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Druck nnb Verlag tzee Fuldaer Acttendrnckerti hi Zulda (harmoniti Fernsprecher Rr.t.

M 53.

$ulöa, Samstag, den 5. März 1904.

31. Jahrgang.

Wochen-Rundschau.

□ Fulda, 6. März 1904.

»Nur immer langsam voran!" so lautet die Parole nach der sich nn Reichstage die Stateberotung ob* wickelt. In dieser »voche war eS besonder« der Etat -er Jusiizv^rwallung. der Gelegenheit zu all n mög­lichen Debatten Anlaß gab. ES wurden u a.mehiere Resolutionen angenommen, so betreffend daS Heim- ffättengeietz, den Autrmobilverkehr, die Sicherstellung der Ford rannen der Baudanvweikrr, Beseitigung der Konkurrenz der Grfangemnarb-it, Selbstbeköstigung md Seibttbeschäittgung vonStrafzefange.-,enusw. En lebbasler To« fern in d-e Verhandlungen durch die Besvreckung de» Königsberger Gebeimdundproz,ffeS, welche ern ut von den Srz aldewokrate» veranlaßt wurde. SowoU der Reichrk,»r-zi.er wie der preußiscke M'ntflec des Innern und ber voußischc J.stizmimster griffen in die Debatte em. Neue Tatsachen wurden nicht vorgebracht. Die Bei Handlungen e gaben, daß eS der Sozialdemokratie vww eg nd um bie Spitation zu tun war und daß die Behauptungen, die sie von der Liebrdien-rei der deutschen Regierung gegenüber Rußland rulg-stellt Hatter-, nicht aufrecht zu erhalten waren. — Nachdem die Resolutionen erledigt waren, knipste fich an den Titel: „Gehalt d S SraatSselre- täro", wie alljährlich, eine allgemeine Debatte über die verschiedenst n Fragen unserer Rechtspflege. D-r Zentrumsabgcordoele Dr. Spahn schildert- bie Ueber» lafivng des Reichsgerichts U 'b deren Folgen und empfahl als Mitt-l dagegen wieder Erhöhung der Re vivonssumme ans 3000 Mark. Der Slaatssik etär teilte mir, baß eine Vorlage wegen Entlastung des Reichsgerichts in Bord reirwg se>. Mehrere Redner machten Vorschläge für die Revision des Strafgesetz' buch« und der Straiprozeßo-dnuvg; andere, nament­lich Sozialdemokraten und Polen, erhoben Beschwer­den wegen verschiedener Voikommnisie in der Rechts­pflege. Abg. Stadthagen leg e u. a. dar, daß das «eee preußische Anfi-dluuqsge etz ebtm Einbruch in die Reichrgesetzgebung und die Reicksveiftssimg be­deute.

Das preußisch: Abgeordnetenhaus beschäf­tigte fich in dieser Woche ebenfalls m.t dem Justir- etat. Dabei Würben, wie das so üblich ist, rahl-eiche Spezialwünsche vorgebracht, namentl ch hinsichtlich der Brss:rstellurg der Beamten. Auch die bekannten Vor­gänge beim Kwilecki Prozeß kamen zur Sprache. Hierbei bemerkte ver Just-zminister Schörstrd', daß der Staatsanwalt Müller wegen seiner bekannten Aeußerungen reit.fiziert worben sei. Der Mi ifier stellte einen Entwurf in Aussicht betr. bie Errichtung neuer Amtsgerichte. Beim Etat -er Bauverwaltung wiederholte btt Minister seine Erklärung aus der Budqetkommissien, daß die Regierung mit beit »rtiteL 54 der Rkichsversassung vei e nvar halte, auf Flüss-, bei denen bie Flußrmne künstlich verliest worden sei, Abgaben zur Verzinsung des aur die Regulierung ver­wendeten Kapitals und zur Deckung der Unttrbcl- fangskvsten zu erheben. Auf diesen Boden stellte fich auch die Mehrheit der Redner aus dem Hause, u. n. auch vom Zentrum der Abg.Herold. — xie Kanal­vorlage w ra nach einer Erklärung der Regierung erst nach Ostern kommen. — Als erster der neuen Handelsverträge ist dir zwischen Deutschland und Italien zum Abschluß g-fangt. Hoffentlich folgen nun die anter-n bald nach. In Oest-rrnch ft bet «ngenblick.ich eine Konferenz statt, die Vorschläge für die deutsche Regierung machen soll.

