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31. Jahrgang

Snlöa, Freitag, den 29. Januar 1904.

Schippel hat am Schluß der heutigen Reichs« tagssitzung allerdwas erklärt, der Bericht des .Vorwärts' über seinen Vorrrag sei verzerrt; er lehne jede Verantwortung dafür ab. Allein so vollständig hat der .Vorwärts' seine Aus­führung doch wohl nickt auf den Kopf gestellt, daß seine Ansicht nicht im wesentlichen zutreffend wiedergegeben wäre. Hat doch Schippel sich schon in ähnlichen GedankengLngen bewegt, die im großen und ganzen das Richtige treffen.

** Die,Vofs. Z'g.' bedarrt bei ihrer Nach­richt. der Direktor der Kolonialabietlnrg Dr. Trübe! habe sein Abschiedsgesuch ei "gereicht. „Die Nachricht ist, schleckt die ,Nordd. Allz. Ztg.', trotzdem mit allem Beiwerk unbegründet." Zn dem „Beiwerk" gebärt wohl die Bemerkung der,Voff. Ztg/, sie habe selbst ausdrücklich ge­sagt, daß Herr Dr. Stübel nicht s fort zurück- zutreten, sondern erst «och den Kolonialct.rt vor oem Reichstag zu vertreten gedenkt — in ei» paar Wochen wird sich's ja zeigen. Das ,Berl. Tagebl.' hat schon einen Nachfolger für ihn in der Person des jetzigen Gouverneurs der Samoa« Inseln Dr. Sols.

* Die Kiantschau - Denkschrift. Dem Reichtage ist eine neue Denkschrift, betreffend die Enlwickilung des Kiaulschau-Ge'-releS, zuge« gangen. Sie umfaßt die Zeit vom Oktober 1902 bis Oktober 1903, inbifftn sind auch die nachträglichen wichtigeren Ereiqniffe, insbesondere die Fortschritte im Effenbahnbau, bis zum Ende des Jahres 1903 bereits berücksichtigt, fo daß die Denkschrift ein anschauliches Bild von bete Verhältnissen in unserer ostastalischen Kolonie bietet. Der Denkschrift pno auch in diesem Jahre wieder eine Anzahl von Lichtbildern bei» gefügt, die einen Einblick in die rasche bauliche Entwickelung des jungen deutschen Hasenplatzes gewähren. Eino Karte von Tsingtau und seiner Umgebung schließt bie Denkschrift ab. Der Ge- samteindruck, den der Bericht hrrvorruft, ist der eines erfreulichen Fortschritts der Kolonie. Alle Anzeichen, bie' aus dem bisherigen Gange d« Entwicklung entnommen werden können, berech­tigen zu den besten Hoffnungen auf eine große wirtschaftliche Zukunft der Kolonie.

* Für Tüdwestafrik-r. Das Präsidium und der Ausschuß der Deutschen Kolonial­gesellschaft erläßt einen Aufruf an die Ab­teilungen und die Mitglieder der Deutschen Ko­lonialgesellschaft zur Hilfeleistung für die in Südwestafrika bedrängten Volksgenoffen. Zu­gleich wird mitgeteilt, daß in dem in Swakop- mund bestehenden Zweigverein der Deutsche« Kolonialgesellschaft ein Hilfskomitee gebildet wurde, dem als erste Rate bereits 10000 Mark überwiesen wurden.

