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Ä** w»»iii°ei!«g«: „Illustrierte Sonntagszeitung
34. Jahrqanff.
Fulda, Samstaq den 28. Dezember 1907
JV8 297.
Erstes Wl'afk
>» zei - en. Vit ett spaltiy« Petit;« il» ebtt bereit Saunt \» Pfg. Reflamea »te Petit;eil« 25 pfg.; bei wieder» Holungen wirb entfpr.
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Jande, wo politische Hochstapeleien an der Tagesordnung find, ist eben alles möglich. Briand würde es auch heute noch fertig bringen, in der eierlichsten Form zu wiederholen, was er 1905 bei der Beratung des Stiftungsgesetzes gesprochen: „Wir sind keine Diebe, keine unehrlichen Leute". Jedermann hatte die Worte damals so aufgefaßt, daß die Stiftungen ihrer Bestimmung entgegengeführt oder den Erben zugewiesen werden sollten. Tie „Ehrlichkeit" der Pariser Regierung ist so groß, daß der Justizminister bereits im Juli an alle Gerichte ein Rundschreiben richtete, worin er ihnen befahl, die bezüglich der kirchlichen Güter schwebenden Klagen bis nach der Abstimmung über die Novelle Briands zu vertagen.
• Amnestie in Sachsen. König Friedrich August von Sachsen hat aus Anlaß des 38eih« nachts estes 22 Strafgefangenen die Freiheit geschenkt. , r_ „
* Koburg. 27. Dez. 1907. Prinzessin Bea» ttice von Sachien-Koburg-Gotha hat sich mit dem Prinzen Alsons von Bourbon-Orleans, Jnsanten von Spanien, verlobt. Die 24 Jahre alle Prinzessin ist die jüngste Tochter des 1900 verstorbenen Herzogs Alfred von Koburg. Ter Bräutigam ist der 1888 geborene jüngste Sohn des Prinzen Anton von Bourbon, Herzogs von Galliern und der Infantin Eulalia von Spanien.
frftetat ««glich «« A «»nähme be Somu gab Seiet tage. Viertel» jährt. Bezugs oret« ohne Bringerbin unb BefteHgelbtnSu taunb auswärts l mt. 5. Pfg.
VolksmrWMchtS und SsMles.
* Köln, 27. Dez. 1907. Die Rheinische Glashütte in Ehrenseid hatte für die Glasmacher eine zehnprozentige Kürzung des Lohnes angeordnet. Infolgedessen reichten die Glasmacher, etwa 80, die Kündigung ein. Bon der Arbeit der Glasmacher hängt die Beschäftigung der übrigen Betriebe ab. Die Direktion Kat "darauf nun sämtlichen Arbeitern und Arbeiterinnen, etwa 500, gekündigt ferner wurde den Arbeitern mitaeteilt, daß sie die von der Fabrik gemieteten Wohnungen bis zum 4. Januar zu räumen hätten.
♦ Krefeld, 27. Dez. 1907. Der Zentralvorstand des Hi rsch-Dunckerschen Gemerkver- eins hat beschlossen, die streikenden Arbeiter der vier Seidenfabriken weiterhin zu unterstützen. Er kann das leicht, da er nur mit wenigen Mitgliedern an der Aussperrung beteiligt ist. Die Arbeiteroraanlsationen verurtei ten das Verhalten des Hir'ch-Dunckerscheu Gewerkoereins.
= Die Krisis. Die Tatsache, daß das wirt- schastliche Leben sich int Rückgänge befindet, wird nirgends bestritten. Das sozialdemokratische Zentralorgan hat nun aber Nnterinchungen ver- austastet, deren Resultate weaen ihrer überaus düsteren Darstellung der Lage überraschen: Ä trtte Dezember, also in ver nächsten Geschäslszeit vor Weihnachten, waren m Berlin 16208 in Gewerkschaften organisierte Arbeiter (15 883 Männer und 325 Frauen) arbeitslos. Im Zentralverein für Arbeitsnachweis waren eingetragen Milte Dezember: 11385 Arbeitslose. Aus Grund aller- lei Berechnungen erkält das Blatt die Zahl von 22322 Arbeitern und Arbeiterinnen, die Mrlte Dezember arbeitslos waren. Unter Berücksichtigung der in diesen Zahlen nicht enthaltenen Unorganisierten utw. glaubt der .Vorwärts', die Zahl der Arbeitslosen auf 80000 schätzen zu sollen. — Sofort nach Weihnachten pflegt die Zahl der Arbeitslosen schnell zuzu- nekmen. _____
Ausland.
