MaerWZeitung
Msnaisbeilase: „Fuldaer Geschichtsblätter"
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wochenbeiiage: „Illustrierte Sonntagzzettung
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M 86-
8ulda. Samstag, den 16. April 1904.
31. Jahrgang.
wochen-Rundschau.
HI Fulda, 16. April 1904.
Ter deutsche Kaiser ist auf seiner Mittel- Neerfahrt am Montag in Malta angelangt und dann am Mittwoch nach Syrakus weitergefahren. In ausländischen Blättern waren wieder ungü?>Üige Nachrichten über doS Befinden der Kaisers ausgetaucht; diese Nachrichten sind aber von offiziöser Seite sofort auf dos entschiedenste für falsch erklärt worden. Das war eigentlich nickt nötig, denn jeder Einsichtige sagt sich schon selbst, baß der Kaiser, wenn er sich nickt sehr wohl fühle und zur Wiederherstellung seiner Gesundheit im Mittelme-re herum führe, alle die Strapazen, Empsänse, Besuche, Festmahle. Begrüßungen rc. nicht auf sich nehmen, sondern still und im völligsten Inkognito dre Stofe machen würde. — Der deutsche Kronprinz war in der vorigen Woche nach Kopenhagen gereist, um dem alten Sömge von Dänemark die Glückwünsche des Kaisers zum Geburtstage zu überbtingen. Er wurde am dänischen Hofe so Überaus freundlich ausgenommen, daß er den Aufevthalt länger cuk- Lehnte als ursprünglich beabsichiJt war.
Der Reichstag hat am Dienstag seine Beratung- « wieder ausgenommen und die zweite Brro- tu«fl des Etats fortgesetzt Beim Mat des Rrichr- kanzlers unternahm der nationalliberale Abgeordnete Sattler gleich am ersten Tage eine» heftigen Vorstoß gegen den Reichrkanzlrc wegen der Aushebung des § 2 des JrsliitengesetzeS. Unter eifriger Versicherung der natioualliberalrn Friedensliebe tlagte er über Mangel an Rücksicht auf bi; Gefühle der protestantischen Bevölkerung, Zugeständnisse an den Ultramonkanismus, Verletzung der Empfindungen der einzelnen 8'tndesstaa'en u. 's. w. Ter Reichskanzler bestritt ganz entschieden, daß er das SiaarrinLeriffe verleugnet, den Protestantismus geschädigt, Kuhhandel gehieben, die vertrauensvollen Beziehungen zwischen den Bundesstaaten erschütt-ri habe, und ersuchte den naiionalliberaten Redner ein« dringlich, doch einmal avzugrben, welche Zugestönd- mffe aus Kosten des Protestantismus er dem Uitra- mvntanisMUs gemacht habe und wie er denn eigentlich die Geschäfte des Reiches in verfassungsmäßiger Weise führen solle ohne Rücksicht auf die stärkste Partei. Am 2. und 3. Tage kam es wiederum zu einer Jesuitendebatte. Der Abgeordnete v. Kar- dorff von der Reichspartei sagte manch kräftig Wörtlein den protestantischen Fanatikern, die „lieber eine« Anarchisten als einen Jesuiten" in Kauf nehmen. Er erkannte en, daß der Artikel 2 des Jesuitnigefttzes für die deutschen Katholiken etwas sehr verletzendes haben müsse, und viele Pro restanten wüßten nicht einmal, was der Inhalt deS Artikels sei. Hierauf ging er aber mit Sattler sehr scharf in's Gericht; er nahm das Zentrum sehr kräftig in Sckutz gegen den Borwurf „ultramou-an" und betonte, daß dieses de«tsch-nvtio> 'iale Politik getrieben habe. Wohl selten ist daS Zentrum durch einen Freikonservativen so scharf gegen die Nationaürbiralen verteidigt morden, wie es Kar- do, ff getan h;t. NamenS des Zeutrnms gab dann Dr. Spahn eine geradezu meisterhafte Antwort auf die Angriff! Sattlers. Scharf kennzeichnete er, daß nur dir nationalliberale Presse die Jesuitevhetze