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Zcrnsprecher Nr. 9.

M 20.

Sulöa, Dienstag, den 26. Januar 1904.

Deutsches Reich.

Berlin, den 25. Januar 1904.

•* Dem verstorbenen Herzog Friedrich von Anhalt widmet der,Reichsanzeiger^ folgen­den Nachruf: „An seiner Bahre trauert mit Seiner Majestät dem Kaiser und König das Königliche Haus von Preußen, dem der Heim­gegangene durch verwandtschaftliche Bande nahe- stand. Mit der Bevölkerung Anhalts, die den Verlust ihres geliebten Landesherrn beklagt, ver- sinigen sich Deutsche aus allen Gauen des Reichs zum ehrenden Gedächtnis für diesen edlen Bundesfürsten, der länger als ein Menschenalter in Treue für Kaiser und Reich, für Land und Soll ein Beispiel segensreicher Pflichterfüllung gegeben hat.

(*) Der König der Belgier wird morgen (Dienstaa) abends in Berlin eintreffen, der am 27. d. M. im Berliner Schlöffe stattstndenden Ballfestlichkeit beiwohnen und bis zum <8. oder 29. d. M. in Berlin bleiben. — Der deutsche Gesandte in Brüffel, Graf Wallwitz, ist für diese Tage nach Berlin berufen werden. — Als König Leopold gelegentlich der glücklichen Operation Kaiser Wilhelms ein herzliches Schreiben nach Berlin richtete und der Hoffnung Ausdruck gab, den Kaiser bald völlig genesen wiederzusehen, hat dieser anheimgegeben, ihn zu seinem Geburtstage zu besuchen; dieser Anregung ist König Leopold gefolgt. Wenn sich so der Besuch als ein rein persönlicher darstellt, ist nach dem ,Berl. Lok. An-/ doch anzunehmen, daß der König gewiffe Fragen, betreffend den Koagostaat anregen wird.

** Der Reichskanzler Graf v. «rülow empfing am Sonntag nachmittag den Fürstbischof von BreSlau, Kardinal Kopp, und den Statt- Halter in Elsaß-Lothringen, Fürsten zu Hohen- brhe v. Langenburg.

(?) Der kommandirende General des I. Armeekorps Fhr. von der Goltz soll sein Abschiedsgesuch eingereicht haben, v. d.Goltz hat lange Zeit in der Türkei Dienst getan und sich dort durch eine durchgreifende Reorganisation der Armee dauernd einen Namen gemacht. Nach seiner Rückkehr erhielt er zunächst das Kommando der 5. Infanteriedivision in Frank­furt a. O-, dann wurde er Generalinspekteur des Ingenieur- und Pionierkorps, und kurze Zeit darauf bekam er das Kommando des 1. Korps an der Ostgrenze.

H Im Reichstage will die ,Nat. Lib. Korr/ die Beobachtung gemacht haben, daß die Stimmung sich zu gunsten der „kleinen Finanzrefor«" in den letzten Wochen erheblich gebeffert habe. Die Aussichten der Vorlage gälten für günstig. — Das dürfte eine starke Täuschung fein. Im Zentrum hat fich die Stimmung jedenfalls nicht gebeffert. Wenn die ,Nat. Lib. Korr/ wissen mH, daß die Vorlage in der Budgetkommission im Zusammenhang mit dem Etat der Reichs­

schuld zur Beratung kommen dürste, so wird wohl auch das eine Täuschung sein. Wir haben schon vor Weihnachten gesagt, daß die Vorlage vor Ostern schwerlich in der Kommission zur Verhandlung kommen werde.

* Die freikonservative Partei des Abge­ordnetenhauses hat ein Antrag eingebracht worin 1) die Teilung übermäßig großer Wahlbezirke bei entsprechender Vermehrung der Gesamtzahl der Abgeordneten, 2) die Wiederherstellung der gemeindeweisen Bildungen der Abteilungen gefordert wird. 3) wird eine Aenderung des Wahlreglements dahin gewünscht, daß in besonders großen Gemeinden bei vor­liegendem Bedürfnis die Wahlen der Wahlmänner in einer die Ausübung des Wahlrechts erleichtender Weise vorgenommen werden können.

