34. Jahraanq.
Fu!da, Dienstag den 26. November 1907
M 271.
Kleines zeuilleton
Jahre 1885 war
wertvolle Schätze zu heben.
mit
bei Point Ganto der Dampfer „Alfons"
verantw. Bebotkut:
Lari Schütte:
I .^par;eL«r in suib«. n)od?^nbcüogc: §onntagS)eitung
Lrfchetnt täglich mit Ausnahme bet Sonn« pnbSeitrtagt. Viertel' iühtt veznasprei, ohne Btingerbbn nnb Befieligelb'inSulbaunb iaurwartr l Bit. 60 Pffl.
An;ei g en. Vie ein fpaltigePetit}«ile ober beten Bann, 15 Pfg. Retlamen ole Petiizrile 25 pfg.; bei wieder- Holungen wirb entfpr« Rabatt aewährt.
zehn Kasten Gold an Bord gesunken: es gelang den Tauchern in sehr großer Tiefe, über 50 Meter, neun von den Kästen zu heben. Bei dem Versuch, auch den zehnten zu bergen, kam der Taucher um. Auch eine deutsche Gesellschaft hat den Versuch gemacht, den zehnten Kasten zu heben, da die Hälfte des Wertes, der 200000 Mark beträgt, der Gesellschaft zufallen sollte. Bis jetzt sind aber alle Versuche vergeblich gewesen. Bei einem anderen gesunkenen Schiffe waren 200000 Mark Goldmünzen an Bord; von diesen, die in einer Tiefe von 54 Meter liegen, hat man einen Teil bergen können; im allgemeinen aber kostet der Versuch, in sehr große Tiefen einzudringen, immer einigen Tauchern das Leben und schädigt ber vielen die Gesundheit ernstlich. Voraussetzung für einen guten Taucher sind vollständig gesundes Herz und gesunde Lungen, die Haupt-
* Tas Zauberwort. Herr Beck (verzweifelt): „Ich habe meiner Frau etwas gesagt, was ihr nicht gefiel, und nun hat sie schon zwei Tage kein Wort mit mir gesprochen." — Herr Fleck (sehr interessiert): „Tatsächlich! Können Sie sich viel- leicht noch erinnern, was Sie ihr da gesagt haben?"
* Moderne Hausfrau. „Warum betrachtest Du denn „Das Stillleben" gar so wehmütig un4 fast gierig?" — „Ach — das sind meine Liebc lingsspeisen. Da sie meine Frau nicht kochen kann, hat sie mir wenigstens alle zu meinem Ge« burtstag gemalt." , t
* Ursache und Wirkung. „Seit wann ist der Baron denn wieder so sehr adelsstolz?" —■ «Test er eine reiche Bürgerliche geheiratet haf. ***
gefahr liegt nickst etwa, wie man denken könnte, in dem gewaltigen Truck, den, man in großen Tiefen ausgesetzt ist, sondern in einer Vergiftung durch Kohlensäure. Eine weitere Gefahr, droht dem Taucher, wenn er schnell aus großer Tiefe an die Oberfläche zurückkehrt; unten nämlich hat sich infolge des großen Druckes in seinem Blut mehr Luft aufgelöst als unter normalen Verhältnissen: bei raschem Emporsteigen geht diese wieder in den gasförmigen Zustand über und kann so den sofortigen Tod herbeiführen.
* Die Zahl brr Juden in der Welt. Nach der offiziellen Statistik des soeben veröffentlichten Jewish Aear Book beträgt die Zahl der über den Erdball zerstreuten Israeliten ungefähr 11081000 Von dieser Ziffer cntfalln auf Europa 8748000, auf Amerika 1556000, auf Afrika 354000, auf Asien 342000 und aus Australien 17000. 5100000 Juden entfallen auf Rußland, 2100000 auf Oester- reich-Ungarn 600000 auf Deutschland, 80000 aus Frankreich, 40000 auf Italien. Die am stärksten von Juden bevölkerten Städte sind: Newyork mit 700000 Inden, Wien mit 130000, Btt in mit 95000 London mit 80000 und Jerusalem mit 30000.
