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34. Jahraanfl.

Fulda, Samstag den 30. November 1907

M 275.

verantw. Redat em: MU ■

Carl Schütti;

ÄKi. ro<xM»enage: „Illustrierte Zonntagrzeitung

An;riy en. Die ein spaltige Petitzeile oder deren Baum 15 pfg Retlame« die petitzeil« 25 Pfg.; bei Wieder­holungen wird entspr.

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Zeitung

monEN-ge: „Zuldaek Geschichtrblä ter"

Irveites Wüaü.

wochen-kundichau.

Fulda, 30. November 1907.

Während der Kaiser noch zur Kur in England sich aufhält, hat der Reichstag ferne Arbert n begonnen. Es ist eine Session re^anS°^n damit eröffnet worden. Der . Retchsyausymi weist 200 Millionen Mark Defizit auf und 26 Millionen Mark sollen neue Schulden gemacht werden. Das Spiritusmonopol, und die Zigar renbanderolensteuer sollen?er größten Not abhel­fen; ob es aber hierfür eine Mehrheit gibt, steht noch sehr dahin.

Auch das preußischeAbgeordneten- Haus ist in dieser Woche wieder eröffnet worden. Die Thronrede erwähnt mit keinem Wort die Wahlreform und spricht gleich zu Anfang , von einer Verschlechterung der Finanzlage und emem zu erwartenden Fehlbeträge, lieber die Deck' ungsfrage gibt sie nur einige Andeutungen. Wa» an Vorlagen angekündigt wurde, war „bekannt. Von den sonst erwähnten Vorlagen durste die wichtigste die Polenvorlage sein.

Es ist charakteristisch für die gegenwärtige tnnerpolitische Situation, daß dem Reichstag so­wohl wie dem Abgeordnetenhause je ein Aus­nahmegesetz zuging. Im Reich sv er ein s- g e s e tz und in der Polenvorlage ist der Grundton der gleiche: gegen die Polen,, und wenn man die beiden Gesetzentwürfe obieknv priist, muß man sich an den Kopf fassen und fra­gen: ist es möglich, daß solche Gesetzentwürfe überhaupt eingebracht werden können. Der Per- einsgesetzentwurf ist eine Entrechtung aller mcht- deutschsprechenden Staatsbürger, in erster Lime der Polen. Es ist ein alter Erfahrungssatz, datz jedermann, der etwas auf seine Nationalität hält seine Muttersprache liebt. Diese Liebe geht ja soweit, daß es bei uns in Deutschland, gewii; nicht unberechtigt, Bestrebungen gibt, die dahin zielen, jedes Fremdwort, aus der deutschen Sprache auszumerzen. Wir beklagen es, wenn ein Deutscher seine Muttersprache verleugnet. Der Pole ist aus keinem anderen Holz geschnitzt. Die Muttersprache ist ihm teuer und bei einer vernünftigen Politik würde er trotz ihr doch als Deutscher fühlen fernen. Unsere Hakatisten frei­lich wissen's besser. Sie greifen die Pofen dort an, wo sie am verletzbarsten sind und rauben ihnen mit dem neuen Vereinsgesetz die Mutter­sprache, wenn sie in öffentlicher Versammlung sich äußern wollen. Dazu soll dann nun noch die Enteignungsvorlage die Mittel zur wirtschaftlichen Unterdrückung der Pofen geben. Das Zentrum wird für beide Vorlagen nicht zu haben sein. Noch eine Vorlage ist dem Reichstag zugegangen, die besonderes Interesse beanspru­chen darf, weil sie den ersten Fall bietet, wo die Blockpolitik praktisch wird: die Novelle zum Bvrsengeseh. Die Regierung kommt in die­ser Novelle den Liberalen sehr weit entgegen, in- dem sie ihnen die völlige Aufhebung des Termin- handelsverbots in Aktien von Fabriken und Bergwerken bietet und das Verbot des Börsen­terminhandels in Getreide und Mühlenfabrika­ten formell zwar aufrecht erhält, in Wirklichkeit aber aufhebt.

