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Druck und Verlag der Fuldaer Acttendruckerei in Fulda (Harmonie). Fernsprecher Nr. 9.
M 29.
31. Jahrgang.
Hulda, Samstag, den 6. Februar 1904.
Wachen-Rundschau.
□ Fulda, 6. Febr. 1904.
(Nachdruck verboten.)
Sm Reichstage steht noch immer die Sozialpolitik bei Beratung des ReichSamIs des Innern auf der Tagesordnung, und Wird sobald von derselben noch nicht verschwinden. Aus der ausgedehnter Dis« kussion der vorigen Woche verdient hervorgehoben zu werden, daß die Regierung bei den Einzel» egierungen Umfragen wegen Ausdehnung der Krankenversicherung auf Gesinde und Dienstboten veranstaltet hat und gleichzeitig die Regierungen ersucht hat, mitzutelen, was hierbei in der Richtung der Trrmbocn'schen Handwerkeranträge geschehen ist ..Die Beantwortung der Interpellation belr Bcrussvereme und die Arbeits- kaminern ist sehr dürftig ausgefallen. Bon Vereinsund Versammlungsrecht, sowie von der Sicherung des Koalirwnsrechts hat der Staatssekretär nichts gesagt, und bezüglich der beiden anderen Fragen hat er zwar erklärt, daß die Regierung .prinzipiell nicht abgeneigt" sei; aber über das Wie? und Wann? hat er bestimmtes nicht gesagt, sodaß es wohl noch sür eine längere Zeit bei den frommen Wünschen bleiben wird.
Bei der ReichStagsersatzwahl Ipt der N ationalliberale Wamhvsf mit geringer Mchrh-.it über de» Gegenkandidaten v. Bar gesiegt, der als Hospitant dem Zentrum b'igetrelen sein würde. Die Nationallibrralen halten daS Mandat zeitweilig auch schon früher gehabt.
Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte in erster Lesung einige kleinere Gesetze, darunter das Ausführungsgeietz zum Reichsviehseucheugesetze, und trat dann in die zweite Beratung deS Etats ein. Beim Etat der Domänenverwaltung wurde, wie in allen Jahre»,, dir Frage Hörte-1, ob die Ergebnisse der Domänenverpachtungen als Maßstab für die L-ge der Landwirtschaft angesehen werden könnm. Beim Forstetat tarnen die ungünstigen Anstellungsv rhält- nifle der Forstassessoren zur Sprache. Gegen den Widerspruch der Regierung wurre em Antrag angenommen, wonach für die nächsten fünfzehn Jahre den Forstass-ssoren eine die Dauer von sechs Jahren übersteigende diätarische Beschäftigung auf die Dienstzeit ungerechnet werden soll. Beim Etat der landwirt« schäft ichen Ve-walturg wurde e!n Antrag des Ab'.e- oronete» Herold angenommen, daß die Pol-z-iverord nungen, welche die Fleischbeschau und Trichinenschau auch auf Hausschlachturgen ausdehnen, nur dort aufrecht erhalten werden sollen, wo ein dringendes Bedürfnis dafür »achgewiesen ist, und daß die Gebühren für Fleischbeschau und Trichinenschau wesentlich herabgesetzt werden feilen. Der Landwirt« schaftsminister war dem Anträge indrß wenig geneigt.
