Fulda, Monlaci den 2. Dezember 1007
M 276.
Erstes Wtatt
(Nachdruck fretbotra.)
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a«3«l a tn. Vie ein« spaitioevetttzeile oder deren 8a«m 15 psz. Reklame« He peiitzeile 25 Pfg.; bet wieder« hsiunaen wird enNpk. Habalt «ernährt.
verantw. Hedai ent Lari Schütt';
Dis alte Tante.
Humoristische Erzählung von Gustav R e h s e l
Preußischer Lau-Lag.
Abgeordnetenhank.
Sitzung vom 30. November 1907.
Die Beratung der O stm ar ke nv srla ge wird fortgesetzt. ■ , ... ,
Abg. Wolff-Lissa (fr. Dgg.) protestiert gegen die Einmischung des Auslandes in dteie Aitge- legenheit und geht dann naher auf dre Tangiert der Ansiedlungskoinmission ein. Die Pole» seren völlig gleichberechtigte Staatsbürger und köirnten den Schutz ihrer Rechte so gut wie jeder andere verlangen. Das '-Parlament habe aber allen Anlaß an der Derfassung feiner eigenen Grundlage nicht rütteln zu lassen. Die Polenpolitrk der Re- gierrrng habe zur Stärkung des Polentums geführt. Konservative und Nationalliberale wollten Ausnahmegesetze gegen die Polen. Hier hau- dele cs sich wieder um ein Ausnahmegesetz der schlimmsten Art.
Abg. Lrrsensky (natl.): Wir halten die Enteignung für vecfassmlgsrechtlich zulässig; wir werden für die Vorlage stimmen. „ . ,
Abg. v. Dziembowski (Pole) berampst leb- lyoft die ganze Ostmarkenpolitik. Bülow habe vor einigen Jahren gesagt, die Polen vermehrten sich wie die Kaninchen; bei Einführung dieser Vorlage habe er mitgeteilt, daß sich die Teutsciten stärker vermehrten. Ja, wozu denn jetzt noch ent schärftres Gesetz? Er (Dziembowski) könnte es höchstens verstehen, wenn ein Gesetz z:nn Wegschieben der Störche in Posen und fffieitPreußen erlassen würde. (Große Heiterkeit.) Man stelle jetzt den Polen als eine Gefahr für das Vater-
Hotati onsbrud n. Verlag bet Sulbaer Ht« tienbr uterel tn Snlbtt Serrlpre her Nr. b.
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Husnabme bt Sonn« nnb.seiedage. Vierte!» jithrt. vezna» stet« ohne Bringeri'tn nnb BefleagelbtnSM da nutz auswärts 1 Btt. 5 psg-
„Jch finde, daß Du recht nüchtern, recht prosaisch über daS größte Geüeimiiis der Menschen- seele denkstI Und jene Liebe, von der wir träumen, und dir anzutreffen doch nur den wenigsten beschieden ist, jene Liebe, die unser ganzes Sein in Anspruch zu nehmen, zu verwandeln imstande ist, die uns den Himmel stürmen, die uns zu Tode betrübt macht, jene Liebe, von der die Poeten fingen, jenes höchste, heiligste Gefühl, dos selbst dem alle Regungen seines HerzenS kühl unter der Lupe des Verstandes betrachtenden Kritiker die ruhige Ueberlegung zu rauben vermag, wie denkst du über bje?"
„Der eine löscht seinen Durst an dieser, der andere an jener, Quelle, und beide fühlen sich schließlich befriedigt!"
„Darf man fragen, an welcher Quelle Du es xu tun gedenkst?" fragte die Baronin, ihren Nef. fen fast atemlos ansehend.
„Ich?" sagte Lothar träumerisch. „Ich weiß es nicht! Nicht jedem enthüllt sich das ticHtc, beglückendste Geheimnis des Lebens!"
Nun, das muß ich gestehen," entgegnete btc Baronin, ihre Bewegung unter einer fingierten Herbheit verbergend, „Du bist ein sonderbarer Schwärmer. Alles kritisierst Du und kennst Dich selbst nicht!"
„Habe ich Sie gelangweilt oder verletzt, beste Xante?" rief Lothar heiter aus. „O, bann Der- Betben Sie mir! Fußfällig bitte ich darum!"
Er beugte ritterlich das Knie vor der Ueber- rafaitcii und ergriff ihre Hände, ehe sie ihm dre- selben zu entziehen imstande war.