In der Rheinprovinz und auch anderwärts bereitet sich eine Bewegung gegen das Zentrum vor, von der bis jetzt schon verschiedene Lebens­regungen wahrgenommen wurden. Unter dem Namen „Deutsche Vereinigung" hat diese Ge­sellschaft von Zentrumstötern einen Ausruf erlassen, worin sie in allerhand schönen Wendungen als ihr Ziel die Sicherung und

Stärkung der politischen und wirtschaftlichen Machtstellung des Reiches, der Schutz aller Be- enntnisse und die Sicherung ihrer vollen Gleich- berechtigung, die Erhaltung eines lebenskräftigen Mittelstandes, die Bekämpfung der Sozialdemo­kratie unter Fortführung der Sozialpolitik be­zeichnet. Eine politische Vereinigung, so versichert der Aufruf, sei nicht geplant. Zu- älligerweise findet man aber unter dem Auf- ruf gerade die Namen wieder, die vor den fetzten Wahlen als die Häuptlinge der „Nationalkatho- liken" gegen den Zentrumsturm rannten, aller­dings ohne einen anderen Erfolg, als daß sie sich tüchtige Beulen holten. Die Zentrumsparte, wird jedenfalls die Augen offen halten und leben Eingriff in ihren Besitzstand auf das entschie­denste abwehren.

Der badische Landtag ist vom neuen Großherzog durch eine Thronrede feierlich eröff­net worden. Als Präsident wurde „der Zentrums­abgeordnete Fehrenbach gewählt.

In O e st e r r e i ch hat der Katholikentag wie- der einmal die Feinde der Katholiken auf den Plan gerufen. Namentlich das Wort des wacke­ren Wiener Bürgermeisters Lueger: „ „Es gilt für uns die Eroberung der Universität" ist für bie Gegner zum Signal eines Kampfes gewor­ben, ber Formen angenommen hat, die man zwar in dem „gemütlichen" Oesterreich als etwas Ge­wohntes betrachten dürfe, bie aber zimi Teil den Stempel der gröbsten Ungehörigkeit an der «ttrn tragen. In Prag beispielsweise wurden,die ka­tholischen Studentenkorporationen Ferdliiandae und Vandalia von den Gegnern terrorisiert, ge­prügelt, blutig geschlagen und aus ber Universi­tät hinausgedränqt. An ber technischen Hoch- schule verbot man ben katholischen Studenten das Farbentragen. Im Abgeordnetenhause hat bet Unterrichtsminister in Beantwortung einer ^n- telpellation bezüglich der das Hochschulwesen be- treffenden Kundgebung des, letzten Katholiken- tages zugeben müssen, baß bie akabemische Frei­heit nicht selten von denen gefährdet werde, in bereit Interesse sie bestehe. In Wien wurde eine Protestversammlung veranstaltet, bie neues Oe auf bie Flamme ber „gerechten Entrüstung ber Katholikenfeinde gießt, von ber man aber auch erwarten darf, daß sie bie Katholiken Oesterreichs immer mehr aufrütteln wird. Sie haben man­ches Versäumte gut zu machen.

In Portugal ist man einer Verschwörung gegen ben König Carlos auf bie Spur gekom­men. In einem Hause explobierten Bomben, wo­bei zwei Personen, zwei Aerzte, getötet wurden, während eine dritte Person, ein Marineoffizier, ber am Leben blieb, verhaftet wurde. Alle drei Personen waren mit der Anfertigung von Bom­ben beschäftigt, die bei Gelegenheit einer Demon- stration gegen den Thron und bie Regierung am 2. Januar Verwenbunq finden sollten. Die Ver­hältnisse in Portugal haben sich so zugespitzt, baß mait ben Ausbruch der Revolution befürchtet. Tie Regierung ergriff sofort scharfe Gegenmaßregeln, die aber nur geeignet erscheinen, den Rest der Sympathien, die dem Könige entgegengebracht wurden, zu beseitigen. Der König hat auch die jüngsten Reservistenjahrgänge ein berufen. Was er damit bezweckt, weiß man nicht. Ist es doch Tatsache, daß diese mitten aus dein bürgerlichen Leben und ber allgemeinen Volkserregung her- ausgerissen und in die Montur gesteckten Leute noch viel feindseligere Gesinnungen gegen König Carlos und sein Regime hegen als die aktive Mannschaft.