getrieben habe, daß die ganze Erregung künstlich Herdorgerufen woroen sei. Tie Rechtsgiltigkeit der Aufhebung verteidigte er durchschlagend. Die Schreckrufe Sattlers konnte er damit zurückweifea, daß em Teil der Natior.alliberalen ja an der Seite des Zentrums stehe und somit euch schuldig fei an der angeblichen Gefahr für die protestantische Kirch-. Den nationalliberalen ~ Ei, fluß auf die Gestaltung der Gesetze hob Spahn sehr scharf hervor, rr konnte mit Rechr fragen: Wo die Zentrumsleute in den Ministerien fitzen? Die nationale Politik des Zentrums unterstrich er doppelt. Als seine inne,ste Ueberzeugung stellte er als Folge der Jesmtenhetze fest, das h-utzutage kein Katholik mehr außerhalb des ZrntramS sein könne! Wer das nicht einsehe, dem sei nicht zu helfen! Die NaLionalltveralen „ahmen diese Erklärung mit Unwillen auf, das Zentrum mit Beifall Am Schivsse betonte er, daß der konfissio« r.eüe Friede für uns eine dringende Notwendigkeit sei, aber bet Friede muu ruhen auf der Gerechtigkeit. Aeußerst lebhafter Beifall lohnte Dr. Spahn für seine prächtigen Ausführungen, die kein einziges verletzendes Wort gegen eine andere Konfession enthielten. Für die Konservaliven sprach Abgeordneter v. Heyde- brand, der fich völlig ableonend gegen die Aus« Hebung der Artikels 1 ins JesuitengefetzkS stellte; dann aber vsn seinen Glaudensgenoffen forderte, daß sie nun berühmt sein sollen.
Das preußische Abgeordnetenhaus bat am Dienstag ebenfalls feixe durch die Osterferien uit« terbrochen«, Sitzungen wieder ausgenommen. Es hat zunächst die Etatsberatung zu Ende zu führen. Gleich am DienStag gingen ihm die fünf wasserwirtschaftlichen Vorlagen zu. Ob sie noch alle in dieser Tagung erledigt werden, steht dahin. Es kommt hauptsächlich darauf an, ob man willens ist, sie an zunehmm. Bei drn vier Hochwasser Vorlagen steht dos ohne weiteres fest. Die Konservativen werden sogar auf möglichste Beschleunigung btängrn. Wie sie sich zu der Kanalvorlage stellen «erden, weiß man nicht. Die liberalen Kanalfreunde fürchten, sie
könnten diese int Stich lassen, sobald sie die andere» Vorlagen gesichert hätten. Die Regierung hat kein Mittel, sie zur Annahme der Kanalvorlage zu zwingen, denn sie kann nicht gut das Schicksal der anderen Vorlage von der Zustimmung zu dieser anhängig machen. Die Kanalvorlage wird aber auch außerhalb der konservativen Partei vielfach auf Widerspruch stoßen.
Wegen der Aushebung des § 2 des Jesuiten« gesetzeS tobt die orthodoxe und liberale Pastor:n- preffe des Evangelischen Bundes unablässig weiter. Der Fanatismus kann und will fich nicht darein finden, daß ein Busnahwegksetz gegen die katholische Kirche aufgehoben wird, für dessen Beibehaltung die protestantischen Kirchenbehörden, Synoden, Generalsynode. Oberkirchenrat, Deutscher Kirchenausschuß, ein» getreten,tinb. Entlüftet klagt man, daß die Regierung die Wünsche „Roms" erfülle und fich über die evangelische Kirche rücksichtslos hinwegsetze. Wieder die alte Einbildung der Fanatiker, daß die protestantischen Pastoren und Kirchenb chörden zu bestimmen hätten, welche Rechte und Freiheiten die katholische Kirche in Preußen und im Reiche zu beanspruchen haben. Wenn die katholischen Bischöfe ein Ausnahmegesetz gegen die Diakon-ffen oder die „Evangelisten" der inner» Mission fordern würden, würden die Entrüsteten mit Recht über unverschämte Anmaßung klagen.
