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wochEage: „Nüstriertt Sönntagrzeitung.

Fulda, Freitaa den 29. November 1907

M 274.

(Nachdruck verboten.)

12}

sterte er.

4.

Rach dem Souper war es, als Fanchette aber­mals in Lothar's Zimmer erschien und ihm mit

verschmitztem Lächeln mitteilte, daß die Frau Baronin ihn in ihrem Salon erwarte. Der junge spZann, der die Zwischenzeit damit verbracht hatte, den prächtigen Garten zu betrachten und von der Terrasse herab auf den Rhein zu sehen, — nicht ahnend, daß ihn seine alte Tante mit ihren schwa­chen Augen unablässig beobachtete, folgte gern der an ihn ergangenen Aufforderung. Lag ihm doch daran, diese wunderliche Verwandte näher kennen zu lernen.

Er fand sie im Halbdunkel fitzend und an einem mächtigen Strickzeuge arbeitend. ,- Das letztere hatte die Wirtschafterin der Baronrn her- geben müssen, da diese die nützliche Handarbeit als ein Attribut des Greisenalters für unerläß­lich hielt. Nun war sie beschäftigt, Masche an Masche mit »veit mehr Wurde als Talent anem- anderzureihen.

Der junge Offizier fetzte sich, nachdem er sich vor der alten Dame mit gewohnter Ritterlichkeit verneigt hatte, ihr gegenüber, sodaß das Lickt der Salonlampe voll auf sein schönes Gesicht frei, während das ihre im Schatten blieb.

,Du rauchst doch?" eröffnete sie die Unter­haltung.

»Sonst ja. liebe Tante," entgegnete er, »aber f)icr" — in Anbetracht Deiner schwachen Augen —"

„Bitte, bediene Dich," die Baronin wies auf eine" schwarze, silberverzierte Ebenholzkassette, „ich liebe den Duft einer guten Zigarre, — er erin­nert mich an Deinen verstorbenen Onkel, der ein leidenschaftlicher Raucher warl"

„Run denn, — es gilt also dem Namen des toten Onkels!" lächelte Lothar, wählte eine Zi­garre aus und blies dann mit Kennerblicken den Rauch des vortrefflichen Krautes von sich.

Dann saß er schlveigend da und betrachtete nachdenklich die alte Frau, die ihm höchst sonder- bar vorkam, ohne daß er das Genre der Son­derbarkeit, welches er an ihr fand herausbekom­men konnte. Da rollte die grobe Wolle über

rosige zarte Fingerchen mit kleinen weißen Nä­geln, da sahen unter der blauen Brille eine zier­liche geistreiche Nase und ein rosiger Mund voll herziger kleiner Perlenzähne, umschwebt, von einem versteckten Lächeln, hervor. Und tote die halb durch die Handschuhe verdeckten Fmger vor seinen Augen sich bewegten, hin- und hertanzten, flink, kokett, gar nicht tote die steifen Glieder einer Matrone!

Während er in seine Betrachtungen vertieft war, musterte ihn die Baronin ihrerseits durch ihre Brille und konnte nicht umhin, sich zu ge- stehen, daß dieser Neffe, der ihr heute tote aus dem Monde herabgefallen erschienen, tm Grunde ein sehr hübscher Mann war, ganz anders als ihr bisherigen Verehrer, ein Exemplar des Genus Mann, wie sie es bis jetzt noch nicht kennen ge­lernt balle. Hoch, schlank, breitschultrig mit ver­hältnismäßig schmaler Taille, bot er so recht das Bild eines schneidigen Kavalleristen dar. Sie er­tappte sich plötzlich bei dem Wunsche, ihn tu Uni­form zu sehen. Das blonde Haar war tn der Mitte gescheitelt und leicht gekraust, — krauses Haar, fraufer Sinn, fiel ihr ein, und den hatte er wirklich, wie er ihr bereits bewiesen, das Gesicht kühn geschnitten, offen, mannltch, ener­gisch, — die Augen blau, feurig, scharf die Stirn frei, die Wangen gebräunt, der starke blonde Schnurrbart aufgezwirbelt, der Mund voll tadel­loser Zähne, Hände und Fuße nicht zu klein, trotz- dem zierlich, die Kleidung elegant, ohne stutzer- haft zu fein, — aristokratisch und männlich, mit einem Worte: ein schöner, nicht bloß ein hübscher Wann! Wenn sie dem im vollen Glanze ihrer sieghaften Schönheit und fugend, anstatt im @e- wände des Alters hätte gegenübertreten könnens Aber — er war ja weiberschen! Ob er auch ihr — ihrer Jugend, ihrer Schönheit — widerstehen würde, — ihrem Reichtum? Allerdings, —er wäre kein Erbschleicher ,er spekuliere nicht auf ihr Vermögen, hatte er ihr ungefragt in der unum­wundensten Weise erklärt, der sonderbare Menschs

(SortfeHttna folgt.)