Der Kultusminister hat das auS dem Kultur­kämpfe herrührende Verbot der Marianischen Kongregationen an den höheren Lehranstalten, sowie einige ander- Frlk'sSen Erlasse aufgehoben. WoS er an die Stelle gesetzt hat, verdient auch Zen besseres Prädikat als „durchaus ungenügend". Das Verbot beS Zwangs ber Schüler zum Empfange der Eakeamen e und zur Teilnahme an Prozess on en bleibt; ebenso das Verbot mehr als zwei obligato­rische Schulwissen in der Woche einzusühren. Die Extscheivuns, ob religiöse Schulvereine gebildet werd-n dürfen, wird den Proviazialschulkollegien äbettragen. Die Genehmigung wird aber an so viele Klaus-ln und Bedingungen geknüpft, daß fie in dem will­kürlichen Belieben des Provinzialschulkoll giumS liegt und insbesondere bie Genehmigung Maricmischer Kongregationen davon abhängt, ob diese Behörd.» und der Direktor der Snsialt mehr oder weniger von Vorurteilen und Abneigung gegen die Katholiken be Mt find. Für bie Kongregationen wird überdies noch die, AuSuahmebedingung gestellt, baß fie von "?R ^^^torern ber Anstalt g-leitet werben tT i^le protestantischen Bibelkränzchen wird L^k^ nüht verlangt. Solange bei der obersten Schulvennalumg einiges Wohlwollen und Gerechiig- ^»E^hi gegenüber den Katholiken herrscht, ist fa l'! b en£n(l^atwex "W--S Lebensluf- gelassen ; sobald aber oer Wind umschlägt, werden fie wfader verschwinden müssen. Da? man doch die bjtnft bie Hetzer nnb Lügner beS Eoavgelischen «mtbes gewährte abergläubische Furcht vor allen katholischen B-ranstaltungen nicht zu überwinden vermag! Die Bünbler und ihre Freunde stellen natürlich die bescheidene!, Zugeständnisse der Ver­fügung wieder als eine schwächliche Nachgiebigkeit der Regiernng gegenüber dem lUtramontamSmuS

und als einen Triumph beS Zentrums bar. Wir können davon nichts v-tspüreu.

In Bayern ist bie Wshlrechtsresvrm ge- sche tert. Bei ber Gesamtabflimmung des Landtags- Wahlgesetzes in der Abgeordnetenkammer stimmten cm Montag 96 Abgeordnete für, 60 gegen das Besitz; damit war das Gesetz — da eine Zoeidririelwehr. h-it erforderlich ist, — gefallen. Dagegen stimmten die Liberalen und die freie Vereinigung. Die Lide raten haben die Reform bekanntlich deshalb Mim Scheitern gebracht, weil die Woh'emteilu g ihnen zu ge:echt und unparteiisch war und etwas mehr Wahl- tretegeemetetid zu ihrer Gunst wünschten WaS ihre Wähl-r dazu sagen werden, werden fie ja sehen. Das Zentrum steht dem Urteil des Landes mit voller Ruhe entgegen

In Frankreich begann am Montag die Be­ratung des G.sitzentwurs» wegin Aushebung des Unterrichts der 6en ireganii'en. Im „Block gährt und kocht es immer bedenllicher. Die bürgerlichen Radikale» zeigen immer weniger Lust, mit den Sozialisten uns für fie zu arbeiten. So wurde ein Gesetzentwurf, der den Sozialiren einige weitere Sitze ia ber Pariser Sladrvertritvng verschaffen toot.te, obwohl CombeS für ihn eingetreten war, zu drssen großen Schrecken abgelehnt.