* Kabinettskrisis in Holland. Wie gemeldet, hat das Gesamtkadinett seine Entlassung gegeben. Die übrigen Minister haben sich al'o mit dem Kriegsminister solidariich erklärt. Die Ablehnung deS Kriegsbudgets durch die Zweite Kammer Ende der vorigen Woche
Deutscher Reich.
* Der Kaiser hat dem Reichskanzler zum Weihnachtsfest eine, bronzene Nachbildung des Denkmals des Generals Grasen Bülow v. Dennewitz geschenkt.
* Die neuen Steuervorlagen werden den Bundesrat der .Nationalzeitung" zufolge gleich nach Neujahr beschäftigen. Man nimmt an, diß sie dem Reichstag in der zweiten Januarhälfte zugehen werden.
— Die neuen Beamtengehaltserhöhungen machen der Regierung noch immer sehr große Schwierigkeiten. Wie jetzt behauptet wird, sind die Verhandlungen noch nicht zu Ende geführt worden. Die Einbringung der Vorlagen an die Parlamente dürfte sich wesentlich verzögern und nicht vor Mitte Februar zu erwarten sein.
* Ausschluß der Oeffentlichkeit. Ein Erlaß des Justizministers an die Staatsanwälte fordert diese auf, in umfangreicherem Maße als bisher Anträge auf Ausschließung der Oeffentlichkeit bei der gerichtlichen Verhandlung von Sittlich, keitsdelikten zu stellen.
— Der Neichstagsabg. Erzpriester Wilhelm Frank, gegenwärtig" in Berlin, ist zum resi- dierenden Domherrn in Breslau ernannt worden.
.'. Aenderuug der Fernsprechgebühren- ordnung. Das Reichspoflamt hat an die Ver- treter der Industrie, des Handels und der Land- wirtschaft zum 7. Januar 19t *8 Einladungen zu einer Besprechung wegen Aenderuug der Fern- sprechgebührenordnung zugehen laffen. Der Einladung ist eine Denkschrift mit den Vorschlägen des Reichspostamtes und deren Begründung bei- gefügt. Die Reichspostverwaltung schlägt folgenden Tarif vor:
Die Pauschalgebühr wird aufgehoben. Es gibt nur Anschlüsse gegen Grund- und Gesprächsgebühren.
Die Grundgebühr beträgt in Netzen von von 1 bis 1000 Anschlüssen 50 M„ von 1001-5000 Anschlüssen 65 M„ 5001-20000 Anschlüssen 80 M., 20001 bis 70000 Anschlüßen ! 0 M , in Netzen von mehr als 70000 Anschlüffe« für jede angefangene weitere 50 c00 Anschlüsse je 10 M. mehr.
Für jede hergestellte Verbindung wirb eine Einze lgesprächsgebühr von 5 Pfg. erhoben. Wenn in einem Nechnungsjahr von einem Anschluss aus mehr als 2000 Gespräche geführt werben, ermäßigt sich die Gebühr von 2001—6000 Gespräche um je Pfg. und für die weiteren Gespräche unt je 1 Pfg.
Die Fern gebühren betragen auf Entfernung bis zu 25 ft (in. 20 Pfg., bis 50 ftlin. 25, bis 100 Klm. 50, bis 250 Klm. 75 Pfg., bis 500 Klm. 1,— Wit, bis 750 Klm. 1,50 Mt, bis 1000 Klm. 2,- Mk, über 1000 Klm. für jede weitere 250 ftlin. je 50 Psg. mehr.
Ver neue Hardenprozch,
na. Berlin, 27. Dez. 1907.
