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34. Jahraang.

. j a, Freitaq bett 20. Dezember 1907

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Erstes Wtatt.

Ne« hinzutretende Abonnenten erhalten die Zeitung vom Tage der Bestellung ab bis Ende Dezember nmsonst.

Diese Zeitung kann schon jetzt für das erste Quartal 1908 bei allen Post, anflallen, Landbriefträgetn, Zei» tungslrägern und bei der Expedition (Harmonie) zum Preise von 1,50 Mark lohne Bestellgeld und Bringer­lohn) bestellt werden.

□ Zur Steuerfrei

Der Bundesrat hält zurzeit Sitzungen ab. in denen es sich um die neuen Reichs- fteuern dreht. Was dort beschlossen werden wird, schwebt natürlich einstweilen noch in tief­stem Dunkel, denn es ist klar', daß auch in, der Negierung eine Entscheidung trotz der langwieri­gen Vorverhandlungen nicht ohne weiteres zu er­warten ist. Man wird auch im Bundesrat sehr ernstlich alle Momente für und gegen erwägen, und erst dann eine Entscheidung herbeifiihren.

Inzwischen beschäftigt sich auch die Oeffent- lichkeit sehr eingehend mit dieser brennendsten aller politischen Fragen und man kann merken, daß. je näher d'e Entscheidung heranrückt, desto änflftlicfjer unsere Blockleute werden. Es graut ihnen förmlich vor der Verantwortungslast der neuen Steuern. Gegenwärtig setzt vor allem das Problem ob direkte oder indirekte Steirern zahl­reiche Federn in Bewegung. Soeben veröffentlicht der „Schwab. Merkur" eine längere Betrachtung darüber, die das Wohlgefallen der „Kreuzztg." in besonderem Maße gefunden zu haben scheint, da sie die Lektüre der Ausführungen des schwä­bischen nationalliberalen Blattes sowohl „der na­tionalen Partei angelegentlichst", wie der natio­nalliberalen Neichstagsfraktion „zu ihrer besseren Information" empfiehlt. Der „Schwäbische Mer­kur" spricht sich nämlich für indirekte Steu­ern aus.

Auch über die Einführung von Monopo­len zerbricht man sich in der Blockpresse weid­lich den Kopf. Dem Vorschlag der Einführung des E l e k t r i z i t ä t s Monopols ist der eines Gas Monopols gefolgt und jetzt redet die „Kreuz- zeitung", einer Anregung des „Hamb. Korr." folgend, einem Reichs Petroleum Monopol das Wort. Das „Berl. Tagebl.", das in diesem Vorschlag nichts als einen „Versuchsballon" sieht, glaubt in der Lage zu fein, Mitteilungen über das Branntwein Monopol machen zu können. Es soll sich um eine Kombination von Produk- tions» und .Handelsmonopol handeln. Das Blatt will wissen, daß nicht nur die Spirituszentrale übernommen, sondern auch von den etwa 130 be­stehenden Spritfabriken 40 bis 50 angekauft wer­

den sollen. Für die gesamte Entschädigung der Spritfabriken soll eine einmalige Aufwendung von 60 Millionen Mark erforderlich sein.

Man wird gut tun, zunächst eine Bestätigung dieser Angaben abzuwarten, denn dem „Berliner Tagebl." passiert zuweilen bekanntlich das Mal- heur daß es verschiedenes „dazu hort . Tie Voss Ztg." veröffentlichte am Donnerstag einen längeren Artikel, in dem sie die St euer an- geböte der Linken: erhöhte Mehreinnahmen aus der Branntweinbesteuerung Aenderungen des Verteilungsmodus der Matrikularumlagen und Ausdehnung der Reichserbschaftssteuer präsen­tiert. Sie schließt mit den sehr bezeichnenden Bemerkungen: „Will der Schatzsekretär mit Mo- nopol und Banderole sieben und fallen, so wird er aller Voraussicht nach fallen. Solange die B l o ck- Politik existiert, hat sich die F i n a n z P v l i- tik ihr anzupassen."

