Einzelbild herunterladen
 

KMelttt 6t- ;

,<*(8 Seiet ige. <*

Mel. ve »g u»

<ch^« Brinjerl «6

MKellgrid^Z! M oauwärts ? Ott 60 Pf»

ii?T6Ttiw<>rtfi<frci

2Hr'ft!c'ter.Aot.V<UM'

ulöaer

*. %to wochrnbkllage: „Illustrierte Somüagrzeitung"

I«$eigen: Die ei» fpaltige petitseile ober deren Hann*. IS Pf», Betlame« die petitzeii« 25 Psg.; bei wieder. Holungen wirb entspr Rabatt gewährt.

Druck «nb Verlag 6t SulbaerActienbrnckes in Zulba (Harmonie?

Ztrnfprechet Nr. 9.

31. JahrgMg

Zulda, Samstag, den 21. Mai 1904.

.M 115

S

। Zweites Blatt

Ohne plan und Ziel.

Roman von I. Baierlein.

------ (Nachdruck verboten.)

[•] „NSmiichr" Propaganda.

Wie schon mitgeteilt, hat am Mittwoch auf der Versammlung der Kreissynode Berl-n IJ. der Pfarrer Wuttke einen Vortrog gehalten über die „Abwehr der römischen Propa­ganda". Leider teilen die Berliner Blätter, so weit wir dieselben gesehen haben, nicht mit, was Herr Wuttke eigentlich über die „römische Propaganda" zu erzählen gewußt hat. Es scheint das aus Vorsicht geschehen zu sein; denn was früher auf Synoden über diese Frage erzählt worden ist, konnte in der Regel die Nachprüfung nicht vertragen. Es war entweder vollständig geflunkert, oder gröblich entstellt, oder es handelte sich um einfache Ausübung der katholischen Seel­sorge bei Katholiken und um solche Handlungen katholischer Geistlichen, die die protestantischen Geistlichen ihrerseits als selbstoerständliche Pflicht bettachter.. Ja, es ergab sich die interiffante Tatsache, daß die Propaganda, über die die Protestanten klagten, gerade von ihnen selbst ge­trieben worden war. Danach versteht man cs -schon, wenn die Blätter mit Rücksicht auf Herrn Wuttke seinen Vortraa nicht mitteilen. Sie wollen ihn nicht in die Verlegenheit bringen, daß seine Angaben von katholischer Seite geprüft und als falsch erwiesen werden können. Schmeichel­haft ist das für den Herrn allerdings nicht; für ihn wäre eS ehrenvoller gewesen, wenn sein „mutiges Zeugnis" dte Oeffentlichkeit nicht zu scheuen brauchte. Mitgeteilt werden von dem Bortrage bloß die Schlußsätze, denen die Synode „en bloc zustimmte". Da heißt eS nun zunächst: „Mit der römischen Propaganda ist als mit einer aas dem Wesen der vom Jesuitismus beherrschten, alleinseligmachenden Kirche sich ergebenden Tat­sache zu rechnen " Bekanntlich ist es „Tatsache", * daß die Protestanten eine „Gesellschaft zur Ver­breitung des Evangeliums unter den Katholiken" gegründet haben, und die „Evangelisation" der Katholiken in Italien und Spanien, sowie die Agitation für den Abfall von der katholischen Kirche in Oesterreich systematisch betreiben. Und da nimmt es sich ja sehr ehrenwert aus, über die „römische Propaganda" zu zetern. Das Pharisäertum ist ja gewissen streitbaren Leute in Fleisch und Blut übergegangen.