Seilte ist die Zeugin Frau v. Elbe ausgeblie- ben. Nack dem ärztlichen Attest ist ste anschet- uend an Blinddarmentzündung erkrankt und zeigt außerdem Angstzuttände und Verfolgungsideen. Die erste Stunde wurde von der Verlesung der an daS Ehepaar Schweninger von dem beauftragten Richter zu stellenden Fragen beansprucht. Darnach soll Schweninger bekunden, daß er das Interesse Hardens vor etwa sechs Jahren für die
damalige Gräfin Moltke, die Harden bis dahin noch nicht kannte, ,u erwecken gesucht habe, indem er ihm die markantesten Vorgänge mitteute, tote Frau von Elbe ste hiev bekundet habe, daß ferner Schtoeninger, obwohl Harden von derEhegeschichte nichts habe wissen wollen, Mitleid für Frau v. Elbe erregte, die durchaus normal sei und nicht zu Uebertreibungen neige. Auch das Urteil Bismarcks über Eulenburg wird zitiert.. Schwe- ninger solle weiter bekunden, daß die Gräfin Moltke, die in seinem Hause vertraut verkehrt, ich über die Art des Verkehrs zwischen Moltke und Harden geäußert habe, sowie über die Mißhandlungen. die sie durch ihren Gatten habe et- bulben müssen. Sodann wird Professor Frey auS Wien als Zeuge und Sachverständiger übet den Gesundheitszustand der Frau v. Elbe gehört. Dr. Frey hat die Frau v. Elbe vor 10 Jahren behandelt und schivere Hysterie bei der Gräfin wahr- genommen, fliegenden Puls, hochgradige Nervosität, überreizte Phantasie usw. usw. Nach der sehr bestimmten Aussage Dr. Freys war die Gräfin Moltke für ihre Handlungen und Aeußerun- gen nicht verantwortlich zu machen; ihre An- würfe gegen den Grafen Kuno Moltke seien aus ihrem 'krankhaften Zustande zu erklären. Ein kleiner Zwischenfall ereignete sich wieder, als der „Sachverständige" Tr. Magnus Htrschfeld Fra- gen an den Zeugen stellen wollte. Der Vorsitzende verstand nicht, was der Sachverständige mit diesen Fragen beabsichtige. Tie Antwort gab der Oberstaatsanwalt: ..Ich verstehe die Fragen so, daß Herr Dr. Magnus Hirschfeld feststellen will, ob Frau v. Elbe auch andere so getäuscht hat, tote e r sich hat täuschen lassen. Unwillkürlich drängte sich auf jedermanns Antlitz ein heiteres Lächeln in dieser sonst so ernsten Verhandlung.
Von Interesse war dann die Vernehmung de« Redakteurs Dr. Paul L i m an, der sich als „BlS- marckschriftsteller" betätigt hat. Er berichtete über Bismarcks Aeußerungen: „Kamarilla der Hintermänner", ,.Liebenberger Tafelrunde' usw. Eulenburg bemerkte hierzu: es set ganz unzutreffend, daß er an dem Sturz des ersten Kanzlers irgendwie beteiligt gewesen set; er f« früher mit ihm innig befreundet gewesen, doch habe ihm Bismarck schwer verdacht, daß er nicht bei dessen Rücktritt seinen Abschied genommen habe. Mit dem Kaiser habe er, Eulenburg, oft im Auftrage des Auswärtigen Amtes zu verkeh- reu gehabt; nach seiner Entlastung 1902 habe et niemals politischen Einfluß gesucht, auch niemals mit dem Kaiser über Marokko gesprochen; er habe sogar absichtlich jedes politische Gespräch mit dem Herrscher vermieden. Er habe den französischen Botschaftssekretär Lecomte nicht mit dem'Kaiser zusammen gebracht; das einzige Mal, wo beide zusammen in Liebenberg waren, fei Lecomte auf Anweisung des Hofmarschallamt» des Kaisers cingeladen worben. Das einzige Mal, wo Leeomte, bei einem zufälligen Zusammentreffen in Berlin, Eulenburg gegenüber übet Marokko sprach, habe ei, Eulenburg, pflichtschuldig sofort an den Reichskanzler Bericht erstattet. ES schloß sich noch die Vernehmung des Grafe» Ernst Reventlow an, der unbestimmte und all.gemein gehaltene Angaben machte. — Montag Weiterverhandlung.
= Die Beraubung der Toten.
Die französische Deputiertenkammer hat, wie gemeldet, das Gesetz, wodurch die frommen Stiftungen konfisziert werden, mit 351 gegen 177 Stimmen angenommen. Das Wort hat jetzt der Senat, der das Gesetz natürlich ebenfalls genehmigen wird, wenn auch mtt einigen Aenderungen. . t .