* Eine unhcimliche Geschichte lesen wir in „The Argonaut": Ein nervöser Herr hörte auf seinem einsamen Heimwege das Echo von Schrit- fett hinter sich, und leise Ahnungen von Wegelagerern und Halsabschneidern durchzuckten seilt Gehirn. Je schneller er marschierte, desto mehr beschleunigte der Mann hinter ihm seine Schritte, und obwohl'der nervöse Herr die ungewöhnlichsten Kreuz- und Ouerwege wählte, blieb ihm sein Hin- termann auf den Fersen. Schließlich bog er in einen Kirchhof ein. „Wenn er mir auch hierher folgt," sprach er bei sich, „kann über seine Absichten kein Zweifel mehr bestehen." — Und der Mann folgte ihn, in der Tat, und vor Aufregung und Wut zitternd machte der nervöse Herr Kehrt und trat ihm entgegen. „Was wollen Sie?" fragte er. „Warum folgen Sie mir?" — „Gehen Sie immer in dieser Weise nach Hause?" fragte der Fremde, „oder machen Sie sich heute abend ein Extravergnügen? Ich bin auf dem Wege zu
Herrn Brown, und der Bahnhofsportier sagte mir, ich sollte nur immer hinter Ihnen hergehen, da Sie nebenan wohnten. Entschuldigen Sie meine Frage, aber gehen Sie heute abend überhaupt nach Hause?" „ „ , .
* Ei» gefährlicher Streckenwärter. Aus der Bahnstrecke Born-Wipperfürth sind vor einigen Tagen mehrere Schrauben und Laschen von den Schienen gelöst worden, so daß, falls ein Per- sonenzuz die gefährdete Strecke passiert hätte, schweres Unglück entstanden wäre. Als Täter ist der B a h n w ä r t e r Berns verhaftet worden. Er gestand ein, die Tat vollführt zu haben, um durch Entdeckung des selbstverübten Frevels eine Belohnung zu erhalten.
* Ter „lange Kerl" in der Schaubude. Der ehedetn größte Soldat des preußischen Heeres, der nach Schluß der diesjährigen Herbstmanöver zur Reserve entlassene Gefreite Joseph Schippers, läßt sich seit einigen Tagen im Panoptikum am Spielbudenplatz in Hamburg bewundern. Er mißt 2,30 Meter und überragt somit die bisherigen Soldatcnriesen noch um ein bedeutendes Stück. Eine im Hofstaate des Prinzen Eitel Friedrich angebotene Stelle als Garderobier nahm er nicht an, sondern zog cs vor, seine „Größe* * * im Panoptikum zur Schau zu stellen.
DaS ist kein Kinderspiel und sollte König Karl belehren, daß man ein Volk nicht zum Narren halten darf. Er aber geht mit seinem Volk um, als ob es ein Spielzeug wäre. An Stelle der par- lamentarischen Regierung ist eine Diktatur getreten, und Franco, der Diktator von Könrgs Gnaden hat sich geweigert, die Kammern einzuberufen. Die Kammern sollten verfassungsgemaß am 2. Januar zusammentreten und der Führer der geeinten Progressisten, Vilhone, hat angekun« digt, daß die Tagung stattfinden müsse, anbenv falls eine Revolution ausbrechen werde. Dresi Drohung hat aber bei der absolutistischen Negierung nicht verfangen rind an eine Einberufung des Parlaments wird noch immer nicht gedacht. Der König plant eine Reise nach Brasilien u. wird in aller Gemütsruhe im nächsten Frühjahr mit der Königin dahin abreisen. Alle Vorbereitungen werden bereits getroffen und mancher Politiker des unruhigen Landes fragt dabei, ob Wohl das Königspaar wieder nach Portugal zurückkommt. Ter Sturz der Monarchie wird vielfach für unvermeidlich gehalten.