Herrn Wuttke genügte die Resolution gegen Jesuiten und Ultramontanismus noch nicht; sein Thema schien ihm geeignet, den Jesuiten nochmals einen freundlichen Fußtritt zu versetzen, und deshalb sagte er in seinen Schlußsätzen, die Zulassung der Marianischen Kongregationen und die Aushebung des § 2 des Jesuitengesetzes seien geeignet, de» römischen Propagandabestrebungen Vorschub zu leisten. Wozu wären sie in dm Augen eines fanatischen Predigers wohl nicht geeignet? Ma» kann ihnen auch die Zunahme der Sozialdemokratie, den Aufstand der Hereros, die lleberschwemmungen in Schlesien, die Miß-

Sie von den Protestanten selbst aufgestellte Statistik zeigt, daß sie den Hauptgewinn von den Mischehen haben und dennoch schämt man sich nicht der heuchlerischen Klage über die Be­nutzung der Mischehen zur „römischen Propa­ganda".

Es muß wohl sehr schwer sein, der Wahrheit die Ehre zu geben, wenn sie mit dem Haste gegen „Rom" in Konflikt gerät. Aber man sollte doch denken, auf einer Synode fände sich wenigstens der eine oder andere mutige und aufrichtige Mann, der das Gezeter über die „römische Mischehe-Praxis" als Unwahrhaftigkeit gebührend kennzeichnete. Auf der Synode Ber­lin III scheint sich kein solcher Mann gefunden zu haben. Rur gegen die Boykottierung der katholischen Krankenhäuser erhob ein einziger Synodale, ein Lehr«r Fricke, Bedenken; aber ein halbes Dutzend duldsamer Pastoren trat gegen ihn auf. Zu den anderen „Schlußsätzen" Wuttkes scheint niemand das Wort ergriffen zu haben. Es gehört dazu noch die Forderung der Revision des § 166 des Strafgesetzbuches (es wird also von derselben Synode zweimal beschlossen, daß man Schimpffreiheit gegen die katholische Kirche verlangen müsse) und die Empfehlung des Evan­gelischen Bundes, des Gustav-Adolf-Vereins und der Gesellschaft zur Ausbreitung des Evangeliums unter den Katholiken.

Nach den „mutigenZeugnissen" gegen .Rom" wurde die Synode mit „Gesang und Gebet" ge­schlossen. Man hatte seine Pflicht getan und konnte guten Gewissens nach Hause gehen. Ehe man in den Kampf gegen „Rom" ging, hatte man den Bericht über die kirchlichen und sittlichen Zustände im Synodal-Bezirke entgegengenommen. Die Zustände sind vielfach recht traurig; die große Maste der Bevölkerung ist der Sozialdemo­kratie verfallen. Unsittlichkeit, Ehescheidungen, Ehebruch, Konkubinate, Prostitution rc. rc. sind erschreckend verbreitet in dem Bezirke. Man sollte also denken, die ehrwürdige Synode hätte allen Anlaß gehabt, sich mit der Frage zu beschäf­tigen, wie hier zu bessern sei. Aber freilich, die Beantwortung dieser Frage ist nicht so leicht, wie das Deklamieren und Resolvieren gegen „Rom"! Deshalb scheint man sich, nach den vorliegenden Berichten zu urteilen, auch in der Hauptsache mit einer Debatte darüber begnügt zu haben, ob bei Aufgebot und Trauung der Titel ,Jungfrau" noch anzuwenden fei oder nicht. Nachdem man diese wichtige Frage mit Ja beantwortet hatte, glaubte man alles Nötige zur Hebung der kirch­lichen und sittlichen Zustände getan zu haben und konnte ungetrost über die Schlechtigkeit und Gefährlichkeit „RornS" verhandeln.______

Ich bube diese Geschichte so auSsühklich erzählt, um einen Begriff zu geben, toeffen Geister meine Schwägerin ist. W e wirst Du aber staunen, freund­liche Beitritt, wenn Du jetzt erfährst, daß Carlotta, — e» find seitdem 14 Jahre verstrichen, — sich noch immer bei mir befindet l —