Auf dem ostasiatischen Kriegsschau­plätze find Ereignisse von einschneidender Bedeu­tung in der verflossenen Woche nicht eingetreten. Die Meldung, daß Rußland vier japanische Panzer­schiffe zum Sinken g-bracht habe, hat fich als irrig erwiesen; e# handelt sich um sogenannte Brander, welche von Japan auSgeschickr waren, um von den Russen zw-cks Sperr mg des Hases» in den G und gebohrt zu werd'». Japan hat seinen Zweck aber nicht erreicht. Eine englische Nachricht von einer neuen am 29. Februar erlittenen schweren Niederlage der russischen Flotte vor Port Arthur scheint sich nicht zu bestätigen Mit der Landung von japa­nischen Truppen auf der Kwantumchatbmsil durste es somit n-ch gute Wege haben. Daß tie Japaner aber als nächstes Ziel in’» Auge gefaßt Haden, fich bitt f-fizusitz-n, kann keinem Zweifel unterliegen Für dies- Annahme sprechen vor allem zwei wichtige Maßnahmen, welche Japan angeordnet hat. Gemäß den Bestimmungen des japanisch-koreanischen lieber« einkommens bat der japanische Gesandte ia Söul der koreanischen Reoiervng mitgetelt, daß ber Bau einer militärischen Bahnlinie von Söul nech Wid-chu be­ginnen werde. Ingenieure und VermessungSseaMte haben Söul bereits verlassen Ferner wurde« die Regimenler der Garbedivifion und ber japanische Generalstab mit der Bestimmung nach der Westküste von Ko'ea eiligeschifft. Voraussichtlich vfid der Gener-lst ib in Tschemulpo landen. Bon hier aus also wird die große Aktion g gen Port Arthur ge­leitet werde».

Die japanischen Truppenbewegungen nach dem »ördlichea Korea begegnen erheblichen Schwierigke-'ev. Nach einet Meldung der Ageec- HavaS aus Söul leiden die jnpani'chen Truppen uni-t dem Tauwetter und den Schwierigkeiten der Verpflegung. Es sind bereits zabl eiche Falle von TypguS vorgekommen. Auch die russischen Märsche über den Baikalsee scheinen auf bedeutende Schwierigkeiten zu stoße«. Gegen­wärtig herrschen dort bei — 40 Grob Celsius Schnee- sturme, von deren Gewalt man in Europa keine Vor­stellung hat, der Weilerwarsch wurde dadurch tagelang unterbrochen. B rhex sind über 1000 Mann infolge ei fror euer Glieder kamp unfähig gemacht, Für solche außergewöhnlichen Verhältnisse nichen da­bei Ernährung und Bekleidung nicht aus. G-genwärtig gerade seien solche unvorhergesehenen Naturereignisse von bedenklich-» Folge». D.e plötzlich fich bildende» 100 Meter langen Risse bergen für den Trupper.- trantport große Gefahren. Es sei bereits vvrgekommen, daß ein ganzerWarentransPoit plötzlich verschwunden sei.

Zwischen Japan und Korea ist ein Bündnis­vertrag abgeschlossen worden, der Korea die Unab­hängigkeit und Integrität und Japm bie Mitarbeit an der inneren Reform Korea» zufichert ufiv Da Korea fich nicht wehren kann, muß t8 natürlich auf j'des «Bündnis* eingehen, das Japan ihm diktiert. D-e Kriegsmacht Japans wirb durch koreanische Truppen raum eite Verstärkung erfahren können. Chinesische Truppen in ber Stärke von 10000 Mann sollen in oer Nähe ber russischen Positionen, nur durch beit L au Fluß von ihnen getrennt, stehen. Man darf gespannt sein, was die Chineie» Vorhaben. Jtr der Haltung der neutralen Machte hat fich keine Aenderung vollzogen. In England wie in Frankreich ist die Regierung und ein einflußreicher Teil der Presse be­müht, die öffentliche Meinung vor einseitigen Partei- machetn zu bewahren nnb eine Trübung be« englisch- französisch-n Einvernehmens zu verhüten. Leicht ist das allerdings nicht immer. Es fehlt in bet Presse beider Länder auch nickt an de» alte» Treibereien, um die utizweiselbare Nruttiilität Deutschl.ndS zu ver­dächtigen. Die unsinnigste» Meldungen werden aur- gestreut. In Rußland wird man aber wohl besser Bescheid wissen. Merkwürdig ist bie Aufregung, die fick der kl inen Staate», wie Schieben und Norwegen, Dänemark, Spanien, Portugal bnräck'igt hat. Sie mache» Truppen und Ktiegssch ffe mob-f, um ihre Neutralität zu verteidigen, die n.emanb antastet. Be­sonders hastig „rfiftet" Spanien.

