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JK 123.
Hulda, Mittwoch, den 1. Juni 1904.
31. Jahrgang.
Grstes ßlatt
Wegen des hl. Fronleichnamsfestes Wird die nächste Nummer «nserer Zeitung «st am Freitag ansgegeben.
Deutsches Reich.
Berlin, den 31. Mai 1904.
** Zu der Meldung von einem Handschreiben Kaiser Wilhelms an Kuro- patki« geht dem ,Berl. Tagebl.' von Herrn Dr. BoSberg-Rekow, dem Herausgeber der Zeitschrift .Asien', ein Schreiben zu, wonach die Zeitschrift.Asien' diese, sowie eine andere, von unS nicht erwähnte, Mitteilung gar nicht ent» halte, und daß aucy weder von ihm noch von irgend einem Mitglieds der Redaktion eine derartige Information erteilt sein könne. Auch aus den Kreisen des Vorstandes der Deutsch- asiatischen Gesellschaft sei eine gleiche oder ähnliche Mitteilung nicht lanzirrt worden. Das ,Berl. Tagebl.' bemerkt hierzu: „Die fraglichen beiden Mitteilungen sind uns am Sonntag abend gedruckt zugegangen; es war als Absenderin und Quelle der Meldungen die Zeitschrift .Asten', das Organ der Deutsch-astatischen Gesellschaft, ausdrücklich genannt."— Auch anderen Blättern ist das gleiche gedruckte Oktavblatt mit der gleichen Quellenangabe zugegangen. Wer hat denn nur das Blatt versandt? Das .Berl. Tagebl.' meint, es müßten in den Kreisen der Deutsch-astatischen Gesellschaft „Unstimmigkeiten" besonderer Art herrschen. Die Annahme liegt allerdings am nächsten.
** De» Stäudigcu Ausschuß des Deutsche« LaudwirtschaftSrats hat der Präfident des Deutschen Landwirtschaftsrats Graf von Schwerin-Löwitz auf den 3. und 4. Juni d. I. nach Oldenburg einberufen. Die Verhandlungen werden sich u. a. auf folgende Gegen- stände erstrecken: 1) Abgabenfreiheit auf den natürlichen Wafferstraßen; 2) Novelle zum Börsengesetz; 3) Schlachtviehversicherung; 4) Neuere Maßnahmen zur Förderung der Heide- und Moorkulrur in Oldenburg; 5) Seidefreiheit der Kleefaaten; 6) Erhebungen über die Fleischproduktion der einheimischen Viehzucht.
* Ein hübsche- Steuerbouquet möchte Herr v. Kardorff dem deutschen Volke binden. Er schlägt nämlich, um dem Geldmangel des Reiches abzuhelfen, vor, einen Reichsstempel auf Eisenbahnfahrkarten, von dem er sich 20 Millionen verspricht, weiter eine Lizenzgebühr für den Detailoerkauf von Tabak, Zigarren und Spirituosen, tut 10 Millionen , dann kommt eine Versteuerung der Schwankungen im Preise der Ziegelsteine, gibt 5 Millionen, endlich eine Steuer von 5 Pfennigen auf jede Tonne deutscher Kohlen - Produktion, Ertrag 71/2 Millionen. Man
Ghne plan und Ziel.
Roman von I. Barerlein.
13 ------ (Nachdruck »erboten.)
VI.
Jcb fühle Wohl, daß ich den Lesern eine Erklärung meines plötzlichen, immerhin wunderlich erscheinenden Entschlusses geben muß, mir dar Jtalienermädel mm doch aufzuhassen, nachdem ich mich bis kurz vorher aus Leibesklästen gegen diese Zumutung gesträubt hatte.
Die Erklärung wird mir leicht.
Ich bin ein leidenschaftlicher Freund der Musik, und Renata hatte sich in mein Herz gesungen. Dann aber war, während sie fang, ein Gedanke in mir zur Reise gediehen, den ich für eine Eingebung von oben hielt.
Auf den steinernen Mellenzeigern, die den Rand der Landstraße in gleichmäßigen Zwischenräumen einsäumten, stand zu lesen, daß die Entfernung bis Nürnberg noch fünfundzwanzig Kilometer betrug. Diesen Weg glaubte ich, würde Renata bewältigen können. In Nürnberg aber befindet sich ein italienischer Kon- snl, zu desien Amtspflichten es mit gehört, für Untertanen de» Königs von Italien, die sich mittellos in Boyern aufhalten, zu sorgen und fie nötigenfalls auf Kosten feiner Regierung in die Heimat zurückzuliefern.