Nein, nicht in der nämlichen Wohnung, dagegen sträubte ich mich doch auS Leibeskräften, aber im gleichen Hause, wo fie die eine Treppe höher gelegene Etage in Miete hat. Anfang», in den erste» Monaten, «ach meiner Gattin Tode, hielt ich fie ja selbstver­ständlich für unentbehrlich. Die kleine Ulrike schwankte lange auf der schmale» Grenze, die da» Diesseits vom Jensetts scheidet, und ihr müde stickerodes Lebens« Männchen schien öfter einmal dem Erlösche» nahe. Und um der Wahrheit die Ehre z» gebe», muß ich bekennen: Carlotta war in jener Zeit fortgesetzter lÜerost und Sorge die treu« fie Pflegerin, die ich mir denk«» konnte. Wä.e da» Rinb ihr eigene» gewesen, so hätte fie nicht mit gröberer Hingab. zu jeder Stunde de» Tage» und der Nacht über demselben wachen Stuten. Die Gerne Ulrike schien ihr, tote man sagt, <mS Herz gewachten.

Diese aufopfernde Tätigkeit blieb nicht ohne Ein» stutz auf mich Meine Gefühle gegen die mit vordem sehr m>sympathische Dame milderten sich, and wenn ich allch ihren Hochmut und ihre Herrschsucht »ach wie vor verurteilte, so lernte ich doch mtt der Zett andere ihrer Charaktereigenschaften do» einem richtigeren Gestchttwinkel au» aulehe».

Die Wacht der Gewohnheit tat da» Uebrige, and ai» mich daher Carlotta eine» Tage» wieder««

Unpolitische Zeitlaufe.

® Berlin, 19. Mai 1904.

Hier wird heute die Festzeit eingeleitet durch einen hübschen Ringelreihen, den Donnerwetter, Sonnenschein, Hagelböen, Regengüsse und milde Mailüftche r in bunter Folge aufführen. Der Hagel ist ein ungebetener Eindringling; aber das übrige kommt uns ganz erwünscht, namentlich der Regen, nach dem alle drei Naturreiche sich gab sie chnr» ein Scheltwort, nun, dann flogen fie beinahe.

Gleichwohl kam bei un» nur wenig Dienstboten­wechsel vor. Zu meinem eigenen und der Framn meiner Kollegen unverhohlenem Erstaunen hielten die Mägde bei un» au». Ich glaube sogar, Christine, die sich anfang» am meiren vor meiner Schwägerin fürchtete, lebte heute noch in meiner Familie, wenn fie nicht vor einigen Jahren einem Schornsteinfeger an den häuslichen Herd gefolgt wäre.

Welche Mittel Carlotta außer ihrer unbestreitbaren Energie noch anwandte, um ihren Willen nach allen Richtungen hi» zur Geltung zu bringe», kann ich nicht verraten. Ich nahm die Tatsache al» eine solche hin und habe mir über die Ursache ni±t viel den Kopf zerbrochen. Mir genügte es, stets meine persönliche Unabhängigkeit von ihr zu wahren, und da» gelang auch vollkommen. Den» ich htett mich absolut fern von ihrem Geldsack und ließ mich trotz wiederholter offener und versteckter Anerbietungen niemals bewege», auch nur einen Pfennig von ihr anzunehmen. Lieber wollte ich ohne Rast, ohne Erholung mir die Finger blutig arbeite», um für mich und die Meinige» de» Lebensunterhalt zu verdiene», als dieser Frau pekuniär verpflichtet zu fein. —

Und derart hatte ich'» nun schon feit vierzehn Jahre» getrieben!--

III.

Damit stehe ich wieder am Beginn meiner Er­zählung.

Ehe ich weiterfahre, mutz ich aber eine Frage meiner lieben Leserinnen beantworten. Sie möchte» wisse», warum ich meine Schwägerin trotz der lang­jährige» und offenkundige» Verdienste, di« fie sich um meine Kinder und meine» Haushalt erwarb, und denen auch iS meine volle Anerkennung nicht versage» konnte, geistig toten Sch itt näher trat, sondern »ach vier­zehn Jahre» »och ebenso herzen-fremd gegenüberstand

erfolge unserer auswärtigen Politik und jedes beliebige andere in die Schube schieben, am Ende auch den Fanatismus und die Unduld­samkeit unserer protestantischen Prediger.