* In Crimmitschau arbeiten seit Samstag nach amtlicher Zählung in den Textilfabriken wieder 5340 Personen, nämlich 4844 Sachsen, 303 nichtfächstsche Deutsche und 193 Ausländer. Beim Ausbruch des Streiks beschäftigten die Fabriken 7503 Arbeiter und Arbeiterinnen, eö find also sitzt noch arbeitslos 2163 Personen. Am Samstag trafen wieder 72 Arbeitswillige ein, 64 Frauen und 8 Männer, alle aus Galizien. Sie wurden angesichts einer großen Volksmenge in Wagen vom Bahnhof abgedolt, ohne daß es zu Zwischenfällen kam. Im Laufe der Woche sollen noch 150 kommen. Diese Leute müssen eingestellt werden, da fie feste kontraktliche Zu­sicherung haben.

parlamentarische Nachrichten.

* Stimmungsbild aus dem Abgeord- ueteuhause. Im Abgeordnetenhause sah es heute bei Fortsetzung der Etatsberatung gleich­falls recht öde auS. Die wenigen Anwesenden hatten aucy noch nicht einmal Lust, den Worten des freikonservativen Abg. Frhr. v. Zedlitz in Andacht zu lauschen. Es ging vielmehr so laut her, daß der Redner sein eigenes Wort nicht hören konnte. Auch die fleißig in Bewegung ge­setzte Glocke des Präfidenten vermochte nicht, ihm Gehör zu verschaffen. Im Lause der Sitzung wurde die Präsenz besser und als Frhr. v. Zed­litz fich in scharfen Ausfällen gegen die Liberalen erging, wurde eS zwar mit der Aufmerksamkeit zeitweilig besser und die Privatunterhaltung ließ nach, dafür erregten aber die Liberalen „Unruhe" durch den Widerspruch und das Lachen, womit fie die Worte des freikonservativen Führers auf­nahmen. Dann hielt der Minister Frhr. von Hammer st ein in der ihm eigenen hohen, weinerlichen Tonart eine ziemlich lange Rede, worin er u. a. erklärte, daß ein Vereinsgesetz zur Unterdrückung der polnischen Sprache in Versammlungen noch in dieser Tagung vorgelegt werden solle und daß die Regierung fich auch mit der „Wahlreform" beschäftigt, die aber ftn dieser Session nicht mehr Gesetzesform annehme und natürlich an der „Grundlage des Wahlge­setzes" nicht rütteln soll. Nach einer Rede deS fress. Abg. Bro-mel gab eS sodann eine Polen­debatte und schließlich eine Abrechnung des na- tionalliberalen Abg. Dr. Sattler mit Frhr. v.

Zedlitz, so daß die so matt begonnene Sitzung in z-emlich erregter Stimmung endete.

§ Dem Herrenhause ist ein Gesetzentwurf betr. die Ausdehnung einiger Bestimmungen des Allgemeinen Berggesetzes vom 24. Juni 1865 aus die Aufsuchung und Gewinnung von Erdöl zugegangen.

18. Sitzung vom 25. Januar 1904.

Eröffnung IV» Uhr. ,,

Am BundeSraistssche: Graf Pofadowsky,.

Frhr. von Stengel. . m

Auf der Tagesordnung steht die zweiteB erat ung deS Etats und zwar zunächst des Etats des Reichstags. Hierzu liegt vor eine Resolution des Abg. Dr. Sattler (»L> auf Gewährung von An- Wesenheitsgeldern in Höhe von 20 Marl täglich an die Mitglieder deS Reichstags.

Abg. Piof. Paasche (ntl.) begründete diese Reso­lution. Die Folge der Nichtzahlung von Diäten sei ein Kandidatenmangel und die chronische Beschlußun­fähigkeit des ReichstaaS.

