31. Jahrgang
M-a, Samstag, den 28. Mai 1904.
12V.
e
10
- Zweites glätt i
wie bei Freundschaftsverhältnisses mit England und Frankreich; Eines schließe daS andere nicht auS.
In England hat das Unterhaus einen Antrag, der die schutzzöllnerische Besteuerung der Lebensmittel verurteilt, abgelehnt.
Auf dem ostasiatischen Kriegsschauplatz ist den Japanern das Glück untreu geworden. Sie verloren am Donnerstag voriger Woche bei Port Arthur eins ihrer besten und größten Linienschiffe, dar auf eine russische Mine stieß und einen Kreuzer. Die russische Flotte ist noch in Port Arthur eingeschloffen. Zwar haben die Japaner die ganze Liautung-Halb- insel bis auf Port Arthur militärisch besetzt, aber sie mußten sich bei dem Borstoß nach Liaujang vor der russischen Uebermacht zurückziehen. Eine Anzahl Scharmützel hat wohl stattgefunden, aber für eine Schlacht ziehen die Japaner noch immer ihre Truppen zusammen and landen nette.
wochen-Rundschau.
(Nachdruck verboten.)
D Fulda, 28. Mai 1904.
Die Pfingstwoche zeichnet sich vor allen Wochen des Jahres dadurch auS, daß in ihr zahlreiche Kongreffe und Versammlungen aller Art abgehalten zu werden pflegen. Auch in diesem Jahre ist daS wiederum der F<Ä; wir erwähnen von den in dieser Woche abgehaltenen Versammlungen u. a. die 11. Generalversammlung des katholischen Lehrerver- bandes der deutschen Reiches in Straßburg, die 19. Hauptversammlung des Vereins kalbollscher deutscher Lehrerinnen in Berlin, den 6. Delegrertentag bei Verbände« der katholischen Arbettervereme di Berlin, den 27. internationalen Kongreß für gewerblichen Rechtsschutz ebenfalls in Berlin, den Evangelisch-sozialen Kongreß m Breslau u. f. tt.
In der inneren Politik Deutschlands herrscht ziemliche Ruhe, da die Parlamente Ferien haben und die Minister zu den Feiertagen sich ebenfalls etwas Erholung zu verschaffen suchen. Diese polittsche Stille bietet der Presse der einzelnen Parteien Gelegenheit, einzelne Angelegenheiten, die vorher iw Trubel der Geschäfte nur kurz besprochen worden find, jetzt nachträglich etwas eingehender zu behandeln. So beschäftigt die konservative Presse sich jetzt vielfach mit den bekannten Herrenhausreden und Betrachtungen, die bon liberaler Seite daran geknüpft worden find. Es scheint fast, als ob den Konser- vcüiven vor ihrer eigenen Unternehmungslust bange geworden sei. Der Borstoß gegen den Grafen Bülow im Henenhause konnte gar nicht anders gedeutet werden, als daß die Konservativen eS auf einen Personen- und Systemwechsel abgesehen hätten. Nachdem fie aber nun über ihre Reden etwas nachgedacht, nachdem ihnen Graf Bülow durch seine Worte, fie würden fich noch einmal nach seinen Fleischtöpfen zurücksehnen, klar gemacht, daß fie kaum einen mehr agrarisch gesinnten Nachfolger für ihn erhalten würden, da verwahrten fie fich ernstlich dagegen, daß fie es auf den Sturz des Kanzlers abgesehen hätten. Ja fie versichern sogar feierlich, fie hätten Verstauen zu ihm und wüßten, daß sie keinen besseren Kanzler finden könnten. Graf Bülow selbst scheint ihnen bett Vorstoß nicht übel zu nehmen. Die.Norddeutsche Allgemeine Zeitung' erklärt die Gerüchte über Mei- nungSverschiedenhettcn zwischen dem Kaiser und dem Reichskanzler für falsch. Nur die ,Deutsche Tageszeitung' ist mit dem Einlenken der Konservativen nicht einverstanden. Sie meinte, die Stimmung der Konservative« im Lande sei sehr oppositionslustig.
