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Erscheint täglich mit Ausnahme de Sonn« Md Feiertage Dterteb |äbri.8e$ugsptei< ohne vringerl'tn »«d BefteUgetoinSti Eaunb auswärts i M!. 5;Psg.

Derantw. Vedat em: Carl Schütte: für die Anzeige, r 3. Parze»« in Hu'da.

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wodwbeiiage: „Illustrierte Sonntagszeitung" Mouäkdeiiage: „ Hulda« Geichichtsblaiter"

An ;ei g en. Vie ein fpalttgePetitzeile »de» deren Raum 15 pfg. Reklamen Me Petitzelle 25 pfg.; bet Wieder­holungen wird entsp»,

Rabatt gewährt. 1

Rotationsdruck n Verlag der Hulda« Mt* tiendrsckerei in Hulda. Hernfprecher Nr. 9.

34. Jahraanfl.

Fulda, Montag den 9. Dezember 1907.

M 282.

Zweites MLatt.

Etatsresoluttonen der Zentrums- fraktton des Reichstages.

Die Zentrumsfraktion hat alsbald nach der Generaldebatte zum Etat eine Reihe von Etats- resolutionen eingebracht, aus denen klar hervor- geht, daß die stärkste Fraktion des Reichstages nicht gesonnen ist, sich „ausschliehen" zu lassen; sie will wie bisher auf den verschiedensten poli­tischen und wirtschaftlichen Gebieten, an der Wohlfahrt des Reiches mitarbeiten.

Zum Etat des Reichskanzlers wurden zwei Resolutionen gestellt: 1. um Vorlegung eines Gesetzentwurfes über die Revision des Reichs- beamtengesetzes, wodurch den Reichsbe- amten das Recht gemeinsamer Geltendmachung von Bitten und Beschwerden gewährleistet wird; 2. um Herabsetzung der die Kohleneinfuhr er­schwerenden Eisenbahntarife und um Aufhebung oer die Kohlenausfuhr begünstigenden Eisen­bahntarife zur Linderung der Kohlennot.

Zum Etat des Reichstages wurde beantragt, «um Schutze des Wahlgeheimnisses: 1. dem Reichstag einen Gesetzentwurf vorzulegen, der die vorsätzliche Verletzung des Wahlgeheim­nisses durch Mitglieder des Wahlvorstandes mit Kriminalstrafe bedroht; 2. das Wahlreglement zu ergänzen: a) durch die Vorschrift, es solle die Wahlurne während der Wahlhandlung geschlossen und so beschaffen sein, daß vor ihrer Entleerung eine Mischung dec Wahlunischläge stattfindet; b) durch Normativbestimmungen über die Gestal­tung der Wahlurne und des Isolierraumes.

Am zahlreichsten sind wie iminec die Reso­lutionen zum Reichsaint des Innern; sie gehen dahin: 1. „Die verbündeten Regierungen um alsbaldige Vorlegung von Gesetzentwürfen zu er­suchen, die bezwecken: 1. die Sicherung und den weiteren Ausbau des Koalitionsrechtes der Arbeiter (§ 152 G.-O.); 2. eine auf freiheit­licher Grundlage aufgebaute Regelung der pri­vatrechtlichen und öffentlichen Verhältnisse der Berufsvereine aller Art; 3. die Errichtung von Arbeitskammern zum „freien und friedlichen Ausdruck der Wünsche und Beschwer­den der Arbeiter"; 4. die Sicherung und weitere Ausgestaltung der Tarnfgern eins chaften zwischen Arbeitgebern, und Arbeitnehmern." 2. „Die Verbündeten Negierungen zu ersuchen, tunlichst bald einen Gesetzentwurf vorzulege», durch den bezüglich der gewerblichen So nn- tagsruhe bestimmt wird, daß a) die den Ar- bcitern zu gewährende Ruhe (§ 105 d. R. G. O.) mindestens für jeden Sonn- und Festtag 36, für zwei aufeinanderfolgende Sonn- und Festtage 60 Stunden beträgt; b) die Arbeitszeit der Hand­lungsgehilfen, so weit sie nicht in offenen Ver­kaufsstellen beschäftigt werden (§ 139 d. R. G. O.) auf höchstens 2 Stunden an Sonn- und Festtagen beschränkt wird; c) eine ortsstatutarische Rege- lung der Sonntagsruhe (§ 105 d. R. G. O.) auch dahin ermöglicht wird, daß die Zulassung der Beschäftigung an bestimmte Bedingungen ge­knüpft wird; den in Gast- und Schankwirt- fchaften beschäftigten Personen tunlichst an jeden. Sonn- und Feiertag, mindestens aber an, jedem 2. Sonntag der Besuch des Gottesdienstes ermög­licht wird (§ 105 i. R. G. £>.); e) die Sonntags­ruhe auf die in der Binnenschiffahrt beschäftigten Personen ausgedhent wird." 3. „Die Verbünde-, ten Negierungen um Vorlegung von Gesetzent­würfen und UNI Anordnungen zu ersuchen, welche bezwecken: a) bezüglich der Privatbeam- t e n; Ausdehnung der Erhebungen der Kom­mission für Arbeiterstatistik auf die Verhältnisse

