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34. Jahraanq.

Fulda, Donnerstag den 28. November 1907

M 273.

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~ Verlag der Unldaer le»

Ilendr tckerel in Rnlbe.

44 Fernsprecher Nr. 1

Erstes WLcttt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 27. November 1907.

Erste Beratung des VersicherungSvet- i r a g S Der Entwurf regelt das Verhältnis »wischen Versicherer und Versicherungsnehmer in den verschiedenen Versicherungszwcigen. Die be- stehenden Versicherungsverträge unterliegen, falls sie nicht nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes zum ersten Termin gekündigt werden, dem neuen Gesetz. In Verbindung mit der Vorlage wird ein Entwurf beraten, welcher die Seeversicherung betrifft. Nach unwesentlicher Debatte, worin sich alle Redner für eine Kommissionsberatung aus­sprechen, geht die Vorlage an eine Kommission von 21 Mitgliedern.

Erste Beratung des Entwurfs betr. Siche» rungderBauforderungen. — Den Ent­wurf will den Schwindelmanövern entgegentre­ten die vielfach dadurch in Szene gesetzt werden, daß nach dem Verkauf eines Grundstücks an einen Baunternehmer, sobald der Bau bis zu einem gewissen Grade vorgeschritten ist, dieser zur Zwangsversteigerung gebracht,, das Grundstück billig zurückerworben und so die Bauhandwerker ganz oder teilweise um ihre Forderungen geprellt werden. Der Entwurf geht davon aus, daß die Maßregeln, die er zur Sicherung der Bauforde­rungen vorschlägt, nur da zur Anwendung kom­men sollen, wo eine lebhafte Bautätigkeit herrscht, infolge deren Mißstände bereits hervorgetreten oder zu befürchten sind.

Staatssekretär Dr. Rieberdiug: Wir haben in dem Entwurf die lautgewordenen Wünsche be­rücksichtigt. Darum bitten wir Sie, der Vorlage zuzustimmen. Allerdings ist die Waffe, die wir fiebert, eine zweischneidige. Ihre Sache wird es ein, die Gründe, welche für und gegen eine ge­setzliche Regelung sprechen, abzuwägen.

Abg. Dr. Juuck (ntl): Die Vorlage entspricht auf alle Fälle einem Bedürfnis. Wir haben schon 1895 die erste Anregung zu dem Gesetz gegeben. Auf die Selbsthilfe kann man dis Bauhandwerker nicht verweisen, aber vielleicht müssen sie an der Hand des Gesetzes einen gewisien Leidensweg gehen. Das schwerste Bedenken, das man haben kann, ist das, daß unter der Geltung des neuen Gesetzes das Bauen mehr und mehr an die Groß- Unternehmer übergeht, oder daß die Bautätig­keit möglicherweise lahm gelegt wird. Redner beantragt die Verweisung der Vorlage an eine Kommission von 21 Mitgliedern.

Abg. Dr. Mayrr-Kaufbenren (Ztr.): Es ist nicht zutreffend, daß die Nationalkiberalen zuerst die Sache angeschnitten haben; der erste An» t r a g wurde 1893 von dem Z e n t r u m s a b g. Rintelen in der Kommission zur Konkurs­ordnung gestellt; (hörtl) 1891 brachte Lieber­mann von Sonnenberg den ersten Antrag im Reichstage ein (hört!), erst 1898 kam der Antrag Bassermann (hört!). So sagen es die Akten des Reichstages. (Sehr richtig!) Der Battschwindel fordert ungeheure Opfer; er ist etwas zuruckge- gange»; aber man, findet ihn auch auf dem Lande. Dort sind die Opfer noch empfindlicher. Die Handwerker verlieren enorme Summen hier­bei. Das Bedürfnis nach diesem Gesetze besteht fort. Das Zentrum ist mit dem Grundgedanken des Antrags einverstanden. Aber der Schutz muß auch ausgedehnt werden auf die Lieferanten und die Bauarbeiter. Ter Entwurf hat im Einzelnen viele Mängel. Wir hakten es für verfehlt, wenn der Geltungsbereich des Gesetzes durch landes­herrliche Verordnung festgestellt wird; das Ge­setz muß selbst bestimmen, für tvelchc Orte es An­