Der Schulkompromißantrag im preußischen Abgeordnetenhause zwischen de» Nationalliberalen und Konservativen bereitet den ersteren schwere Sorge. Die badischen Nattonalliberalen und ihre Parteigenossen im Westen erhebe» lebhaften Widerspruch gegen die „verhängnisvolle Einigung". Der Abge- »ronete Dr. Friedberg und andere Freunde des Antrags haben es fich eifrig angelegen sein lassen, den Protestlern klar zu machen, daß gar kein Verrat am nationalliberalen Programm und an der Simultanschule vorliege, — aber vergebens. Die Freude über die „Ausschaltung" des Zentrums wird dadurch stark
«chsi-1
■asiabwe der M*
d» Vriustrlohn und
ge$$»5tts 1 kllk. Svvtfl.
tdrtftlettwJof.Bs&ar
•^«1 die Inserate
*p«r$tlet i» galta-
Anreigen: Vie eh* fpaltige petttzeile oder deren »au« 15 Pf-. Mellanten die petttzeile 25 Pf-.; bei wieder- Holungen wird enttpr. Rabatt gewährt.
Druck und Verlag bet ZnIdaerAettendrucker« in Hulda (Harmonie) Lernsprecher Ur. 9.
Ohne plan und Ziel.
Roma» von I. Baierlein.
------ (Nachdruck verboten.)
Es hätte der zwei abgetriebenen, jämmerlich mageren und an verschiedenen Stellen vom Geschirr wundgeriebenen Pferde nicht mehr bedurft, um mir zu sagen, daß die Insassen des Wagens fahrendes Volk waren, das seine» Lebensunterhalt als Siebmacher, Drahtflechter, Blechschmiede und Seiltänzer suchte. —
Jetzt war das traurige Fuhrwerk, das jedenfalls im Hohlweg seine MittagSrast gehalten hatte, auf der Landstraße angekommen. Wegen der vor Ermattung zitternden Gäule mußte es dort eine Welle stillhalten.
Da ereignete fich etwa- Merkwürdiges.
Jedenfalls war ich vom Wagen aus bemertt werden. Denn ehe ich mich befinnen konnte, purzelten sechs — sieben halbnackte Gestalten daraus zur Erde, richteten sich mit staunenswerter Behendigkeit wieder in die Höhe und stürzten dann schreiend — kreischend — heulend auf mich los.
Rein, — nicht aus mich, wie ich sofort wahrnahm, jonbern auf meine Eßwaren. Sechs — sieben ungewaschene Hände, ebenso vielen Kindern, Knaben und Mädchen jeden SlterS zugehörig, griffen nach der Wurst, dem gebratenen Huhn, dem Brot, — fie risse« Stücke vom Fleisch herab und stopften sie gierig in die ekelhaft schmutzigen Mäuler, — fie baMen fich um einen Brocken auf der Erde, stießen «Id pufften und kratzten fich, und wer die vom Staub und Unrat der Straße besudelte Beute gewann, der verschlang fie heißhungrig unter dem neidischen Gezeter der andere«.
In einem Nu war von meinem ganzen Proviant kein Biffen mehr übrig. Doch damit war die Rotte nicht zuftieden. Nach den Kindern kamen die Erwachsenen und verbuchten mim zu brandschatzen. Ein altes Weib mit zahnlosem Mund wollte fich mit Ge>
MaerM Zeitung
wochenbeiiage, „Illustrierte Sonntagzzeitung" monatsMiage: „Küdaer GeschichtrblStter".
beeinträchtigt; und wenn die Nationalliberalen auch nicht mittun, so bilden doch, tote die .Kreuzzeitung' bemerkt. Konservattve und Zentrum eine große Mehrheit für ein konfessionelles Schulgesetz, wenn nur die Regierung mit dem Vorlegen eines solchen Ernst macht.