Trotz dieser energischen Sprache gegen den Reichsschatzsekretär ist die Stimmung im Block sehr flau. Man sieht ein, daß man die liberalen Wähler nicht nur mit tränenreichen Leitartikeln über die Bosheit der Gegner im Allgemeinen und des schlimmen Zentrums im besonderen unter­halten kann, sondern daß doch nun bald auch et­was geleistet werden muß.

Der Kartellankag des Zentrums.

Der unmittelbar vor dem Beginn der Weih- nachtsferien von der Zentrumsfraktion im Reichstage eingebrachte Antrag auf Regelung des Kartellwefens ist von ungeheurer Be- deutung für das gesamte W i r t - s ch a f t s l e b e n und steht an Gewicht dem viel- genannten Antrag Galen nicht nach.

Es ist nicht Kartellfeindlichkeit, die diesen wohlvorbereileten Antrag geschaffen hat. Man darf nämlich nicht übersehen, daß die Kartelle auch Gutes geschaffen haben. Wo sie die Regelung der Produktion vorschreiben, haben sie der Schleuderlonkurrenz entgegengewirkt-, auch für Arbeiteischutzmaßnahmen sind sie er­folgreich tätig gewesen. Wir haben hier das Kohlensyndikat im Auge, das unseren deutschen Bergbau ganz erheblich gehoben hat; die Zu­stände auf den einzelnen Zechen, wie sie vor 10 Jahren bestanden haben, waren eine Schmach; heute ist es anders. Auch hat der blinde Raub- bau aufgehört. Je tiefer man in das Studium der Kartelle eindringt, um so mehr wird man zugestehen müssen, daß unser WirtschaftslebM viel durch sie aewoimen hat. Aber es sind auch ihre Schattenseiten nicht zu verkennen, insbe­sondere die Gefahr, daß durch die Kartelle und die hinter ihnen stehenden Banken das gesamte Wirtschaftsleben immer mehr in die Hände von einigen Wenigen gelegt wird.

Auf manchen Seiten ist man vielleicht der Ansicht, daß der Zentrumsantrag zu wenig enthalte, besonders weil er dem Staate nicht das Recht der Festsetzung der Preise gebe. Wir können diese Ansicht nicht teilen; einmal muß man bei Anfängen redjt vorsichtig sein, und man soll auch die Staatsallmacht im Wirtschaftsleben nicht zu sehr ausdehnen. Wir würden es ge­radezu für ein Unglück halten, wenn der Staat die Preise festsetzen sollte. _ Wer soll dies tun? Ein einzelner Beamter? Eine Kommission? Wie aber, toenn sich die Festsetzung als falsch heraus­stellt? Es würden sich da die unangenehmsten Konsequenzen ergeben. Erzielt das Kartell mit dem vom Staate festgesetzten Preisen hohe Ge­winne und verteilt es hohe Dividenden, dann klagt alles den Staat an, der die Großen be­reichern helfe und für deren Geldbeutel sorge. Wenn aber das Kartell schlechte Geschäfte bei der staatlichen Preisfestsetzung macht, dann weigert

dieses sich für die Arbeiter mehr zu tun, es kürzt I die Löhne und klagt den Staat als Lohndrük-1 ter an.