§ Verschiedene Blätter halten sich darüber auf, daß der Abg. Dr. Bachem bei der Elats- beratung im Abgeordmtenhause erklärt hat, an die Einführung des Reichstagswahlrechts in Preußen denke niemand; eS sei auch nicht daS idealste und gebe zu Mißbräuchen Anlaß. Die «Freis. Ztg.' spricht wiederholt davon, daß daS Zentrum seine Meinung geändert habe, da es bisher für die Uebertragung des ReichS- tagSwahlrechts auf Preußen gewesen sei. Tas Blutt wird schon reckt weit zurückgreifen müffen, wenn es Aeußerungen aus dem Zentrum zu gunsten dieser Uebertragung sinden will Von einer neuerlichen Schwenkung des Zentrums kann schon deshalb nicht die Rede sein, weil eS sich seit langen Jahren darüber klar ist, daß die Er­setzung des Dreiklassensystems durch baS Reichs­tags Wahlrecht einfach unerreichbar ist. DaS Zentrum ist gewohnt, praktische Politik zu

(•] Landwirtschaftrzölle und Sozial- dmottütie.

Der sozialdemokratische Abgeordnete Schippe! Hal in Zollfragen schon wiederholt Ansichten «ertreten, die mit der offiziellen Lehre und Praxis feinet Partei in Widerspruch stehen. Am Diens­tag hat er nun wieder in einer Versammlung LeS Wahloereins für den 3. Berliner Reichs- tagswahlkreis eine Rede gehalten, für die ihn der Abg. Wurm im Reichstage heute schon Acht und Bann der Partei ankündigt. Er sagte nach de« .Vorwärts' u. a.:

„Gegenwärtig könnten die mitteleuropäischen Länder die Jndustriezölle wohl entbehren. Grundlegend in der Wirtschaftspolitik dieser Länder, besonders auch in Deutschland, sind die Agrarzölle. Man sagt nun: oie Agrarzölle bereichern die wenigen landwirtschaftlichen Groß Produzenten; diese haben einen maßgebenden Ein- Auß auf die Regierung und sie benutzen ihn, um sich den Vorteil aus der Einführung und Erhöhung der Agrarzölle zuzuwenden. Ja, wenn die Sache so einfach wäre, dann könnte man sich doch gar nicht erklären, daß die agrarische Be- joegung so stark werden konnte, wie sie zur Zeit ist.

Die Liberalen stehen der agrarischen Be­wegung ebenso verständnislos gegenüber wie der sozialdemokratischen Bewegung. Die englische Laudwirtschaft ist im rapiden Verfall begriffen, »aS für England, das sich ja wesentlich auf seins Industrie stützt, nicht schlimm ist. Sollen wir aber auch in anderen europäischen Ländern die Landwirtschaft verfallen llassen wegen eines vorübergehenden Zustandes? Borübergehend ist die amerikanische Konkurrenz, »enn auch in Amerika steigt der Wert des Lan­des, die Produktion wird dadurch teurer, es wer­be« sich nach und nach dieselben Verhältnisse herausbilden, wie wir sie bei uns haben, und so «uß die amerikanische r- onkurrenz in absehbarer Seit/aufhören. Will man den mitteleuropäischen Landwirt konkurrenzfähig machen, so müßten ent- roeLcr seine Grundschulden fiaatlicherseas getilgt «erden, um ihn in dieselbe Lage zu setzen, wie de« amerikanischen Farmer, dem das Land ge­schenkt wurde, ober man muß andere Mittel an» «enden, um bas Land vor dem Verfalle zu be­wahren.

Die bürgerliche Gesellschaft hat nun das Mittel gewählt, durch Zölle wenigstens die a’ten Preise der landwirtschaftlichen Produkte in den Kontinentalländern zu erhalten. Es ist nicht wahr, baß die Preise infolge der Zölle zestiege» sind. Die Agrarzölle find Zöae, welche mit Mühe und Not die alten Preise tzer lLndwrrischastlichen Erzeuznsse gehalten «nb bie Landwirtschaft vor bem völligen Zu- fammenbruch bewahrt haben. Niemand ist durch die Agrarzölle bereichert worben. Sie haben den Zusammenbruch der Hanbwirtschaft ausgehalten, können ihn aber nicht Verhindern. — Wir stehen jetzt in Mitteleuropa auf einem neuen Standpunkt. W ihrerd früher die Zölle den Zweck hatten, t ie Entwickelung der

Wildmeisters Röschen.