wendung zu finden hat. Die Einschränkung auf Neubauten gefällt uns nicht; bei Umbauten und Ersatzbauten tritt der Bauschwindel auch sehr zu­tage. Trotz des Schutzes der wohlerworbenen RÄte kann man hier den Handwerkerforderun- gen entgegenkommen. Wir sind Gegner der Be­stimmung, daß durch Hinterlegung von % der Baukosten das ganze Gesetz nicht zur Anwendung kommt; das ist die Hintertüre, um das Gesetz illusorisch zu machen; streicht man nicht diese Be­stimmung, so muß die Hinterlegungssumme er­höht werden. Der Handwerker mutz für alle For- derungen geschützt werden, nicht nur für einen Teil. Die gesunde Bautätigkeit wird durch das Gesetz nicht unterbunden. Die Selbsthilfe der Banhandwerker soll nicht beseitigt werden; aber sie allein genügt auch nicht. Eine Kommisfions- beratung ist unerläßlich. Die Einmütigkeit der Handwerker und Arbeiter wird uns die Arbeit erleichtern, so daß wir einen großen Schritt vor­wärts kommen zur Erhaltung des Handerwerker» und Mittelstandes. (Beifall.)

Abg. Pauli-Potsdam (k.) äußert ebenfalls schwere Bedenken gegen die Bestimmung des Ent­wurfs, wonach durch Stellung einer Kaution die Wirkungen des Gesetzes aufgehoben werden kön­nen.

Abg. Dierksen (Rp.) begrüßt den Gesetzent- Wurf, weil er die Erfüllung jahrelanger Wünsche bringt.

Abg. Kämpf (Fr. Vp.): Wir stehen dem Ent­wurf mit einer gewissen Skepsis gegenüber. Es handelt sich nicht blos darum, die Bauhandwer­ker vor den Schädigungen zu schützen, sondern auch darum, ihnen durch das neue Gesetz nicht eine neue Schädigung zuzufügen. Ob die Vor­lage in dieser Beziehung das richtige getroffen hat, erscheint mir in hohem Grade zweifelhaft.

Nach weiterer Debatte, in welcher sich die ein­zelnen Redner für Kommissionsberatung ausspre­chen, geht die Vorlage an eine Kommission von 21 Mitgliedern.

Donnerstag 1 Uhr: 1. Beratung des Etats.

Preußischer Landtag.

Herrenhaus.

Sitzung vom 27. November.

Auf der Tagesordnung stehen lediglich ge­schäftliche Mitteilungen. — Vizepräsi­dent von Manteuffel teilt die Namen der neu ernannten Mitglieder des Hauses mit. Dem Hanse sind zwei Gesetzentwürfe zugegangen über die Erweiterung der Polizeibezirke Berlin und Potsdam. — Nächste Sitzung unbestimmt.

* Die „neue Mittelschicht". '

Mit dem Anwachsen des industriellen Groß­betriebes hat sich eine neue Schicht geistiger Ar­beiter gebildet, die sich zwischen das besitzende Kapital und die Lohnarbeitermassen hineinschiebt, die Bevölkerungsschicht der kaufmännischen und technischen Angestellten. Die Organisation dieser geistigen Arbeitskraft im Großbetrieb schildert in recht bemerkenswerter Weise ein Auf- satz von Richard Wolter in der Februarnummer der „Sozialistischen Monatshefte", dem ein zwei­ter folgen soll zur Untersuchung der Frage, welche Rolle diese „neue Mittelschicht" in den gewerk­schaftlichen und politischen Kämpfen der Zukunft zu spielen berufen ist.

Während die Sozialdemokratie sich bisher im wesentlichen darauf beschränkte, unter den A r- beiter massen ihre Propaganda zu betreiben und alle nicht zu diesen zählenden Bevölkerungs­schichten als die „eine reakuonäte Masse" betrach­

tete die nach jeder Richtung hin zu bekämpfen sei 'scheint es damit in Zukunft anders, werden zu'sollen. Bebel hat auf dem Esiener soztaldemo- kratischen Parteitag durchblicken lasten, datz die Partei um eine breitere Basis für ihre Aktwn zu gewinnen, sich auch an diese „neue Mittel- schicht" heranmachen müsse. Und alle Anzeichen deuten darauf hin, daß die Sozialdemokratie tn der Tat zu einem Vorstoß nach dieser Richtung hin ausholen will.