In dec bayerischen Abgeordnetenkammer hat die dumme „SimplizisiimuS" Geschichte nun auch noch zu einer Präsidenkr.sis geführt. Ter sozialdemokratische Abz. Segitz wollte bei der Beratung deS Justizetats den inkrimin erten Artikel des Schmutzblattes vorlesen. Vom Zentrum wurde dagegen Einspruch erhoben, während der liberale Vizepräsident v. Lttstner, der gerade den Vorsitz führte, die Vorlesung gestatten wollte, nachdem er anfangs selbst Bedenken gehabt hatte. Inzwischen übernahm der Präsident Dc. v. öderer wieder den Vorsitz und erklär e die Vorlesung für unzulässig Segitz appellierte an das Haus, das zunächst nicht beschlußfähig war, am nächsten Tage aber gegen ihn entschied, indem die Zentrumsmehrheit gegen die übrigen Parteien die Vorlesung ablehnte. Wieder einen Tag später richten derVizepräfident v. Leistner anDr. ü. öderer ein Schreiben, worin er die N-ederlegung seines Amtes anzrigte, weil er in der Art, wie der Präsident ihm die Leitung der Geschäfte abgenvmmrn und leine Ansicht zur Geltung gebracht habe, eine Herabwürdigung vor dem Hause und dem ganzen Lande erblicke. Bei der Neuwahl des Vizepräsidenten wählte das Zerurum zunächst den Liberalen v. Landmann und da dieser adlehnte, das Zentrumsmitglied Fuchs. An Stelle der liberalen Schrist- führHs, der ebenfalls fein Amt niedngelegt hatte, wurde gleichfalls ein ZentrumSmitglied gewählt. Die liberale Presse macht ungeheueren Lärm über die Gewalttätigkeit u. f. w. des Zentrums. In Wahrheit handelt eS sich um nichts als um einen partei- polnischen Schachzug der Liberalen, die Stimmung gegen das Zentrum machen und auch die Sozialdemokraten von ihm abziehen wollen, damit die Wahlreform verhindert to-rbe. Sie find selbst zumeist der Ansicht, daß die Vorlesung einer beschlagnahmten Artikels unstatthaft war; aber hinterher fiel ihnen ein, daß sich mit einer PiSfidenten- Irifte vielleicht Geschäfte machen ließen. Zu ergiebig »erben 6u|e Geschäfte kaum aussallen. ES ist überhaupt schon ein trauriges Zeichen für eine Partei, wen» sie zu solchen kindischen Mitteln greifen zu müssen glaubt.
Ans Südwestafrika lauten die Meldungen vorläufig noch zweifelhaft. I, AuSsallgefechten bei dem belagerten Ökahandja ist eine Anzahl Deutsche gefallen. Ein schwaches Entsetzungrkorpz von Windhuk 6er wurde zurückgeworfen. Telegraphenleitungen und Eisenbahnbrückrn nach Windhuk toutben zerstört. Ömaru- n würbe am 27. Januar mit großer Macht angegriffen, der Angriff wurde abgeschlagen. Ötjim-
bingwe war auch belagert, der Feind ist jedoch von dort wieder abgezogen. Der ganze etwa 120 Kilometer breite Landstrich von Lime Karibib—Wilh-lmS- frfte östlich diS zur Linie Ökahandja—Wmdhuk ist rffenfichtlich von den Hereros beherrscht. DieBondel- ,wads-Hottentotten am Örar je haben sich am 28. Januar ergeben. Gouverneur Lmtwein hat sich in Pod Nolloth auf einem Wörmanndampfer eingesch.fft und trifft Freitag in Swakopmund ein. In den letzten Tagen sind Nachrichten eingettrffen, daß die Aufständ-spen zurück veichen und es ist zu hoffen, daß der Aufstand baldigst unterdrückt sein wird.
In Öesterreich-Ungarn ist Gros Tisza mit der öbstruktion noch immer nicht fertig geworden. Er hat ihr nun mit schärferen Maßnahmen gedroht, wozu er die Ermächtigung der Krone habe. Eiast- toeilen ist jedoch das Aogeordneienhaus vedagt worden bis Ende Februar, wenn die Delegationen ihre Arbeit erledigt baden.
In Frankreich müssen es natürlich die Katholiken wieder büßen, daß die Nationalisten mit der Ausweisung des Herrn Delsor der Regierung haben Verlegenheiten bereiten wollen. Der Kampf gegen die Kongregationen wird mit verdoppeltem Eifer fortgesetzt. Nunmehr hat auch der Erzbischof von Lyon in einem Schieben an den Präsidenten Soul-et gegen die Abschaffung des Kougregauisten-Unterrichts pro- testiert.
In Östasien gestaltet sich die Lage, soweit man sehen kann, fortgesetzt friedlicher, wenn auch die Rüstungen nach den Alarmnachrichten roch andauern. Die russische Antwod auf die letzte japanisch- Note ist noch nicht erfolgt.
Unpolitische Zeitlaufs.
(Nachdruck verboten.)
D Berlin, 4. Febr. 1904.
Jetzt ist die Hochflut der Vergnügungen. Der sog. Vergnügungen; denn viele sind langweilig und viele find eine Last und Qual. Das wahre Vergnügen hinterläßt keinen Katzenjammer; in dieser angeblich so vergnüglichen Saison wird eben der Katzenjammer zu einer Epidemie. Man kann alle Sorten von Katzenjammer studieren: Den körperlichen und moralischen und den wiltschastlichen. Es ist nichts so schwer zu ertragen, als eine Reihe von sogenannten Vergnügungstagen.