Durch dieses Gesetz wird tu Frankreich der Wille von 40 000 Toten einfach vernichtet. Nach der Vergewaltigung des religiösen Bekenntnisies der lebenden Katholiken war es allerdings für einen zielbewußten Kirchenfeind naheliegend, auch den religiösen Empfindungen fchon längst Verstorbener Zwang anzutun. Diese „Vergewaltigung der Toten", tote „Gil Blas" richtig das neueste französische Kulturkampswerk charakterisiert, hebt die Testamente französischer Katholiken glatt auf, ob sie auch Jahrzehnte oder gar ein Jahrhundert zurückreichten. Sie durften in ihrem letzten Willen keine Verfügung treffen, daß See- lenmessen für sie gelesen, Gebete für sie entrichtet werden — die Kammermehrheit vom Jahre 190< will es nicht! Man denke nur! Im Jahre 1825 stiftete ein katholischer Franzose ein Kapital unter der Bedingung, daß monatlich eine heilige Messe für seine Seelenruhe gelesen werde, im Jahre 1907 geht die radikale Freimaurergesellschaft her, reifet das Kapital an sich und sagt: „Fort mit dem Humbug, das Messelesen hort auf! Wir setzen dafür ein „wohltätiges Werl": Kohlenverteilung an die Armen!"
Man mag religiös oder nichtreligiös gesinnt fein, das brutale Unrecht eines solchen Gewaltaktes tritt klar und deutlich hervor. Es widerstrebt dem gesunden Menschenverstand, daß der Wille eines Toten geschändet wird. An ihnen hat die elende Welt keine Rechte mehr, ihr Wille ist heilig, sakrosankt. Aber die Kammer hat alle diese natürlichen Gefühle mit Füßen getreten. Auf die Einwände vernünftiger Radikaler hat sie die widernatürlichsten Gesetzesbestimmungen gutgeheißen. Ihr ist jedes sittliche Gefühl abhanden gekommen, sie wühlt in den Totengeber- uen nach Schätzen, Ime es einst die Mordbrenner Melacs im Kaiserdom zu Speyer getan.
Und womit motiviert Briand, der Tagesgbtze der französischen Antiklerikalen, sein Brigantentum? Auf die Rede des Katholikenfi'chrers Piou, der in der Kammer mit hinreißender, von allen Parteien anerkannter Beredsamkeit den Anwalt Der Toten gemacht hat, konnte er nur erwidern: „Hättet ihr die Kultusgesellschaften gegründet, wäre das heutige Gesetz nicht!" Also, ein Rache- gefey, wie Briand selbst zugibtI Weil im Jahre 1905 Katholiken dem Kirchen-Reformator Briand weniger Gehör schenkten, als ihrem kirchlichen Oberhaupt, werden im Jahre 1907 die in religiösem Bekenntnis verstorbenen Toten vergewaltigt! Dann sprach Briand mit gut erheucheltem Mitleid von den Annen und Kranken, denen man mit den Stiftungsgeldern so unsäglich viel Gutes ermeipn könne. Eine merkwürdige Nächstenliebe, die zu ihrer Verwirklichung den Diebstahl, nötig hat! Diese Begründung des Gesetzes erinnert stark an die Rührseligkeit, mit der die Einziehung der Klostergüter zum Nutzen und Frommen der Arbeiterversicherung seinerzeit empfohlen wurde. Tie Konfiskation wurde vollzogen, aber die Str- beiter warten noch heute auf die Milliarden. Es war doch gewiß gewagt, noch einmal mit ähnlichen Versprechungen zu kommen. Aber in einem
Man
Zeitung
monaww: „Wdaer GeschlchtslMter''
Rest Merian.
Roman von Marie Baierlein.
4] (Nachdruck verboten.)
Und ihr drängten diese gleichmütigen, kalten Worte jeden Ausdruck von dankbarer Begrüßung zurück. Sie nickte nur mechanisch mit dem Kopf, küßte die mageren Finger ihrer Wohltäterin und stotterte:
„Ja, — gewiß — ich will recht fleißig fein!"
„Das ist recht, habe es auch nicht anders erwartet. Man muß sich immer erkenntlich zeigen, wenn uns eine Gutta! erwiesen wird!"