34. Jahrgang.

„Johann ist nicht da, ich werd's besorgen. Gnädigste!" lächelte die Kleine verschmitzt.

„Nun, dann tue es!" sagte die Baronin zö- gernd. t ,

„So nehme ich denn Ihre Gastfretntdschaft an, beste Tante!" sagte Lothar heiter. „Hoffent- lich gereut es Sie nicht! Auf Wiedersehen — heute abend!"

Die alte Dame nickte gnädig, dann sah Lo­thar sich entlassen, ohne daß ihm die Gunst eines Handkufles gewährt worden wäre. Ihm nach erscholl das wütende Gekläff des Mopses und eine helle, jugendliche Stimme:

„Abscheulicher Köter, dich werfe —"

Weiter verstand er nichts. War das die Stimme der allen Tante gewesen? Zweifels­ohne!

„Weshalb lachen Sie, Kleine?" konnte er sich nicht enthalten, die ihn mutwillig von der Seite ansehende Zofe zu fragen.

„Können Sie sich das nicht denken?"

„In der Tat, nein!" erwiderte Lothar er­staunt.

„Nun, ich freue mich, daß wir einen so hüb­schen Neffen haben! Und hier sind Ihre Zimmer, mein Herr! Wenn Sie etwas wünschen, dann , bitte zu klingeln k"

Sprach's, öffnete die Tür und lief kichernd davon.

Kopfschüttelnd sah Lothar der Uebermütigen nach, dann trat er ein und schloß die Tur hinter sich. Die überaus prächtige, stilvolle Einrichtung kaum mit einem Blicke streifend, näherte er sich dem Fenster und schaute gedankenvoll in den Garten.

„Die alle Frau mit den zierlichen Finger­chen und der hellen jugendlichen Stimme, -- die übermütige Zofe dazu, — sonderbarl" flü-

„Darcms wird nichts!" klang es entschieden von den Lippen der Taille zurück „Ich habe ein so großes Haus, und mein Neffe sollte im Hotel logieren! Das wäre noch schöner! Deine Zimmer find schon in Ordnung gebracht. Du wohnst hier! Still, keine Widerrede!" herrschte sie diktatorisch.

„Aber, Tante, ich derangiere Sie!" sagte Lo­thar zögernd.

„Ja. ja, ich weiß," versetzte die Baronin spöt­tisch. , Du willst einer armen allen Frau keine Umstände machen — ist ja sehr lobenswert — aber -ch laste Dich nicht los, — Du bleibst hier! Sei -ckrigens unbesorgt, Du wirst auch hier Deine Freiheit haben. Da ist der Garten, die Terrasse, die eine schöne, ständig wechselnde Aussicht bie­ten im Stall einige Klepper, die eventuell zum Ne.ten taugen, — lach« nicht so spöttisch, sieh sie Tic erst an, — da kannst Du Koblenz und die gonze Umgegend zu Pferde unsicher machen. Ich b>n genüg jam; wenn Du mir am Tage und aoeu^s ein Stündchen Deiner Gesellschaft wid- ■- icft, bin ich gern zufrieden. Leider erlaubt es nein Zustand nicht, daß ich mich draußen ergehe, ' — Du wirst mich also höchstens abend« auf der Lerrasf« sehen. Auch wirst Du die Tagesmahl- jetten allein einnehmen müssen; ich darf nur wenig essen, und meine schwachen Augen erfor­dern gebieterisch ein ewiges Halbdunkel. Aber trotzdem musik Du hierbleiben, — Deine Gesell­schaft ist mir willkommen. Mag gern einmal einen Menschen kennen lernen, der nicht erbschlei- chen will!"

Auf ein Glockenzeichen trat Fanchette herein, ein spitzbübisckleS Lächeln um den vollen Mund.