Der Kern des Zentrumsantrages geht nach mehr Oeffen tlichkeitl Es will Licht und Wahrheit über das gesamte Wesen der Kartelle verbreiten und sie damil der Kontrolle der drei- testen Oeffentlichkeit unterstellen. Damit muß angefangen werden; dann erst kann man weiter gehen. Das geheimnisvolle Dunkel, mit dem sich die Kartelle umgeben, mutz gelichtet werden; nicht mehr dürfen 2 oder 3 Kartellagenten in einer stillen Kontorftube über das gesamte Wirt­schaftsleben verfügen. Um diese Oesfentlichkeit herbeizuschaffen, soll nach dem Anträge ein Kar- tellregister angelegt werden; nicht weniger wie 700 Kartelle müßten sich jetzt schon emzeichnen lafseu. Dann sind die Satzungen einzureichen und ein Staatskommissar hat das Recht, sämt­lichen Sitzungen beizuwohnen und die gesamte Gesä'äftsführung zu beobachten. Bei der Börse und bei den Hypothekenbanken ist diese erhöhte Staatsaufsicht bereits eingeführt. Der Staat soll ferner das Recht erhalten, Mindestvorschrlf- ten für die Statuten zu erlassen. Bisher be- stimmten diese einfach, daß der ordentliche Rechts- weg ausgeschlossen sei; kein Mitglied eines Syn­dikats konnte also klagen. Der Zentrumsantrag will solche Beschränkungen nicht mehr zulassen und den ordentlichen Rechtsweg zugänglich ma­chen. Die Oberaufsicht über das Kartellwesen soll in die Hände eines neu zu schallenden Reichs­kartellamtes gelegt werden: wie heute die gro­ßen Versicherungsgesellschaften dem Aussichisamt für Privatversicherungen unterstellt sind, so sollen die Kartelle unter ein Reichskartellamt kommen. Im Versicherungswesen hat diele Aufsicht sehr gut gewirkt: int Kartellwesen wird es ebenso sein. Das Reichskartellamt wird dann Publika- Horten erscheinen lassen: jeden Monats können solche Veröffentlichungen erfolgen. damit jeder­mann in das Wesen und den Betrieb der Syn­dikate Einsicht erhält.

Der Zentrumsantrag hat sich eine kluge Mäßigung auserlegt; aber er gibt dem Staate doch genügend Machtmittel in die Hand, um den Auswüchsen entgegenzuwirken. Tas Zentrum ist mit einem lolchen Anträge als erste Partei auf den Plan getreten. Tie Parlaments­geschichte wird einstens dem Zentrum dies hoch anrechnen, daß es sich in dieser Frage nicht mit der Kritik begnügte, sondern auch als „ausge- schaktete" Partei arbeitete.

Deutsches Reich.

, Zur Keimkrisis im Flottenvereiu teilt die ,Nationalzeitung, im Sperrdruck mit: Wie der Großherzog von Baden und der Regent von Braunschweig, Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, hat auch der Großherzog von Oldenburg die Wahl des Generals Keim zum Präsidenten des Flottenvereins gemißbilligt." — Darüber, was daS Präsidium des Flottenvereins am M.ttwoch beschlossen hat, wird noch immer vorsichtigstes Stillschweigen beobachtet. Man will offenbar erst die Abreise des Prinzen Lud­wig von Bayern, der inzwischen vom Kaiser noch die Einladung zur Teilnahme an einer Hosjagd erhalten hat, abwarten. — Zum 13. Januar wird eine außerordentliche Haupt­versammlung des Flottenvereins nach Kassel ein« berufen.

* Die Verkehrseinnahmen im preußisch- hessischen Eisenbahngebiet steigen fortgesetzt weiter, irotz des voraussichtlichen Rückganges der Kon­junktur. Die Einnahmen aus dem Personen­

verkehr hat im November 1907 um 3,54%, der Güter um 3,68 % zugenommen. Amtlich wird dazu geflußen: „Besonders hervorzuheben ist di« tarfe Steigerung im Personenverkehre, die noch größer erscheinen würde, wenn nicht durch die Personentarifresorm entsprechend der Beranschlagnng ein Ausfall von etwa V» Million Mark entstanden wäre. Der starke Personen- verkehr läßt eine Einwirkung der im Erwerbs­leben eingetretenen Adflauung noch nicht erkennen. Der Güterverkehr war noch reger, als sich aus der Steigerung der Einnahmen erkennen läßt. Namentlich der Kohlenverkehr zeigte ein« sehr starke Zunahme; war doch die Gestellung von Kohlenwagen an der Ruhr um 9,1 p. Ct. und in Oberschlesten um 10,3 p. Et. höher als im November des Vorjahres, der bereits recht hohe Gestellungszistern zeigte. Leider verursacht diese starke Anschwellung des Verkehrs in den niedriger tarifierten Gütern, verbunden mit den sonstigen Ursachen der Ausgabebesteigerung, ein unverhältnismäßiges Anwachsen der Aus­gaben, so daß der Betriebsüberschuß des Kau­senden Jahres, wie sich schon überblicken läßt, nicht nur hinter dem Etat, sondern auch hinter dem Ueberschufse des vorigen Etatsjahre­recht beträchtlich zurückbleiben wird."