Da aber haben dre bürgerlichen Parieren vor der Sozialdemokratie insofern einen Vorsprung, als sie mit gutem Gewißen darauf verweisen können, daß sie die soziale Lage der „neuen Mit- telschicht" zeitig genug erkannt haben und es an Anregungen zu sozialer und rechtlicher Fürsorge an die Gesetzgebung nicht haben fehlen lassen. In erster Linie kann dies das Zentrum von sich sagen, in welchem mehrere Abgeordnete sich der Jnteressenwahrung der „neuen Mittelschicht" als Spezialaufgabe angenommen und dieser ihre Ar­beitskraft und ihren Einfluß in der umfassendsten Weise gewidmet haben. In dieser Beziehung steht die Sozialdemokratie im Hintertreffen! In ihrer einseitigen Klassenpolitik für den Arbeiterstand hat sie es verabsäumt, den sozialen Bedürfnisten der „neuen Mittelschicht" gerecht zu werden.

Aus den Versuchen der Sozialdemokratie, auch bei den Angestellten sich als den einzigen wahren Jakob anzupreisen, möge der Staat für die Zu­kunft erst recht die Lehre ziehen, den technischen und kaufmännischen Angestellten und allen, die sich sonst noch zum Privatbeamtenstande zählen, seine sozialpolitische Fürsorge angedeihen zu las­sen. An der Mitarbeit der bürgerlichen Parteien, in erster Linie des Zentrums, wird es ihm dabei nicht fehlen. Den Angestellten wird es dann zum Bewußtsein kommen, daß es der Sozialdemokra­tie als treibenden Elementes in feiner Weise be­durfte, um die heutige Gesellschaft zur Erfüllung ihrer sozialen Pflichten ihnen gegenüber zu ver- anlasten.

Allerdings wird die Sozialdemokratie es mit der „Werbearbeit" unter den Angehörigen der „neuen Mittelschicht" nicht so leicht haben, wie unter denjenigen des Arbeiterstandes. Sie ge­hören in der überwiegenden Mehrzahl den ur­teilsfähigeren, für Schlagworte nicht so ohne weiteres empfänglichen Schichten fcer Bevölke­rung an. Aber die soziale Not ist hier nicht min­der groß wie dort, wenn nicht den Umständen entsprechend vielfach größer. Daher die doppelte Pflicht zu sozialpolitischen Taten!

Deutscher Reich.

Heber das Befinden des Kaisers wird aus London telegraphrert: Laut Meldungen aus Highcliffe bewirken die gesunden Lüfte Hamp­shires Wunder im Befinden deS Kaisers, der Besuche empfängt und eine vierstündige Auto- mobilfahrt nach Salisbury machte. — Die Ge» rüchtr über ein Kehlkopf- und Ohrenleiden des Kaisers werden von dem offiziösen Wolff'schen Bureau als jeder Begründung entbehrend be­zeichnet. Der Kaiser litt, so behauptet das Bureau, lediglich an einem Katarrh der oberen Luftwege, der jetzt behoben ist.

Der Reichstag beschäftigte sich am Mit- woch mit der Regelung des privaten Verfiche- rungSverlrages, sowie mit der Sicherung der Bauforderungen. Beide Materien waren gute alte Bekannte, die dm Reichstag bereits früher wiederholt beschäftigt haben. Der Versiche­rungsvertrag war in dem aufgelösten Reichs­tag in der Kommission, der der Zenttumsabge- ordnele Wellstein präsidierte, einer so gründlichen