„WaS soll da? bedeuten? Aber so steh' doch ans, ich bitte Dich!" stotterte sie bebend. Ein inegekannfes, seltsames, betäubendes Getiiyl Überkam sie, als sie den schönen Mann so plötzlich
zu ihren Füßen sah. Daß auch ihr Herz fo töricht pochte! Was dos nur bedeuten mochte? „Geh, las; mich! Wenn Fanchette kommt, was wud sie denken?" ächzte sie hervor.
Lothar lachte fröhlich aus. _
„In der Tat, Tantchen, das Ware schrecklich! Offenbar würde sie mich für Ihren Verehrer halten! Also — Sie verzeihen mir?"
„Du sollst aufsteheu!"
„Tantchen, Mutter," bettelte er mutwillig, „erst seien Sie gut, — eher gehorche ich nicht!"
Mil einem unartikulierten Laut des Unwil- lens entzog die Baronin ihm ihre Hände. Infolge der angewaildten Kraftanstrengung ent- glitt ihr aber die Brille und fiel herab. Erregt sprang sie auf, gar nicht mit der bisher so angsi- sich innegehaltenen Bedächtigkeit des Alt 'rs, sondern so schnell, wie ihre Jugend das eben mit sich brachte.
„Abscheulicher!" zürnte sie. „Mich so zu überrumpeln! Sofort hebst Du zur Strafe dafür meine Brille auf!"
Sprachlos vor Staunen aber starrte Lothar in die dunklen, sprühenden Augen der alten Tante. Was war das? Konnte eine Matrone so blicken? Diese kleinen, festen, bebenden Händchen, die er soeben noch in den seinen gehalten, dieses kraftvolle Aufbäumen, dieses schnelle Anf- fpringen, diese Glut in den strahlenden A ugei!» srernen, dieser reizende Schnitt des Gesichts, das jetzt ohne Brille ein ganz anderes Aussehen gewonnen hatte, — wie stimmte das alles zu den achtundsünfzig Jahren dieser seltsamen Fran? Er war so bestürzt, daß er das Aufstehen vergaß und nur immerfort die Baronin anstarrre, dre infolgebcffcn ebenfalls in tödlicher Verlegenheit dasiand und sich vergebens mühte, ihre Fassung wiederzugewinnen.
Zu allem Unglück öffnete m liefern Augen- blick Fanckiette die Tür und sah nicht sobald die sonderbare Szene, als sie hörbar auslichertr.
„Gnädigste befehlen?"
„Ich habe Dich nicht gerufen!" versetzte die
„Tie Gnädige? Meine Tante?" tief Lothar überrascht. „Hören Sie, Fanchette, schwindem Sie mich nicht?"
„Sparen Sie sich dergleichen für meine Gnädige auf!" ward ihm schnippisch zur Antwort und Fanchette machte Miene, das Zimmer zu verlasien. _ ...
„Horen Sie, Kleine," hinderte et sie tedoch daran, „wissen Sie, wie alt meine Tante ift?
„Ach Gott," erwiderte sie kläglich, „die ist sehr all, — da werden wohl an achtzig nicht viel fehlen! Gute Nacht, Herr Offizier!"
Und spöttisch kichernd glitt sie hinaus.
„Mir wird die Geschichte immer rätfeloaf- ter!" dachte Lothar, als er schlafen ging.
5.
Es war am nächsten Morgen. Lothar hatte sich, wie er es als Soldat gewohnt war, frühzeitig erhoben und alsdann einen mehrstündigen Spaziergang durch Garten, Park und Umgegend gemacht. Mit vollen Zügen atmete er die Irische, balsamische Lust ein und betrachtete mit levhaf- bin Interesse das sich rege entwickelnde Treiben auf dem schönsten der deutschen Flusse, ohne doch seine seltsame alte Tante mit den blitzenden dank- len Augen den kleinen Perlenzähnen und dem spöttischen Lächeln um den kleinen roten Mund auch nur eine Minute aus den Gedanken zu verlieren. bis er endlich die Villa umschritt und zu den Fenstern auffchaiite, die nach seiner Meinunz die ihren waren. Nichts war zu sehen, alle Stores waren geschlossen, offenbar schlief |te noch.