Wie der genaue Stand der Dinge gegenwärtig in Portugal ist, läßt sich sehr schwer oder gar nicht feststellcn. Aus Lissabon gehen gar keine oder nur vom Zensor genehmigte Depeschen ein — die Nachrichten aber, die auf Umwegeri nach Madrid und Paris gelangt sind, klingen u n- gemein e r n fr. Nach Madrider Berichten sin» alle Reservisten einberufen. Die Unterdrückung der Zeitungen dauert fort. Auch in Parisern Blättern wird die Lage in Portugal als höchst bedenklich geschildert. Ein früherer pvrtw giesischer Minister, der aus Lissabon in Parts em- traf, erklärte einem Redakteur des „Gil Blas", daß eine Revol-ution unmittelbar bevorstehe. Das" Volk sei erbittert gegen den König und seinen Günstling Franco. Die Tatsache, daß der König den K r o n p r i n z i n A r - re st gesteckt, weil er von dem Vater eine Aender- ung der unheilvollen Politik verlangte, errege ungeheueres Aufsehen, sei aber schließlich nur ein Beweis mehr für die ungeheuere Brutalität, mit der man alle freiheitlichen Bestrebungen zu unterdrücken suche. Tie Hauptschuld an diesen Vorgängen trage Franco. Der König werde nur durch einen falschen Stolz davon zurück- gehalten, seinen Günstling fallen zu lassem Di- wirtschaftliche und politische Lage des Lande- könne unmöglich fo fsrtbauern. Kviilg i v » «, wenn er sich der Armee sicher glaube. Trotz der Erhöhung des Soldes durch Franco sei die Mehrzahl der Offiziere gegen die Regierung. Auch die höchsten Spitzen der Ge;ell- schaft, die früher als Stützen des Hanfes Bra- ganza galten, begännen zu wanken. Zwei Senatoren und Pairs hätten sich offen zur revolutionären Partei erklärt. Der frühere Lehrer der königlichen Prinzen, der ehemalige Finanzminister Jose de Cunha und einer der geachtetsten Vertreter' des alten Adels, Brancano Freite, hätten die Regierung Francos als unwürdig bezeichnet; ihrem Uebergang zur liberalen Richtung würden alle ernsthaften Männer folgen, denen die Zukunft Portugals am Herzen liege. . In dem Führer der aittigouvernementalen Partei Alpoim, einem Manne von glühender Tatkraft, sehe man den Präsidenten der kommendeit Republik.
Amtlich Werdeti von Lissabon aus Beruhigungsmeldungen verschickt, sie werden schwerlich überall Glauben finden. Daß ungeheuere Aufregung in Portugal herrscht, läßt sich nicht wegleugnen.
■ Kotationsörud W r Verlag ber Sulbaer tlenbr itterel in Stilb«, " 8entsprechet Br. 9.
I durchbohrte Ober- und Unterlippe ein Holzpflock gesteckt, der allmählich immer dicker gewählt wird. Dadurch wird die Oeffnung in den Lippen mit der Zeit derartig erweitert, daß schließlich bei den Schönsten die Scknile eines getrockneten Kürbis von Talergrötze Aufnahme darin finden kann. Stecken nun die Schalen in den Lippen, so stehen diese natürlich schnabelartig vor. Ganz toll sieht es aber aus, wenn die Kürbisse oder Hölzer ent- fenit siird, denn dann fallen natürlich die Lip- penränber lappcnartig herab, und ich habe Ulster- lippen gesehen, die bis unter das Kinn reichten. Na, nichts für ungut, andere Länder, andere Sitten, und über den Geschmack kann man nicht streiten.
♦ Wie tief bringt ber Mensch in den Ozcan ein? Die Ansicht, daß der Mensch mit dem Fortschritt der Technik auch immer tiefer in das Meer werde eintauchen können, ist irrig, denn die Natur des menschlichen Körpers setzt dem Tauchen eine Grenze, so daß uns gewissermaßen nur die Haut des Ozeans zugänglich ist. Im allgemeinen dürfte eine Tiefe von 40 Meter schon als recht erhebliche Leistung gelten; oft aber ist sie überschritten worden, wenn cs sich darum handelte,
Die katholischen Studentenkorporationen haben nicht den mindesten Grund zu einer Konzession nach irgendwelcher Seite hm. Sie können ruhig bleiben, wie sie sind. Niemand hat das Recht, sie anzutastcn. Soweit sind toir noch lange nicht, daß auf deutschen Uniber itaten nur solche Studenten studieren dürfen, welche auf dem Boden einer liberalen, einer unkirchlichen, einer un- christlichen oder gar einer völlig gottlosen Weltan- schaumig stehen. Wenn denen, die auf dem Grunde der christlichen, insbesondere der katholisckien Weltanschauung stehen, ber Boden an den deutschen Hochschulen bestritten wird, so sollen sie nur herzhaft ihre Ellenbogen brauchen und ruhig aushalten, bis Verstand und Vernunft, Gerechtlg- keitsgefühl und Billigkeit wieder soweit sich geltend machen, daß die Hetze aufhort :und die frühere ruhige Beurteilung der tatsächlichen Verhältnisse wieder Platz greift.