Beratung unterzogen wordm, daß der Bundes­rat es für gut befand, dte Vorlage, welche durch dir Auflösung des Reichstags unter ben Tisch gefallen war, im wesentlichen in der Kommissions­fassung wieder einzubringen. Abgeordneter Well- stein gab seiner freudigen Genugtuung darüber Ausdruck, plädierte aber gleichwohl für neue Kommissionsberatung, da sich in der Mitglied­schaft des Reichstags durch die Wahlen ein starker Wechsel vollzogen habe und von den Interessenten in den Petitionen neue Gesichts­punkte vorgebracht worden seien. Er nahm gleichzeitig Anlaß, die frühere Kommission gegen den bei den Wahlen laut gewordenen Verdacht in Schutz zu nehmen, als ob sie nach politischen Gesichtspunkten gehandelt habe. Das Haus ent­sprach dem Wunsch auf Kommissionsberatung, der allgemein geteilt wurde. Run kam die Sicherung der Bauforderungen! Seit mehr als einem Jahrzehnt hat sie den Reichs- tag beschäftigt. Sie will dem Bauschwindel zuleibe gehen. Wiederholt hat die Regierung Entwürfe veröffentlicht, aber die Kritik war so ungünstig, daß sie erneut an die Materie herantreten mußte. Der jetzige Entwurf scheint im allgemeinen den rechten Weg gefunden zu haben. Es wird ein Bauvermerk eingefübrt. Mit seiner Ein­zeichnung in das Grundbuch erwerben die Bau- gläubiger den Anspruch auf Eintragung einer Hypothek für ihre Bauforderung und die Bau­polizeibehörde darf die Bauerlaubnis nur erteilen, wenn der Bauvermerk eingetragen ist und ent­weder die dem Bauvermerk vorgehenden Be­lastungen den Baustellenwert nicht übersteigen oder tn Höhe des UeberschufseS Sicherheit durch Hinterlegung von Geld oder Wertpapieren geleistet ist. Diese Bestimmung ist gewiß heilsam. Aber daS Gesetz hat eine Masche, denn der Verkäufer einer Baustelle kann sich an der Eintragung eine- Bauvermetks vorbeidrücken, wenn er den vierten Teil der voraussichtlich entstehenden Baukosten durch Hinterlegung sicherstellt. Der Entwurf soll nur für Neubauten gelten. Auch das kann be­denklich erscheinen. Und ferner soll feine Geltung fakultativ sein, d. h. der landesherrlichen Ver­ordnung für solche Gemeinden überladen fein, in denen eine lebhafte Bautätigkeit herrscht. Es scheint nach dem gestrigen Gang der Debatte, als ob in der Kommission diese Bestimmungen den Gegenstand lebhafter Auseinandersetzungen bilden würden. Auf die einzelnen Mängel der Vorlage wies in überzeugender Weise Dr. Mayer vom Zentrum hin.

In die Kommission für Sicherung der Bau­forderungen treten vom Zentrum ein Dr. Mayer, Engelen, Irl, Göhring, Wiedeberg. — Der Kommission für den Versicherungsvertrag gehöre« vom Zentrum an: Wellstem, Schmidt-Warburg, Giesberts, Marcour, Wallendorf und Nacken.

Die Geschäftsdispositionen im Abgeord­netenhause sind vorläufig wie folgt festgesetzt worden: Man hofft die erste Lesung der Polen­vorlage am Samstag, den 30. d. M., also nach zwei Beratungen, zu vollenden. Sie soll als­dann in der Kommission beraten werben, unb man beabsichtigt zur Förderung der Kommissions­arbeiten in der nächstfolgenden Woche drei Tage plenarfrei zu belassen. Am Donnerstag, den 5. Dezember soll die erste Lesung des Quellen- jchutzgesehes auf die Tagesordnung gesetzt werden. Die weiteren Dispositionen müssen von den Kommissionsarbeiten abhängig gemacht werden.

Dis alle Tante.

Humoristische Erzählung von Gustav Reh seid.

11] (Nachdruck verboten.)

