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wochMbeiias«: „Illustrierte Sountagrzeitung"

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m««ak»en-se: „Suibatt GeschlchtsblStter"

^nzei g en. Vie dm' fpaltig« petttzeilr oder deren Haem 15 Pfg, Reflamen sie prtilzell« 25 Pfg.; dei wieder- tzainnaen wird t«lfpi< Kabul t gewahrt.

Heteti eesirnd Verlag der.huidaer Ar» tiendr ickerei i« Hulda, Zernfprechrr llr. 9.

M 296.

Fulda, Freitag den 27. Dezember 1907.

34. Jahraang.

= Zur Krifis im zlottenverein.

Die Keim-Leute sind kräftig dabei, für ihren Herrn und Meister Stimmung zu machen und hm eine gefügige Mehrheit auf der Generalver- ammiung am 19. Januar zu verschaffen. DaS ieht man au8 einem Zirkular, daS der Vor- itzende deS LandeSverbandeS deS Deutschen Flottenvereins für daS Großherzogtum Sachsen, Justizrat Dr. Flinher in Weimar, in aller Form an sämtliche Ortsgruppen diese- Landes- Verbandes gerichtet bat. Herr Dr. Flintzer über­sendet den Ortsgruppen einen lithographierten Zeitungsartikel, der nach dem .Berliner Tage- Malt' den Standpunkt des Präsidiums und des Fürsten zu Salm zu rechtfertigen, den General Keim von allen Vorwürfen weiß zu waschen und die Schuld an dem Konflikt ausschließlich den Bayern aufzuhalsen sucht. In dem Artikel wird behauptet, die Bayern wollten, daß das Präsi­dium vor ihnen jetzt kapitulieren soll, und er meint: „Wir müßten Gott danken, daß wir solche Führer in der größten deutschen Volks­bewegung — daS soll wohl der Flottenverein sein — haben." „Schon im April," so schließt der Artikel, „schrieben die Bayern: Jetzt geht's umS Biegen oder Brechen". Jetzt wird daS Präsidium so sprechen und Hunderttausende werden ihm begeistert zurufen: „Das Recht muß siegen!"

So zuversichtlich daS klingtz Herr Dr. Flintzer scheint doch der Meinung zu sein, daß man dieser Begeisterung der Hunderitausende noch etwas nachhelfen muß. In seinem Be­gleitschreiben ersucht er nämlich die großherzog. Üich sächsischen Ortsgruppen, umgehend für die unverzügliche Aufnahme deS Artikels in dem redaktionellen Teil der dortigen Presse zu sorgen, außerdem in der Zeit vor dem 15. Januar, falls eS irgend möglich, Versammlungen im Bezirk« der Ortsgruppen zu veranstalten und Adressen und Resolutionen herbeizusühren und schleunigst an den Vorstand des Landes­verbandes weiter zu geben, die dem Präsidium Anerkennung für sein« bisherige Tätigkeit und vollstes Vertrauen für die Zukunft auS- sprechen. — Also eine große Vertrauen s- kundgeb«ng auf Kommando! DaS hat gerade noch gefehlt zur Charakteristik des Flotten- vereinS und der Art, in der er zurzeit geleitet wird.

Auch anderswo scheint man mit denselben Mitteln die einzelnen Ortsgruppen deS Uolten- vereinS zu bearbeiten. Denn wie auf Kommando haben eine Anzahl von solchen Gruppen bereits in ziemlich übereinstimmenden Ausdrücken Herrn Keim ihr Vertrauen erklärt.

Die Abteilung Berlin der Deutsche« Kolouialgesellschaft, die betanntlich von dem Piäsidenten der Gesellschaft, de« Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg, gerüffelt worden ist, weil sie die DemonstrationSvertamm- lung der Keim-Leute gegen den Staatssekretär deS Reichsmarineamts inszeniert hat, will sich anscheinend die Zurechtweisung nicht ohne weiteres getallen lassen. Der Vorstand jener Abteilung hat beschlossen, daß gegen die in den Zeitungen veröstentlichie Erklärung deS Präsidenten der Deutsch« Kolouialgesellschaft über die von der

Rest Merian.

Roman von MarieDairrlern.

3] (Nachdruck verboten.)