Wenn wir stand halten ttt der ruhigen, einmütigen, ausdauernden Vertretung unseres Haren Rechts, ohne uns in Heftigkeit oder m Nachlauferei etwas zu vergeben, dann wer- den immer mehr von den vernünftigeren und gerechteren Elementen aus den andern Bekennt- Slfen an unsere Seite treten.
tt Aus Portugal.
Die Portugiesen lieben ihren König nicht. Man kann sich darüber nicht wundern, denn so groß König Karl an Leibesumfang ist so klein ist er an Negententugenden. Er ist ebenso dick wie eigensiniiiq. ebenso eigensinnig wie despotisch. Alles Eigenschaften, die einem Volke bet seinem König nickt behagen.
Wenn die Vclksbertretung nicht nach dem Sinne des Königs ist, regiert man einfach ohne sie. Das ist aller Brauch. Und König Karol hat ihn reichlich angewendet. Die Cortes waren liberal, et reaktionär. Was war da einfacher, als daß man die Herrschaften nach Hause schickte? Genau so macht es allemal der Zar. Und warum soll sich König Karl sich das nicht auch gestattcn?
Das Volk hat nichts zu sagen. Es soll den M—und halten. Deshalb ist es Volk. Der Kö- nig ist absolut. Was er tut, ist Gesetz. Das Volk hat sich nach ihm zu richten. Und was es wünscht und ersehnt, was schert das den König!
So dachten die Fürsten auch anderwärts noch im vorigen Jahrhundert. Aber König.Karl vergißt. daß heute nicht mehr alles wie vor hundert Jahren ist, daß die Zeiten sich geändert haben und mit ihnen die Ansichten, daß ein Volk heute, iSenn es will, seinen König zwingen kann, daß die Revolution dann am lautesten an die Tore des Palastes pocht, wenn der König sich am herrlichsten zu fein dünkt, daß Dynamit und Bomben dann sprechen, Wenn der Fürst sich die Ohren fest verschlossen hat.
Kürzlich erfolgte in einer Straße der Hauptstadt eine B o m b e n e x p l o s i o n, bei der zwei Personen getötet und eine Person verwundet wurde. Verfertiger der Bombe waren ein Arzt, ein Elektriker und ein Marineoffizier. Tie Bombe war für bas königliche Theater San Carlo bestimmt. Die beiden ums Leben gelommeneu Personen waren zwei hochangesehene Aerzie namens Dr. Cabara Pestana und Dr. Gonsalves Lopez. Daß biese beiden ihren Tod bei einem derartigen Unternehmen fanden, zeigt, wieweit die (Stegner der Regierung zu gehen entschlossen sind, um die Diktatur zu stürzen. Der verhaftete ü^rschwörcr ist ein Offizier ber Flotte! Ein ganzes Lager fertiger Bomben wurde gefunden.