„Bin ich das denn?" fragte er sich kovfschnt- tclnd. „Ich, der ich mir aus dem ganzen »etb- lieben Geschlecht nichts mack)e, stehe hier wie ein verliebter Fant und starre zu den Fenstern meiner alten Tante empor! Fehlte nur noch, daß sic mich dabei sieht. Dann muß sie mich trotz ollem in den Verdacht des Erbschleichens be- kommen! Am besten ist's, ich reife heute noch ab!' (Fortsetzung folgt)
Baronin gereizt. „Aber da Du einmal hier bist. ---mein Neffe ist ermüdet, Du magst ihn auf fein Zimmer führen!"
„Wie Gnädigste befehlen!" knickste die mutwillige Fanchette.
Lothar batte sich langst von feinem staunen erholt und war aufgesprungen. Der hochausge- rlebtet dastehenden Tante die Brille überreichend, verbeugte er sich ehrerbietig und sagte nur:
„Ich wünsche Ihnen wohl zu fchlafeu, liebe Tante!" „ . .. „ . .
„Gute Nacht!" erwiderte die Barontn tn einem Tone, bet zwischen Zorn und Verlegenheit die Mitte 'hielt. Als die Tür sich hinter der ritterlidien Gestalt des Neffen geschlossen hatte sank sie auf einen Stuhl und barg ihr Gesicht in den Händen, die Deute widerstreitender, ihr unbegreiflicher Empfindungen.
, Hören Sie, Kleine," sagte Lothar zu der ihn'sortwähreiid mit überwältigender Kvmil an- blinzelnden Zofe, „weshalb lachen Sie eigentlich, sobald Sie mich nur ansehen?" .
„Ei. ich freue mich! versetzte die Kieme schlagfertig.
Darf man fragen, worüber?
'„Daß es dahinten im Polnischen so hübsche und" galante Offiziere gibt!" kicherte FmckMe.
„Dahinten im Polnifchen?" wiederholte, Lothar verwundert. „Glauben Sie etwa, ich sei ein Pole? Wie kommen Sie darauf?"
„Nun. find Sie ehna nicht aus Lands--
Lands---Wie heißt es doch gleich?"
„Vielleicht meinen Sie Landsberg?" versetzte Lothar belustigt. ~ „
„Natürlich meine ich das!" nef Fanchette übermütig. „Und liegt das etwa nicht im Polnischen?" „ . .
„Nein, noch nicht, Fanchette!" lachte der innge Mann. „Das ist vielmehr eine keriideutslw Gegend! Wer hat Ihnen denn diesen Bären auf gebunkert Sie kleine Geographin?"
„Die Gnädige hat's gesagt!" entgegnete die Kleine schmollend.
ÄÄÜ. rood)inM!e6t: „Illustrierte Sonntagrzeitung"
34. ^nhrnann.
Beseitigung der Finanzmisere oder aber Ablehnung der direkten Reichsstenern und fortdauernde Erhöhung der Matrikularbeiträge. Gegen den neuen Entwurf des Börsengesetzes müsse ev schwere Bedenken erheben, die Ausdehnung der Termingeschäfte halte er für verwerflich. Dan - bare Anerkemiung verdienen die Bestreduiigeii der Regierung für Hebung des Mittelstände-, hierher gehöre das Gesetz der Sicherung der Vausorderungen. Eine Reform der Reichsbank an Haupt und Gliedern sei ein unabweisbares Bedürfnis. Von großer Wichtigkeit fei die Frage: „Wann kommt das neue Gesetz? Redner bekämpft in sehr scharfen Worten die Auswüchse ‘m Ab^w^Sftirzhnski (Pole) wendet sich gegen die preußisckie P o l e n p o l i t i k. Die preußische Negierung tut alles, um die Polen von ihrer Scholle zu vertreiben. Dre preußische Polen- Politik steht in striktem Widerspruch zu den Versprechungen, die den Polen bet ihrer Einverleibung gemacht worden sind. Der damalige pr e u ß i s ch e K ö n i g v e r sp r a ch a n s d r i> ck- lich, daß Sprache und Nationalität nicht an getastet werden sollten. E» ist jetzt immer von einer Polengefahr gesprochen worden, aber ein Beweis für diese Behauptung ist niemals angetreten worden. D'.e Polen wol- len weiter nichts, als ihre Sprache, ihre Sitten, ihre Kunst und die Erinnerung an eine tausend- iäbrige Geschichte hochhalten und achten, und das verwehrt man ihnen. Man sieht uns fortwährend für staatfeindlich an und behandelt uns dem- entiprechend. Sind wir denn etwa revolutionär? Nein. Das können uns unsere ärgsten Femde nicht nachsagen. Das polnische Volk ist streng, religiös. Fürst Bülow sollte doch auch bei seiner Polenpolitik bedenken, daß dadurch die Beziehun. gen zum Auslande aufs empfindlichste geschädigt werden Trotz aller Vedrückungsmaßregeln wer- den wir Polen aber nicht davon ablaffcn, unsere Sitten und unsere Sprache zu pflegen. (Beifall bei den Polen.)