Wenn der Becher der Lust bis aus die Neige ausgekostet ist, so stöhnen sie alle über den bitteren Nachgeschmack und seufzen mit dem weisen Salomon: Alles ist eitel! Dieser Ansatz von Weisheit hält aber nicht lange an. Bei der nächsten Gelegenheit geht's wieder in den Strudel hinein. Den Vergnügungsjägern geht's wie den Spielern in Monte Carlo. Wenn sie heute ausgebeutelt sind, so eifern sie morgen früh schon wieder neues Geld los, um das Glück von neuem zu versuchen. Bis der letzte Groschen verspielt, bis die letzte Kraft veramüstert ist!
Ist das eine moderne Krankheit? Ach, ich glaube nicht an die vielgepriesene „gute alte Zeit". Die Menschheit hat immer ihre Dummheiten und Sünden begangen, sie hat immer ihr Vergnügen auf falschen und gefährlichen Wegen gesucht, "der Katzenjammer ist immer aus Erden erfolgreich gezüchtet worden. Aber einen Vorzug mag die gute alte Zeit wohl gehabt haben; vielleicht ist es bei ihren Vergnügungen doch etwas gemütlicher gewesen, als bei den heutigen Festlichkeiten. Die Leute waren noch kindlicher und frischer, während heutzutage immer mehr Steifheit, Protzigkeit und Blasiertheit sich geltend machen.
Der hohe Ruhm der deutschen Gemütlichkeit ist glücklicherweise schon seit Jahrhunderten begründet. Jetzt im Zeitalter der fürchterlich hohen und steifen Kragen würde er sich schwer entwickeln können. Gibt es denn überhaupt noch eine deutsche Gemütlichkeit? Und noch ernster ist die Frage, ob die vorhandenen Reste noch nach 30 oder 40 Jahren bestehen werden. Denn ein verzweifelt schlimmes Zeichen ist es, daß die Jugend immer ungemütlicher wird. Da haben wir frühreife Stutzer (beider Geschlechter) auf der einen Seite und frühreife Umsturzhelden aus der anderen Seite. Wo soll da die Gemütlichkeit bleiben?
Gewiß, es gehl in der ganzen Welt ungemütlich zu. Aber wir Deutsche haben doch mal den Ruf, daß die Gemütlichkeit wie ein Gericht sei, das in der deutschen Küche am besten gekocht werde. Darum ist es sozusagen eine nationale Ehrenpflicht, daß wir im Punlte der Gemütlichkeit nach dem rechten sehen.
Tatsächlich haben die fremden Völker in ihren Sprachen, mögen sie auch sonst recht reich sein, nicht das rechte Wort, um in einem Atemzuge das auszudrücken, was wir mit Gemütlichkeit bezeichnen. ES wäre aber falsch, wenn wir daraus folgern wollten, daß alle Deutschen durch die Bank gemütlich und alle Ausländer durch die Bank ungemütlich seien. Nein, eS gibt bei uns
verzweifelt viel Ungemütlichkeit und bei den anderen Nationen recht viel Behaglichkeit in ihrer Art.
Die Eigenheit der deutschen Gemütlichkeit läßt sich am besten durch Vergleiche erkennen. Der Italiener kann sehe lustig sein; aber es gibt dabei nach unserem Geschmacks zu viel Lärm und Aufregung, wir brauchen mehr Ruhe, um uns ganz behaglich zu fühlen. Der Franzose gilt als der maitre de plaisir (Meister und Lehrer der VergnügungSkurst) für die ganze feine Welt; aber uns kommen die Franzosen zu affektiert vor, sie wollen zu geistreich sein und treiben zu viel Schauspielerei; unser Ideal der Gemütlichkeit ist eine still zufriedene Natürlichkeit. An dem Engländer mißfällt uns die protzige Steifheit; wir sind für eine gewisse bescheidene Ungezwungenheit. Der Nordamerikaner geht im ewigen geldhungrigen Geschäftseifer auf: ihm fehlt die Gemütsruhe, die gelassene Feierabend-Stimmung, die wir für eine Grundlage unserer Gemütlichkeit halten.
Daraus sieht man schon, daß in der deutschen Gemütlichkeit ein Stück von dem alten „deutschen Michel" steckt, den man früher spöttisch als Abbild der Schwäche und Rückständigkeit Deutschlands hinstel'te. Im Krei e der Völker stehen wir aber jetzt nicht mehr als der phlegmatische, träge, ungeschickte und zaghafte Michel da, und es ist gewiß gut, wenn wir diese Schattenseiten des deutschm Wesens, die sogen, erbliche Belastung der Nation, zu beseitigen suchen. Aber die hergebrachte Eigenart hat auch ihre guten und schönen Seiten, und die sollten wir nicht preisaeben. Man kann tatkräftig sein und doch die Ruhe bewahren; man kann selbstbewußt sein und doch die Eitelkeit und Aufspielerei von sich fernhalten; man kann die gute Lebensart bewahren, ohne steif und pedantisch zu werden; man kann fleißig und strebsam sein, ohne sich eine behagliche Ruhestunde nach getaner Arbeit zu versagen.