Dic „Schnabclfranen". Auf seinen Wanderungen durch ben berühmten „Caprivi-Zipfel", von dem jetzt wieder die Rede war, hat Hans Dominik bei den Tubnri eine höchst seltsame Art der KörperverschLnerung an den eingeborenen Frauen beobachtet, die er mit gutem Humor in seinem jüngst erschienenen Werke „Vom Atlantik zum Tsck-adsee" schildert. Während die Expedition in Buru lagerte, kam plötzlich ber Sergeant Fischer in sein Zelt gestürzt, um ihm etlvas Merkwürdiges zu zeigen. „Der Anblick, der sich mir bot", erzählt Dominik weiter, „war auch wirklich lohnend. Die Weiber hatten nämlich statt des Mundes einen regelrechten Schnabel. Ich traute meinen Augen kaum und hielt die Erscheinung für einen bösen Spuk. Bei meinen naturwissenschaftlichen Studien einst auf dem Gymnasium in Schwedt hatte ich wohl von dem Vorhandensein des Schnabeltieres mit Interesse Kenntnis genommen, aber von einer „Schnabelfrau" hatte ich noch nie singen und sagen hören. Ich sah diese Grazien groß und klein in der folgenden Zeit in solchen Mengen, daß ich mich lebhaft mit der Lö- fintg ber Frage beschäftigte, auf welchen Sinn des liebenden Mannes diese künstliche körperliche Verzierung wohl einwirken möge. Daß der Gesichts- sinn durch den schönen Schnabel angenehm angeregt werden sollte, kann ich mir nicht recht vor- slellen. Aiich meine ich nicht, daß das Klappern beim Lprcchen das Gehör der Männer besonders wohltuend' berührt. Ich glaube also, daß die ver- •(angenb entgegen geftrerfte Lippe auf das Gefühl EU Jünglinge und Gatten anregend wirkt. Ein Kuß von diesem Kaliber muß allerdings von verblüffender Wirkung sein ... Be- trachtet man nun eine dieser Schnabelfrauen Ar-so kann mau -fich von der ganzen klassischen Schönheit ihres Gesichtsschmuckes erst dann einen llegrtff machen, wenn man weiß, wie er entsinn- den ilt. Ten kleinen Mädchen wird durch die
1. öffentlich erklären, daß sie auf nationalem Boden stehen — was zu bezweifeln eine grobe Beleidigung ist;
2. öffentlich erklären, daß sie „ultramon- tauen Bestrebungen fernstehen" — wobei kein Mensch weiß, was die Fragesteller unter solchen Bestrebungen eigentlich verstehen und verstanden wissen wollen;
3. sollen sie „katholischen konfessio- nellen Verbänden nicht angehören, eine Forderung, die geradezu ein Ausnahmegesetz gegen die Vereinssreiheit der Katholiken bedeutet; und
4. sollen sie auch „an deren, ber ultramon- tanen Partei nahestehenden Organisationen" nicht angehören.
Man weiß nicht recht, soll man weinen über diese Gehässigkeit oder soll man in ein Gelächter ausbrechen über die tolle Anmaßung von jungeii Leuten, die noch die Lernhosen anhaben und sich besser hinter ihre Bücher setzen und studieren sollten. Es ist früher schon spöttisch gefragt worden, ob die katholischen Studenten nicht auch erklären sollten, daß sie iwch keine silbernen Löffel gestohlen hätten. Das scheint nicht genügt zu haben. Die „Köln. Dolksztg." führt daher diesen Gesichtspunkt weiter aus. Sie schreibt:
Was würde man dazu sagen, wenn in einem medizinischen Verein eine Clique von anderen ehrenwerten Medizinern die Erklärung verlangen wollte, daß sie bei ihren Krankenbesuchen noch keine Testamente unterschlagen hätten, widrigenfalls sie auf dem Boden des Vereins nicht mit ihnen verkehren könnten? Was würde man von einem Philologen sagen, der feinen Kollegen auf dem Schulhof nicht grüßen wollte, wenn dieser nicht vorher öffentlich erklärt, daß er noch keinen feiner Schüler ermordet habe? Was würde man von einem Rechtsanwalt sagen, welcher vor Gericht nicht mit einem anderen Rechtsanwalt verhandeln wollte, wenn dieser nicht vorher öffentlich erklärt, daß er noch keinen Meineid geschworen oder sonst noch nicht im Zuchthaus gesessen habe? Was würde man von einem Offizier sagen, der sich im Kasino nicht neben einen Kameraden sehen wollte, wenn dieser nicht öffentlich erklärt, daß er noch nie- mals vor dem Feind die Waffen fortgeworfen habe und geflohen sei? Im ganzen übrigen Leben würde man eine solche Zumutung als eine bodenlose Unverschämtheit zurückweisen. Die liberalen und katholikenfresserischen Studenten aber glauben, sie sich ihren katholischen Kommilitonen gegenüber leisten zu dürfen.
Wer nicht beide Augen krampfhaft zumacht, der kann jetzt deutlich sehen ,baß ber Kampf sich nicht, wie die Heuchler stets sagen, gegen ultra- montane Politik, sondern gegen ben katholischen Glauben richtet (bergt namentlich die dritte Forberung), und daß auch bas iveiteste Entgegenkommen ber katholischen Studenten nichts helfen kann, da die Gegner offensichtlich unerfüllbare Bedingungen stellen, um eine Verständigung unmöglich zu machen.
