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men, — Stunden voll unaussetzlichen Jammers, in denen sie das Leid kennen lernen mußte, das Leid unerwiderter, aussichtsloser Liebel Sie, die die Allgewaltige bisher nicht empfunden hatte, fühlte sie jetzt und hätte vor Weh verzweifeln mögenI Daß sie auch auf jene unglückliche Idee gekommen, sich zu verkleiden, daß sie dem Vor­schläge Fanchette's gefolgt war, — das hatte das ganze Unglück zuwege gebracht! Hätte er sie in ihrer wahren Gestalt kennen gelernt, vielleicht wäre es ihr alsdann möglich gewesen, sein Herz dennoch zu gewinnen, während nun jene ver­haßte Nebenbuhlerin siegte! Damit war ihr Le­ben vernichtet, und sie wollte ihn nie Wieder­sehen, den schönen Mann, den sie so unsäglich liebte, den sie ewig lieben würde! Und wieder und wieder flössen ihre Tränen, bebten ihre Lip­pen voll trostlosen Jammers.

Da — horch, was war das? Hatte sich da nicht soeben die Tür geöffnet? Sollte Fanchette, die Verwegene, es wagen?

Sie fuhr ans den Kissen, in welche sie das tränenüberströmte Gesicht tief hineingedrückt hatte, empor und wollte die Zofe zornig Hinaus­meisen, als ein lähmender Schreck sie zurücksinken machte.. Barmherziger Gott! War das eine Hal­luzination? Dort an der Tür stand ja er, der Verursacher all ihres Schmerzes und all ihrer Tränen:, Lothar, und betrachtete sie lächelnd und zwar, wie es ihr schien, spöttisch lächelnd!

Minutenlang lähmte die Bestürzung der Ba­ronin vollständig, dann aber nur desto jäher schnellte sie empor, fassungslos, entsetzt, außer sich. Er hatte sie überrascht, absichtlich überrascht und weidete sich nun an ihren Tränen, an ihrer Qual. Und er wußte alles!

. „Du — Du wagst es, — Du kehrst zurück, drrngst bei mir ein?" stotterte sie, das süße Ge­sicht von Pnrpurglut übergossen.

„Muß ich nicht?" erwiderte der junge Offi­zier schalkhaft. „Ich will doch meine Else gern in ihrer wahren Gestalt kennen lernen! Else,

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»Ja, sehen Sie, Tante Thusnelda," versetzte Lothar, ein sehr reuiges schuldbewußtes Gesicht machend, „eS ist so ganz plötzlich gekommen. Auf uner in der letzten Zeit zurückgelegten kleinen "eise hatte ich sie kennen gelernt, — den Na­men, verzeihen Sie, will ich vorläufig noch nicht nennen, bis ich ihr Jawort habe, — und in den letzten Tagen, eigentlich erst gestern, bin ich durch reifliches Erwogen mir meiner Gefühle klar ge- toor&en. Da habe ich nun an sie geschrieben, sie mag |td) entscheiden, und morgen will ich ob- rctfen, zu ihr gehen, vor ihr niederknieen und von ihren rosigen Lippen küsien! O, Tantt ThnSnelda, ich weiß es, ich habe Ihnen ver­sprochen, noch, einige Tage hier zu bleiben, aber sehen Sie, Sie haben ja doch auch mal geliebt, . 6e,L£pJk.1' — es ist freilich schon lange her, aber schließlich werden Sie sich noch erinnern können — man hat keine Ruhe! Sogar mich hat - gepackt, der ich bisher ein Eheverächter war! « $u. j$r- lch muß wissen, ob sie meine

Gefühle erwidert! Darum verzeihen Sie. wenn >ch trotz meines Versprechens bereits morgen früh Qjtetfe! Sie sollen dafür auch die erste sein, der tch von meinem Glücke Mitteilung mache!"

„Zu gütig!" versetzte die Baronin mit schril- slst ^4-« „Indessen, offen gestanden, intec- essrert es mich wenig und will ich Dich gern da- »»b ernV^enC- Resse getrost zu Deiner Duleinea und laß sie die Hande auf Deine Stirn legen, ^'°be Dich nut ,hr und sei glücklich. Mein Bild aber laßt Du wohl gütigst zurück! Da Du liebst, rann es Dich wenig interessieren, tote ich — vor

vielen Jahren ausgesehen habe, und zu verhöh- nen brauchst Du mich nicht noch obendrein!"