Bei der ReichStagSersatzwahl in Frank- furt-LebuS hat, wie vorauSzusehen war, der Na- tionalltberale Bsflermann über den bisherigen In- Haber des Mandats, den Sozialdemokraten Dr. Braun, in der Stichwahl gesiegt. Die Sozialdemokraten haben mm schon drei Mandate verloren. Daß daran, zum Teil auch der Dresdener Parteitag schuld ist, können nur ganz verbiffene Genossen leugnen. Augenblicklich bereitet dieser famose Parteitag der Sozial- demokratie auch noch anderwe tig Verlegenheiten. Die Schiedsgerichtsurteile gegen Söhre, Heme und Bernhard werden von mehreren „zielbewußten" Blättern, insbesondere aber von dem Krakehler Mehring, für bett fie eine persönliche Niederlage bedeuten, scharf angefochten. ES scheint fich daraus noch ein großer Zank entwickeln zu sollen, wiewohl die Partelleitung sicherlich das Bestreben hat, die Sache einschlafen zu laffen. Einigen Trost in ihren Kümmernissen gewährten ihnen die HerrenhauSreden gegen daS Reichstags- Wahlrecht, die sie jetzt als Flugschrift herausgegeben haben, sowie die zahlreichen Artikel der Scharfmacher- preffe gegen daS Wahlrecht.
In Württemberg beschäftigte fich die Kammer der StandeSherrn am Freitag voriger Woche mit dem Bolksschulgesetze. Ter von der Kammer vor einiger Zeit angenommene Entwurf will bekanntlich die geistliche BezirkSschulausficht durchbrechen und weltliche BezirkSschulinspektoren zulaflen. Der Ausschuß der ersten Kammer hatte den Entwurf mit 7 gegen 4 Stimmen angenommen. Das Plenum war jedoch anderer Anficht, auch protestantische StandeSherrn waren nicht geneigt an der geistlichen Schulaufsicht rütteln zu laffen. Schließlich wurde die Frage mit einem AbänderungSantrage an den Ausschuß zurückverwiesen. Da die Regierung nicht nachgeben will, die erste Kammer wohl auch nicht nachgeben wird, so darf der Entwurf bereits als gescheitert angesehen werden und der Kampf um die Schule und die Schulaufsicht, der nun schon über zwölf Jahre dauert, wird weitergehen.
In Baden hat die Abgeordnetenkammer den Ge- setz-ntwurf über die Aenberung der Verfassung (Wahl- resorm usw. mit 54 gegen 6 (sozialdemokratische) Stimmen nach den Vorschlägen der Kommission angenommen. Die Forderung einer Erweiterung des BudgetrechtS der ersten Kammer wurde abgelehnt, wiewohl der Minister des Innern Dr. Schenkel nochmals erklärt hatte, daß die Regierung dabei beharren müffe. Der Minister ließ allerdings erkennen, 'daß die Regierung noch mit fich reden lassen werde, insbesondere in der Frage der Durchzählung der Stimmen beider Kammern bei Meinungsverschiedenheiten. Es ist also noch nicht ganz ausgeschlossen, daß die Wahlreform doch schließlich zu Stande komme.
Die Beziehungen zwischen dem hl. Stuhle und Frankreich haben fich verschlechtert. Infolge der Protestnote des hl. Stuhles gegen den Besuch Loubets in Rom wurde der franzöfische Botschafter beim hl. Stuhle Nisard abberufen. Doch bedeutet dies noch keinen vollständigen Abbruch der diplomatischen Beziehungen, da ein Botschaftsrat während des Urlaubes des Botschafters die Geschäfte führt.
In Italien sprach fich am Mittwoch voriger Woche der Minister des Auswärtigen, Tittoni dahin aus, daß Italien an dem alten Programm festhalte: Aufrechterhaltung und Festigung des Dreibundes, so- walt meiner Hand bemächtigen, um mir zu wahrsagen; eine junge Frau mit einem grellfarbigen Tuch um den Kopf hatte ein Tambourin aus dem Wagen geholt und fang, vor mir tanzend, etwas in einer unverständlichen Sprache, die Männer aber streckten mir einfach die Hände entgegen und schrien mich an:
„Gib Gelb, Herr, gib Gelb für arme Zigavy!