Das war der Einzug ins neue Heim gewesen, wie ihn daS elterulcse Mädchen im schwarzen Tranerkleide gehalten hatte.
Mit gewaltsam hinabgewürgten Tränen verzehrte Rest dann in der Küche das ihr vorgesetzte Abendbrot. Christel, damals noch eine gehinbe Vierzigerin, zeigte mehr Mitgefühl mit rhr als die Tante. Tie Magd fand die richtigen teilnehmenden Trosteswoite, ließ sich von den verlorenen Verwandten erzähle» und brachte das bang und ängstlich klopfende Kinderher, zu ruhigerem Schlagen. Rest fühlte von der ersten Stunde an, daß sie die Zuneigung der einfachen, gutmütigen Köchin im Sturme gewonnen hatte, unb war unendlich froh, wenn sie aus den Zimmern der Frau Weilers, die ihr eine geheime Scheu einflößten, in die große, von Sauberkeit blinkende Küche entfliehen konnte.
Etwa drei Wochen nach ihrer Ankunft im neuen Heim, als sie gerade wieder neben dem riesigen Anrichtetisch saß und Christel beim Gemüsereinigen behilflich war, hörte sic lautes, fröhliches Sprechen einer Jünglingsstimme. Sie wußte sofort — Fritz, der ihr noch unbekannte Letter, der bisher in Ferien auf dem Lande gewesen, war angekommen. Wurde ihr wohl auch nu- den Augen des jungen Herrn die gleiche Kälte und vornehm-- Herablassung entgegenleuch- iea, wie aus denen tzer gestrengen Tante? Wie
schutzsuchend rückte sie noch näher an die Magd. I Handelsschüler ihr heimzukommen versprochen
Da näherten sich der Küche rasche Schritte, unb der Ankommende rief schon von weitem:
„Wo steckt denn eigentlich mein neues Schwe
sterchen?"
Auf der Schnelle stand ein hübscher, schlanker Knabe, der ihr treuherzig beide Hände entgegen streckte. Rest war schüchtern anfgestanden, sah dem Vetter forschend und überrascht in das jugendliche, von blonden Locken umgebene Antlitz, und legte ihre vom Rübenschälen beschmutzten Finger zaghaft in Fritzens Hand.
„Ei, griffe Dich (Sott, kleine Nesi. Ich bin Deinetwegen eine ganze Woche früher gefommen, weit mir Mama von Deiner Ankunft schrieb. Habe immer gewünscht, ein Schwesterchen zu haben und freue mich riesig!"
Er hatte das noch immer stumme Mädchm beim Kopfe genommen und drückte ihr einen herzhaften Kufe auf den Mund. Christel stand lächelnd daneben, strahlte über das ganze Gesicht und sagte:
„Das ist schön, Fritz! Das arme Kind braucht Freundlichkeit und Liebe; sonst vergeht es in ihrem Leid um die Eltern."
„Selbstverständlich! Warum sollte ich auch meine neue Schwester nicht gern haben? Gelt, Neserl, wir zwei wollen zusammenhalten. Vereint kann man ja das Brummen und Schelten Mamas besser ertragen!"
So kam es, daß die Waise nach unb nach ihre gebrückte Stimmung verlor und sich an das Wei- lersche Haus gewöhnte. Fritz und Christel gaben ihr die Herzlichkeit unb Zuneigung, welche das vereinsamte Kinderherz so sehr beburfte, um die schroffe Art der Tante bester ertragen zu können. Ter liebenswürdige, gutherzige Jüngling wurde für Resi bald der Gegenstand heimlicher Vergötterung und leidenschaftlicher Zärtlichkeit. Wie manchen tollen, übermütigen Jugendstreich hatte sie auf ihre Rechnung genommen, um den Zorn der Stiefmutter von Fritzens Haupte abzulenken I Wie oft war sie des Nachts schlaflos dagelegen, um die Stunde nicht au veraesten. in welcher der
hatte wenn er, ohne der überstrengen Mama Erlaubnis, die kleinen Bierabende seiner Freunde besucht hatte'. Nesi mußte ihm ja die von innen doppelt verriegelte Haustür öffnen und huschle deshalb barfuß nnb geräuschlos an dem Schlafzimmer der Tante vorbei, trotzdem sie vor Furcht und Angst in dem dunkeln, totenstillen Hanse fast
vergehen wollte. . _,
Ja, sie hatten eine Art Schutz- und Trutz- bündnis gkschlofsen. die zwei Pflegegeschwister. Alle unschuldigen Gefühle jugendlichen Froh- sinns und gesunder Lebensfreude, welche das starre, lieblos« Regiment der Frau Weilers zu ersticken drohte, erhielten sie sich durch treues ge- genseitiges Zusammenstehen. Wenn Resi oft weinend in einem Winkel saß unb eine berbe, unverdiente Zurechtweisung ober ein gelegentliches Vorhalten ihrer Abhängigkeit vonseiten der har- ten Frau verschmerzte, da konnten die Hände des Haussohues so linde und mutterzärtlich über ihre heißen, nassen Wangen streicheln, die tiefblauen Augen so tröstend unb liebevoll blicken, und sein Mund ein solch schelmisch überredendes Trosi- wort sagen, daß sie beruhigt wieder an ihre Arbeit ging.