Aus Marokko trafen in den letzten Tagen wieder Nachrichten ein, die darauf hindeuteu, daß das Ende der kriegerischen Ereignisse dort vor der Hand noch nicht abzusehen ist. Zur Zeit ist der Bergstamm der Beni-Snasfen gegen bie Fran­zosen im Vorgehen. Am 24. November fand ein

Am Kirche und Schule.

* Die Einnahmen des Bonifatiusvereins. Das,Bomsatiusblatt' bringt einen Gesamtnach­weis der Einnahmen und Ausgaben des Boni- latiusvereins für das Jahr 1906, dem wir fol-

Wenn diese Nachricht auf Wahrheit beruht, so würde durch sie die Nachricht von einer gefähr­lichen Gärung in Portugal in ein eigentümliches Licht gerückt. Man müßte dann annehmen,,baß ber jugendliche Kronprinz selbst an oer Spitze der gegen seinen Vater gerichteten Fronde stehe. . . , ...

* Ein entscheidender Schritt in der christ­lichen Gewerkschaftsbewegung Italiens. Italien hat neben Frankreich Die schwächste Gewerkschafts, lewegung aufzuweisen. Die Beiträge der ört- ichen Organisationen sind gering und kommen außerdem schlecht ein. Es leiden darunter selbst die wenigen nationalen Verbände sozialistischer Färbung, bei denen die Akademiker in Den leiten- den Stellungen durchaus vorwiegen. Aehnlich ieht es im Lager der christlichen Arbeiter aus. Die christlichen Organisationen sind schwach, laben miserable Kassen und stecken, wie die ozialistischen, vielfach in der Politik. Studenten, Juristen, Geistliche von sozialem Jnteresie, sind neben einer Handvoll Arbeiter an ihrer Leitung beteiligt. Dabei sind cs fast nur örtliche Organisationen. Immerhin ist anzuerkennen, daß brauchbare Ansätze in einzelnen nordilalienischen Städten bestehen. Turin, Mailand, Bergamo haben ihre örtliche „Liga der Arbeit", die jeweilig alle Erwerbszweige umfassen und für jede eine eigene Sektion gebildet haben. Die drei genann. len Ligen kann man auch ruhig als neutrale wirtschaftliche Organisationen ansprechen, während viele der anderen katholischen Organisatiönchen noch um die Jnterkonsessionalität ringen. Als Tatsache ist diese letztere in Norditalien ziemlich erreicht. Daß etwas geschehen muß, liegt auf ber Hand; denn die sozialistischen Verbände be­herrschen das Feld völlig. Wer, so schreibt man Der ,Köln. Volksztg/, die Oktoberwirren tn Mailand mitgemacht hat, weiß, daß die nord- italienische Millionenstadt tagelang unter dem Szepter der einen mailändischen sozialistischen „Kammer der Arbeit" gestanden hat. Sie legte den Verkehr still, sie verbot die Herausgabe von Zeitungen, sie ließ die Läden schließen. WaS war gegen die souveräne Kamera die kleine Liga, Die man kaum kennt. Die Einsicht in diese äußerst üble Lage verbindet sich augenblicklich mit den noch frischen Eindrücken, die der inter« nationale christliche Textilarbeiteikongreß von Zürich (12 -14. August 1907) hinterlassen hat. Es nahmen an Hirn zwei italienische Delegierte teil: Colombo als Vertreter der Mailänder Liga und Galbiati als Vertreter des Volksvereins. Der Kongreß beschloß, 19ü9 in Italien zu tagen, falls die Italiener bis dahin eine christliche Textilarbeitergewerkschast aufbrächten. Infolge bieder Anregung geben sich jetzt die inlereifteren- den Kreise Mühe, die genannte Organisation zu­stande zu bringen. Die beiden Delegierten »er« ■ öffentlichen soeben ein Flugblatt, das von der „Liga der Arbeit" zu Mailand herausgegeben und verbreitet wird, in welchem die NotwenDlg- keit ausgesprochen wird, mit den bisherigen ‘ Methoden zu brechen, zentralisierte Fachverbände mit Arbeitern an der Spitze einzurichten und etne

. exakte Beitragszahlung einzuführen.