Als Mitte! zur Abwehr der „römischen Propa- ganda" empfiehlt Herr Wuttke eine Reihe von Dingen; so die „eingehende Behandlung der'Unterscheidungslehren im Jugend­unterrichte", mit andern Worten dieBelügung der Jugend über die katholische Kirche und ihre Lehre; ferner Massenverteilung von Trak­tätchen, worin natürlich nur gegen „Rom" ge­hetzt wird. Sodann dringliche Warnung vor Benutzung katholischer Kranken­häuser, Krankenpfleger und Kinderbe­wahranstalten. Ein Dr. meb., der vielleicht die Konkureuz katholischer Krankenhäuser zu fürchten hat, stimmte dem Herrn Pastor eifrig bei und beantragte, an alle protestantischen Aerzte die Bitte zu richten, bei Empfehlung von Krankenhäusern und Pflegepersonal nur dieProtestanten zu berücksichtigen. Die katholischenKrankenbäuser.barmherzigenSchwestrrn usw. haben keine Ursache, sich Über diesen Boy­kott aufzuregen. Er ist schon früher versucht worden und hat nicht gewirkt. Wenn die Pflege in katholischenKrankenhäusern und von katholischem Pflegepersonal nicht gut ist, werden kranke Pro­testanten sich ohnehin nicht an fie werden. Ist sie aber gut oder gar bester, als was auf pro­testantischer Seite geboten wird, so werden Syno- daldeschlüffe protestantische Kranke nicht von der Benutzung abhalten. Bis jetzt hat die katholische Krankenpflege sich noch immer eifriger Inanspruch­nahme seitens Andersgläubiger rühmen dürfen. Wollte eine katholisch kirchliche Versammlung in der Weise der Synode vor protestantischen Krankenhäusern und Diakoniffen warnen, so würde natürlich die Entrüstung über d ese Intoleranz keine Grenzen kennen bei Herrn Prediger Wuttke und der Synode Berlin III.

Und natürlich die Mischehen! DaS Thema kann ja auf keiner Berliner Synode übergangen werden. Bekanntlich werden in Berlin die aller­wenigsten Mischehen katholisch getraut und die meisten Kinder fallen dem Protestantismus zu. Tut nichts, auf allen Synoden wird gezetert über die unerträgliche „römische MischehenproxiS". Um der Propaganda entgegenzuwirken, empfiehlt deshalb auch Herr Wuttke „über die Mischehen besonders zu wachen und das gute Recht des evangelischen Teils energisch zu wahren". Zu dem Ende sollen die Mifchehelifien sorgfältig gesühnt, und die StandeSamtsreaister eingefehen werden, damit „seelsorgliche Pflege" ermöglicht werde. Also die Pastoren sollen sich fleißig »ach den Mischehe» erkundigen und dann die Braut­leute oder Eheleute aufsuchen, um sie zur pro­testantischen Trauung und Kindererziehung, wo­möglich auch den katholischen Teil zum Hebet« tritt zu bewegen. Das ist allerdings ihr „gutes Recht". Nur soll man den katholischen Geistlichen dasselbe Recht zugestehen. Aber wenn diese sich um katholische Trauung und Kindererziehung bemühen und den katholi­schen Teil der Kirche zu erhalten suchen, so schreit man über „römische MischeheproxiS".

mit einer vollendete» Tatsache überraschte, indem fie mir kundgab, fie habe ihren Wohnsitz von München nach M. verlegt und da» obere Stockwerk im Hause gerni tet, fügte ich mich stumm MS Unabänderliche. Was hätte mir dieser Frau gegenüber da» Wider­strebe» genützt? Sie war ihr eigene Herrin, konnte den Aufenthalt wählen wo es ihr beliebte, und ihr Reichtum sicherte ihr überall den besten Empfang.