„Sie dürfen nicht zu schroff urteilen, Tante Thusnelda!" rief Lothar lebhaft aus. „Ich wünschte, Sie lernten Papa näher kennen! Er ist — mit Stolz kann ich es sagen — ein streng rechtlicher Mann, der nur ferne kleinen Schrick- len hat. Es ist wahr, er vermochte sich seinerzeit für eine Heirat seines Bruders mit einer Bür­gerlichen nicht zu erwärmen, er hat auch wohl den Verschollenen nicht sonderlich vermißt. Nun er- erfahrt er, fein Bruder lebte zuletzt als Millio- ftor am Rhein, er ist gestorben und hat sein gro­ßes Vermögen seiner Frau hinterlassen, die ihrer» serts weder Kinder, noch überhaupt nähere Ver- wandttu besitzt. Was liegt näher, als daß er ber- fudjt, bte reiche Erbschaft zu erstreben, nicht für sich. aber für seine Kinder, die er zärtlich liebt. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, können Sie ihm sein Verfahren nicht so sehr Übelbeuten, er weiß eben den Wert des Geldes zu schätzen l"

--Aud Du nicht," sagte die Baronin spöttisch.

„Ich nutzt," versetzte Lothar lächelnd, „und wie X^axnnt: wir Linder außer meiner ältesten

an‘‘ '"4t! Papa mag zum Teil die dmmn tragen. Er läßt mich in einem x-CI‘' ^'fftpiclipen, exquisiten Gardeoffizier- 9ibt mir einen sehr reich be» hatte bisher alljährlich Mark für mich übrig, wenn ich un5> kü den Rennen aehabt. fable! sorglos und flott dahin-

lUttg und freut sich seines ra^ .q6ci wird es Papa zuviel; wfÄ-St e nT Ausfälle und Verluste ^w. da sieht er gleich schwarz. Er hall es nicht eirckchränken kann, eben-

ln ^wem Linienregiment fllücLlitiy fügten fonnte. Docü tret er fcbT I

Tie Garde ist ihm zu teuer. Gut, so gehe ich zur Linie nach irgend einem Neste, wo es mir leicht sein wird, mit meinem Zuschuß auszukom­men. Ich schaffe meine Rennpferde ab, zahle meine Verbindlichkeiten und lebe hernach glücklich und zufrieden, ohne eine reiche Frau genommen, ohne erbgesthlichen zu haben. Ich bin mit Leib und Seele Soldat; nicht lange, so befördert mich der oberste Kriegsherr zum Rittmeister. Was kann ich mehr verlangen?"

„Tu bist doch der einzige Sohn! Uebernimmst Tw nicht das Gut Deines Vaters?" fragte die Baronin neugierig.

„Hoffentlich noch recht lange nicht!" sagte Lothar kopfschüttelnd. „Papa ist sehr rüstig, feine zwanzig Jahre wirtschaftet er noch, das ist sicher! Und hernach — ist unsere Netteste, mein bester Freund und Kamerad, die Gina, da, — die verwaltet Blankensee für mich, — besser als ich selber es könnte!"

„Wenn sie aber heiratet? Sie kann doch un­möglich zu alt dazu {ein, oder — ist sie nicht hübsch?"

„Sehr hübsch sogar ist sie, die Gina," rief Lothar eifrig, „hoch, schlank, blond, schön, — eine wahre Walküre sage ich Ihnen! Aber heiraten? Nein, das tut Gina nicht! Sie hat einst geliebt, Hans von Schmettau von den zehnten Drago­nern, einen Prachtmenschen; da will es das Un­glück, daß er beim Manöver stürzt und das Genick bricht. Seitdem trauert Gina um ihn und hat sich vorgenommen, nie eines andern Mannes W-ib zu werden. Und ich weiß es, sie hält Wort!"

„Und Deine anderen Schwestern? Erzähle mir auch von ihnen!"

„Nun, da ist die zweite, die Leonie! Wäh­rend Gina unser Hausmütterchen ist, — ernst, still, sinnig, immer tätig, immer in der Wirt­schaft beschäftigt, — zeichnet sie sich durch ihre Ausgelassenhell aus. Sie reitet fährt, schießt, wie nur irgend ein Mann, während jede werb­liche Belchäftiguna ibr ein Greuel ist. Sets hei­

ter, lebendig, quecksilbern, ist sie unter den wilden die wildeste. Necken, einen übermütigen Streich spielen, das ist ihr Element! Eine ganze Gesell- schäft vermag sie mit ihren Tollheiten zu un­terhalten. Wo sie ist, da kommt die Langeweile nicht auf!"