Ausland-

• Die französischen Kulturkampf ergehen nun, ' nachdem sie die Kirche öffentlich rechtlos gemacht haben an die Schule heran. Soeben hat ! estre Vorlage betr. die Schule die Prufungskom- Mission der Deputiertenkammer verlaisen. ^n Dem Bericht heißt es u. A-, es müsse verhütet werden, daß der Geist der Kmder a u s g e w l s s e doamatische Formeln sesigelegt werde. Das Dogma ist also wiederum der Feind! Selbstverständlich darf der zunge sran- zösische Staatsbürger alles glauben, er dari sich 'paar Luzifer von seinen Eltern nennen lassen und sich was darauf einbilden (ist schon tatsächlich vorgekommen), aber er muß vor dem kirchl-Äen Dogma geschützt werden! Das Recht, freie schu­len zu gründen, wird in so umfassender Wene ge­währt, nicht nur Privatpersonen, sondern auch Vereinen, sodaß die gehässigen Ausnahmebe- timmitngen für die Geistlichen und ehemaligen Mitglieder der Orden und Kongregationen um so mehr anffallen müssen. Die ehemaligen Kon- qreganisten dürfen erst 10 Jahre n ach ihrem Austritt Aum Unterricht zugelassen werden. Die Geistliwen sind von der Leitung der mittleren Anstalten gänzlich ausgeschlossen. Lehrpersonen, Studienplan, Bücher usw. müssen dem Staat an- gezeigt werden, welcher die Eröffnung einer Schule verbieten kann, wenn das Prograinm et­was gegen die Verfassung oder die Gesetze ent- hält.' Ein einziges den staatlichen Vorschriften nicht entsprechendes Lehrbuch kann die Schließung der Schule herbeiführen. Für die Leiter und Lehrer der Privatschulen werden strenge Vvr- fchristeii tn Vorschlag gebracht. Die Schulinspek- tion soll mit großem Nachdruck gehandhabt wer­den. — Hieraus ist ersichtlich, daß die freien Schulen der Willkür des Staates ausgeliesert werden.

"Tugcndpreis für französische Ordeiisfrauen. Das kulturkämpferische Parlament in ,-sranlreich treibt die Klosterfrauen in Fremde und Elend, die Akademie krönt sie mit Prei­sen Am 21. November erhielten eine Vinzenz- schwefter und eine nach Auslösung ihrer Kongre­gation säkularisierte Dame, Frl. Le Luyer, von der Akademie Franeaise je einen Tugendpreis.

* Krirgsm'lnister Piqunrt über die Lage in Marokko. Die französische Regierung ließ sich am Donnerstag Nachmittag in der Kammer über 'bie Lage in Marokko befragen. Kriegsminister Piguait versicherte, daß die Vorfälle an der al­gerischen Grenze nicht so schlimm seien, wie einige Berichterstatter sie dargestellt haben, und daß" zu Besorgnissen kein Anlaß wäre. Die Militärkräfte in Marokko feien stark genug, um sowohl an der algerischen Grenze, wie auch iir Oiebiet von Casablanca die Interessen Frankreichs zu schützen. General Lyautey habe Vollmacht, gegen die Beni-Siiwsen vorzugehen. Ribot erklärte sich mit dieser Antwort befriebigt, obwohl sie im allgemeinen keinen beson­ders guten Eindruck macht, da einige Unklarheiten vorhanden sind.

'Die Wirre» in Portugal. Wie der Madrider „Liberal" meldet, soll die Verbannung des po c - tugiesischen Kronprinzen nach Villa- viciosa ihren Grund darin haben, daß der Kron­prinz seinen königlichen Vater gebeten habe, seine Politik gründlich zu ändern, oder zu gunsten des Kronprinzen abzudanken. Er fügte hinzu, daß er auf die Unterstützung des Fiihrers einer po- litischen Partei rechne. Der Kronprinz Lud­wig Philipp steht im 21. Lebensjahre. —

Mutiges Sefrtl *

dem Feinde gegen 1200 Tote kostete.

Die alle Hante.

Humoristische Erzählung von Gustav Reh selb 13] (Nachdruck verboten.)