Nach meiner Meinuna lag em solcher Notfall hier ganz ohne Zweifel vor. Renata war eine der Aermsten von den Armen. Sie mußte an Leib und Seele verderben, wenn fie in der Gewalt ihrer spitzbübischen Ausbeuter blieb oder in ähnliche unsaubere Hände fiel. Sie hatt: daher rin unbestreitbares Recht, unter den Schutz ihres Konsuls xu flüchten und mit desien Unterstützung in doSHaus ihres BaterS zurückzukehren. Wenn fie dort freilich auch wieder darben mußte, wie fie nun schon anderthalb Jahre bei den Zigeunern gedarbt hatte, so war fie doch sicher vor brutalen
sieht, wie gut es Herr v. Kardorff mit dem Volke meint. Es wären das lauter indirekte Steuern, die einerseits eine Reihe von Genußmstteln, dann die Kohle als Heizmaterial in Haus und Geschäft und schließlich den Verkehr, das Reisen verteuern. Den Leuten vom Geldsack würde das allerdings nicht sehr viel machen, die Geschäftsleute würden die Steuer auf die Konsumenten adwälzen, zahlen müßten nur wie immer der Mittelstand und die Kleinen. Allerdings sind es diese schon ziemlich gewöhnt. Man kann Herrn v. Kardorff begreifen, wenn er solche Vorschläge macht, denn er weiß, daß das Reich Geld braucht und daß es sehr bedenklich ist, an die Frage der Bier- und Tabaksteuer heranzutreten. Es ist sich tat- sächlich niemand klar darüber, woher neues Geld beschafft werden soll, aber das weiß man, daß neue Steuern kommen müssen. Trotzdem aber möchten wir doch die Vorschläge des Herrn v. Kardorff dem Reichsschatzsekretär nicht empfehlen zu eingehenderer Würdigung, denn immerfort auf die Breite Masse des Volkes hinauf Lasten zu legen, geht nicht an. Mit der bisherigen Praxis kommt man zu nichts anderem, als dem Resultat, das uns die letzten Wahlen gebracht haben. Die den Sozialdemokraten in den jüngsten Nachwahlen verloren gegangenen Sitze könnten sonst verdoppelt hereingebracht werden.
*„ Die Kommissiou für die w asserwirisch aftlicheu Vorlage« setzte heute ihre vor Pfingsten abgebrochenen Beratungen fort. Auf der Tagesordnung stand der Entwurf eines Gesetzes betreffend Maßnahmen zur Regelung der Hochwasser-, Deich- und Vorflutverhältnisse an der oberen und mittleren Oder.
—* Zu den Beratungen über Erneuerung des Handelsvertrages zwischen Deutschland ««d Oesterreich-Ungarn find am Montag folgende von der österreichisch-ungarischen Regierung entsandte Herren in Berlin eingetroffen: Ministerialrat v. Mihalovics, Sektionschefs Freiherr v. Beck, Ritter o. Rößler und Graf Auersperg, Ministerialrat Dr. Schonka, Sektionsräte Dr.MühlwenzelundBinder.ungarischeMinisterial- räte v. Biel, v. Ottlik und ungarischer Ministerial- vizesekretär Dr. König. Die erste Sitzung mit den deutschen Delegierten, an welcher der hiesige österreichisch-ungarische Botschafter teilnahm, fand gestern nachmittag 3 Uhr im Sitzungssaal des Bundesrats int Reichsamt des Innern unter dem Vorsitz des Staatssekretärs des Auswärtigen Amts, Freiherrn v. Richthofen statt, welcher die österreichisch-ungarischen Herren in einer Ansprache willkommen hieß, auf die der Botschafter ö. Szögyeny-Marich, der Sektionschef Freiherr v. Beck und der Ministerialrat v. Biel erwiderten. Die nächste Sitzung fand heute nachmittag um 3 Uhr statt.
% Wegen der Vorgänge bei der Laxdtags- wahl in Rixdorf hatte, wie s. Z. in der ,Fuld. Ztg.' berichtet wurde, der Staatsanwalt gegen mehrere Sozialdemokraten Anklage wegen groben Unfugs erhoben. Das Schöffengericht lehnte aber die Einleitung
Mißhandlungen und vor dem ansteckenden bösen Beispiel. Ein zweites mal würde aber Antonio Passers seine Tochter wohl nicht verschachern, wenn er erfuhr, welche entsetzliche Leiden fie in der Fremde erduldet hatte.