Montag: Fortsetzung der Etatsberatung.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 30. November 1906.
Der Gesetzentwurf betr. den Unfallver- sicherungsvertrag mit den Je ie landen wird in dritter Lesung debattelos au- 0SnSS toirb die Etatsberatuns fort- 0efC&. Dr. Wi-mer (fr. Dp.): Wenn wir am 13 Dez. 1906 entschlossen auf die Seite der Re- gierung getreten sind, so geschah es deshalb, weil wir Fr o i, t m a ch e n wollten g e g e n S ch w a rz u n d R o t in einer Frage, in der es sich nm das Ansehen des Deutschen Reiches handelte. (Wider- spruch und große Heiterkeit im Zentrum.) Es hat sich darum gehandelt, die Soldaten nicht: un Stiche zu lassen. (Oho! im Zentrum!) Das Zentrum trägt die Schuld an der ungünstigen Entwicklung unserer Finanzen. Die Schuldenlast ist gewachsen in der Zeit, wo das Zentrum ausschlaggebend war.. Die lex untern ist Schuld an unserer finanziellen Lage. (Gelächter im Zentrum.) Die Mehrausgaben des Etats sind zum großen Teil Folgen ur.ftrer Zoll- ui>d Wirtschaftspolitik. Der neue. Etat ist sehr schlecht; die Ausgaben sind wesentlich gestiegen. Es ist aber noch gar nicht ausgemacht, daß neue Steuern erforderlich sind. Die ungluck- sesigste Steuer ist die Fahrkartensteuer; ^am besten wäre es, man würde sie auf beben, er urbte Heranziehung der 4. Klasse sind wir nicht. Wir sind bereit, an der Besserung der Neichsfrnanzen mitzuwirken; aber der Bundesrat muß sie uns vorlegen Gegen die Monopole sind mir auch auch gegen das Spiritusmonopol. Eine gesunde Rewin: der Branntweinsteuer ist geboten; die Liebesgaben müssen fallen, die Maischbottichsteuer muß ersetzt werden und die Erhebungskosten sind zu ermäßigen. Die Zigarrenbanderolensteuer lehnen wir ab. Wir fordern eine d t re 11 e Steuer für daS Reich. Die Bedenken, welche der Finanzminister gegen eine Reichsvermögenssteuer geltend machte, sind nicht stichhaltig. Wir verlangen, daß entsprechend der Beruhigung in Südwestafrika die Truppen alsbald zurückgezogen werden. Redner bespricht sodanil den Prozeß Moltke-Harden. Die Enthüllungen des Prozesses geben ein wertvolles Material für eine Reform des militärischen Beschwerderechts. Wir erwarten mit aller Bestimmtheit, datz, Ernst gemacht wird mit der Beseitigung des preußischen T r e i k l a s s e n il n r e ch t s und halten an der Meinung fest, daß es nm besten wäre, das ReichS- tagSwahlrecht auf Preußen auszudehnen. (Beifall bei den Freisinnigen.)