Abg. Gröber (Z.) ergänzt diese Ausführungen nach verschiedenen Richtungen. Er wieS darauf hin, daß infolge der Doppelmandate die Gewährung von Diäten im pic ß'fchen Abgeordnetenhause eine Benach­teiligung der süddeutschen Staaten bei dieser Vertretung im Reichstag darprlle. Wenn Preußen im BundrSrote einer Gewährung von Diäten widerstrebe, so verfolge fie damit keine ReichSpolttik, sondern eine preußische parttkularistische Pol litt

Für die Resolution sprachen noch dre Abg. Dr. Wolf (Wirtsch- Bgg), Schrader (ft. Bgg), Müller Meiningen (fr. SU), Sndeknm (Soz.); während dre Abg. Gamp (Rp.) und Arendt (Rp) erklärten, daß fie Bedenken gegen die Gewährung von Diäten hätten urd daß daher nur ein Teil ihrer politisryen Freunde für die Resolution stimmen würden. Daneben kamen noch Spezialwünsche bezüglich der Reichstagskontor­beamten ufw. zur Sprache. Die Resolution wurde schließlich mit großer Mehrheit angenommen.

Hierauf folgte der Etat des Reichsamts des Innern.

In der Genkraldiskusston gab der Abg. Trim- bor« (Zrr.) wie alljährlich zunächst eimn UeberbliS über die sozialpolitischen Ergedniffe des JahreS 1903 Er wies darauf hin, daß in diesem Jahre 84 Millionen Mark auf Grund der Berficherungsgesetze für die Ar­beiter auSgegeben worden seien. Das müffe man kon­statieren gegenüber der grundsätzlichen nörgelnden Kritik der Sozialdemokratie. Auf dem Gebiete der Krankenversicherung fei im Hinblick auf die Konflikte zwischen Aerzten und Krankenkassen eine gesetzliche Regelung notwendig. DaS Ideal sei und bleibe die freie Aerztewahl. Im weiteren fragt Redner an, wie weit die Vorarbeiten für die Ausdehnung der Kranken- verficherung auf die Heimarbeiter gediehen seien. Redner erörtert auch die Frage der Witwen- und Waisenverstcherung und der Zusammenlegung der drei großen BersicherungSgesetze und gab dann eine lieber« sicht über die Verordnungen, die der Bundesrat im Interesse des ArbeiterschuheS für eine Reihe von gesundheitsschädlichen Betrieben erlassen habe. Er be­tonte. daß der Bundesrat nicht nur das Recht, sondern auch die Pfl cht habe auf diesem Gebiete energ sch vor­zugehen. Redner streift sodann den Frankfurter Arbeiterkongreß und erörtert dann eingehend den Srim- mitsckauer Streik. Er betonte, daß die Ausschreitungen von Arbeitern das völlige VersammlnngSverbot nicht gerechssertigt hätte», wenn man auch der Sozialdemokratie den Borwurf machen müsse, daß diese die rein gewerk- schaft ichen Streik zu ein r politischen Machtprobe auS- gestaltel habe. Der Fall CrimwÜschau habe avfS evi­denteste die Notwendigkei: von Arbeitskammern gezeigt

31. Jahrgang.

und die Frage des ZehnstundknlageS M die schärfste Beleuchtung gesetzt. Zum Schluß betonte : »ebner, daß die letzten Wahien trotz der zollpolrtischen Fragen ei» stark sozialpolitisches Gepräge getragen HLnen. Gegen­über dem Versuch der Scharfmacher, die Sozialpolitik zum Stillstand zu bringen, sei eS hoch erfreulich, daß durch die Thronrede ein fr-scher sozial-resoimetischer Hauch geweht sei.

Auf die Frage desAbg.Trimbornnach demStar.de der Boom beiten für die Handwerker Enguc e erwiderte Staatssekretär Graf Posadowoky,daß diese mit Rücksicht auf die hohen K-sten aus em Jahr verschalen worden fei. An eine Verschmelzung der drei großen Ber sichernngs- gefetze werde man erst Herangehen können, wenn diese Ges.tze zu einem gewissen Abschluß gekommen sein würden.