Ihre Stimme wukde schwächer und schwächer; es klang wie schwer unterdrücktes Weinen daraus hervor. Lothar brach das Herz fast vor Mitleid. Am liebsten wäre er vor ihr niedergekniet und hätte gesagt: „Else, teuerste Else, weine nicht! Sieh, Du bist ja sie, die ich liebe, über alles liebe! Sage, daß Du mich auch liebst und laß mich das Ja von Deinen Lippen küssen!" — Doch nein, nicht in diesem Mummenschanz sollte sie seine Braut werden; erst wenn sie ihn abgelegt, wenn sie den „Neffen" fern wähnte, dann wollte er kommen, sie überraschen und um sie werben. Und um den Erfolg bangte ihm jetzt nicht mehr!

„Tante Thusnelda", sagte er vorwurfsvoll, „wie können Sie das von mir denken? Ich Sie verhöhnen, der ich Sie verehre, wie ein Sohn die Mutter! Aber, da Sie es wünschen, werde ich das Bild zurücklassen. Ich möchte morgen in aller Frühe abreisen. Darf ich hoffen. Sie noch einmal zu sehen?"

„Nein, das wird mein Zustand nicht erlau­ben!" kam es mit tonloser Stimme zurück. „Es genügt, wenn Tu mir heute Adieu sagst!"

„So leben Sie denn wohl, Tante Thus­nelda", sagte Lothar mit dem ehrlichsten Gesicht von der Welt, „empfangen Sie meinen innigsten Dank für Ihre Gastfreundschaft und —"

„Genug, genug!" flüsterte die Baronin mit dem Aufgebot ihrer letzten Kraft. „Verlaß mich und reife glücklich, — nur, bitte, gehe jetzt!"

Er konnte nicht anders, er mußte ihr folgen. Kaum aber, daß die Tür sich hinter der hohen Gestalt des jungen Offiziers geschlossen hatte, brach sie ohnmächtig zusammen.---

Am nächsten Tage war's. Bleich und abze- panut, die schönen Augen von Tränen geratet, lag dte Baronin in ihrem Boudoir auf dem Di­wan, nicht mehr in der entstellenden Verklei- )ung, sondern in der schneeweißen Morgentoi- ette, in welchem wir sie zuerst erblickten. Was für Stunden lagen hinter ihr, würden noch kom-

geliebte Else, meine schöne junge Tante", sagte er, vor ihr niederkniend, „siehe da kniee ich nun vor der, die ich seit drei Tagen, seit ich sie kennen lernte, liebe als mein Leben, — da kniee ich vor Dir und frage Dich: Willst Du mein fein, mein Lieb, meine Braut, mein teures Weib?"

Die Baronin strich mit der Hand über die Stirn. '

„Träume ich, oder wache ich?" stammelte sie schweratmend. „Ties — nach all den entsetz- licheu Stunden, nach all den Schmerzen und Trä­nen? Und jener Brief — jenes Bild?"

„Jener Brief", versetzte er lächelnd, „war an Gina, meine Schwester, gerichtet, — jenes Bild das ihre! Sie sollte mir raten, den Zwiespalt in meinem Innern lösen helfen, der mich an der Seite einer scheinbar alten Frau tote in einem Zanberbann verharren und deren Bild aus an­geblich längst vergangenen Tagen abgöttisch lie­ben machte bis mir gestern die Andeutungen des Grafen Metternich und die Ankunft jener tollen Truppe die Augen öffneten und die Täi» schung durchschauen ließen!"

„Also doch! Ich ahnte es, daß durch ihn mein Geheimnis verraten werden würde!" flüsterte die Baronin fchamerglühend.

„Ich begab mich, nachdem er fort war, nach Koblenz und zog dort Erkundigungen ein, toaS mir natürlich nicht schwer wurde. Aber nun, meine heißgeliebte, teure Else, sprich, willst Du mein sein, mein fürs Leben? Liebst Dl! mich. Deinen großen Neffen?"

„Ob ich Dich liebe, Tu böser Mensch!" ries die Baronin mit strahlendem Lächeln. „Dv weißt es ja und fragst noch? Ueber alles liebt ich dich und wünsche weiter nichts, als Dein Weib zu sein — daß Du's weißt!"

Und dann lagen sie sich in den Armen, lach­ten und weinten vor Freude, und wurden nicht müde, von ihrer Liebe, ihrem Glück, ihrer Selig« kett zu sprechen.

(Fortsetzung folgt.)

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