Sine Novelle von E. Pfaff.

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Kon der Straße Ker ließ sich Pferdegetrappkl und imS Staffeln eines ^Lagens vernehmen, vor einem Hanfe tu der Nachbarschaft schien das Gefährte an- «halten, mehrere Stimmen wurden laut. Meister Möhtich legte hastig seine Arbeit bei Seite, riete HWS lederne Käppchen auf seinem spärlich behaarten Haupte zurecht, erhob sich von dem Schemel »nd »ffaete einen Flügel des nach der Straße g<henden LtubeafeasterS.

„Bierzi« aus, und keinen Deut mehr, Herr Accisr- ßchrerber; mahn Sie meinem Nachbar Fischer da» Lad an, ich habe gewonnen!" ntf eben mit erhobener GtKmi e Gevatter Brseler und schlug mit der Hand «i den T'sch, daß Krüge und G.äser klirrten. Der Mitzgerweister, welcher daS Spiel verloren hatte, ließ Vor Schrecken seine kleine irdene Thovpferfe auS dem Munde zur Erde fallen und hatte tinen doppelten Herlusi.

„Seid einmal ruhig, liebe Herren, da wird eben mt iutenffanics Gespräch auf der Straße geführt, ich möchte es gern odlauschm," bat Meister Fröhlich Ich ««wendend seine Gäste und streckte den Kopf «über neugierig aus dem Fenster.

„Das war eiue sonderbare Hochzeit, so hide ich »ch lerne mitQtfeiert Die Brau: war ja so blaß wir etae Lerche, mir kam ei vor, als we-rn sie an dreier Heirat keine große Freud- habe, sagte em Herr, der eben ans dem Wagen stieg, welcher auf der ©träte lieh.

„Halen Recht, Herr Forstsekretär, wir hatte es gerade so geschienen; war doch kein freundlicher Zug auf dem Gesichte des Röschens zu lesen. B-t Tische N eS mir besonders ausgefallen, da saß das Bräut-

Aus dem Nkbenzimmer schallte bdäubcuect Lärm, anhaltendes Gelächter folgte. „Hast Du Deinen Teil, Anion; kannst Du Deinen Vetter nicht in Ruhe taffen?" schrie mit heckr Stimme der Weißkopf.

„Du kannst es verantworten, wenn ich morgen wegen meiner Arbeit gestraft werde," tief in g-re-zte« lose Adam, der eben Bcy-rs ganze Latinnät nach feinem Vetter Anton geschl vdert hatte, welcher trotz eller Ermahnungen den Sohn Meister Fröhlich un- aiühöriich durch Neck-reien in seiner Arbeit störte.

„Ruhig, Ihr Geldschnäb-l 1 und kein Geräusch ge- macht," sagte mit gedieterischer Miene ter, lange Sturm, welcher jetzt mit zwei Freunden in das Herrm» stiibchen trat und sich hier niederließ.

Ti'fe Stille folgte dieser Lebend,gkeck. Meister Fröhlich brachte zweien der angelangten Gaste dA verlangte Bier und wünschte recht herzlich em „Wohl bekomm' eS!" während seine E."hafte tent drrttm und größten Gaste die hölzerne Kanne füllte, welche unS schon bekannt ist.

Stumm und sprachlos saß die jugendliche Gesell­schaft um den T-sS, von dem Adam Schreibmaterial u-ck Bücher wegränmte, um feine unvollendeten Arbeitm für den frühen Morgen deS anderen Tage- ans- zufparen.

„Nun, warum so schrecklich m>ßvergr.ügt.

Sag, was Dir im Sinne liegt?"

begann ter lange Sturm zu singen und brach e seinem gegenübkrfitzenden Freunde Leopold len Trum zu Litzterer schwieg; nachdenkend sah er zur Erve nieder.