„Gnädigste befehlen?" fragte sie knicksend. , „Stufe Johann, er soll meinen Neffen auf ' seine Zimmer führen!" befahl die Baronin.

kann man noch ausbauen. Die neuen Steuer- Vorlagen nehmen auf die Bedürfnisse des Er­werbslebens, des Arbeiters und des Steuerzah­lers tunlichst Rücksicht. Ich hoffe aber doch auf eine Verständigung zum Wohle der Reichsfman- zen, da der heutige Zustand des deutschen Reiches nicht würdig ist. (Beifall rechts.)

Staatssekretär v. Tirpitz begründet kurz dre neue Flottenvorlage. Die Lebensdauer der Linienschiffe soll von 25 auf 20 Jahre herab- gesetzt werden. Die älteren Schiffe sollen ausge- chaltet werden, obwohl sie nicht so , schlecht sind, wie sie der Flottenverein hält. Die eigentliche Lebensdauer der Schiffe ist 28-29 Jahre. Ter Reichstag hat sie auf 25 Jahre festgesetzt; der Abg. Dr. Lieber hat sie so beantragt. Es liegt mir fern, das große Verdienst des Abg. Dr. Lie­ber um das erste Flottengesetz zu schmälern. (Hört, hört! im Zentrum.) Er hat die Frage deS Ersatzes im Gesetze vorzüglich gelöst, aber man hat damals die Frage noch nicht so übersehen; es war nicht so geklärt. Nun soll die Sache ge- beffert werden. Dr. Lieber wurde diesen Fleck auf dem Gesetze nicht sitzen lassen, das er mit so viel Liebe und Geschick geschaffen hat. (Heiterkeit links.) ®egenüber anderen Staaten sind wir immer noch an der unteren Grenze geblieben; mit der Bewilligung der neuen Vorlage bewilligt der Reichstag nicht zu viel. Halten, wir am Flottengesetz fest, viele Nationen beneiden uns um dieses.

Abg. Dr. Spahn (Ztr.): ES liegt ein großer Unterschied in der Rede des Herrn Staatssekre­tärs vom 25. Februar und der heutigen. Da­mals äußerte er sich sehr hoffnungsvoll, heule kann auch der schwärzeste, urfter uns die Lage nicht schwärzer malen. Beim ersten Anläufe zur Schuldentilgung hat man verzagt. Durch die Steigerung der Ausgaben haben wir einen Etat von 2% Milliarden, wobei noch Nachtragsetats in Aussicht stehen. Die Matrikularbeilräge be­tragen 124 Millionen. Weiter haben wir An- leihen im Betrage von 260y2 Millionen nötig. Wenn wir heute die Reden hören, die von den Staatssekretären v. Stengel und v. Tirpitz be­züglich der Verdienste unseres Dr. Lieber gehal­ten worden sind, so dürfen wir vom Zentrum diesen Tag rot anstreichen. Hier ist uns unsere nationale Tätigkeit beschei­nigt. Die Einnahmen beziffern sich auf 1561% Millionen, wenn man die Posten beiseite läßt, bei denen die Ausgaben durch Einnahmen gedeckt sind. Ob die Mehreinnahmen nicht zu hoch ange­setzt sind, hat der Staatssekretär selbst bezweifelt. Die Zinsen betragen 148 Millionen Mark, somit also sind 10 Prozent der gesamten Einnahmen des Reiches zur Verzinsung seiner Schuld nötig. Zu einem Ordinarium von 1685% Millionen Ausgaben kommt ein Eftraordinarimn von 265% Millionen, im Ganzen 1973 Millionen Ausgaben. Gerade die Verteidigungszwecke des Vaterlandes verlangen diese großen Opfer von uns. Was Staatssekretär v. Stengel über die Finanz­lage gesagt hat, geht weniger gegen den Reichs­tag als gegen den Bundesrat. Wir haben die Einnahmen immer niedriger zu halten gesucht und gestrebt, Ueberschüsie zu vermeiden. Im Februar noch hat Herr v. Stengel die Finanzre­form als gewaltigen Fortschritt bezeichnet, heute erweist sich, daß sie unzureichend war. Die Aus­gaben werden sich noch um 30—40 Millionen ver- mehren, wenn aus dem Reichsinvalidenfonds die - Summe für die Jnvalidenpension nicht mehr zur . Verfügung steht, sondern aus dem Ordinarium ■ gedeckt werden muß. Im Frühjahr haben wir ■ eine Anleihe von 264% Millionen Mark betoil- ■ ligt. Dieselbe ist noch nicht vollständig auf den - Geldmarkt gekommen, da 134 Millionen noch zu . vergeben sind. Dazu kommen weitere 216 Mil- i lionen. Die Beamtenaufbesserung verlangt wei­