Als letzter Redner auS dem Hause übte Abg. Fischer Berlin (Soz.) in be annter Werfe Kritik an der Sozialreform, die von den besitzenden Klassen nur zum Zwecke einer Entlastung der Armenpflege bei rieben werde. Die Regie ung trage selber durch ihre arbeiter­feindliche Haltung, wie sie auch beim Crimmitschauer Streik zu Tage get- eten sei, dazu bei, die anti-monarchische Gesinnung der Arbeiter zu verbreiten.

Staatssekretär Graf Posadvtvöky trat dtefen Ausführungen entgegen. In btt Monarchie werde die Aristokratie des Reichtums viel energischer zürn ckgedrängt alS in Republiken. Die Frage des Zehnstundenlageö weide in der Regierung eingehend geprüft; man möge ruhig ba$ Resultat dieser Prüfung abroarten.

Morgen Fortsetzung.

' Jlus demßmdtag

Abgeordnetenhaus

4. Sitzung vom 25. Januar 1904.

Eröffnung 11'/« Uhr.

Fortsetzung der 1. Beratung des Etats.

Frhr. v. Zedlitz (Rp.) gedenkt zunächst der Ver­dienste des verstorbenen Eisenbahnministkrs v. May­bach. WaS die Einnahmen aus den Eisenbadnen an­lange, so habe an ihrer Steigerung ein besonderer An­teil die vermehrte Kohlenproduktion. Bedauerlich sei es, daß bei den Eisenbahnen auf die fiskalischen Interessen mehr Gewicht gelegt werde, alS auf dis Berkehrsmtereffen. Besonderes Gewicht fei auf den Ausbau der Nebenbahnen zu legen Im Interesse der Landwirtschaft müßten Ausnahmetarife bewilligt werden. Die früher von den Bbgg. Kirsch und Wentzel geforderte Abzugsfähigkeit der Kommunalsteuern und anderen Ausgaben vom einkommensteuerpfiichtigen Ein­kommen müsse erneut geprüft morden. Nachdem der Redner die Notwendigkeit des gemetr.famen Kampfes Siegen die Sozialdemokratie betonte, erklärte er, daß eine Partei die wasserwirtschaftliche Vorlage fachlich und wohlwollend prüfen werde. Seine Partei fei bereit, eine Vermehrung der Landtagkmandate zu konzedieren. Im weiteren polemisierte Rrdner gegen die Nationalliberalen und trat dafür ein, daß durch be­sondere Organisationen der Jugend der Sinn für daS Ideale gestärkt werde.

Minister Frhr. von Hawmerstei« erklärte, daß die Regierung m der Frage deS Wahlrechts einen Be­schluß noch nicht gefaßt habe; an ein Aufgeben des DreiklaffenwahlsystemS fei jedenfalls nicht zu denken. WaS daS Vereinsrecht anlonge, so müsse die Anomalie beseitigt werden, daß die Frauen an Versammlungen, die von einer einzelnen Person ein berufen würden, teilnehmen könnten, aber nicht an Versammlungen, die von Vereinen ausoingen. Weiter verteidiate Redner die Polenpolssik und die Scherl'sche Sparlotterie, die allerdings zur Zeit aufgegeben fei.

Abg. Brömel (fr. Bgg.) gab auch die Erklärung ab, daß feine Freunde die Kanalvorlage"wohlwollend prüfen würden; entschieden feien sie gegen die Ein­führung von SchiffahrtSabgaben auf den großen Flüssen.

wilömeisters Röschen.

Eine Novelle von C. Pfaff.

Ti ------ (Nachdruck verboten.)

VI.