Ich nahm mir vor, dem Konsul Renatas Lage recht ausführlich zu schildern und ihm deren unverdientes Schicksal so eindringlich klar zu machen, daß er meines Erachtens mit beiden Händen zugrei-en mußte, um ein schutzbedürftiges italienisches Landeskind dem drohenden Verderben zu entreißen.
Bon diesen Plänen sagte ich jedoch Renato wohlweislich noch nichts. Dazu war es stüh genug, wenn die Zeit zu ihrer Ausführung herbeikam. Ich wollte nämlich keinen Wermutstropfeu in den Freudenbecher des Mädchens mischen. Sie war so ausgelassen lustig über di- Gewißheit, mit mir marschieren zu dürfen, daß fie laut jubelnd und jauchzend im Staube der Landstraße berumwirbrlte und hüpste wie ein mustere« Zicklein. D'e Mitteilung, daß tmsere Wanderschaft nur zwei, höchstens drei Tage dauern würde, hätte ihre rosigen Gedanken ficher zerstört.
Da hätte ein unvorhergesehenes Ereignis die gemeinsame Reise bulb von allem Anfang an verhindert. Renata war bei ihren tollen Sprüngen auf die Kante eines zerschlagenen Kiesels getreten, der als loser Schotterstein tm Staube lag, und das messerscharfe Kryfiallgebilde schnitt so tief in ihren rechten bloßen Fuß, daß fie mit einem Wehruf auf die Bank znrück- taumelte.
„Oime!“ stöhnte fie, indem fie die plötzlich blaß gewordenen Lippe» schmerzhaft verzog.
Im ersten Momente glaubte ich, fie habe fich nur hart gestoßen; als ich aber wirklich Blut fließen sah, merkte ich wohl, daß die Sache ernsthafter war.
„Zeig' einmal!"
Sie streckte mir den verletzten Fuß entgegen und ich entdeckte auf der Sohle desselben eine klaffende Wunde, au8 der die roten Tropfen unaufhaltsam her- vorrieselte».
Das sah schlimm au?, umsomehr, als kein Wrss-r
des Hauptverfahrens ab. Der Staatsanwalt ging an die Berufungsinstanz, aber auch die Strafkammer wies feinen Antrag ab, indem sie sich die Gründe der Vorinstanz zu teigen machte. In ihrem Bescheid heißt es: „Diese Gründe werden auch nicht durch die Ausführungen der Beschwerdeführerin vom 13. April 1904 erschüttert. Zunächst kann nicht anerkannt werden, daß die Wahlmänner, auf deren Kreis die in Frage kommenden Belästigungen nach den angestellten Ermittelungen beschränkt geblieben find, ein Publikum im Sinne des § 360" des Reichs- Straf-Gesetzbuchs seien. Mag ihre Zahl immerhin eine größere gewesen sein, so war sie doch keine unerm eßbare, wie z. B. diejenige der Mannschasten und Offiziere eines größeren Truppenteils, auch standen fie mit Rücksicht auf das ihnen übertragene Amt, dessen Ausübung sie zusammengeführt hatte, in gewiffen Beziehungen zu einander. Sie können deshalb nur als ein individuell begrenzter Personenkreis angesehen und nicht dem Begriffe „Publikum" im Sinne des § 36011 cit. unterstellt werden. Sind nun die Wahlmänner als Publikum nicht anzusprechen, so spielt allerdings der abgegrenzte Raum, in dem sie fich befunden haben (wennschon er andernfalls ein Hindernis für die Verübung groben Unfugs nicht gewesen wäre, vergl. Entscheidung des R.-G. Band 13 Seite 366) insofern eine Rolle, als er nach den angestellten Ermittelungen verhindert hat, daß die Belästigungen über den Kreis jener hinaus unmittelbare Wirkungen geäußert haben. Später mittelbare Wirkungen auf das Publikum, welche der Amtsanwalt nach einer Beschwerdeschrift vom 21. März 1904 ichtlich mit berücksichtigt wissen will, können aber ür den Begriff des groben Unfugs nicht in Frage kommen." — Die ,Post' ist ganz entrüstet über diesen neuen „Triumph" der Sozialdemokratie. Wer aber hat ihn ihr bereitet? Gerade die »Post'.