Reichskanzler' Fürst Bülow geht auf die Lage der inneren Politik ein. Im Mittelpunkt der inneren Politik steht der Block. Wenn Ironie, scharfe Kritik usw. genügten, den Block zu zertrümmern, dann ständen wir schon längst vor dem Schutthaufen. Die .Taktik der Zentruinspresse ist klar; die will einen Kerl in den Block treiben. Dem Zentrum wird es leicht gemacht, da es konservative und liberale Elemeute umfaßt. Tas Zentrum könnte z. B. versuchen, die. Reform des Börsengesetzes zu verhindern. indem es die Rechte graulich macht, und ihr seine Unterstützilng gegen jede Iveitergehende Revision des Börsengesetzes anbietet. Das Zentrum könnte auch versuchen, mit Hilse der Linken dem Vereinsgesetz eine so radikale Fassung zu geben, daß die Rechte nicht meyr dafür stimmen kann. Der Block befindet sich also in einer schwierigen Soge. Wenn die Mehrheitsparteien
SMaerMZeitung
, „Suldaer GeschlchtrblS ttr"
merken werden, was mit dieser Taktik beabsichtigt wird, so wird das keinen Erfolg haben. 'Bravo 1) Gerade das zeigt, daß es sehr gut möglich ist, Meinungsverschiedenheiten auf wirtschaftlichen, sozialen und politischen Gebieten auszugleickM, wenn nur Zweckbewußtsein und Selbstbeherrschung die Oberhand gewinnen. Das Zentrum bleibt zusammen, weil es sich immer wieder auf her mittleren Linie zusammenfindet, wo einander ursprünglich fernerftebenbe Richtungen in gemeinsamer Arbeit und Betätigung begegnen l'önnen Tie Blockparteien können, tote ich glaube, lange nebeneinander marschieren, toenn ne das- selbe tun. Wenn ich das sage, so verschließe ich mein Ange nicht gegenüber den Gefahren, die dem Block drohen, und gegenüber Schwierig- feiten der Blockpolitik. Gewiß gibt es solche Schwierigkeiten und Gefahren. Sie lasten sich aber überwinden. Diese Schwierigkeiten be- stehen vor allem darin, daß es den Parteien nicht leicht fällt, neue Straßen einzuschlagen und alte Wege zu verlassen, alte Traditionen aufjngeben, namentlich toenn es Traditionen des Streites und des Zankes sind, die uns Deutschen nun einmal besonders teuer sind. (Heiterkeit.) Es kann natürlich nicht die Rede davon fein, daß die Konservativen plötzlich liberal oder die Liberalen über Nacht konservativ toerben sollen. , -'Zurufe bei den Sozialdemokraten: Sie sind es ja schon!) Tie Grundsätze der Parteien dürfen weder von der einen noch von der anderen Seite ignoriert werden. Konservative und liberale Partoian- schaumigen dürfen nicht willkürlich durcheinan- dergemischf und dnrcheinandergeschüttelt irerden. Sa muffen alle solche Fragen zuru ck- ge st eilt werden, (stürmische Aharnse im Zentrum und bei den Sozialdemokraten) b e ’ denen eine Werständigung in absehbarer Zeit nicht möglich erscheint. «Großer Lärm.) Es muß überhaupt vor- sichtiger operiert werden. (Erneuter Lärm? Die Blockpolitik läßt sich auch nickt ohne weitere^ vom Reiche auf Preußen übertragen. (Stürmische Zurufe bei den Sozialdemokraten) Es läßt sich aber in Preußen so regieren, daß bet Block im Reiche nicht gesprengt wird (Lärmende Zurufe der Sozialdemokraten: Wahlrecht!) Es läßt sich im Reiche so Blockpolitik machen daß in Preußen zwischen den Parteien nicht uitüberbrücfbare Gegensätze entstehen. (Tie Sozialdemokrtaen rufen fortwährend in lärmendem Tone: Wahlrecht! Wahlrecht!) Die Blockparteien müssen in den großen Fragen zu- sammenhalten, von denen das Wohl und Wehe des Landes abhängt. Sie können aber in anderen Fragen ihren eigenen Weg gehen. (Lärmende Zurufe und Zustimmung.) Der Block ist nicht so gemeint, daß er auch in untergeordneten Fragen immer einig sein muß. Ich würde es z. B. ganz begreiflich finden, wenn eine Frage, die keine politische ist, die nur eine juristische ist, beim Block nicht in allen Teilen, die gleiche Beurteilung finden würde, z. B. die Haftung des Tierhalters. (Stürmisches Gelächter im Zentrum und bn den Sozialdemokraten.) Wohl aber muß der Block zusammenhalten in Fragen, die für das Wohl des Landes von Bedeutiing sind. Es kommt namentlich darauf an, daß im Block n i ch t G e- gensätze entstehen, die ein weiteres Zusammenleben unmöglich machen würden. In meiner ersten Rede vor dem neugetoä&Iten Reichstage habe ich meine feste Absicht bekundet, sestznhalten an der von mir vertretenen Wirtschaftspolitik, die sich wirtschaftlich und politisch wohl bewährt hat. (Beifall rechts.) Auch Neuerungen halte ich für angezeigt, die von der Lm- ken gewünscht werden 1 Tas Vereinsgesetz