Da packte mich der Unmut. Ich ergriff meinen Ziegenhainer, ließ ihn, wie ich dies in früheren Jahren gelernt hatte, um meinen Kopf wirbeln unb ging so auf baS Gesindel los. Dabei sagte ich kein Wort; meine zornblitzenden Augen und finsteren Mienen gaben hinlänglich zu erkennen, welcher Grimm in mir loderte.
Hei, wie die feige Bande auSeinanderstob! In wenigen Sekunden hatten die Kinder fich im Bauche des Wagens verkrochen; die Weiber eilten in langen Sprüpgen eine Strecke fort, blieben dann auf der Straße stehen und streckten mir, sobald fie fich in Sicherheit sahen, schimpfend und fluchend die Fäuste entgegen, und die Männer hieben mit den Peitschen auf die dürren Mähren ein, daß fie einen müden Trab anschlugen und das Fuhrwerk bald ans meinem Sehbereich brachten.
Aber noch lange hörte ich das Geschnatter der Frauen, das Gejohle der im Wagen hin und her geschüttelten Rangen, das Klappern der Hufe und daS Knallen der Peitschen, bis das Geräusch immer schwächer und schwächer wurde und in der gerne endlich ganz erstarb. Schweigen herrschte wieder im Walde.
Das war ein zwetteS Abenteuer gewesen, wenn auch kein so angenehmes wie mit meinem Einfiedler. Noch ärgerlich über den Vorfall, der mich um den Imbiß gebracht und auf den ich mich so sehr gefreut batte, nahm ich wieder Platz auf der Bank unter dem Ebereschenbaume. Auf ein Mittagessen zur rechten Zeit mußte ich heute ohnehin verzichten, so wollte ich denn wenigstens noch eine Welle der Ruhe pflegen, den» ich spürte Müdigkeit in allen Gliedern.
Wir ich nun so saß auf der schattigen Rasenbank und finnend meiner lieben Kinder in der Heimat gedachte, beschlich mich ein eigerMmliches Gefühl. ES
iu genießen. Namentlich für das Sonnenbad st der Juni die richtige Zeit. In den Hundstagen wird die Hitze zu groß, der Sonnenschein zu stechend, so daß man den Schatten sucht. Im Juni aber kann man sich noch eher durchleuchten laffen. Zu den neuen Moden mit bedenklichem Beigeschmack gehört die Einrichtung von sogen. Sonnenbädern, d. h. Abschlägen, in dem die Menschen möglichst nacklgt in der Sonne herumlungern sollen. Ich halte nichts von diesem künstlichen Getue, soweit nicht etwa der Arzt aus besonderen Gründen eine derarttge Kur verordnet. Ich glaube, für normale Menschen reicht es vollständig aus, wenn sie in landesüblicher Sommerkleidung sich den belebenden Strahlen der Mutter Sonne aussetzen, so oft sich dazu Gelegenheit findet. Wenn die modernen „Adamiten" die Natur anrufen, so weise ich sie daraus hin, daß die Tiere, die doch gewiß eine natürliche Lebensweise führen, auch im Sommer nicht mit blanker nackter Haut herumspringen. Sie tragen vielfach ein erleichtertes Feder- »der Haarkleid, aber sie tragen eins und befinden sich wohl dabei. Der Mensch hat kein angewachsenes Kleid, sondern ein angezogenes, und wenn er den natürlichen Vorbildern folgt, so hält er auch im Sommer seine Blößen bedeckt. Wenn er zeitweilig noch seine Haut in's Wasser bringt, so hat er wahrlich Hautpflege satt, und ein Spaziergang in der Sonne macht ihn trotz der nötigen Kleidung „durchlauchtig" genug. — Nebenbei seien alle Eltern und sonstigen verantwortlichen Personen daraus hingewiesen, daß die neue Mode der „Sonnenbäder", die sich von den Großstädten in die Weite zu verpflanzen droht, in sittlicher Hinsicht ihre ernste Gefahr hat. Mögen die berufenen Schützer der Jugend zusehen, daß nicht die Jugend an Leib und Seele Schaden leide.