„In aller Welt, was hast Du bnre ab er b vor, lieber Leopold! so traurig hab' ich D.ch tn meine« Leben nicht gesehen, kannte Dich stets nur als ein«t fidelen Burschen; einem Jägntsmanu steht T> aur-gkeit und Grübelet nicht wohl an," sagte der Student.

„Du hast gut reden, Dich muntern Ze-siz drückt kein Lummer, wie er schwer ans »einem Herzen lastet--und doch ist eS nicht meine Schuld, «-

wrederie der junge Forstmann und tat einen tiefes Zug auS seinem Glase.

Industrie zu erwöglichen, soll jetzt durch Zölle die Lanbwfttschaft erhalten werden.

Tas ist heule der Standpunkt aller mittkl- kmopätschen Länder,mit denen wie rechnen müffen. Wenn unsere Landwirtschaft nicht wäre, wo bliebe da die Industrie? Für sie sind doch die ländlichen Brzi ke rin gutes Absatzgebiet. Wenn sich die Verhältnisse auf feem Lande noch mehr vei schlechtem, so würde das eine Abwanderung der ländlichen Bevö kerurg in die Stadt zur Folge haben, wo sie itt der Industrie Beschäftigung suchen. Das erhöhte Angebot würde die Löhne der Industriearbeiter drücken, da­durch würde bie Unterhaltung der Ar­beiter verschlechtert und der Absatz der Industrie in Arbeitskreisen verringert. Die In­dustriellen wollen sich ihr Absatzgebiet auf bem Lande erhalten, dadurch erklärt sich ihr Bündnis mit den Agrariern . . Da ist nun der Gedanke eines witteleuropätschen Zollbundes aufgetaucht. Man will die zwischen diesen Staaten bestehenden Zollschranken beseitigen, erniedrigen, sich aber nach außen hin durch Hobe Zölle abschließen. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn die innere Zollschranke bedeutend erniedrigt, die äußere aber nicht höher aufgerichtet würden, als sie fttzt schon sind. Eine Gefahr aber wäre es, wenn die innere Zollschranke nur wen g herab­gesetzt, die nach außen aber bedeutend erhöht werden sollte.

Dem Gedanken des mitteleuropäischen Zoll« bundes fleben zwar die Meifibegünstigungsver- >rage mit Amerika entgegen, da aber Amerika durch Abschluß von Sonderoerträgen mit außer­europäischen Staaten die Meistbegünstigung tat­sächlich durchbrochen hat, und auch England diesen Weg einschlägt, so ließe sich der Rechts standpunkt des mitteleuropäischen Zollbundes gegenüber wohl cerireten, aber man muß doch mit der Gefahr rechnen, daß Amerika mit einem Zollkriege antworten würde. Das Recht, in einem solchen Zollkriege unsere deutschen Interessen zu vertreten, kann uns nie­mand streitig machen. Das Zustande- kommen des mitte leuropätsck en Zollbundes kann eine Gefahr, es kann aber auch unter Umständen ein Fortschritt fein. Die Befürchtung, daß wir mit unserem neuen Zolltarif keine Han­delsverträge bekommen, ist unbegründet. Für bie Länder, welche kein Getreide bei uns einführen, kommt der Getreidezoll nicht in Frage, die Viehzölle aber sind für jene Länder immer noch günstiger, wie die jetzt bestehenden Vieh sperren. Rußland würde auch auf gründ der Minimalzölle Verträge eingehen, wenn es nur bie Möglichkeit hätte, den amerikanischen Kon­kurrenten los zu werden. Es gibt so manchen Ausweg, um zu Handelsverträgen zu kommen. Man soll nicht sagen: Mit dem neuen Zoll­tarif ist nichts anzufangen. Man muß es obwaiten, wie sich dir Dinge entwickeln werden. Es handelt sich bei diesen Erörterungen darum, tinfere Parteigenossen aufmerksam zu machen auf die tatsächlichen Verhältnisse und sie aufzuklären über die Situation, welche äugen- blickirch herrscht."