So war es immer geblieben. Das „Schwesterchen" kannte jede Regung im Herzen ihrer Vetters. Tenn obwohl um fünf Jahre jünger wie er, hatte ihre Art dennoch etwas Verständiges, Kluges, das weit über ihr Alter ging. Resi war in alle Freundschaften Fritzens elngeweiht; ihr schildert« er die glänzenden Hoffnungen und Träume, deren Erfüllung er von der Zukunft erwartete; sie mußte die schwärmerischen Lobeshymnen auf seine Tanzstundenliebe anhören. Er hatte ja kein.- Ahnung, welche Eifersucht und Traurigkeit er dadurch in ihr wachrief.
Dann kam die Zeit, wo auch sie während einiger Wintcrmonate gesellschaftlichen Anstand und die Tanzkunst erlernen sollte. Frau Weilers harte der heramvachfenden Pflegetochter die Erlaubnis dazu nicht vorenthalten können, nachdem etliche Damen ihres roödtentltcbeu Kaffeekränzchens, die
mit Resi gleichalterige Töchter hatten, es der Freundin nahe legten.
Nun sollte für Nesi das stille Dulden erst recht angehen. Die Tante, die einen großen Wider- willen gegen alles hatte, was mit jugendlichem Leben und harmlosen Vergnügungen zusammen- hing, schickte im Anfang immer die Christel als Gardedame mit. Ed war ein amüsantes Stu- biurn, das in ernste, steife Fallen gelegte Gesicht der sonderbaren Tuenna zu betrachten. Ste saß, in ihren besten Staat gekleidet, in einer einsamen Nisibe des großen Tanzsaales im Löwengasthos und bemühte sich, durch ein gezwungenes, reserviertes Benehmen und stockstarre Haltung so wenig wie möglich abzustechen. Mit Blicken, die von heimlicher Genugtuung glänzten, verfolgte bie treue Seele die in einem einfachen, blauen Bard- gekleidck-en umherflatternde Resi und glaubte, daß keine der übrigen jungen Mädchen ihrem Lieblinge, obwohl er unter allen das bescheidenste und anspruchsloseste Aeußere hatte, das Wasser reichen könne. Ihr Fräulein — denn fett dasselbe lange Kleider trug, hatte bie taktvolle Person die kindliche Anrede weggelassen — repräsen- fierte für sie bie höchste Anmut und Schönhetl der kleinstädtischen Weiblichkeit. Darum konnte sie ihren jungen Herrn, der stets gegen das Ende der Tanzstunde den Saal betrat, garnidjt begreifen, wie er, anstatt nur Augen für feine frische, kräftige Pflrgesck wester zu Haden, immer in dem Verehrerkreis, welcher die Tochter der verwitweten Frau Amtsrichter umgab, zu finden war. Twse war freilich das lieblichste Geschöpfchen, welches man sich denken konnte. Das rotblonde Köpfchen ruhte auf einer zwar verhältnismäßig kleinen, aber ungemein zierlichen und graziösen Figur. Die feegrün schimmernden Augen strahlten unter langen, blonden Wimpern hervor, sie leuchteteN vor Schelmerei unb Mutwillen ,unb das per- lende, silberhell« Lacken der kleinen Schönheit drang tief in bie Herzen ihrer Tänzer unb umspann bieselben mit einem Zauberbann.
^Fortsetzung folgt.)