramtlichem Wnken, die et, immer hilfsbereit und immer unermüdlich, auf sich nahm, Ausgezeichnetes zu leisten. Als Mädchenlehrer und akademischer Dozent, a!8 Lehrerfortbildner und als Verwaltungsbeamter Weise zu mir. WaS sie anbelangt, so bestand für den Müller nicht der geringste Zweifel, daß er dieselbe beute schon einmal von seinem Haufe fortgejagt hatte. Sie war eine Bettlerin, eine Landstreiche,in, über beten Person er fich keiner Selbsttäuschung hingeben koni te. Wie geriet sie aber bann in meine G-sellschast?

Diese, die Klarheit seiner Gedanken trübenden Er­wägungen und die daran fich knüpfende Frage standen so deutlich auf dem erstaunten Gesicht des Müllers geschrieben, daß der Mann mich beinahe dauerte. Sie tarnen auch zum wörtlichen Ausdruck, als er auf die Frage seines Sohnes die verwirrte Antwort gab:

„Also — ein Brofeffer ist er — ein Brofeffer und noch dazu ein „Herr von"! Aber die da! — daS Zigeunermädel da!" .

Und damit zeigte er mit eigentümlich unbeholfener Miene aus Reneta, als wollte er sagen, entweder könne der Fremde kein richtiger Professor fein, oder wenn doch, dann müsse fich auch das Vagantenkind schließlich als etwa- Anderes — Bessere- entpuppen.

Wie gesagt, fühlte ich eine Art Mitleid mit dem Alten, btffen Mienen der Zwiespalt feiner Emp­findungen so fichtbar ausgeprägt war. Um den Wider­streit seines rebellisch gewordenen BorstellungSver- mögens zu beschwichtigen, ergriff daher ich wieder daS Wort.

„Sie haben ganz recht, Herr Stritt", wandte ich mich an ihn, „wenn Sie glauben, dieses arme Kind heute schon einmal gesehen zu haben. Renata ist wirklich vaS Mädchen, das vor kurzem Sie um ein Almosen ansprach, und wenn fie selbst auch keine Zigeunerin ist, so fiel fie doch infolge einer Reihe wwriger Schicksale jenen herumstreichenden Leuten in die Hände und wurde von ihnen zu Bettelgängen ge­zwungen. Ich weiß dies au8 der Kleinen eigenem Munde und kann nur versichern, daß ihr das unter harten Schlägen aufgedrungene Betteln um Brod vor Iremben Türen viel verhaßter war, als Sie, Herr Stritt, fich dies vorstellen. — Doch wozu sollen wir

scheu Gesellschaft eine Erklärung, wonach die Ge­sellschaft und ihre Zeitschrift.Asien' mit der Ver­breitung der Nachricht von dem Briefe des Kaisers an den russischen General Kuropatkin in keinerlei Zusammenhänge steht und von der ganzen Angelegenheit erst durch ihre Veröffentlichung in der Tagespreffe Kenntnis er­langt hat. Der Verlag der Zeitschrift .Asien' er­klärt, ihm sei vor einigen Tagen eine Reihe von Nachrichten übermittelt worden, welche in der letzten Zeit Gegenstand lebhafter Erörterungen in der Preffe gewesen seien. Infolge einer Mystifi­kation und eines bedauerlichen Versehens seien diese Nachrichten mit dem Kopfe der Zeitschrift .Asten' versehen und an die Preffe versandt wor­den. ohne daß der Redaktion der Zeitschrift von ihrem Inhalte und von dieser Versendung Kennt­nis gegeben worden sei. Hieraus geht also her­vor: einerseits, daß das Präsidium der Deutsch-! Asiatischen Gesellschaft der Verbreitung dieser Nach­richten fernsteht, anderseits, daß fie tatsächlich dem Verlage der Zeitschrift .Asien' zugegangen und von dort aus ohne Kenntnis der Redaktion an die Zeitungen weitergewandert find. Wer die „Mystifikation und das bedauerliche Versehen" verschuldet hat, wird nicht mitgeteilt.

* Der Reichstag wird am Dienstag wieder zusammentreten. Auf der Tagesordnung stehen die dritte Beratung der Uebersicht der Reichs­ausgaben und Einnahmen pro 1902, zweite Be­ratung des Gesetzentwurfs betreffend die Be­kämpfung der Reblaus, zweite Beratung der Novelle zum Münzgesetz vom 9. Juli 1873. — Wie man in parlamentarischen Kreisen annimmt, dürften sich die verbündeten Regierungen dahin entschließen, den Reichstag nach dem 2 0. Juni