aller Privatbeamten; Errichtung von Ausschüs­sen der Privatbeamten in größeren Betrieben; Vertretung der Privatbeamten in den zu schaf- senden Arbeitskammern; Schaffung einer gcsetz- lickren Aufsicht über die Durchführung der Schutz- bestimmungen zu Gunsten der Privatbeamten; Ausdehnung der Kranken- und Unfallversicherung auf Privatbeamte in angemessenen Grenzen; Einführung einer staatlichen Pensions» und Hin- tcrbliebenenversicherung für Privatbeamte; Si­cherung der Dienstkautionen der Privatbeamten im Konkurs des Arbeitgebers; b) bezüglich der technischen Angestellten: rechtliche Gleichstellung der technischen Angestellten mit den kaufmännischen Angestellten, insbesondere in- bezug auf die obligatorische Zahlung des Gehalts am Monatsschluß, die Fortzahlung des Gehalts bei militärischen Hebungen bis zur Dauer von 8 Wochen, das Verbot der Abzüge vom Gehalt hinsichtlich der Beträge aus einer Kranken- oder Unfallversicherung, die Ausstellung des Dienst- zeugnisses schon bei Kündigung des Dienstver­hältnisses, die Konkurrenzklausel, Gewährung an­gemessener Ruhezeiten, insbesondere der Sonn­tagsruhe, in erhöhtem Maße; c) Ausdehnung der Zuständigkeit der Gewerbe- oder Kaufmanns, gerichte auf die technischen Angestellten; d) An­wendung dieser Bestimmungen auf die technischen Angestellten in landwirtschaftlichen Nebenbetrie­ben, im Verkehrsgewerbe und im Bergbau." 4. „Um Vorlegung von Gesetzentwürfen zu er­suchen, wodurch a) das Bergwesen einheitlich durch das Reicht geregelt wird; b) das Knapp- schasiswesen geregelt wird; c) im § 74 des Kran- kenversicherungsgesetzes dem Absätze 2 folgender Satz bcigefügt wird: „Die Vertreter der Ver­sicherten in der Generalversammlung (Knapp­schaftsältesten) und im Vorstande müssen in ge­heimer Wahl gewählt werden." — 5. „Die „Ver­bündeten Regierungen zu ersuchen: a) tunlichst bald einen Gesetzentwurf, betr. Aenderung der Gewerbeordnung vorznlegen, worin vorgeschrie­ben wird, daß besonders Beamte für die Bau­kontrolle (§ 139b) in genügender Zahl ange­stellt und gewählte Vertreter der Arbeiter bei der Kontrolle zugezogen werden; b) Verordnun­gen znm Schutze der Bauarbeiter auf Grund des § 120e der Gewerbeordnung zu er­lassen: c) zur Sicherung einer zweckmäßigen Ge­staltung der Vorschriften sub a und b vor Erlaß derselben beteiligten Arbeitgebern und Arbeit­nehmern unter besonderer Berücksichtigung der bezüglichen gesetzlichen Vertretungen (Handwerks­kammern, Innuugsverbände, Gesellenausschüsse nsw.) gelegentlich zu gutachtlicher Aeußerung zu geben. — 6. Um Vorlegung eines Gesetzen!- ivurfes, wodurch der § 23 des Gesetzes, betr. die Schlachtvieh- und Fleischbeschau vom 3. Juni 1900 wie folgt abgeändert wird: „Die Kosten der amtlichen Hntersuchung (§ 1) fallen den Bundesstaaten zur Last. Gebühren dürhrn hierfür von den nach § 1 Verpflichteten nicht er­hoben werden,"

Zum Etat der Heeresverwaltung wurde bean­tragt, dahin zu wirken, daß 1. die Hebungen der Reservisten und Landtoehrmänner nicht in Erntezeiten abgelmlten werden; 2. einheit- lickze Bestimmungen über den Ernte urlaub der Soldaten erlassen werden.