„Ich glaube, das wäre etwas für mich!" sagte die Baronin nachdenklich. „Glaubst Du, daß sie einige Zeit zu mir kommen würde?"

„Weshalb »richt, liebe Tante," versetzte Lothar, von neuem erstaunend, „aber, verzeihen Sie. dürfte sie nicht vielleicht doch zu wild für Sie fein? Sie lieben, wie es für Ihre Jahre natür­lich ist, die Ruhe, die Abgeschiedenheit, — und dazu nun die wilde, unruhige Leonie! Ich glaube. Sie halten es keinen Tag mit ihr aus!"

„Vielleicht doch!" erwiderte die Baronin, einen plötzlichen Heiterkeitsausbruch geschickt durch einen Hnstenanfall verbergend. „Du mußt be­denken, daß das Alter sich gern an der fröhlichen Jugend erj reut I Ich glaube, wir würden sehr gut miteinander auskommen! Doch weiter — deine jüngste Schwester?"

„Das ist Thea, Urtier Nesthäkchen, gegenwärtig in einer Dresdener Pension, — die zweite ver­mehrte und verbesserte Auflage von Leonie, — ebenfalls wild unb, wie man zu sagen pflegt, zu allen Schandtaten bereit. Vielleicht eriveisen Sie uns demnächst, falls «s Ihre Gesundheit gestattet, liebe Tante, die Ehre Ihres Besuches in Blanken­see. Seien Sie versichert, daß wir alle sehr er­freut fein werden und daß Sie keine Ihrer ge- wohnten Bequemlichkeiten vermissen sollen!"

„So?" machte die Baronin spitz. „Und das Erbschleichen?"

„Das besorgt Papa, vor dem ich Sie ja in dieser Beziehung gewarnt habe!" lachte Lothar munter auf. „Wie andern denken nicht daran, das dürfen Sie mir glauben! Doch verzeihen Sie, daß ich meinen erste» Besuch fo ungebübr- lich ausdehne. Ich fürchte, «sie zürnen mir schon!"

Mit diesen Worten erhob er sich. In demsel­ben Augenblick fuhr der Mops, der ihn argwöh­nisch beobachtet halte, mit wütendem Gekläff auf ihn los.

„Hierher, Fidele!" tief die Baronin ärgerlich, ohne daß der Hund sofort gehorchte.

„Ein abscheuliches Vieh!" bemerkte Lothar, den Köter bettachtend. „Ich begreife nicht, Tante, wie Sie daran Gefallen finden können!"

„Er ist vielleicht der einzige, der mir wirklich treu und ergeben ist!" versetzte die Baronin emp­findsam. „Es spricht nicht für Dich, daß er Dir so offen seine Abneigung bezeigt! Du solltest Dich um seine Gunst bewerben, — ich bin aber­gläubisch. Wer meinen Mops lieb hat, der hat auch mich lieb, und umgekehrt!"

„Hahaha!" sachte Lothar ungeniert auf. „Wis­sen Sie, Tante Thusnelda, was ich in der Nacht vor meiner Herreise träumte? Ich hätte Sie in dem einen, Ihren Mops — dessen Existenz mit, nebenbei gesagt, ganz unbekannt war, — in dem andern Arm gehalten und fareffiert! Ist das nicht schon die höhere Erbschleichetei?"

„Du bist mehr als aufrichtig!" bemerkte die Baronin pikiert.

,Hch bin es gewohnt, meine Gedanken stets anszusprechen und nie ein Hehl aus meiner @e» {Innung zu machen!" sagte Lothar offen. „Doch nun leben Sie wohl, verehrte Tante!"

Lothar verneigte sich und bot der alten Dame die Hand, die ihm aber verweigert wurde.

„Du willst wirklich schon gehen?"

- „Allerdings! Ich beabsichttge, mir Koblenz und Ehrenbreitstein anzusehen. Wenn Sie ge­statten, spreche ich morgen noch einmal bei Ihnen vor!"

„Wo willst Du denn logieren?" rief die Ba­ronin erstaunt.

„$n einem Hotel in Koblenz selbstverständ­lich I" versetzte der junge Mann unbefangen.

(Fortsetzung folgt.)