Ja Südweftafrika haben unsere Truppen ein Zusammentreffen mit zahlreichen Hereros gehabt, bei welchem bi se gescklageu - wurden. 500 Stück Großvieh und 2000 Sll ck Kleinvieh wurden erbeutet. Auf deutscher Selle wurde ein L-uttiant getötet. Schwer verwundet wurden drei Offiziere und zwei Gefreite, leicht verwundet ein Leutnant und zwei Gefreite.

In Kamerun hat ber Mißerfolg ber Pückletschen Expedition zu weitere» Ausschreitungen der Singe, boeeven gegen die Ni derlossunaen bet Gesellschaft „Nord- Wefi-Kamei un" geführt. Drei Angestellte ber Gesellschaft finb bei den Unruhen um» Seien ge­kommen, die Faktoreien wurden g» plündert und zer­stört. Die nach dem Tode des Stufen Pückler ent- sand e Straff tpebition ist inzwischen in der Gegend der Unruhen angetommen.

Unpolitische Seitläufe.

(Nachdruck verboten.)

L) Berlin, 3. März 1904.

In London soll die wunderschöne Mode auf, gekommen fein, daß die feinen Damen die Photo grophie ihres AuSerwählten auf dem Finger» nagel tragen. Natürlich auf dem Nagel des Ringstngers, der von alters her als der Ver­treter der Liede und Treue gilt.

Diese Mode erscheint nun außerordentlich pra'tisch, wenn ich fie mit der andern Unsitte vergleiche, von der vor einigen Jahren die Rede war. Da ließen fick nämlich Modedamen daS Bildnis oder den Nomenszug ihres Geliebten auf de» Arm oder sonst einen geeigneten Körper­teil — tätowieren. Die Umständlichkeit und Schmerzhaftigkeit des Tätowierens war selbst- veiftändlich Nebensache; denn der Mode bringt men ohne Wimperzucken jedes Opfer. Aber das Tätowieren ist einfach deshalb nicht in Schwung gekommen, weil das Zeug fich nicht aus löschen läßt. Dort zu Lande ist dar Entloben oder Scheiden beinahe ebenso häufig, wie das Verloben und Heiraten. Der flotte Wechsel bildet die Regel; deshalb war die unauslöschliche Hantmalerei (al freeco, d h. auf verwundeter Haut) durchaus nicht zeitgemäjj. Dagegen ist das Lichtbild auf dem Fingernagel geradezu dem Bedürfnis nach Abwechselung an- pepaßt. ES vergeht von selbst — bei dem Wachstum des Nagels. Auch die längsten Nägel müssen schließlich mal geschnitten werden; von der Stellung des Bildes hängt es ab, ob dem geliebten Wesen zuerst die Beine oder zu­erst der Kopf obgeschr.itten werden wird. ES bleibt nur die engere Wahl, wie früher beim Rädern; entweder von unten nach oben oder von oben nach unten. In drei oder vier Monaten ist alles verschwunden; das ist ffti ein modernes Verhältnis schon eine recht ansehn­liche Frist. Sollte die „ewige Liebe und Treue" richt ganz ein Vierteljahr dauern, so ist das auch nicht schlimm, wofern nur der Sicherheit halber der Kopf nach der Fingersptze zu gelegt ist. Dann schneidet man zur kritischen Trennnngs- fturbe einfach den 5. opf fort, und dem Rest kann dann niemand wehr ansehen, ob es der frühere Bräutigam Schultze oder der jetzige Bräu­tigam Müller sein soll.