Die deutsche Gemütlichkest steht auf zwei Beinen: Zufriedenheit und Bescheidenheit. Wer gemütlich fein will, muß sich an den Spruch halten: Genieße froh, was dir beschirden usw. Aus Galle kann man keinen Honig machen; der Unzufriedene hat kein Behagen in sich und kann 'deshalb auch kein Behagen um sich verbreiten. Wer sich nicht bescheiden fügt in die Stellung, die seinem Alter, seiner Bildung und seinen Fähigkeiten zukommt, der bildet ein störendes, ärgerliches Element in der Gesellschaft und vertreibt die Gemütlichkeit. Denn letztere kann nur dann aufkommen, wo die Leute sich ineinander schicken, wo der Einzelne nicht eine Extrawurst der Eitelkeit oder des Vorteils für sich verlangt, sondern an dem allgemeinen Wohlbefinden sich gebend und nehmend ehrlich betätigen will. Die Gemütlichkeit beruht auf Gegenseitigkeit; die Selbstsucht ist Gift für sie, die Nächstenliebe ist ihre Pfleg- und Nährmutter.
Daraus erklärt sich auch sofort, warum auf den meisten Festlichkelten, den „großen" und „feinen" Vergnügungen, so wenig Behagen und wahre Freude herrscht. Da pflegt jeder seinen ganzen Egoismus mitzubringen; er will bewundert oder amüsiert werden, aber er will sich nicht herablassen, das ©einige zu dem Vergnügungspicknick beizukragen. Anspruchsvoll und blasiert sitzen oder stehen die Herrschaften herum, nörgeln und schelten laut und leise, langweilen und ärgern sich und die anderen. Sie treiben Luxus, um aufzufallen, und suchen sich über ihren Stand und ihre Mittel hinaus aufzuspielen, um andere zu übertrumpfen; sie haben dabei Aerger und Enttäuschungen, die bann durch Umnäßigkett ausgeglichen werden sollen. So wird die Ungemütlichkeit immer größer, der nachfolgende Katzenjammer immer schlimmer.
Wie schön und süß ist dagegen das Vergnügen, wenn in einem Kreise von gleichgesinnten Leuten alle für eine und einer für alle eine behagliche Stimmung und angenehme Unterhaltung zu schaffen suchen! Und diese Art von Vergnügungen sind nicht bloß reiner, angenehmer und gesunder, sondern auch billiger und bequemter. Wer klug ist, der macht sich zur Regel, nur dahin zu qeqen, wo e8 gemütlich ist. Wo man ohne Selbstverspottung singen kann: Wir fitzen so fröhlich beisammen und haben einander so lieb! — Dieses Lied muß auch auf das Carneoals- treiben paffen; sonst ist es nichts wert. —
„Die Welt wird immer ungemütlicher; der Kampf um's Dasein wird immer heißer". So hört man oft klagen. Nun, was den Kampf um's Dasein angeht, so haben unsere Vorfahren auch ihre schwere Mühe und ihre bittere Sorgen gehabt. Wenn es ihnen trotzdem leichter fiel, als uns, so lag das wohl daran, daß sie einerseits nicht so anspruchsvoll waren, wie wir, und andererseits festere Nerven hatten. Unser Zeitalter ist leider nervös und scheint immer
nervöser zu werden. Die Nervenschwäche hindert uns, die schweren Gedanken und die drückenden Sorgen in den Mußestunden abzuschütteln; wir laffen uns zu leicht den Feierabend vergällen und die Nachtruhe flöten. Sollen die lästigen Nerven beschwichtigt werden, so greift man zu Betäubungsmitteln. Man will was aufregen- des sehen oder hören oder genießen, und durch diese Aufregungen werden die Nerven noch krankhafter. Die Jugend wird ungemütlich, weil ihre Nerven zu früh und zu stark erregt werden. Darum lautet die Nutzanwendung: Hüte deine Kinder vor Frühreife; und wahre dir selbst die gesunden Nerven durch einen regelmäßigen, ausgiebigen Schlaf! Ja, das Äus sch lasen ist eine Grundlage der Gemütlichkeit.