Jetzt sing sie den nachdenklichen Blick auf, den da» Fräulein ans den an ihrer Seite sitzenden Knaben heftete, und sagte:

„Ja, mau sollte es nicht glauben, daß die schönen Eltern solch häßlichen, unansehnlichen Jungen bekamen. Toi nette war deshalb trostlos und hat den armen Kerl nie so recht gern gehabt. Sie schämte sich, wenn die Leute ihr Befremden darüber ausdriickten. Und doch hat das Kind seine „belle maman" (Schöne Mama) berget* ter."

Refi Merian schickte sich nunmehr an, mit ihrem Dsleackind den Heimweg anzutreten. Je mehr sie die ihrem Innersten unsympathische Frau studierte, desto weniger konnte sie sich dem Eindruck verschließen, daß das Geschöpf, mochte 's eine Vergangenheit hinter sich haben, wie im­mer, doch gutmütig veranlagt war. Denn ihre kleinen, grauen Mausäugelchen glitten immer wieder voll wehmütiger Zärtlichkeit über da» eckige, gelbe Kindcrgisichtchen, und di« mit Ringen übermäßig beladenen Finger tätschelten und lieb­kosten von Zeit zu Zeit seine Wangen.

„Liebe Dame", .sagte darum Rest, „ich danke Ihne" herzlichst, daß Sir sich der Mühe unter­zogen haben, meines Pflegebruders Söhnchen bierl)« zu bringen. Es war gewiß keine Kleinig- keil für Sie. So ein Kind verursacht Umstände und Uicheauemlilbkeiten auf Reisen."

„Oh, das macht nichts. Ich hätte den Jungen der lieben Toinotte unter allen Umständen hier­her gebracht, auch wenn Herr Weiler dafür nicht auch meine Reste mitbezahlt hätte. Wissen Sie, der kleine Mann wäre ja mit niemand sonst ge­fahren: er ist solch ein winziger, eigensinniger Troykopf. Ich mußt« ihm vorspiegeln, daß dei der neuen Tante seine schon lang verreiste Mama tu finden wär^"

| Nun hatte Nesi endlich herausbekommen, wa» rum Fritz diese Person zur Begleiterin de» Kna- Den bestimmt batte l

Abteilung berufen« öffentliche Versammlung vom 10. Dezember b. IS. auf dem innerhalb der Gesellschaft durch ihre Organe gegebenen Wege Abhilfe gesucht werden soll.

Die ,Kreuzztg/ bemerkt zu bem Beschluß bes Vorstandes:

Wir finden «8 sehr bedauerlich, daß nun auch die Deutsche Kolonialaefellschafk von der Flotten Vereins- krisis in Mitleidenschaft gezogen werden soll. Man steht aber aus der H artn öcki gkett der alldeut­schen Elem ente im Flottenverein und in der Ko- lonialgesellfchast, daß sie zu einem Kampf aus Tod und Leben um ihren politischen Einfluß tn den früher unpolitischen Vereinen emschlossen sind. Zu enter po­litischen Parteiorgnnisationen haben sie es noch nicht bringen können; als Spatzen in nationalliberalen Starenkasten fühlen sie sich auch nicht passend logiert, und so verteidigen sie ihre herrschende Position in den Kolonial- und Flo ttenv er einen wie im Evangelischen Bunde mit dem Mute der Ver­zweiflung. Ob sie den Süden gegen den Norden auf­hetzen, ob sie unter die deutschen Fürsten Zwietracht tragen, ist ihnen gleichgiltig.

Das führende konservativ« Organ wendet sich überhaupt mit großer Schärfe gegen bk Keimrichtung im FloÜenoerein. Es schreibt:

Der Flottenverei« unter Keim ist tatsächlich jetzt ein radikaler alldeutscher Agitalionsverein- bem nur nicht die alldeutsche Presse und die alldeutschen Elementeinnerhakb der nationallideralen Partei bei sein er politischen Tätigkeit Unterstützung leihen. Wenn es nicht gelingt, das Präsidium mit anderen Personen zu besetzen, wird der Flottenverein zum alldeutschen Konveniikel herab­sinken. Auf dem Kasseler Tage wird wohl dafür gesorgt w erd en, daß die Keimpartei das große Wort führen kann. Siegt diese Partei, was zunächst das Wahrscheinlichere ist, daun werden alle diejenigen, die nicht den alldeutschen Radikalen iributpfltchlig bleiben wollen, dem Vereine den Rücken wenden müssen. Zunächst werden die fürst­lichen Protektoren sich einer nach dem anderen zurück ziehen, um nicht den Schein aufrecht zu erhalten, als sei das Flottenvereinsvräsidium eine von den Reichs­fürsten unterstützte Nebenregierung im Reiche, eine offiziöse Instanz zur Vorbereitung eines Angriffskrieges. Wenn dann der Verein keine amtlichen und halbamtlichen Verbindungen mehr hat, die dem P> äsidium zur Zeil offenbar als eine drückende Fessel erscheinen, wenn er alS eine rein politische Partei gegen die bestehenden Parteien agitiert, dann sind wieder klare Bethäitnifse geschaffen. Dentschland braucht heute so wenig einen Floltenverein, wie es einen Heeresverein braucht, für den zurzeit des Kon­flikts und des Streits um die Armeeorganisation des ruhmreichen allen KasierS wahrhaftig ei in Bedürfnis vorhanden gewesen wäre.

Deutscher «eich.

* Das Arbeitskammergesetz ist im Reiisam! deS Innern ausqearbeilet worden und liegt zur Zeit dem preußischen Staat-Ministerium vor. Hiernach wird der Enlwurf den Übrigen Bundes­regierungen zur Stellungnahme zuqehen. lieber den Inhalt des Entwurfes erfährt die ^köln. Zlg.' daß feine Grundlage die Organisation der Arbeitskammem nach fachlich-gewerblichen und nicht nach rein örtlichen Gesichtspunkten ist

L Die Regelung der Hausarbeit, die in der Anfang voriger Woche dem Reichstag zuge- gaagkuen Novelle zur Gewerbeordnung versucht wird, ist eine der schwierigsten Fragen der Sozialpolitik. In zwölf Paragraphen werden Bestimmungen erlassen, durch die Leben und Ge­sundheit der Arbeiter geschützt und eine gewisse Kontrolle über die HauSarbnter geführt werden soll. DaS ist ganz gut, aber wenn man die

einzelnen Paragraphen näher betrachtet, drängt sich einem di« Empfindung auf, daß die Regie­rung außerordentlich zaghaft an die Materie beranqetreten ist und eine zur wirklichen Be­kämpfung sozialer Schäden dienende Vorlage nicht gemacht hat. Die Bestimmungen hängen zum großen Teile sehr in der Luft. § 139 sagt beispielsweise:

„Für bestimmte Gewerbe kann der Bundesrat vor­schreiben, daß in denjenigen Räumen, in welchen Arbeit für Hausarbeiter ausgegeben oder Arbeit solcher Per­sonen abgenommen wird, an einer in die Augen fallenden Stelle eine Tafel angehängt wird, die in deutlicher Schrift die für die einzelnen Arbeiter jeweilig gezahlten Löhne enthält."

Der Wert dieser Bestimmung wird hinfällig gemacht durch dm fehlenden Zwang und da­durch, daß die Gewerbe, für welche die Be­stimmung zu.reffen soll, nicht genannt sind. Auch das Verbot der Verrichtung solcher Arbeiten, die mit erheblichen Gefahren für Leben, Gesund­heit und Sittlichkeit der Hausarbeiter oder für die öffentliche Gesundheit verbunden sind, kann nur durch Beschluß deS Bundesrats ausge­sprochen werden, muß es aber nicht. Ein sehr großer Mangel deS Entwurfes ist, daß er von der Regelung der Arb eitsdauer in der Hausindustrie ganz ab siebt. — Die Vorschriften über die Hausarbeit werden mancher Verbesse­rungen bedürfen, ehe sie den Anspruch darauf machen können, einer wirklich zweckmäßigen und durchgreifenden Sozialreform zu dienen.

* Die Einführung eines Füufuudzwanzig- pfermigstiickes, insbesondere die Gestaltung einer solchen Münze, wird im Reichsschatzamt gegen- wärtig noch erwogen.