tere 60 Millionen, also haben wir eine Gesamt- anleihe von 360 Millionen Mark zu vergeben. Der Staatssekretär scheut sich mit Recht, durch diese Anleihe einen Druck auf den Geldmarkt auszuüben, besonders in der Zeit der gegenwär­tigen wirtschaftlichen Hochkoniunktur. Die Ein­nahmen aus Zöllen und Steuern sind sehr hoch eingeschätzt. Heber die realen . Ertragnisse dersel­ben wird die Budgetkommission ausführlich zu sprechen haben. Es war mir unbegreiflich, tote man im Laufe des Sommers tn der Presse immer wieder sagen konnte, es seien trotz der großen Steigerung des Bedarfs keine neuen steuern nötig. Wir haben, als wir in diesem Hause zur

Mehrheit" gehörten und dadurch mit die Haupt- Verantwortung für seine Beschlüsse hatten, immer an dem Grundsätze festgehalten, neue Ausgaben nur zu bewilligen, wenn für die Deckung gesorgt war. Wir haben auch nach § 6 des Flottengesetzes daran festgehalten, Lasten nicht auf die Schultern der Minderbemittelten zu legen. Bei diesem Grundsätze bleiben wir bestehen. Unsere Aufgabe kann es nicht sein, nach neuen Steuerguelleii zu suchen wir warten ab, was die Regierung bringt. Ich hätte erwartet, der Staatssekretär würde uns heute schon mit positiven Vorlagen in dieser Hinsicht kommen, er hat es nicht getan, in der Presse sind aber schon solche neue Steuer- quellen zur Sprache gebracht worden. Man hat da von dem Branntweinmonopol ge­brochen. Das Zentrum hat immer gegen Mono- pole Stellung genommen. (Bravo tn der Mitte.) Sie entsprechen nicht dem Charakter des deut­schen Volkes und wegen deS Veamtenheeres, das sie nötig machen, auch nicht den bestehenden Ver- toaltunaefcrmen im Reich. Monopole sind nicht bares Geld, sie fordern auch Entschädigungen; sie decken nicht sofort die Bedürfnisse, sondern erst nach Jahren werden sie einträglich. DieMo - nopole treffen immer die Schultern der Minderbemittelten. . Der Staats- fekretär hat eine Reichs-Einkommen­steuer zurückgewie sen. Wir stehen aus verfassungsrechtlichen und praktischen Gründen auf dem gleichen Standpunkt. Bei.der Gesial- tu-ig direkter Steirern m'-siren die oft cxiit schiedenartigen Erwerbs- und Wirtschaftsverhalt- niffe der Einzelstaaten berücksichtigt werden. Ter Reichstag muß daran festhalten, daß, die geplante Schuldentilgung endlich zur Durchführung konimt Der Etat für die Flotte und der Militaretat fordern wiederum große Summen. Bei Aneig­nung der Erfolge der modernen Technik i)t es zu begrüßen, daß auch die Luftschiffe des Grafen Zeppelin angekauft werden. Man muß auch tm Reichstage der Verdienste dieses Mannes ge­denken. Das deutsche Volk darf sich freuen, daß diese bahnbrechende Erfindung aus seinem Kreise .hervorgegangen ist, und so muß man Zeppelin danken. Die in dem Dankgebet des Kaisers an- erkannte Pazifizierung ist für Südtoestaf- rika wohl eingetreten, die Ausgaben für die Ko­lonien aber sind immer noch recht hoch. Jir LOJah- ren haben sich nur 5500 Deutsche in den Kolonien angesiedelt, einschließlich der Beamten und Mtst fiottare. Mehr als zwei Millionen Deutscher find aber nach Amerika gegangen. Der wirtschaft­liche Erfolg unserer Kolonien ist sehr gering, denn nur 1,02 Prozent der gesamten Ausfuhr des Reiches entfällt auf diese Kolonien. Das Sutoarten hat uns schon recht viel Geld gekostet, es muß in den Kolonialetats sparsamer ge­wirtschaftet werden. Die vom Herrn v. ßntbe- quist versprochene Herabminderung der Schutz­truppe muß erfolgen. Auch Kiautschau, das uns schon 100 Millionen Mark gekostet hat, fordert in diesem Jahre neuerdings 10 Millionen. Eng­lands Verträge machen eine günstige Weiterent­wicklung unserer dortigen Interessen unmöglich. Gerade die Kolonien und Ostasien haben unseren

"'xe alle Tante.