So vertieft war sie in ihren Erwägungen und Betrachtungen, daß sie ihre Strickerei vergaß und die Hände untätig ließ, bis sie seinen Blick ver- wundert aus sich ruhen fühlte. Da machte sie sich, unter der weißen Tünche errötend, flink wieder an ihr Werk und zwar so eifrig, daß der Faden riß. Während sie bemüht war, den Schaden wie­der gut zu machen, überraschte der junge Mann si« plötzlich mit der Frage:

„Sagen Sie doch, liebe Tante, wie alt sind Sie eigentlich? Diese Frage, für jede andere ältere Dame indiskret, scheint es mir in bezug auf Sie nicht zu fein!"

„Und weshalb nicht?" 'V . -

Sie richtete sich gerade auf und" sah ihn scharf an.

„Ei nun, das weiß ich eigentlich selbst nicht!"

Die Baronin lachte kurz auf.

Cie sind mir doch nicht böse wegen meiner Neugier, Hebe Tante?"

».Nein, ich weiß ja, daß die Männer oft neu­gieriger sind als die Frauen. Ich zähle achtund­fünfzig!"

„Nicht möglich!"

„Nicht möglich? Weshalb nicht? Zweifelst Du an der Wahrheit meiner Angabe, hältst mich dielfeichf gar noch für älter?"

Der Ton ihrer Stimme klang bemerkens­wert spitz.

„Aber keineswegs, liebe Tante!" versicherte Lothar. „Im Gegenteil, ich hielt Sie für bedeu- tend jünger!"

..Für jünger?. Du willst schmeicheln, — das hätte ich Dir gar nicht zugetraut!"

„Keineswegs!"

„Nun, dann heraus mit der Sprache, — wes­halb hältst du mich für jünger?"

Sie sah den Offizier erwartungsvoll, nicht ohne etwas Herzklopfen zu verspüren, an.

„Da sind zunächst Ihre Hände! Ich finde daß Sie zarte, schlanke, rosige, gepflegte ginger- eben haben, wie sie ähnlich selten ein junges Mädchen besitzt!"

Die Baronin senkte den Kopf.

„Ich pflege eben meine Hände sehr!" sagte sie, ohne ihn anzusehen.

„Dann Ihr prächtiges Gebiß! Sie müßen vorzügliche Dentisten in Koblenz haben!"

„Ich ein falsches Gebiß?" fuhr die Baronin auf. „Erlaube gütigst, meine Zähne sind echt!"

Sie senkte schnell wieder verlegen das Haupt mit der unförmlichen Haube. Wie dumm das von Ihr war! Hätte sie nicht auf seine Idee eingehen können? Was nun?

„Echt?" rief er lebhaft erstaunt aus. „Wenn Sie mir das nicht jagten, liebe Tante, würde ich es nicht glauben, aber so muß ich es! Das ist ja fabelhaft! Im Alter von achtundfünfzig Jah­ren solche Zähne! Seltsam, höchst seltsam!"

„Was ist da seltsam?" versetzte die Baronin ärgerlich. „Das ist in meiner Familie erblich, — wir bewahren unsere guten Zähne bis ins hohe Alter hinauf!"

„Auch das schelmische, jugendfrische Lächeln um den kleinen roten Mund? Das ist wohl auch erblich in Ihrer Familie?" fragte er kopf­schüttelnd.

Tie Baronin biß sich in die Lippen. Was dieser Neffe für eine unbequeme Beobachtungs­gabe hatte! Daß sie auch das alles verbergen müße, daran hatte sie nicht gedacht! Trotzdem fühlte sie sich geschmeichelt und hätte am liebsten laut aufgelacht! Aber nein, das ging doch nicht an, — sie durste sich ja nicht verraten!

„Was du nicht alles an mir entdeckst!" sagte sie scheinbar unwirsch. „Ich.habe mich eben in manchen Dingen gut konserviert! Das ist doch nichts Außerordentliches! Ich möchte dir aber bemerken, mein lieber Neffe, daß man einer allen Frau von achtundfünfzig Jahren. — denn so alt

bin ich, daran ist leider nichts zu ändern, — keine Komplimente mehr über ihre körperlichen Vor­züge zu machen pflegt!"

„Weshalb nicht?"