a. Der Plan des Kohlenausfuhrverbotes wird an maßgebender Stelle bestritten. Di« Handelsverträge ständen dem entgegen. Gerad« Oesterreich werde sehr schwer dadurch geschädigt werden, was man vermeiden wolle, zumal Oester« reich auch durch ein entgegenstehendes Ausfuhr­verbot für österreichische Braunkohle unseri Industrie schwer schädigen könne.

♦ Eine „Süd - Westafrikauische Transport« und Handelsgesellschaft" ist nach Berliner Blättern in der Entstehung begriffen. Dens Syndikat, daS die Gründung betreibt, gehören u. a. a. an: General z. D. v. Trotha, der frühere Oberbefehlshaber der Schutztruppe für Südwestasrika, Generaldirektor Dr. Wiegand vom Norddeutschen Lloyd. Das Unternehmen bezweckt die Erschließung des Schutzgebietes durch Einrichtung eines Verkehrs von Last« automobilen, welche die vorhandenen Eisen« bahnronten untereinander verbinden sollen. Aus diesem Wege soll ein planmäßiges Verkehrsnetz durch das ganze Schutzgebiet hin hergestellt werden. Das Reichskolonialamt hat der Gesell« schäft eine Konzession bis zum Jahre 1915 er­teilt. Das Gefellschastskapital beträgt 1 200000 Mark, man rechnet aber damit, daß es inner­halb weniger Jahve um mehrere Millionen wird erhöht werden. Hand in Hand mit dieser 93er« tehrseinrichtung soll die Errichtung von Faktoreien betrieben werden.

* Zum Fall des nationalliberalen Abg. Held teilt der „Hann. Kur." mit, daß seine bisheri­gen Prozetzvertreter und Verteidiger in den gegen ihn schwebenden Widerklagebeleidigungs- Prozessen, Rechtsanwälte Dr. Stehmann und Dr, Müller, es a b g e I e h n t hoben, Held weiter zu vertreten. .

ns. Der Zentralverein für Hebung der deutschen Fluß- und Kanalschiffahrt veranstaltet« aus Anlaß der Anwesenheit seines Ehrenrnit- gliedes des Prinzen Ludwig von Bayern ein Festmahl. Auf die verschiedenen Ansprachen hin nahm auch Prinz Ludwig das Wort. Er be­dauerte, daß im Gegensatz zum Norden der Wasterverkehr im Süden nachgelassen habe, und dann erklärte er: Was er anfitebe, sei einerseits

$>er Mond.

Von Dr. H. Baum

(Nachdruck verboten.)

J.

Es ist ein merkwürdiger Geselle, unser Mond, mag man ihn nun mit „populären" Augen oder mit dem wissenschaftlichen Fernglas betrachten. Als treuer Kamerad begleitet er unsere, oder sagen wir lieber seine Mutter Erde, wackelt im buchstäblichen Sinne ihr zur Seite, fast kann man sagen in gleichem Schritt und Tritt, so ergeben, daß er es nicht wagt, ihr jemals den Rücken zu kehren, sondern sie stets mit seiner Gcsichtsseite avblickt. Sein „Gesicht" ist dabei freilich täglich ein anderes, bald freundlich voll lächelnd, bald en profil, bald gar schmal und ver­zogen, denn er mutz seinen Lichtmantel nicht zwar nach dem „Winde", aber doch nach der Sonne richten, und sein volles strahlendes Antlitz zeigt er eben immer nur dieser seiner Großmutter, wie es ähnlich ja auch bei manchen Menschenkindern der Fall ist. Und schauen wir uns seine „Gesichtszüge" etwas näher an. Man­che, namentlich die Kalendermänner, finden in seinen Zügen wirklich „G e s i ch t s"züge, die freilich von Alter und Sorge schon stark gerunzelt etf*einen, andere dagegen, mehr poetische Na­turen,. glauben ein ganzes, verhextes Männlein zu erblicken.