Der Evangelische Bund will das Eisen schmieden, so lange es warm ist. Demnächst soll in der Pfalz eine Versammlung zur Gründung einer Anti-Zrn- trums-Liga abgehalten werden. „Hervorragende Gegner der Zentrumspolitik und der Bestrebungen des Ultramontcmismus" werden Vorträge gegen die „römische Kirche" und gegen die ZentrumSPartei halten. Um fich für die Liga volle Schimpf« und Verleumdungsfreihelt zu sichern, will man vor allem um Aushebung de» § 166 des Strafgesetzbuches peti- lior.ieren. Wir sehen der „Sammlung aller antiuitra- montanen Bürger" mit großer Gemütsruhe entgegen. Es ist sogar ganz gut, daß hier einmal ganz unöer- hüllt gesagt wird, was mit dem Kampfe gegen den „UltramontaniSmus" und das Zentrum gemeint ist, nämlich der Kampf gegen dis katholische Kirche.
Bus Lie Begegnung zwischen dem deutschen Kaiser und dem König von Italien, bei der die Festigkeit des Dreibundes so entschieden betont und mit sichtlicher G-fliffentlichkeit auch OHerreichs Erwähnung getan toinbe, ist am 9. ds. Mts. eine Begegnung der auswärtigen Minister Oesterreich-Ungarns und Italien?, des Grafen GoluchowSki und des Mi- nffters Tittoni in Abbazia gefolgt. Zu den Konferenzen der beiden Staatsmänner, denen auch der italienische Botschafter in Wien beiwohnte, wurden alle schwebenden politischen Frag n, die die beiden Staaten gemeinsam berühren, also vor allem die Balkansrage und die Treibereien italienis1 er Irredentisten gegen Orsterreich-Ungarn, vielleicht auch wirtschaftlichen Fragen, zur gründlichen Erörterung gekommen ftin. Wenn man über die Besprechungen auch nichts näherer erfahren hat, fo darf man doch sicher sein, daß sie zur Stärkung des Dreibundes und zur Besserung der Beziehungen zwischen Italien und Oesterreich nicht unerheblich beigetragen haben.
In Frankreich wird man sich damit abfinden müssen, daß es dem Präsidenten Loubet bei seinem bi vorstehenden Besuche in Rom nicht gelingen wird, Italien vom Dreibünde abzvziehen. Man kann sich aber trösten mit dem soeben in London unterzeichneten Kclonialabkommen mit England. Darnach erhält Frankreich vor allem in Marokko freie Hand und das Recht, über die Ruhe in Marrokko zu wachen und die Staatsverwaltung, die Finanzen und die Armee deS Landes zu reorgamfiren, oder vielmehr, der „marokkanischen Regierung den etwa erforderlichen Beistand dazu zu leisten." Die Handelsfreiheit in Marokko wird für 30 Jahre garantiert. Dafür hat Frankreich fich in Aegypten das gleiche ausbedungen, im übrigen läßt es England dort freie Hand, insbesondere auch in bezug auf die Finanzen. Weiter werden durch daS Abkommen bisher stritttge Fragen bezüglich Neuseelands, Siams, Westafrikas und Madagaskars beig-lcgt. Mit Spanien, das ja große Interessen in Marokko bat, gedenkt Frankreich sich noch besonders zu verständigen. Das Abkommen wird von der fr an» zösischen Presse al« ein Erfolg der Politik Delcaffür gefeiert, und das ist es auch. Rußland hat auch seinen Segen dazu gegeben.
In Spanien ist in dem durch seine Anarchisten bekannten Barzelona ein Attentat geschehen, das zeitlich mit der Anwesenheit deS jungen Königs in tiefer Stadt zusammenfiel und gegen den Mimstelpräfioenten. Maura gerichtet war. Maura wurde von einem jungen Manne überfallen und mit einem Messer nicht unerheblich verletzt. — Die Großmutter des Königs Alfons, Königin Isabella von Spanien, ist in Paris im Alter von 73 Jahren gestorben.