Die schnelle Vergänglichkeit der Nagelphoto' grophie» hat a;ch ihren groß-n Vorteil für die Photographen, und diesen «Lichtmalern" kann man wirklich etwas Verdienst gönnen. Sie leiden nicht bloß unter der übermäßigen Ver- mehrunz ber photographischen Ateliers, sondern auch ganz besonders unter dem erdrückenden Wettbewerb der Warenhäuser. Kürzlich hörte ich von einer „höheren Tochter", daß die erste Klosse der Schute fich vor dem großen TrennungSseste zum Echlusse des Schuljahres auf einem Gruppenbild verewigen lasse. „Zu welchem Pbotographen seid ihr denn gegangen? ' — , Zu Wertheim" war die Antwort. (Wert­heim ist brkanntlicy das größte Warenhaus von Berlin.) „Warum denn zu Wertheim?" — „Ach, da wußten die meisten von uns schon recht gut Bescheid, und dann konnten wir auch gleich alle zusammen in den Erfrischungsraum gehen. DaS war furchtbar nett!" DaS Fräu­lein erzählte bann weiter, daß sie sich auch noch Zinzelbilder von ihrer werten Persönlichkeit habe machen lassen. „Wo denn?" — „Bei Jandorf, denn wir hatten noch von Weihnachten her einen Photographiebon von Janfiorf, der in drei Monaten ablief; den habe ich nun schnell auSgenutzt". (Jandorf ist ein anderes Waren­haus.)

Wovon soll da der selbständige Photograph noch leben, wenn ihm die großen Warenhäuser mit all' ihren Lockmitteln die Kunden abfangen?

Also ist wohl die Mahnung am Platze, daß die Leute, die sich abkonterfeien lassen, den be­rufenen Meister der Lichtbildkunst aufsuchen mögen, ttm den photographischen Mittelstand zu unterstützen. Wenn fie fich einem tüchtigen, er­probten Photographen anvertrauen, so werben sie besser fahre», alS bei der Massenabsertigung nach dem Motto: „billig und schlecht." Denn ein gutes Bild zu schaffe», ist eine Kunst, die nicht nur gelernt, sondern auch durch Erfahrung und liebevolle Sorgfakt gepflegt fein will.

Die Lichtbilder von Schauspielern sehen ge­wöhnlich viel schöner an«, als die Konterseis von gewöhnlichen Menschenkinbern. DaS erklärt fich auS der Gewandtheit des Schauspielers, im ent­scheidenden Augenblick die richtige Haltung und das vorteilhafteste Mienenspiel anzunebmen. Den anderen Leuten muß der gewissenhafte Photograph erst mühsam beibringen, wie sie ihre Gliedmaßen halten und welches G. ficht sie schneiden sollen, um einen charakteristischen und zugleich hübschen Eindruck zu machen. „Bitte, recht freundlich!" heißt die uralte Redewendung. Es ist schon schwer, die Kunden dahin zu bringen, daß fie ein nicht gar zu langweiliges, schläfriges ober gar verdrossenes Gesicht machen. Ader damit ist »och längst nicht alles geschehen. Der gewiffen- bufte Photograph muß auch auf alle Linien, alle Kle derfalten re. achten; er muß den künstlichen Geschmack eines Porträtmalers besitzen, er muß gleichsam ein lebendes Bild zu steilen wissen, das die Eigenart des Kunden in künstlerisch befrie diqender Weise wiebergiebt.