Humoristische Erzählung von Gustav Reh selb

Etat in die vorhandenen Schwierigkeiten gebracht Auf dem Gebiete der auswärtigen Poli« tik ist vor allem die Besserung unserer ®e< ziehungen zu England zu konstatieren. Der Kai­serbesuch in England und die herzliche Aufnahme des Monarchen sowie die bort gehaltenen Reden dürfen dem deutschen Volke ein Gegenstand da Beruhigung und des Dankes fein. Die Besserung unserer Beziehungen zu England kam auf dem Haager Kongresse schon zum Ausdruck. Auf die­sem Kongresse war Deutschland durch Herrn von Marschall vortrefflich vertreten. In der Ma­rokkopolitik hat es den Anschein, als ob dem Kaiserzuge nach Tanger ein Rückzug in der Alge- ciraSafte gefolgt sei. Es scheint, daß man die Dinge dort eben gehen läßt, wie sie gehen. Nach­dem das französische Gelbbuch vorliegt,, muß man dringend wünschen, daß endlich auch direkte Mit­teilungen über unsere auswärtige Politik dem Reichstage vorgelegt werden. (Sehr richtig! tm Zentrum.) Die dahinzielende von uns eilige- reichte Resolution muß endlich angenommen wer- den. (Sehr richtig! im Zentrum.), Die Orien­tierung über die auswärtige Politik muß für jedes Mitglied des Reichstages eine feiner Haupt­aufgaben bilden. (Sehr richtig! beim Zentrum.) Tie'Forderung authentischer Aufschlüsse gilt auch bezüglich Nordamerikas. In Oesterretch-Ungarn sind durch die Wahlen und den geschafsetteii Aus­gleich des Ministeriums Beck°Weckerle bedeutsame Ereignisse eingetreten. Bürgermeister Lueger (Gelächter links), er ist ein tüchtiger Mann, (Sehr richtig! im Zentrum) hat gesagt, feine Partei schätze die deutschen Bundesgenossen. Das muß auch von unserer Seite gelten. Der Tod des Großherzogs von Baden hat uns alle schmerz- lich berührt, der Präsident hat bereits gesagt, daß er das Beileid des Reichstages zum Ausdruck gebracht habe; auch aus dem Reichstage heraus muß dem verewigten Großherzog der Dank zum Ausdruck gebracht werden. In der inneren Politik müssen wir freiheitliche Gesetze haben. (Sehr richtig! beim Zentrum.) Im Auslände glaubt man oft, wie eine Steuerung, die Abg. Hekscher vor einigen Tagen in diesem Hause machte, beweist, wir lebn in Deutschland nicht in ienem Maße der Freiheit, wie es andere Länder haben. Auf dieses Kapital au Ansehen kann das Reich im Auslande nicht verzichten. Auch tm Süden glaubt man freiheitlicher zu leben als im Norden unseres Vaterlandes. (Sehr richtig! beim Zentrum. Oho! rechts.) Ich will nicht em- gebeu auf die Wahlrechtsfrage im preußischen Äbgeordnetnhause, ich bemerke nur: von Karlsruhe bis Wien besteht das all­gemeine Wahlrecht! Die Enteignungs- Vorlage für zwei preußische Provinzen ist nicht für Preußen allein von Bedeutung. (Lebh. Zu­stimmung im Zentrum und bei den Polen.) Die Enteignung berührt das Eigentum, das durch das Bürgerliche Gesetzbuch geschützt ist. (Sehr richtig! bei den Polen.) Ter Staat muß sich hüten vor Ucbergriffen in daS private Recht. Man muß den Schein ver­meiden, als schaffe man Ungleichheiten, tote sie hier für zwei Provinzen gefordert werden. In Süddeutschland besonders, wo man einen tieferen Einblick in die preußischen Verhältnisse nicht hat, erregt das Gesetz den Eindruck des Unrechts. (Sehr richtig! beim Zentrum.) Das Bedürfnic- des Enteignung besteht nicht. (Lebh. Zustimmung beim Zentrum und bei den Polen.) In der na­tionalen Polenbewegung liegt eine Gefahr siir das Reich nicht. Solche nationale, Bewegungen ebben und fluten (Sehr richtig! bei den Polen); sie flauen um so rascher ab, je weniger man ihnen entgegenarbeitet. (Sehr richtig! bei den Polen und im Zentrum) DaS Gesetz liefert nur der sozialdemokratischen Auffassung vom Staate Wasser auf die Mühle. (Beifall.) Das Ver-

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Mstes Matt. --

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 28. November 1907.