Zum Etat des ReichsjustizamteS fordert das Zentrum: ,-,Dem Reichstage einen Gesetzentwurf vorzulegeu, wodurch den H n t e r s u ch u n g s ge­fangenen allgemein, sowie den zu Gefängnis­strafe veruteilteu Personen, wenn ihre Handlung nach der im Urteil zu treffenden Bestimmungen nicht eine ehrlose Gesinnung bekundet hat, gestat­tet wird, während der Dauer der Hntcrsuchungs- haft oder Gefängnisstrafe sich selbst zu beköstigen und in einer ihrem Beruf und Bildungsgrad an- gemessene!, Weise sich zu beschäftigen.

Die alte Hctnte.

Humoristische Erzählung von Gustav Reh seid.

80] (Nachdruck verboten.)

„Tausend Dank, liebe Tante!" rief Lothar, nn das Fenster tretend, um besser sehen zu kön­nen, und die Photographie entzückten Auges be­trachtend. „Nun bin ich zufrieden und komme mit Vergnügen Ihrem mir übrigens sehr schmei­chelhaften Wunsche nach! Herrliches, süßes Wesen das! Es besitzen, — das wäre das Paradies auf Erden!"

„Um Gottes willen, höre auf mit Deinen Tiraden, Du Spötter!" rief die Barönin mit seltsam verschleierter Stimme, aus der cs wie tiefe Erregung klang.

, „Es find keine Triaden, cs ist die Wahrheit, beste Tante!" versetzte Lothar überzeugungsvöll.'

„Gnädige Frau, der Herr Graf Metternich wünscht seine Aufwartung zu machen!" meldete da gänzlich unvermittelt die nach leisem Anpochcn plötzlich eintretende Fanchette.

I . „Aber, Fanchette, was fällt Dir ein?"- rief i&ie Baronin entsetzt. „Du weißt doch, daß ich Ihn nicht empfangen kann! Hast Du ihm denn nicht gesagt, daß ich nicht zu sprechen sei?"

„Ich habe ihm gesagt, daß Gnädigste krank seien!" erwiderte die Zofe. „Er glaubt es aber nicht und will sich nicht abweisen lassen. Er müsse die Frau Baronin sprechen, — dabei ,bleibt er!"

, „Mein Gott, was nun?" rief die Baronin ratlos.

j „Vielleicht gestatten Sie, liebe Tante, daß ich ;cen Herrn empfange und ihm in Ihrem Nayien 'wem Bedauern ausdrücke, daß Sie krankheits- halber von seinem Empfang Abstand nehmen Mussen!», mischte Lothar sich ein.

*. »Ach ia, tue das!» ächzte die Geängstigte auf- atmend. „Führe den Grafen in den blauen Sa­ison, Fanchette, und Du, lie..r Neffe, sage ihm,

daß ich krank, sehr krank sei, — seit einer Woche schon, — sage ihm, was Du willst, nur schicke ihn fort!"

„Unbesorgt", versetzte der Offizier lächelnd, die Photographie vorsichtig zu sich steckend, „ich schicke ihn fort! Wenn cs sein muß, fordere ich ihn und schieße ihn tot, dann sind Sie ihn für immer los!"

„Nein, nein, nur das nicht!" rief die Baro­nin, aufs neue geängstigt, aus. „Du darfst Dein Leben nicht aufs Spiel setzen, Du könntest auch getroffen werden! Nein, nein, provoziere keinen Streit Lothar, hörst Du? Ich bitte Dich, versprich mir das!"

„Nun denn, — ja, ich verspreche es!" sprach Lothar seltsam ergriffen von ihrem so angstvoll, so zärtlich flehenden Ton. „Ich werde ihn in aller Höflichkeit ersuchen, uns ein andermal die Ehre zu erweisen!"