. Die Grafen Hohenau und Lynar wollen sich, wie man hört, auf die — Verjährung berufen. Sie hoffen also, freigesprochen zu werden, was ihren plötzlich erwachten Mut zur Rückkehr und zur Stellung bei d:r Militär- gerichtsverwaltung erklärlich erscheinen läßt. Wenn sie dann frei-sprachen werden, frei- gesprochen werden müssen, dann soll die Welt glauben, es wäre in Potsdam nichts passiert, die Geschichte aus der Adlervilla oder ihrer Rach- baroilla sei lediglich Verleumdung, und alles sei aufs beste bestellt! Graf Lynar befindet sich in Potsdam unter sogenanntem bewachtem Stuben- arrest, Graf Hohenau, der auf Ehrenwort ent­lassen ist, bei seinem Bruder in Schlesien.

Der Blockminister auf Reisen. Wie der .Berliner BörsenzeitUNg^ mitgeteilt wird, soll die Reise des Staatssekretärs des Innern v. Beth- man n-Hollweg an einzelne deutsche Höfe eine hochbedeutsame politische Aktion fehl. Der Staatssekretär lege den Herrschern im Auftrage des Reichskanzlers die gesamte politische Lage im Innern dar und namentlich di« dadurch notwendig gewordene Aeuderung deS unhalt­baren Systems der Erhebung der Matrikular- beiträge. Wir bezweifeln sehr, daß v. Beth- mann-Hollweg mit seinem Reileau trag, beson­ders mit der „Veredelung" der Matrikularbeiträge viel Glück hat.

-fr- Der nationalliverale Abg. Paasche ist ein vielsettiger Herr. Jüngst erörterte man eine angebliche Äeußerung PaascheS etwa deS Sinne»: „Man ist doch nicht Abgeordneter, um eS ewig

zu bleiben", und knüpfte daran Gedanken über daS Thema: Paasche als Allerweltskandi« bat fik vakante Reichsposten. In der ,Köln. Bztg/ war vor einigen Tagen dargelegt worden, waS Paasche in der jüngsten Zeit alles hat werden sollen. Er sollte Unterstaatssekretär, dann Staatssekret är in bem neu zu schaffenden Reichsarbeitsamt, schließlich Reichsbank­präsident werden. Jetzt teilt die ,Tägl. Rundschau' mit, daß Paasche, nachdem er im Sommer 1906 wegen Krankheit seinen Abschied als Professor genommen hatte, sich um die Nach­folgerschaft des Herrn v. Stengel im Reichs­schatzamt bemühte. Es ist eigentlich schad«, daß daraus nichts geworden ist. Wir hätten gern mal gesehen, wie sich dieser vielseitige Herr als Finanzkünstler gemacht hätte. Für ihn roäre «s gewiß eine Kleinigkeit gewesen, die leer« Reichskaffe im Handumdrehen bis zum Rand zu füllen. Vorläufig wird e8 mit seiner Karriere ja nun wohl vorbei sein. Sein jüngst bekannt gewordener Dementierbrief und seine noch immer unerledigte unwahre Bezichtigung der Kreuznacher Zentrumswähler, sein angeblicher Besuch beim Abg. Gröber in der Hardenangelegenheit geben ihm soviel zu dementieren, zu widerrufen und zu beweisen, daß er kaum wissen wird, was er anfangen soll. Wahrscheinlich wirb er deshalb aar nicht ansangen. Dann aber hat er seine Rolle ausgespielt.

* Der Evangelische Bund als Schrittmacher her Nationalliberalen. Unter dieser Ueberschrifl behauptet das Stöcker'sche .Reich', der Evan­gelische Bund habe beschlossen, im Wahlkreise Wetzlar-Altenkirchen, der durch den christ- lich-sozialen Abg. BehrenS im Reichstage ver­treten wird, allgemein mit der Gründung von Lundesvereinen vorzugehen, mit der ausge­sprochenen Absicht, auf diesem Wege bei der nächsten Wahl eine Wiederwahl de» Herr« BehrenS zu verhindern und die Wahl eines nationallineralen Abgeordneten zu ermög­lichen. An dieser Versammlung habe der Direktor de» Evangelischen Bundes, der nationalliberale ReichStags-Abg. Liz Everling, persönlich teil« genommen. Im Verfolg deS Beschlusses hab« dann am Sonntag den 1. Dezember in Dauben (Kreis Altenkirchen), einem Orte, wo bi« meisten christlich - sozialen Stimmen abgegeben würben, eine Versammlung stattgefunben, in welcher ein Evangelischer BundeSverein gegründet wurde. Daß der Evangel. Bund dem kirchlichen und bem politischen Liberalismus Vorspanndienste leistet, ist nichts neues mehr.