Wenn wir nun heute die Schönheiten des Juni uns so hübsch ausmalen, was machen wir dann nach 4 Wochen? Nun, dann suchen wir dem Juli die besten Seiten abzugewinnen, und die hat er ja auch als Ernte - Monat und für einen Teil des Landes als Ferien-Monat. Und wieder 4 Wochen später freuen wir uns auf den August, der in mancher Hinsicht eine Ergänzung des Juli und sogar eine Vervollkommnung bildet und fich namentlich durch die lauwarmen Abende auszeichnet. Haben wir dann den Sommer durchgekostet, so freuen wir uns auf den Herbst, der wieder seine besonderen Vorzüge hat. Und so weiter. Immer froh genießen, was kommt. Immer hoffnungsfrisch den Wechsel mitmachen, den uns der gütige Schöpfer als irdisches Naturgesetz verordnet hat und der in der Tat das Leben in diesem Jammertale ganz wesentlich erleichtert und verschönt. Man denke einmal darüber nach, wie langweilig, ungesund und ungemütlich es auf Erden wäre, wenn wir nicht den langsam und sicher vorschreitenden Wechsel der vier Jahreszeiten hätten. Ja, auch der ewige Sommer würde uns verzweifelt schlecht bekommen, wie wir schon an den Erfahrungen in den Tropen sehen, wo die Menschen unter zu viel Sommer erschlaffen.
Ich sage absichtlich „eine" Reihe! denn daS Lächeln war so diskret, so verschämt, baß der Mund fich kaum öffnete, dabei aber doch einen herrlichen, fast vornehmen Schnitt zeigte. In den Wangen, deren gesunder Rot durch eine Kruste von Schmutz hinbucchschimmerte, hatten zwei reizende Grübchen gebildet, die ein Dichter der glücklich verflossene» Sturm» und Drangperiode gewiß zum Wohnsitz aller Grazien und Amoretten erhoben hätte.
Ich glaubte nicht zweifeln zu Dürfen, daß da» braune, ungewaschene, etwa neun bis zehn Jahre alle Mädel, welches sich mit zersausten Haaren, bloßfüßig, im zerlumpten Kleidchen und einem Hemd von fragwürdiger Farbe vor mir präsentierte, ein Zigeunerkind war; allem Anschein nach hatte eS de» Wagen vorauSfahren lassen, und war zurückgeblieben, um auf eigene Faust zu betteln, — oder auch zu stehlen.
So sehr eS mich innerlich freute, daß meine Empfindung, S müsse jemand in der Nähe fein, kein Ausfluß einer krankhaften Einbildung gewesen, so ärgerte eS mich, durch den Anblick des Mädchen» noch einmal an da» mir gestohlene Essen erinnert zu werden. Um mir die Landstreicherin schnell au6 de» Augen zu schaffen, herrschte ich ihr daher zu:
„Was willst Du noch hier? Mach', daß Du forttornmst, damit Du Deine Leute einholst. Sie find schon weit voraus."
DaS Mädchen schüttelte den Kops und zeigte wieder ihre blinkenden Zähne.
„Du willst nicht? WaS dem» sonst?"
Ich dachte, fie würde jetzt die Hand auSstrecke» und eine Gabe von mir heischen.
Aber eS kam ganz anders. Allerdings streckte fie die Hand aus, doch nur, um die meine mit festem Druck zu erfassen; bann sagte fie in einem Ton, der so entschieden klang, als schlösse er jeden Widerspruch schon von vornherein auS:
„Ick geh mit Dir."--
(Fortsetzung folgt.)
Unpolitische Zeitläuse.
(Nachdruck verboten.)
G Berlin, 26. Mai 1904.
Welcher Monat ist der schönste unter den zwölfen? Neulich las ich eine Abhandlung über die Frage, welche Altersperiode die schönste im menschlichen Leben sei. Bei beiden Untersuchungen kommt nicht viel heraus. Des Lebens ungemischte Freude wird keinem Monat und keiner Altersstufe zu Teil. Bei jeder Rose stehen die Dornen. Und wenn es im Jahre oder im Men- schenleben mal einen Augenblick gibt, der uns den Ruf entlockt: „O, bleibe doch, du bist so schön!" — Dann tut uns der Augenblick nicht den Gefallen. Ergeht, denn nur der Wechsel ist ewig.