Ich hätte nun allerdings die Miete kündigen und mir selbst eine andere Wohnung suchen können. Aber zu diesem Schritte vermochte ich mich aus doppeltem Grunde nicht zu entschließe», denn erstens wollte ich die Räume nicht verloffen, in denen meine Klara die Lider zum ewigen Schlummer geschloffen, dann ober widerstrebte mtt'S auch, die Kinder von meiner Schwägerin zu trennen. Merkwürdiger Weise hinge» büftlben nämlich mit e uer mir unbegreiflichen Zärt­lichkeit o» der unschöne« Tante, — der Knabe viel­leicht noch meßt als Ulrifc, die damals kaum »och lalle» konnte und nur die Aermchen nach ihr au»- streckte, so ost fie ihrer anfichttg wurde. Ich habe Carlotta stark im Verdacht, daß fie statt meiner das erste, süße Lächckn dieses teuren KindeS erhaschte!--

So zog ,fie dmn vor vierzehn Jahren, nicht zu mir, sonvern in die Etage oberhalb unserer Wohnung, und von dieser Zell au» beherrschte fie neben ihrem einsamen Haushalt auch den meinigen. Da» Alles hatte sich ohne viel Weitläufigkeiten vollzogen; wie in anderen Dingen schob fie mich einfach bei Seite, und ruhte nicht eher, bi» alle Fäden in ihrer Hand zusammenliefen.

Schließlich und nachdem ick einmal daran gewöhnt war, konme ich mir die Sache auch gefallen taffen. Die Kinder stecke» taget» tagau» bei iyr und störten mich so nicht in meinen beruflichen und schriftstelleri­sche» Arbeiten. Die Mägde aber dirigierte fie wieam Schnürchen; HinneÜe fie »ach ihnen, dann ließen fie jede andere Arbeit im Stiche und liefen; ruupUe fie die Stirn, beim eilten dieselben im Sturmschritt, und

schon sehnten. Die Menschen hierzulande, die Pfingsten von einer ataristifchen Reiselust befallen werden und zertweilig auf die Kulturstufe der normadisterenden Urahnen zurückkehren, machen sich alsbald die Wahrscheinlichkeits-Rechnung aus, daß an den Festtagen der H mmei um so heiterer sein werde, je kräftiger er sich vorher ausgetobt habe.

Pfingsten ist, von der weltlichen Seite be­trachtet, eine Art Laubhüttenfest. Die Leute, die in der großstädtisch?» Steinwüfie wohnen, halten eifrig an der alten Sitte fest, Pfingstmaien an den Türen, in den Wohnungen, an den Wagen rc. aufzupflanzen, um dadurch die liebliche Ein­bildung heroorzmufkn, daß fie iw Grünen Hausen. Die Pfingstmaien bilden ein Seitenstück zum Weihnachtsbaum. Obschon unsere Sehern weife immer unnatürlicher wird, gibt sich doch noch stets Sehnsucht nach der grünen Natur kund. Bei dem Wettbewerb mit dem Weihnachtsbaum find dte Pfingstmaien allerdings dadurch im Nachteil, daß sie so sehr schnell welk und unan­sehnlich werden, während die Cy-istbäume doch sogar im geheizte» Zimmer ihre acht Tage oder noch etwas mehr gut aushält.

Der städtische Nalurfinn findet eine nach­haltigere Erbauung in den Blumentöpfen, womit man die Veranden, die Erker ober auch die ein­fachen Fenster ziert. Es ist schön und gut, daß die Leute noch so viel Liebe zu den Blumen zeigen und daß sogar bä verbissenen Sozialdemo­kraten noch Behagen an der blühenden Natur gefunden wird.