• Der englischen Sprache soll von nun an auch in unser« humanistischen Gymnasien mehr Beachtung zugewandt werden. Unsere Vettern lenieitf der Nords«« scheinen gleichzeitig zu der Einsicht gelangt zu sein, daß die Kenntnis der deutschen Sprache für sie von wachsender Bedeutung ist, und scheinen ihr im Unterricht eine wichtigere Rolle anweisen zu wollen. Eine Londoner Firma, di« ein umfangreiches Geschäft in Feuerlöschapparatcn mit Deutschland betreibt, beschloß, allen Angestellten täglich während der Geschäftszeit eine Stunde deutschen Unterricht erteilen zu lassen. Hoffentlich findet dieses Bei­spiel Nachahmung.

Der Schaffner erschien und zeigte durch lautes scharrendes Ausrufen die Abfahrt des Zuges an. Die Sängerin erhob sich und umarmte zum letzten Mal ihren Schützling. Er gab ihr mit ernstem, stillem Gesicht bie Hand, wehrte aber den ihm ver­meinten Kuß energisch ab und flüsterte:

„Adieu, mademoiselle"Sisi, je vais ctiezmaman!1 („Auf Wiedersehen, mein Fräulein, ich gehe zur Mutter").

Dann nahm er die Rechte Refis und verließ mit ihr den Wartefaai. Draußen wickelte das Fräulein den Knaben in den mitgebrachten war­men Schal, hob das schmächtige Körperchen ouf ihre starken Arme und trug den Jungen seiner neuen Heimat zu.

2. Kapitel.

Als Fräulein Refi am andern Morgen zur gewohnten Stunde erwachte, fiel ihr erster Blick auf das eiserne Kinderbettchen, welches sich neben ihrem Lager besand.

Es herrschte noch völlige Dunkelheit in dem Zimmer und der Schein der in einem roten Glas- behältec brennenden Nachtampel fiel gerade auf das Gesicht des kränklichen Kindes, das noch tief schlummernd in den schneeweißen Kissen lag. Tie schmeichelnden roten Lichtreftexe warfen einen warmen Ton gesunder Färbung über den sonst so gelblichen Teint, und dem Fräulein kam das Aussehen ihres Schützlings jetzt nicht mehr so häßlich vor wie gestern abend. Tie tiefschwar- zcn, aekrausten Haare ringelten sich anmutig auf der meiern Stirn und die langen, dunkeln Wim­pern warfen Schatten auf die schmalen Wangen.

„Arpier, kleiner Kerll" flüsterte sie vor sich hin, „man sieht, daß Deine Pflege arg vernach­lässigt war, und daß das Gewissen jener, die Dir das Leben gab, nicht allzu skrupulös gewesen sein muß. So Gott will, soll sich Dein zarter Körper hier unter meiner Hut lebenskräftiger entwickeln. Vielleicht ernte ich einmal einen anerkennenden Blick aus den Augen Demes Vaters." Während sie sich geräuschlos ankleidete, um den kleinen Schläfer nicht vorzeitig zu wecken, erinnerte ft« sich cm die Muhe, welche ihnen der Knabe gestern noch gemacht batte. Raoul, der sich zwar ruhig

nach Hause tragen ließ, war plötzlich trotzig und I widerspenstig geworden, als ihm auf der Tur-1 schwelle anstatt seiner erwarteten Mama die alte Christel entgegentrat. Aus die zärtlichsten be- willkommenden Liebkosungen der treuen Alten, die dem Knaben die große Enttäuschung nicht an­merken ließ, welche auch ihr sein uneinnehmcndes Aeußere bereitete, hatte er nur abkehrende Go» berden und die immer wiederholte Frage:

■ „Wo ist Mama, meine belle maman?" (Schö­ne Mama.)