In gereimter und ungereimter Rede hat man tausendfach den Mai für den allerschönsten Monat erklärt. Wer klug ist, der liest solche Maigesänge nur vor der Walpurgisnacht. Dann kann er sich wenigstens in Hoffnungen wiegen, die für den Augenblick süß sind, wenn es auch nachher anders kommt. Im Laufe des Wonnemonats muß man fich vor allen Maidichtem und Mailobhudlern hüten; denn die kühle und widrige Wirklichkeit steht oft in zu scharfem Gegensatz zu dem Ideal, so daß die Seele ebenso leicht verschnupft werden kann, wie der Körper. Und jetzt am Schluß des „Wonnemonats" wären wir sehr töricht, wenn wir der gemischten Maiherrlichkeit Klagelieder nachweinten, statt sich uns zu freuen auf die Herrlichkeit des Juni mit seiner Rosenpracht und seinen Sonnenschein. In der Tat, der Juni gerät etwas sins Hintertreffen durch die hergebrachte Maischwärmerei. In den südlichen Gegenden mag wohl der Juni schon zu heiß und zu grell sein; bei uns aber trifft erst im Juni ein, was wir dem verhätschelten Mai schon angedichtet hatten. Darum geht mein Ratschlag dahin, haltet die Nase voraus und schaut nicht wehmütig zurück, sondern frohmutig voraus. Jetzt kommt der vollblütige Monat des Lichtes, der Gegenfüßler des dunklen Dezember. Genießen wir ihn auch im Gegensatz zu den De- zembersttten. Damals haben wir stille am warmen Ofen gesessen und häusliche Behaglichkeit genoffen. Jetzt sollten wir aber alle freie Zeit benutzen, um frische Luft und Sonnenschein toar mir, als befände ich mich nicht allein — als müsse dicht neben mir nach ein zweites Wesen atmen unb (eben, von dem sich unsichtbare Fäden um mein seelisches Empfinden zu spinnen begännen. Der Gedanke toar so mächtig, daß ich jeden Augenblick erwartete, irgendetwas, über dessen Art ich freilich ganz im Unklaren schwebte, in greifbare Erscheinung treten zu sehen.
In der Meinung, wiederum von einer leidigen Zwangsvorstellung beherrscht zu werden, bot ich meine ganze Willenskraft auf, dieselbe abzuschütteln, — ledoch vergeblich. Das Bewußtsein, mich nicht allein zu befinden, wurde immer stärker und verdichtete fich schließlich zu einem solchen körperlichen und geistigen Unbehagen, daß ich den Bann, der mich gefangen hielt, mit Gewalt abschüttelte und in den lauten Ruf auSbrach:
„Wer ist da?"--
--Und ein fernes Sümmchen ganz in meiner Nähe antwortete:
„Bin ick da."--
V.
Herrgott! Aeffte mich denn ein Spuk? Weit und breit war niemand zu sehen, und doch hatte ich eine menschliche Stimme vernommen, so deullich, daß meine Wahrnehmung unmöglich auf eine Nervenüberreizung zurückgeführt werden konnte. '
Ich sprang von der Bank auf und ergriff wieder meinen Ziegenhainer.
„Wo bist Du?" rief ich. Laß Dich sehen I Ich will wissen, mit wem ich's zu tun habe."
Da entstand hinter meinem Rücken ein leises Geräusch, unb wie ich mich rasch umdrehte mid über die Lehne der Bank beugte, sah ich ein kleines, zerlumpte» Geschöpf, das au8 dem Straßengraben in die Höhe krabbelte und mich mit weitgeöffneten schwarzen, brennenden Augen anstarrte. —
„Da bin ick", sagte der braune Kobold, indem er sich neben mich stellte und lächelnd eine Reihe blitzender Zähne sehen liefe, weife wie Elfenbein.