Die Türkei und Bulgarien haben sich endlich über die Regelung der Verhaliniffe auf dem Balkan verständigt. Hcffentlich nimmt das Bandenunwesen jetzt ein Ende.
Auf dem ost asiatischen Kriegsschauplätze haben die Japaner nunmehr olle Ortschaften in Nordwestkorea im Besitz. Die Raffen sind über den Jalm fluß zurückgezogen. An der Jalumundung bei Joe- nampho find japanische Dampfer erschienen, die dort u?ter dem Schutze der Kanonenboote Truppen landeten. Es ist am Jalu mehrfach zu kleinen, aber hitzigen Gefechten gekommen. Eine Abteilung russischer Jäger, die Widschu gegenüber über den Fluß setzte, hat nach russischen Angaben eine jrparische Patrouille von 58 Mann vernichtet. Auch fine -weite japanisch'- Abteilung wurde vernichtet. Za Wasser hÄbin die Russen abermals Unglück getobt. Das Panzerschiff »Petro- »awlowsk" ist vor Port Arthur untergeg^ngen. Nur
vier Offiziere, darunter der Großfürst Kyrill Wladimirowitsch und etwa 50 Mann, wurden gerettet; fast 700 Mann kamen um.
In Südwestaftika hat am 2. April wieder ein schweres Gefickt zwischen den Truppen unter Glasenapp und, den Hereros bei Okahari stattgefunden. Tie Herero« wurden zwar geschlagen, aber große Befriedigung kann dieser Sieg nickt gewähren. Ber- loten die deutschen Truppen doch 32 Tote und 16 Verwundete, während die HfteroS 92 Tote verloren. Am 9 April schlug Oberst Därr die Hauptmacht deS Feindes, etwa 3000 Mann, in achtstündigem Gefecht bei Onjangira. Die feindliche Stellung wurde durchbrochen, die Hereros gingen nach allcn Seiten zurück. Der Verlust der Deutschen betrug 4 Tote und 11 Verwundete. Der Verlust ist auffallend gerbg im Vergleich zu dem weit unbedeutenderen Gefechte, das Glasenapp hatte. ES scheint, als wenn im letzteren Falle wieder etwas im Uebereifet verfahren wurde.
Unpolitische Zeitkäufe, (Nachdruck verboten.)
K Berlin, 14. April 1904.
„Ach was", sagte mir kürzlich ein alter Herr, „Sie schreiben viel zu viel über die Jugend; schreiben Sie lieber über das Alter und seine Mühen, Beschwerden, Leiden und Aergerniffe. Wir Alten brauchen Trost."
Auf meine bescheidene Einwendung, daß ich auch den Herbst des Alters besungen hätte, wurde der alte Herr etwas nervös. „Mit der Porste des Alters können Sie mir gestohlen werden. Das Alter ist prosaisch, sehr prosaisch, verzweifelt prosaisch; aber was verstehen Sie davon. Sie find noch viel zu jung."
Ich hätte darob gern meine graue Locken geschüttelt, ober leider hatte mein Verschönerungs-Rat gerade die vierteljährliche Schafschur an mir vollzogen. So strich ich mir den Rest meines grauen Bartes und versicherte dem greifen Gönner in wohlgesetzten Worten meine respektvolle Teilnahme an den zweifellosen Lasten des Alters.
Ich hätte ihn auch fragen können, warum er mich zuerst auffordere, über das Alter zu schreiben, und bann hinterher meiner grauen Jugend jede Sachkenntnis abspreche. Aber warum ihn reizen? Ich will ihm und den anderen verehrlichen Lesern lieber eine kleine Probe von meinem Sachverstand vorsetzen. Wer es bester weiß, wird wenigstens etwas zum Nachdenken angeregt.