Wir sprechen von den Sorgen des Mondes, worauf übrigens auch sein blasses Aus­sehen schließen läßt. Aber icenn wir erst wüß- tun, wie viele Schmerzen, Leid und Weh er täg­lich schaut, von wicviel Krankheit, Not und Elend et auf seiner stillen nächtlichen Wanderung Zeuge fein mutz, dann könnten wir seinen Kummer und sein „schlechtes Aus/ehen" schon begreifen. Dazu kommt noch, daß es eine Menge Leute gibt, die mit besonderer Vorliebe diesem kalten stillen Wanderer all' ihren Gram und ihren Kummer

mitteilen, die ihm gegenüber der sonst mannhaft zurückgedrängten Träne freien Lauf lassen, als habe gerade er ein besonders mitfühlendes war­mes Herz, er, der doch hart und falt sein soll bis zum innersten Mark! — Für diese merkwürdige Erscheinung läßt sich wohl nur ein Grund an­geben, und in diesem Punkte könnten viele von nnserm Begleiter lernen, es ist sein tiefes unver­brüchliches Schweigen, das fo manche Trost­suchende zu ihm hinzieht. Daß er je einen herben Schmerz, ein tiefempfundenes Leid dem Ge­schwätze der nickst mitfühlenden Allgemeinheit preisgegeben, wird ihm keiner nachsagen können; er übt stets die „stille", ja verschwiegenste Teil­nahme. Darum werden ihm auch so viele Ge­heimnisse anvertraut, selbst wenn sie manchmal keine mehr sind, er geht schweigend seine Wege und verrät dieselben mit feiner Miene.

Und dieser falte, harte und runzelige Kamerad ist durchaus nicht so poesielos, wie man etwa meinen könnte. Im Gegenteil gerade viele poetisch veranlagte Naturen fühlen sich zu ihm hingezogen, fühlen sich besonders gehoben, wenn er ihnen sanft zulächelt, gerade er ist ein viel­besungener, lied- und märchenumwobener Held. Wenn wir auch diese Erscheinung nicht in jedem einzelnen Falle als lobenswert und nicht jeden, der den Mond ansingt, als Dichter preisen kön­nen, in ihrer Allgemeinheit ist diese Tat­sache doch als ein gutes Zeichen, als eine erfreu­liche Erscheinung zu betrachten, als eine Jugend­stimmung der Menschheit, die auch da noch das Zauberband der Poesie und Sage schlingt, wo die Wissenschaft nur den harten kalten Klotz er­blickt.

Und zu all' diesem Leid, besten stiller Zeuge und Vertrauter er sein muß, kommt noch der eigene Gram, die eigene drückende Sorge. Schon die alten Römer sagten ihm nach, daß er lüge; eine grundlose Verleumdung, denn was konnte er dafür, daß die Römer Latein schrieben, unv darum ein D machen wollten, um Decrescere zu bezeichnen, während er runabm. allo das G zu

creseere machte. Die Deutschen haben ihn be- kanntlich denn au* von diesem Vorwurf befreit, wenigstens die, die ihn auf der Nordhälfte der Erde erblicken; dafür aber, datz er die Deut­schen, die etwa nach Süd-Afrika ober Amerika auswanderten, wieder „anlügt", kann er doch offenbar nicht verantwortlich gemacht werden, da mußte er sich eben nach den Engländern und Spaniern richten. Allen es recht zu machen hat er aber trotz seines hohen Alters und seiner vie- len Erfahrung noch nicht gelernt.