Rechte kann ihm deshalb zustimmen. Das Bör-sweder Einführung direkter Reich^teuern und
senge setz soll eine leistungsfähige B-me schal- sen und will Schäden beseitigen; on dem Verbot des Terminhandels in Getreide halt es fest. Rechts und links kann man dem Entwürfe zu- türmen. Die B eamtenauf besserung soll s,m Reichstag baldmöglichst zugehen, jlebncr kündigt die Einbringung der. bekannten so zia- len Vorlagen (Heimarbeitergesetz, Beimihm- bentaa Arbeitskammern und kleiner Befabi- gungsnachweis). Ich hoffe, daß auch eine Emi- guna über die Reichsfinanzen erzielt wer- den w rd: der heutige Zustand muß uns nut rechter Sorge erfüllen. Die Reform von IM» ac® nicht; neue Steuern sind erforderlich diese Aufgabe ist recht schwierig, aber auch ehr dringlich. Tie Finanzen müßen -lefunde werden; mit Theorieen kommt man hier nicht dilrL Tie Reform des Strafgesetzes ist dringend notwendig, das hat eine Reihe von Prozessen bewiesen. Manche Urteile waren zu hart (Eigentumswegnahme armer Leute),Zander. Urteile waren zu gering (Roberts- und -sfttlich- keitsvergeben, Erpressungen usw.). Manche Fragen im Gerichtssaal waren unangebracht; sie griffen zu tief in das Seelenleben em; da handelt es sich um eine alte Tortur, dre schrecklich ist- Uni das Privatleben muß sich eine Mauer Sieben. Tann findet man die Ueberspannnng der Qcs- fentlichkeiten vor Gericht; die Oesfentlickkeit kann beiten, aber auch verwunden und toten. Da kommt eine Schmutzpresse auf, die vom Skandal lebt Eine ehrenwerte Gegenstroinung macht sich in der anständigen Presie geltend; aber man fragt sich auch, ob nicht ein stärkerer gesetzlicher Schutz geboten ist. England hat kein Duell, aber sehr hohe Bestrafungen der Beleidigung und Verleumdung. Das sind Gedanken eines Laien, der es nur zum Referendar gebracht hat. Ick) habe aber Sorge getragen, daß diese Gedanken geprüft werden. Eine grundlegende Reform eines Strafvollzuges ist geboten, namentlich ge- neuüber Jugendlichen. Ein jugendlicher Verbre- ckier soll nicht zum Gewohnheitsverbrecher wer- den. Die Amtsgerichte sollen in ihrer Zuständigkeit erweitert werden, das Verfahren soll be- schleunigt werden. Die Strafvrozeßreform wird uock) in diesem Jahre im Reichsjustizamte fertig werden. Hier bietet sich ein weites Feld zur Betätigung. Die Mehrbeitsparteien müssen aber Entsagung üben; die Blockpolitik erfordert Rücksicht und Vertrauen; sie erfordert Verzicht auf reaktionäre Wünsche und auf den Asphaltuve- ralismus, der in der Hitze der sozialdeniokratl- scheu Nähr gedeiht. Die Söhne sollen nicht die Fehler der Väter wiederholen. Ein Blick in die romanischen Länder zeigt, wohin die koufervatl- v"n Parteien kämen, wenn sie nicht mit der Zeit gehen. Tie Bahn für den B lock ist fr er; ich habe alles getan, um sie frei zu machen. Xie Regierung hat alles getan, um mit dem Block zu regieren; jetzt müssen die Parteien zeigen,, was sie können. Nur die Verbindung altpreußischer konservativer Tatkraft mit deutschem iveitherzi- gen liberalen Geiste kann die Zukunft ber Station zu einer glücklichen gestalten. (Lebh. Beifall, namentlich auf dem linken Flügel des Blocks.)
Staatssekretär v. Tirpih behandelt die Ent- lassung des Admirals Ahlefeld; Das Ehrengericht hat sich mit der Sache nicht belaßt. Zum Duell kam es nicht. Es ist der Einrenkung durch den Kaiser zu verdanken, daß es zu keinem Konflikt kam. Ablefeld hat um feine Stellung zur Disposition gebeten, weil in der Sache gegen ihn entschieden worden ist. Seine Stellung zur Disposition vollzog sich mit allen Ehren.
Abg. Liebermauu von Sonnenberg (w. Dgg.) ist erfreut, daß di« freisinnige Partei sich für eine Reichsvermögenssteuer ausgesprochen habe. Die ‘ Ent-