Daraufhin möchte ich einen Vorschlag zur Entwicklung der Festschenkerei machen. Zum Christfest findet ein Riesenaustausch von allen möglichen Geschenken statt; zu Ostern wird es immer mehr Sitte, sich mit zierlichen Süßigkeiten unter dem Titel Ostereier zu beschenke». Zu Pfingsten sollte man sich mit Blumentöpfen, mtt lebendigen Haus- und Zimmerpflanzen Freude und Nutzen auf Gegenseitigkeit machen. Das Geld, das man in lebendigen Zierpflanzen für Lebende anlegt, ist jedenfalls besser verwendet, als die großen Summen, die bei Leichenbegäng- niffen für protzige Kränze ausgegeben werden. Die Gärtner und Blumenhändler brauchen mir nicht böse zu sein, wenn ich über die verblümte Eitelkeit an der Bahre eine abfällige Bemerkung mache; ich möchte ihnen ja dazu verhelfen, daß sie recht viel Geld von den Lebendigen nehmen können, indem ich das Schenken von Blumen lebhaft empfehle. Ist es zu Pfingsten noch nrcht allgemeine Mode, so gehört es doch schon zur guten Sitte bei Namens- und Geburtstagen und sonstigen ftohen Familienfesten. Ich meine, die Geber sollten stets darauf achtm, daß sie den Beschenkten eine möglichst dauerhafte Freude machen. Also nicht nach der Parole „billig und schlecht" beim Einkauf das erste beste Blümchen nehmen, mit dem man sich gerade notdürftig ab­finden kann, sondern lieber ein paar Groschen mehr anlegen, um eine recht hübsche und lebens­kräftige Pflanze zu erhalten, die gerade dem Geschmack, den Fähigkeiten und den Verhältniffen des Empfängers angepaßt ist. Ueberhaupt ist ja das der erste Leitsatz bet der Auswahl von tote am ersten Tage ihre» EuttreffevS in meinem ^“«nttooit: Weil ich je länger desto mehr zur Neber- zeugung kam, daß die hochmütige Frau mir meine Verehelichung mit einer atmen Stickerin niemals ver- geben wollte. Sie hatte eine eigene Manier, mich deshalb mit spitzigen Redensarten zu bombattieteu und bei jeder passenden und unv ssenden Gelegenheit einen Trumpf au»z»spirlen, dessen Sp'tze, wenn fie auch Dritten entging, loch mich bis tn die tiefste Seele verwundete. Daraus mußte ich schließe», daß Carlotta mein heißgeliebtes vergötterte» Weib, welche» fie z» seinen Lebzeiten so verachtet hatte, daß ihr eine persönliche Be'anntschast mit ihm zu gering dünkte, »och über das Grab hinaus mtt ihrem Haß v-rfolgte Darf e» da Wunder nehme», daß ich meinerseits Rache »ahm und aus der «bneiaung, die ich gegen Crrlotta fühtte, kein Hehl machte? ---

Ich war also entschlossen, in diesem Jahre tue begonnene» große» Ferien au meiner Erholung zu ver­wendete, und hatte den SaiätätSrat zu mit bitten lassen, um mtt seiner Beihilfe einen Plan aufzuyellen Bei dieser Unterredung war auch meine Schwägerin anwesend. m

„Nun, Doktor," sog'e ich, „in welche« Bad wollen Sie mich denn eigeMlich sch cke», da ich Ihnen endlich de» Wille» tue mb alle meine Arbeiten vier Wochen lang an de» Nagel hänge?"

„In ein Bad möchte» Sie reifen?" tief der Arzt mit komischem Erks tze»; „in ein Bad? War hätten wohl Sie in einem solchen yi suchen? Sie find kern­gesund mb leide» nut au ausgesprochener Neurasthenie, toa» übrigen» an und für sich schon ein höchst bedenk­licher Zvstrnd ist, da au, den ihn begleitender; Funttionstötunge» sich seht leicht eine wirkliche, schwere Krankheit entwickeln könnte. — Ja ei» Bad schicke ich Sie also nicht. Set«, mein Sieber, ich kenne Sie zu genau und weiß, wie Sie t» dort machen würden Sie säßen wieder halbe Tage lang am Schreibtisch,