::: Studium der Mathematik. Nach dem Jahresberichte der .Deutschen Mathematischen Vereinigung' haben sich im Jahre 1903 etwa 400 Abiturienten preußischer Anstalten dem Mathematikstudium -»gewandt, während der jährliche Bedarf für Preußen etwa 50 bis 60 beträgt. Da dieser Zudrang schon seit Jahren andauert, wird in Jahresfrist eine höchst bedauerliche Ueberfüllung dieses Lehrfaches vorhanden sein.
* Trier, 31. Mai 1904. In dem Civil- prozeß Hoensbroech-Dasbach kam es heute um 11 Uhr zur Verhandlung, die im Schwurgerichtssaale stattfand. Die Parteien waren persönlich erschienen. Die Verhandlung blieb auf die Prozeßhindernis-Einrede des Schiedsvertrags beschränkt. Nach langer Verhandlung, wobei die Parteien persönlich sprachen, erging der Beschluß des Gerichtshofes dahin, daß die Einrede zurückgewiesen werde, da kein Schiedsvertrag zu Stande gekommen sei. Es folgte Vertagung auf 4 Uhr nachmittags, wo in die Verhandlung zur Sache selbst eingetreten werden wird.
(*) Regensburg, 31. Mai 1904. Die Vorarbeiten für die 51. General-Versammlung der Katholiken Deutschlands in Regensburg sind soweit gefördert, daß das Lokal-Komitee nunmehr an die Festsetzung des Programms der General-Versammlung gehen kann. In ihrer letzten Sitzung hat sich die Vorstandschaft bereits mit dieser Angelegenheit befaßt und Tag und Stunde der einzelnen offiziellen Veranstaltungen bestimmt. In einer der nächsten Sitzungen soll über die Neben-Veranstaltungen einzelner Vereine und Vereins-Verbände beraten und hinsichtlich ihrer Einreihung in das Programm, der Zeit- und Lokal - Anweisungen Beschluß gefaßt werden. Es ist daher dringend notwendig, daß diejenigen Verbände, welche während der 51. General-Versammlung in Regensburg tagen und im Programm Erwähnung finden wollen, sich aber noch nicht angemeldet haben, ehestens ihre Anmeldung beim Vorsitzenden des Lokal-Komitees betätigen und ihre Wünsche über Ort und Zeit ihrer Veranstaltung zur Kenntnis bringen. Das Lokal-Komitee hat sich aller verfügbaren Lokale für die Tage der General- Versammlung versichert. Der Redner-Kommission wird ihre Aufgabe bedeutend erleichtert, wenn auch die Anträge, welche zur General-Versammlung gestellt werden sollen, möglichst bald eingereicht werden. Wir machen aber wiederholt darauf aufmerksam, daß jeder Antragsteller gehalten ist, seinen Antrag bei der General - Ver sammlung selbst zu vertreten oder durch eint beauftragte geeignete Person vertreten zu lassen Anträge, für deren Behandlung diese Garant, nicht geboten wird, bleiben unberücksichtigt. Di ein sehr starker Fremdenzufluß für die Tage bei General-Versammlung zu erwarten steht, liegt es im eigenen Interesse derjenigen, welche an der General-Versammlung teilnehmen und in Regensburg übernachten wollen, sich sobald als möglich beim Vorsitzenden der Wohnungs-Kommission, Fabrikbesitzer Franz X. Miller, genau nach Namm, Stand und Wohnort anzumelden und ihre Spezialwünsche geltend zu machen. Die Anmeldung zur Mitgliedschaft oder zur Teilnahme an der General-Versammlung kann bei dem Vorsitzenden der Anmelde- und Finanz-Kommission, Verlags-Buchhändler HeinrichPawelek, bewirkt werden.
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Nach der furchtbaren, mörderischm Schlacht bei Kintschau war zu erwarten, daß in der Entwickelung der kriegerischen Ereignisse «in zeitweiliger Stillstand eintreten werde, weil nach einem so gewaltigen Kräfteauswand fich auf beiden Seiten ein starkes Ruhebedürfnis» geltend machen würde. In der Tat haben zunächst auf der Kwantunghalbinsel, welche der Schauplatz der letzten Kämpfe war, keine weiteren größeren Rencontres stattgefunden. Der General Oku weiß nach einer aus Tokio vom 30. d M. datierten Meldung nur zu berichten, daß die Russen Chenkenskempu, Mangolian und Lius-
in der Nähe war, den kranken Fuß zu reinigen. Ich half mir also, so gut es die Umstände zulirßen. Ich öffnete mein Ränzetz entnahm ihm eines meiner weiß- liinenen Hemden und riß es in Streifen. Damit verband ick den Fuß, indem ich mich sorgfältig bemühte, keinen Staub in die Wunde bringen zu lassen. Ich umwickelte das Glied vier-, fünfmal, hüllte es dann in mein Halstuch und hatte die Freude, zu sehen, daß der derart bandagierte Fuß in einen meiner Hausschuhe paßte.