chea stumm urd fpracbio» to, schaute sich gar rocht um, und o'9 die Gesundheiten ausgcbrocht tou den und der C-litpky'nklir seinen Spruch tagte, nahm das Röschen mit zuternder Hand sein Glas, nippte einmal an dem Weine und verließ das Z innrer, a!S wenn ihr die ganze Festlichkeit zuwider fei. Ich dachte wi.kl ch so bet mir: Da armes, unschuldiges Kind hast dem Wolsmaier deine Hand gereicht weil es vielleicht deine Eltern wünschen. Aber der Herr Bläntigrm blähte sich recht out und suchte sich geltend zu machen. Wie er immer mit dem goldenen Peischaft an feiner Uh kette fpi lte und feinen Fing-rrtng mit dem «ätschen Steine von böhmischem Glas glänzen ließ, wenn einmal ein Sonnenstrahl durch die Fenster in das Zimmer fiel, war feiten genug der Fall war. Selbst dr Hmmel schien an dieser Hockzeit keine Freude zu haben, so ♦rüb und regnerisch war es den ganzen Tag über. Offen gestanden, lieber Freund, und unter uns gesagt, ich habe den Wolsmaier nie leiden mögen, uno kann nur nicht begreifen, daß dieser Mensch so vi le und gewichtige Gönner hat und daß drr Wi dmeyier seine Tochter, diesen Engel der Unschuld und Tugend, dem P^pstejäg-r zur Frau geben konnte," sagte drr im Wagen bifickliche Herr, welcher auS einem Kasten unter dem Sitze zwei in Papier gehüllte Flaschen hervorholte.

„Ja, da kennen Sie den Wolsmaier und bett Wildrnetster nicht, da kennen Sie beide nicht, lieber Haskammerrat; der Wslsmaier versteht zu schmeicheln roh eine Katze, und dec W ldmeist-r, sonst ein Ehren­mann, ist für Schmeicheleien nicht unempfänglich und läßt sich von feiner einmal gefaßten Ansicht nicht ab- bringen. Ab-r gute Nacht, H rr Hoskmmerrat, wir wollen unsererseits dem jungen Paare aus vollem Herzem Glück und Segen wünschen," sagte der Fotst- sekretär.

.Jawohl, aus vollem Herzen," erwiderte der andere Herr, welcher jetzt auSg-stiegen toar und die beiden F'ascheu in der Hrvd die Treppe vor feinem Wohnhause langsam hinausstieg. Der Wagen rollte

Berlin, den 28. Januar 1904.

* Zur Geschichte der letzten Krankheit des Kaisers liefert folgende' Stelle aus der Rede, die der Reichrtagspräsident Graf Balle- str em bei der Kaisersgeburtstagsfeier des Reichs­tags gehalten, einen intereffanten Beitrag:

.Meine Herren, als ich mit den beider, Herren Vizepräsidenten die @^te halte, Se ner Maj-stät nach Konstituierung des Reichstages uns vorzustellen, halte ich natürlich auch Beranlaffurg genommen, ihm zu feiner Genesung uno dazu zu gratulier en, daß dar liebel unschuldig r Art und ebne böse Folgen fein würde. Ich labe daran die Bewertung gekröpft, daß es außerrrdentl ch gütig und weise von Server Mr j stät gewesen wäre, d.ß er mit den erst-n Nach­richten, die in dar Publikum drangen über seine Krankheit, auch die Gutachten von ärztt'chen Autori­täten publizierte, welche da» Publikum zu beruhigen geeignet waren. Da o tun ortete der Kaller: „Ja, Sie haben's gut gehabt, ich bin aber zwei Monate herumgegang,,,, ohne zu wissen, ob die Sache gutartig oder bösartig wäre" Meine Herren, welch großar tige Auffassung! Zivei Monate ist der Kaiser herumgegangen in der Ungewißheit, ob er den Kem eines lötlichen Uebcks in sich t üge oder nicht! Während dieser Zeit tatte er immer feine kaiserlichen Psricht-n er­füllt, und niemand ist auf den Gedanken gekommen, daß ein schwere- Rebel den Kaiser bedrohte. Ich deutete dies auch in der Unterredung mit Se. Maj stät dahin an, daß ich sagte: „Hub noch kurz vor der Operation haben Majestät die bedeutungsvollen Zu­sammenkünfte rott dem Kais er von Ruß- land gehabt!" Da sagte der Kaiser ganz einfach wie ein Familienvater: „Nun ja, wenn'S Vas böseS gewesen wäre, dann wollte ich doch meinem Sohne angenehme nachbarliche Verhältnisse hinterlassen." •