Damit begab er sich lustig und vergnügt hin­aus auf den Gang und ließ sich von der ihn er­wartenden Fanchette nach dem blauen Salon füh­ren. Ehe er eintrat, konnte er sich nicht enthal­ten, die Kleine um die Taille zu fassen und ihr zuzuslüstern:

„Nun, Fanchette, wollen Sie cs mir wirklich nicht sagen, worüber ich Augen machen werde?"

„Erwarten Sie nur die Zeit!" kicherte die Kleine, sich ihm entwindend. „Und die Um­armungen sparen Sie sich nur auf für —"

„Nun, für?"

„Für Ihre Tante!" lacht« Fanchette mut­willig auf und huschte davon.

Für Ihre Tantel Was sollte denn das nun wieder?

Lothar's Hand, die er bereits nach der Sam­metportiere vor dem Saloneingang ausgestreckt hatte, sank unwillkürlich herab, angesichts dieser Frage» die ihn gleichsam starrt machtet, als' eine ©timme, die urplötzlich von drinnen her an sein Ohr schlug, ihn fast gleichzeitig geradezu elektrisierte.

Zum Etat des Reichskolonialamtes beantragt das Zentrum: schärfste Maßnahmen gegen die Einfuhr und den Ausschank von Alkohol tn den Kolonien.

Deutsches Reich.

„Das Zentrum hat ernste Sorgen", so versichert wenigstens die,Nationalzeitung'. Das Blatt begründet das des näheren wie folgt: „Trotz aller tönenden Phrasen fühlt sich daS Zentrum im Innern seines Herzens in der gegen­wärtigen Situation nicht wohl. Seit einem halben Jahre tut eS nun nichts als schimpfen, an den praktischen Arbeiten des Reichstages be­teiligt cs sich so gut wie gar nicht, sondern sucht nur mit emsiger Gehässigkeit nach geeigneten Ge- legenheiten, um dem Block einen wohlgezielten Todesstoß versetzen zu können. Von diesem Spiel kann es aber auf die Dauer nicht leben, sonst werden ihm seine Wähler aufsässig, die sich auf die Dauer mit Oppositionsreden auch nicht füttern lassen." — Was das B alt da nicht alles weiß! Die Sorgen des Zentrums sind federleicht untz nicht zu vergleichen mit denen der Blockbrüder, die nie wißen, was ihnen der nächste Tag bringt. Die Behauptung, das Zentrum beteilige sich nicht an den parla­mentarischen Arbeiten, ist Schwindel. Seitdem der Block besteht, sind neben dem Etat nur die Peusionsgefetze verabschiedet worden und der Berichterstatter hierfür war der Zentrums- abgeordnele Erzberger. Seit dem Wiederzu- sammenlritt des Reichstages im Herbst ist nur der Staatsvcrtrog mit Holland erledigt worden und der Berlchterstatter war derselbe Zentrums- abgeordnete. In der Kommission für die Sicherung der Bauforderungen ist der Zentrums­abgeordnete Dr. Meyer-Kausbeuren zum Bericht- erstatter ernannt worden; hier hat das Zentrum tchoil eine ganze Reihe von Verbesserungsan- lrägen gestellt. In der Kommission für die Majestätsbeleldigung ist ein Zentrumsabgeord- neter Vorsitzender und der Abg. v. Roren hat eine ganze Anzahl von Anträgen gestellt. In der Petitionskommission führt der Zentrumsabg. Wattendorff den Vorsitz und der Zentrumsabg. Dr. Belzer hat das Referat über die neue Petition der Homosexuellen. In der Budgei- kommission befinden sich die umsangreichsten Referate in den Händen der Zentrumsabgg. Frhr. v. Hertling, Erzberaer, Frhr. v. Thüne- seid, Speck und Will. Wie das Zentrum im Plenunr arbeitet, betveikn die von ihm gestellten Elatsrefolutionen. Diele Auszählung ließe sich noch sehr erweitern, aber sie beweist, wie die ,Nationalzeitung' schwindelt, wenn sie behauptet, daß bas Zentrum nichts arbeite.