Ich glaube, es liegt sozusagen ein Schlüssel zu dem Problem in dem bekannten Rätsel: Alle wollen es werden und niemand will es fein — nämlich alt. Wir wünschen uns alle ein langes, langes Leben, und wollen also durchaus alt werden; aber wir möchten auch immer die Frische und Schönheit und Vollkraft der besten Jahre bewahren und von den Lasten und Leiden des Alters geschützt sein, haben also keine Lust alt zu sein. Das reimt sich aber nicht zusammen; wer alt werden will, muß auch den Mut haben, alt zu sein. Keine Rose ohne Dornen. Willst du die Rose des langen Lebens pflücken, so finde dich auch mit den Dornen des Greisenalters ab.
Ja, sagst du, das muß ich ja schon, denn wenn die Schwächen und Nöten des Alters kommen, so Hilst kein Sträuben, man muß sich beugen und dulden! — Sehr richtig. Aber ich drehe dem Ding eine andere Spitze. Das Unvermeidliche über fich ergehen lassen, das ist keine Kunst und keine Tugend; man soll viel« mehr zielbewußt und gutwillig sich mit dem Geschick abfinden und dem Unvermeidlichen die beste Seite abzugewinnen suchen. DaS heißt: Sträube dich nicht gegen die anrückenden Alterszeichen, beschwindele nicht dich selbst oder die Mitwelt, sondern sei mutig und klug genug, um dich rechtzeitig nach der Altersdecke zu strecken. Mit anderen Worten: Versuche jünger zu scheinen als du wirklich bist.
Da höre ich schon, wie eine Anzahl männlicher Leser sich pharffärisch räuspert in dem Gedanken: das geht auf die eitlen Weiber, die sich mit Schmuck und Kleiderputz jung machen wolle»! — Langsam, meine Herren, es wird in diesem Punkt hüben und drüben gekündigt. Gewiß, die Frauen kokettieren manchmal mit einer Fälschung ihrer Atterszahlen nach unten hin und der entsprechenden jugendlichen Auftakelung. Die Männer haben jedoch ebenfalls ihn Eitelkeit. Von ihren Lebensjahren Abzüge zu machen, dos fällt ihnen freilich selten ein; im Gegenteil, sie pflegen m istens gern zu verkünden, daß sie schon so und so viel Jahre auf dem Rücken haben. Das sieht sehr offen und ehrlich aus, und manch- r-ral rokö es sogar mit einer rührenden Klage über den flüchtigen Lauf der Zeit begleitet. Und doch steckt em eitler Kniff dahinter: die Zuhörer sollen Minlich auf eine solche Altersbeichte bewundernd ausrufen: Also schrn so alt; das sieht
man Ihnen aber gar nicht an. Stein, Sie find doch noch fo gesund, stark undfrisch, Sie können noch manchen beschämen, der zehn Jahre oder noch mehr nach Ihnen geboten wurde. Uns was solche Artigkeitsphrasen noch mehr sind! Der Zucker schmeckt süß.
Ueber dieses Eitelkeitsspiel braucht man nun nicht weiter zu reden, wenn nicht darin eine große Gefahr für den grauen Gecken und die bejahrte Kokette wurzelte. Die eitle Frau will nicht bejahrt erscheinen, staffiert und beträgt fich also jugendlicher, als ihr zukommt, und macht fich gerade durch diesen beschönigenden Schwindel häßlich und lächerlich. Der eingebildete Mann will sich als erhaben über den Einfluß der Jahre hinstellen, in Folge dessen mutet er sich mehr zu, als für seine Jahre vernünftig und zuträglich ist, und durch diese Ueberhebung schädigt er seine Gesundheit, fein Glück und die Dauer seines Lebens.