Andächtigen Blicke», die Hände zum Gebet ge- talfen, faß Frau Elisabeth, die fromme Hai ssrau eines Fuldaer Bürger», vor dem schweren eichenen Tische ihrer Wohnstube. Wohl drei Generationen mochten ihr Mittag- und Lbcndbrvd schon an rief «’m Tische verzehrt haben, der mit einem weißen Tuche Überdeckt war, auf dem ein Sachverständiger so tiemlid) den Küchenzettel einer zur Hälfte abgelaufenen Boche lesen konnte. Eine große, sauber geleerte Schüssel stand auf dem Tische, ihr Inhalt schien sich der allgemeinsten Teilnahme erfreut zu haben und mit großem Appetit aufgeräumt worden zu sein. Schecken von Erdäpfel und wirklichen Aepfel«, lieber« reste des Mahles, logen gesammelt auf einem ziu- rtrme* Teller; die Abendmahlzeit mochte sehr frugal Äset». Bor dem Tische standen drei Kinder, be und zwei Mädchen. Das älteste Mädchen, k» Knute zwölf Jahre zählen, sprach laut und ver- nehuckich da» Dankgebet; manchmal beantwortete die Mutter mit den beiden andern Kindern die Bersikeln h dem Gebete der junge» Andächtigen. Als da» GÄet beendigt war, nahm Frau Elisabeth do» Eß» gsschirr hinweg und setzte « aus eine Bank neben dem Ofen.

»Fvänzchttli nimm da» ,Leden der Heiligen' und suche an» den vierten September auf, e» wird „Rosalia" sein, gestern haben wir von der hettigen Euphemia gehört", sagte die Mutter zu ihrem Töch- rercheu, da» eben so schön vorgebetet fratte. Dar Kkud ging in ein niedrige» Nebenzimmer, um da» Bach zu suchen, wählend ferne Mutter da» Strick­

zeug nahm und fich auf ihren alten Platz am Tische setzte.

Feierliche Stille herrschte in der eben nicht ge­räumigen Stube, deren Hausgeräte mittlerer?, bürger­lichen Wohlstand jener Zeit verriet. Düster brannte das Licht einer höchst einfachen Hängelampe; Fra« Elisabeth schob mit der Stricknadel den Docht in der Lampe etwa» höher und die ölgenährte Flamme gab einen helleren Schein. Aufmerksam folgten die Lugen der beiden Linder jeder Bewegung der kleinen Flamme, und wenn dieselbe manchmal in dunkelrotem, dünnem Strahle empor züngelte, lächelte der kleine Knabe und legte seine Händchen übereinander, in stiller Be- wundermrg de» einfachen Phänomens versunken. I» der Ritze zwischen der Sieinplatte unter dem Ofen und den Dielen de» Fußboden» zirpte ein Heimchen, und eine junge Katze spielte mit den zur Erde hängen­den Gewichtsteiuen einer Schwarzwälder Uhr, die an der Wand hing und deren hölzerner Kuckuck dreimal rief, wenn eine Stunde abgelaufen war und die Uhr aurzvschlage» begann. Unweit der Türe stand eine Schublade altmodischen Aussehen»; e» war die jedem Bürgerhause damals unentbehrliche Siedel, worin die bessere» Kleidungsstücke der Familie, so wie der zum tägliche« Geschäftsverkehr und Einkäufen der Leden-mittel nötige Geldvorrat verwahrt wmde. Au diese Siedel lehnte fich ein junger Mensch; seine Kleider waren besser al» fie sonst Bürgerskinder zu Ä pflegte» und hotten einen gewissen burschikosen litt. 68 war Anton, der älteste Sohn Fr<iU Ettsadetbs, ein „Student/, wie die Schüler des Gymnasium», mochten fie auch in den medersten Klosse» sein, genannt wurden. Auf dem Gesichte diese» Musensohne», welcher berefts eine der obersten Klaffe« der Selehrtenschule besuchte, spiegelte fich neben einer jeto ssMsÄutmütigkett em sehr deutlicher Zug von

Artton schien diese» abend gegen alle», war um ihn vorging, teilnahwlo» zu sein; er war schon vor

Beendigung der Abendmoblzeit von dem Tische auf» gchanden und hatte den Platz an der Siedel gesucht; während deS Gebete» hatte er zwar äußerlich eine andächtige Haltung angenommen, aber bei einem auf» merksame» Beobachter würden gewiß Zweifel über die innere Andacht de» Studenten rege geworden sein.

Aus der Straße sä-llte ein gellender Pfiff, rasch folgten zwei ähnliche Signale.