1. Die Zurückziehung der Polenvorlage wird von der ,Vtber. Korreip/ angekündigt. Die neu­liche Abstimmung in der Kommission, bei ber be­kanntlich auch die Konservativen gegen die Ent­eignung stimmten, sei nicht einer Augenblicks- stiminung entsprungen, sondern der Erkenntnis, daß die Enteignung ein hartes Mittel und eine große Gefahr darstelle. Selbst wenn die Regie­rung im weiteren Verlaufe ausreichende Schutz­mittel gegen den Mißbrauch der Enteignung brin­gen werde, werde nur ein Teil ber Konservativen zustimmen. Bei dieser Sachlage erscheine es recht wahrscheinlich, daß die Regierung auf die Weiter­beratung des Gesetzes keinen Wert lege und die

Vorlage zurückziehen werde. Jedenfalls werd« die Regierung auf die Enteignung verzichten, aber die geforderten 400 Millionen nehmen, um ba- Ansiedelungswerk in ber bisherigen Weise fortzu« führen. Man wird lehr gut tun, diesen Mittei« lungen gegenüber ruhig Blut zu bewahren, um so mehr, als die ,Nordd. Allgem. Ztg/ in ihrem Rückblick bezüglich der Ostmarkenvorlage sagt, es bürfe boch noch bie Hoffnung gehegt werben, baß in ber zweiten Lesung ber Kommission e« dem Zusammenwirken von Regierung und Mehrheit gelingen werde, eine Faffung zu finden, die der Regierung eine brauchbare Handhabe dort reiche, wo die bisherigen Mittel gegen das Vordringen des polnischen Besitzes versagen.

e. Das „terroristische Waffenlager" in Berlin, das bie Polizei dort entdeckt hat, hat zu einer langen Preßdebatte zwischen den von der Polizei unterrichteten Berliner Blättern und dem sozialdemokratischen /Vorwärts geführt. Von Berliner Blättern war auch behauptet worden, der Direktor des ,Vorwärts^ Abg. Fischer habe sich seinerzeit von einer Maschinen­fabrik bei der Bestellung einer Maschine für den .Vorwärts" Provision zahlen lasten. Fischer hat daraufhin beider Staatsanwaltschaft Strafantrag gegen diese Blätter gestellt. In diesem Prozesse, den Fischer eventuell durch eine Privatklage in Gang bringen wird, dürste über die Bestehungen der Berliner Polizei zu einzelnen Berichterstattern allerlei Interessantes ans Tageslicht gefördert werden. — Die ,Deutsche Tageszeitung' schreibt zu der Ankündigung, daß auch sie wegen Be­leidigung verfolgt werden solle: „Die Anrufung des Staatsanwalts finden wir fehr naiv." DaS Blatt scheint danach die Staatsanwaltschaft bei Prioatbeleidigungen nur dann für zuständig zu halten, ivenn es sich um konservative Großen handelt, bie durch richterliches Urteil als wider­natürlich veranlagt hingestellt worden sind.

* Das angekündigte Weißbuch über die zweite Haager Konferenz ist dem Rei. stag zu- gegangen, aber noch nicht zur Verteilung gelangt.

* Trier, 7. Dez. 1907. Die hiesige Re­gierung gestattete allen in letzter Zeit ange­stellten katholischen Geistlichen die Erteilung des schnlplanmäßigen Religionsunterrichts. Die ,Germ.', ber wie diese Meldung entnehmen, fügt hinzu: es dürfte wohl „von oben" etwas in Trier eingetroffen fein.

* Dresden, 7. Dez. 1907. Die Wahl- rechtsvorlage wurde von der sächsischen Zweiten Kammer nach mehrtägiger Debatte einer Kommission überwiesen. Die Ausführungen der letzten Redner deckte sich mit den Erklärungen, die die Parteiführer schon abgegeben hatten. Verstärkt wurde noch der Eindruck, daß bie Wahlen durch die Kommunalvertretungen keinen Beifall finden. Staatsminister Dr. Gras von Hohenthal und Bergen erklärte denn auch, daß er an diesem Teil ber Regierungsvorlage nicht unbebingt sesthalte; er zeigte sich weiter einem weiteren Ausbau des Mehrstimmenrechts bis auf drei ober vier Stimmen geneigt.

Reklamen- und Anzeigenteil.