Mtt Recht konnte Gras Ballestrem diese Er- gebung in Gottes heiligen Willen als einen so hohen sittlichen unb christlichen Standpunkt be­zeichnen, baß man nur voller Bewunderung zu dem Herrn auffeben und sagen kann: „Möge Gott es mir auch geben, daß lch mich bei gleicher Gelegenheit ebenso benehme."

§ Der König der Belgier stattete im Lause d-s gestrigen Nachmittags dem Reichs­kanzler Grasen v. Bülow einen längeren Besuch ob. — Heute morgen empfing der König im Schloß eine Deputation der hiesigen belgischen Kolonie. Heu'e vormittag besuchte er mit Ge­folge hndEhrendienft bie Kgl. Mufeen, nachmittags das Zeughaus. Abends 10 Uhr retfle er ab. die Strafe entlang, Meister Fröhlich schloß da- Fenster.

„Ei der Tausend! ist vielleicht der neue Propst-i- jäger in Holzkirchen, der Herr Wolsmaier heute ge­traut worden, und mit wem?" Mit dieser Frage wendete sich Fröhlich an feine Gäste.

„Ja wobt, wißt Ihr das nicht, lieber Beiter? Der Prevstcijäger hat ja des Wildmeisters in Hafel- ftein Tochter, daS brave Röschen, zur Fron bi kommen, ich habe die Braten für den Hochzeittschmau» gelefert; wünscht- mir jeden Tag eine solche Bestellung," sagte der M'tzgermeister, welcher sich von seinem vorhinuigen Schrecken wieder erholt hatte.

„Diese Che ist auch .nicht im Himmel g-schloffes worden; ick weiß etwas, aber hm! hm! die Viffairen vornehmer Leute darf man nicht ausplaudern," bemerkte mit wichtiger Bftenr drr Lcciseschreiber.

„SBiS wißt Ihr denn wieder? Wird was Rechtes sein; Ihr tut immer so wicht g und geheimni»roll, als wenn Ihr im Geheirnratslollegium säßet, und am Ende ft-it dich nichts hinter Eurer GcheirnntSkrSwerei; störet doch daS Sp el nicht so oft durch un Ütze Btwerkun en," sagte in tiefem Baßtone Gevatter Beseler.

Drei junge Männer gingen durch daS Zimmer noch dem Henevstubchea; Meister Fröhlich nickte ihnen freundlich za, den zuletzt Kommenden redete er an: „Schönsten guten Abend, Her" Leopold, be uchen Sie auch wieder einmal mein Haus, das ist ja recht er» frcÄich, find so lange nichl bei mir eiagekehrt; nicht wahr, der Herr Sturm hat Sie mitgebrocht?"

.I,, er begegnete mir, al» ich nach H-mse gehen wollte. Aber ein GlaS B er, Meister Fröhlich, wenn >ch bitten darf," sp ach mit ern’em Gefichre der An- fcerebete und ging noch dem Stübcken.

Der Meist-r schüttelte den Kopf und flüsterte ein-n neben dem Ofen fitzenden Gaste, welcher an dem Spiel- keinen Teil nahm, zu: „So ernst habe ich den Herrn Foistwart noch nie gesehen, er ist sonst immer io munter und ausge, äumt, eS muß ihm ein widriger Borfall begegnet fein."

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