Nirgends ist die Lebensweisheit so gehaltvoll komprimiert, als in unseren alten volkstümlichen Sprichwörtern und Redensarten. So auch in dem bekannten und doch nicht genug beachteten Ratschlag, fich nach der Decke zu strecken. Die Lebensdecke hat die Eigenheit, daß fie immer kürzer wird. In der Jugend hat man noch ein großer Vorrat von Kraft und von Jahren; der junge Mensch kann sich unter der Lebensdecke so lange ausstrecken, wie er ist, die Füße bleiben doch bedeckt. Im mittleren Alter muß man schon etwas Maß halten; wenn man die Deck, zu hoch hinaufzieht, so werden die Füße bloS und kalt. Im Alter aber, da langt die Deckt nicht mehr zu. Wen» man trotzdem sich ü jugendlichem (Übermut recht lang strecken will der wird bald jämmerlich frieren. Wer aber st klug ist, sich nach Bedarf krumm zu machen, der liegt auch unter der kurzen Decke des Greifenalters noch recht warm.
Mach dich krumm! Das ist freilich keine erhebende Parole, aber gut ist es doch! Mit hübscheren Worten kann man dasselbe sagen: Passe dein Leben und Treiben dem fortschreitenden Alter an.
Zunächst in der Arbeit. Sollen aber die alteren Jahrgänge immer fauler werden? O nein; fortwährende Arbeit ist gerade das beste Mittel, um Körper und Geist möglichst lange jung zu erhalten. Nur muß man die Art der Arbeit möglichst den Jahren anzupaffen suchen. Es ist schlimm genug, wenn für viele altersschwache Leute der graufame Zwang vorliegt, noch immer so schwere Arbeiten ober fo langwierige Tätigkeit zu leisten, wie man sie kaum vollkräftigen Körpern zumuten sollte. Not kennt kein Gebot. Es gibt aber viele Leute, die sich wohl die Tätigkeit zweckmäßiger einrichten könnten, und es doch nicht tun. Sie könnten z. B. gewisse grobe und schweißtreibende Arbeiten auf die jüngeren Kräfte abschieben, und fich selbst dafür in weniger aufreibenden Dingen nützlich machen. Aber sie wollen nicht, fei es aus Eitelkeit, um nicht schon als alt zu erscheinen, fei es aus Eigensinn, weil fie glauben, die anderen könnten es doch nicht recht machen. Ferner wird ge- sündiat, indem man die Dauer der Arbeit und der Rahepaufen nicht den Altersbedürsniffen anpaßt. Der starke Körper bedarf nicht fo oft bei Erholung, als der altersschwache; je höher du Jahre, desto sorgfältiger muß man mit den vor handenen Kräften haushalten. Wer langsan geht, kommt auch zum Ziel; die Jugend mag hasten und rennen, der betagte Mann geht seinen bedächtigen, regelmäßigen Schritt. Wollte er sich auf einen Lauerlauf einlaffen, fo käme er überhaupt nicht an's Ziel.
Viel wichtiger ist aber noch das Krummmachen unter der Vergnügungsdecke. Der bejahrte Mensch ist nicht bloß ein Narr, sondern geradezu ein Selbstmörder, wenn er noch alles mitmachen will, was sich dieJugend zur vermeintlichen Versüßung des Daseins gestattet. Auch für die Jugend ist eine solide, mäßige Lebensweise Pflicht und Vorteil. Aber für das Alter ist sie erst recht geboten. Wer mit grauen Haaren noch über die Stränge schlagen will, macht sich nicht nur verächtlich, sondern auch unglücklich. Jede Unmäßigkeit und sonstige Ausschweifung ist bann doppelt schweres Gift für Leib und Seele. Der letzte Rest von Gesundheit und Kraft geht dann rasend schnell darauf, und das Ende ist oetbiitett durch Unzufriedenheit und Reue. Wer aber Selbstbeherrschung und vernünftige Entsagung übt, der kann noch auf eine längere Frist behaglicher Lebensfreude rechnen.
Das Älter muß vernichten lernen. Auch in dem Punkte, daß es den nachwachsenden Kräften freien Spielraum gönnt. Siele betagte Leute verderben sich den Alterssrieden durch den Eigensinn, mit dem fie an allen ihren früheren Obliegenheiten festhalten, um ja nicht dos „junge Volk" neben sich aufkommen zu lassen. Das gibt