E» dauerte eine Weile, noch immer herrschte tiefe Stille in dem Zimmer, Fränzch-n schien das Leben der ^eiligen auf dem kleinen Bücherbrette nicht finden zu können.

„Liebe Mutter, lab mich ein wenig auf den Steintoea z»m Setter Adam gehen; toir müssen ein sehr schwere» lateinische» Pensum mcrg.n dem Herrn Professor abliefern und auch in der Feidmeßkunst wird examiniert; da» ist »echt» Leichte», ich will erst einmal mit dem Vetter die Aufgabe» fiir morgen durchnehmen," sagte Anton.

„So willst Tu also schon wieder fort; wie oft gehst Du nicht zu dem Vetter auf dem Steinweg; ich glaube fast, Euer Studium ist nicht wett her und Ihr treibt Prssen»statt in die Bücher zu sehen. Für heute kannst Du noch einmal hingehen," gestattete Frau Ettfab th.

Amon ließ sich da» nicht zweimal sagen; fing» batte er den weite» Mantelkragen, die gewöhnliche Tracht der Studierenden, um die Schütter« gehängt und eine Schirmmütze aufgesetzt, die gewiß kein Mützenfabrikam ht feinem Schaufenster ausgestellt baden würde, um Käufer für feine Ware anzulocken. Mit zwei Schritten war Auto« durch Hausflur and Türe auf der Straße „Joseph, bist Du da?" fragte er mit halblauter Stimme, und eine kurze gedrungene Gestalt gab ei» ft endige» „I," zurück.

„Sei froh, daß meine Mutter nicht da» Fenster geöffnet und fich nach de« Nachtwächter umgesehen har, der um fieben Uhr die Drei gepsssfe»; die Mama traut unferm Studium beim Setter Adam nicht «ehr

recht. Aber komm, Weißkopf, und laß uit» durch die Jiidengofle «eben; über de» Markt gehe ich nicht wehr, der Pedell Joseph Schagard steigt um diese Stunde zum Biere; vorgestern ist er mir auch be­gegnet und rief mich an, abec ich sah weder noch Sötte ich, sondern wischte schnell an den Häusern der Hafnergasse (Markistraße) hin."

„Bin's zufrieden," sagte der andere, unb Arm ht Arm wandelten iie LtteinschÜler der engen unb winkligen J-edengösse zu.

„Siehst Du, Amon, die oberen Fenster im Storchen find matt erleuchtet, da fitzen gewiß die Freimaurer wieder beisammen und hatten Rat. Dem Er wer old sein Baker ist auch dabei; hast Tu schon geschen, wa» er fich für einen großen, schwarz grauen Bart wachsen läßt? '» zum Totlachen; ich glaube, er hast sich in seinem Barte für (So träte»," sagte der eine Student.

„Eher für Diogenes," meinte Anton; „denn der Anzug der Cyniker ist wohl ebenso sauber gewesen wie jener de» Herrn Geheimrates."

„Halt, da kommt der rote Manschel, der darf nicht ungezwickt paffere». Mauschel, mach' mors», sonst gibt'», Du werßt schon wa»!" rief der Spident, dessen bleudenv weiße» Kopfhaar unter einer schwarzen Zpfrlmütze hervorleuchtete, die eigentlich zu bett! Nvendanzuge seine» Vater» gehörte.

„Na, geht Eure Wege, ich geh' die weinige und halt niemand en," erwiderte der Judenkuabe. welcher mit einem Bündel unter dem Arme vom elltägssche« Schachergeschäfte nach Hanse kehrte.

„Still, Illdenseele, und rege Dich nicht; auf der Stelle die Mütze herunter, wenn j»ei so vornehme Herren kommen," herrschte der Weißkops den erschrockenen Sohn Js-ael» an.

Alternd nahm der Hebräer seine Kvpfbedeckimg ab und machte eine tiefe Verbeugung vor den beiden hrffnungrvvlle» Jünglingen.

„Wie viel Gojrm» hast Du heute wieder zeichächt? " fragte Anton. (F. f.)