Das war ein großer Vorteil; denn erstens ging durch den Lederschuh feine Verunreinigung, und dann konnte Renata auch besser darin marschieren. Als ich mit meinem Werk so weit gekommen, hörte ich ein leises Schluchzen. Mich erhebend, sah ich, daß in den Augen des Mädchens Tränen standm.
„Hast Du so große Schmerzen?" fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf.
„Warum weinst Du dann?"
„Du bist so gut!"
Wie ein leidenschaftlicher Aufschrei kamen die Worte aus ihrem Munde, und ehe ich wußte, w e mir geschah, hatte fie ihre dünnen Aermchm um meinen Hals geschlungen und verbarg ihr von Zähren überströmtes Gesicht an meiner Brust.
Mich erfaßte ein heiliges Mitteid. Armes, armes Kind! Wie trostlos und liebeleer muß» Du bisher durchs Leben gegangen fein, da die erste Dir ftei- willig erwiesene Wohltat einen solchen Sturm von Empfindungen in Deiner Seele erregen konnte! Die herzliche Kundgebung des 6erlogenen Mädchens bestärkte mich in meinem Entschlüsse, alles aufzudieten, am fie aus ihrer traurigen Sage zu erlösen.
Das erste und notwendigste war aber jetzt, so schnell wie möglich aus dem Walde und zu menschlichen Wohnsitzen zu kommen; denn daß Renata in ihrem gegenwärtigen Zustande die 25 Kilometer bis Nürnberg zu Fuß zmücklegen könnte, war schlechterdings ausgeschlossen. Ich wußte trachten, in der nächsten Ortschaft ein Lohnfuhrwerk aufzutreibe«, um meine Reise sortzusetzw.
So schnitt ich denn von einer am Waldrande stehenden Haselnußfiaude einen für Renaia passenden Stock, damit fie sich im Gehen darauf stützen konnte, faßte ihre linke Hand, um sie auch auf die er Seite zu stützen, und nahm in ihrer Begleitung meine unterbrochen» Wanderung wieder auf.
Wir mögen wohl einen abenteuerlichen Anblick ge bildet haben, und Cartotta würde ihre Schadenfceudi zu verhehlen kaum im Stande gewesen sein, hätte fii gesehen, wie ich durch den Wald ein zerlumptes, hin kendes Mädcben führte, dessen einer nackter Fuß den Staub der Landstraße auiwirbelte, während der andere in einem Lederschuh steckte. Wie würde fie boshaft gelacht haben über das sonderbare Anhängsel, das ich auf meiner Reise ohne Plan und Ziel aufgelesen hatte!
Allein mein Gewissen sagte mir, daß ich recht han- beüe und damit verloren alle anderen Erwägungen ihre Macht über mich.--
Renata hatte fich mittlerweile wieder so weit beruhigt, daß sie mir zusammenhängende Rede und antwort geben konnte. So fragte ich fie denn:
„Seid Ihr mit Eurem Wagen den Weg gekom- knmmen, den wir jetzt gehen?"
„Ja."
„Ich sah Euch aber aus dem Hohlweg herausfahren."
„Dort haben wir gerastet; es ist heimelig und schattig darin."
„Wie weit tst es noch bis zu einem Dorfe? Die Zigeuner haben mir mein Essen geraubt, und ich bin hungerig. Hast Du heute schon etwas genossen?"
„keinen Bissen!"
„Hast Du den nichts von meinen Lebensmitteln erwisckt, — kein Brot, kein Stück vorn gebratenen Huhn?"
„Ich stehle niemals."
„Brave Renata! Wie ist e- also noch zu einer Ortsckaft?" ,
„Gewiß zwei Stunden. Ich weiß eS, weck wir Beate morgen von dort wegfuyren. Aber eine Mühle lst ganz in der Nähe; jedoch--(Forts, f.)