Eine weitere Gefahr für die Gemütlichkeit ist der Kastengeist, der sich heutzutage so arg wieder breit macht, und zugleich sein Gegenstück, nämlich das eitle Bestreben, über seinen Stand und seine Mittel hinaus sich zu erheben und sich als etwas höheres aufzuspielen. In einer Zeit, wo das Dienstmädchen Sonntags das gnädige Fräulein ausstechen und der Lehrjunge den kleinen Baron darstellen will, muß es wohl ungemütlich werden.
In ihrer Wurzel würde die deutsche Gemütlichkeit vergiftet und verdorben, wenn die sog. Frauenbewegung es fertig brächte, unsere deutschen Frauen zu Mannweibern zu machen, oder wenn der Zukunftsstaat die Kinder ihren Eltern fortnähme, um sie in staatlichen Kinderkasernen heranzuziehen. Denn die unversiegliche Quelle der Gemütlichkeit ist die Familie; die Priesterin der Gemütlichkeit ist die echte christliche und deutsche Frau, die voll und ganz Hausfrau und Mutter ist; der Jungbrunnen der Gemütlichkeit ist die Kinderstube mit ihren heiligen Sorgen und süßen Freuden. Und in einer Gesellschaft ist es um so gemütlicher, je mehr sie den Familien» charakter an sich und den Familiengeist in sich hat.
Römischer Vochenbries.
[**] Rom, 2. Febr. 1304.
Am Sonntag nachmittag war der Vatikan voller Menschen: Papst Pius X. segnete die römischen Wohltätigkeisanstalten, Schulen und Vereine, welche von der großen Gesellschaft für die katholischen Interessen abhängig sind. Der Empfang sand im sogenannten Lapidasmuseum des Vatikans statt, woselbst ein Thron für den hl. Vater errichtet worden war. Der Generalprästdent der Gesellschaft, Fürst Rospigliosi, hielt im Namen Aller eine Ansprache an den hl. Vater, welcher dieselbe in längerer Rede beantwortete. Vor dem Empfange hatte der Direktor der Sixtinischen Kapelle, Don Lorenzo Perofi, die Ehre gehabt, dem hl. Vater unseren Landsmann, den Maler Prof. Gustav Roland vorzustellen, welcher Sr. Heiligkeit über das ihm übertragene Oelgemälde des heiligen Gregors des Großen Vortrag hielt. Dieser Privataudienz wohnte noch der bekannte Archäologe und gregorianische Forscher Don Ambrosius Amelli, Prior des Benediktinerkloster Monte- cassino, bei.
Der Geburtstag des deutschen Kaisers wurdo auch in diesem Jahre in der üblichen Weise in Rom gefeiert. Am Mittage veranstaltete der preußische Gesandte beim apostolischen Stuhl ein Festessen für die hier wohnenden deutschen Prälaten, Rektoren, Geistlichen, für d'e Verwaltungsräte der Nationalinstitnle und andere hervorragende katholische Persönlichkeiten, und am Abend war großer Empfang auf der kaiserlichen Botschaft. Da gleichzeitig beim Königspaar ein großer Ball stattfand, war der deutsche Empfang nicht so zahlreich besucht, als bei früheren Gelegenheiten. Auch fiel diesmal eigentümlicherweise die sonst übliche Musik fort.
Die Frage der vom hl. Vater angeordneten Reform der Kirchenmusik will noch immer nicht zur Ruhe kommen: offenbar ist ein großer Teil der dabei zunächst Jnteresfierten noch ganz und gar im Unklaren. So wird z. B. von verschiedenen Seiten erwartet, der hl. Vater werde demnächst eine „authentische" Choralausgabe an- fertigen laffen und diese solle dann allen Kirche« zum Vorbilde dienen. Man will das aus dem bekannten Dekrete der Ritenkongregation vom 8. Januar d. I. herauSgelesen haben. Das ist ein großer Irrtum. Papst Pius X. hat, wie wir auf das Allerbestimmteste versichern können, niemals die Absicht gehabt, weder eine neue „authentische" Ausgabe Herstellen zu laffen, noch eine andere Ausgabe als „authentisch" zu erklären. Eine jede Choralausgabe ist eben gut, sobald sie den Vorschriften des hl. Vaters entspricht, d. h. den gregorianischen traditionellen Gesang enthält. Nur das kann ausgesprochen werden, dvß nämlich die bekannte Ausgabe