„Sehr einfach! Der, welcher ihr Kompli­mente macht, beweist damit, daß er sie für törilit und leichtgläubig hält, für das erstere, weil sie sich das gefallen läßt, für das zweite, indeni er annimmt, daß sie in der Tat die ihr angedichteten Vorzüge besitzt! "

„Tante, Tante," Lothar drohte lächelnd mit dem Finger, „das hätte ich Ihnen nicht auge- traut 1 So bissig, so schroff zu sein! Ich habe gar nicht die Absicht gehabt, Ihnen Komplimente zu machen! Aber trotzdem wäre keine Erwägung in der Welt imstande, mich zu verhindern, etn Ding schön zu finden, wenn es das in der Tat ist, und es offen auszusprechen!"

„Keine Erwägung, sagst Du? Selbst Nicht die Furcht, meinen Unwillen, meinen Zorn her- aufzubeschwören?"

„Auch die nicht, liebe Tante, denn als bet- nünstige Frau können Sie sich weder beleidigt, noch geschmeichelt, noch abgestoßen fühlen, wenn ich einfach konstatiere, daß Sie körperliche Ver­züge besitzen, die für Ihre Jahre erstaunlich sind!"

„Reden kannst Du wie ein Jurist! Willst Tu mir etwa weismachen, daß man, wenn man einer Fran Schmeicheleien sagt, eine andere Absicht da­bei verfolgt als die, ihr zu gefallen?"

„Ich will Ihnen das nicht weismachen, beste Tante, — es ist meine unumstößliche Meinung! So wie man ein Knustwerk, eine Statue, ein Ge­mälde lobt und bewundert, so zeigt man, indem man einer Frau gegenüber Bemerkungen über diesen oder jenen ihrer Vorzüge und Reize macht, daß man genügend Aesthetik besitzt, um dies be­urteilen zu können. Weshalb also sollte eine Frau sich dadurch geschmcthelt oder beleidigt fühlen? Eher mag sie sich freuen, daß man Ge­schmack hat und ehrlich genug ist, der Wahrheit die Ehre zu geben!" _

„Das ist originell! Wie kommt es denn aber.

daß die Mehrzahl der Frauen — ber jüngeren natürlich — an solchen Schmeicheleien hangt und sich oon ihnen beschwatzen läßt?"

„Das ist eben ihr Unrecht! Ueberhaupt bil­den die Frauen sich stets ein, daß man sie liebt, weil sie schön sind. Darin irren siel" .

„Und weshalb liebt man sie denn eigentlich. Deiner Meinung nach?"

„Das ist sehr einfach erklärt: Wir lieben die Frauen, die uns gefallen!"

„Tas glaube ich, Herr Philosoph, aber welche gefallen denn?" _

„Das ist sehr verschieden! Das hangt eben von individuellen Neigungen und Ansichten, ab und deren gibt es so viele, als es eben Indivi­duen gibt!"

„Das verstehe ich nicht!" .

„Sie werden es verstehen, liebe Tante! be­sitzen Sie einen Taubenschlag?".

„Ja!" erwiderte die Baronin und errötete abermals unter ihrer Schminke, ohne zu wissen, aus ivelchem Grunde. __

„Nun wohl, dann werden Sie auch bemerkt haben, daß ein Täuberich sich bisweilen um die Gunst einer Taube bewirbt, die ^bnen vielleicht nichts weniger als schön erscheint, wahrend er die schönere die Sie ihm zur Gefährtin geben woll­ten, mit Schnabelhieben vertreibt!"

„Hm, -.weiter!"

„Der Mensch gleicht häufig dem Tauberich. Ihm gefällt bisweilen aus Gründen, die er mög- licherweise selbst nicht begreift, eine Frau, an der kein anderer etwas Begehrenswertes findet. Und ihm ist sie, die Liebe zu ihr, hingegen ein Be- dürfnis, — ein Bedürfnis, das fein ganzes Sein umfaßt, ein Bedürfnis des Herzens, des Geistes, tote auch der Sinne! Er hat es längst gebaut, dieses Bedürfnis, vielleicht ohne es selbst zu ahnen, — da findet er plötzlich das Wesen, toel- chcs seinem Bedürfnis entspricht, es gefällt ihm, er begehrt seiner von ganzem Herzen und sucht mit aller Kraft, es an sich zu fesseln. Und das ist die Liebel" (Fortsetzung folgt.)