Und für was alles wird er sonst noch beraid- wortlich gemacht' Der blasse Mond, sagt man, bringt Negeü; alle Voll- und Neumonde soll er das Wetter ändern, ja fast für jede Wetterände- rung mutz er herhalten! Aber nicht nur dies; Erdbeben und Orkane, Ausfallen der Haare bei Mensch und Tier, Zusammenschrumpfen,des Flei­sches im Kochtopf und für das Gegenteil; objek­tive und subjektive Nebel, und wer weiß, was für menschliche Dinge werden auf fein Kerbholz geschnitten. Und schaut man erst in alte Kalen­der, ach, fo schaudert uns förmlich wegen all' der Sorgen und Verantwortlichkeit, die der Mond damals hatte, und bei manchen Leuten leider heute noch hat, um es ja immer richtig zu tref­fen im Aderlässen, im Schweineschlachten, tut Haarschneiden :c. 2t.l Und einen Vorwurf tragt er schon Jahrtausende mit sich herum, daß er nämlich die Leute krank machen könne, ja datz er sie förmlich mond süchtig mache.

Die Wissenschaft will zwar in all' diesen Punk- ten ihn völlig unschuldig erkannt haben, aber was kann ihm dies helfen, wenn sonst alle Men- f*en von feiner Bosheit überzeugt sind! Wir müssen gestehen, daß auch wir den friedlichen Mond an all' dem Vorgeworfenen schuldlos hat- ten, und bitten unsere freundlichen Seiet in die­sem Sinne für ihn beim Volke Fürsprache ein­zulegen! Daß er sich vielleicht hie und da den kleinen Scherz erlaubt, einem besonders „mu­tigen Helden" aus einem Stück Papier, einem Tuch oder Klotz ein leibhaftiges Gespenst ober

einen gefährlichen Räuber hervorzuzaubern, wol­len wir ja nicht in Abrede stellen, aber wer wollte ihm diese harmlose Freude nicht gönnen.

Merkwürdig ist auch noch die niedere Mathe- matt! des Mondes, die mit Ausnahme der Null und der Eins, die bei ihm den Namen Neu- und Vollmond führen, nur Bruchrechnung und zwar mit Vierteln ist. Dabei zählt er aber nicht mit Adam Riese 4 Viertel für einen Voll mond, sondern schon beim doppelten vom ersten Viertel: das folgende, also eigentlich das dritte Viertel nennt er schon das letzte, während dies doch eigent­lich erst vom vierten gilt, und wenn dann vier Viertel sein sollten, dann ist erst recht nichts sicht­bar, also „Null-Mond". Da er aber gut weiß, daß Null und Nichts nicht gleich sind, so nennt er sich nicht „Nichts-Mond" sondern Neu-Mond.

Wir sehen, das Rechnen ist, tote bei manchen Erdenkindern, seine schwächste Seite, und weil et das in seiner Jugend nicht gelernt hat, so ist et auch in seinen alten Tagen noch immer schrecklich unpünktlich, so daß er selbst die genauesten Stun- denpläne, die die Astronomen ihm für seine Lpa- ziergänge am Himmel ausgestellt, kaum einig« Jahre nnigermaben etwas genauer einhalt. Man hat ihm zwar durch geradezu meilenlange mathe­matische Formeln seine Exkursionen immer mehr verleidet, aber von feiner langen Wanderung her kennt er immer noch einen kleinen Seitenpfad» auf dem er aus diesem Formellabyrinth ent­schlüpft. Er hat ja nun freilich auch seine liebe Not bei seinem Weltenbummel. Zwar geht et immer an Hand seiner lieben Mutter Erde spa­zieren, sie beständig in angemessener Entfer­nung von rund 60 Erdhalbmesser um tänzelnd, wobei er sich auch noch beständig um sich selbst dreht, um ja die Mutter keinen Augenblick aul den Augen zu lassen. Da er sich dabei Mar ganz gleichmäßig dreht, gegen die Erde aber nicht im­mer gleich gerichtet bleibt, da er in r*

ziert, in deren Brennpunkt die Erde steht, so schaut ihn seine Mutter hie und da schief an, was man auch wieder ihm in die Schuhe schiebt um