Der Antrag des Abg. Dr. Pfeiffer, der Staats- Anwaltschaft die Ermächtigung zu geben, das anmauiwui h t ate Strafverfahren durch- S“SÄ te» M, <3J de! Geschäftsordnungskommission überwiesen.

Es folgt die Generaldebatte znm Etat und Flottengesetz.

Staatssekretär Frhr. v. Stengel: Die erhoff­ten finanziellen Ergebnisse sind nicht annabernb erreicht worden, wir haben fetzt schon eine Min­dereinnahme, die sich in bedenklichem ^mTange noch erhöhen wird. Es muß daher für das lau sende Jahr mit einem n ich tun er h e bl t d) e n Fehlbetrag gerechnet werden. 1907 181 Millionen Mark Schuldenzinsen, 1908 200 Mil­lionen (Hört, hört!) Die Schuldenwirt- s ch a f t ist ein ungesunder Zustand. Die Fahr- ' karten st euer hat auch feit Einführung der

Tarifreform die erwarteten Einnahmen nicht ge­bracht. Wir haben es jetzt nicht mehr mit einem Uebergangsstadium zu tun, sondern wir müssen mit dem jetzigen Zustande als einem dauernden rechnen Es Wird bereits erwogen, ob nicht die Mängel der Steuer durch eine Umgestaltung des Systems zu beheben ist. (Zuruf links: abschaffen l) Bitte sachte! (Heiterkeit.) Die finanziellen Er- gednisse der Postverwaltung haben sich tm Laufe des Rechnungsjahres noch ungünstiger entwickelt als im vorigen Jahre. Was die Ueberweismigs- fteuer anlangt, so wird die Maischbottigsteuer voraussichtlich einen Mehrertrag ergeben, wah­rend die Stempelabgabe mit einem erheblichen Minus abschließt. Wir sind uns bewußt, bei der Aufstellung des Etats den dringenden ©cho- len der Sparsamkeit tunlichst gerecht ge­worden zu sein. Aber es sind auch der Spar­samkeit Grenzen gezogen. Tas gilt vor allem von den Aufwendungen für H e e r und Flotte. Grade hier würde eine zu weit getriebene Spar- 'mikeit die größte Verschwendung sein. Daß wir ft einem Defizit von 124 Millionen abschließen bedauert niemand mehr, wie die verbündeten Re­gierungen. Das chronische Defizit ist bei „ein­gehender Vorarbeit auf 225 Millionen zu schätzen, dagegen sind die Ergebnisse der Reichsfinanz­reform im günstigsten Fall auf 140 bis 150 Mil­lionen zu veranschlagen. Wenn man sich ver­gegenwärtigt, daß Wir alle Jahre einen nach Milliarden zählenden Vermögenszuwachs haben, so muß man sich doch fragen, wie ist es möglich, > daß es trotz alledem nicht gelingen will, den

Haushalt des Reiches aus seinen Finanznöten zu befreien? (Rufe: Weil es zu viel braucht! — Heiterkeit.) Die Erschließung neuer Einnahme!! ist notwendig und dringlich; die Vorarbeiten ' sind soweit gediehen, daß sie dem Bundesrat bem* nächst zugehen werden, lieber den Inhalt kann ich beute nichts sagen, aber das steht fest, daß eine direkte Reicks st euer unter den Vorlagen nicht enthalten ist. (Oho! bet den Nationallibe- calen.) Die Sozialdemokratie hat diese zuerst gefordert; jetzt schließen sich andere Parteien „an. Die Frage der direkten Reichssteuern ist sehr ckwierig. (Sehr richtig! rechts.) Man berufe ich nicht auf die ReichserbschaftSsteuer, denn be­kanntlich stirbt der Mensch in feinem Leben nur einmal. (Große Heiterkeit.) In der Schweiz hat rroit den Kantonen auch die direkten Steuern gelaßen. Die Bundesregierungen stehen einmü­tig auf den Standpunkte der Ablehnung der di­rekten Reichssteuer; nur die indirekten Steuer»