Darum ist zwischen Photographie und Photo­graphie ein himmelweiter Unterschied. Jeder kann ja leicht über dieses Kapitel Studien machen, wenn vr sich feine Sammlung von Photo­graphien mal mit kritischen äugen anfiehl oder die Aushängekasten der Photographen mustert. Gewöhnlich schiebt man, trenn ein Lichtbild recht ledern, dumm und langweilig aus sieht, die Schuld auf den Abgebildeten, indem man dessen Hoß- lichkstt oder Geistlofigkeü verantwortlich macht. Aber der tüchtige Photograph, der wirklich den Meistertitel verdient, weiß auch einen häßlichen Kopf und einen steifen Körper zu einem interes­santen, ästhetisch befriedigenden Bilde zu ver­werten. Nicht mit fälschender Retouche, sondern durch die Herbeiführung der geeignetesten Ste!« lang und des heften Mienenspiels. Prüfet all« Photographien und wählet den besten Lichtbild- kür?stier aus, auch wenn er etwas teuer sein sollte, als die weniger geschickten Wettbewerber. An der billigen und schlechten Dutzendware haben weder die Abgebildrten selbst noch die Beschenk­ten eine rechte Freude. Und hat man einen tüchtigen Photographen, so füge man fich auch vertrauensvoll dessen Anordnungen und Vor­schlägen, ohne eigensinnig auf die eigenen Ein bildungen oder unberufene Ratschläge zu bestehen. Die Selbstkenntnis ist bekanntlich schwer, sowohl in bezug auf das äußere, wie auf das innere. Der geschulte Fachmann weiß es sicherer zu be­urteilen, wie du dich auf dem Bilde am beste« ausnimmft.

Uebrigens muß ich bei diesem Kapitel sagen; „Tuet nach meinen Worten und nicht nach meinen Werken!" 'Ich gehe nämlich gar nicht gern zum Photographen; ob meine Bequemlichkeit zu groß oder mein schauspielerisches Talent zu schwach oder meine persönliche Eitelkeit zu klein ist, lasse ich dahingestellt. DieseIdiosynkrasie hindert mich aber nicht, den großen Wert guter Photographien zu erkennen und zu bekennen. So eine Samm­lung von Abbildungen lieber Verwandten und guter Freunde ist wie ein Ofen für das Gemüt: daran kann man sich in stillen Stunden innerlich wärmen, in Erinnerungen an die Vergangenheit schwelgen und Herzensfäden in der Gegenwart spinnen. Von besonderem Interesse find die Bilder ans der Jugendzeit, die das Wachsen und Werden des jungen Menschen in seinen charakte­ristischen Phasen verewigt haben. Die Familien- Chronik bekommt durch die Photographien ihre schönste Illustration.

„Verewigt" ist eigentlich ein etwas schweres Wort für die leichteWare desAugenblicks-BildeS Aber die Kunst ist ja jetzt so weit vorgeschritten, daß man auch schon wirklich dauerhafte Bilder zu mäßigem Preise haben kann, wenn man o« die rechte Schmiede geht.

Damit kommen wir wieder auf die alte Mah­nung, nicht der Parole «Billig und schlecht!- zu folgen, sondern lieber dos Geld für eine gerin­gere Anzahl wirklich guter Bilder zu verwenden.

TS gibt Leute, di? förmlich mit chren Konterfeis um sich weifen und ihren Bekannten­kreis immer wieder mit Photographien über­schwemme», als ob die Welt sich an diesem Näschen ober an dieser geistreichen Stirne gar mcht katt sehen könnte. Das ist Eitelkeit und Aufdringlichkeit, dir nicht erbaulich wirken. Darum halte ich es auch für geschmacklos, wenn sich Leute Postkarten mit chrem werten Bildnis verzieren kaffen. Wenn man Ansichtskarten ver­schicken will, so sucht man fich doch die schönsten Ansichten aus, die das Gefallen der Empfängers erregen sollen. Man muß nun schon ein rechter Geck sein, wenn «an voraussetzt, daß daS eigene Antlitz eine reizende Ansicht darftelle, die der Vervielfältigung auf Postkarten wert fei.

WaS ist nun von den KodakS und den sonstigen Apparaten zum „Stibfiphotogrophieren^ zn halten? Ein hübscher Spielzeug und such