Und als sich dann die geliebte Erwartete nir­gends blicken ließ, da verschmähte er Milch und Abendbrot, setzte sich stumm und trotzig in den dunkelsten Winkel des Zimmers und weinte leise, aber herzbrechend vor sich hin. Die treue Magd beugte sich über ihn und sprach ihm tröstend zu. Da ballte er die schwachen Hände zu Fäu­sten und stieß sie ihr abwehrend vor die Brust, so daß sie ganz erschreckt zurücksuhr. Er wollte sich auch durchaus nicht zu Bette bringen lassen und erhob ein gräuliches Geschrei und Getrampel, so daß die beiden Frauen angstvoll in das vor Zorn und Widerspenstigkeit noch abschreckender erscheinende Gesicktclen des Jungen blickten. Ta war Rest ein guter Gedanke gekommen; sie nahm die Bilder, die der liebeglühende Bräuti­gam einst gleichsam als Dokumente für die be­zaubernde Schönheit Toinettes an sein Schwester­chen geschickt batte, und hielt sie Raoul vor die vom vielen Weinen geschwollenen Augen. Da» Kind schaute einen kurzen Moment auf die Pho­tographie, griff dann verlangend danach und drückte heiße Küsse aus die schöne Frauengestalt.

Resi waren die Tränen in die Augen getreten, als sie Zeugin dieses Ausbruches leidenschaftlicher Kindesliebe wurde, vxlcher sie umsomehr befrem­dete, als ihr ja die Frau am Abend erzählte, daß die junge Mama nicht allzuviel für ihr armes, unschönes Kind übrig gehabt hatte. Sie entnahm aber aus diesem Vorfall, daß der Sohn ihres Pttegebruders ein ungemein, anhängliches, treues Herzchen befaß, und die Hoffnung, diese zärtliche, liebebedürftige Kindesseele bald ganz an sich zu ‘effeln. gab ihr stuf wen Mut für ihr schwieriges, verantwortungsvolles Erziehungswerk.

I Raoul hatte sich, mit den verblaßten Photo­graphien in der Hand, ruhig in das schmale, ein­fache, von Christel schon vor einigen Tagen vom Speicher geholte Kinderbettchen legen lassen und schlief nun in den gleichen Bettstncken, die dereinst auch feinen Vater erwärmt und geborgen hatten.

Refi Merian jagte sich, daß das Geschick dieser kleinen Halbwaise und dasjenige ihrer Kinder» jahre viel Gemeiufames hatten. Wie der kränk­liche Knabe, so war auch sie einst bet Nacht und Schneegestöber in dieses Haus abgeliefert worden. Obwohl nicht mehr so jung wie er, sie zählte da­mals bereits zwölf Jahre, mußte doch auch sie den Tod heißgeliebter Eltern beweinen und war auf das Mitleid und die Guttaten ihrer einzigen Ver­wandten, der verstorbenen Frau Weilers, der Stiefmutter Fritzens, angewiesen. Die Zwölf­jährige war zwar nicht mehr fo kindisch unver­nünftig. um das scheue Befremden, welches ihr die kalten, strengen Augen der Tante einflößten, durch Jammergeheul und trotziges Zurückweichen kundzugeben, feine eigentliche Blutsverwandt­schaft zwischen ihr und der sogenannten Tante bestand ja gar nicht; denn Rests Vater war nur ein Kusin der Frau Weilers gewesen. Ums» weniger bestand eine Verwandtschaft zwischen ihr und Fritz Weilers, der nur ein Stiefsohn ihrer neuen Tante war.

Refi benutzte aber jede Gelegenheit, um der kaltherzigen, unliebenswürdigen Frau aus dem Wege zu gehen. Tenn bei ihrer Ankunft in der nenne Zufluchtsstätte hatten sich keine verlangen- den Arme der Waise entgegengebreitet und kein herzliches, trostverheißendes Wort tönte an ihr« Ohren. Sie glaubte jetzt noch den gleichgiltig musternden Blick zu suhlen, den die hagere, blond« Frau mit den glatt gescheitelten Haaren unter her schwarzen, steifen Tüllhaube auf sie heftet«. Dann faßte eine fleischlofe, kühle Hand nach ihre« Schultern, drehte ihre Gestalt einmal um bi« Achse, und die scharfe, ungewöhnlich hohe Stimme der Tante sagte:

„Nun, Du bist ja schon sehr groß und stark. Therese, kannst also unserer Christel bereits tüch­tig an die Hand gehn."

(Fortsetzung folgt)