Die Gegner habe» sich aufs neue ins offenbare Unrecht gesetzt; bas wird auf die Dauer ber geregten Sache zum Vorteil gereichen. Aber wir dürfen uns nicht verhehlen, daß der Kampf noch sehr scharf und andauernd fein wird. Es ist sogar nicht ausgeschlossen, daß die rohe Gewalt, der Prügelkomment nach dem Muster-von Jung-Oesterreich, auch bei uns noch in Schwung kommt. Also Festigkeit, Eintracht und Geduld ist auch bei uns notwendig. Deshalb ist unsere Teilnahme an ben Bestrebungen der österreichischen Glaubensgenossen besonders lebhaft. DaS Ziel ist hüben und drüben das gleiche: wir müssen und wollen die Gleichberechtigung.haben für die katholisckien Studenten.
ä Der Kulturtampf an den hoch- schulen.
Gegen die Vergewaltigung der ka- tbo lisch en Studenten auf den osterreicht- fdjen Hochschulen hat bekanntlich ber Bürgermeister von Wien, Dr. Lu e g e r auf bem österreichischen Katholikentag ein kräftiges Wort gesprochen. Natürlich haben liberale Professoren unter Führung einer liberalen Rebaktion sofort ben üblichen Alarmruf wegen angeblicher „Bebrohung bet Wissenschaft unb der Freiheit" erhoben. Dr. Lue- ger hat biese Heuchelei trefflich beleuchtet, burch die schon mitgeteilte Erklärung, er habe über bte freie Forschung und die voraussetzungslose Wissenschaft gar« nicht gesprochen, wohl aber von ben Skandalszenen, deren Schauplatz die deutschen Universitäten in Oesterreich gewesen sind. Er glaube, daß das Prügeln keine „voraussetzungslose Wisienschaft" sei, und baß es auch nicht zur freien Forschung gehöre, wenn man einem andern ein Loch in ben Kopf schlägt ober wenn man Fensterscheiben einwirft. Mit bitterer Ironie spricht er bie Hoffnung aus, daß bie Professoren ihre Energie dazu verwenden würben, um bie akademische Freiheit vor rohen Gewalttaten zu schützen.
Da liegt ber Hase im Pfeffer: Die liberalen Studenten, bie mittels des Knotenstockes ihre „Kultur" verbreiten wollen, sind sich der Nachsicht ober gar ber Begünstigung seitens ber liberalen Professoren bewußt. Nicht ein ober zweimal, fonbern fortwährenb werden Gewalttaten gegen bie katholischen Studenten gemeldet, aus Graz, aus Prag, aus Wien, ja sogar in Innsbruck ist schon ein Versuch mit bem Terrorismus ber Faust unb des Stockes gemacht worden. Der Lolzkomment ist zum liberalen System erhoben worden unb bie berufenen Hüter der Würbe ber Hochschulen lassen bie Roheit gewähren.
Was die österreichischen Katholiken für ihre studierenden Söhne „erobern" wollen, das ist die Freiheit des Glaubensbekenn tu iseS, die G l e i ch b e r e ch t i g it n g ber gläubigen Studenten mit den anders denkenden Hochschülern. Es ist derselbe Kampf um Freiheit unb Gleichberechtigung, ben auch die katholischen Studentenkorporationen an ben Hochschulen in Deutschland seit einigen Jahren mit Zähigkeit unb Gebuld zu bestehen haben. Wenn auch der gewalttätige Vandalismus von Jena keine Schule gemacht hat, so wird dafür ber antikatholische , Kulturkampf" hierzulande um so hinterlistiger unb hartnäckiger durch ben Ausschluß bet katholischen Korporationen bett teb en.
Eine Zeitlang schien es, als ob der Streit durch ein weites (stellenweise vielleicht zu weites) Entgegenkommen ber katholischen Studenten seinem Ende ziigeführt werden sollte; aber ber neueste Beschluß des sog. Verbandes deutscher Hochschulen von Eisenach vernichtet wieder bie ganzen Ansätze zur Versöhnung. Es ist staunenswert, was diese grünen Kulturkämpfer von ihren katholischen Kommilitonen zu verlangen sich erdreisten. Um der Gnade der Aufnahme in den sog. Verband würdig zu werden, sollen die katholischen Korporationen
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