E mserWass er

Lotbars Hand mochte die schwere Sammetportiere vor dem Eingang des mit verschwenderischem Lurus eingerichteten Salons leicht berührt und der drinnen Wartende das beobachtet und für das Nahen der Herrin des Hauses angesehen haben. Eine affektierte, schnarrende Stimme war es, die ihm, ehe er noch einzutreten vermochte, offenbar von diesem Irrtum befangen, entgegentönte:

„Endlich, teuerste gnädige Fran, lassen Sie sich herab, Ihren getreuesten Ritter zn begrüßen, nachdem Sic ihn durch die Kunde Ihrer Krank- beit effektiv in entsetzlichen Schrecken versetzt ha­ben! Wäre es möglich, Sie, die blühende, strah­lende Jugend, die verkörperte Anmut--Ha,

was ist das?"

Lothar batte die Portiere zurückgeschlagen und mustert» nun amüsiert den seiner alten Tanke so unwillkommenen Gast. Der Graf Metternich war ein korpulenter Herr mittleren Alters mit tonn- dcrvollen — falschen Zähnen, die er — nebenbei erwähnt — gern zeigte, wenn er sprach und lä­chelte, und er lächelte viel. Er besaß fleischige, weiße Hände und trug einen hechtgrauen Anzug mit hellblauer, kokett geschlungener Krawatte. Seine schmalen, hellen Augen hatten für gewöhn­lich einen von Wohlwollen strahlenden Ausdruck, zuweilen aber blitzte cs listig und verschlagen darin auf, damit anzeigend, daß die zur Schau getragene Bonhomie nicht echt war, ebensowenig, wie der tadellose Scheitel, der das Haupt krönte.

„Pardon, mein Herr, ich wünschte, die Fran Baronin von Scharffenstein zu sprechen, nicht aber einen — jungen Mann, den ich effektiv zum erstenmal in meinem Leben erblicke! Mit wem habe ich die Ehre? Ich bin Graf Metternich, Besitzer des benachbarten Rittergutes Volkrats­haufen und mehrerer Vorwerke!"

„Von Scharffenstein, Oberleutnant im Garde- Hlanenregimenk, Neffe der verwitweten Baronin Scharffensteinl" stellte Lothar sich mit leichter Verneigung vor. „Darf ich Sie ersuchen, Platz zu nehmen, Herr Graf?"

Der Graf hatte sein Monokel in das Auge ge­klemmt und musterte den wie vom Monde herab- gefallenen Neffen seiner Angebeteten mit gehäs­sigen!, unverschämtem Ausdruck, ohne der Auf­forderung zum Sich-Setzen nachzukommen.

„Sie scheinen erregt, ein wenig Ruhe wird Ihnen gut tun, Herr Graf!" fuhr Lothar in unzerstörbarem Gleichmut fort. „Bitte, nehmen Sie diesen Fauteuil! — Meine Tante ist in 93er- zweiflung. Sic heute nicht empfangen zu können, allein zu ihrem großen Leidwesen fühlt sie sich außer stände, — sie ist feit mehreren Tagen, krank, bettlägerig krank, — ihr Instand ist sehr bedenklich, und bei ihrem Alter--Sie begrei­

fen, Herr Graf! Vielleicht erweisen Sie ihr ein andermal die Ehre!"

„Hihi", lackte der Graf, seinen langen Schnurr­bart drehend, giftig auf, „also krank ist sie, die Aermste? Sie sehen mich verzweifelt, Herr Leut­nant! Welch ein Glück, daß Sie gerade hier sind, — dienen als Krankenwärter, was?"

„Ich erfülle meine Pflicht!" erwiderte Lothar gleichmütig.

„Hm, ja, — ist ja sehr lobenswert, verehrter Herr! Offen gestanden, hörte da gestern etwas von einem Besuch, einem jungen Mann, den die gute Baronin sich geleistet habe, — wollte es nicht glauben, effektiv nicht, — aber Sie gestehen ja Ihre delikaten Funktionen mit einem Gleich­mut ein, den ich — hm — bewundern könnte!"

„Herr Graf, wollen Sie gefälligst diese Ihre Aeußerung zurücknehmen?" rief Lothar, auf­springend, mit blitzenden Augen aus.

„Ahem!" räusperte sich der Graf, verlegen fein Glas putzend. „Müssen daS nicht gleich so schlimm auffassen, Herr Leutnant, wollte effektiv nicht beleidigen, — kleiner Scherz, nichts weiter!"

„Meine Funktionen bei meiner Tante", fuhr Lothar erregt fort, „können für einen Ehrenmann nichts Verdächtiges haben l Meine Motive find die lautersten, nur ein Elender , ;>

. Kortsetzung folgt.) ■